chronologs Einfalt Größe

Das Vaterland der Korruption

24. November 2009, 10:22

Mir ist übel. Diesmal nicht vom Lesen der Kommentarspalten, sondern ich fühle mich tatsächlich krank. Statt aber einen Arzt aufzusuchen, schleppe ich mich erst einmal zu meinem Tankwart. Nicht, weil der neben Autos auch Menschen heile machen kann, wie er behauptet. Auch nicht, weil meine Wahlheimat Griechenland in puncto medizinischer Versorgung eine Wüste ist. Es gibt Praxen zuhauf, in denen ich sofort behandelt werde, wenn ich viel und bar bezahle. Ich bin im aber im Land krankenversichert - und genau das ist der Knackpunkt. (weiter)

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Hie Sommernachtstraum, da Sommernachtsalptraum

20. August 2009, 13:14

Sommer in Griechenland ist immer Theater. Nicht nur Theaterdonner allenthalben in den Kommentarspalten, sondern tatsächlich Theater. Großes Theater im großen Theater von Epidauros, das in der Antike Behandlungsgroßraum einer besonderen Heilstätte war. Als Chefarzt agierte damals ein gewisser Asklepios - lateinisch  Äskulap - auf den heute noch alle Mediziner schwören. Diesem Gott in Weiß verdanken wir ein Heilungskonzept, das heute als ganzheitlich bezeichnet wird. Der Mensch wird nur dann krank, wenn seine Seele leidet, glaubte die Ärzteschaft im Krankenhaus, sprich Krankentempel von Epidauros. Also galt es in erster Linie, die Seele zu therapieren und dafür setzten sie das Theater ein. Große Tragödien ließen das eigene Leid klein erscheinen, über Komödien lachte man sich gesund.
Theater war Heilmittel für die alten Griechen, kurierte vor allem die Seelenleiden. (weiter)

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Lieber Kosta, lieber Panos,

22. Juni 2009, 19:19

Da hat es mir doch glatt den Blog verschlagen. Istanbul als eine „von Türken durchseuchte Stadt“ zu bezeichnen, hört man nicht einmal in den urgriechischen Kafeneions, wo mann naturgemäß andere Wirklichkeiten herbeischwadroniert, sich beim kleinen Mokka an alter Größe berauscht. Selbst mein Tankwart im Athener Stadtteil Nea Smyrni, dessen Großeltern aus dem alten Smyrna vertrieben wurden, sieht da die Türkei, die Vergangenheit differenzierter. (weiter)

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Die (un)heimliche Hauptstadt

29. Januar 2009, 10:42

Ich muss nach Istanbul reisen. Von Athen aus gar nicht so einfach, obwohl das Reiseziel nur eine Flugstunde entfernt liegt. Auf der Anzeigentafel des Athener Flughafens, vorgeblich ein internationaler, sucht man Istanbul vergebens. Und so stampeden denn auch Herden von Japanern und Amerikanern an den Check-ins entlang, auf der Suche nach ihrem Flug nach Istanbul. Auch die sonst so netten Damen an der Information stellen sich tumb, wenn das Reizwort fällt: "Sorry, we do not know that Ista.. , how did you say?"

Der Reisende, der in Athen das Zauberwort nicht kennt, kommt da nicht weiter, kommt nur nach Istanbul, wenn ihn ein alles verzeihender Grieche draufstößt oder er sich selbst auf den ehemaligen Namen der Stadt besinnt: Konstantinopel, auf griechisch Konstantinoupoli. Flüge in die Stadt des Konstantins werden von der griechischen wie der türkischen Airline angeboten. Beide starten verboten früh oder verboten spät in die griechische Lieblingsstadt im Feindesland. Nach einem Vorfall, besser Rückfall, kürzlich bei Olympic Airways buche ich nun lieber bei Turkish Airlines. (weiter)

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Durchsichtiges Museum, durchsichtiges Manöver

19. Dezember 2008, 17:48

Athen hat ein neues Museum. Das Akropolis-Museum ist von der Akropolis in einen Wahnsinnsbau unterhalb des Parthenons umgezogen, der wieder einmal die Frage aufwirft, warum man für archäologische Museen nur hyperfuturistische Architektur als passend erachtet. Von Athens Tempelberg aus besehen, mutet das neue Domizil für die Altertümer wie ein Flugzeugträger an, der durch die Altstadt pflügt. Baustil wie Bauplatz haben zu erregten Diskussionen geführt, die während der langen Bauzeit nicht abebbten, sondern von Tag zu Tag immer lauter wurden. Bei all dem Geschrei um Korruption und Vetternbauwirtschaft geht das wirkliche Ärgernis völlig unter: Das Museum bleibt geschlossen.

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Als Boltos den olympischen Stadionlauf gewann…

17. Oktober 2008, 17:03

Die olympischen Spiele von Peking sind vorbei. Und wie alle vier Jahre, wenn die Wettkämpfe nicht gut abgelaufen, sprich die Sprinter zu schnell gelaufen sind, werden die Griechen beschworen. Nein, nicht die der Jetztzeit, denn die haben sich wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Bei der jetzigen Olympiade landeten sie im Medaillenspiegel hinter Miniländern wie Bahrein und Panama auf dem 59. Platz. Gewonnen wurde je eine Silbermedaille im Rudern und Taekwondo, je eine bronzene in der Leichtathletik und im Segeln. In einer Disziplin allerdings rangieren die Griechen an erster Stelle: Sie sind Weltmeister im Dopen. (weiter)

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Homerisches Leben

19. September 2008, 12:48

Wie alle Griechen fahre ich im Sommer aufs Land. Aufs Land am Meer, d.h. an eine der Küsten oder auf eine der zahllosen Inseln, was wiederum heißt, dass man ein Schiff besteigen muss, auch wenn der Seereisende auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet, von denen Homer in seiner Odyssee ein Lied singen kann. Über das dunkle Meer zu unverständlichen Völkern (Odyssee) fährt auch der heutige Grieche nur notgedrungen, sprich zur Arbeit; Urlaub macht er in der Heimat, weil die ihm gleichermaßen Abenteuer verheißt und doch vertraut ist.

Zumindest die Sprache. Man spricht bis auf Dialektverschleifungen das gleiche Griechisch, versteht sich aber nicht unbedingt. Unverständlich bleiben die Städter den Fischerdorfbewohnern und umgekehrt. Athen ist jetzt an jedem Strand, und damit die Rushhours, die man nun Happy Hours nennt. Voll sind die Bars, die Touristen und das Meer, auf dem sich Athens Motorradfahrer auf Water Bikes weiter Rennen liefern. (weiter)

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Wieder Krieg um Troja

08. Juli 2008, 13:04

Heinrich Schliemann ließ sich in Troja nicht unterkriegen. Ein Leben lang musste er um seine Glaubenssätze, seine Arbeit, sein Ansehen kämpfen, da die studierten Schatzsucher alles ins Feld führten, den SelfmadeArchäologen unglaubwürdig, ja lächerlich zu machen. Die feine Gelehrtenwelt brachte die Dreckschleudern in Anschlag, weil sich ein hergelaufener Hobbyforscher erdreistet hatte, ihren Homer nicht nur zur Erbauung zu lesen. Heinrich Schliemann nahm ihn beim Wort, sah die Geschichten der Ilias und Odyssee als Geschichtsschreibung an. Und machte sich folgerichtig auf die Suche nach den Orten der Handlung: Mykene und Troja.  (weiter)

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Oh mein Gott

01. Juli 2008, 13:27

Die Erde bebt „Nicht der schon wieder!“ schreit Efi auf, die mit ganzem Herzen Griechin, eine gestandene Archäologin und Kollegin von mir ist. Der? Wer? frage ich erst einmal mich. Ein neuerlicher Erdstoß erschüttert das Institut, kippt Bücher aus dem Regal und lässt die Kaffeetassen wackeln. „Pousti!“ gellt Efi. „So ein malaka!“ Sie haut mit der Faust auf den Tisch, was ein Schlag zuviel für die Tassen ist. „Der, der …“ schluchzt sie nun auf. Wer der? frage ich mich abermals. Nun hat seismos, was Erdbeben auf griechisch heißt, zwar einen männlichen Artikel, wird aber kaum als Weichei und Wichser bezeichnet (üble, aber übliche Schimpfworte in Griechenland, die den Stellenwert des deutschen Depps haben).

Efi hangelt sich zum Fernseher, dem wichtigsten Büromöbel in Griechenland. Auf der Mattscheibe öffnen sich acht Fenster, und aus jedem plärrt ein erregter Sprecher den Zuschauer an. Expertenrunde auf griechisch, was bedeutet, dass alle gleichzeitig sprechen und das ausgesprochen laut. Fels in den Redeschwallen ist die Moderatorin, deren Kopf in der Mitte eingeblendet ist. Sie sagt nichts, schaut angelegentlich auf ihre Fingernägel, blickt von rechts nach links, dann von links nach recht, schüttelt dazwischen ihren Kopf, was ihre Haare prächtig zur Geltung bringt. (Nach der Sendung wird sich dann die Staatsanwaltschaft einschalten und zwei Seismologen wegen „Volksverstörung“ anklagen, weil sie vor Nachbeben gewarnt haben). (weiter)

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In der Heimat der Lysistrata

25. März 2008, 09:37

Katastrophe ist als Wort wie als Tatbestand eine urgriechische Erfindung. Ohne Katastrophen scheint dem Griechen das Leben nicht bewegt genug; und wenn mal die Natur nicht tätig wird, lässt es hier der Mensch richtig krachen. Es hätte so schön sein können, Schnee und Eis waren überstanden, der Frühling ist da, die Sonne scheint, alles blüht – aber wir sind in Griechenland und da darf es einfach nicht zu schön sein. Also wird gestreikt.

Die Elektrizitätswerke geizen plötzlich mit dem Strom und geben ihn nur stundenweise ab. Die Post hat all ihre Schalter dicht gemacht und Briefträger sitzen noch länger als sonst im Kafeneion herum. Die Telefongesellschaft hat die Leitungen gekappt und kein breites Band verbindet Griechenland mehr mit dem worldwideweb. Auch die Banken streiken, was das Land mittlerweile bargeldlos macht, da die Nationalbank sich seit zwei Wochen weigert, Geld an andere Banken abzugeben, wozu sie als Geldschaltstelle verpflichtet wäre. Aber es wird ja gestreikt. (weiter)

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