chronologs Natur des Glaubens

Weisheit aus Aberglauben - Die Frazer-Hayek-Konvergenz

von Michael Blume, 28. April 2008, 00:28

Der schottische Sozialanthropologe und Religionswissenschaftler Sir James George Frazer (1854-1941) vertrat sein Leben lang einen säkularen Fortschrittsglauben in drei Stadien: Magie - Religion - Wissenschaft. Doch stieß der große Rationalist dabei auf ein Rätsel, das erst Friedrich August von Hayek lösen konnte ...

Sir James Frazer (1851-1941)

Massive Verachtung von "Aberglauben"...

Wie auch noch immer viele heutige "Gebildete" verachtete und fürchtete Frazer Glaubensgebote und -rituale, deren Funktion er nicht verstand: "Die Mehrheit des Volkes in jedem zivilisierten Land lebt noch in einem Zustand intellektueller Wildheit, so daß in Wirklichkeit die glatte Oberfläche der kultivierten Gesellschaft untergraben und unterminiert ist von Aberglauben."

...und dessen oft erkennbarer Nutzen

Doch zeigte sich ihm gerade bei der Analyse weltweiter Bräuche auch immer wieder, dass sie erstaunlich häufig erkennbaren, gesellschaftlichen Nutzen stifteten. In "Psyche's Task" von 1909, online frei zum Download hier, trug Frazer Beobachtungen aus vermeintlich "primitiven Kulturen" (d.h. aus Natur- und Stammesreligionen) zusammen, in denen vor allem Ahnenverehrung:

1. das Regierungssystem legitimiert
2. Privateigentum schützt
3. Respekt vor Menschenleben stärkt
4. Ehe und Familie fördert

Von den Inseln des Pazifik, über die Weiten Asiens, Afrikas und Amerikas bis zu den Kulten der antiken Griechen beschrieb Frazer Dutzende entsprechender Beispiele. Die "Herkunft dieser Gesetze", vor allem im Bereich von Ehe und Sexualität, nannte er "das tiefste und dunkelste Problem der Sozialgeschichte" - und fürchtete, es werde "immer unlösbar" bleiben (S. 47/48).

Die Lösung: Evolutionärer Wettbewerb

Ein halbes Jahrhundert nach Frazers Tod und kurz vor dem eigenen löste F.A. von Hayek das Rätsel. Der Nobelpreisträger, der ein Leben lang gegen die überhebliche und so häufig katastrophale Selbstüberschätzung des Rationalismus angekämpft hatte, erkannte in den Religionen durch Glauben gestützte und auch evolutionsbiologisch erfolgreiche Wissensspeicher: Nicht intellektuelle Planung, sondern das ständige Entstehen und Erlöschen religiöser Lehren in einem gnadenlosen Wettbewerb bringe ihre "symbolischen Wahrheiten" hervor. Keineswegs jede religiöse Lehre, aber jede erfolgreiche, religiöse Lehre habe sich als nützlich bewährt, der Nutzen bestehe nicht intrinsisch (gut, weil religiös), sondern historisch (gewachsen religiös, weil erfolgreich). Besonders entscheidend sowohl für die biologische wie kulturelle Evolution sei der (inzwischen vielfach nachgewiesene) "reproduktive Erfolg" - religiöse Menschen erreichten häufiger Ehe, Familie, Kinderreichtum.

www.religionswissenschaft.twoday.net

Von einem Leser auf Frazers "Psyche's Task" aufmerksam gemacht, widmet Hayek ihm noch begeistert die letzte Anmerkung in seinem letzten Buch ("The Fatal Conceit"). Wenn wir uns also fragen, wozu die Menschheit Religion(en) braucht und warum Religionen in Monopol- oder Kartellsituationen verkrusten und verfallen, im freiheitlich-vielfältigen Wettbewerb (wie in den USA, Indien, beginnend Europa) aber erstaunlich erblühen - dann erscheinen die Beobachtungen des Rationalisten Frazer und deren wettbewerbliche Erklärung durch den Evolutionsforscher F.A. von Hayek aktueller denn je.



Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Lutz kein Betreff
    08.05.2008 | 11:43

    Lieber Michael,

    Du zitierst: "Und über eine neue Hypothese bin ich auch grade gestolpert: Menschen praktizieren Religion, weil wir uns als einzige [Art] Dinge und Personen vorstellen können, die nicht physisch existieren:"

    Diesen Satz verstehe ich nicht. Wenn meine Ergänzung `Art´ zutrifft, dann ist die Aussage falsch, denn bekanntlich beten z.B. Hunde den Vollmond an, wenn die Ergänzung `Art´ unzulässig ist, dann scheint mir ein Syntaxfehler vorzuliegen. Wie also ist der Satz gemeint?

    mfg
    Lutz

  2. Michael Blume @ Lutz
    08.05.2008 | 11:59

    Das erwähnte Zitat stammt nicht von mir, das war MountainKing. Die Frage gebe ich also gerne weiter. :-)

    Dass Hunde- (bzw. Wolfs?-)rufe "Richtung" Mond ein Gebet als religiöse Ritualhandlung darstellen wollen, ist mir als seriöse, wissenschaftliche These im übrigen nicht bekannt... Gibt es irgendeinen seriösen Wissenschaftler, der so etwas behauptet?

  3. Lutz kein Betreff
    08.05.2008 | 16:20

    "Dass Hunde- (bzw. Wolfs?-)rufe "Richtung" Mond ein Gebet als religiöse Ritualhandlung darstellen wollen, ist mir als seriöse, wissenschaftliche These im übrigen nicht bekannt... Gibt es irgendeinen seriösen Wissenschaftler, der so etwas behauptet?"

    Ja, mein Hund. Immer wenn er den Vollmond anjault und ich ihm sage, er solle uns schlafen lassen, dann antwortet er mir: "Jetzt lass mich in Ruhe beten! Du gehst in Deine Kirche und ich geh in meine Kirche!" Dabei geh ich gar nicht in eine Kirche, womit bewiesen wäre, dass mein Hund Unrecht hat, und Du, lieber Michael, wohl doch wieder Recht.

    mfg
    Lutz

  4. Michael Blume MountainKing
    08.05.2008 | 20:48

    Zitat "Sicher, in einem (quasi)-deistischen oder pantheistischen Weltbild ist eine solche Verknüpfung leicht möglich."

    Ein ganz interessanter Denker in der Verknüpfung von Evolutionstheorie, pantheistischem und schließlich christlichem Denken ist z.B. Teilhard de Chardin, dessen Schriften gerade auch in Deutschland eine Renaissance erleben.

    Zitat "Aber es benötigt aus meiner Sicht schon eine arge Verformung der heiligen Texte, wenn man sie mit der Evolution wirklich 1:1 verbinden will, beispielsweise inklusive der Entwicklung des Menschen aus dem Tierreich heraus."

    Wenn man sie mit dem Anspruch naturwissenschaftlicher Theorie lesen will, sicher. Liest man sie aber als symbolische Wahrheiten, sehen auch große Teile religiöser Laien das Problem nicht. Und immerhin beginnt die Bibel mit zwei unabhängigen Schöpfungserzählungen, die sich chronologisch gesehen widersprächen - was von vielen Theologen ebenfalls als deutlicher Hinweis gewertet wird, dass die Bibel nie den Anspruch erhob, ein Naturwissenschafts-Lehrbuch zu sein.

    Zitat "Die besondere Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung, als Ebenbild des Schöpfers und die weiteren ständigen Eingriffe, die auch per Gebet beeinflusst werden können, sind da schon problematisch."

    Für wen problematisch? Auch Atheisten pflegen Menschen z.B. spezielle Würde und Rechte zuzuschreiben, ohne deswegen die Evolution leugnen zu müssen. Und innerhalb der Theologie(n) gibt es sowohl streng deterministische wie offene Weltbilder - wie längst in den Naturwissenschaften auch. Zitat "Daher denke ich eben auch, dass eine breite Masse der Gläubigen diese Gleichsetzung nicht wirklich nachvollziehen wird."

    In Deutschland bilden Kreationisten auch unter Christen noch eine verschwindende Minderheit, in den USA stehen sich Ablehner und Befürworter der Ev.theorie etwa gleichstark gegenüber. Ob sich die vernünftige Mitte durchsetzen wird oder ob sowohl die religiösen wie atheistischen Fundamentalisten mit der These einer angeblichen Unvereinbarkeit von Naturwissenschaft und Glauben weiter punkten, wird die Zukunft zeigen. Ich bin da auf mittlere Sicht eigentlich optimistisch, trete aber auch dafür ein, dass die naturwissenschaftliche Bildung auch in den Kirchen, kirchlichen Akademien und theologischen Ausbildungen ein sehr viel größeres Gewicht erhält.

  5. Michael Blume @ Lutz: Hundsgemein...
    08.05.2008 | 20:51

    ...Dein Hund! Will der Dich auch noch missionieren! :-)

    Na, das droht Dir in "Natur des Glaubens" nicht. Wir debattieren nur die Evolution des Glaubens und obwohl auch schon Darwin seinen Hund als Belege für tierische Vorformen von Religiosität herangezogen hat, haben wir doch starke Indizien dafür, dass der evolutive Bedarf noch nicht zu groß ist: Hunde pflegen noch keine reproduktiven Entscheidungen abzuwägen, der biologische Vorteil religiöser Veranlagungen wäre also viel geringer...
    ;-)

  6. Edgar Religionsökonomie
    14.07.2008 | 12:39

    Hallo,
    bei Wikipedia gibt es einen Artikel über "Religionsökonomie".
    http://de.wikipedia.org/.../Religions%C3%B6konomie

  7. Michael Blume F.A. von Hayek auf Wikireligiosus
    04.12.2009 | 08:29

    Über Friedrich August von Hayek gibt es jetzt auch einen Eintrag auf Wikireligiosus:

    http://www.wikireligiosus.eu/...h_August_von_Hayek

«zurück   1 2 3
szmtag