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Psychologische Religionstheorien - und ihr Problem

von Michael Blume, 19. Februar 2010, 22:26

Ach, das mit der Religion sei doch eigentlich ganz einfach psychologisch zu erklären. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie oft ich eine solche Einleitung in den vergangenen Jahren zu hören oder zu lesen bekommen habe - zuletzt auch im Kommentarbereich zum Post "Religiosität - Spiritualität". Und dann folgt meist eine "ganz klare", psychologische Herleitung aus einem reichen Angebot, zum Beispiel ...

* Religion diene der Bearbeitung von Todesfurcht.

* In der Religion erinnere sich der Mensch der Geborgenheit im Mutterleib.

* Religion sei Folge eines Vaterkomplexes.

* Religion diene der Sublimierung von Sexualität.

* Religion entstamme jener Zeit, als der Mensch seine eigenen Gedanken für fremde Stimmen hielt.

* Religion entstamme dem Drang des Menschen, die Welt zu erklären.

* Religion entstamme der Deutung von Träumen hin zu Seelen- und Geistervorstellungen.

* In der Religion verarbeiten Menschen das Nachwirken elterlicher Bestrafung.

* In übernatürlichen Akteuren verkörperen Menschen ihr persönliches und gesellschaftliches Über-Ich.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Und selbstverständlich lassen sich für jede dieser und der zahlreiche andere psychologischen und psychoanalitischen Thesen auch problemlos "Belege" (Zitate, Anekdoten) in den reichen Mythologien und Kulturgeschichten der Menschheit finden.

Aber genau das ist dabei auch mein Problem: Das Gleiche gilt auch stets für das Gegenteil. Wenn Religion nur der Bewältigung von Todesfurcht diente - warum gab und gibt es dann religiöse Traditionen ohne Jenseitsvorstellungen? Wenn die religiöse oder spirituelle Erfahrung dem Mutterleib entstamme - warum wird die Gottheit dann so häufig männlich angesprochen? Wie genau entscheidet sich eigentlich, ob Religion nun elterlicher Geborgenheit oder komplexbeladener Bestrafung entspringt? - Usw.

Das Vater unser - Ganz einfach?

Nehmen wir als einfaches Beispiel das wohl am häufigsten gesprochene Gebet der Christenheit, the Lord's Prayer, das Vater unser. Lässt es sich psychologisch denn wirklich einfach und ein-deutig interpretieren? Geht es um Todesfurcht (...in Ewigkeit)? Den Vater? Vergebung vor Strafe? Die Sehnsucht nach Geborgenheit? Belege fände man für jede dieser psychologischen Deutungen. Müssen wir also bei einer Diskussion auf der Ebene eines Geschmacksurteils stehen bleiben?

Oder kann es nicht eher für verschiedene Menschen in verschiedenen Situationen ganz Unterschiedliches bedeuten? Was ist zum Beispiel von dieser musikalischen Interpretation des Vater unser von E Nomine zu halten, die Fans dazu mit Szenen aus dem Computerspiel Kingdom Hearts angereichert haben?

Ich sehe weit und breit keine psychologische Großtheorie, die der komplexen Ausleg- und Anwendbarkeit auch nur dieses einen Gebetes gerecht werden würde.

Empirische Wissenschaft heißt Falsifizierbarkeit

Einige Psychologen, Psychoanalytiker und ihre Anhänger mögen mir verzeihen, dass ich angesichts des Wildwuchses an psychologischen Religionstheorien daran erinnere: Empirische Hypothesen zeichnen sich durch ihre Testbarkeit aus. Es muss also klar sein, wie sie getestet und gegebenfalls widerlegt werden können. Zusammengeklaubte Zitaten und Anekdoten können da nicht mehr als ein Anfang sein. Was sich irgendwie schlüssig anfühlt, ist deswegen noch nicht wissenschaftlich haltbar.

Um es klar zu sagen: In der Evolutionsforschung zur Religiosität leisten v.a. Kognitions-, Evolutions- und Sozialpsychologen längst großartige Arbeit - indem sie statt wolkiger Großtheorien konkrete Studien und Experimente präsentieren und diese im gemeinsamen Rahmen der Evolutionsforschung verorten. Um nur wenige Beispiele zu nennen: Jesse Bering erkundete die Auswirkungen der Glaubensannahme von übernatürlichen Akteuren beobachtet zu werden. Ara Norenzayan wies in spieltheoretischen Experimenten nach, dass schon unbewusstes, religiöses Priming die Kooperationsbereitschaft erhöhen kann. Erica Harris beobachtete, wie der Krankheitsverlauf von Parkinson-Patienten deren Religiosität beeinflußte. Matt Rossano und Ulrich Frey integrierten in kompakten Aufsätzen eine Vielzahl psychologischer Einzelbefunde. Zu Spiritualitäts- und Religiositätserfahrungen gibt es inzwischen eine Vielzahl interdisziplinär-neuropsychologischer Studien. Und Sarah Hrdy arbeitete die besondere Rolle von Mutter-Kind-Beziehungen in der Evolution von Gemeinschaftlichkeit heraus.

Mein Plädoyer wäre also gerade nicht, dass sich Psychologinnen und Psychologen in der Religionsforschung zurück halten sollten - im Gegenteil! Wir brauchen noch viel mehr Kolleginnen und Kollegen, die sich aus den wolkigen Gefilden unscharfer Großtheorien herunter und in die harte, aber ergiebige Bodenarbeit hinein begeben. Unsere (auch religionsbezogene) Psychologie ist evolviert und also außerordentlich komplex, balanciert anpassungsfähig und damit durchaus auch widersprüchlich. Wie die stets lesenswerte Brainlogs-Psychologin Katja Schwab humorvoll weiß: Der Weg ist hier das Ziel! Wenn jemand dagegen auch im 21. Jahrhundert noch verkündet, das mit der Religion "sei doch eigentlich ganz einfach psychologisch zu erklären" - so wird dabei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht viel Substanz geboten.





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Kommentare

  1. Mona Die Musik der Religionen @Rüdiger Sünner
    01.03.2010 | 08:48

    „Auch ich habe jahrelang intensiv Zen betrieben, bin aber doch wieder davon weggekommen, weil es zwar eine tiefe Entspannungstechnik sein kann, aber mir wenig hilft, die grossen Geheimnisse der Natur zu verstehen. …“

    Wie „betreibt“ man Zen? Haben Sie Zazen praktiziert? Und welche „großen Geheimnisse“ der Natur möchten Sie verstehen?

    Gerhard Menzel schrieb hier. „ich denke, wenn die Musiker der westlichen Welt nur z.B. östliche Spiritualität spielen wollen, weil sie die Tonarten der eigenen Musik nicht mehr durchschauen, hier nur noch Tamm-Tamm verstehen, wird auch in fremden Spielweisen nur Tamm-Tamm herauskommen.“

    Der Dalai Lama meint, bevor man sich mit einer fremden Religion befasst sollte man erst einmal die eigene kennen. Insofern ist bei mir z.B. der Katholizismus immer gegenwärtig, da ich ihn als Kind „lernte“. Als ich Zen kennenlernte merkte ich, dass mir diese Denkweise näher lag, ja viele meiner Wesenszüge passten besser zum Zen-Buddhismus als zum Katholizismus. Zen war sozusagen schon immer da. Ich befasse mich gerne auch mit anderen Religionen, darum bin ich auch auf diesem Blog gelandet. Was ich damit sagen will ist: Die Melodie des Katholizismus habe ich als Kind gelernt, sie ist wie ein Kinderlied, das man auch ohne Noten spielen kann. Die Melodie des Zen kannte ich bereits und es ist leicht sie zu spielen; und die Melodie fremder Religionen möchte ich verstehen lernen, auch wenn ich das Stück nicht spielen kann.

    Ich möchte daran jetzt aber keine Glaubensfrage festmachen, es geht um die emotionale Bewertung. Alle Stücke, d.h. alle Religionen wurden von Menschen geschaffen, wer oder was den Schöpfer des Stücks bzw. der Religion inspiriert hat weiß ich nicht, denn da beginnt der Glaube.

    Für mich beschäftigt sich Zen sehr wohl mit den „Geheimnissen“ der Natur. Daisetz Teitaro Suzuki schreibt: "Die Methode des Zen besteht darin, in den Gegenstand selbst einzudringen und ihn sozusagen von innen zu sehen.“ Ich habe über dieses Thema schon mal ausführlich geschrieben und möchte ungern alles wiederholen. Mir ist auch klar, dass vielen Menschen die Denkweise des Zen eher fremd bleibt, das habe ich an den Kommentaren gemerkt. Wie heißt es doch unter Indianern: „Mancher hört einen anderen Trommler“.

    http://www.chronologs.de/...ne-gott-zen-buddhismus

  2. Rüdiger Sünner Zen und die Natur
    01.03.2010 | 09:49

    @Mona
    Ja, ich habe jahrelang Zazen gemacht, u.a. auch im Zen-Kloster "La Gendronniere" des Japanischen Meisters Deshimaru in Frankreich. Immer noch hängt in meinem Flur eine Kalligraphie von ihm, die mich jeden Morgen in ihrer Schönheit und Strenge tief anrührt. Gelernt habe ich dort viel, die Begegnung mit asiatischer Kultur und Spiritualität, die Entleerung meines Geistes, um immer wieder unvoreingenommen auf die Welt zu schauen, die hohe Geistigkeit der Zen-Ästhetik und Architektur etc.
    Geheimnisse der Natur aber bedeutet auch Durchgang durch die Naturwissenschaften: Wie wird aus der DNA eine Form? Wie entstand Bewusstsein? Warum wissen wir immer noch nichts über die unsichtbare Kraft der Gravitation, die alles Leben erst ermöglichte? Hat die Evolution ein Ziel oder nicht? Welche Rolle spielt der Zufall bei der Entstehung des Lebens und des Menschens? Was war der Urknall und was davor? Entstand die Materie aus Materie, aus Geist, Energie oder woraus? Da hilft Zen wenig, höchstens sich auf den Augenblick zu konzentrieren und den Geist offen zu halten. Natur "von innen" zu verstehen, ist eine schöne Metapher, aber was heisst das genau? Ich denke, wir brauchen Rationalität, Empirie und Intuition zum Verstehen der Natur (also auch ein Stück "Innenschau").

  3. Balanus Denkverbote /M. Blume
    01.03.2010 | 10:42

    Denkverbote, Dogmen, Tabus — na, da fahren Sie ja mal wieder ganz schweres Geschütz auf, lieber Michael ;-)

    Es geht doch nur darum, dass sich im Laufe der Jahrzehnte ein wissenschaftlicher Konsens herausgebildet hat, und zwar allein aufgrund von Beobachtungen und Fakten. Zu diesem Konsens gehört, dass dem evolutionären Wandel kein teleologisches Prinzip zugrunde liegt. Weder die derzeit bekannten Evolutionsmechanismen noch der aktuelle Stand der evolutionären Entwicklungen liefern Anhaltspunkte dafür, dass der evolutionäre Wandel zielintendiert wäre, ganz im Gegenteil.

    Man darf das natürlich anders sehen, denn die Wissenschaft kennt keine Dogmen, die geglaubt werden müssen. Es wird auch keiner gezwungen zu glauben, dass Fossilien aus tieferen Schichtungen älter sind als die aus den höher gelegenen. Es geht immer nur darum, welche wissenschaftlichen Annahmen in sich schlüssig und widerspruchsfrei sind und welche nicht.

    Wenn es Beobachtungen geben sollte, die für eine zielintendierte Evolution der Arten sprechen, dann könnte, nein, müsste man darüber diskutieren. Das ist aber, soweit ich weiß, nicht der Fall.

  4. Mona Zen und Naturwissenschaft @Rüdiger Sünner
    01.03.2010 | 10:59

    Natürlich wird kein vernünftiger Mensch bestreiten, dass es zum Verständnis der Geheimnisse der Natur auch den Durchgang durch die Naturwissenschaften braucht. Aber mit Naturwissenschaft und Religion ist es wohl wie mit der Liebe, auch wenn man weiß welche körperlichen Abläufe hier beteiligt sind ,so erklärt es nicht die romantischen Gefühle, die der eine hat und der andere vielleicht nicht.
    Zen ist ja von Hause aus neugierig und kennt keinen Dogmen, insofern sehe ich da jetzt keine korrelierenden Punkte.

  5. Mona Wissenschaft und Irrglaube @Balanus
    01.03.2010 | 11:24

    „Man darf das natürlich anders sehen, denn die Wissenschaft kennt keine Dogmen, die geglaubt werden müssen.“

    *Hüstel* Nur ein Beispiel: Vor Jahren wurde von Ernährungswissenschaflern herausgefunden, dass tierisches Protein dem menschlichen sehr nahe kommt. Logischerweise muss der Mensch viel tierisches Eiweiß und damit Fleisch etc. essen um damit seine körperlichen Reserven am besten auffüllen zu können. Inzwischen weiß man aber, dass ein zuviel an tierischen Produkten denkbar ungesund ist. Bis man diese neuen Erkenntnisse gewann, wurde der alte Irrglauben in sämtlichen Lehranstalten als Dogma der modernen Wissenschaft verbreitet.

  6. Rüdiger Sünner Wissenschaft und Dogmen
    01.03.2010 | 11:44

    Dass die Wissenschaft keine Dogmen kennt, ist ein schöner, frommer Wunsch, der natürlich nicht immer mit der Wahrheit übereinstimmt. So sollte es eigentlich sein, ist es aber oft nicht. Bereits die Urväter der Naturwissenschaft, wie Descartes, Francis Bacon und Galileo Galilei haben Dogmen aufgestellt, auf denen Biologie und Physik bis heute ruhen: Das Wirkliche ist messbar, und Nichtmessbares muss messbar gemacht werden, Innen und Aussen, Geist und Materie (res cogitans, res extensa) sind strikt voneinander getrennt. Das sind willkürliche, spekulative, durch keine Empirie beweisbaren Apriori-Setzungen, genauso metaphysisch wie die Dogmen der Kirche. Man suchte damals verzweifelt nach neuen unerschütterlichen Gewissheiten, nachdem die theologischen Glaubensgebäude fraglich geworden waren. Das hatte sein Positives, indem es die Menschen von der Diktatur der Kirche und des Aberglaubens befreite und zum selbständigen Denken ermutigte. Es wäre z.B. zu untersuchen, inwieweit Naturwissenschaft und Aufklärung zusammenhängen. Aber es bildeten sich eben neue Dogmen heraus, wie es oft in der Geschichte der Fall ist und die geistern bis heute im Wissenschaftsbetrieb - oft unreflektiert - herum. Biologen und Physiker müssten im Studium auch ein wenig Philosophie, Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte lernen, um zu sehen, dass ihre Methode eine historisch gewordene Methode und keine "letzte Wahrheit" ist.

  7. Mona Zu Zen und Wissenschaft @Rüdiger Sünner
    01.03.2010 | 13:06

    Der letzte Satz sollte natürlich heißen: …insofern sehe da jetzt keine miteinander konkurrierenden Punkte.

  8. Balanus Dogmen /@Mona, @R. Sünner
    01.03.2010 | 13:10

    Nun gut, wenn man Annahmen der Art, dass es da draußen eine beobachtbare Welt gibt, als wissenschaftliches Dogma bezeichnen will, dann gibt es auch in der Wissenschaft so etwas wie Dogmen.

    Wir reden hier aber nicht über weltanschauliche Grundannahmen an der Grenze unseres Erkenntnisvermögens, sondern über Erkenntnisse, die mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden gewonnen wurden. Die sich natürlich auch als falsch herausstellen können, was aber nur beweist, dass es sich bei wissenschaftlichen Befunden oder Lehrmeinungen gerade eben nicht um Dogmen handelt.

    Andererseits gibt es durchaus Lehrsätze, die im Gewand eines Dogmas daherkommen, weil sie als unwiderlegbar "wahr" gelten. Dennoch steht in der Wissenschaft letztlich alles zur Disposition, weil das wissenschaftliche Prinzip keine letzten, unumstößlichen Glaubenswahrheiten kennt. Das ist nach meinem Dafürhalten das einzig zulässige Dogma in der Wissenschaft.

  9. 01.03.2010 | 13:37

    @ Mona
    Ich würde es mal so sagen: Zen und Naturwissenschaft können sich gut ergänzen. Im Moment brauche ich Zen oder andere Meditationstechniken nicht, weil das durch Naturwissenschaft vertiefte Staunen und Nachsinnen über die Geheimnisse der Natur mir auch meditative Momente verschaffen kann. Will ich meinen Geist "entleeren", höre ich Bach, den grossen europäischen Meditationsmeister.

  10. Wentus @Mona Wissenschaft und Irrglaube
    02.03.2010 | 15:59

    Solche Beispiele wie die veralteten Ernährungshinweise werden von vielen Wissenschaftskritikern angeführt und verunsichern tatsächlich sehr viele Menschen.

    Der Hintergrund dessen besteht darin, dass sich die Medizin eben nicht wirklich wissenschaftlich verhalten hat. Der Anfangspunkt war die Medizin als Branche des theologischen Fachbereichs und das Ende ist erst erreicht worden, als vor zehn bis zwanzig Jahren die evidenzbasierte Medizin eingeführt worden ist.

    Analogieschlüsse wie bei der Nützlichkeit von Fetten sind nicht erlaubt, sie müssen empirisch bewiesen werden. Es ist jedem zu misstrauen, der einen Satz so beginnt: "Wer wollte bestreiten, dass..."

  11. MassimoViachetti Evidenz
    02.03.2010 | 18:27

    "Evidenzbasiert" - ein hehres Ziel. Aber wissenschaftliche Studien können nur so integer sein wie die Wissenschaftler, die sie durchführen. Die Wirklichkeit sieht so aus: Es wird getrickst, gedealt, gefälscht: Forschungsskandal Göttingen 2006, Innsbruck 2008, Bonn 2009, Konstanz 2010, Stammzellforscher Hwan Woo Suk 2006, "Korruption greift in der Forschung um sich; bundesweit 60 Hinweise auf Fehlverhalten", "Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt bundesweit gegen 100 Professoren", "Spitze des Eisbergs", "Forschungsmafia Klimaschutz" usw. Abgesehen vom vorsätzlichen Betrug wird übrigens bei Messungen und Experimenten stets mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das Ergebnis erzielt, das der Experimentator erwartet, es geschieht selbst bei ehrlichen Absichten ganz unbewußt.

  12. Michael Blume @ Balanus: Einspruch! :-)
    03.03.2010 | 00:44

    Lieber Balanus,

    da sind wir wieder bei einem klassischen Problem interdisziplinärer Debatte! Sie schrieben: Denkverbote, Dogmen, Tabus — na, da fahren Sie ja mal wieder ganz schweres Geschütz auf, lieber Michael ;-)

    Erlauben Sie mir, darauf hinzuweisen, dass Denkverbote, Dogmen und Tabus im Feld der Religionswissenschaft nun wirklich nicht selten sind - und ggf. sogar notwendig, um religiöse Traditionen und Gemeinschaften zu etablieren und über Generationen und Jahrhunderte hinweg zu erhalten.

    Es ist nur immer wieder erstaunlich, wie gerne Wissenschaftler, Künstler und andere für sich in Anspruch nehmen, frei von solchen Phänomenen zu sein - was ein Blick von außen meist schnell widerlegt. Auch Wissenschaftler sprachen und sprechen gerne Denkverbote aus, verteidigen Dogmen und Tabus etc. Gerade auch die Psychologie und Psychotherapie selbst weisen da einen Reichtum an Eigen-Beispielen auf! Allerdings stimme ich Ihnen zu, dass es in vielen wissenschaftlichen Disziplinen eben auch anerkannte Methoden gibt, vorherrschende Prämissen dennoch herauszufordern und ggf. (mindestens mittelfristig) zu überwinden. In der Realität ist dies zwar "nur" ein Ideal - das aber eben doch immer wieder auch real wird. Auch deswegen macht Wissenschaft ja solche Freude! Sie bleibt immer spannend und voller Überraschungen...

  13. Balanus Balanus: Einspruch! :-) /@M. Blume
    03.03.2010 | 18:41

    Jetzt bin ich ein wenig ratlos. Worauf bezieht sich Ihr "Einspruch"?

    Ich habe doch nicht behauptet, dass es in Religionsgemeinschaften keine Denkverbote, Dogmen und Tabus gäbe. Ich sprach von den naturwissenschaftlichen Disziplinen. Hier sind mir keine Denkverbote, Dogmen und Tabus, wie sie in Religionen gang und gäbe sind, bekannt.

    Was einzelne Wissenschaftler tun (also etwa Denkverbote aussprechen), ist in diesem Zusammenhang unerheblich.

  14. Michael Blume @ Balanus
    04.03.2010 | 20:15

    Der Einspruch bezog sich auf die Diagnose, das Feststellen von Denkverboten, Dogmen und Tabus sei "schweres Geschütz". Ist es nicht, es ist der Normalzustand aller Menschengruppen, die einen Konsens darüber ausbilden, was richtig(er) und wahr(er) ist und ungehalten reagieren, wenn dieser Konsens in Frage gestellt wird.

    Ich sprach von den naturwissenschaftlichen Disziplinen. Hier sind mir keine Denkverbote, Dogmen und Tabus, wie sie in Religionen gang und gäbe sind, bekannt.

    Na, da muss ich nun aber doch das hervorragende "Fallstricke. Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft" empfehlen:
    http://www.wissenslogs.de/...op.de/artikel/1006676

    Persönlich fand ich - neben anderen, gravierenden Fällen - am erschütterndsten das Schicksal des genialen Dr. Semmelweis, der es gewagt hatte, den Herren Ärzten empirisch aufzuzeigen, dass sie mit ihrer mangelnden Hygiene den Tod unzähliger Mütter verschuldeten. Und der tatsächlich glaubte, diese angeblich ach so rationalen Epigonen würden es ihm danken und von ihm lernen...

    Wo immer Menschen wirken, menschelt es - im Guten, wie im Schlechten.

  15. Balanus Ah ja, verstehe… /@M. Blume
    04.03.2010 | 21:55

    …aber dann kann ich Ihren Einspruch nicht gelten lassen. Sie zwingen mich, das Ganze noch einmal zu rekapitulieren:

    Im Nachbarblog hatte ich Karl Barth zitiert:

    » Die Naturwissenschaft hat freien Raum jenseits dessen, was die Theologie als das Werk des Schöpfers zu beschreiben hat. Und die Theologie darf und muß sich da frei bewegen, wo eine Naturwissenschaft (...) ihre gegebene Grenze hat. «

    Hier im Blog schrieb ich (am 28.02.) zur "Grenze zwischen Wissenschaft und Religion/Mystik":

    » Wer diese Grenze nicht beachtet, könnte zum Beispiel leicht zu der Vorstellung gelangen, die Evolution steuere auf ein Ziel zu. Das darf man zuhause im stillen Kämmerlein ja glauben, aber wenn solcherart Ideen in eine wissenschaftliche Arbeit einfließen, ist das weniger schön. «

    Daraufhin schrieben Sie:

    » Das finde ich nun wirklich interessant - ein wissenschaftliches Dogma? Ein Tabu? Bewehrt mit Ketzerdrohungen? Wow! «

    Und im Weiteren sprachen Sie von "Denkverboten". Da ist es doch wohl verständlich, dass ich das als "schweres Geschütz" empfunden habe, wo ich doch nur den Gedanken Karl Barths gefolgt bin.

    Nun gut, damit ist das (nebensächliche) Thema für mich erledigt, ich verzeihe Ihnen ;-).

    » Wo immer Menschen wirken, menschelt es - im Guten, wie im Schlechten. «

    Deswegen hatte ich mich ja nur auf die wissenschaftlichen Disziplinen als solche bezogen, also auf das Prinzipielle, das Forschungsideal, oder wie auch immer man das nennen mag.

  16. Michael Blume @ Balanus
    05.03.2010 | 18:09

    Na, aber dann können wir uns doch wohl wirklich gütlich einigen: Sowohl Religionen wie Wissenschaften formulieren bisweilen hohe Ideale, denen freilich die jeweils Handelnden als Menschen nie vollkommen gerecht werden können. Die jeweiligen Ideale (z.B. Nächstenliebe, wissenschaftliche Objektivität) entwertet dies jedoch nicht.

    Einverstanden? :-)

  17. MassimoViachetti Hinweis, @ all
    07.03.2010 | 19:41

    Wie die Religionen entstanden, ist schon interessant. Vielleicht noch interessanter, besonders im Hinblick auf die Frage ob Religion ausstirbt, ist die Entstehung des Atheismus.
    Arvid Leyh weist in seinem Blog auf folgenden Artikel im New Scientist vom 3.3.2010 hin: Where do atheists come from?
    Erwähnt wird u.a. das NSRN, The Non-religion and Secularity Research Network.

  18. Michael Blume @ MassimoViachetti
    09.03.2010 | 07:35

    Ja, auch ich würde denen widersprechen, die Atheismus einfach nur als Abwesenheit bzw. Unterentwicklung von Religiosität definieren wollten. Deswegen verfolge ich auch diese Forschungen mit großem Interesse und bin vor allem gespannt, ob sich auch einmal demografisch erfolgreiche (oder wenigstens stabile) atheistische Gemeinschaften oder Traditionen entwickeln werden. Danke also für die Hinweise - zumal Arvid Leyhs Braincast "immer" hörenswert ist! :-)

  19. Ralph Würfel Das Wissen um den Tod
    09.03.2010 | 22:17

    Der Mensch ist das Wesen, das um seine Sterblichkeit weiß. Da dieser Gedanke an sich nicht zu ertragen ist, muss der Mensch dem etwas entgegensetzen. Bei Hegel heißt es, Geschichte sei das, was der Mensch mit dem Tod anfange. Wir könnten dies aber auch Kultur nennen. Es lassen sich verschiedene Stufen sehr unterschiedliche Praktiken kultureller Handlungen finden.

    In einer sehr frühen Stufen der menschlichen Entwicklung sind es die magisch-mythischen Rituale, die das Weiterleben des Stammes ermöglichen sollen. Campbell sagt dazu in „The Masks of God“: Wo es Magie gibt, da gibt es keinen Tod.

    Die ersten Ackerbaugesellschaften brechen mit den magischen Formen der Kulturpraxis (ohne sie aufzugeben, sie werden im Hegelschen Sinne aufgehoben). Sie entdecken die Sprache und die Zeit. Aber noch wichtiger – es werden Symbole und Herrschaftsstrukturen (Macht) geschaffen. Es ist nun möglich, gesellschaftliche Normen zu setzen. Und die ersten (nicht-monotheistischen) Religionen entstehen. Ken Wilber (sich auf Spengler beziehend) meint, dass die gesteigerte Todesfurcht neue Formen symbolischer oder vorgeblicher Unsterblichkeit hervorbrachte (in „Halbzeit der Evolution“) und verweist auf das alte Ägypten der Totenkulte. Bei E. Becker heißt es dazu, der Tod würde durch Anhäufung von Monumenten überwunden in „Escape from Evil“).

    Es blüht aber auch eine andere Form der Flucht vor dem Tod – das Opferritual. Es ist gewissermaßen das „Herzstück“ dieser Stufe der menschlichen Entwicklung. Becker und Wilber sehen das Opfer als den „magischen Ersatz“ für Unsterblichkeit. Natürlich ist das nur ein Aspekt einer komplexen Thematik. Entscheidend ist aber, dass sich das Blutopfer in ein symbolisches Opfer wandelt. Nicht mehr Blut muss fließen (es genügt nicht mehr), sondern das Ich wird geopfert. Hier ist der Beginn der monotheistischen Religionen anzusetzen. Aber natürlich wird das tatsächliche Opfer nicht aufgegeben, sondern wieder aufgehoben. Um nur einen Autoren von vielen zu nennen: Canetti hat sprachgewaltig in „Masse und Macht“ auf den Zusammenhang Opfer – Mord – moderne Kriegsführung hingewiesen.

    Und es beginnt eine dritte Wende – etwa zeitgleich mit dem Entstehen der ersten (patriarchalen) Gemeinwesen (Polis) entwickelt sich das aus dem zyklischen das lineare (oder zeitgeschichtliche) Denken. Die Unsterblichkeitssymbole sind nun Geld (Gold) und Güter. Und es entwickeln sich die großen monotheistischen Religionen. Die wichtigste Manifestation ist die Proklamation der Schuld, der Sünde – der Mensch ist in der Lage, die Trennung vom „Paradies“ (also vom Eins-Sein mit Gott) zu empfinden und erkennt, dass sein „Ich“ - sein Ego, sein Ich-Bewusstsein, daran „schuld“ ist. Die Erkenntnis, was gut und was böse, sprich: was richtig und was falsch ist (also das eigene moralische Handeln zu erkennen und zu bewerten), ist die neue kulturelle Leistung. Selbstbewusstsein und mentale Reflexion sind das Ergebnis.

    Aber spätestens mit dem Beginn der Moderne (Descartes) kann auch diese -Form der Religion dem sich weiter entwickelnden menschlichen Bewusstsein nicht mehr die existenzielle Angst nehmen. Andere, adäquate kulturelle Leitungen müssen gefunden werden. Ich bin davon überzeugt, dass der moderne Mensch – wie alle anderen vor ihm – diese finden werden. Klar ist, dass wir uns in einer Phase des Nicht-mehr und Noch-nicht befinden, eines Übergangs, der nicht leicht und sehr schmerzhaft werden wird. Und ich bin gespannt, was uns erwartet. Eins aber sicher nicht – die monotheistischen Religionen in ihrer bisherigen Form.

  20. Michael Blume @ Ralph Würfel
    09.03.2010 | 23:15

    Ein sehr schöner Kommentar, dem ich viel abgewinnen kann. Allerdings möchte ich doch darauf hinweisen, dass religiöse Systeme vor und auch lange nach der Staatlichkeit (z.B. im antiken Griechenland und Rom) durchaus ohne Jenseitsversprechen auskamen. Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit erhöht zwar die durchschnittliche Affinität zur Religiosität, viele sterben aber auch heute ohne entsprechende Hoffnung. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist also sicher ein wichtiger Faktor, aber nicht "die" einzige Wurzel von Religiosität.

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