Glück, Glauben und Gemeinschaft
In der aktuellen Mai-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft findet sich ein sehr lesenswerter Artikel des (aus den Wissenslogs wohlbekannten) Philosophen Edgar Dahl zur empirischen Glücksforschung. "Macht Geld glücklich - das Wohlstandsparadox" (kostenloser Download hier) behandelt dabei auch Aspekte von Religion und Demografie, die aufzugreifen sich lohnt.
Reichtum macht nicht unbedingt glücklich - Glauben aber schon
So stellt Edgar Dahl fest: "Menschen, die bewusst dem Ruhm, der Schönheit oder dem Geld nachjagen, sind nachweislich unglücklicher als Menschen, die weniger materielle Ziele verfolgen. Und Menschen, die ihrem Leben einen Sinn zu verleihen verstehen, sind in der Tat glücklicher als solche, die lediglich von einer Zerstreuung zur nächsten eilen. Religiöse Menschen sind daher im Schnitt auch etwas glücklicher als nichtreligiöse."
Ergänzend ist noch hinzuzufügen, dass ein Teil dieser (durchschnittlichen) Glückssteigerung auch mittelbar sozial verursacht sein dürfte: Religiös vergemeinschaftete Menschen heiraten durchschnittlich eher und stabiler (ein eigenständiger Glücksfaktor) und die Mitgliedschaft in Religionsgemeinschaften eröffnet u.a. den Zugang zu Bekanntschaften, Haus- und Freundeskreisen, ehrenamtlichen Initiativen u.v.m.
Interessant ist auch, dass laut einer neueren Glücks-Studie von Liesbeth Snoep der Religion-Glück-Zusammenhang in den USA deutlich stärker ausfällt als z.B. in Dänemark oder den Niederlanden. Wer die Thesen vom religiösen Wettbewerb (Markt) bereits wahrgenommen hat, wird nicht überrascht sein: Wie auch in der Demografie entfaltet sich auch in der Hebung von Glück das Potential von Religion(en) erst in Vielfalt und Wettbewerb.
Frauenrollen und Gemeinschaft
Männliche Verwunderung räumt Edgar Dahl im Hinblick auf Ergebnisse einer Umfrage unter 900 berufstätigen Frauen ein. "Gewiss ist es nicht weiter verwunderlich, dass ihnen Sex mehr Spaß bereitet als Hausarbeit; doch dass sie lieber fernsehen oder telefonieren als auf ihre Kinder aufzupassen, ist zumindest bemerkenswert. Befragt, in wessen Anwesenheit sie sich am glücklichsten fühlen, zeigte sich dabei erneut, dass Frauen lieber Zeit mit ihren Freunden verbringen als mit ihren Kindern."
Dieser Befund ist m.E. evolutionstheoretisch nicht allzu sonderbar: Beim Menschen evolvierte die Erziehung von Kindern zur Gemeinschaftsaufgabe. Dass beispielsweise insbesondere Menschenfrauen auch lange nach ihrer reproduktiven Phase weiter leben, wird längst maßgeblich mit der (genetisch wertvollen) Großmutter-Hilfe vor allem an der Tochter und deren Kindern erklärt (vgl. die Grandmotherhood-Forschung, in Deutschland v.a. Eckart Voland). Nur mit der Vergemeinschaftung war es auch möglich, die zeitlichen Abstände der Menschengeburten auch gegenüber unseren nächsten Primatenverwandten trotz steigenden Aufwands (größeres Gehirn, längere Kindheit etc.) für die Nachkommen zu verkürzen. Mütter, die jedes Kind ganz allein aufziehen sollen oder für sich monopolisieren, gerieten und geraten schnell an die Leistungsgrenzen - entsprechend "belohnt" auch unser Glückssystem solches nicht, sondern ermutigt zum Aufbau und Erhalt sozialer Netzwerke.
Die bürgerliche Kleinfamilie aus Papa, Mama, Kind und angeblich fixierter Arbeitsteilung ist ein (zeitweise durchaus adaptives!) Produkt der Neuzeit, wurde und wird aber in der Realität durch Kindermädchen, Betreuungs- und Bildungseinrichtungen und nicht zuletzt helfende Verwandte ergänzt. Auch in heutigen Wildbeuterkulturen kommt der Gemeinschaft hierbei größte Bedeutung zu und ein afrikanisches Sprichwort weist bis heute zu Recht darauf hin: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein Dorf. Dass sich moderne Frauen also zunehmend gegen eine einseitige Lastenverteilung wehren und sich ungern einreden lassen, in der Fixierung auf das Kind habe ihr höchstes und einziges Glück zu liegen, ist buchstäblich völlig natürlich.
Und wo fanden und finden Frauen (durchschnittlich) verläßlichere Ehepartner und Familienbande, auch als Mütter soziale Anerkennung und ggf. Gemeinschaftsnetzwerke und Institutionen, die Familie und Kindererziehung unterstützen? Genau: in Religionsgemeinschaften, weswegen Frauen durchschnittlich religiöser sind als Männer (siehe Gretchenfrage).
Fazit: Glück Glauben
Edgar Dahl beschließt den Artikel mit dem Hinweis auf den biogenetischen Imperativ, der auf die Maximierung des Reproduktionserfolgs ziele: "Wenn wir etwas biologisch Sinnvolles tun, wie etwa unseren Hunger stillen, unseren Durst löschen oder unsere Begierden befriedigen, belohnt sie (Mutter Natur) uns mit Glücksmomenten, die groß genug sind, damit wir das Verhalten gern wiederholen, aber eben nicht so groß, dass wir darüber unsere "biologischen Pflichten" vergessen."
Dem ist m.E. nur hinzuzufügen: Auch das religiöse Glauben, Beten und Vergemeinschaften wird mit nachweisbaren Glücksmomenten belohnt, weil es insgesamt (auch) "biologisch sinnvoll" ist, zu mehr Reproduktionserfolg führt und der evolvierten Natur des Menschen entspricht. Dass Homo Sapiens Glaubensfähigkeiten entwickelt hat, erweist sich - rein evolutionstheoretisch gesehen -... als Glück.

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Ich habe gerade bemerkt, dass ich in meinem letzten Beitrag einen wichtigen Punkt zum Zusammenhang von Glück und Fortpflanzung vergessen habe.
Michael S. hatte unterstellt, dass der Kinderwunsch genetisch determiniert sei. Dies muss keineswegs der Fall sein. Wie das angesprochene Beispiel der Sexualität zeigt, scheint sich die Evolution oft eher indirekter als direkter Mittel zu bedienen. Sie begnügt sich damit, uns einen Geschlechtstrieb einzupflanzen, der uns dazu veranlasst, Geschlechtsverkehr zu haben, der dann in aller Regel zu Kindern führt. Auf diese Weise bedarf es gar keines genetisch determinierten Wunsches, Kinder zu haben. Der evolutionär entscheidende Kindersegen wird sozusagen durch unser sexuelles Verlangen sichergestellt.
Damit wir uns um die Kinder, die wir auf diese Weise zeugen, auch kümmern und nicht einfach aussetzen, bedient sich die Evolution freilich weiterer Tricks, wie etwa der Oxytocin-Ausschüttung während des Geburtsvorgangs, der eine psychische Bindung zwischen Mutter und Kind herstellt. Zudem haben Kinder bekanntlich ihrerseits Merkmale entwickelt, die ein fürsorgliches Verhalten auslösen, wie etwa Lorenz' berühmtes "Kindchenschema".
All dieser Tricks bedarf es offenbar deshalb, weil das Zeugen und Aufziehen von Kindern, objektiv betrachtet, ein zeit- und kostenaufwendiges Unternehmen ist. Niemand würde sich auf dieses Unternehmen einlassen, wenn es nicht mit so großer Lust verbunden wäre.
Dies gilt ja auch vom Geschlechtsakt selbst. Wenn uns nicht die Begierde dazu triebe, würden wir den Sex als das betrachten, was er tatsächlich ist - eine elende Plackerei, die uns 400 Kalorien abverlangt und letztlich in einem epileptischen Anfall mündet.
Mehr dazu z.B. hier:
http://www.amazon.de/...qid=1210306425&sr=8-13
...die Langeweile. Als Adam seine Eva erkannte, erkannte er auch, daß der one-night-stand nicht der Weisheit letzter Schluß ist. Denn nun hieß es für ihn, im Schweiße seines Angesichts das Feld zu bestellen und für die Eva, unter Schmerzen ihre Kinder zu gebären. Vorwurfsvoll war der Feind schnell ausgemacht: es war die Triebnatur im Bild der Schlange, die für das Debakel verantwortlich gemacht wurde. Daran hat sich bis zum heutigen Tage nichts verändert. Liebe versus Begehren. Denn wären sie zur Liebe fähig gewesen, hätten sich sich vor ihrem Gotte einander verteidigt, denn angeklagt!
Wow, ein echt interessanter Beitrag!
Nicht gerade biologisch-empirisch orientiert ;-) , aber von erheblicher, symbolischer Wucht!
Zitat "Denn wären sie zur Liebe fähig gewesen, hätten sich sich vor ihrem Gotte einander verteidigt, denn angeklagt!"
Jetzt wünsche ich mir doch fast, ich wäre Theologe geworden. Das wäre mal ein Predigtaufhänger!
@ Basty, was meinst Du als Pfarrer dazu?
Lieber Edgar,
da kann ich Dir nur aus ganzem Herzen zustimmen - in der Tat halte ich genau dies, den Übergang von der stark genetisch fixierten Reproduktion zur biokulturell abwägenden Demografie, für "den" wesentlichen Unterschied zwischen Tier und Mensch - der auch den Reproduktionsvorteil von Religiosität mit sich bringt. (Des biblischen Gottes erste Worte und erstes Gebot an den Menschen, Genesis 1,28: Seid fruchtbar und mehret euch!).
Leider sind große Teile der Evolutionsbiologie immer noch in einem Malthusianismus und also dem Denken einer quasi "automatischen" Vermehrung auch des Menschen verheddert, das die Ökonomie, Sozial- und Geisteswissenschaften bereits als falsch erkannt haben - hoffentlich wird dieser Verständnisgraben in naher Zukunft überwunden...
Anders als Michael Blume, verstehe ich leider kein einziges Wort Ihres Kommentars. Ginge es vielleicht auch auf deutsch?
"Ginge es vielleicht auch auf deutsch?"
;-) deutsch ist das schon, aber vll. ist Ihre rechte Hirnhälfte offline (->H.Wicht)
Ach, Du verbirgst Dich hinter "Hilsebein"! Mir will nach wie vor nicht in den Kopf, wie jemand, der buchstäblich mit beiden Beinen im Leben steht, seinen Kopf an die Poesie und die Metaphysik verlieren kann.
"Ach, Du verbirgst Dich hinter "Hilsebein"!"
Das Phänomen, das bei Ihnen gerade eintritt, kenne ich. Manchmal sind Gedankengänge so ähnlich, daß man meint, es handele sich um die selbe Person. Aber nein! Ich heiße Dietmar Hilsebein -ich bin nicht Helmut Wicht.
Zum Beitrag auf der letzten Seite: Es ist natürlich klar, dass das qualitative Phänomen Glück selber evolutionsbiologisch adaptiv sein muss. Ich zweifle aber daran, dass die _Menge_ des Glücks ebenfalls notwendigerweise direkt auf reproduktiven Erfolg Einfluss hat (dies wird erstens durch die Datenlage nicht unbedingt gestützt und zweitens würde es mir dann nicht einleuchten, warum es überhaupt noch unglückliche Menschen gibt - wenn es so einen simplen linearen Zusammenhang mehr Glück - mehr reproduktiver Erfolg gäbe, wäre es nicht einsichtig, warum der Grund-Glückspegel nicht bedeutend höher läge.) Deshalb sehe ich "simplistische" Feststellungen wie "mehr Religion -> mehr Glück -> mehr Kinder" von Michael B. etwas kritisch (obwohl ich nicht grundsätzlich die Möglichkeit in Frage stelle, dass Religion adaptiv war und/oder ist).
Zum genetisch determinierten Kinderwunsch: Bei Menschen sind eindimensionale Datenkorrelationen natürlich immer mit Vorsicht zu betrachten, gerade da der Mensch den "evolutionären Selbstmord" der Verhütung erfunden hat. Darum ist es schwierig, heutige Daten zu Kinderzahlen evolutionshistorisch zu interpretieren, weil sie sich überhaupt nicht so verhalten, wie sie es 200'000 Jahre lang gemacht haben. Heutzutage reicht eben der Sexualtrieb alleine nicht mehr aus, um die evolutionären Aufgaben sicherzustellen... Ebenfalls sind bei selbstreflektierenden Kreaturen wie Menschen die Entscheidungswege manchmal zu vielschichtig, um mit einfachen linearen Zusammenhängen beschrieben zu werden.
(Übrigens sehe ich den Geschlechtstrieb als sehr direktes evolutionäres Mittel, obwohl du recht hast, dass gerade bei Menschen vieles indirekt läuft. Im Gegensatz dazu ist ein Kinderwunsch beim Menschen immer nur eine Komponente der Entscheidung und darum viel eher als indirekt zu betrachten. Ob dieser jetzt tatsächlich genetisch determiniert ist, ist die andere Frage; ich verweise nur auf die genetisch determinierte Gelegegrösse bei Vögeln, natürlich mit dem Hinweis, dass solche Analoga mit Vorsicht zu betrachten sind.)
Zitat "Deshalb sehe ich "simplistische" Feststellungen wie "mehr Religion -> mehr Glück -> mehr Kinder" von Michael B. etwas kritisch (obwohl ich nicht grundsätzlich die Möglichkeit in Frage stelle, dass Religion adaptiv war und/oder ist)."
Ich darf noch einmal klarstellen: Seit einigen Jahren forsche und arbeite ich (neben einer wachsende Zahl von Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland) zum Zusammenhang von Religion und Reproduktion. Es besteht inzwischen kein statistischer Zweifel mehr, dass weltweit religiös vergemeinschaftete Menschen mehr Kinder haben als ihre säkularen Nachbarn. Links zu Datensammlungen u.ä. sind oben angegeben, ein Überblicksartikel z.B. hier: http://www.kas.de/wf/doc/kas_13362-544-1-30.pdf
Der Faktor "Glück" spielte in den bisherigen Überlegungen gar keine Rolle und ist kein tragendes Element der Theoriebildung. Allerdings stärkt er den Befund weiter, denn in der Tat dürften unsere Glücksfunktionen in Richtung Adaptivität evolviert sein. Wir diskutieren hier im Beitrag keine Grundthesen mehr, sondern weitere, unterstützende Befunde.
Mein Beitrag sollte nicht eine Kritik an den bisherigen Ergebnissen deiner und anderer evolutionär-religiösen Studien sein, lediglich ein Zweifel am hier im Thread postulierten direkten Zusammenhang Religion->Glück->Kinder. Dass Religiosität zu höheren Reproduktionsraten führt, halte ich besonders in der heutigen Gesellschaft für sehr plausibel. Die Frage stellt sich, wie dieses Verhältnis in prä-kontrazeptiven (tolles Wort) Gesellschaften aussah. Religion gibt es ja nicht erst seit gestern, und um evolviert zu sein, muss Religion schon vor 10'000 Jahren adaptiv gewesen sein. Ein Zusammenhang der heutigen Daten mit kirchlichen Anti-Verhütungs-Positionen (ich rede jetzt einmal von der katholischen Kirche, aber dieses Phänomen wird sicherlich auch in anderen Religionen explizit oder implizit vorhanden sein) schiene bei heutigen Werten der Reproduktionsrate logisch. Wie gross war nun der adaptive Vorteil von Religionen, bevor Massen-Verhütung an Relevanz gewann? Eine Schwierigkeit bei einer empirischen Auswertung dieser Frage wird wohl auch sein, dass sowohl Massen-Verhütung als auch Massen-Laizismus/Religionslosigkeit eher junge Phänomene sind... (Soweit mir bekannt, natürlich.)
Falls du Informationen oder Daten dazu hast, bin ich natürlich höchst interessiert.
Möglicherweise hatte ich mich etwas unklar ausgedrückt, doch ich betrachte das Glück nicht als adaptiv. Ich meine nur, dass das, was adaptiv ist, oft von Glücksgefühlen begleitet ist, und das, was maladaptiv ist, oft von Unglücksgefühlen begleitet ist. Ich denke dabei nicht nur an Sex als dem offensichtlichsten Beispiel, sondern auch an Essen, Trinken, Karriere machen, Geld verdienen oder berühmt werden. Mit anderen Worten: Die natürliche Selektion "gängelt" uns über das Glück, Dinge zu tun, die adaptiv sind, auch (und gerade!) wenn sie mit großen Mühen verbunden sind.
Wunschlos glücklich zu sein, wäre sogar maladaptiv. Wenn wir, wie es viele "Glücksforscher" fordern, in der Gegenwart leben würden und uns am Gezwitscher der Vögel, dem Flug eines Schmetterlings oder einem atemberaubenden Sonnenuntergang erfreuten, würden wir unseren biologischen Zweck verfehlen. Deshalb hatte ich in dem Artikel, auf den Michael Blume hingewiesen hatte, auch geschrieben:
"Wenn alle Lebewesen einem biogenetischen Imperativ zur Fitnessmaximierung gehorchen und von der natürlichen Selektion darauf programmiert sind, ihre Gene weiterzugeben, wird verständlich, das wahres Glück oder Unglück nur von kurzer Dauer ist und wir rasch wieder zu einer Art Mittelwert zurückkehren. Wenn unsere Vorfahren nach jeder missglückten Jagd so deprimiert und nach jeder erfolgreichen Jagd so euphorisch geworden wären, dass sie tagelang einfach ihre Hände in den Schoß gelegt hätten, wären sie sicher eine leichte Beute für ihre Fressfeinde gewesen.
Mutter Natur, der es gefällt, mit Zuckerbrot und Peitsche zu arbeiten, belohnt und bestraft daher nur vorübergehend mit Glück oder Unglück. Wenn wir etwas biologisch Sinnvolles tun, wie etwa unseren Hunger stillen, unseren Durst löschen oder unsere Begierden befriedigen, belohnt sie uns mit Glücksmomenten, die groß genug sind, damit wir das Verhalten gern wiederholen, aber eben nicht so groß, dass wir darüber unsere 'biologischen Pflichten' vergessen."
...drum bedarf es eben auch des Vaters. Man könnte den Weg des Menschen als Initiationsweg bezeichnen. Tannhäuser, der von der Venus, Parsifal/Parzival, der von der Mutter flieht.
"aber eben nicht so groß, dass wir darüber unsere 'biologischen Pflichten' vergessen."
Vielleicht ist das Streben nach Erkenntnis der eigentliche Wille von "Mutter Natur" und vielleicht hat Goethe recht, wenn er sie in den Worten Mephistos sagen läßt:
Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen,
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden,
Wie eine der langbeinigen Zikaden,
Die immer fliegt und fliegend springt
Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
Und läg er nur noch immer in dem Grase!
In jeden Quark begräbt er seine Nase.
Zitat "Dass Religiosität zu höheren Reproduktionsraten führt, halte ich besonders in der heutigen Gesellschaft für sehr plausibel. Die Frage stellt sich, wie dieses Verhältnis in prä-kontrazeptiven (tolles Wort) Gesellschaften aussah."
Sehr gute Frage!
"Religion gibt es ja nicht erst seit gestern, und um evolviert zu sein, muss Religion schon vor 10'000 Jahren adaptiv gewesen sein."
Exakt! Das erste, auf den Glauben an und Verhalten zu übernatürlichen Akteure hindeutende Verhalten sowohl von Homo Sapiens wie Homo Neanderthalensis waren Bestattungen in der mittleren Altsteinzeit, vor ca. 100.000 bis 120.000 Jahren. Und seitdem haben die entsprechenden Verhaltensweisen rapide an Komplexität zugenommen und sind heute weltweit zu finden.
Zitat "Ein Zusammenhang der heutigen Daten mit kirchlichen Anti-Verhütungs-Positionen (ich rede jetzt einmal von der katholischen Kirche, aber dieses Phänomen wird sicherlich auch in anderen Religionen explizit oder implizit vorhanden sein) schiene bei heutigen Werten der Reproduktionsrate logisch."
Wobei dieser Aspekt eine sehr viel kleinere Rolle spielt, als populär angenommen. So zeigen Vergleichsbefragungen, dass Katholiken schon seit den 70er Jahren Verhütungsmittel fast ebenso häufig anwenden wie Anhänger anderer und keiner Konfession. Auch wurden und werden sie in Europa längst von jüdischen und evangelisch-freikirchlichen Gemeinschaften reproduktiv überholt, die keine absoluten Verhütungsverbote kennen.
Zitat "Wie gross war nun der adaptive Vorteil von Religionen, bevor Massen-Verhütung an Relevanz gewann?"
Schon in einer sehr alten Überlieferungsschicht der Bibel, in Genesis 38, wird ganz selbstverständlich vom Coitus interruptus berichtet. Und auch von heutigen Wildbeutervölkern ist komplexes sexuelles (Verhütungs-)Wissen belegt.
Zitat "Eine Schwierigkeit bei einer empirischen Auswertung dieser Frage wird wohl auch sein, dass sowohl Massen-Verhütung als auch Massen-Laizismus/Religionslosigkeit eher junge Phänomene sind... (Soweit mir bekannt, natürlich.)"
Wie gesagt: das Wissen um Sexualität, die Folgen, verhütende Pflanzen und Techniken sowie die Möglichkeit der Kindesaussetzung ist in alten Überlieferungen ebenso präsent wie bei heutigen Wildbeutervölkern. Auch berichten Ethnologen (wie Pascal Boyer), dass die Begeisterung für religiöse Lehren auch bei Naturvölkern individuell sehr unterschiedlich ausfällt. Genforscher würden das auch so erwarten :-), siehe
http://www.wissenslogs.de/...der-verhaltensgenetik
Zitat "Falls du Informationen oder Daten dazu hast, bin ich natürlich höchst interessiert."
Ja, da gibt es tatsächlich sehr starke Indizien, wie bereits angedeutet: Heutige Wildbeutervölker wie die !Kung San weisen bereits komplexes Wissen um Sexualität, Reproduktion und Verhütung auf. Die Kinderzahl wird individuell beeinflusst (ggf. auch durch Kindesaussetzung) und in ihren religiösen Lehren werden Fruchtbarkeit und Kinder als erstrebenswert gelehrt. Darüber hinaus weisen die Rituale (z.B. der Num-Tanz) bereits die Signalfunktion auf: vor allem Männer beweisen ihre Frömmigkeit durch massiven und auch emotionalen Einsatz und steigern damit ihre Attraktivität in der Partnerwahl.
Vgl. dazu hier:
http://www.wissenslogs.de/...religi-se-frauen-dumm
Nehmen wir jetzt noch die rapide Emergenz des Verhaltensmerkmals Religiosität auf (in nur ca. 5.000 bis 6.000 Generationen) und berücksichtigen den Umstand, dass es in allen Menschenpopulationen und -kulturen auftritt (also nicht z.B. nur in bestimmten Klimazonen oder Agrargesellschaften auftritt), dann sprechen bisher alle Befunde dafür, dass es in der Evolutionsgeschichte des Menschen bereits seit längerem adaptiv wirkte.
Die Befunde der Glücksforschung würden dies noch einmal untermauern und ich habe die Hoffnung, dass auch DNA-Analysen in Zukunft weitere Erkenntnisse dazu liefern könnten - beispielsweise zum Auftreten und Ausbreiten ritueller Verhaltenspräferenzen etc.
Es bleibt also viel zu entdecken - und ich finde es übrigens klasse, auf welch reflektiertem Niveau Du Dich hier einbringst!!!
Könnte es auch sein, dass Glück vom Grad des Wissens abhängt und vom Grad des Zweifelns? Also, je wissender, desto unglücklicher. Je zweifelnder, desto unglücklicher. - Da müsste doch eine direkte Verbindung zur Religiosität bestehen. Könnte es sein, dass gläubige Menschen weniger wissen und weniger zweifeln?
Für mich ist das durchaus logisch, dass jemand, der alles so annimmt, wie es eben kommt und sich wenig Gedanken drum macht, glücklicher sein kann als jemand, der eben zweifelt und sehr viel nachdenkt.
Hallo Beate,
jetzt habe ich die ganze Zeit mit mir gerungen, ob ich als nächstes Thema den religiösen bzw. religionsdemografischen Markt oder ab Religiosität und Bildung behandeln sollte.
Dein Beitrag hat mich jetzt überzeugt: als nächstes kommt das Bildungsthema!
Von der Religionsdemografie her können wir dank Daten ganz klar sagen: Religiosität wirkt sich auch bei Menschen mit höherer Bildung reproduktiv förderlich aus.
Aber an @Edgar Dahl: Beate hat m.E. völlig Recht, ein (positiver, negativer, neutraler?) Zusammenhang zwischen Glück und Bildung wäre doch sehr interessant! Gibt es dazu bereits Erkenntnisse?
Nein, nach allem, was man weiß, gibt es keinen Zusammenhang von Bildung und Glück. Schlaue sind nicht glücklicher als Dumme und Dumme sind nicht glücklicher als Schlaue. Wenn gebildetere Menschen mitunter glücklicher erscheinen, dann ist dies in aller Regel darauf zurückzuführen, dass sie dank ihrer Bildung bessere Jobs und höhere Gehälter haben.
"Wenn gebildetere Menschen mitunter glücklicher erscheinen."
Wenn die Betonung auf "Erscheinen" liegt, dann habe ich dem nichts mehr hinzuzufügen!
Ich hatte eben nur die Frage beantwortet, die Michael aufgeworfen hatte: ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Bildung und Glück gibt. Wie gesagt, gibt es einen solchen Zusammenhang nicht.
Doch was Beate meinte, ist, glaube ich, etwas anderes. Indem sie unterstellt, dass Intelligentere eher zum Skeptizismus neigen, fragt sie, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Religion und Glück gibt: Sind Menschen, die ein religiöses Weltbild haben, in dem alles, einschließlich sie selbst, seinen festen Platz hat, glücklicher als Menschen, die skeptisch sind und beständig zweifeln? Mit anderen Worten: Sind religiöse Menschen glücklicher als areligiöse?
Ich schreibe gleich einmal einen kurzen Text dazu.