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Psychologische Religionstheorien - und ihr Problem

von Michael Blume, 19. Februar 2010, 22:26

Ach, das mit der Religion sei doch eigentlich ganz einfach psychologisch zu erklären. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie oft ich eine solche Einleitung in den vergangenen Jahren zu hören oder zu lesen bekommen habe - zuletzt auch im Kommentarbereich zum Post "Religiosität - Spiritualität". Und dann folgt meist eine "ganz klare", psychologische Herleitung aus einem reichen Angebot, zum Beispiel ...

* Religion diene der Bearbeitung von Todesfurcht.

* In der Religion erinnere sich der Mensch der Geborgenheit im Mutterleib.

* Religion sei Folge eines Vaterkomplexes.

* Religion diene der Sublimierung von Sexualität.

* Religion entstamme jener Zeit, als der Mensch seine eigenen Gedanken für fremde Stimmen hielt.

* Religion entstamme dem Drang des Menschen, die Welt zu erklären.

* Religion entstamme der Deutung von Träumen hin zu Seelen- und Geistervorstellungen.

* In der Religion verarbeiten Menschen das Nachwirken elterlicher Bestrafung.

* In übernatürlichen Akteuren verkörperen Menschen ihr persönliches und gesellschaftliches Über-Ich.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Und selbstverständlich lassen sich für jede dieser und der zahlreiche andere psychologischen und psychoanalitischen Thesen auch problemlos "Belege" (Zitate, Anekdoten) in den reichen Mythologien und Kulturgeschichten der Menschheit finden.

Aber genau das ist dabei auch mein Problem: Das Gleiche gilt auch stets für das Gegenteil. Wenn Religion nur der Bewältigung von Todesfurcht diente - warum gab und gibt es dann religiöse Traditionen ohne Jenseitsvorstellungen? Wenn die religiöse oder spirituelle Erfahrung dem Mutterleib entstamme - warum wird die Gottheit dann so häufig männlich angesprochen? Wie genau entscheidet sich eigentlich, ob Religion nun elterlicher Geborgenheit oder komplexbeladener Bestrafung entspringt? - Usw.

Das Vater unser - Ganz einfach?

Nehmen wir als einfaches Beispiel das wohl am häufigsten gesprochene Gebet der Christenheit, the Lord's Prayer, das Vater unser. Lässt es sich psychologisch denn wirklich einfach und ein-deutig interpretieren? Geht es um Todesfurcht (...in Ewigkeit)? Den Vater? Vergebung vor Strafe? Die Sehnsucht nach Geborgenheit? Belege fände man für jede dieser psychologischen Deutungen. Müssen wir also bei einer Diskussion auf der Ebene eines Geschmacksurteils stehen bleiben?

Oder kann es nicht eher für verschiedene Menschen in verschiedenen Situationen ganz Unterschiedliches bedeuten? Was ist zum Beispiel von dieser musikalischen Interpretation des Vater unser von E Nomine zu halten, die Fans dazu mit Szenen aus dem Computerspiel Kingdom Hearts angereichert haben?

Ich sehe weit und breit keine psychologische Großtheorie, die der komplexen Ausleg- und Anwendbarkeit auch nur dieses einen Gebetes gerecht werden würde.

Empirische Wissenschaft heißt Falsifizierbarkeit

Einige Psychologen, Psychoanalytiker und ihre Anhänger mögen mir verzeihen, dass ich angesichts des Wildwuchses an psychologischen Religionstheorien daran erinnere: Empirische Hypothesen zeichnen sich durch ihre Testbarkeit aus. Es muss also klar sein, wie sie getestet und gegebenfalls widerlegt werden können. Zusammengeklaubte Zitaten und Anekdoten können da nicht mehr als ein Anfang sein. Was sich irgendwie schlüssig anfühlt, ist deswegen noch nicht wissenschaftlich haltbar.

Um es klar zu sagen: In der Evolutionsforschung zur Religiosität leisten v.a. Kognitions-, Evolutions- und Sozialpsychologen längst großartige Arbeit - indem sie statt wolkiger Großtheorien konkrete Studien und Experimente präsentieren und diese im gemeinsamen Rahmen der Evolutionsforschung verorten. Um nur wenige Beispiele zu nennen: Jesse Bering erkundete die Auswirkungen der Glaubensannahme von übernatürlichen Akteuren beobachtet zu werden. Ara Norenzayan wies in spieltheoretischen Experimenten nach, dass schon unbewusstes, religiöses Priming die Kooperationsbereitschaft erhöhen kann. Erica Harris beobachtete, wie der Krankheitsverlauf von Parkinson-Patienten deren Religiosität beeinflußte. Matt Rossano und Ulrich Frey integrierten in kompakten Aufsätzen eine Vielzahl psychologischer Einzelbefunde. Zu Spiritualitäts- und Religiositätserfahrungen gibt es inzwischen eine Vielzahl interdisziplinär-neuropsychologischer Studien. Und Sarah Hrdy arbeitete die besondere Rolle von Mutter-Kind-Beziehungen in der Evolution von Gemeinschaftlichkeit heraus.

Mein Plädoyer wäre also gerade nicht, dass sich Psychologinnen und Psychologen in der Religionsforschung zurück halten sollten - im Gegenteil! Wir brauchen noch viel mehr Kolleginnen und Kollegen, die sich aus den wolkigen Gefilden unscharfer Großtheorien herunter und in die harte, aber ergiebige Bodenarbeit hinein begeben. Unsere (auch religionsbezogene) Psychologie ist evolviert und also außerordentlich komplex, balanciert anpassungsfähig und damit durchaus auch widersprüchlich. Wie die stets lesenswerte Brainlogs-Psychologin Katja Schwab humorvoll weiß: Der Weg ist hier das Ziel! Wenn jemand dagegen auch im 21. Jahrhundert noch verkündet, das mit der Religion "sei doch eigentlich ganz einfach psychologisch zu erklären" - so wird dabei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht viel Substanz geboten.





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Kommentare

  1. Martin Huhn Furcht
    20.02.2010 | 00:09

    "Religion diene der Bearbeitung von Todesfurcht."

    Auch ich habe so etwas als gläubiger Mensch schon oft zu hören bekommen. Der Glaube ist die Krücke für den schwachen Menschen. Der starke, freiheitsliebende, furchtlose Mensch hat das alles nicht nötig.
    Das finde ist lächerlich, weil es nicht konsequent bis zu Ende gedacht ist.

    Warum habe ich überhaupt Furcht vor dem Tod? Wenn jemand die Erklärung bedient der Glaube/Religon ist eine Verdrängung der Furcht, dann frage ich mich, was ist denn diese Furcht?

    Mein Körper besteht aus Atomen. Die Atome lagern sich zu komplexen Molekülen an. Daraus entstehen Zellen, Aminosäure, kodierende und nicht kodierende DNS, Hormone, dann gibt es noch Synapsen, die Signale im Hirn auffangen und weiter leiten, etc.

    Woher kommt nun meine Furcht? Wie kann das entstehen? Wie kann ich so etwas empfinden und wie kann ein anderer mich verstehen, wenn ich ihm davon erzähle? Wir sind doch nur Atome, die Naturgesetzen gehoren (müssen).

  2. Karl Bednarik Mein Tod
    20.02.2010 | 04:58

    Dem muss ich leider widersprechen.

    Mein Tod würde bedeuten, dass sich meine Atome an etwas anderem beteiligen, als an meinem eigenen Körper.

    Aus meiner Sicht wäre das ein nicht ganz so guter Zustand, wie er es derzeit glücklicherweise noch ist.

    Deshalb gibt es den Selbsterhaltungstrieb, der dafür sorgt, dass die meisten Atome beim derzeitigen Besitzer bleiben.

  3. KRichard gemeinschaftsbildende soziale Ordnung
    20.02.2010 | 05:57

    Wenn Menschen sich in eine vorgegebene soziale Ordnung eingebunden fühlen, dann stabilisiert das ihre Psyche (Religion, Brauchtum, Jahresfeste(Karneval) usw.).
    Und die Religion ist ein System, welches gemeinschaftsbildend eine solche Ordnung schafft und der moralischen Bekräftigung von lokalen Gesetzen/Bräuchen dient. Dieses System ist dazu da, um die zwischenmenschlichen Beziehungen zu regeln.
    Ein solches System kann sich auf übernatürliche Akteure (Gott) berufen, auf Personen (Gottkaiser, Diktatoren, Clanchefs) oder auf eine Idee (Buddhismus).

  4. theologie-der-vernunft Religion ist mehr als Psyche
    20.02.2010 | 09:45

    Hallo Herr Dr. Blume,

    wennn ich Sie richtig verstehe, dann kann ich Ihnen nur zustimmen. Ob die hier oft zur Debatte stehenden religiösen Praktiken, die Verschaltungen im Gehirn oder die Funktion der menschlichen Psyche. Das alles erkärt uns sicher die Zusammenhänge, die notwendige Funktionsweise des menschlichen Gesamt-Organismus auf der notwendigen Suche nach einem gemeinsamen Sinn in einem umfassenden Ganzen. Auch die bildhaften Glaubensvorstellungen, die kulturelle Entwicklung, die immer wieder an emotional geladene, verständliche Vorbilder anknüpfen musste, lässst sich m.E. nur im Sinne dieser menschlichen Funktionsweisen verstehen.

    Doch die Natur des Glaubens nur auf diese Funktionsinstrumente und damit eine unbestimmte Religiösität zu beziehen, nimmt die Substanz.

    KRichards weist in die Richtung, dass die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen die Voraussetzung für Gesellschaftssysteme sind, eine gemeinsame soziale Ordnung ermöglichen, die dann auch der menschlichen Psyche dient. Auch dem würde ich zustimmen, wenn Religiösität dann nicht allein bei der menschlichen Psyche halt machen muss.

    Wenn sich der mündige Mensch nicht in ozeanischen Gefühlen, deaktivierter Orientierung...versenkt, sondern im wachen Bewusstsein ihm Rahmen seiner kulturellen Vorprägung als sinnvolles Teil eines kreativen Ganzen, einer umfassenden realen schöpferischen Wirklichkeit versteht und entsprechend handelt, dann denke ich, ist die Natur des Gaubens gegeben.

    Gegen die natürliche Erklärung der Welt ist diese natürliche Funktion des Glaubens sicherlich nicht zu machen. Da bleibt dann nur die Zuflucht nach religiösen Gefühlen und Gottesbildern im Kopf bzw. psychologischer Selbsterwärmung, was dann oft als alleinige Natur des Glaube angesehen wird.

    Auch um unsere monotheistische Tradition bzw. christliche Wurzel in neuer Weise zu verstehen. Um z.B. mit einem heute von Evolutionsbiologen im Rahmen des natürlichen Weltbildes erklärten kreativen externen Sinn unseres Seins an die biblischen Bilder und Geschichten von einer schöpferischen Vernunft/Weisheit in Person(en) anknüpfen zu können. Um die Logik dieser Bilder im Rahmen der kulturellen Entwicklung zu verstehen, werden wir die Psychologen brauchen.

  5. Mona Religion
    20.02.2010 | 10:27

    „Oder kann es nicht eher für verschiedene Menschen in verschiedenen Situationen ganz Unterschiedliches bedeuten?“

    Ja, mit Sicherheit! Wenn auch moralisches Empfinden angeboren ist, dann versuchen Die Menschen dafür wohl ein Konstrukt zu schaffen, dieses kann natürlich, je nach persönlichem Hintergrund etc., auch unterschiedlich ausfallen.

    „Wenn die religiöse oder spirituelle Erfahrung dem Mutterleib entstamme - warum wird die Gottheit dann so häufig männlich angesprochen?“

    Das kann man leicht erklären, siehe hier: http://www.zeit.de/2008/13/A-Religion?page=all

  6. Michael Blume @Karl Bednarik
    20.02.2010 | 10:50

    "Mein" Körper? "Selbst"erhaltungstrieb? Woher kommt das Verständis eines "Eigen"besitzes, das "geistige Auge", von dem auch schon @Balanus sprach? Hier liegen ja genau die emergenten Qualitäten vor, die Martin Huhn angesprochen hat. Nicht "es" fürchtet sich - Sie und ich, wir tun es.

    Wir gehen sicher gemeinsam davon aus, dass die Phänomene eine natürliche Grundlage haben. Das ändert aber m.E. nichts daran, dass sie auf höherer Ebene neue Systemeigenschaften aufweisen, die sich nicht einfach wegreduzieren lassen.

  7. Michael Blume @KRichard
    20.02.2010 | 10:56

    Ja, da sind wir durchaus beieinander: Diese Erklärung von Ihnen geht nun über die individuelle Psyche hinaus und erläutert die Funktion von Religiosität auf sozialer Ebene. Dennoch würden wir beide, denke ich, durchaus auch anerkennen, dass auch individuelle, psychische Funktionen (z.B. Trost, Lebensdeutung, Geborgenheit) angesprochen sein können. Religiosität und Religionen lassen sich eben nicht auf eine Ebene reduzieren, sie ent- und bestehen in komplexen, biokulturellen Wechselwirkungen (wie z.B. Sprachen auch).

    Zur These, dass auch Religionen ohne übernatürliche Akteure funktionieren würden, ein empirisch begründeter Widerspruch: Traditionen überleben nicht, wenn sie keine übernatürlichen Akteure inkorporieren. Sowohl Buddhismus wie Jainismus, Taoismus usw. haben daher stets schon nach kurzer Zeit übernatürliche Akteure konstruiert oder adoptiert. Der real existierende, japanische Zen-Buddhismus hat sich z.B. auf die Bearbeitung von Geistern und Ahnen spezialisiert:
    http://www.uni-heidelberg.de/...ca/2009-1/die.html

  8. Martin Huhn @ Bednarik
    20.02.2010 | 11:00

    "Mein Tod würde bedeuten, dass sich meine Atome an etwas anderem beteiligen, als an meinem eigenen Körper."

    Das klingt für mich auch nur nach einer anderen Form von Jenseitserwartung. So ähnlich wie der Glaube, daß man durch sein egoistisches Gen weiterlebe.

  9. Michael Blume @ Th. d. Vernunft
    20.02.2010 | 11:00

    Ja, ich denke, die einzelnen Disziplinen können je wertvolle Puzzlestücke beisteuern, die dann miteinander verzahnt werden können - das Ganze dabei stets empirisch test- und überprüfbar. Weder Biologie noch Psychologie oder Soziologie (u.a.) alleine kriegen das ganze Bild zu fassen. Und auch das Gesamte kann immer nur eine wissenschaftliche Annäherung an die Realität sein - wie auch die Erforschung des Küssens den einzelnen Kuss nie ganz entschlüsseln wird.

  10. Michael Blume @ Mona
    20.02.2010 | 11:03

    Danke für den Link. Und wir sind uns da also einig, dass Gottesbilder durch soziokulturelle Traditionen ge- und überformt werden können. Genau das scheint mir das entscheidende Argument gegen eine nur psychologische Theoriebildung zu sein: Die grundlegenden Erfahrungen sind offenkundig so offen, dass sie für ganz unterschiedliche Gottesbilder anschlussfähig sind. Deswegen kann m.E. jede nur psychologische Theorie allenfalls einige Aspekte des Gesamtgeschehens (ggf. wissenschaftlich wertvoll und spannend!) beleuchten, nicht aber das Gesamtgeschehen. Nur in interdisziplinärer Team- und Puzzlearbeit geht es m.E. Schritt für Schritt weiter.

  11. Mona Woran glaubt ein Atheist? @Michael Blume
    20.02.2010 | 11:11

    „Zur These, dass auch Religionen ohne übernatürliche Akteure funktionieren würden, ein empirisch begründeter Widerspruch: Traditionen überleben nicht, wenn sie keine übernatürlichen Akteure inkorporieren. Sowohl Buddhismus wie Jainismus, Taoismus usw. haben daher stets schon nach kurzer Zeit übernatürliche Akteure konstruiert oder adoptiert. Der real existierende, japanische Zen-Buddhismus hat sich z.B. auf die Bearbeitung von Geistern und Ahnen spezialisiert:“

    Nein, nicht immer! Du sprichst hier lediglich von einigen Abarten. Grundlage sind hier wohl die buddhistischen Schriften und nicht die Auswüchse von einigen Abweichlern.
    Außerdem gibt es ja auch spirituelle Atheisten, hier ist das Buch von André Comte-Sponville: "Woran glaubt ein Atheist?" zu empfehlen. Ich habe hier schon mal eine Buchbesprechung:
    http://www.religion-und-spiritualitaet.de/...e.pdf

  12. Mona Nachtrag @Michael Blume
    20.02.2010 | 11:40

    Du schreibst an @Balanus: Zwei Merkmale 20.02.2010 | 10:44

    „Vorsicht, ein Rückfall! :-)
    Wir sprechen hier über zwei unterschiedliche Merkmale. So hat Religiosität eine soziale Komponente (Interaktion mit übernatürlichen Akteuren), die die Spiritualität nicht (notwendig) hat. Beide Merkmale können sich verbinden und verstärken, tun dies im Alltag auch häufig - das heißt aber nicht, dass sie identisch sind. Auch wenn Sie ein völlig unspiritueller Amish wären, so würden Sie sich dennoch (durchschnittlich) sehr erfolgreich fortpflanzen und Ihre religiösen Begabungen wie auch spirituellen Kaum-Veranlagungen an kommende Generationen weitergeben.“

    Und im umgekehrten Fall? Ja, da muss es doch auch spirituelle Atheisten oder Buddhisten geben, die mit übernatürlichen Akteuren nichts am Hut haben, oder?

  13. Balanus Atome, Leben, Tod
    20.02.2010 | 13:02

    @Martin Huhn

    »Mein Körper besteht aus Atomen. Die Atome lagern sich zu komplexen Molekülen an. Daraus entstehen Zellen, Aminosäure, kodierende und nicht kodierende DNS, Hormone, dann gibt es noch Synapsen, die Signale im Hirn auffangen und weiter leiten, etc. «

    Hier fehlt das Entscheidende, was den Unterschied zwischen Leben und „toter“ Materie ausmacht.

    Genauso wie hier:

    @Karl Bednarik

    »Mein Tod würde bedeuten, dass sich meine Atome an etwas anderem beteiligen, als an meinem eigenen Körper.
    […]
    Deshalb gibt es den Selbsterhaltungstrieb, der dafür sorgt, dass die meisten Atome beim derzeitigen Besitzer bleiben.
    «

    Es geht nicht um Atome als solche, sondern um deren strukturelle Organisation. Die dynamischen Prozessstrukturen müssen vom lebenden Organismus aufrechterhalten werden, damit das Leben nicht verlöscht. Die einzelnen Atome sind austauschbar und werden auch laufend ausgetauscht.

    (Ich weiß, dass ich hier nix Neues erzähle, aber es musste an dieser Stelle einfach noch einmal gesagt werden)

    @ Michael Blume

    »Wir gehen sicher gemeinsam davon aus, dass die Phänomene eine natürliche Grundlage haben. Das ändert aber m.E. nichts daran, dass sie auf höherer Ebene neue Systemeigenschaften aufweisen, die sich nicht einfach wegreduzieren lassen. «

    „Wegreduzieren“? Heißt „reduzieren“ nicht, etwas Komplexes auf einfachere Dinge zurückzuführen?

    Geist und Bewusstsein werden gemeinhin als Systemeigenschaften des Gehirns aufgefasst. Wenn wir von „Mein“, „Selbst“ und „Ich“ reden, steht das keineswegs im Widerspruch zu dieser naturalistischen Auffassung. Man muss eben unterscheiden zwischen dem, was wir subjektiv empfinden, und dem, was diesen Empfindungen objektiv zugrunde liegt.

  14. KRichard @Blume: Zustimmung
    20.02.2010 | 14:16

    Schon allein der Anfang des Gebets: Vater unser, der Du bist im Himmel ...
    zeigt um was es bei Religionen geht; um das Eingebundensein in eine Gemeinschaft.
    Es ist für die Psyche von Menschen enorm wichtig, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wir können alleine nicht überleben.
    Der Begriff ´Vater´ beschreibt die Familiengemeinschaft, ´unser´ beschreibt eine darüber hinausgehende gemeinsame soziale Gruppe - und ´der du bist im Himmel´ verweist auf eine überregionale, tranzendente Zusammengehörigkeit.

    Einfacher kann man´s nicht beschreiben, warum das System ´Religiosität/Religion´ für die Psyche gut ist.

  15. Katharina Korrektur
    20.02.2010 | 15:59

    Geist und Bewußtsein sind mehr als Eigenschaften des Gehirns und deshalb auch nicht auf Neuronales reduzierbar. Am ehesten lassen sie sich statt dessen als Emergenzphänomene bezeichnen.
    Auch "Mein", "Selbst" und "Ich" sind keine subjektiven Empfindungen auf objektiv materiell-neuronaler Basis, sondern sie sind sinnlogische Prädispositionen in einem sozialen Gefüge. Das Ich trifft seine Entscheidungen nicht aufgrund neuronaler Mechanismen, sondern es hat Gründe, die auf der Interaktion mit der Außenwelt beruhen.
    Kein Wissenschaftler wird behaupten, sein Gehirn habe seine wissenschaftlichen Arbeiten geschrieben oder es hätte sich in seine Frau verliebt :-)

  16. Karl Bednarik Emergenzphänomene
    20.02.2010 | 22:18

    Na,ja, Emergenzphänomene klingt gut.

    Aber ein Haufen synchronisierter Atome kann seine Interessen einfach viel besser vertreten, als einzelne Atome in der selben Anzahl.

    Deshalb fressen ja die Mehrzeller die Einzeller, und nicht umgekehrt.

  17. Katharina @ Karl Bednarik
    21.02.2010 | 06:46

    Dazu kann man nur eins sagen, Herr Bedarik: Guten Appetit!

  18. Mona Religion versus Evolution
    21.02.2010 | 09:27

    Den Artikel "Wie die Sünde in die Welt kam" habe ich soeben im Braincast von Arvid Leyh gefunden (vorletzter Punkt): http://www.brainlogs.de/...runds-tzliches-thalamus

  19. Martin Huhn @ Balanus
    21.02.2010 | 12:48

    "Es geht nicht um Atome als solche, sondern um deren strukturelle Organisation. Die dynamischen Prozessstrukturen müssen vom lebenden Organismus aufrechterhalten werden, damit das Leben nicht verlöscht. Die einzelnen Atome sind austauschbar und werden auch laufend ausgetauscht."

    Ja, meine Aufzählung war ja nicht komplett. Deshalb setzte ich auch noch ein etc. hinten dran.

    Die Frage war ja, wieso man überhaupt Todesfurcht haben kann. Die Organisation der Atome reicht dazu nicht aus. Das ist keine Erklärung.

  20. Martin Huhn @ Bednarik
    21.02.2010 | 12:53

    "Aber ein Haufen synchronisierter Atome kann seine Interessen einfach viel besser vertreten, als einzelne Atome in der selben Anzahl."

    Dann ist das Maß der Todesfurcht vielleicht von der Anzahl der Atome abhängig? Elefanten haben demnach mehr Angst vor dem Tod, ja? Haben Tiere überhaupt Angst vor dem Tod? Wer sich nicht bewußt ist, daß er lebt, wie soll er da Angst vor dem Tod haben?

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