chronologs Natur des Glaubens

Religion und Evolution - Auf dem Weg ins Darwinjahr

von Michael Blume, 30. Dezember 2008, 22:36

Manche haben die Neuauflage der endlosen Polemiken zwischen evolutionsbiologisch argumentierenden Religionskritikern und Kreationisten zum Darwinjahr erhofft, andere befürchtet. Doch schon im Vorfeld wird deutlich: Zumindest in Deutschland zeichnen sich viel interessantere Perspektiven ab, die beide Seiten neu fordern. Es verdichten sich Befunde und Diskussion zu einem besseren Verstände der Evolution von Religiosität - und damit auch neuen Ebenen des Dialoges auch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

(Vgl. BGAEU-Artikel "Evolutiongeschichte der Religion" hier)

So haben allein in den letzten Tagen unterschiedlichste Medien (vom Handelsblatt (Artikel hier), über die FAZ (Artikel hier) und Prof. Ulrich Lüke hervorragend in der Tagespost (Artikel hier) bis zum Deutschlandfunk (mp3 hier)) aus der Evolutionsforschung zur Religiosität berichtet. Gleich zwei Sachbücher zum Thema (unser "Gott, Gene und Gehirn" (mit Rezensionen im Science-Shop hier) und Ulrich Schnabels "Vermessung des Glaubens") sind bisher von Rezensenten und Lesern sehr interessiert und freundlich aufgenommen worden. Suchbegriffe wie "Gretchenfrage" (zum Zusammenhang von Religion und sexueller Selektion) und "Evolution der Religiosität" erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Und auch im Fernsehen sind inzwischen Debatten zu dem Thema möglich, in denen Befunde (auch mit Humor) diskutiert werden und sich nicht mehr nur die sattsam bekannten Polemiken aufschaukeln... ;-)

Hinweis: Schamanenausstellung im Lindenmuseum Stuttgart

So anregend aber auch das Erheben und Diskutieren z.B. (neuro- und evolutionsbiologischer) Befunde, religionsdemografischer Daten und evolutionstheoretischer Modelle sein mögen - es bleiben auch noch z.B. ethnologische Schätze zu heben, die uns weiter vertiefte Einblicke auf die Natur des Menschen einschließlich seiner Religiosität - gewinnen lassen. So möchte ich auf die herausragende Ausstellung zum Schamanismus Sibiriens im Lindenmuseum Stuttgart hinweisen, die von deutschen und russischen Wissenschaftlern unter Leitung des Kurators Erich Kasten gemeinsam gestaltet worden ist (dem ich auf diesem Wege auch persönlich für Führung und Austausch danken möchte). (Mehr Informationen hier.)

In der Ausstellung werden einzigartige Exponate des Russischen Ethnographischen Museums (St. Petersburg) sowie des Linden-Museums gezeigt und lassen so sibirische Lebens- und Glaubenswelten lebendig werden. Schamanistische Elemente waren und sind auf der ganzen Welt zu finden, haben die Menschheitsgeschichte über Jahrtausende hinweg geprägt - und hier wird am Beispiel einer lebendigen, eindrucksvollen Völkervielfalt deutlich und nachvollziehbar, wie funktional der Bezug auf übernatürliche Akteure wie Ahnen, Geister und Götter über Jahrzehntausende sein konnte - und in einigen Regionen (nach dem Ende der kommunistischen Verfolgungen) auch wieder sein kann. Wer sich im Darwinjahr zum Reichtum menschlicher Kultur- und Evolutionsgeschichte des Menschen einschließlich seiner Religiosität anregen lassen möchte, dem kann ich Besuch und Katalog der Schamanismus-Ausstellung im Lindenmuseum Stuttgart nur von Herzen empfehlen. 

Allen Leserinnen und Lesern des Blogs wünsche ich ein erfreuliches Neujahrsfest und ein erkenntnis- und erfolgreiches (Darwin-)Jahr 2009!



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Kommentare

  1. Ingo "Logos" oder "Anti-Logos"???
    16.01.2009 | 20:33

    falls hier noch jemand liest:

    Zombie hin oder her (erstaunt mich, daß der Pauen so undifferenziert zu reden versteht ...)

    aus dem sonstigen Text werd ich nicht schlau, außer daß ich die Worte "Christ" und "Reformjude" verstehe und mir dann versuchen kann, den Rest wohlgeraten oder ungeraten zusammenzureimen.

    Aber um mal konstruktiv zu fragen: Woran sollte denn erkennbar sein, daß die Bibel NICHT "Mythos", sondern "Logos" ist??? Außer, DASS sie eben Behauptungen über den metaphysischen Bereich vornimmt, ALS OB es sich um naturwissenschaftlich nachweisbare Dinge handeln würde ("mosaische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch" ...). Aber Kant hat gezeigt, daß eben genau solchartige Aussagen schrill und auf kürzestem Weg in den Anti-Logos führen (oder genauer: zu "Antinomien" ...).

  2. Ingo Michael Pauen und Naturalismus
    18.01.2009 | 09:58

    Soweit ich die - lesenswerte - Rezension über Michael Pauen in "Spektrum" verstehe, ist Pauen keineswegs der Meinung, daß der Naturalismus den Menschen als "Zombie" zeichnet.

    http://www.wissenschaft-online.de/artikel/977621

  3. Michael Blume @ Ingo
    20.01.2009 | 04:38

    Lieber Ingo,

    Du meintest wohl Herrn Mentzel, ich hatte nichts von einem Zombie geschrieben...

    Herzliche Grüße aus Washington

    Michael

  4. Erdlicht Gebet,, Kennzeichen für Religiösität?
    21.02.2009 | 14:07

    Gebet ist nichts Eindeutiges.

    Mögliche Verständnis zum Gebet
    1. Atmen, das ganze Leben ist Gebet

    2. Hören und Tun
    Für Juden ist auch Selbstgespräch Gebet.
    Was hören? Regen? Wind? Oder was Papa und Mama oder Urururur...papa (innere Stimme) sagen?
    Mein Ururgroßvater war gegen Tapeten, andere gegen Gaslaternen. Richtig! Ich bin auch gegen Bäume abholzen und Lichtverschmutzung.

    3. Vorformuliertes, im Club
    ggf. mit Gebetsperlen oder Gebetsmühle?
    Gemessen an Monotonie, Denken abschalten.

    4. Lob, Dank, Bitte, Fürbitte
    Warum sich nicht direkt an die Personen wenden, von denen man etwas erhalten hat, wünscht, etc.

    5. Gute Vorsätze singen
    (Praxis bei den Parsen)Autosuggestion wirkt wissenschaftlich erwiesen.

    6. In Zungen beten
    Praxis bei Charismatiker, Pfingster
    (Hirn abschalten)Wo ist Grenze zur Übertreibung?

    4. Gebetshaltung
    Sitzen, stehen, liegen
    Schokkeln (jüdisch) oder Arme hoch. Hände falten
    Erinnerung an Kinderspiel: So beten die Katholiken, so die Protestanten, so die Orthodoxen...und so tut man boxen)
    Auf die Knie, auf den Bauch, nach hinten fallen.

    Sicher gibt es noch viel mehr Möglichkeiten.

  5. Michael Blume @ Erdlicht
    25.02.2009 | 13:52

    "Gebet ist nichts Eindeutiges."

    Naja, nicht weniger oder mehr als z.B. Tanz. Allerdings ist beim Gebet eindeutig, dass es sich regelmäßig auf übernatürliche Akteure bezieht - also auf solche, die sich mit wissenschaftlichen Mitteln nicht nachweisen lassen, aber dennoch als existent geglaubt werden. Warum Menschen solches Verhalten evolvierten, lässt sich wissenschaftlich durchaus erforschen.

  6. Ingo B. Hemmschuh und Avantgarde
    09.03.2009 | 15:59

    Oben sind ja die Beziehungen zwischen DDR-Opposition und Kirche diskutiert worden, das fiel mir wieder ein, als ich zufällig eine Veranstaltungsankündigung las von der "Robert Havemann-Gesellschaft" für den 25.2.09:

    "Kirche in der Revolution - Hemmschuh oder Avantgarde?"

    mit dem Erläuterungstext:

    "Die evangelische Kirche und die Opposition in der DDR waren vielfältig miteinander verbandelt. Das vielzitierte "schützende Dach der Kirche" spielte für Oppositionelle eine wichtige Rolle - ob als Versammlungsort oder verhältnismäßig sichere Brutstätte regimekritischer Gedanken. Andererseits bemühten sich manche Kirchenvertreter, ein allzu deutliches Aufbegehren zu unterbinden. Über die Rolle der Kirche in der Revolution diskutieren Akteure, die 1989 ganz unterschiedliche Positionen vertraten."

    - Vortrag von Ehrhart Neubert (Historiker), Autor mehrerer Bücher zur Thematik.

    http://www.havemann-gesellschaft.de/...nchor_170e1

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