chronologs Natur des Glaubens

Gott im Kopf - Wozu?

von Michael Blume, 28. März 2008, 23:03

Jesse Bering, Direktor des Institute of Cognition & Culture an der Universität Belfast, gehört zu den kreativsten und interessantesten Evolutionspsychologen, die in den Evolutionary Religious Studies zur Religiosität des Menschen forschen. Der entschiedene Atheist hat in einer Reihe faszinierender Experimente untersucht, ob schon Kinder "intuitive Theisten" sind - und dabei auch adaptive Vorteile des Glaubens an Gott bestätigt.

Den NewTimes vertraute Jesse seine ursprüngliche Motivation an, die Evolution religiöser Veranlagungen zu erforschen (die folgenden Zitate aus diesem Artikel). Nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich entschlossen, Gott zu stellen: "Wir haben Gott an der Kehle, und ich werde nicht aufhören, bis einer von uns tot ist." Nach jahrelanger Arbeit ist Jesse inzwischen überzeugt: der Gottesglauben ist "keine Idee, kulturelle Erfindung oder Opium für die Massen", sondern ein Produkt der Evolution. "Gott ist eine Art zu denken, die durch natürliche Selektion verewigt wurde."

Die Prinzessin-Alice-Experimente

Bering startete mit den Princess-Alice-Experimenten (alle folgenden Experimente aus dieser Veröffentlichungsliste). Es zeigte sich, dass Kinder die Bitte, eine Box in einem Raum (der per Video von den Experimentatoren und Müttern beobachtet wurde) nicht zu öffnen, dann häufiger erfüllten, wenn ihnen zuvor erzählt worden war, dass sie nicht ganz alleine seien, sondern eine nette, "unsichtbare Prinzessin Alice" anwesend wäre. Die erzählte Realität hatte Wirkmacht gewonnen. Und mit diesem ebenso einfachen wie genialen Experiment unterstrich Bering, dass der Glaube an übernatürliche Akteure schon bei Kindern zu Verhaltensänderungen und Regeltreue beitrage. Und konnte in einer Vergleichsstudie sogar darüber hinaus aufzeigen: Auch noch Studenten (!) schummelten in einem Computertest seltener, wenn ihnen davor beiläufig erzählt worden war, jemand habe kürzlich "einen Geist" im Testraum erblickt. 

In einer zweiten Experimentreihe konnte Bering aufzeigen, dass heranwachsende Kinder mit zunehmendem Alter auch in der Lage waren, "Signale" von übernatürlichen Akteuren zu deuten. So wurden sie gebeten, sich für eine von zwei Boxen zu entscheiden, da in einer ein Ball versteckt sei. Wieder wurde ein Teil der Kinder über die Anwesenheit einer liebenswerten, unsichtbaren Prinzessin Alice informiert. Gingen nun "zufällig" Lichter an und aus oder fiel ein Bild auf den Boden, so wechselten ältere Kinder häufiger die gewählte Box: einige werteten auch im Abschlussgespräch die (zum Experiment gehörenden) Ereignisse als "Hinweise von Alice". 

Die arme Maus Mr. Brown

Aber Bering und Kollegen waren noch nicht zufrieden - sie wollten wissen, ob diese Haltungen schon biologisch oder erst kulturell angelegt waren. Also boten sie Kindern verschiedenen Alters ein Puppenspiel, in dem eine kleine Puppenmaus auf dem Weg nach Hause von einem Stoffkrokodil verschlungen wurde. Sodann wurden die Probanden befragt, ob die Maus noch lebe, Hunger habe, nach Hause wolle etc. Das Ergebnis: Schon Kindergartenkinder wussten, dass die Maus tot war, ihr Gehirn nicht mehr tue (88 %) und sie keinen Hunger mehr habe - aber nur 24% glaubten, dass sie nicht mehr nach Hause wollte. Auch von den älteren Kindern glaubte noch eine knappe Mehrheit an den weiteren Nach-Hause-Willen der Maus, obwohl sie vom Erlöschen der biologischen Funktionen der Maus überzeugt waren. Die Kinder schrieben einer toten Person Emotionen und Absichten zu.

In einer Kontrollstudie in Spanien wiederholten Bering und Kollegen das Experiment mit Kindern aus einer konfessionslosen und katholischen Einrichtung - und auch hier zeigte sich, dass die katholisch erzogenen Kinder im Laufe ihrer Erziehung nicht etwa Jenseitsvorstellungen aufbauten, sondern nur langsamer abbauten als ihre konfessionslos erzogenen Altersgenossen.

In den Worten von Bering: "Das ist genau das Gegenteil das Musters, das jemand erwarten würde, wenn die Ursprünge des Glaubens ausschließlich auf kulturelle Indoktrination zurück gingen." Stattdessen zeige sich, dass schon in kindlichen Gehirnen Tendenzen zu Seelenvorstellungen und unsichtbaren Akteuren angelegt seien.

Evolutionsvorteil: Regeltreue Kooperation

Aufgrund der experimentellen Befunde hat der Evolutionspsychologe in "Hand of God, Punishment of Man: Punishment and Cognition in the Evolution of Religion" inzwischen seine Unterstützung der These veröffentlicht, dass der Glaube an übernatürliche und ggf. unsichtbare Akteure einen beobachtbaren Kooperationsvorteil mit sich brachte: Wo immer sich Menschen wechselseitig den Glauben an gemeinsame, übernatürliche Beobachter versicherten, schufen sie damit quasi transzendente Schiedsrichter, die per Lohn und (vor allem) Strafe regeltreues Verhalten und Kooperationstreue sicherstellten. Aus natürlichen Epiphänomen des frühmenschlichen Gehirns hätte sich daher der Glauben an übernatürliche und jenseitige Akteure exaptiert.

Bei der Biology-of-Belief-Tagung in Delmenhorst stellten wir fest, dass hier die evolutionspsychologischen und religionsdemografischen Beobachtungen tatsächlich zum gleichen Ergebnis kommen: religiös vergemeinschaftete Menschen heiraten eher und stabiler und ziehen gemeinsam mehr Kinder auf, was nicht die einzigen, aber biologisch besonders bedeutsamen "Kooperationsprozesse" sind. Und auch Thomas Bouchard sah Übereinstimmung mit seinen Befunden aus der Verhaltensgenetik. Ganz verschiedene, unabhängig voneinander enstandene Experimente und Datensätze verschiedenster Wissenschaften bekräftigen inzwischen, dass der Gottesglauben "ganz normal" wie andere Fähigkeiten auch in der Evolution des Menschen entstand.

Und - stirbt Gott?

Jesses Hoffnung, dass eine evolutionsbiologische Erklärung des Glaubens "Gott an die Kehle" gehen würde, hat sich freilich nicht erfüllt. Denn selbstverständlich sagen Hinweise und Nachweise zum biologischen Nutzen des Glaubens nichts über die Existenz des Geglaubten aus. Stattdessen zeigt sich immer wieder, dass die Befunde quer zu den Lagern stehen: religiösen Fundamentalisten und vielen Vertretern der Geisteswissenschaften ist die gesamte Evolutionstheorie von vornherein suspekt und vielen naturwissenschaftlich-evolutionsbiologisch argumentierenden Religionskritikern passt es umgekehrt gar nicht, dass im religiösen Wettbewerb bewährter Glauben, rein empirisch betrachtet, mit biologischem Erfolg verknüpft ist. Der Gottesglaube könnte nur ein adaptives Zufallsprodukt der Evolution sein. Oder aber die Evolution könnte ein Weg sein, auf dem Er sich entfaltet und offenbart. Evolutionäre Religionswissenschaft bleibt also spannend... 



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Natur des Glaubens: Psychologische Religionstheorien - und ihr Problem

Kommentare

  1. Hakon Cramer Princess-Alice-Experimenten
    29.03.2008 | 10:02

    „Die erzählte Realität hatte Wirkmacht gewonnen. Und mit diesem ebenso einfachen wie genialen Experiment unterstrich Bering, dass der Glaube an übernatürliche Akteure schon bei Kindern zu Verhaltensänderungen und Regeltreue beitrage.“

    Dass erzählte „Realität“ Wirkung hat, ist ja nichts neues. Schade nur, dass das Experiment ohne weitere Gegenproben durchgeführt wurde. Deshalb halte ich die Schlussfolgerung bezüglich Glauben für nicht quantifizierbar.
    Was wäre wohl passiert, wenn man neben die Box eine Foto gestellt hätte, wahlweise vom Experimentatoren oder der Mutter. Welche Wirkung hätte der Hinweis gehabt, das Foto passt auf?

    Zur Erfahrung eines jeden Kindes gehört es, dass Fehlverhalten von den Eltern immer wieder entdeckt wird, auch wenn dies zum Zeitpunkt des geschehenes gar nicht anwesend waren. Diese Erkenntnis dürfte weit mehr zum regeltreuen Verhalten beitragen, als der Glaube an übernatürliche Akteure, allerdings auch so etwas wie den glauben an „übernatürliche Kräfte“ der Eltern fördern, die sich ja in Verschiedenstem manifestieren.
    Erst mit zunehmender eigener Erfahrung wird es dem Kind möglich, besser zwischen Menschenmöglichem und Übernatürlichem zu unterscheiden und letzteres als unmöglich zu verwerfen.
    Es ist also wirklich die Frage, ob das beschriebenen Phänomen mit Religiosität zu tun hat, oder nur die normale Entwicklung eines Kindes darstellt.

    Da halte ich auch den Vergleich mit von konfessionslosen und katholischen Kindern in Spanien nur für begrenzt aussagefähig, da sicher alle Kinder in Spanien schon mal etwas vom Christkind und dessen positiven Aspekten gehört haben. (Ob es auch in Spanien Geschenke bringt?) Von der „Erkenntnis“, dass es übernatürliche Wesen gibt, die andern offensichtlich Vorteile bringen, bis zur allgemeinen Akzeptanz übernatürlicher Wesen ist es ja kein weiter Weg.

    Was die Geschichte mit der toten Maus betrifft, verweise ich auf die aktuelle Ausgabe von Gehirn und Geist. (Kind und Tod S.22)
    Hier werden auch sehr treffend die Stadien der kognitive Entwicklung nach Jean Piaget genannt, die allgemeiner gefasst sind als die, hier vorgetragene, religiöse Deutung.

    Weitere Gedanken zum Thema folgen vielleicht später.

  2. Ingo Bading Alice und der Haushund
    29.03.2008 | 16:26

    Ja, das sehe ich ähnlich wie Herr Cramer:

    Man suggeriere beispielsweise einem Haushund, daß sein Herrchen/Frauchen ihn sieht (auch wenn das Herrchen nicht da ist, sagen wir durch eine Tonband-Aufnahme der Stimme oder ähnliches) - und er wird sich anders verhalten, als wenn er glaubt, sein Herrchen würde ihn nicht beobachten. - Hat also der Hund eine angeborene Neigung zum Glauben an "übernatürliche Akteure"?

    (Vom Tonband vorgespielte Lautäußerungen von Artgenossen spielen ja in vielen Verhaltensexperimenten eine Rolle.)

    Ich glaube eher, daß sozial lebende Tiere und Menschen vor allem eine große Neigung haben - und unerfahrene Jungtiere/Kinder noch mehr als Erwachsene -, überhaupt alles Erleben zunächst einmal in sozialen Zusammenhängen, die sie gewohnt sind, und die sie kennen, zu interpretieren.

    Daß dabei immer wieder auch Fehlschlüsse vorkommen, ist wohl beim "Lernen durch Versuch und Irrtum", wie es bei höherer Intelligenz die Regel und notwendig ist, fast zwangsläufig. Sie wird in der Natur der Sache liegen.

    (Übrigens könnte es sich dabei sowohl um ein jeweils individuell-biographisches Lernen durch Versuch und Irrtum handeln als auch um ein paralleles menschheitsgeschichtlich-religionsgeschichtlich-kulturelles Lernen durch Versuch und Irrtum.)

  3. Gerhard Petrausch Glauben
    29.03.2008 | 18:18

    Meiner Meinung nach hat sich Religion
    aus dem beobachten der Natur und dem Hang zum Aberglauben entwickelt. Schon bei alten Höhlenzeichnungen wird gedeutet, daß die Frühmenschen Tiere malten, mit Speeren darauf warfen um daraus zu erkennen ob die Jagt gut verläuft. Wenn dabei etwas Unvorhergesehenes geschah wurde das als schlechtes Zeichen gewertet.
    Irgendeiner hat angefangen die Angst
    vor dem Versagen des Einzelnen für sich auszunutzen. So hat sich im Laufe der Zeit Schamanismus entwickelt.
    Dadurch, daß man durch "Angst machen"
    die Menschen leiten kann wurde die Sache durch geschickte Menschen zur
    Religion weiter entwickelt.
    Religionen leben von der Angst des Menschen vor dem Tod und was danach ist. Alle heutigen großen Religionen (Christen, Juden, Muslime) leben sehr gut davon. Beim Buddismus ist das
    anders.
    Bei allen Probanden aus den Studien,
    (so meine Meinung), ist eine gewisse Vorbildung in Religion durch Eltern, Kindergarten, Schulen und Freunde gegeben. denn auch die Kleinen reden
    ab drei über solche Sachen.

  4. Michael Blume @ Herr Cramer: Erzählte Realität
    29.03.2008 | 18:21

    Da kann und möchte ich Ihnen gar nicht widersprechen. Für sich allein genommen geben experimentell-psychologische Befunde noch keine haltbare Religionstheorie her - sie können lediglich zum empirisch-evolutionstheoretischen Gesamtbild, wie es ja geschieht, einen (weiteren) Baustein beisteuern. Und, ja, es sollte noch sehr viel mehr Experimente in diesem Bereich geben - die von Ihnen vorgeschlagenen Settings z.B. mit Bildern der Eltern wären auch meines Erachtens sehr interessant!

    Nur den spanischen Vergleich würde ich nicht ganz so leicht abtun. Gerne wird ja (ohne jeden empirischen Beleg) behauptet, Kindern würde man beispiels-weise Jenseits- oder Seelenvorstellungen erst kulturell einimpfen. Die Befunde ergeben jedoch das glatte Gegenteil: jüngere Kinder vertreten diese stärker als ältere und religiös erzogene Kinder bauen sie durchschnittlich langsamer ab! Interessant ist auch, wie unterschiedlich Kategorien wahrgenommen werden, das Enden biologischer Vorgänge wird bspw. sehr viel früher wahrgenommen als das (mutmaßliche) Enden von Wünschen und Wollen.

    Mit Daten (S. 7,8) siehe hier:
    http://www.qub.ac.uk/.../Filetoupload,90230,en.pdf

    Also insgesamt: ja, alleine wird die Evolutionspsychology (selbst wenn sie noch sehr viel mehr Experimente beisteuert), das Phänomen Religion kaum entschlüsseln können. Aber gerade die auch experimentell beobachtbare Wirksamkeit sozial konstruierter, übernatürlicher Akteure und der Empfänglichkeit menschlicher Gehirne dafür sind natürlich sehr spannende Beiträge zum interdisziplinären Mosaik, das sich abzeichnet.

  5. Michael Blume @ Ingo: Voranlagen auch bei Tieren
    29.03.2008 | 18:31

    Lieber Ingo,

    nun, wie ich ihn verstanden habe, würde Dir Jesse ausdrücklich beipflichten!

    Du schriebst:

    "Man suggeriere beispielsweise einem Haushund, daß sein Herrchen/Frauchen ihn sieht (auch wenn das Herrchen nicht da ist, sagen wir durch eine Tonband-Aufnahme der Stimme oder ähnliches) - und er wird sich anders verhalten, als wenn er glaubt, sein Herrchen würde ihn nicht beobachten. - Hat also der Hund eine angeborene Neigung zum Glauben an "übernatürliche Akteure"?"

    Und, ja, genau dort sieht auch Jesse den Ursprung des Ganzen - in der "Theorie of Mind", wenn Phänotypen also beginnen können, sich Gedanken über die Auswirkungen anderer Wahrnehmungen zu machen ("Wenn der mich dabei beobachtet, könnte das diese Auswirkungen haben...").

    "Ich glaube eher, daß sozial lebende Tiere und Menschen vor allem eine große Neigung haben - und unerfahrene Jungtiere/Kinder noch mehr als Erwachsene -, überhaupt alles Erleben zunächst einmal in sozialen Zusammenhängen, die sie gewohnt sind, und die sie kennen, zu interpretieren."

    Genau. Und dann kam beim Menschen auch noch die Sprache dazu - wenn Dich A also bei etwas beobachtet, konnte er dies B und C auch noch mitteilen - eine enorme Verstärkung! Dass sich hier auch bald sozial-erzählend konstruierte Beobachter etablieren werden, liegt doch eigentlich nahe, oder!?

    Und, übrigens: Auch Darwin würde Dir wohl Recht geben. In "Die Abstammung des Menschen" begründet er seine Vermutung eines veranlagten Animismus (der Zuschreibung eines "Wollens" auch in Sachen) mit dem Beispiel eines Hundes, der einen vom Wind bewegten Sonnenschirm anbellt. Viele "Zutaten" zur Religiosität (z.B. auch Trauer, spielerische Rituale, Theorie of Mind etc.) sind in der Tat auch bei anderen Säugetieren vorhanden!

  6. Michael Blume @ Petrausch: Priesterbetrugshypothese
    29.03.2008 | 19:00

    Sehr geehrter Herr Petrausch,

    herzlichen Dank für Ihren Beitrag!

    Man nennt die von Ihnen vorgebrachte Hypothese die sog. "Priesterbetrugshypothese". Sie ist immer noch recht populär, aus evolutionsbiologischer Sicht gilt sie jedoch als eindeutig widerlegt.

    Denn wenn einige "Kluge" andere "Dumme" per Religion nur ausnützen würden, dann wäre Religiosität für die ausgenutzten Anhänger insgesamt maladaptiv (reproduktiv schädlich). Und bedenken Sie, dass wir beide in der Einschätzung eines großen elterlichen Einflusses übereinstimmen - Eltern würden demnach nicht nur sich selbst schaden, sondern auch ihren Kindern schadhaftes Verhalten vermitteln!

    Religionsbezogene Veranlagungen hätten demnach unter starkem Selektionsdruck stehen und (zugunsten der "Klugen") aussterben müssen. Schon das archäologische Bild widerspricht dem jedoch frontal: seit dem ersten Auftreten einfacher Bestattungen in der mittleren Altsteinzeit hat religiöses Verhalten an Komplexität enorm zugenommen, heute gibt es keine Menschengesellschaft "ohne" religiöses Verhalten.

    Und vor allem: Wie Sie an der Grafik oben sehen, pflanzen sich auch heute religiös vergemeinschaftete Menschen durchschnittlich sehr viel erfolgreicher fort als Konfessionslose. Dies ist weltweit und quer durch Bildungs- und Einkommensschichten so, wie eine schnell wachsende Flut von Daten einhellig bestätigt. Siehe hier eine kleine Zusammenstellung:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...047705/

    Also - rein biologisch gesehen "nützt" religiöse Vergemeinschaftung Glaubenden gerade auch heute nachweislich bei der Weitergabe ihrer Gene - nicht in jedem Fall, aber in der Summe.

  7. Ingo Bading "Übernatürliche Akteure" und Angst
    31.03.2008 | 09:20

    Vielen Dank, Michael, für diese Klarstellungen.

    Dann nimmt man die Interpretation dieser experimentellen Ergebnisse doch mit etwas weniger "Ehrfurcht" entgegen.

    Vielleicht noch eine kurze gedankliche Weiterführung dieser Forschungen:

    Ist es nicht wahrscheinlich, daß besonders ängstliche Menschen/Tiere eher dazu neigen, "übernatürliche Akteure" in ihrer unmittelbaren Lebensumwelt anzunehmen, zu vermuten, vorauszusetzen, als solche, die weniger ängstlich sind?

    Auch das müßte sich doch experimentell überprüfen lassen. (- Vielleicht schon geschehen?)

    Und könnte man dann zu dem Ergebnis kommen, daß der Glaube an "übernatürliche Akteure" besonders in solchen Gesellschaften ausgeprägt ist, bzw. besonders solche Gesellschaftsformen unterstützt, in der Angst in sozialen, zwischenmenschlichen Beziehungen eine größere (überdurchschnittliche) Rolle spielt?

    Es gibt ja auch Verhaltenshormone/-gene, die Angstverhalten steuern und mittelfristig könnte/wird die Wissenschaft sicherlich fragen, ob bestimmte Formen von gelebter Religiosität mit dem Vorherrschen bestimmter Gentypen korreliert.

    Das wäre jedenfalls alles sehr spannend.

  8. Michael Blume @ Ingo: Religiosität und Angst
    31.03.2008 | 09:48

    Ja, interessant wäre das auf jeden Fall.

    Nur würde ich vermuten, dass es auch da komplexere Ergebnisse zeigen würde. Denn die übernatürlichen Akteure sprechen ja nicht nur Ängste an, sondern auch Hoffnungen und (nicht zuletzt!) soziale Beziehungen. Die Ahnen, Götter, Gott werden gefürchtet, aber meist auch geliebt. Der Religiöse geht (auch) mit ihnen Beziehungen ein, sucht mitunter ihre Nähe.

    Und so räumt Benjamin Beit-Hallahmi in "Atheists - A psychological Profile" im Cambridge Compendium to Atheism nach Durchsicht Dutzender Studien mit dem Vorurteil auf, Atheisten litten generell an irgendeiner Störung. Allerdings gibt es signifikante Merkmale: sie sind überwiegend männlich - und zeigen weit überdurchschnittlich häufig "vermeidendes Beziehungsverhalten".

    Ich wette (und die demografischen Daten zeigen das ja auch): Angst vor Verbindlichkeit gerade auch in Beziehungen korreliert negativ mit Religiosität - wer mit dem eigenen Partner, den eigenen Eltern nichts anfangen kann, wird auch himmlische Partner und Eltern tendenziell kritischer sehen und vice versa.

    Ich hoffe, es kommt rüber: Es gibt hier noch so viel zu erforschen - und gefragt sind keine So-So-Geschichten mehr, sondern harte Daten, gewonnen in interdisziplinärer Forschung...

  9. Michael Blume @ Ingo: Religion, Gesellschaft, Angst
    31.03.2008 | 09:55

    Eine Subfrage von Dir lässt sich aber bereits klar beantworten: Du fragtest, ob Religiosität "besonders solche Gesellschaftsformen unterstützt, in der Angst in sozialen, zwischenmenschlichen Beziehungen eine größere (überdurchschnittliche) Rolle spielt"

    Das ist eindeutig der Fall. Religiöse Vergemeinschaftung und Teilnahme an Ritualen zielt auf Vertrauen auch zwischen den Teilnehmern - und wird besonders in Gefahrensituationen bzw. gefährlichen Umwelt gesucht. Wo z.B. vertrauensvolle Kooperation lebensnotwendig sind, treffen wir regelmäßig auf schmerzhafte Initiationen und teure Rituale - akzeptiert wird nur, wer seine Verbindlichkeit unter Beweis stellt.

    Und umgekehrt: Säkularisierung setzt am stärksten in den Gesellschaften ein, die einen funktionierenden Sozialstaat entwickelt haben. Wo die existentielle Bedrohung abnimmt, entziehen sich insbesondere Männer bald den als beengend empfundenen Gemeinschaftsverpflichtungen. (Vgl. das empirisch reiche "Sacred and Secular", Inglehart & Norris 2004.)

  10. Lutz kleiner Vierzehn Prozent
    01.04.2008 | 12:39
    Ich habe das hier mal zum richtigen Beitrag rübergeschaufelt. - Red.
  11. Michael Blume @ Lutz
    01.04.2008 | 13:39

    Danke für den spannenden Beitrag. Ich vermute jedoch, er bezieht sich auf die Diskussion um das Inzest-Verbot in "Libertarian" von Edgar Dahl:

    http://www.wissenslogs.de/...m-die-volksgesundheit

    Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist anzumerken, dass auch Religionsgemeinschaften etwa des orthodoxen Judentums, denen über Jahrhunderte die Aufnahme von Konvertiten untersagt war und die also streng endogam heirateten, mit dem Problem akkumulierender Genverwandtschaft rangen und ringen. Daraus sind eigene Werke entstanden, die beispielsweise anonymisierte Gentests vor der Ehe anbieten, z.B. Dor Yeshorim.
    Siehe Wikipedia:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Dor_Yeshorim

    Dies ist natürlich insofern interessant, weil es aufzeigt, wie vielfältig sich auch traditionelle Religionsgemeinschaften unter Anwendung neuester Techniken auf reproduktive Herausforderungen einstellen können.

  12. Lutz jetzt oder nie
    01.04.2008 | 15:45

    Hallo Michael,

    ja, da hab ich mich vertan und den Beitrag falsch platziert. Ich bitte um Entschuldigung.

    Zu Deinem Beitrag ist mir das Folgende eingefallen:

    Die Graphik zeigt große Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Hinduisten und Moslems haben die meisten Kinder, Zeugen Jehovas und Mitglieder der „Christkatholische Kirche“ die wenigsten. Ich könnte dafür eine plausible Erklärung anbieten. Im Hinduismus und Islam ist einerseits die Rolle der Frau durch Männerwünsche und -träume festgeschrieben, und andererseits sind diese Gemeinschaften zu rigide, um den Frauen eine faire Chance zur Selbstbestimmung oder Ausbruch zu geben. Auch in den Religionen am anderen Ende der Skala ist die Rolle der Frau durch Männerwünsche und -träume festgeschrieben, aber hier haben die Frauen die Möglichkeit die Gemeinschaft zu verlassen. Es bleiben nur die Frauen, die für sich keine Chance sehen, die Gemeinschaft zu verlassen, da sie sich schwach oder minderwertig fühlen, z.B. durch eine vergleichsweise geringe Gesundheit oder Intelligenz. Diese Frauen haben natürlich geringere Chancen sich zu reproduzieren.

    Wichtig wäre es also, nicht nur die momentane Religion der Frau zu kennen, sondern auch die Religion ihrer Eltern.

    Warum hat sich der Monotheismus gegenüber dem Polytheismus weitgehend durchgesetzt? Dieses Faktum ist umso erstaunlicher, weil zu Zeiten des ersten Aufeinandertreffens von Mono- und Polytheismus, die kulturell, technisch und militärisch höher stehenden Völker dem Polytheismus anhingen. Der Polytheismus hat auch weniger logische Konflikte zu bewältigen als der Monotheismus. Es ist ein leichtes mit theoretischen Mitteln zu beweisen, dass es kein allmächtiges Wesen geben kann (weil es unlösbare Aufgaben gibt). Es ist sogar experimentell bewiesen, dass es kein Wesen geben kann, das zugleich allmächtig und gut ist (Theodizee-Problem bei Tieren). All diese logischen Konflikte hat der Polytheismus nicht. Wie wollte man beweisen, dass es keine Götter geben kann, die mehr oder weniger egoistisch und mehr oder weniger mächtig sind?! Und trotzdem hat sich der Monotheismus durchgesetzt; komisch, oder?

    Auch hierfür hätte ich eine plausible Erklärung anzubieten. Der Glaube an den einen lieben Gott ist eine rudimentäre Erinnerung an die ersten Erfahrungen und logischen Schlussfolgerungen des Menschen als Fetus. Ein Fetus weiß natürlich nichts von seiner Mutter, aber er kann doch irgendwie erfahren und erfühlen, dass seine Umgebung belebt ist und dass da jemand ist, der auf ihn reagiert und der es gut mit ihm meint.

    mfg
    Lutz

  13. Michael Blume @ Lutz
    01.04.2008 | 17:39

    Herzlichen Dank für den Beitrag, der sich schon eigenständig auf die Spuren der Evolutionstheorie der Religion(en) macht! Danke, das ist erfreulich!

    "Die Graphik zeigt große Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Hinduisten und Moslems haben die meisten Kinder, Zeugen Jehovas und Mitglieder der „Christkatholische Kirche“ die wenigsten."

    Stimmt! (-:

    "Ich könnte dafür eine plausible Erklärung anbieten. Im Hinduismus und Islam ist einerseits die Rolle der Frau durch Männerwünsche und -träume festgeschrieben, und andererseits sind diese Gemeinschaften zu rigide, um den Frauen eine faire Chance zur Selbstbestimmung oder Ausbruch zu geben. Auch in den Religionen am anderen Ende der Skala ist die Rolle der Frau durch Männerwünsche und -träume festgeschrieben, aber hier haben die Frauen die Möglichkeit die Gemeinschaft zu verlassen."

    Interessante These, aber wurde schon überprüft! (-:

    Zunächst: Auch die Demografie von Islam und Hinduismus entwickeln sich pfadähnlich wie die christliche Demografie - mit sozioökonomischer Entwicklung, Säkularisierung und Individualisierung sinkt die Geburtenrate dort ebenso. In vielen islamischen Ländern ist sie inzwischen auch bei oder unter der Bestandserhaltungsgrenze, z.B. Bosnien, Albanien, Türkei, Iran (!). In den USA werden inzwischen mehr Kinder geboren als in allen letztgenannten Ländern!

    Siehe dazu ein Vortragsskript
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...520939/

    und bzw. oder auch eine aktuelle Buchrezension französischer Demografen
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...817161/

    Die hohen Geburtenraten von Hindus und Muslimen in der Schweiz erweisen sich so als Nachwirkungen der agrarischen Prägungen der Zuwanderer, sie gleichen sich rapide an. Diese beiden Weltreligionen sind in sich ebenso vielfältig und zu Reformen fähig wie es Christen- und Judentum vor ihnen waren (denen Religionsfreiheit und Gleichberechtigung der Frau auch nicht immer ein zentrales Anliegen waren, gelinde gesagt.)

    "Es bleiben nur die Frauen, die für sich keine Chance sehen, die Gemeinschaft zu verlassen, da sie sich schwach oder minderwertig fühlen, z.B. durch eine vergleichsweise geringe Gesundheit oder Intelligenz. Diese Frauen haben natürlich geringere Chancen sich zu reproduzieren."

    Generell verlassen überwiegend Männer Kirchen und Religionsgemeinschaften - Frauen sind in allen etablierten Religionsgemeinschaften überrepräsentiert. Die (zweit-)höchste Frauenquote aller Schweizer Rel.gemeinschaften haben (nach dem Sonderfall Buddhismus - viele Buddhistinnen aus Thailand u.a. wurden als Ehefrauen von Schweizer Christen und Konfessionslosen ins Land geholt) - die Zeugen Jehovas. Die Gründe dafür werde ich in einem späteren Beitrag zur "Gretchenfrage" erläutern. Wer schon mal zu den evolutionsbiologischen Gründen spickeln mag:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...151868/

    Also, die Abwendung von Frauen ist es nicht. Es zeigt sich vielmehr, dass zwei Wege zu niedrigen Geburtenraten führen:

    1. Zuviel religiöse Unverbindlichkeit, der allzu "liebe Gott" steuert kaum mehr Verhalten.

    2. Traditionelle Familienpolitik ohne Aufbau von Kinderbetreuung, die die Familien entlasten.

    Die zweite "Strategie" betrifft die Zeugen Jehovas und die Neuapostolische Kirche - hier schaffen es auch willige, junge Leute kaum, in der sehr teuren Alleinverdienerehe mehr als zwei Kinder groß zu ziehen, zumal sie von ihren Kirchen dabei kaum unterstützt werden. Die Folge: Viele Kinderwünsche bleiben unrealisiert, andere junge Paare wandern zu Gemeinschaften mit familienpolitischer Toleranz und Kinder- und Jugendeinrichtungen ab.

    "Warum hat sich der Monotheismus gegenüber dem Polytheismus weitgehend durchgesetzt? Dieses Faktum ist umso erstaunlicher, weil zu Zeiten des ersten Aufeinandertreffens von Mono- und Polytheismus, die kulturell, technisch und militärisch höher stehenden Völker dem Polytheismus anhingen."

    Nur soviel: Dieses Rätsel konnten wir bereits lösen bzw. beschreiben und auch an Daten testen - auch dazu wird es einen späteren, eigenen Beitrag geben. Wenn ich alle 10-14 Tage einen schreibe, sind wir bis Jahresende durch! (-;

    "Auch hierfür hätte ich eine plausible Erklärung anzubieten. Der Glaube an den einen lieben Gott ist eine rudimentäre Erinnerung an die ersten Erfahrungen und logischen Schlussfolgerungen des Menschen als Fetus. Ein Fetus weiß natürlich nichts von seiner Mutter, aber er kann doch irgendwie erfahren und erfühlen, dass seine Umgebung belebt ist und dass da jemand ist, der auf ihn reagiert und der es gut mit ihm meint."

    Ja, das ozeanische Urgefühl etc. wird häufig als Basis mystischer Erfahrungen genannt. Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob z.B. die Nachfrage nach Muttergöttinnen (bzw. Maria im Christentum, Fatima im Islam etc.) damit zusammen hängt. Aber für den Siegeszug des Monotheismus gibt es bereits einen evolutiven Erklärungsansatz, der ohne psychologische Prägungen auskommt. Kommt noch extra, versprochen.

    Danke für das rege Interesse und Mitdenken! So etwas kann man sich als Wissenschaftler ja nur wünschen! (-:

  14. Michael Blume Anmerkung: Naturtatsachen - Artefakte
    03.04.2008 | 11:31

    Der Zusammenhang von naturwissenschaftlichen Erklärungen und Existenzfragen wird auch in der "Guten Stube" von Carsten Koenneker in einem kleinen Dialog mit Prof. Prinz (MPI Leipzig) über Naturtatsachen und Artefakte gerade behandelt. Liebhaber der Erkenntnistheorie sollten reinschauen!

    http://www.wissenslogs.de/...3/deutsche-diskussion

  15. Lutz Überraschung NAK
    03.04.2008 | 13:38

    Hi Michael,

    Du schreibst: „Die zweite "Strategie" betrifft die Zeugen Jehovas und die Neuapostolische Kirche - hier schaffen es auch willige, junge Leute kaum, in der sehr teuren Alleinverdienerehe mehr als zwei Kinder groß zu ziehen, zumal sie von ihren Kirchen dabei kaum unterstützt werden. Die Folge: Viele Kinderwünsche bleiben unrealisiert, andere junge Paare wandern zu Gemeinschaften mit familienpolitischer Toleranz und Kinder- und Jugendeinrichtungen ab.“ Das will ich koppeln mit der von Dir erläuterten Gretchenfrage.

    Ich habe zufällig einen Nachbarn, der in der Neuapostolischen Kirche eine Position bekleidet, ungefähr im Mittelfeld der Hierarchie. Als ich dem einmal entgegengehalten habe, die christlichen Kirchen würden zwar immer von Liebe reden, aber de facto wären sie die größten Liebesverhinderer, hat er mir eine erstaunliche Statistik vorgehalten: in keiner Religionsgemeinschaft gibt es so viele Scheidungen und Zweit- oder Dritthochzeiten wie in der NAK. Nach ihren eigenen Befragungen hätte Jugendliche der NAK eher Geschlechtsverkehr als andere Jugendliche, erwachsene Mitglieder hätte öfter GV als andere Erwachsene und das erwachsene Mitglied würde öfter fremdgehen als andere Erwachsene (daher die hohe Scheidungsrate). Frage: Kannst Du das bestätigen und wie passt das zu Deiner Gretchenfrage? Hinweis: An der Spitze der NAK steht ein promovierter Mathematiker, was mich auch angenehm überrascht hat. Und Verhütung wurde in der NAK nie verboten. Ich denke, wenn die Grundlage aller Religionen nicht so grottenverkehrt wäre, dann könnte ich fast neuapostolisch werden ;-)

    mfg
    Lutz

  16. Michael Blume @ Lutz - NAK
    03.04.2008 | 21:46

    Die Neuapostolische Kirche (auch, aber nicht nur in Deutschland) durchläuft gerade eine sehr schwierige Phase - einige sprechen auch von einer Krise. Und diese ist begleitet von heftigen, inneren Diskussionen auch über die Fragen von (allzu hierarchischen?) Strukturen und Traditionen, des Verhältnisses zu den anderen Kirchen und den inneren Zustand.

    Das (resignative?) Bild auch von der Verfassung der Gemeinde(n), das Dir geboten wurde, würde ich so fatal nicht zeichnen. Aber die Daten zeigen doch, dass die NAK zu überaltern droht, weil zu wenige Kinder geboren werden und viele junge Leute die Kirche verlassen. In Berlin hat es jüngst für Aufsehen gesorgt, dass zwei NAK-Kirchen an Moscheevereine verkauft werden mussten:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...346647/

    Im Grundsatz finde ich es immer schade, wenn Religionsgemeinschaften unter ihren Möglichkeiten bleiben, Leben und Lebensentfaltung zu fördern und zu ermutigen. Ob die NAK durch innere Reformen wieder Boden unter die Füsse bekommt, weiter schrumpft oder gar zerbricht - Fragen des Umgangs mit Familien und jungen Leuten werden sicher zu den entscheidenden Themen gehören. Und vielleicht gelingt es den NAK-Oberen ja, Rat sowohl von der eigenen Basis wie auch von außen zu gewinnen.

  17. Lutz praktische Theodizee
    04.04.2008 | 13:41

    Hallo Michael,

    mich interessiert das Folgende. Gesetzt den Fall einem frommen Menschen widerfährt ein Schicksalsschlag, z.B. Querschnittslähmung durch Krankheit nach langer Zeit vergeblicher Hoffnung. Wie groß sind die Wahrscheinlichkeiten, dass er
    a) zu einer anderen Religion wechselt,
    b) Atheist wird,
    c) versucht seine ursprüngliche Religion zu intensivieren,
    d) sich an seiner Religiosität gar nichts ändert.

    Gibt es dazu Untersuchungen? Ist das Reagieren eher abhängig von der Religion, oder von der Art des Schicksalsschlag oder wie alt der Mensch war, als ihn der Schicksalsschlag getroffen hat?

    mfg
    Lutz

  18. Michael Blume @ Lutz: Krisenerfahrungen
    05.04.2008 | 16:02

    Auch in diese Richtung (Salutogenese, Coping) habe ich einen späteren Beitrag geplant. (Hatte mal eine außerordentlich eindrucksvolle Tagung mit Krankenhaus- und Polizeiseelsorgern dazu, in der wir die wissenschaftlichen Befunde und die Praxiserfahrungen abglichen - werde ich nie vergessen...) Aber soviel schon vorab: Krisenerfahrungen führen meistens zur Intensivierung religiöser Zuwendung, seltener zu Konversionen, sehr selten zur Abwendung von Religion.

    Der logischen Argumentation erscheint es geradezu paradox: Aber gerade dann, wenn Schlimmes geschehen ist - ein Erdbeben Tote gefordert hat, ein Kind erkrankt, ein Attentat geschah o.ä. - wenden sich die Menschen dem Religiösen zu. Nach dem Amoklauf von Erfurt strömten die erschütterten (zu zwei Dritteln konfessionslosen!) Menschen beispielsweise nicht in die Kneipen, Stadien oder Parteibüros, sondern in die Kirchen. Und dort wollten sie erst einmal keine Predigten hören, sondern im Stillen religiöses Verhalten vollziehen, v.a. Rituale begehen (Kerzen anzünden, Blumen legen, beten etc.).

    Im Volksmund sind diese Zusammenhänge gut bekannt: "Not lehrt beten", "In den Schützengräbern gibt es keine Atheisten" u.ä. lauten entsprechende Sprichworte. Und aus evolutionspsychologischer Perspektive macht das auch Sinn. Aber, wie gesagt: dazu später mal ein eigener Beitrag. (-;

  19. Hakon Cramer Kinder und Tod
    06.04.2008 | 10:05

    „Gerne wird ja (ohne jeden empirischen Beleg) behauptet, Kindern würde man beispiels-weise Jenseits- oder Seelenvorstellungen erst kulturell einimpfen. Die Befunde ergeben jedoch das glatte Gegenteil: jüngere Kinder vertreten diese stärker als ältere und religiös erzogene Kinder bauen sie durchschnittlich langsamer ab! Interessant ist auch, wie unterschiedlich Kategorien wahrgenommen werden, das Enden biologischer Vorgänge wird bspw. sehr viel früher wahrgenommen als das (mutmaßliche) Enden von Wünschen und Wollen.“

    Ich denke man muß hier ganz klar unterscheiden, den Begriffe, wie Jenseits und Seele, sind für kleinere Kinder Bedeutungslos.
    Jenseits beginnt hinter dem Horizont, das kann in Paris, Afrika oder im Himmel sein. Man kann mit dem richtigen Verkehrsmittel hin fahren und auch wieder zurück.

    „Da Kinder bis zum zehnten oder elften Lebensjahr ein ganzheitliches Verständnis vom Menschen haben, können sie eine Trennung von Körper und Seele, wie sie in den Religionen dargestellt wird, nicht fassen.“ (S. 26 Gehirn und Geist 4-2008 Kinder und Tod)
    Für Kinder ist die Welt animistisch.
    In jedem Stein, jeder Pflanze, jedem Tier und jedem Menschen (auch dem Toten Körper), aber auch jedem Ort entwickelt Lebenskraft einen eigenen Willen, der natürlichen Regeln folgt.
    Steine und Tote bewegen sich nicht, aber sie haben einen eigenen Willen.

    Dieses Todeskonzept wir mit zunehmenden Alter schwächer, was ja auch die, von Ihnen genannten Zahlen belegen.
    Die Erkenntnis, das der Tod endgültig, unwiderruflich und universell ist, setzt im Alter von ca. neun Jahren ein und kann zu Ängsten führen, die eine Verdrängung des ganzen Themas mit sich bringt.

    Erst mit der Pubertät wendet sich der Blick wieder nach innen und auf existenzielle Fragen und eine neue Vorstellung vom Tod entsteht.
    Damit kann Religion auch erst zu diesem Zeitpunkt eine tiefere Bedeutung erlangen.
    Deshalb werden Jugendliche auch erst in diesem Alter als vollwertiges Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen.

  20. Michael Blume @ Cramer: Kindheit und Tod
    06.04.2008 | 21:09

    Lieber Herr Cramer,

    für diesen wertvollen Beitrag möchte ich danken. Denn er reflektiert sehr schön, dass wir den Erkenntnisapparat und die Begriffe von Kinder natürlich stets mit denen von Erwachsenen reflektieren. Gleichzeitig wird m.E. sehr schön deutlich, dass hier religiöse Lehren tatsächlich auf naturwüchsigen Gehirnstrukturen aufbauen und von dort aus neues (insgesamt) adaptives Potential erschließen. Wir sind als Menschen nie ein weißes Blatt Papier, auf das Erziehende, Meme o.ä. schreiben könnten, was immer sie wollten.

    Arbeiten Sie im Bereich der Psychologie?

    Herzliche Grüße!

    Michael Blume

szmtag