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Religiöses Monopol versus Religiöser Wettbewerb

von Michael Blume, 22. August 2009, 20:51

Dieser Beitrag geht auf eine Anregung der Blogleserin Mona zurück und beinhaltet auch ein herzliches "Hallo!" an die originelle, katholische Bloggerin Elsalaska, bei der ich immer wieder gerne reinlese. Es widmet sich einer Frage, auf die ich oft angesprochen werde - das scheinbar unaufhaltsame Erkalten religiösen Lebens in früher geschlossenen Milieus.

 

So schilderte Mona im Blogbeitrag "Evolutionsprinzip Überlieben?" ihr eigenes Erleben und Bedauern - Zitat: "Ich lebe in einer fast rein kath. Stadt in Bayern, beinahe alle Kindergärten etc. sind in der Hand der kath. Kirche, diese wacht auch eifersüchtig über ihre Pfründe. Allerdings findet so gut wie keine religiöse Erziehung mehr statt. In den Schulen unterscheidet sich das Fach Ethik kaum vom Religionsunterricht. Die älteren Schüler lästern oft, der Religionslehrer würde seine Themen aus der Zeitschrift Bravo entnehmen um en vogue zu sein. Natürlich mag das im Gegensatz zu früher, wo die Kirche sich in alles einmischte, als Wohltat empfunden werden. Die Kirche soll auch mit der Zeit gehen, leider hat sie sich hier zu einem inhaltsleeren Machtapparat entwickelt, wer in ihr einen Ort der Nächstenliebe sucht, sucht vergebens."

Was ist da los? Aus evolutionärer Perspektive sind vor allem zwei Faktoren zu nennen.

1. Säkularisierung durch soziale Sicherheit, Wohlstand & Bildung

Auch im religionshistorischen Rückblick wird deutlich, dass es immer Auf- und Abschwünge religiösen Lebens gegeben hat. Die Beteiligungen an Gottesdiensten und Wallfahrten war immer wieder Schwankungen unterworfen, oft beendeten Reformbewegungen lange Zeiten des Niedergangs. Quer durch das 20. Jahrhundert setzten jedoch in fast allen Regionen Europas Säkularisierungsprozesse ein, die Menschen wandten sich unmerklich und schließlich öffentlich von den Kirchen ab. Was war geschehen?

Eine der überzeugendsten, nüchternen Erklärungen lautet: Viele sog. "extrinsische" Gründe fielen weg. Der Ausbau des Sozialstaates, der Bildungssysteme und der allgemeine Anstieg des Wohlstands überflügelte viele Leistungen, die früher von und um die Kirchen organisiert waren. Sie wurden in immer mehr Lebenslagen nicht mehr gebraucht, gleichzeitig wuchsen die konkurrierenden Angebote etwa im Freizeitbereich - und so bröckelte das kirchliche Engagement vieler Menschen unmerklich ab.

Einige Kirchengemeinden versuchten, durch strikte Betonung der traditionellen Regeln die Schrumpfung aufzuhalten, andere, durch Anpassung (etwa den Verzicht auf Belehrungen, unterhaltsame Gottesdienste etc.) die "Kosten" kirchlichen Engagements zu senken. Beide Strategien waren (und sind) jedoch kein Allheilmittel.

2. Regionale Monopole

Während in den USA auf Phasen religiösen Niedergangs (die es auch dort gab und gibt!) immer wieder neue Gründungen mit neuen Angeboten erfolgten, hatten die religiösen Milieus in Europa ein zweites Problem, das sich erst langsam ändert: Sie waren durch Monopole oder Kartelle weniger, steuerfinanzierter Großanbieter geprägt. Und das hieß schlicht: Es entstand wenig lebendiger Wettbewerb und für die Kirchenfunktionäre bestand auch wenig Anreiz, sich zu engagieren. Ein Prediger in den USA, der sein Gotteshaus nicht füllt, oder eine Religionslehrerin, die die ihr anvertrauten Schülerinnen und Schüler langweilt, riskiert ihren Job. In Deutschland halsen sich die gleichen Berufe mit guten Predigten und Extra-Engagement dagegen allenfalls Extraarbeit (und manchmal Kollegenneid) ein, Karriere machten Theologen in schwerfälligen Bürokratien häufiger durch komplexe Theorien und vor allem Gremien- und Lobbyarbeit.

Allerdings beginnt sich dies zu ändern, denn durch Zuwanderung und die durchschnittlich höheren Geburtenraten religiös aktiver Menschen bröckeln die Monopole und Kartelle inzwischen ab und es entstehen auch in Europa religiöse Märkte mit vielen Varianten und Wettbewerb.

Auf jedes Ab ein Auf

Immer noch findet Säkularisierung statt, wenden sich Menschen von den Großkirchen ab - aber gleichzeitig entstehen wachsende Bereiche florierender Freikirchen, Moscheen-, Synagogen- und Tempelgemeinden. In den Stadtregionen Deutschlands haben wir inzwischen alle Weltreligionen vertreten, die meisten in mehreren, meist durch Kinderreichtum und Konversionen wachsenden Gemeinden. Während die Gesamtgesellschaft mangels Kindern (seit Jahrzehnten nur noch zwei Geburten auf drei Erwachsene) bereits in die Implosion übergegangen ist, regt sich wieder neues, religiöses Leben, das nicht mehr v.a. extrinsisch motiviert, sondern häufiger freiwillig gewählt oder gepflegt wurde. Noch nie ist in einer menschlichen Gesellschaft Religiosität ausgestorben - sie wuchs auch nach Phasen des (demografischen) Niedergangs immer wieder in neuen Formen nach. In Deutschland und Europa hat dieser Prozess bereits begonnen.





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Kommentare

  1. Michael Blume @ itz: Absolut d'accord!
    01.09.2009 | 11:29

    Lieber itz,

    tja, da sind wir sehr weitgehend einer Meinung! Religiöse Monopole setzen sich im freiheitlichen Wettbewerb ebenso wenig durch wie wirtschaftliche oder politische. Normalerweise geht das nur über Bündnisse mit den Herrschenden - was mittel- und längerfristig wiederum die Glaubwürdigkeit der Religion untergräbt. Dagegen sind wir wohl beide der Auffassung, dass sich Politiker als Vertreter aller Bürgerinnen und Bürger verstehen und daher eine integrierende (d.h. nicht-diskriminierende und gemeinschaftlich-demokratische Werte betonende) Religionspolitik betreiben sollten.

    Eine lebendige Religionslandschaft benötigt (positive und negative) Religionsfreiheit - das Bild der "pulsierenden", auf- und absteigenden Gemeinschaften gefällt mir sehr gut, danke!

    Aus evolutionärer Perspektive ist dabei anzumerken, dass die relativen Reproduktionsvorteile durch religiöse Gemeinschaften im Rahmen von Religionsfreiheit und religiöser Vielfalt am deutlichsten auftreten. Das "Pulsieren" hat ja immer auch eine demografische Komponente.

    Danke für den guten und anregenden Kommentar, @itz!

  2. Joachim Datko Ich kann vor den christlichen Religionen nur warnen!
    14.05.2010 | 09:32

    Mittelalterliches Christentum hängt uns überall nach!

    Meiner Ansicht nach tragen die Christen "ihr" Kreuz wie ein Brett vor dem Kopf. Die Priester haben ihnen das Symbol von Kindheit auf eingeprägt, meiner Meinung nach eine Gehirnwäsche mit immer wieder den selben, unsinnigen Inhalten.

    Das christliche Weltbild ist meiner Meinung nach veraltet. Es stammt aus einer kargen, meist kriegerischen Region und beruht weitgehend auf der Weltsicht von Hirtenvölkern.

    Deswegen auch die Betrachtung der Gläubigen als Schafe, die eines Hirten bedürfen.

    Und selbst das Kreuzigen des Wanderpredigers Jesus, das von den Christen als das Non-Plus-Ultra hingestellt wird (falls es ihn historisch überhaupt gegeben hat) ist nichts besonderes, es war damals eine übliche Hinrichtungsart.
    Siehe z. B.:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzigung
    “332 v. Chr. ließ Alexander der Große nach der Eroberung von Tyros etwa 2.000 Männer im wehrfähigen Alter kreuzigen”

    Heute würde man den “Wanderprediger Jesus” einfach kostenpflichtig abmahnen.

    Die ganze christliche Theorie ist aus meiner Sicht ohne geistige Substanz und nur auf Emotionen ausgerichtet.
    =====
    Joachim Datko - Ingenieur, Physiker
    Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft
    Portal: www.monopole.de
    Forum: www.monopole.de/forum

  3. Michael Blume @ Joachim Datko
    14.05.2010 | 14:40

    Danke für das interessante, atheistisch-missionarische Plädoyer!

    Ich bin mir nicht sicher, ob man das Christentum wirklich so einseitig-negativ sehen sollte. Ein paar Gedanken zur religiösen Prägung auch unserer Zivilisation, Sprache(n), Wissenschaft(en) finden Sie hier:
    http://www.chronologs.de/...ie-null-das-gewachsene

    Und zufällig bin ich gerade für diesen Sonntag zu einem Interview über das hinduistische Kastensystem gebeten worden, Beitrag dazu hier:
    http://www.chronologs.de/...n-thema-des-hinduismus

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