F.A. von Hayek - Der (noch) verkannte Nobelpreisträger
Hatten Sie schon einmal das Gefühl, der Wert Ihrer wissenschaftlichen Arbeit werde übersehen? Zum Trost: Das passiert auch Nobelpreisträgern. Vor einem Vierteljahrhundert schuf Friedrich August von Hayek (1899-1992) eine wegweisende Theorie der Evolution von Religiosität und Religionen - bis heute kaum bemerkt...
Es hat etwas von Hase und Igel: Immer wieder, wenn sich derzeit neue, empirische Befunde zur Evolution von Religiosität und Religionen abzeichnen, bestätigen sie Annahmen aus zwei späten Texten des Freiburger Wirtschaftsnobelpreisträgers: Den Vortrag "Die überschätzte Vernunft" von 1982 (erschienen 1996 in "Die Anmaßung von Wissen", nach dem Titel seiner Nobelpreisrede) und das letzte Kapitel seines letzten Buches "Religion and the Guardians of Tradition" in "Fatal Conceit" von 1988. Fast völlig unbekannt, nahmen sie (u.a.) vorweg
- die Bedeutung der auch religiösen Vergemeinschaftung von Menschen in der Humanevolution, wie sie Emile Durkheim Anfang des 20. Jahrhunderts vermutete und David Sloan Wilson 2002 in "Darwins Cathedral" neu beschrieb
- die vertrauensbildende Kraft religiös-gemeinschaftlicher Rituale, wie sie besonders Richard Sosis, dann auch Eric Bressler und Jeffrey Schloss inzwischen empirisch entschlüsselten
- die teils genetische, teils kulturelle und individuelle Ausprägung religiösen Verhaltens, wie sie der Verhaltensgenetiker Thomas J. Bouchard derzeit erkundet
- die Neuro-Konstruktionsregeln der Vorstellungen, die wir Menschen uns von übernatürlichen Akteuren wie Ahnen, Geistern und Göttern machen, wie sie zuletzt v.a. Pascal Boyer und Jesse Bering aufdeckten
- die Hintergründe, warum die übernatürlichen Mächte nicht einfach beliebige, sondern sehr bestimmte Moralgebote per Heilsversprechen und Strafandrohung einfordern, wie u.a. von Jesse Bering und Christopher Boehm beschrieben
- die Lösung des Rätsels geheimnisvoll-wirksamer Tabus, das der große Rationalist, Ethnologe und Religionswissenschaftler Sir James Frazer 1909 in "Psyches Task" geschildert hatte
- die Erklärung, warum sich mit steigender Mobilität, Technologie und Bevölkerungszahl der Götterhimmel tendenziell von den Ahnen und Geistern zum Polytheismus und schließlich Monotheismus verschiebt, wie 2007 von Stephen Sanderson erfasst
- die Theorien des religiösen Wettbewerbs, wie sie Adam Smith vorentwarf und heute u.a. Rodney Stark (als "religious market") erarbeitet
und schließlich
- die Erkenntnis, dass sowohl die biologische wie die kulturelle Evolution am Ende immer durch Reproduktionsvorteile entschieden werden - und dass gewachsene Religionen ihren Anhängern genau solche "reproductive advantages" bescheren
Nun könnte man meinen, dass eine evolutionäre und empirisch testbare Religionstheorie eines über Jahrzehnte in Freiburg wirkenden, humanwissenschaftlichen Nobelpreisträgers in Deutschland unter Geistes- und Naturwissenschaftlern Aufmerksamkeit finden würde. Aber weit gefehlt. Ein Ökonom, der sich zur (Evolutions-)Biologie öffnete? Und auf dieser Basis auch noch über Religion nachdachte? Dem nachzugehen hätte interdisziplinäre Teams gefordert, die sich (bisher) schlicht nicht fanden. Heute sind o.g. Religionstexte daher fast völlig in Vergessenheit geraten.
Der Ausnahme-Rabbi
Vor zehn Jahren, 1998, gelang dem ersten und bislang einzigen Theologen der Durchbruch ins hayeksche Denken: "Market and Morals" von Oberrabbiner Jonathan Sacks wurde prompt zur bis heute berühmtesten Hayek-Lecture weltweit - und erlebte dennoch bislang keine würdigen Nachfolger, auch (und gerade) nicht in Deutschland.
Vergessen - oder Wiederentdecken?
Werden von Hayeks Thesen endgültig dem Desinteresse zwischen den Disziplinen zum Opfer fallen? Oder werden die Schätze noch geborgen? Mit einer Reihe über den großen Denker in den Wissenslogs möchte ich einen kleinen Beitrag zu leisten versuchen, seine geniale Religionstheorie dem schläfrigen Vergessen zu entreissen. Das nächste Mal möchte ich aufzeigen, wie der Ökonom und bekennende Agnostiker überhaupt dazu kam, Religion als Thema zu entdecken und zu erfassen...
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Eigentlich nahe liegend, dass Hayek sich dem Thema Religion zuwandte. Seine Einstellung zum Markt war von vornherein religiös, im Glauben an eine allein seelig machende Kraft. In der Wirtschaftstheorie ist ihm seit den 30er Jahren nichts mehr Neues eingefallen. Warum also nicht "entdecken", dass auch die Religionsentwicklung darwinistisch erklärt werden kann?
Lieber Herr Ganßmann,
interessanterweise liegt genau bei Hayek diese Verabsolutierung des Marktes nicht vor. Denn Freiheit ist für Hayek weit mehr als wirtschaftliche Freiheit, es ist „dieser Zustand, in dem ein Mensch nicht dem willkürlichen Zwang durch den Willen eines anderen oder anderer unterworfen ist". Stattdessen müsse ihm erlaubt sein, seine „eigenen Ziele zu verfolgen“, wozu natürlich gehören könne, auch „das Wohlergehen anderer zu seiner Hauptaufgabe“ zu machen. Die Begriffe „Profit“ oder „Wirtschaft“
tauchen in Hayeks Freiheitsdefinition überhaupt nicht auf, weil sie nicht höchstes Ziel, sondern allenfalls Wege zu Zielen sind. Und mehr noch: Den
historischen Beginn der liberalen Bewegung erkennt Hayek, in Abgrenzung zu Mises, gerade NICHT erst in der Marktwirtschaft – sondern im Eintreten für Religionsfreiheit als Wurzel der entscheidenden Meinungsfreiheit (!).
Siehe hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/...828356/
Dies, wie gesagt, nicht, weil Hayek selbst religiös gewesen wäre, sondern weil für ihn die Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit erst die Gewähr schafft, dass sich der Mensch seine je eigenen "letzten Ziele" individuell und gemeinschaftlich setzen kann - seien dies z.B. Ruhm, Reichtum, Familie, Nächstenliebe, Erlösung u.v.m.
Und ein zweites: Während die meisten Ökonomen und "Wirtschaftsliberalen" auch heute noch von der Fiktion eines isolierten Individuums ausgeht, das mit anderen (nur) marktförmig agiert, unterscheidet Hayek ernsthaft Mikrogesellschaften (wie Familie, Wildbeutergruppen, Religionsgemeinschaften), in denen ausdrücklich keine Marktgesetze gälten, von der Makrogesellschaft, in der wir uns über den Markt begegnen. Und dieser Markt ist also nicht das Ziel der Geschichte, sondern ermöglicht es uns wiederum, die eigenen Ziele in Freiheit zu verfolgen.
Hier haben wir also einen Ökonom, der (auch über die Evolutionstheorie) die oft peinliche Verengung liberalen Denkens auf "mehr netto" und "der Markt kann alles" überwunden hat - gerade was Fragen der Familie, Religion und des altruistischen Engagements angeht. Auch das ist übrigens m.E. ein Grund, warum er auch in der Ökonomie viel zu wenig rezipiert wird. Mit seinem Brückenschlag zur Biologie (als "Wissenschaft vom Leben" (!)) sprengte er deren Rahmen.
Mit Dank für Ihr Interesse am Thema und herzlichen Grüßen
Michael Blume
Ich möchte hinzufügen, dass die Annahme Euckens und Hayeks, dass sich Religionsfreiheit nicht mit Zentralverwaltungswirtschaft vertrage, nicht nur historisch bewahrheitet hat, sondern derzeit auch in Tibet, Birma, Kuba und Nordkorea tragisch demonstriert wird.
Wo immer sich Menschen das Recht erringen, selbst an letzte Ziele jenseits politischer Vorgaben zu binden, sind autoritäre Systeme bedroht. Die katholische Solidarnosc, die DDR-Bürgerbewegungen um die Kirchen und nun die Mönche in Birma und Tibet zeigen an, dass der Markt eben nicht die höchste Ebene menschlichen Seins beschreibt - dass erst er aber die Möglichkeit eröffnet, individuell oder gemeinschaftlich nach den jeweiligen Werten frei zu streben. Jenseits der Wildbeutergesellschaften ist der Markt nicht das höchste Ziel, aber die Bedingung echter Freiheit zu dem, was uns, was Ihnen wichtig ist.
Da bin ich versucht, nicht nur "zwischen den Stühlen" zu sitzen, wie im andern Thema angesagt, sondern die Seite zu wechseln - zu den Religions-Gegnern überzulaufen:
Religionsfreiheit ist *überall* bedroht, wo es ideologische Institutionen gibt, die sich monopolistisch aufführen können. Und das hat es zumindest in den großen monotheistischen Religionen auch zur Genüge gegeben; und gibt es noch. Kann sein, dass die Freiheit des Marktes und die Weitläufigkeit der Handelsbeziehungen - möglicherweise auch die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen ideologisch verschieden ausgerichteten Ländern - dann auch half, die ideologischen Monopole aufzubrechen und insofern in den großen Handelsnationen zur Religionsfreiheit beitrug.
Es wäre dabei aber auch zu bedenken, dass es in den Hinterhöfen der reichen Industrienationen Formen des Kapitalismus gab und gibt, in denen es wohl Religionsfreiheit gibt - aber nur insofern sich die Religion auf die fromme Innerlichkeit und die Vertröstung aufs Jenseits eingrenzen lässt: Der Himmel den Spatzen und den Pfaffen, die Märkte aber uns... Der Blutzoll von Christen in bisherigen südamerikanischen Diktaturen ist in den letzten Jahrzehnten nicht geringer gewesen als in Kuba.
Der Gedanke an Transzendenz kann sicher Verhältnisse erschüttern - er kann aber auch einschläfern. Das ist der Doppelsinn in Marxens Bemerkung über Religion: Protestation gegen das Elend UND Opium DES Volkes. Später dann auch Opium FÜRS Volk.
Auch noch, damit eine gewisse Schlagseite nicht die Oberhand gewinnt:
Ich habe alle Achtung vor der durchaus recht stark christlich beeinflussten DDR-Bürgerrechtsbewegung. Aber in parallelen Ländern ging es 1989 auch auf anderen Schienen. Das Christliche war keine Bedingung sine qua non. Immerhin - um eine amerikanische Kommunistin (Angela Davis, vermutlich während der MCCarthey-Ära) zu zitieren: Die Kirchen erwiesen sich öfters mal als "Raum, in dem man frei reden kann". Auch 1989 in der DDR. Aber es ging nicht darum: zu zeigen, "dass der Markt eben nicht die höchste Ebene menschlichen Seins beschreibt" - es ging nicht um Protest gegen die Marktwirtschaft sondern dann auch und immer mehr für die Marktwirtschaft. Und bei diesem Spiel gab es dann auch wieder viel Verlierer.
In Hayek müsste ich mich extra hineindenken - man kann sich wohl denken, dass ich bei dem, was ich auch hier schrieb, einigermaßen misstrauisch bin gegen einen gewissen Wirtschaftsliberalismus.
Was ich bisher (schon öfters mal, aber nie intensiv) zu Gesicht bekam über seine Religions-Theorie war für mich nicht so überraschend umwälzend.
Ein bisschen (schwäbische Untertreibung) ärgert mich der Vorwurf an die Theologen, Hayek nicht rezipiert zu haben. Auf der Spur evolutionärer Religionstheorie sind ja einige Theologen. Da kann man wohl Hayek partiell integrieren - so wie man vielerlei Denker integrieren kann - aber ich habe noch nicht gemerkt, dass man bei ihm angekommen sein MUSS, um evolutionäre Religionstheorie wirklich begriffen zu haben.
Na gut, ich werde Jonathan Sacks zu lesen versuchen. Aber DSWilson steht ja auch auf meinem Programm. Und beide sind englisch. (Wäre es nicht eine Sache, Du würdest Deine Studenten überreden, für so arme vorsintflutliche Dinosaurier der Wissenschaft wie mich, die bei Englisch nicht so recht mitkommen, ein paar einschlägige Texte zu übersetzen?)
Eine gute Osternacht wünscht
Basty
Da bin ich versucht, nicht nur "zwischen den Stühlen" zu sitzen, wie im andern Thema angesagt, sondern die Seite zu wechseln - zu den Religions-Gegnern überzulaufen:
Religionsfreiheit ist *überall* bedroht, wo es ideologische Institutionen gibt, die sich monopolistisch aufführen können. Und das hat es zumindest in den großen monotheistischen Religionen auch zur Genüge gegeben; und gibt es noch. Kann sein, dass die Freiheit des Marktes und die Weitläufigkeit der Handelsbeziehungen - möglicherweise auch die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen ideologisch verschieden ausgerichteten Ländern - dann auch half, die ideologischen Monopole aufzubrechen und insofern in den großen Handelsnationen zur Religionsfreiheit beitrug.
Es wäre dabei aber auch zu bedenken, dass es in den Hinterhöfen der reichen Industrienationen Formen des Kapitalismus gab und gibt, in denen es wohl Religionsfreiheit gibt - aber nur insofern sich die Religion auf die fromme Innerlichkeit und die Vertröstung aufs Jenseits eingrenzen lässt: Der Himmel den Spatzen und den Pfaffen, die Märkte aber uns... Der Blutzoll von Christen in bisherigen südamerikanischen Diktaturen ist in den letzten Jahrzehnten nicht geringer gewesen als in Kuba.
Der Gedanke an Transzendenz kann sicher Verhältnisse erschüttern - er kann aber auch einschläfern. Das ist der Doppelsinn in Marxens Bemerkung über Religion: Protestation gegen das Elend UND Opium DES Volkes. Später dann auch Opium FÜRS Volk.
Auch noch, damit eine gewisse Schlagseite nicht die Oberhand gewinnt:
Ich habe alle Achtung vor der durchaus recht stark christlich beeinflussten DDR-Bürgerrechtsbewegung. Aber in parallelen Ländern ging es 1989 auch auf anderen Schienen. Das Christliche war keine Bedingung sine qua non. Immerhin - um eine amerikanische Kommunistin (Angela Davis, vermutlich während der MCCarthey-Ära) zu zitieren: Die Kirchen erwiesen sich öfters mal als "Raum, in dem man frei reden kann". Auch 1989 in der DDR. Aber es ging nicht darum: zu zeigen, "dass der Markt eben nicht die höchste Ebene menschlichen Seins beschreibt" - es ging nicht um Protest gegen die Marktwirtschaft sondern dann auch und immer mehr für die Marktwirtschaft. Und bei diesem Spiel gab es dann auch wieder viel Verlierer.
In Hayek müsste ich mich extra hineindenken - man kann sich wohl denken, dass ich bei dem, was ich auch hier schrieb, einigermaßen misstrauisch bin gegen einen gewissen Wirtschaftsliberalismus.
Was ich bisher (schon öfters mal, aber nie intensiv) zu Gesicht bekam über seine Religions-Theorie war für mich nicht so überraschend umwälzend.
Ein bisschen (schwäbische Untertreibung) ärgert mich der Vorwurf an die Theologen, Hayek nicht rezipiert zu haben. Auf der Spur evolutionärer Religionstheorie sind ja einige Theologen. Da kann man wohl Hayek partiell integrieren - so wie man vielerlei Denker integrieren kann -
aber ich habe noch nicht gemerkt, dass man bei ihm angekommen sein MUSS, um evolutionäre Religionstheorie wirklich begriffen zu haben.
Na gut, ich werde Jonathan Sacks zu lesen versuchen. Aber DSWilson steht ja auch auf meinem Programm. Und beide sind englisch. (Wäre es nicht eine Sache, Du würdest Deine Studenten überreden, für so arme vorsintflutliche Dinosaurier der Wissenschaft wie mich, die bei Englisch nicht so recht mitkommen, ein paar einschlägige Texte zu übersetzen?)
Eine gute Osternacht wünscht
Basty
Erstmal: Frohe Ostern!!!
"Religionsfreiheit ist *überall* bedroht, wo es ideologische Institutionen gibt, die sich monopolistisch aufführen können."
Ganz genau!
"Und das hat es zumindest in den großen monotheistischen Religionen auch zur Genüge gegeben; und gibt es noch."
Ja, habe ich auch nie bestritten. Im Gegenteil: im Beitrag "Gene für Glauben?..." wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass schon regionale Monopole Schaden wirken, auch im Hinblick auf das religiöse Leben.
"Kann sein, dass die Freiheit des Marktes und die Weitläufigkeit der Handelsbeziehungen - möglicherweise auch die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen ideologisch verschieden ausgerichteten Ländern - dann auch half, die ideologischen Monopole aufzubrechen und insofern in den großen Handelsnationen zur Religionsfreiheit beitrug."
Ist so.
"Es wäre dabei aber auch zu bedenken, dass es in den Hinterhöfen der reichen Industrienationen Formen des Kapitalismus gab und gibt, in denen es wohl Religionsfreiheit gibt - aber nur insofern sich die Religion auf die fromme Innerlichkeit und die Vertröstung aufs Jenseits eingrenzen lässt: Der Himmel den Spatzen und den Pfaffen, die Märkte aber uns..."
Was dann eben genau keine Religionsfreiheit ist! Echte Religionsfreiheit hat eine individuelle und gemeinschaftlich-öffentliche Seite, erlaubt Neuansiedlungen und Neugründungen und schützt natürlich auch das Recht von Menschen, nichtreligiös sein zu dürfen. All dies haben auch die südamerikanischen Diktaturen missachtet.
"Der Blutzoll von Christen in bisherigen südamerikanischen Diktaturen ist in den letzten Jahrzehnten nicht geringer gewesen als in Kuba."
Ganz genau. Siehe oben. Religionsfreiheit ist die Voraussetzung, nicht der Markt.
"Der Gedanke an Transzendenz kann sicher Verhältnisse erschüttern - er kann aber auch einschläfern. Das ist der Doppelsinn in Marxens Bemerkung über Religion: Protestation gegen das Elend UND Opium DES Volkes. Später dann auch Opium FÜRS Volk."
Genau. Deswegen braucht es auch religiösen Wettbewerb. Sonst kann sich ein religiöses Monopol mit den Machthabern verbünden, es folgt eine gegenseitige, ungerechte Stabilisierung.
"Ich habe alle Achtung vor der durchaus recht stark christlich beeinflussten DDR-Bürgerrechtsbewegung. Aber in parallelen Ländern ging es 1989 auch auf anderen Schienen. Das Christliche war keine Bedingung sine qua non."
Wie meinen? Zum einen habe ich ausdrücklich nicht (nur) vom Christlichen geschrieben, sondern vom Religiösen. Die Mönche und Laien derzeit in Birma und Tibet sind z.B. Buddhisten. Und soweit ich sehen kann, hatten Diktaturen ausnahmslos aller Länder Probleme mit der Religionsfreiheit und starke, religiöse Anteile auch unter den Dissidenten.
"Immerhin - um eine amerikanische Kommunistin (Angela Davis, vermutlich während der MCCarthey-Ära) zu zitieren: Die Kirchen erwiesen sich öfters mal als "Raum, in dem man frei reden kann". Auch 1989 in der DDR."
Genau.
"Aber es ging nicht darum: zu zeigen, "dass der Markt eben nicht die höchste Ebene menschlichen Seins beschreibt" - es ging nicht um Protest gegen die Marktwirtschaft sondern dann auch und immer mehr für die Marktwirtschaft. Und bei diesem Spiel gab es dann auch wieder viel Verlierer."
@ Basty, ich höre die Bitterkeit, dass der innerweltliche Versuch eines kommunistischen Paradieses gescheitert ist. Aber, wie gesagt, die Marktwirtschaft ist eine Notwendigkeit für Freiheit, selbst aber noch kein Heilsweg. Deswegen ist es auch unfair, von ihr Wunder zu erwarten.
"In Hayek müsste ich mich extra hineindenken - man kann sich wohl denken, dass ich bei dem, was ich auch hier schrieb, einigermaßen misstrauisch bin gegen einen gewissen Wirtschaftsliberalismus."
Und genau das ist das Problem - Vorurteile! Immer wieder erlebe ich unter Theologen (die in Deutschland aus (Kirchen-)Steuermitteln bezahlt werden) recht herablassende Haltungen gegenüber der vermeintlich "schmutzigen" Wirtschaft, von der wir letztlich im materiellen Sinne alle leben. Deswegen fallen Theologen leider oft gerade dort aus, wo wir sie bräuchten: im Gespräch mit und in der Wirtschaft.
Konkret: Hayek lehnte die Bezeichnung "Wirtschaftsliberaler" immer strikt ab, gerade weil er erkannte, dass Freiheit nur für Wirtschaft keine Freiheit ist. Markt und Wirtschaft haben bei ihm dienende, aber eben für die Freiheit unaufgebbare Funktion.
"Ein bisschen (schwäbische Untertreibung) ärgert mich der Vorwurf an die Theologen, Hayek nicht rezipiert zu haben."
Nenne mir einen Theologen, der das ernsthaft gemacht hat und ich kaufe und rezensiere alle seiner Bücher! Über Marx haben deutsche Theologen hunderte Werke geschrieben.... (-:
"Auf der Spur evolutionärer Religionstheorie sind ja einige Theologen. Da kann man wohl Hayek partiell integrieren - so wie man vielerlei Denker integrieren kann -
aber ich habe noch nicht gemerkt, dass man bei ihm angekommen sein MUSS, um evolutionäre Religionstheorie wirklich begriffen zu haben."
Von "müssen" war ja auch keine Rede. Ich beobachte nur, dass er unheimlich viele Entdeckungen, die wir heute machen, vorweg genommen hat. Insofern finde ich, dass mehr Beachtung dieses Denkers sowohl den Beachtenden zu einem vertieften Verständnis evolutionärer Religionstheorie helfen kann, aber auch ein Stück Fairness ist. Und sie zeigt uns, dass wir selbst große Denker im eigenen Sprachraum bisher kaum interdisziplinär bearbeitet haben.
"Na gut, ich werde Jonathan Sacks zu lesen versuchen. Aber DSWilson steht ja auch auf meinem Programm. Und beide sind englisch. (Wäre es nicht eine Sache, Du würdest Deine Studenten überreden, für so arme vorsintflutliche Dinosaurier der Wissenschaft wie mich, die bei Englisch nicht so recht mitkommen, ein paar einschlägige Texte zu übersetzen?)"
Da sprichst Du einen wichtigen Punkt an: der deutschsprachige Raum ist, was die evolutionäre Religionstheorie angeht, noch sehr unterentwickelt, fast die gesamte Debatte findet auf Englisch statt. Bewusst habe ich deswegen für beide Blogs die deutsche Sprache gewählt und publiziere bisher auch überwiegend auf deutsch. Aber wir sind bisher zu wenige, so dass noch nicht einmal zentrale Texte übersetzt sind.
Dir alles Liebe und ein gesegnetes Fest!
Lieber Michael, vielleicht solltest Du einfach einmal ein Buch mit den bedeutendsten Beiträgen zur Evolution der Religion herausgeben und die Beiträge hierzu vom Verlag übersetzen lassen.
Stellen wir uns einen Band vor, in dem sich sowohl einige klassische wie neuere Texte verschiedener Disziplinen zur Evolution der Religion versammelt fänden. Die Nachfrage dafür wäre sicher da - wie man ja auch schon an den Abfragen der entsprechenden Themen hier sehen kann. Aber bis das (eben doch interdisziplinäre) Thema bei den Lehrstühlen und Verlagen in Deutschland angekommen ist, wird wohl, so fürchte ich, noch einige Zeit vergehen.
Ich glaube, jetzt brauche ich eine Lesepause, bevor ich was wieder was schreibe. Vielleicht ist's auch ein Buß-Schweigen, aber ein freiwilliges ;-)
Na ja, jetzt will ich zuerst wissen, was an dem Hayek dran ist und lese zuerst mal Jonathan Sacks, bin schon mitten drin. Berührungs-Ängste mit Wirtschaftstheorie sinds nicht, aber zuerst ist mir Hayek begegnet in Äußerungen von explizit Wirtschafts-Liberalen, die - und das ist für einen christlichen Theologen schon entscheidend - für soziale Rücksicht kein Gespür zeigten.
Mal sehen - tolle lege.
Basty
Ich denke, das sollte Dich nicht davon abhalten. Warum nicht der erste sein, der ein Textbuch vorlegt, mit dem sich wunderbar arbeiten lässt. Möglicherweise ermuntert es Deine Kollegen ja sogar dazu, ein Seminar zum Thema durchzuführen. Wenn Du willst, kann ich mich bei Gelegenheit gern mal bei einigen in Frage kommenden Verlagen erkundigen. Soweit ich sehe, dürften nur die Kosten für die Übersetzung der Texte ein Problem sein. Aber selbst da ließe sich sicher ein Zuschuss bei einer Stiftung beantragen.
Du schriebst:
"Berührungs-Ängste mit Wirtschaftstheorie sinds nicht, aber zuerst ist mir Hayek begegnet in Äußerungen von explizit Wirtschafts-Liberalen, die - und das ist für einen christlichen Theologen schon entscheidend - für soziale Rücksicht kein Gespür zeigten."
Nun, vielleicht verhält es sich hier, wie es auch der Bibel immer wieder geschah: Überliess man ihre Lektüre den wenigen, war dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet... (-;
Bitte büße nicht zu lange, Deine Kommentare sind hier hochwillkommen!
Die Idee finde ich super, wenn Du Lust hast, machen wir das. Wenn sich da ein interessierter Verlag fände, würde ich auch anbieten, die nur in englisch verfügbaren Texte kostenfrei selbst zu übersetzen. Denn so ein Textbuch gibt es bisher tatsächlich noch nicht...
Wir können das Buchprojekt auch gerne gemeinsam in Angriff nehmen. Wenn Du willst, kann ich beispielsweise auch Eckart Voland oder alternativ Volker Sommer ansprechen, ob er sich mit einem Originalbeitrag an dem Buch beteiligen möchte.
Wenn wir es zusammen machen würden, wäre auch gesichert, dass entweder nur empirische oder alternativ sehr kontroverse Texte zum Zuge kämen! Mir persönlich wären die empirischen Texte wichtiger, aber ich sehe ggf. (auch an den Diskussionen in den Wissenslogs) inzwischen ein, dass sich viele Menschen nun einmal über Pro-und-Contras dem Thema nähern möchten. Wahrscheinlich wäre eine Zweiteilung (ein empirisch-beschreibender und ein wertender Pro-Contra-Teil) daher wohl die interessanteste Mischung.
Also, ja, wenn Du magst und eine zündende Idee hast, können wir da gerne was zusammen machen.
Für unsere Diskussion hier vielleicht interessant: die FDP hat per neuem Leitpapier ihr programmatisches Verhältnis zu Kirchen und Religionsgemeinschaften recht grundlegend verändert.
Habe die Texte hier mal zusammen gestellt:
http://religionswissenschaft.twoday.net/...810208/
Nein, nein, ich bin da ganz auf Deiner Seite. Das Buch sollte keine philosophischen, sondern ausschließlich evolutionsbiologische und religionswissenschaftliche Beiträge enthalten (auch wenn einige Kapitel von Philosophen wie Dennett, Churchland, Ayala oder Voland stammen mögen).
Bin dem Zusammenhang von Wirtschaft und Religion noch etwas gefolgt und habe bei Wolfgang Palaver den interessanten Begriff "Wirtschaftstheologie" entdeckt, sowie eine Beschäftigung mit Walter Benjamins Konzept des "Kapitalismus als Religion" (1921). Bin auf eure Gedanken dazu gespannt!
s.a.:
"Die Katholische Soziallehre angesichts eines religiösen Kapitalismus"
http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/html/532.html
"Kapitalismus als Religion"
http://www.volksbuehne-berlin.de/...lter_benjamin/
"Wirtschaftstheologie"
http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftstheologie
Herzlichen Dank für den Hinweis! Der Begriff beschreibt m.E. tatsächlich ein Problem, das bei vielen Vertretern einer absoluten Marktideologie besteht: der Glauben, "der Markt" werde quasi als "unsichtbare Hand" alles regeln, quasi selbst eine göttliche Rolle einnehmen.
Hayek setzt sich (wie z.B. auch Rüstow) ausdrücklich gegen diesen Irrtum ab! Der Markt ist hier nur ein notwendiges und wichtiges Mittel, um den letzten Zielen ("ends") der Menschen zu dienen und ihnen die Freiheit zu geben, sie zu verfolgen. Planwirtschaft vermag weder das eine (ausreichend Güter zu produzieren), vor allem aber nicht das andere (dem Einzelnen die Freiheit zu geben, ob, wo und wie er oder sie sich in das Marktgeschehen einbringt). Insbesondere beim späten Hayek ist das Leben selbst der höchste Wert ("Life has no purpose but itself"), Freiheit ist zur Entfaltung dieses Lebens unerläßlich und Religion(en) ein unerläßliches Mittel der wettbewerblichen, aber selbst nicht marktförmigen Selbstorganisation.
Zu Rüstows und von Hayeks Kritik an der Wirtschafstheologie siehe auch:
http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=114
Vielen Dank! Es ist schon verblüffend, zu welchen Erkenntnissen eine religionswissenschaftliche Betrachtung der Wirtschaft führen kann.
Bei Franz Segbers habe ich auch interessante Gedanken zum Thema gefunden. Er schreibt zum Beispiel über Adam Smiths "Prinzip der unsichtbaren Hand": "Das Versagen, wie es sich in der großen Weltwirtschaftskrise mit ihren mehr als sechs Millionen Arbeitslosen allein Deutschland, geht also auf das Vertrauen in den Marktmechanismus zurück, der theologischer Ursprünge hat."
http://www.ekir.de/globalisierung/42748_43570.phpJa, und verrückterweise verbünden sich dabei uneingestandene Theologie und Rationalismus: Es wird eine perfekte, sich selbst harmonisierende Wirklichkeit geglaubt, die angeblich mit logischen Modellen zu erkennen sei.
Und - schwups, schon hat man eine Ideologie, die per "Marktfundamentalismus" alle Lebensbereiche der "unsichtbaren Hand" unterwerfen will.
Mit Wertschätzung des Lebens, seiner Vielfalt und auch der verschiedenen Formen der Selbstorganisation und Evolution hat dieser rationalistische Liberalismus dann leider nichts mehr zu tun...