Das Kloster Lorsch und die Requisiten der Päpstin
von Markus Zwittmeier, 10. März 2010, 20:57
Das Kloster Lorsch möchte sich bis zum Jahr 2014 aufwerten. Geplant ist dem Weltkulturerbe ein, als karolingischer Herrenhof bezeichnetes, Freilichtmuseum hinzuzufügen. Ich gehe davon aus, dass es sich bei dem Herrenhof um eine Curtis oder Villa Regia handeln soll, wie sie etwa im Brevium Exempla für das Krongut Annappes verzeichnet ist, für den es heißt, er besitze ein aus Stein gebautes Haus mit Gallerien, weitere Gebäude aus Holz, Scheunen, Backhaus usw. Der Hof in Lorsch soll zusätzlich kleine steinerne Kirche bekommen.
In dieses Projekt steckte ich viele Hoffnungen, gerade weil ich selbst auch Reenactment und Living History Anhänger bin und hier die Möglichkeit sehe, den in der Szene nicht so verbreiteten Karolingern ein wenig Aufwind und eine Heimstatt zu bescheren und die Besucher historisch korrekt zu informieren. Doch nun reißt eine Nachricht mich aus meinen Träumen. Dr. Hermann Schefers , Leiter der Welterbestätte Lorsch, hat für 50.000€ Requisiten des Films "Die Päpstin" gekauft, die dann in dem Projekt Verwendung finden sollen. Schefers selbst hatte das Filmteam in Sachen Skriptorien beraten. (Honi soit qui mal y pense!)
Unter den Requisiten sollen sich unter anderem ein eine komplette Skriptoriumsszene, Altarkreuz, Handschriften, Münzen, Mönchskutten, Bienenkörbe und weiteres, mir nicht bekanntes Material befinden. Insgesamt soll es sich um 2 Lastwagenladungen an Requisiten handeln. Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang bereits von "Disney Lorsch".
Und auch mir stößt das Übel auf. Ich habe den Film "Die Päpstin" nicht gesehen, ich kenne aber die Trailer und habe dort die Kleidung der Protagonisten gesehen. Mit dem was man aus Quellen wie etwa dem Stuttgarter Psalter kennt, hatte das nicht viel zu tun. Auch die Schwerter entsprachen nicht den in der Zeit auftretenden Typen Petersen E, K und H und es wurde exzessiver Gebrauch von „morionartigen“ Helmen gemacht, wie sie im Goldenen Psalter von St. Gallen von der karolingischen Reiterei getragen werden, deren Darstellung aber von nicht wenigen auf byzantinische Einflüsse bzw. Vorbilder zurückgeführt wird.
Ich betrachte das Ganze nun durch die Brille des Reenactors und Living History Enthusiasten, der sich selbst mit karolingischer Kleidung auseinander gesetzt hat und unter anderem mit Nadel und pflanzengefärbten Wollstoffen ein Kleid und eine Tunika nach Vorbild des Stuttgarter Psalters mit der Hand genäht hat. Wenn ich nun plötzlich mit Filmrequisiten in einer Living History Veranstaltung auftauchen würde hätte ich nicht nur die Lacher auf meiner Seite, sondern müsste mit Sicherheit herbe Kritik einstecken, ganz zu Schweigen von den Reaktionen meiner wissenschaftlichen Verbindungsleute.
Es gilt das Prinzip so genau wie möglich, mit den historisch bekannten Mitteln und Möglichkeiten Repliken herzustellen. Und da ist auch der springende Punkt. Es geht um Repliken und nicht um Requisiten! Ich könnte ohne Probleme in den Baumarkt gehen, mir Kiefernleimholz kaufen, daraus den Pult eines Schreibers, wie er in einem Skriptoriums gestanden haben könnte, bauen, ihn dunkel beizen damit er eine Eichenoptik erhält und das ganze in einem Film verwenden ohne das jemand den Unterschied zu einem handgefertigtem Eichenoriginal sieht. Man könnte ihn auch als Dekoration/Verdeutlichungsmaterial in einer Austellung verwenden, aber nicht im Living History Umfeld, wie es ein Freilichtmuseum darstellt!
Vor allem nicht wenn Dr. Schefers im Audioteil des HR Textes den Anspruch erhebt, das jedes verwendetet Bauteil des Hofes mit archäologischen Funden belegt werden kann und nur frisch geschlagenes Holz und Spaltbohlenbretter verwendet werden sollen!
Von einem "Disney Lorsch" möchte ich noch nicht sprechen, es bleibt also nur abzuwarten was wirklich mit erworbenen Requisiten geschehen wird. Ob diese beispielsweise im Ausstellungsgebäude, das in der Zehntscheune entstehen soll, als Verdeutlichung eines Skriptoriums verwendet werden.
Eins aber dürfte klar sein, Dr. Schefers hat sich für das Freilichtmuseum eine neue Zielgruppe erschlossen: die Fans des Films "Die Päpstin".
Dieser Text nimmt Bezug auf den Artikel "Zukunft von Kloster Lorsch – Zwischen Kunst und Kommerz" von HR-Online.de, sowie dem Artikel des Darmstädter Echos "Kloster Lorsch kauft Filmrequisiten" auf echo-online.de
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