chronologs Natur des Glaubens

Religion und Evolution - Auf dem Weg ins Darwinjahr

von Michael Blume, 30. Dezember 2008, 22:36

Manche haben die Neuauflage der endlosen Polemiken zwischen evolutionsbiologisch argumentierenden Religionskritikern und Kreationisten zum Darwinjahr erhofft, andere befürchtet. Doch schon im Vorfeld wird deutlich: Zumindest in Deutschland zeichnen sich viel interessantere Perspektiven ab, die beide Seiten neu fordern. Es verdichten sich Befunde und Diskussion zu einem besseren Verstände der Evolution von Religiosität - und damit auch neuen Ebenen des Dialoges auch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

(Vgl. BGAEU-Artikel "Evolutiongeschichte der Religion" hier)

So haben allein in den letzten Tagen unterschiedlichste Medien (vom Handelsblatt (Artikel hier), über die FAZ (Artikel hier) und Prof. Ulrich Lüke hervorragend in der Tagespost (Artikel hier) bis zum Deutschlandfunk (mp3 hier)) aus der Evolutionsforschung zur Religiosität berichtet. Gleich zwei Sachbücher zum Thema (unser "Gott, Gene und Gehirn" (mit Rezensionen im Science-Shop hier) und Ulrich Schnabels "Vermessung des Glaubens") sind bisher von Rezensenten und Lesern sehr interessiert und freundlich aufgenommen worden. Suchbegriffe wie "Gretchenfrage" (zum Zusammenhang von Religion und sexueller Selektion) und "Evolution der Religiosität" erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Und auch im Fernsehen sind inzwischen Debatten zu dem Thema möglich, in denen Befunde (auch mit Humor) diskutiert werden und sich nicht mehr nur die sattsam bekannten Polemiken aufschaukeln... ;-)

Hinweis: Schamanenausstellung im Lindenmuseum Stuttgart

So anregend aber auch das Erheben und Diskutieren z.B. (neuro- und evolutionsbiologischer) Befunde, religionsdemografischer Daten und evolutionstheoretischer Modelle sein mögen - es bleiben auch noch z.B. ethnologische Schätze zu heben, die uns weiter vertiefte Einblicke auf die Natur des Menschen einschließlich seiner Religiosität - gewinnen lassen. So möchte ich auf die herausragende Ausstellung zum Schamanismus Sibiriens im Lindenmuseum Stuttgart hinweisen, die von deutschen und russischen Wissenschaftlern unter Leitung des Kurators Erich Kasten gemeinsam gestaltet worden ist (dem ich auf diesem Wege auch persönlich für Führung und Austausch danken möchte). (Mehr Informationen hier.)

In der Ausstellung werden einzigartige Exponate des Russischen Ethnographischen Museums (St. Petersburg) sowie des Linden-Museums gezeigt und lassen so sibirische Lebens- und Glaubenswelten lebendig werden. Schamanistische Elemente waren und sind auf der ganzen Welt zu finden, haben die Menschheitsgeschichte über Jahrtausende hinweg geprägt - und hier wird am Beispiel einer lebendigen, eindrucksvollen Völkervielfalt deutlich und nachvollziehbar, wie funktional der Bezug auf übernatürliche Akteure wie Ahnen, Geister und Götter über Jahrzehntausende sein konnte - und in einigen Regionen (nach dem Ende der kommunistischen Verfolgungen) auch wieder sein kann. Wer sich im Darwinjahr zum Reichtum menschlicher Kultur- und Evolutionsgeschichte des Menschen einschließlich seiner Religiosität anregen lassen möchte, dem kann ich Besuch und Katalog der Schamanismus-Ausstellung im Lindenmuseum Stuttgart nur von Herzen empfehlen. 

Allen Leserinnen und Lesern des Blogs wünsche ich ein erfreuliches Neujahrsfest und ein erkenntnis- und erfolgreiches (Darwin-)Jahr 2009!



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Kommentare

  1. Martin Huhn Fleißig!
    30.12.2008 | 23:10

    Du bist aber fleißig, Michael. :-)

    Ich überlege mir noch, ob und was ich darauf kommentieren soll. Ist auch etwas viel an Informationen, zum einen Dein Text und dann das Video der Diskussionrunde, da muß ich mich erstmal ordnen.

  2. Michael Blume @ Martin: Ja...
    30.12.2008 | 23:17

    ...ich hatte eigentlich gehofft, den Beitrag zu Neujahr und ein, zwei Wochen darüber einfach mal als Info-Angebot stehen lassen zu können. Vielleicht wollen die Leser ja auch einfach mal unterschiedlichste Aspekte und Meinungen wahrnehmen und wirken lassen. Die Diskussionen über Einzelaspekte finde ich natürlich spannend -und haben wir ja auch wieder und wieder geführt-, aber es braucht m.E. auch mal eine kleine Ruhepause zwischendurch. Und die Schamanen-Ausstellung ist wirklich klasse und absolut empfehlenswert! :-)

    Frohes Neujahr, freue mich aufs Wiedersehen in 2009! :-)

  3. Basty Castellio Danke - für alle Hinweise
    30.12.2008 | 23:32

    ... und einiges mehr. Z.B. - ähnlich wie von Peter Wehner betont - die starken Nerven bei manchen öden Anwürfen...

    Hier noch ergänzend ein Fund der letzten Zeit zur evolutionären Erklärung von Religion - gefunden aufgrund des Hinweises im brightsblog auf den FAZ-Artikel "die Gottesfürchtigkeit im Genpool" - herzlichen Dank also auch an die brights :-) .
    Und jetzt kann ich die Gelegenheit benützen, diesen Artikel hier einzubringen:
    Pascal Boyer, "Religion: Bound to believe?" aus der amerik. Wissenschafts-Zeitschrift "Nature".
    Auf deren Seiten würde es anscheinend 30 $ kosten. Ich fand einen Link, auf dem es auch ohne dies herunterzuladen war:
    http://artsci.wustl.edu/...BoyerReligionEssay.pdf.
    Ich denke, diesen Artikel zu lesen lohnt sich: Grundlagen-Klärung in bekannt solider Weise.

    Gute Nacht und ein Gutes Neues Jahr...
    Basty

  4. Martin Huhn kein Betreff
    30.12.2008 | 23:32

    1. Ruhepause ist seeeehr wichtig, vor allem für Dich. :-)

    Bei Deinem letzten Beitrag hast Du noch einen guten Rutsch ins neue Jahr gewünscht und da dachte ich, von Dir lese ich erst im neuen Jahr wieder etwas. Nun ist ein neuer online und ich freue mich drüber.

    2. Familie ist seeeehr wichtig, vor allem für Dich. :-)

    Du kennst es ja eh, Dein Spannungsfeld, aber ich wollte es Dir nochmal auf die Nase binden. :-)

    Ich freue mich auch auf Wiedersehen in 2009. Wird bestimmt wieder gut werden.

  5. Elsa Laska kein Betreff
    31.12.2008 | 01:49

    Wieder ein relevanter und fundierter Eintrag von dir, den ich demnächst gerne verlinke!
    Alle guten Wünsche für 2009, und möge man uns doch bitte weniger mit Plattitüden anöden, denn es gibt so viel Spannendes und Interessantes zum Thema zu lesen, dass jeden, auch wenn es nicht seiner Weltanschauung oder Geisteshaltung entspricht (ich nehme mich da überhaupt nicht aus), doch Gewinn und Bewusstseinserweiterung bringen könnte, wenn er nur wollte.
    Auf ein schönes und gemeinsames Jahr 2009.

  6. theologie-der-vernunft.d Darwin: lebendiges Schöpfungswort
    31.12.2008 | 09:20

    Halo Herr Dr. Blume,

    Evolution und Religion, ein interessanter Beitrag für den Wechsel ins "Darwinjahr". Doch noch scheinen wir zwischen den Jahren zu stehen. Ist das Alte zu Ende, ohne dass das Neue begonnen hat.

    Wie in verschiedenen Kommentaren versucht zum Ausdruck zu bringen, scheint es bei aufgeklärter Betrachtung des christlichen Glaubens"ur"grundes keine Differenzen von Evolution und Schöpfung zu geben. Vielmehr wäre allein der Sinn des kreativen Kosmos/die begreifbare Logik (der gr. Logos, der vor 2000 Jahren in Jesus zur Sprache gebracht wurde, geistiger Wendepunkt war) im Fluss allen Werdens als Verweis auf Schöpfung und schöpferischen Willen zu werten.

    (Wäre somit nach urchristlicher Lehre der Logos nicht selbst Gott, sondern als kreative=schöpferische Offenbarung das Einzige, was über den Unsagbaren ausgesagt werden kann. Was somit auch die Suche nach einem Designer, Zielsetzer oder sonstigen Gottesbeweisen, groooßen Geheimnissen in Erklärungslücken aufhebt.)

    Doch allein die historisch-kritische theologische Aufklärung (die in diesem Fall Jesus nicht als Fiktion ansieht, wie anfängliche Aufklärer, sondern sein Wesen bzw. die davon ausgehende Wende neue begründet) scheint nicht zu reichen. Wie sollen Theologen ihre altmetaphysiche Dogmatik verlassen können, um das lebendige Wort als kreative Logik=schöpferische Vernunft im evolutinären Verlauf nachzudenken, wenn die Naturalisten einen Sinn des antürlichen Geschenes abstreiten.

    200 Jahre nach Darwin müsste Zeit sein, die Evolutionslehre nicht weiter als umfassende Welterklärung gegegen den Glauben zu sellen, nur Abstammungslehren, Affenartigkeiten... abzuleiten, die dann als menschliche Norm den Kapital- und Konsumegoismus als "normal" begründen, sondern zu fragen, was im Kampf ums menschliche Dasein im Sinn des gesamten kreativen evolutionären Verlaufes für die menschliche Kultur tauglich wäre.

    Ich bin sicher, auf diese Weise kommen wir dem näher, was die alten Juden als Wort verstanden und die Griechen Logos nannten, Grund einer Re-formation der antiken Relgionsvorstelltungen war, die wir im evolutonär sinvollen Ab und Auf heute wieder not-wendig haben.

    Für Brighs, mit denen ich bisher im Blog oder Forum diskutierte, kommt die Suche nach einem begreifbaren, natürlichen Sinn des gesamten evolutionären Geschens kaum in Frage. Vielleicht kann hier jemand weiterhefen.

    Ihnen und Allen:
    ein evolutionär-kreatives=schöpferisch sinnvolles 2009

  7. Swaantje Janke Glaube versetzt Berge?
    31.12.2008 | 12:56

    Ich habe ihr Buch nicht gelesen, finde die Abhandlungen über die Geschichte und die Entstehung des Glaubens sehr interessant. Bibelforschung z.B. von David Rohl "Pharaonen und Propheten". In dem Buch verfolgt Herr Dr. Rohl die Spuren des Exodus und findet entgegen der üblichen Meinung reichlich Spuren. Das finde ich gut. Ich beneide auch alle Menschen, die so uneingeschränkt glauben können. Es kann sie von Krankheiten erlösen. Wenn man aber bedenkt wie rückschrittlich Glaube auch sein kann (Galilei...und sie bewegt sich doch). Wie oft stand die Kirche dem Fortschritt im Wege. Wie sehr kann der Glaube auch zur übertriebenen Demut aufrufen und zum willigen Opfer werden lassen, gerade jetzt wo unten den Gürtel enger schnallen soll während oben weiter prasst. Dann ist es nicht gut, alles in Händen Gottes zu lassen. Man sollte auch etwas tun um diese wunderbare Schöpfung zu erhalten und alle Menschen ein gutes Leben haben zu lassen.
    Die Evolutionstheorie ist auch noch nicht abgeschlossen und darf durchaus hinterfragt werden. In diesem Sinne und mit Gandhi zu sprechen: "Die Erde hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier!" Glaube im Sinne von Ethik und Moral-gerne! Glaube als Opium und Betäubungsmittel- nein danke!

  8. Pascal Riedel TV-Beitrag
    31.12.2008 | 14:36

    Schöner Auftritt. Aber dass einem in jeder TV-Sendung zum Thema Religion Herr Salomon begegnet (der seinem Namen so gar keine Ehre macht), das ist zum Abgewöhnen. So wie eine Zeitung bei der anderen abschreibt, reichen sich die Sender ihre "Experten" weiter. Das Resultat ist Langeweile beim Zuschauer. Diese Bruno-Stiftung sollte man nicht so hofieren. Irgendwann denkt der Zuschauer noch, die hätten wirklich etwas zu sagen.

  9. Edgar Dahl Schöner Appetitanreger zum Darwin-Jahr
    31.12.2008 | 16:29

    Vielen Dank für den TV-Beitrag: Wie schön, meinen Freund Michael (MB) meinem Freund Michael (MSS) gegenübersitzen zu sehen.

  10. Basty Castellio Hinweis auf Boyer / und zu MSS
    01.01.2009 | 15:23

    Der Link zu Boyers Aufsatz, den ich am 30.12. um 23:32 angab, funktioniert offensichtlich nicht direkt. Aber ich sehe, dass es funktioniert: wenn man entweder den Schlusspunkt nach "pdf" wegnimmt oder den Link kopiert und dann in die obere Zeile des Browsers einsetzt.
    Ich fände spannend, daran etwas zu diskutieren: P.Boyer deutet religiöse Vorstellungen als sehr natürlich erklärbare Phänomene - mit allen Konsequenzen, die auch gegen das Selbstverständnis der jeweiligen Religions-Vertreter sprechen. Aber, und da würde es für mich spannend, ich würde gerne folgender Vermutung nachgegangen wissen: Wenn schon religiöse Vorstellungen sehr natürlich erklärbare Phänomene sind -- vielleicht ist der Versuch sie wegzudrücken ähnlich (Vergleich - keine Gleichsetzung!) gesundheitsschädlich wie etwa das Wegdrücken von (sehr natürlich erklärbaren) Traumerlebnissen - als ob Träume nur Schäume wären.

    Zweitens - @P.Riedel - : Ich habe nix gegen Schmidt-Salomon - na fast nix. Und ich finde schade, wenn er hier so kurz abgewatscht werden soll. Man kann sicher ideologisch was gegen ihn haben - aber bitte: Er ist einer der sympathischsten Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung - kritisch und freundlich. Und dummdreiste, selbstgerechte Polemik sehe ich sonst schon öfters, aber gerade bei ihm nicht. Mir fällt schon richtig auf, dass er bei einigem Wolfsgeheul, bei dem man denkt, er müsse ja wohl auch dabei sein, sich nicht beteiligt. Und dass er sich Problemen stellt, die bei anderen Atheisten/Agnostikern nicht thematisiert werden.
    Ich denke da an seine Geschichte vom frechen Hund: Moral funktioniert beim Menschen eben nicht automatisch aufgrund der biologischen Vorgaben - sie muss bewusst gestaltet werden. Und ich denke an seinen Aufsatz über die Kriminalgeschichte des Atheismus.

    Ich denke immer noch, es kommt nicht so sehr auf die (religiösen) Vor-Stellungen an - oder darauf, was einer für ontologische Aussagen metaphysisch akzeptiert/sich abringt - sondern auf die entsprechende Ein-Stellung.
    Deshalb - nicht nur deshalb - an alle atheistischen oder theistischen Freunde oder Gegner:
    Kommt alle gut in dieses Jahr und durch dieses Jahr...
    Basty

  11. Michael Blume Danke!
    02.01.2009 | 14:26

    Für die zahlreichen, netten Beiträge möchte ich herzlich danken! Und auf einige wenige Punkte eingehen.

    @ Swantje Jaanke

    Schöner, differenzierter Beitrag, danke. Sie schrieben auch:

    "Die Evolutionstheorie ist auch noch nicht abgeschlossen und darf durchaus hinterfragt werden."

    Das sehe ich auch so - wobei m.E. die Evolutionstheorie selbst zu den inzwischen am stärksten belegten Theorien unserer Zeit gehört, auf deren Basis auch ich arbeite. Was wir aber derzeit erleben, ist eine Erweiterung und Vertiefung der Evolutionsforschung, sei es im Hinblick auf die Wiederentdeckung der Multi-Level-Selektion (siehe aktuelle Spektrum-Ausgabe!) oder eben die sorgfältige Einbeziehung auch der menschlichen Religiosität in die Evolutionsforschung, mit spannenden, interdisziplinären Ergebnissen.

  12. Michael Blume Zur Giordano-Bruno-Stiftung
    02.01.2009 | 14:40

    @ Herr Riedel, Basty, Edgar

    Natürlich kann ich nur für mich sprechen, aber persönlich habe ich die Zusammenarbeit mit Forschern und Denkern der GBS als sehr fruchtbar erfahren! Darunter z.B. mein Buch-Mitautor, mein Doktorvater und jetzt eben auch der West.art-Mitdiskutant.

    Klar: Auch sie (und Michael Schmidt-Salomon) haben sich in einer Mediengesellschaft zu behaupten, die nicht selten nach Zuspitzung verlangt. Aber gerade hinter den Kulissen lassen sich hier immer wieder hervorragende Gespräche und Austausche führen, die an Qualität weit über die (gerade auch im Internet) verbreitete Vulgärkritik an Religionen (sind alle dumm, Wahn, haben alle keine Ahnung, sterben aus etc.) hinaus reichen. So hatte Michael Schmidt-Salomon z.B. Arbeiten zur Evolutionsforschung der Religiosität schon vorher gelesen, den Selektionsvorteil akzeptiert und konnte deswegen auch auf Augenhöhe diskutieren. Das kann man sich von vielen Religionskritikern (und auch einigen naturwissenschaftskritischen Theologen, Philosophen und Soziologen) nur ersehnen...

  13. Michael Blume Und noch ein Hinweis...
    02.01.2009 | 14:44

    Auch in den Brainlogs setzt sich ein Blogger, Christian Hoppe, mit dem Thema hier kompetent auseinander.

    http://www.brainlogs.de/...en-wdr-funkhausgespr-ch

    Darin verlinkt ist auch noch ein weiteres Radiogespräch zum Thema, mit besagtem Prof. Hoppe, Ulrich Schnabel und Prof. Schmidt-Gräb:
    http://medien.wdr.de/...ausgespraeche_20081211.mp3

    Sehr hörenswert!

  14. Martin Huhn MSS
    02.01.2009 | 20:22

    Der redet nett und freundlich, lächelt, aber was er zu sagen hat, dem kann ich gar nichts abgewinnen. Alles was schlecht ist an Religionen, alle Fehlentwicklungen die schmeißt er in einen Sack und präsentiert es als die Wahrheit der Religionen. So eine Art und Weise Dinge zu erfassen begegnet einem sonst nur in bierseeligen Stammtischen. Entweder ist er nicht in der Lage zu differenzieren, was ich aber nicht glauben mag, denn wer einen akademischen Grad hat sollte das können oder er will nicht differenzieren. Wenn er dann mit so ausgeleierten Beispielen kommt, daß die Katholische Kirche nicht an einer Trennung von Kirche und Staat interessiert war, was soll ich als evangelischer Christ davon halten? Jesus selbst sagte, gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Das ist keine Erfindung oder Errungenschaft des Humanismus.

    Und seine Kernthese, Religionen waren früher zu etwas nütze, sonst gäbe sie nicht, aber heute braucht niemand mehr Religionen, weil wir kulturell so fortschrittlich sind, ist einfach nur (nicht recylingfähiger) Müll. Der Humanismus und die Aufklärung geben uns alles nötige zum Leben. Ja, kann sein. Aber beispielsweise Jesus Christus so wie in den Evangelien von ihm berichtet wird, sein Leben, sein Tod und auch die Antwort, die er mit seiner Auferstehung gibt, wo finde ich so eine Figur im Humanismus oder der Aufklärung? Was kommt nach dem Tod? Nichts? Es gibt nichts danach. Wie gehe ich mit Schuld um? Gar nicht, ich habe keine. Das können humanistische, aufgeklärte Naturalisten gerne glauben. Ich glaube das nicht und ich wüßte nicht, warum ich das glauben sollte. Das sind einfach keine Antworten auf meine Fragen, die mir das Leben stellt.

  15. Edgar Dahl @ - Martin: MSS
    03.01.2009 | 02:27

    MSS ist ein gescheiter und wirklich netter Kerl. Wenn er fragt "Glaubst Du noch oder denkst Du schon?", dann verfolgt er nach eigenem Bekunden lediglich eine PR-Strategie. Seiner Erfahrung nach erreichen Floskeln wie "Heidenspaß statt Höllenqual" eher ihr Ziel als die Argumente von Leuten wie Bertrand Russell oder Norbert Hoerster. Nun, darüber, ob der Zweck die Mittel heiligt, kann man freilich unterschiedlicher Ansicht sein. So stehen sich nach MSS' Terminologie in der GBS und dem HVD denn auch "Kuschelatheisten" und "Krawallatheisten" gegenüber.

  16. Michael Blume Ja zu niveauvoller Religionskritik
    03.01.2009 | 09:30

    Meines Erachtens hilft niveuavolle Religionskritik den Religionen selbst, sich weiter zu entwickeln. Und natürlich darf diese auch mal zuspitzen und provozieren.

    Wir dürfen gerade aus religionshistorischer Perspektive nicht vergessen: Auch die Religionsstifter - denken wir an Jesus, Buddha oder Muhammad - übten jeweils scharfe Kritik an den religiösen Zuständen ihrer Zeit und reizten die jeweiligen, Glaubens- Establishments bis aufs Blut! Und wie z.B. Jesus auf den Trick mit der Geldmünze reagiert - das ist ja wohl auch humorige Debattenkultur vom Feinsten, die Zuhörer werden sich die Schenkel geklopft haben über die "schlauen" Oberschichtvertreter! :-)

    Was ich an heutiger Religionskritik bisweilen traurig und ermüdend finde, sind vulgäre Klischees (z.B. alle Religiösen seien dumm), ein nur polemisches Hantieren mit Wissenschaft und persönliche Schmähungen - das ist alles gerade im Internet leider reichlich zu finden. Dagegen sind Diskussionen mit gebildeten, wissenschaftliche Argumente auch annehmenden und menschlich respektvollen Partnern eine echte Wohltat. Und so habe ich Ralf König und Michael Schmidt-Salomon bei West.Art auch erlebt.

  17. Ingo "Wahn"
    05.01.2009 | 10:15

    Lieber Michael,

    da hast Du grad was ganz Wichtiges und Tolles gesagt über die Religionskritik von Religionsgründern selbst.

    Aber die These, daß Monotheismus "Wahn" ist - von 99 % erweitert auf 100 % aller übernatürlichen Akteure - mit der sollte man als Religionswissenschaftler wie ich denke, absolut souverän und emotionslos umgehen können. Diese These ist einfach - vom wissenschaftlichen Standpunkt aus - zu naheliegend, als daß sie NICHT vertreten werden könnte, ja, müßte.

    Ich glaube sogar, daß das das Besondere am Menschen ist, was es so bei Tieren nicht gibt, nämlich die Möglichkeit, sich riesige Wahngebäude, riesige falsche Theorien zur Erklärungen der Welt zu erbauen.

    Nur intelligente Tiere können sich wirklich krass täuschen - und damit auch andere (z.B. die Krähen), was uns oft so absolut kurios und faszinierend anmutet. Aber nur intelligente Tiere empfinden wir als uns nahestehend.

    Und insofern sollten wir einfach mit dem Postulat, daß der Mensch zu geradezu ungegrenzter Selbsttäuschung fähig ist - zumal auch auf religiösem Bereich - ganz sachlich und emotionslos umgehen können.

    Wir sollten es schlicht nicht als "Polemik" auffassen, sondern als einen wesentlichen und wichtigen Sachbeitrag zur Debatte - wie alle anderen Beiträge auch.

  18. Michael Blume @ Ingo
    05.01.2009 | 10:31

    "Aber die These, daß Monotheismus "Wahn" ist - von 99 % erweitert auf 100 % aller übernatürlichen Akteure - mit der sollte man als Religionswissenschaftler wie ich denke, absolut souverän und emotionslos umgehen können."

    Selbstverständlich. Nur hätte ich gerne empirische Belege für diese "These". Im naturwissenschaftlichen Verständnis zeichnen sich (Wahn-)Krankheiten stets dadurch aus, dass sie die Funktionalität (z.B. das Wohlbefinden, den Reproduktionserfolg etc.) der betroffenen Organismen beeinträchtigen. Das ist bei Religionen ganz offensichtlich nicht der Fall, im Gegenteil. Außerdem: Unser gesamter Sinnesapparat ist über evolutionären Erfolg selektiert, woher nimmst Du also Deine absoluten Sicherheiten bezüglich wahr und falsch im Hinblick auf religiöse und spirituelle Erkenntnisse? Der Affe, der nach illusionären Ästen hechtete, gehört mit Sicherheit nicht zu unseren Vorfahren! ;-)

    Die Wahn-These kann man also gerne hundert Mal diskutieren -tue ich ja auch und finde auch, dass Dawkins die Debatte in Gang gebracht hat!-, sie lässt sich nur schlicht aufgrund der Daten nicht halten. Und wenn man also schon mit Wissenschaft argumentiert, sollte man doch auch die Spielregeln bezüglich der Falsifikation von Thesen beachten, oder!?

    "Diese These ist einfach - vom wissenschaftlichen Standpunkt aus - zu naheliegend, als daß sie NICHT vertreten werden könnte, ja, müßte."

    Wie geschrieben: Ich trete absolut dafür ein, dass auch kontroverse Thesen vertreten werden können. Wobei die Wahn-These nach allen verfügbaren Daten bestenfalls polemische Religionsphilosophie, aber eben keinen naturwissenschaftlich bestätigten Sachverhalt umschreibt. Warum ist es Dir, lieber Ingo, denn gegen die empirischen Befunde so wichtig, Religion als "Wahn" zu titulieren?

  19. Ingo "GEGEN die empirischen Befunde"????
    05.01.2009 | 11:33

    Hallo,

    "GEGEN die empirischen Befunde"????

    Es gibt also empirische Befunde, die dafür sprechen, daß es richtig ist anzunehmen, daß "Gott" Blitze sendet, damit Menschen an ihre Sündhaftigkeit erinnert werden, als Strafe für ihre Sünden? Es gibt also empirische Befunde dafür, daß Götter oder Teufel strafen und belohnen? Es gibt also empirische Befunde dafür, daß die Welt von einer Hummel geschaffen worden ist (wie ein südamerikanischer Indianerstamm glaubt), daß Eva aus der Rippe des Adam geschaffen wurde (wie einige andere "Stämme" auf der Welt glauben)?

    Ich sagte ja gerade, daß höhere, intelligente Tiere OBWOHL sie sich so auffällig täuschen können und von anderen getäuscht werden, DENNOCH überleben können, sehr erfolgreich, seit Jahrmillionen, ja, daß es ja das Kennzeichen von Intelligenz ist, sich täuschen zu können. Das IST ein empirischer Befund.

    Es spricht absolut nicht GEGEN die Möglichkeit von Wahn und Irrtum, wenn durch Wahn und Irrtum Reproduktionserfolg erhöht wird - eher im Gegenteil: der Mensch wäre ja verdammt dazu, immer das Richtige zu tun und zu wissen, wenn er sich nicht selbst und andere täuschen könnte oder wenn er aussterben würde exakt in dem Augenblick, wo er anfangen würde, sich zu täuschen.

    Die ganze Menschheitsgeschichte wäre nicht nötig gewesen, wenn wir von Anfang an gewußt hätten, wie alles funktioniert, wenn wir gewußt hätten, "was die Welt im Innersten zusammen hält".

    Es spricht eher im Gegenteil von hohen Fähigkeiten der Evolution, wenn sie irrtumsfähige Wesen hervorbringen kann, die TROTZ Jahrtausende langen Irrtums zu überleben und sich fortzupflanzen fähig waren. DAS ist das Bewundernswürdige an Evolution.

    Sich irren zu können, ist nicht per se eine Krankheit, sondern eine Fähigkeit. Wer sich nicht irren kann, wer sich nicht über Irrtum ärgert, warum sollte sich der für Wahrheit interessieren? Ein "Gott", der alles schon weiß, der alles schon richtig macht, was kann für den denn noch interessant sein?

  20. Michael Blume @ Ingo: ???
    05.01.2009 | 11:47

    "Es gibt also empirische Befunde, die dafür sprechen, daß es richtig ist anzunehmen, daß "Gott" Blitze sendet, damit Menschen an ihre Sündhaftigkeit erinnert werden, als Strafe für ihre Sünden? Es gibt also empirische Befunde dafür, daß Götter oder Teufel strafen und belohnen? Es gibt also empirische Befunde dafür, daß die Welt von einer Hummel geschaffen worden ist (wie ein südamerikanischer Indianerstamm glaubt), daß Eva aus der Rippe des Adam geschaffen wurde (wie einige andere "Stämme" auf der Welt glauben)?"

    Wer behauptet denn so etwas? Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass Religiosität generell als Krankheit (maladaptiv) fungiert, vielmehr scheint sie sich als insgesamt evolutionär adaptiv erwiesen zu haben bzw. erweisen. Was soll also die Polemik, lieber Ingo?

    "Ich sagte ja gerade, daß höhere, intelligente Tiere OBWOHL sie sich so auffällig täuschen können und von anderen getäuscht werden, DENNOCH überleben können, sehr erfolgreich, seit Jahrmillionen, ja, daß es ja das Kennzeichen von Intelligenz ist, sich täuschen zu können. Das IST ein empirischer Befund."

    Lieber Ingo, das Merkmal Religiosität scheint sich aber nicht nur evolutionär entwickelt zu haben, sondern geht (auch) heute mit erhöhtem, reprodukiven Erfolg einher. Beides sind Phänomene, die wissenschaftlich geklärt werden sollten, vor-urteilslos. ;-)

    "Es spricht absolut nicht GEGEN die Möglichkeit von Wahn und Irrtum, wenn durch Wahn und Irrtum Reproduktionserfolg erhöht wird..."

    ...dann ist es aber, lieber Ingo, eben im biologischen Verständnis kein Wahn mehr. Denn ein Wahn (oder eine sonstige Krankheit) oder andauernde Irrtümer wiesen sich durch Selektionsnachteile aus. Wir messen (und auch Du erkennst ja die Daten an) aber das genaue Gegenteil. Ganz so einfach kann man es sich also nicht mehr machen, lieber Ingo.

    "Die ganze Menschheitsgeschichte wäre nicht nötig gewesen, wenn wir von Anfang an gewußt hätten, wie alles funktioniert, wenn wir gewußt hätten, "was die Welt im Innersten zusammen hält"."

    Magst Du uns diese (empirische oder philosophische? These erklären? Für wen wäre die Geschichte nicht nötig gewesen - und warum ist sie das Deiner Meinung nach jetzt?

szmtag