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Glück, Glauben und Gemeinschaft

von Michael Blume, 06. Mai 2008, 16:06

In der aktuellen Mai-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft findet sich ein sehr lesenswerter Artikel des (aus den Wissenslogs wohlbekannten) Philosophen Edgar Dahl zur empirischen Glücksforschung. "Macht Geld glücklich - das Wohlstandsparadox" (kostenloser Download hier) behandelt dabei auch Aspekte von Religion und Demografie, die aufzugreifen sich lohnt.

Reichtum macht nicht unbedingt glücklich - Glauben aber schon

So stellt Edgar Dahl fest: "Menschen, die bewusst dem Ruhm, der Schönheit oder dem Geld nachjagen, sind nachweislich unglücklicher als Menschen, die weniger materielle Ziele verfolgen. Und Menschen, die ihrem Leben einen Sinn zu verleihen verstehen, sind in der Tat glücklicher als solche, die lediglich von einer Zerstreuung zur nächsten eilen. Religiöse Menschen sind daher im Schnitt auch etwas glücklicher als nichtreligiöse."

Ergänzend ist noch hinzuzufügen, dass ein Teil dieser (durchschnittlichen) Glückssteigerung auch mittelbar sozial verursacht sein dürfte: Religiös vergemeinschaftete Menschen heiraten durchschnittlich eher und stabiler (ein eigenständiger Glücksfaktor) und die Mitgliedschaft in Religionsgemeinschaften eröffnet u.a. den Zugang zu Bekanntschaften, Haus- und Freundeskreisen, ehrenamtlichen Initiativen u.v.m.

Interessant ist auch, dass laut einer neueren Glücks-Studie von Liesbeth Snoep der Religion-Glück-Zusammenhang in den USA deutlich stärker ausfällt als z.B. in Dänemark oder den Niederlanden. Wer die Thesen vom religiösen Wettbewerb (Markt) bereits wahrgenommen hat, wird nicht überrascht sein: Wie auch in der Demografie entfaltet sich auch in der Hebung von Glück das Potential von Religion(en) erst in Vielfalt und Wettbewerb.

Frauenrollen und Gemeinschaft

Männliche Verwunderung räumt Edgar Dahl im Hinblick auf Ergebnisse einer Umfrage unter 900 berufstätigen Frauen ein. "Gewiss ist es nicht weiter verwunderlich, dass ihnen Sex mehr Spaß bereitet als Hausarbeit; doch dass sie lieber fernsehen oder telefonieren als auf ihre Kinder aufzupassen, ist zumindest bemerkenswert. Befragt, in wessen Anwesenheit sie sich am glücklichsten fühlen, zeigte sich dabei erneut, dass Frauen lieber Zeit mit ihren Freunden verbringen als mit ihren Kindern."

Dieser Befund ist m.E. evolutionstheoretisch nicht allzu sonderbar: Beim Menschen evolvierte die Erziehung von Kindern zur Gemeinschaftsaufgabe. Dass beispielsweise insbesondere Menschenfrauen auch lange nach ihrer reproduktiven Phase weiter leben, wird längst maßgeblich mit der (genetisch wertvollen) Großmutter-Hilfe vor allem an der Tochter und deren Kindern erklärt (vgl. die Grandmotherhood-Forschung, in Deutschland v.a. Eckart Voland). Nur mit der Vergemeinschaftung war es auch möglich, die zeitlichen Abstände der Menschengeburten auch gegenüber unseren nächsten Primatenverwandten trotz steigenden Aufwands (größeres Gehirn, längere Kindheit etc.) für die Nachkommen zu verkürzen. Mütter, die jedes Kind ganz allein aufziehen sollen oder für sich monopolisieren, gerieten und geraten schnell an die Leistungsgrenzen - entsprechend "belohnt" auch unser Glückssystem solches nicht, sondern ermutigt zum Aufbau und Erhalt sozialer Netzwerke.

Die bürgerliche Kleinfamilie aus Papa, Mama, Kind und angeblich fixierter Arbeitsteilung ist ein (zeitweise durchaus adaptives!) Produkt der Neuzeit, wurde und wird aber in der Realität durch Kindermädchen, Betreuungs- und Bildungseinrichtungen und nicht zuletzt helfende Verwandte ergänzt. Auch in heutigen Wildbeuterkulturen kommt der Gemeinschaft hierbei größte Bedeutung zu und ein afrikanisches Sprichwort weist bis heute zu Recht darauf hin: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein Dorf. Dass sich moderne Frauen also zunehmend gegen eine einseitige Lastenverteilung wehren und sich ungern einreden lassen, in der Fixierung auf das Kind habe ihr höchstes und einziges Glück zu liegen, ist buchstäblich völlig natürlich.

Und wo fanden und finden Frauen (durchschnittlich) verläßlichere Ehepartner und Familienbande, auch als Mütter soziale Anerkennung und ggf. Gemeinschaftsnetzwerke und Institutionen, die Familie und Kindererziehung unterstützen? Genau: in Religionsgemeinschaften, weswegen Frauen durchschnittlich religiöser sind als Männer (siehe Gretchenfrage).

Fazit: Glück Glauben

Edgar Dahl beschließt den Artikel mit dem Hinweis auf den biogenetischen Imperativ, der auf die Maximierung des Reproduktionserfolgs ziele: "Wenn wir etwas biologisch Sinnvolles tun, wie etwa unseren Hunger stillen, unseren Durst löschen oder unsere Begierden befriedigen, belohnt sie (Mutter Natur) uns mit Glücksmomenten, die groß genug sind, damit wir das Verhalten gern wiederholen, aber eben nicht so groß, dass wir darüber unsere "biologischen Pflichten" vergessen."

Dem ist m.E. nur hinzuzufügen: Auch das religiöse Glauben, Beten und Vergemeinschaften wird mit nachweisbaren Glücksmomenten belohnt, weil es insgesamt (auch) "biologisch sinnvoll" ist, zu mehr Reproduktionserfolg führt und der evolvierten Natur des Menschen entspricht. Dass Homo Sapiens Glaubensfähigkeiten entwickelt hat, erweist sich - rein evolutionstheoretisch gesehen -... als Glück.





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Kommentare

  1. adenosine kein Betreff
    06.05.2008 | 18:02

    Fragt sich nur, wie das Belohnungssystem eine religiöse Tätigkeit wie Beten von nichtreligiösen Ritualen wie z.B. „Lottoschein ausfüllen“ oder „Auto polieren“ unterscheiden kann, um mit der Produktion der Glücksdroge zu beginnen.

  2. Edgar Dahl @ - Michael
    06.05.2008 | 21:06

    Lieber Michael, hab' recht herzlichen Dank für Deinen Hinweis auf meinen kurzen Essay. Ich werde mich bei Gelegenheit gerne revanchieren.

    Ich finde es reizvoll, über die philosophischen und religiösen Implikationen der Glücksforschung zu spekulieren. In meinem Beitrag bin ich ja, wenn überhaupt, nur auf die ökonomischen Folgerungen eingegangen.

    Berichte doch noch ein wenig mehr über den Zusammenhang von Religion und Glück. Ist es wirklich so, dass religiöse Menschen glücklicher sind als nichtreligiöse. Und wenn ja, weshalb genau sind sie eigentlich glücklicher? Und schließlich: Gibt es irgendwelche glaubwürdigen Daten, die zeigen, dass religiöse Menschen beispielsweise eher vor Depressionen und anderen Erkrankungen gefeit sind?

    Ich werde morgen oder übermorgen dann meinerseits einen Beitrag zu den möglichen philosophischen Implikationen der Glücksforschung auf den Blog stellen.

  3. Michael Blume @ adenosine
    06.05.2008 | 21:31

    Sehr gute Frage! Und letztlich zeigt sich auch hier die biokulturelle Evolution: Das Ritual, der Text, das Lied, das den einen Menschen noch zu Tränen des Glücks rührt, kann den anderen schon (wieder) kalt lassen. Gewachsene Religionen bieten daher stets eine Vielfalt möglicher liturgischer Formen und Diskussionen etwa über kirchliche Gebets- und Liederbücher fallen (insbesondere auch zwischen den Generationen!) hoch emotional aus! Religionen, die diese Vielfalt nicht oder nicht mehr anbieten, erleiden das Schicksal von Musikfirmen, die nur noch einstige Schlager in petto haben: Auch wenn einige treue Liebhaber bleiben, so wenden sich doch andere ab.

    Was Religionsgemeinschaften aber natürlich bleibend anzubieten haben, sind soziale Beziehungen, Gemeinschaftserlebnisse etc., die auch wiederholt glücklich machen. Und zumindest nach bisherigen (aber noch vorläufigen) Studien werden z.B. Gebete im Gehirn nicht als leere Handlungen, sondern als soziale Kommunikation erfahren. Mit dem göttlichen Vater (dem Geliebten, der heiligen Mutter etc.) Zeit zu verbringen, kann also subjektiv immer wieder neu, überraschend und beglückend erlebt werden.

  4. Michael Blume @ Edgar Dahl: Bitte!
    06.05.2008 | 21:45

    Lieber Edgar,

    gerne geschehen - ich fand und finde Deinen Artikel auch einfach sehr, sehr gelungen!

    Bisher hatte ich die Religions-Glückforschung noch gar nicht im Fokus, habe sie für eher nebensächlich gehalten - aber Du hast völlig Recht, wenn man die Daten Ernst nimmt und berücksichtigt, dass auch unsere Glückswahrnehmung evolviert ist, ist das eine hervorragende, weitere Perspektive auf gewachsene Zusammenhänge!

    Zitat "Berichte doch noch ein wenig mehr über den Zusammenhang von Religion und Glück. Ist es wirklich so, dass religiöse Menschen glücklicher sind als nichtreligiöse. Und wenn ja, weshalb genau sind sie eigentlich glücklicher?"

    Ja, empirische Daten zeigen immer wieder höhere Glücksniveaus (und auch Lebensdauer) an. Zur Erklärungsauswahl stehen das von Dir erwähnte Coping (also das Herstellen von Sinn und Kohärenz durch religiöse Erzählungen), rituelle Glückserfahrungen (Flow, Meditation etc.), aber (vielleicht am stärksten) soziale Faktoren: Weil religiöse Menschen z.B. durchschnittlich häufiger und stabiler heiraten profitieren sie natürlich von den etwas höheren Glücks- und Gesundheitsniveaus Verheirateter. Und die soziale Vergemeinschaftung schützt ja wiederum vor Einsamkeit, ermöglicht gemeinsame Erfahrungen (Wir-Gefühl, Ausfahrten etc.). Ich bin sehr skeptisch, ob sich das Ineinander dieser Faktoren je wird ganz entwirren lassen, zumal es unterschiedlich stark gemischt wird. Neureligiöse, fundamentalistische Gemeinschaften in Vorstädten bieten z.B. sehr häufig intensive Gemeinschaft, die die Zugezogenen suchen, in Dorfgemeinschaften können dagegen Traditionspflege und Freizeitangebote eine stärkere Rolle spielen usw.

    Zitat "Gibt es irgendwelche glaubwürdigen Daten, die zeigen, dass religiöse Menschen beispielsweise eher vor Depressionen und anderen Erkrankungen gefeit sind?"

    Ja, salutogenetische Daten legen eine entsprechende Wirkung nahe. Aber auch hier stehen wir wieder vor Wechselwirkungen: So könnte der Effekt scheinbar gestärkt werden, weil sich Menschen per Placebo-Effekt auch dann subjektiv besser fühlen könnten ("Gott trägt mich!"), als es Beobachter vielleicht einschätzen würden. Umgekehrt könnte es sein, dass gerade auch kranke Menschen religiöse Hilfe und Gemeinschaft suchen - und nicht wenige Religionsgemeinschaften spezialisieren sich sogar auf echte oder vermeintliche Gesundheits- und Heilwege. In solchen Gruppen können dann natürlich Kranke und Verzweifelte sogar deutlich überrepräsentiert sein!

    Es hilft also nichts: Wir werden uns da auch weiterhin Schritt für Schritt empirisch herantasten müssen. Nach Deinem hervorragenden Artikel werde ich an entsprechenden Daten- und Aufsätzen nie mehr voreilig vorbeigehen, versprochen! :-)

    Herzliche Grüße

    Michael

  5. Edgar Dahl @ - Michael: Religion & Glück
    07.05.2008 | 02:28

    Bevor hier (hoffentlich) eine wirkliche Diskussion beginnt, schnell noch einmal den vielleicht überflüssigen, aber doch wichtigen Hinweis, dass das eventuell größere Glück religiöser Menschen selbstverständlich nichts über den Wahrheitsgehalt ihres Weltbildes aussagt.

    Am besten ist dieser Punkt wohl von George Bernard Shaw hervorgehoben worden, der einmal sagte: "Dass religiöse Menschen glücklicher als skeptische sind, ist genauso bedeutungslos wie die Tatsache, dass betrunkene Menschen glücklicher sind als nüchterne."

  6. Michael Blume @ Edgar
    07.05.2008 | 08:58

    Ja, selbstverständlich, da sind wir uns völlig einig! Weder der biologisch-soziale Erfolg (der bei übermäßigem Alkoholkonsum beeinträchtigt wird! :-) ) noch das höhere Glücksniveau beweisen (oder widerlegen) religiöse Wahrheiten! Wir sprechen hier über rein empirische Befunde und bio-logische Implikationen.

    Was dies philosophisch und theologisch bedeuten könnte, wird sich zeigen. Da sehe ich mich persönlich auch gar nicht als fachlichen Experten, allenfalls als Gesprächspartner.

    Wie ist die Meinung dazu in den Wissenslogs, sollen wir so etwas dann hier in eigenen Beiträgen auch einmal diskutieren? Oder sollte Natur des Glaubens auf die Empirie beschränkt bleiben?

  7. Lutz kein Betreff
    07.05.2008 | 12:13

    Moin, moin!

    Michael: "Weder der biologisch-soziale
    Erfolg (der bei übermäßigem Alkoholkonsum beeinträchtigt wird! :-) )..."

    Bei "übermäßigem" Alkoholkonsum geht der biologisch-soziale Erfolg tatsächlich zurück, ebenso bei "übermäßiger" Religionsität, während er bei mäßigem Alkokolkonsum und mäßiger Religiösität steigt. (Nicht) Überraschend ist, dass der Zigarettenkonsum in starker positiver Korrelation zum "Reproduktionserfolg" steht. (Erklärung: Je ungebildeter ein Mensch ist, umso höher ist in unserer Gesellschaft seine Reproduktionsrate und die Wahrscheinlichkeit zur Nikotinsucht.)

    mfg
    Lutz

    P.S. Du hast Recht, lieber Michael, wer Glauben kann ist wirklich glücklicher. Ich weiß das, und würde auch gerne glauben, geht aber nicht bei mir. Mit meinen Diskussionsbeiträgen wollte ich immer nur versuchen, etwas "Pfeffer" in die "Diskussionssuppe" zu streuen.

  8. Edgar Dahl @ - Lutz
    07.05.2008 | 14:18

    Lutz schrieb: "Nicht überraschend ist, dass der Zigarettenkonsum in starker positiver Korrelation zum 'Reproduktionserfolg' steht. Erklärung: Je ungebildeter ein Mensch ist, umso höher ist in unserer Gesellschaft seine Reproduktionsrate und die Wahrscheinlichkeit zur Nikotinsucht."

    Diese Argumentation zeigt sehr gut, dass, wenn man bloßen reproduktiven Erfolg als Kriterium biologischer Adaptivität betrachtet, man folgerichtigerweise selbst die Dummheit und das Rauchen als "adaptiv" bezeichnen müsste.

  9. Edgar Dahl @ - Michael: Arbeitsteilung
    07.05.2008 | 14:23

    Du schriebst: "Wie ist die Meinung dazu in den Wissenslogs, sollen wir so etwas dann hier in eigenen Beiträgen auch einmal diskutieren? Oder sollte Natur des Glaubens auf die Empirie beschränkt bleiben?"

    Ja, lass uns doch eine Art "Arbeitsteilung" vornehmen. Lass uns in Deinem Blog ausschließlich die empirischen Aspekte zum Thema Glück und Religion diskutieren und in meinem dann die im weitesten Sinne philosophischen Aspekte besprechen.

  10. Michael Blume @ Lutz
    07.05.2008 | 16:04

    Zitat "Bei "übermäßigem" Alkoholkonsum geht der biologisch-soziale Erfolg tatsächlich zurück, ebenso bei "übermäßiger" Religionsität, während er bei mäßigem Alkokolkonsum und mäßiger Religiösität steigt."

    Hmmm - kann ich so einfach empirisch leider nicht bestätigen. Individuell mag eine Hyperfrömmigkeit ins Maladaptive umkippen. Aber die Amischen oder orthodoxen Juden würde man gemeinhin doch nicht gerade als "mäßig religiös" bezeichnen, ihr Reproduktionserfolg ist aber beispiellos. Und auch Sosis Studien zu den Kosten und Wirkungen kostspieliger religiöser Signale deuteten (leider!?) nicht in diese Richtung, siehe:
    http://www.wissenslogs.de/...ostet-ist-nichts-wert

    Ich halte es für entscheidend, dass wir zwischen persönlichen Anschauungen und den Aussagen der Daten immer wieder unterscheiden.

    Zitat "(Nicht) Überraschend ist, dass der Zigarettenkonsum in starker positiver Korrelation zum "Reproduktionserfolg" steht. (Erklärung: Je ungebildeter ein Mensch ist, umso höher ist in unserer Gesellschaft seine Reproduktionsrate und die Wahrscheinlichkeit zur Nikotinsucht.)"

    Zufällig liegt mir genau zu der Frage Religiosität-Bildung eine spannende Studie vor - ich sage hiermit zu, dass dies demnächst ein eigenes Thema bei Natur des Glaubens wird!

    Zitat "P.S. Du hast Recht, lieber Michael, wer Glauben kann ist wirklich glücklicher. Ich weiß das, und würde auch gerne glauben, geht aber nicht bei mir."

    Lieber Lutz, ich halte das für einen (auch für Edga?) ganz wichtigen Punkt, den Du da ansprichst - Glauben erweist sich nicht primär als kognitive Leistung, die sich per Entscheidung an- oder ausknipsen ließe wie die Zustimmung z.B. zu einer wissenschaftlichen These. Da sind Erfahrungsebenen beteiligt (vgl. Matthias Essigs Hinweis in der Rob-Bet-Debatte auf Delta) und reflektierte Lehren der Religionen verweisen daher z.B. auch darauf, dass Glauben keine erzwingbare Leistung, sondern ein Geschenk o.ä. sei. Das auch wissenschaftlich beschreibbar zu klären, wird noch ein weiter Weg sein, fürchte ich...

    Zitat "Mit meinen Diskussionsbeiträgen wollte ich immer nur versuchen, etwas "Pfeffer" in die "Diskussionssuppe" zu streuen."

    Lieber Lutz, ich finde Deine Beteiligung sehr, sehr gut! Mir ist bewusst, dass meine empirischen Befunde für manche religionskritischen Perspektiven erst einmal eine Zumutung darstellen, aber wenn die Diskussion ernsthaft und sachlich verläuft, können doch alle Seiten nur gewinnen. Als Religionswissenschaftler geht es mir ja überhaupt nicht darum, eine bestimmte (positive, neutrale oder negative) Haltung zu befördern, sondern Religion(en) seriös wissenschaftlich zu beschreiben. Und ein sehr gutes Kriterium scheinen Daten und Befunde zu sein, die dann eben auch aus verschiedenen Perspektiven zu überzeugen vermögen.

    Deswegen ist es gut, dass Du Deine Kochkünste zur hiesigen Suppe beisteuerst! :-)

  11. Michael Blume @ Edgar: Arbeitsteilung
    07.05.2008 | 16:11

    Zitat "Ja, lass uns doch eine Art "Arbeitsteilung" vornehmen. Lass uns in Deinem Blog ausschließlich die empirischen Aspekte zum Thema Glück und Religion diskutieren und in meinem dann die im weitesten Sinne philosophischen Aspekte besprechen."

    Das klingt sehr gut, weil ich mich, wie gesagt, für die Deutungs- und Wertungsebene nur sekundär zuständig sehe und eigentlich vor allem mit harten Daten arbeite. Doch, lass uns diese Arbeitsteilung doch mal versuchen, freue mich auf Deinen ersten Beitrag dazu (übrigens ein weiteres Scilogs-Experiment ;-) )!

  12. Ingo Bading Zur Theorie des "religiösen Marktes"
    07.05.2008 | 16:48

    Lieber Michael,

    ich darf vielleicht darauf verweisen, daß die Theorie vom freien "religiösen Markt", die Du wieder einmal erwähnst, in dem neuesten "Forschung Frankfurt"-Heft (dort im letzten Aufsatz) allerhand Differenzierungen erfährt, um mich vorsichtig auszudrücken. (Habe dazu einen Beitrag auf meinem Blog geschrieben mit den entsprechenden Verweisen.)

    Nach dieser neuen Studie der Frankfurter Religionswissenschaftlerin, prosperieren Religionsgemeinschaften dann besonders gut, wenn nicht zu VIEL religiöse Vielfalt und religiöser "Multikulti" vorhanden ist.

    Das paßt auch zu vielen Forschungsergebnissen in den USA, die eine ethnische Entmischung in den Wohngegenden feststellen und die feststellen, daß alle Faktoren zugewandten Sozialverhaltens in "entmischteren" Wohngegenden besser ausgeprägt sind als in gemischten.

    Bin gespannt auf einen Beitrag Deinerseits dazu, da die "Theorie des freien religiösen Marktes" ja ein echtes Steckenpferd von Dir ist.

  13. Michael Blume Religiös-demografischer Markt
    07.05.2008 | 20:41

    Hallo Ingo,

    vielen Dank für den guten Hinweis! Auf den ersten Blick sieht das sehr ähnlich aus wie die empirische Untersuchung, die Inglehart und Norris 2004 auf internationaler Ebene gemacht haben, mit gleichem Ergebnis.

    Allerdings könnte dabei auch der gleiche Lapsus unterlaufen sein: Inglehart und Norris unterschieden nicht zwischen Ländern, in denen noch ein vor-säkulares Monopol bestand (wie z.B. Polen), die die Phase des Zerfalls der Monopole durchliefen (wie z.B. Deutschland, Schweden etc.) oder schon religiöse Vielfalt demografisch entwickelt hatten (wie z.B. die USA). Wenn man diese sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien in einen empirischen Topf wirft, kommt natürlich kein klares Bild dabei heraus!

    Denn die starksche, ökonomische Theorie vom religiösen Markt geht ja von einem konstanten, religiösen Bedürfnis aus, das dann durch Anbieter befriedigt werde, sobald es Religionsfreiheit gebe - schon im Hinblick z.B. auf Ostdeutschland erkennbar unhaltbar. Wer nicht religiös sozialisiert wurde, wird eher selten nach religiösen Angeboten suchen.

    Der religiös-demografische Markt verweist dagegen auf den sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte aufbauenden, demografischen Wettbewerb - der religiöse Bedarf und die anbietende Vielfalt wachsen aus den religiös-reproduktiven Familien und Gemeinschaften erst nach. Ich vermute fast, dass Sigrid Roßteutscher diese Funktion von Religion(en) noch nicht im Blick hatte.

    Auf jeden Fall freue ich mich sehr auf ihr Buch und werde zu dem Thema mehr als einen Beitrag schalten, versprochen! :-)

    Herzliche Grüße

    Michael

  14. Dominic E. Vereinigungen
    08.05.2008 | 14:24

    Lieber Michael,

    ist der Umstand welchen du in deinem Beitrag in Bezug auf Religionsgemeinschaften feststellst nicht auch ein Effekt, welcher sich auch auf andere Arten von Vergesellschaftungen oder Zusammenschlüssen auswirken sollte? Natürlich sind auch die Rahmenbedingungen, welche die Vergesellschaftung / der Zusammenschluss vorgibt ebenfalls von Bedeutung, jedoch rechne ich dem Gemeinschaftsgefühl, dem sich-helfen in der Gemeinschaft und dem etwas-miteinander-unternehmen und interagieren höhere Bedeutung zu als den Rahmenbedingungen. Ist also der Effekt welcher das Glücksgefühl in Religionsgemeinschaften allgemein anhebt auch auf Sport- und andere Vereine anwend- aber vielleicht nicht messbar?

    Beste Grüße,
    Dominic

  15. Michael S. Glück und Evolution
    08.05.2008 | 18:08

    Ich möchte nur am Rande darauf hinweisen, obwohl es wenig mit der aktuellen Diskussion zu tun hat, dass Glück rein evolutionstheoretisch nicht im Geringsten mit Reproduktionserfolg zusammenhängen _muss_. Letzthin habe ich in einer Zeitung einen Artikel gelesen, der über eine Studie aus der Glücksforschung berichtete, die festgestellt hat, dass Kinder unglücklich machen, und dann die Frage stellte: "Warum haben Menschen dann überhaupt Kinder?" Eine Frage, die natürlich gar nicht aufkommt: Unter der Annahme, dass der Kinderwunsch zumindest teilweise genetisch bedingt ist, sowie sich die Unglücklichkeit aus der "Belastung" des Kindes ergibt, ist es einsichtig, dass das Verhalten eines Elternpaars mit 10 Kindern, das kein sehr glückliches Leben hat, evolutionsbiologisch erfolgreicher ist ist als dasjenige des Singles oder des kinderlosen Paars, welches unbelastet von Kindern das Leben geniesst - egal wie glücklich man durch ein solches Leben wird, das Verhalten stirbt nach einer Generation aus.

    Nb. ich nehme weder das Resultat der Glücksstudie als gesichert an, noch will ich hier selber über Freuden oder Leiden der Vater- und Mutterschaft urteilen, obiges Beispiel dient lediglich als Gedankenexperiment. Es scheint mir nur notwendig, darauf hinzuweisen, dass "Glück" erst sekundär auf reproduktiven Erfolg Einfluss hat.

  16. Michael Blume @ Dominic: Ist Glauben ersetzbar?
    08.05.2008 | 20:38

    Lieber Dominic,

    die Kernfrage, ob religiöse Vergemeinschaftung nicht auch durch andere soziale Vergemeinschaftungen ersetzt werden kann, ist in Natur des Glaubens schon mehrfach diskutiert worden und wird sicher auch mal ein eigenes Thema.

    Die Befundlage dazu ist aber ganz klar: Nein. So wirken religiöse Gebote vor allem dann verhaltensleitend, wenn sich die Menschen tatsächlich von übernatürlichen Akteuren beobachtet und beurteilt erfahren, siehe z.B. die Experimente von Bering hier:
    http://www.wissenslogs.de/...-28/gott-im-kopf-wozu

    Auch in der Frage der Wirkung und Haltbarkeit von rituell bestärkten Vergemeinschaftungsformen haben sich Religionsgemeinschaften als unschlagbar erwiesen, siehe z.B. die Forschungen von Sosis hier:
    http://www.wissenslogs.de/...ostet-ist-nichts-wert

    Und auch wenn ich sofort zustimmen würde (und sogar selbst in die Debatte und zu Edgar Dahls gutem Artikel ergänzt habe!), dass ein Teil der Glückswirkung von Religion auf interpersonale Gemeinschaftserfahrungen zurück zu führen und damit auch z.B. in einem Sportverein erfahrbar sind, haben religiöse Vergemeinschaftungen doch darüber hinaus wirkende Faktoren:

    1. Sind religiöse Vergemeinschaftungen existentieller angelegt, Ein- und Austritte werden als biografisch bedeutungsvolle und verbindliche Schritte inszeniert.

    2. Besteht ein Clou der Glaubensannahmen ja gerade darin, dass der komlexe, soziale Kontakt mit den übernatürlichen Akteuren (Ahnen, Göttern, Gott) stets möglich ist. Auch wer aus dem Fussballstadien daheim, ggf. ganz alleine oder gar eingesperrt in einer Zelle o.ä. sich befindet - das Gebet und Gespräch mit den übernatürlichen Akteuren ist immer möglich. In dieser Hinsicht sind glaubende Menschen auch nach Abzug aller anderen Faktoren noch seltener "allein".

  17. Michael Blume @ Michael S: Glück-Reproduktion
    08.05.2008 | 20:45

    Zitat "Ich möchte nur am Rande darauf hinweisen, obwohl es wenig mit der aktuellen Diskussion zu tun hat, dass Glück rein evolutionstheoretisch nicht im Geringsten mit Reproduktionserfolg zusammenhängen _muss_."

    Diesem Argument stimme ich völlig zu - es war sogar der (Haupt-)Grund, warum ich der Glücksforschung bisher so wenig Bedeutung beigemessen habe. Denn evolutionstheoretisch ist es völlig unerheblich, ob jemand glücklich oder unglücklich stirbt - entscheidend ist, wie erfolgreich die eigenen bzw. nah verwandten Gene weitergegeben wurden!

    Entsprechend ist meine Arbeit ganz klar auf religionsdemografische Befunde aufgebaut, eine kleine Auswahl z.B. hier:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...047705/

    oder in Artikelform z.B. hier:
    http://www.kas.de/wf/doc/kas_13362-544-1-30.pdf

    Allerdings gestehe ich Edgar Dahl zu, dass natürlich auch unsere Glücksfunktionen generell (und der kulturellen Präzision bedürfend) in Richtung Reproduktionsvorteil evolviert sind. Dass Religiosität mit erhöhtem Glück einhergeht ist also ein weiterer, stützender Befund zu den ohnehin vorliegenden Daten evolutionsbiologischen Erfolgs.

  18. Edgar Dahl @ - Michael S. & Michael B.
    08.05.2008 | 22:42

    Ich habe diesen Punkt unlängst in einem SdW-Leserbrief berührt, in dem ich schrieb: Evolutionstheoretisch sind wir nicht auf dieser Welt, um uns nach Herzenslust zu amüsieren, sondern um uns nach Leibeskräften zu reproduzieren. Alles, was der Weitergabe unserer Gene zuträglich ist, geht daher mit Lust, und alles, was der Weitergabe unserer Gene abträglich ist, geht daher mit Unlust einher. Das offenkundigste Beispiel hierfür ist natürlich der Sex. Damit wir uns reproduzieren, hat Mutter Natur uns das Verlangen in die Wiege gelegt. Wann immer wir unser Verlangen befriedigen können, sind wir glücklich; wann immer wir unser Verlangen nicht befriedigen können, sind wir unglücklich.

    Ich denke, mit dem Glück ist es ähnlich wie mit der Sexualität, die wir bekanntlich von der Reproduktion abkoppeln können. Objektiv haben wir Sex, um unsere Gene weiterzugeben, subjektiv haben wir Sex, weil es uns Spaß macht. Dass uns Sex Spaß macht, ist jedoch eine bloße "List der der Gene", die uns mit Ekstase und Orgasmen dafür belohnen, dass wir ihren Zwecken dienen. Dank des altbewährten Coitus interruptus und der neu entwickelten Kontrazeptiva, genießen wir heute Sex, ohne zwangsläufig Kinder zu zeugen. Dass wir dies tun, ändert jedoch nichts daran, dass die mit der Sexualität einhergehende Lust nur zum Zwecke der Weitergabe der Gene entstanden ist.

    Ganz ähnlich dürfte es mit dem Glück sein. Nehmen wir nur etwa den Ehrgeiz. Der Ehrgeiz hat die Funktion, uns Wettbewerbsvorteile im Kampf um fortpflanzungsfähige Partner zu verschaffen. Insofern Frauen aus guten bologischen Gründen Gewinner gegenüber Verlierern bevorzugen, bemühen sich die Männer, einander auszustechen. Der Erfolg, den sie dabei erzielen, zahlt sich nicht nur durch Geld, Ansehen und Status aus, sondern in aller Regel auch durch die Zahl fortpflanzungsbereiter Frauen. Dass sich einige Männer, wie etwa Robert Redford, mit ihrem bloßen Ansehen begnügen und nicht jede Frau, die sich nachts vor ihr Hotelzimmer stellt, schwängern, ändert nichts daran, dass der Ehrgeiz letztlich nur reproduktiven Zwecken dient.

  19. Michael Blume @ Edgar Dahl: Und daher...
    08.05.2008 | 22:50

    ...würde ich, wie auch Du es getan hast, der Glücksforschung einen evolutionstheoretisch interessanten Erkenntniswert zusprechen: In der Auswahl der Glückserfahrungen sind evolutionsgeschichtliche Erfolgspfade verstetigt.

    Wenn ich es richtig sehe, müßtest Du aber doch dann auch - über die Dir bereits bekannten, reproduktiven Daten hinaus - einräumen, dass auch die Glücksforschung auf einen Fitness- bzw. Reproduktionsvorteil durch Religiosität verweist. Siehst Du das auch so? Hat Dich die Fülle auch unabhängiger Befunde inzwischen überzeugt? :-)

  20. Edgar Dahl @ - Michael: Glück & Religion
    09.05.2008 | 05:55

    Ich weiß bislang zu wenig über den Zusammenhang von Glück und Religion. Ich habe eben jedoch ein Sonderheft entdeckt, dass sich genau dieser Frage widmet: Joseph, S., Linley, P. A., & Maltby, J. (Eds.). Positive psychology, religion, and spirituality [Special Issue]. Mental Health, Religion, and Culture, 9 (3), 2006.

    Hat Deine Uni zufällig Online-Zugang zu dieser Zeitschrift? Ich würde mir gerne einige Beiträge dieses Sonderheftes ansehen.

    Alternativ muss man wahrscheinlich auf die Veröffentlichung von "Happiness: Unlocking the Mysteries of Mental Wealth" von Ed Diener warten. Ed Diener ist fraglos der führende Glücksforscher und sein Buch wird ein erstes Lehrbuch zum Thema werden. Das Buch, das bei Wiley-Blackwell erscheint, ist für den 16. September 2008 angekündigt. Ich bin zuversichtlich, dass es ein eigenes Kapitel zum Thema Religion und Glück enthalten wird.

szmtag