Biokulturelle Evolution
Es soll immer noch Leute geben, die behaupten, "Evolution" sei ein rein biologischer Begriff. Dabei stammt "Evolution" - und übrigens auch "genetisch"! - aus der Sprachwissenschaft, die bereits Jahrzehnte vor Charles Darwin und Alfred Russel Wallace den gemeinsamen Ursprung von Sprachen und deren Auffächerungen und Veränderungen erkundete (vgl. von Hayek). Von hier wurden die Begriffe in die Biologie übernommen - und zugleich bilden Sprachen ein wunderschönes Beispiel für die Wechselwirkung von Natur und Kultur: Gene, Neuronen und Sprechapparat erlauben erst die kulturelle Produktion von Sprachen - deren Beherrschung wirkt wiederum auf den Reproduktionserfolg und also die Biologie der Sprechenden zurück.
Und natürlich stehen Sprachen damit nicht alleine: Von Auswahl und Mitteln der Nahrungsbeschaffung über die Herstellung von Werkzeugen, Kleidung, Musikstilen (und -instrumenten) bis hin zu religiösen Überlieferungen (und Ritualen) haben wir es immer mit der untrennbaren, sich verstärkenden Wechselwirkung von Biologie und Kultur zu tun.
In den letzten Jahren haben Genanalysen beispielsweise Vergleiche von Sprach- und Genflüssen erlaubt, aber auch viele Spezialfälle entziffert. Denken wir zum Beispiel an die lebenslange Laktosetoleranz - die Fähigkeit, auch jenseits der Kindheit Milch zu verdauen. Diese genetische Veranlagung setzte sich binnen weniger Jahrtausende in den Populationen durch, die Milchvieh hielten - deswegen vertragen heute fast alle Dänen, aber fast keine Thailänder Kuhmilch. Die Kultur veränderte hier tiefgreifend die Biologie. Mit immer mehr Entdeckungen zur Epigenetik sind die Trennwände schließlich völlig zerfallen: Lebensumwelt und also (auch) Kultur wirken sich sogar darauf aus, wie Gene gelesen und in Merkmale umgesetzt werden!
Abendländischer Dualismus
Wallace und Darwin gingen bereits selbstverständlich von biokulturellen Wechselwirkungen aus - aber dieses Wissen geriet immer wieder unter Druck. Unsere abendländische Kultur war es gewohnt, seit Platon & Aristoteles einerseits und Descartes andererseits die Realität binär zu gliedern: Immanenz und Transzendenz, Leib und Seele, Wissen und Glauben, Gehirn und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier, Gen und Mem (nach Richard Dawkins, um den es im nächsten Blogpost geht). Und so entdeckten beispielsweise japanisch-buddhistische Primatologen wie Kinji Imanishi, dass auch Affen Kultur besaßen - und mussten sich dafür von westlichen "Darwinisten" über Jahrzehnte hinweg teilweise übel beschimpfen lassen (eindrucksvoll dazu: De Waal). Das Bild der drei Affen wird sogar bis heute bei uns in Europa und den USA als Spottbild verstanden - während die drei im japanischen Buddhismus eigentlich ehrwürdige Freunde der Menschen sind, die gegenüber den Göttern über die menschlichen Sünden schweigen, hinwegsehen und hinweghören! Auch vermeintlich "aufgeklärte" Westler können enorm arrogant gegen Mensch und Tier sein...
Noch ein Jahrhundert nach Darwin kämpfte Friedrich August von Hayek gegen den Dualismus von Natur und Kultur, in den große Teile der abendländischen Wissenschaft immer wieder zurück fielen. Und langsam, ganz langsam beginnen auch wir Westler zu begreifen, dass biokulturelle Evolution (auch Gen-Kultur-Koevolution genannt) ein Regelfall hoch komplexer Tiere (inkl. des Menschen) und keine Ausnahme ist. Was Nahrung, Werkzeuge, Sprache, Kleidung, Musik usw. unserer Spezies angeht, akzeptieren dies die meisten von uns langsam schon - bei der Religion gibt es unter (Ex-)Christen dagegen noch einige Widerstände. Auch hier haben Buddhisten und Juden interessanterweise kein Problem, auch diese biokulturell nach den gleichen Regeln wie andere biokulturellen Verhaltensmerkmale zu erkunden und treiben die entsprechenden Forschungen maßgeblich mit voran. Der öffentliche Erkenntnisfortschritt in der Evolutionsforschung ist leider bisweilen eine Schnecke - und gerade auch wir Europäer und Amerikaner haben noch tiefsitzende Fehlannahmen zu überwinden.
Literaturtips:
F.A. von Hayek: The Fatal Conceit: The Errors of Socialism, Chicago University Press 1992
Frans De Waal: Der Affe und der Sushimeister: Das kulturelle Leben der Tiere, Dtv 2005
Rick Goldberg: Judaism in Biological Perspective: Biblical Lore and Judaic Practices, Paradigm 2008
Stone, Lurquin, Cavalli-Sforza: Genes, Culture, and Human Evolution: A Synthesis, Blackwell 2006
Klick ->: Biocultural Evolution auf wikireligiosus
* Diesen Blogpost widme ich Prof. Perry Schmidt-Leukel, der sich seit Jahren furchtlos und unter Inkaufnahme scharfen Widerstands für die Einbeziehung auch anderer religiös-kultureller Perspektiven in Theologie(n) und Religionswissenschaft einsetzt.
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heißt ein Buch, welches die dualistische
Philosophie kritisiert, die wir von den griechischen Klassikern, wie Platon und Aristoteles, übernommen haben. Pirsig, der Autor des Buches, meint, durch die Übernahme dieser Theorien wurde "dieser Welt unsäglicher Schaden zugefügt".
http://de.wikipedia.org/..._ein_Motorrad_zu_warten
"Unsere abendländische Kultur war es gewohnt, seit Platon & Aristoteles einerseits und Descartes andererseits die Realität binär zu gliedern: Immanenz und Transzendenz, Leib und Seele, Wissen und Glauben, Gehirn und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier, Gen und Mem (nach Richard Dawkins, um den es im nächsten Blogpost geht)."
Vorsicht! Sie vermischen hier völlig unterschiedliche Dinge, nämlich einerseits den klassischen Physis/Geist- oder Leib/Seele-Dualismus und andererseits die Unterschiedung zwischen biologischer und soziokultureller Evolution. Ersteres hat viel mit Metaphysik zu tun, zweiteres ist hauptsächlich ein Problem der Natur- und Kulturwissenschaften.
Die klare Unterschiedung zwischen Mensch und Tier ist zumindest in der Biologie schon lange hinfällig. Und das meines Wissens prinzipiell auch schon, bevor man wusste dass auch manche Tiere über etwas wie eine einfache Kultur oder ein Ich-Bewusstsein verfügen. Die wirklich klare Trennung kam (und kommt) afaik hauptsächlich von denen, die dem Menschen (und nur dem Menschen) eine nicht näher definierte Seele zuschrieben. Also etwas, das nicht durch die Evolution entstanden ist. Der rückständige "Abendländische Dualismus" (wie Sie es nennen) ist also nicht ein Problem des ganzen Abendslandes, sondern nur einzelner Wissenschaftsbereiche.
Zur Mem-Theorie: Diese umstrittene Theorie hat ebenfalls nichts, aber wirklich nichts mit Metaphysik zu tun, sondern mit dem Mechanismus von Kommunikation in Bezug auf kulturelle Entwicklungen. Zu Dawkins: Er hat im "Gotteswahn" mehrmals sehr deutlich darauf hingewiesen, dass diese eine bloße hypothetische Möglichkeit darstellt. Er äußerte sich durchwegs sehr zurückhaltend dazu. Es kann sein dass er da früher optimistischer war (ich weiß es nicht), heute ist er es jedenfalls nicht mehr. Allerdings gibt es einige andere Leute die sich ausführlicher mit der Theorie befassen und sie weiterentwickeln. Über sie zu schreiben wäre deutlich ergiebiger als Dawkins wegen einer Theorie zu kritisieren, die er selbst eher skeptisch betrachtet.
Vielen Dank für Ihren spannenden Kommentar!
Allerdings verteidigten Sie erneut den Dualismus mit einem Dualismus, indem Sie dazu auffordern, man solle nicht "Metaphysik" mit "Natur- und Kulturwissenschaften" vermischen... Woher wissen wir das? Aha, da sind wir wieder mitten in unseren abendländischen Gewohnheiten!
Wer sagt denn, dass wir es mit mehr als einer Existenzebene zu tun haben? Juden oder Buddhisten haben diese Probleme nicht, wir aber fallen ständig in diese binären Denkschablonen zurück.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch ich bin absolut dafür, dass wir in der Beschreibung der Phänomene verschiedene Perspektiven unterscheiden. Allerdings sehe ich keine Anzeichen dafür, dass zwischen diesen keine Wechselwirkungen bestehen. Die eine Realität scheint zu "mischen". :-)
Was Richard Dawkins angeht, gebe ich Ihnen Recht. Da sich für seine Gen-Mem-Hypothese seit über 30 Jahren nicht ein einziger experimenteller Beleg gefunden hat, ist er selbst da sehr zurückhaltend geworden. Leider greifen jedoch viele weniger Kundige immer noch gerne auf die "griffige" Metapher zurück, die letztlich die alten, überholten Dualismen gerade auch auf dem Feld der Evolutionsforschung fortschreibt.
Danke für den Fund! Es ist in der Tat interessant, dass sich der Autor hier ausdrücklich auf buddhistische Traditionen beruft (berufen muss?), um den vorherrschenden Dualismus in Frage zu stellen.
Mir ist einfach aufgefallen, wie begeistert Buddhisten sich z.B. an Hirnstudien zur Religiosität beteiligt haben, während (Ex-)Christen z.T. bis heute die Nasen rümpfen.
Auch Juden forschen begeistert mit, haben mit Biologie, Genetik, Stammzellforschung etc. generell weniger Probleme und im oben zitierten Buch wird das Zusammenwirken auf monistischer Grundlage deutlich.
In seiner Theos-Rede neulich in London meinte Oberrabbiner Jonathan Sacks zum Thema:
"Diese Leute denken, dass Darwin die Religion widerlegt habe. Tatsächlich hat Darwin nichts dergleichen getan. Er widerlegte aristotelische Wissenschaft, auf der ein großer Teil christlicher Theologie, natürliche Theologie genannt, basierte. Aristoteles glaubte, dass in der Natur Zwecke seien, und dass sich diese Zwecke der Natur durch Forschung entdecken ließen. Das war nie ein jüdischer Glauben – es ist der Glauben einer bestimmten Art von Synthese
zwischen Hellenismus und Christentum. So ist die neue Wissenschaft gegenwärtig
eine größere Herausforderung für eine bestimmte Art der Philosophie, als für
religiösen Glauben an sich. Und ich kenne niemanden, der das ausgesprochen
hätte."
(S. 8, hier): http://www.blume-religionswissenschaft.de/...e.pdf
Inzwischen neige ich dazu, Rabbiner Sacks (übrigens promovierter Philosoph) an dieser Stelle Recht zu geben. Nicht nur andere Kulturen, auch wir Christen und Ex-Christen haben ggf. unsere blinden Flecken und könn(t)en von anderen lernen...
»Es soll immer noch Leute geben, die behaupten, "Evolution" sei ein rein biologischer Begriff.«
Ich gehöre zu den Leuten, die den Begriff "Evolution" gerne für die biologische oder besser biotische Evolution reserviert sähen und die dafür plädieren, ansonsten den Begriff "Entwicklung" oder ähnliches zu verwenden. Evolution ist heute das, wovon die darwinsche Evolutionstheorie handelt. Punkt. Es gibt keine Evolution des Autos, der Technik oder der Kultur im darwinschen Sinne (gerade Philosophen sollten auf eine exakte Verwendung bestimmter Begriffe achten, gehört doch die Arbeit am Begriff zum Wesenskern der Philosophie, wenn ich nicht irre :-) )
Der Mensch ist mitsamt seiner Kultur ein Produkt der biotischen Evolution. Alle Lebensformen sind mitsamt ihren Eigenschaften, Fähigkeiten und Hervorbringungen das Ergebnis evolutionärer, biotischer Entwicklungsprozesse.
In Anbetracht dessen sehe ich keinen Mehrwert im Begriff "biokulturell", mehr noch, er erscheint mir irreführend. Wenn es schon keine kulturelle Evolution (oder Evolution der Kultur) geben kann, dann scheint mir auch die Verknüpfung der Begriffe 'biotisch' und 'kulturell' wenig Sinn zu machen.
Die Kultur veränderte hier tiefgreifend die Biologie. Mit immer mehr Entdeckungen zur Epigenetik sind die Trennwände schließlich völlig zerfallen: Lebensumwelt und also (auch) Kultur wirken sich sogar darauf aus, wie Gene gelesen und in Merkmale umgesetzt werden!
Von welchen "Trennwänden" reden Sie? Die zwischen Umwelt/Kultur und Organismus? Hat es solche denn je gegeben in der Evolutionstheorie?
Wallace und Darwin gingen bereits selbstverständlich von biokulturellen Wechselwirkungen aus - aber dieses Wissen geriet immer wieder unter Druck.
Auf was spielen Sie hier an? Wechselwirkungen zwischen Umwelt/Kultur und Lebewesen sind doch der Kern der herkömmlichen Evolutionstheorie. Was genau geriet da immer wieder "unter Druck"?
Mir ist auch nicht klar, welche Rolle der Dualismus oder das dualistische Denken Ihrer Ansicht nach bei diesen Fragen spielt. Evolutionsbiologisch ist eine Trennung von Gehirn und Geist insofern sinnvoll, als dass individuell erworbene Kenntnisse und Fertigkeiten (Kulturleistungen) nun mal nicht erblich sind. Im Gegensatz zu den grundlegenden Begabungen und Fähigkeiten, die Kulturleistungen erst ermöglichen.
Noch ein Jahrhundert nach Darwin kämpfte Friedrich August von Hayek gegen den Dualismus von Natur und Kultur, in den große Teile der abendländischen Wissenschaft immer wieder zurück fielen.
Wie gesagt, in mancher Hinsicht ist dieser Dualismus begründet. Damals wie heute. Dass die menschliche Kultur ein spezieller Aspekt der menschlichen Biologie/Natur ist, ist keine Frage (zumindest für mich nicht). Aber evolutionäre Änderungen betreffen ausschließlich die Biologie. Denn nur Organismen zeigen genetische Variationen, die dann der natürlichen und einer kulturell bedingten Selektion unterliegen, in einer natürlichen und kulturell geprägten Umwelt. Das hat in meinen Augen nichts mit einer "Gen-Kultur-Koevolution" zu tun.
Diese Koevolution kann es schon allein deshalb nicht geben, weil erstens Kultur nicht evolviert (im Sinne Darwins) und weil zweitens Gene ebenfalls nicht evolvieren (sie verändern sich durch Mutationen).
Der unbestreitbare Zusammenhang zwischen Kultur und Evolution besteht lediglich darin, dass der Mensch (oder irgend ein anderer, "höher" entwickelter Organismus) als Träger der Kultur den Evolutionsmechanismen unterliegt und dass kulturelle Entwicklungen als selektierende Umweltfaktoren wirken können.
Lieben Dank für Ihren Beitrag!
Schauen Sie, Darwin selbst wusste nichts von "biotischer" Evolution und von Genen wußte er auch nichts. Was er kannte (und worauf er sich bezog) war u.a. die Evolution von Sprachfähigkeit und Sprachen - ein Paradebeispiel für (biokulturelle) Evolution. Erst auf Basis von Sprachfähigkeit (biologisch) können Sprachen (kulturell) evolvieren, und erst diese Kulturprodukte wirken dann auf die Biologie zurück (z.B. indem sie Sprachfähigkeit mit Reproduktionserfolg verknüpfen). Das Gleiche gilt für Werkzeuggebrauch: Der wird ja erst biologisch wirksam (vorteilhaft), wenn kulturell ausgeprägt - in Werkzeugen eben.
Unsere Biologie würde völlig anders aussehen, hätten wir unsere Kulturfähigkeiten nicht - und vice versa. Beide Aspekte lassen sich nur in ihren Wechselwirkungen sinnvoll erforschen. Und so war es schon richtig, dass die Sprachwissenschaft die Begriffe "Evolution" und "genetisch" zur Verfügung gestellt hat - dahinter gibt es m.E. in der Evolutionsforschung kein Zurück mehr, zumal inzwischen ja auch unstrittig ist, dass auch Tiere wie Affen, Vögel etc. durchaus schon kulturelle Traditionen aufweisen. Hinter diese Erkenntnisse gibt es m.E. kein Zurück mehr.
"unter Druck", damit wird immer auf den Sozialdarwinismus angespielt, der in diesem Blog wieder vertreten wird.
Allgemein: Es ging in ihrem Blog-Posting (soweit ich es verstanden habe) hauptsächlich um die Kritik an der klaren Trennung von biologischer und soziokultureller Evolution, obwohl sich beide gegenseitig beeinflussten. Diese Trennung hat aber nichts mit dem klassischen Dualismus "natürlich - übernatürlich" zu tun, denn die biologische und die soziokulturelle Evolution sind in keiner Weise etwas Übernatürliches. Nichts anderes wollte ich in meinem letzten Beitrag sagen.
"Allerdings verteidigten Sie erneut den Dualismus mit einem Dualismus, indem Sie dazu auffordern, man solle nicht "Metaphysik" mit "Natur- und Kulturwissenschaften" vermischen... Woher wissen wir das? Aha, da sind wir wieder mitten in unseren abendländischen Gewohnheiten!"
Der Begriff Metaphysik war leider nicht ganz eindeutig. Es liegt aber tatsächlich ein Dualismus vor, wenn viele Menschen behaupten, Natürliches und Übernatürliches wiedersprächen sich nicht und würden nebeneinander existieren.
Doch diese dualistische Ansicht vertrete ich nicht. Übernatürliche Phänomene wiedersprechen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen oft massiv. Ich halte Religiöse Dogmen deshalb für ähnlich realitätsfern wie Esoterik, "Aberglauben" oder sonstige Fiktion (btw, was ist eigentlich der Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben?). Nur weil Religion & Co möglicherweise von der Evolution begünstigt wurden, heißt das noch lange nicht dass ihre Inhalte etwas mit der Realität zu tun haben.
Einzig der Deismus wiederspräche nicht dem natürlichem Weltbild. Allerdings ist selbst die deistische Gotteshypothese eine mehr als gewagte und damit äußerst unwahrscheinliche Behauptung: Sie lässt sich weder verifizieren noch falsifizieren und stellt eine völlig nutzlose Zusatzannahme dar, die keinerlei Erklärungswert besitzt. Sie widerspricht dem Sparsamkeitsprinzip der Wissenschaftstheorie. Aber ich kenne sowieso keinen Gläübigen der sich mit dem Deismus zufrieden geben will. *g*
"Wer sagt denn, dass wir es mit mehr als einer Existenzebene zu tun haben?"
Alle die gegen jede Vernunft behaupten, es existierten übernatürliche Phänomene die der Naturwissenschaft prinzipiell nicht zugänglich seien, die keinen Naturgesetzen unterlägen und die auch wahr seien, wenn sie wissenschaftlichen Erkenntnissen klar widersprechen. Etwa der Glaube an Wunder oder an eine übernatürliche Seele bzw. einen übernatürlichen Geist, der kein Produkt unseres Gehirns ist. Auch der Glaube an ein Jenseits (neben dem Diesseits) ist Dualismus.
"Juden oder Buddhisten haben diese Probleme nicht, wir aber fallen ständig in diese binären Denkschablonen zurück."
Wir? Also Sie und andere Christen? Buddhisten glauben schonmal nicht an einen Gott, was die Sache der Naturwissenschaft erleichtert. (Zwar hat meine katholische Religionslehrerin mir damals versichert, Buddha sei quasi ein Gott, Buddhisten haben mir jedoch das Gegenteil versichert.) Vom Judentum weiß ich nicht viel, doch beim Islam gibt es sehr große Konfilkte zwischen Religion und Naturwissenschaftlichen Tatsachen. Da war neulich ein Artikel in der NYT zu dem Thema. So wird in der Türkei zwar die Evolutionstheorie unterrichtet. Aber der islamische Kreationismus ist weit verbreitet und auf dem Vormarsch. In Pakistan wird sie unterrichtet und auch akzeptiert - solange die Sprache nicht auf die Abstammung des Menschen vom Affen kommt. Und in Indonesien werden sogar die Bücher türkischer Kreationisten im Biologieunterricht verwendet. Ich kann nur vermuten, dass ihnen auch der Gedanke nicht schmeckt der Mensch hätte keine übernatürliche Seele oder etwas ähnliches, das ihn grundsätzlich von den Tiren unterscheidet.
"Es gibt keine Evolution des Autos, der Technik oder der Kultur im darwinschen Sinne"
Das hat auch niemand behauptet. Die (sozio)kulturelle Evolution funktioniert ganz anders als die Biologische (darwinsche) Evolution. Doch bei beiden gibt es einen Entwicklungsgradienten, zu Komplexen gelangten sie schrittweise von Einfachen. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die soziokulurelle Evolution (besonders in der jüngeren Zeit großer Zivilisationen) viel, viel schneller ist als die biologische. So hat es viel länger gedauert, bis die biologische Evolution einen Flugorganismus "entwickelte" als die soziokulturelle Evolution für ein Flugzeug brauchte. Ähnliches gilt für Ohr / Mikrofon oder Auge / Kamera. Da beide wie dargestellt oft ähnliche Lösungen für ähnliche Probleme "entwickeln", kann man sie durchaus vergleichen. Das rechtfertigt den Begriff "soziokulturelle Evolution", der sich übrigens längst allgemein durchgesetzt hat. Aber wenn du ihn nicht magst kannst du ja einfach kulturelle Entwicklung dazu sagen.
Lieber @Quax,
könnten Sie bitte aufzeigen, wo hier auf dem Blog Sozialdarwinismus vertreten wird? Kann ja sein, dass Ihnen einige oder alle Befunde der Evolutionsforschung nicht zusagen oder dass Sie Darwin für einen ganz bösen Menschen statt für einen großen Wissenschaftler halten, aber bisher konnte auf Natur des Glaubens auch sehr gut jenseits von Schlagworten diskutiert werden.
Beste Grüße!
Es ging in ihrem Blog-Posting (soweit ich es verstanden habe) hauptsächlich um die Kritik an der klaren Trennung von biologischer und soziokultureller Evolution, obwohl sich beide gegenseitig beeinflussten. Diese Trennung hat aber nichts mit dem klassischen Dualismus "natürlich - übernatürlich" zu tun, denn die biologische und die soziokulturelle Evolution sind in keiner Weise etwas Übernatürliches. Nichts anderes wollte ich in meinem letzten Beitrag sagen.
Ja, dann sind wir tatsächlich völlig einer Meinung! M.E. haben wir uns in den abendländischen Traditionen eben keinen Gefallen damit getan, zu lange an Abgrenzungen fest zu halten, die Darwin selbst schon überwunden hatte und beispielsweise Kulturfähigkeiten auch von Tieren zu leugnen. Und mit "wir" meine ich nicht nur Christen, sondern uns Abendländer insgesamt - auch Anhänger z.B. von Descartes oder Marx, die analog argumentierten. Beschimpfungen mussten sich z.B. die japanischen Primatologen nicht von bekennenden Christen, sondern von "Darwinisten" anhören, die es ablehnten, bei Primaten kulturelle Traditionen auch nur für möglich zu halten. Dabei lassen sich m.E. bei komplexen Tieren biologische und kulturelle Evolution (erst) dann erfassen, wenn sie in ihren Wechselwirkungen betrachtet werden.
Zur Frage Religion nur soviel: Gerade wenn wir uns einig sind, dass sich die meisten religiösen Mythologien naturwissenschaftlicher Logik entziehen (oder sie gar ablehnen), sollte uns interessieren, warum und wie sie dennoch wirksam und auch erfolgreich sein können. Die Amischen sind ein schönes Beispiel für eine Gemeinschaft, deren Verständnis von Welt und Wissenschaft völlig überholt scheint und das wohl keiner hier so teilen würde - die aber dennoch sowohl auf dem Gebiet biologischer wie kultureller Evolution eindrucksvoll reüssieren.
http://www.chronologs.de/...n-16-jahren-verdoppelt
Das muss nicht gefallen, aber wenn wir wirklich Natur und Kultur verstehen wollen, sollten wir m.E. an solchen Phänomenen nicht verächtlich vorbei gehen, sondern Mut zur Neugier aufbringen.
Danke für Ihren engagierten Kommentar, herzliche Grüße!
Schauen Sie, Darwin selbst wusste nichts von "biotischer" Evolution und von Genen wußte er auch nichts.
Wie konnte er dann seine Evolutionstheorien entwickeln, wenn er nichts von biotischer* Evolution wusste? Von Genen brauchte er dazu nichts zu wissen, da genügte das Wissen um die Erblichkeit biologischer Merkmale. Soweit ich weiß, kannte er auch Lamarcks Evolutionshteorie. Immer, wenn er von Evolution sprach, meinte er die biotische, weil er streng zwischen evolutiven Merkmalsänderungen (durch Vererbung) und den kulturell vermittelten, individuell erworbenen Fertigkeiten unterschieden hat.
Unsere Biologie würde völlig anders aussehen, hätten wir unsere Kulturfähigkeiten nicht - und vice versa....
Vor allem wären wir nicht so zahlreich...
...Beide Aspekte lassen sich nur in ihren Wechselwirkungen sinnvoll erforschen.
Kein Einwand. Aber auch das ist doch eigentlich kein neuer Gedanke. Menschliche Kulturleistungen unterscheiden sich ja nicht prinzipiell von den "Kultur"-Leistungen der Tiere.
Lieber Michael, Sie merken, allzu groß ist der Dissens nicht. Mich stört vor allem der inflationäre Gebrauch des Begriffs "Evolution". Im Deutschen kennen wir das Wort "Entwicklung", das zu kulturellen Errungenschaften meines Erachtens besser passt. Aber das ist vielleicht auch nur Geschmackssache.
Keine Frage des Geschmacks ist hingegen die Schöpfung "Gen-Kultur-Koevolution". Hat das vor mir noch kein anderer kritisiert?
--
*Habe mal gelesen, dass "biologisch" sprachlogisch falsch sei und dass es "biotisch" heißen müsse. Aber ich denke, das ist evolutionsbiologisch ohne Bedeutung ;-)
Lieber Balanus,
vielen Dank für Ihren Kommentar! Einig sind wir uns wohl darin, dass es wichtig ist, jedes Phänomen je in seinen biologischen oder kulturellen Bezügen sowie den Wechselwirkungen dazwischen zu erkunden.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wehren Sie sich jedoch noch dagegen, den Begriff der Evolution auch auf kulturelle Aspekte anzuwenden.
Wie geschrieben: Darwin kannte ein Gegeneinander biotischer und kultureller Evolution nicht, sondern sah da immer einen ganzheitlichen Prozess. Letztlich finden wir heute zu diesem Stand zurück, nachdem sich zwischenzeitlich Dualismen eingeschlichen hatten (und auch Tieren Kulturfähigkeiten abgesprochen wurden!).
Wir brauchen da nicht spekulieren, wir können es nachlesen. So schreibt Darwin selbstverständlich und in einem Kapitel z.B. über das Gehirn, die Sprache und den Gottesglauben.
http://de.wikisource.org/...wahl_I/Drittes_Capitel
Heute diskutieren wir diese Aspekte mit feinerem Instrumentarium (u.a. den Befunden der Genetik und zunehmend auch Epigenetik), aber die Gesamtperspektive haben wir zurück gewonnen.
Zu "Gen-Kultur-Koevolution" gebe ich Ihnen Recht - das ist ein furchtbares Wort, wenn auch das o.g. Buch dazu ganz große Klasse ist. Aber sehen Sie es den Kollegen nach: Gegen die (Wieder-)Verknüpfung biologischer (biotischer) und kultureller Evolution gab es massive Widerstände, gegen die sich einige Forscher durch betont technisch-trockene Sprache schützen wollten.
Beste Grüße!
Da sprechen Sie einen interessanten Punkt an. Das ging mir auch schon durch den Kopf (nicht in Bezug auf "unter Druck", sondern generell). Wenn man den Reproduktionserfolg bestimmter Menschengruppen analysiert, beschäftigt man sich in der Tat zwangsläufig mit einem Phänomen, das eine gewisse Nähe zum sozialdarwinistischen Gedankengut hat. Vielleicht rührt von daher mein Unbehagen bei der Rede vom evolutionsbiologischen Erfolg religiöser Gemeinschaften. Aber an Sozialdarwinismus habe ich in diesem Zusammenhang erst gedacht, nachdem ich den Vortrag von Rabbi Sacks gelesen hatte (manche brauchen eben ein bisschen länger ;-).
Allerdings, allein die Feststellung, dass sich bestimmte soziale Gruppen über- oder unterproportional vermehren, bedeutet ja noch nicht, dass man einem Sozialdarwinismus das Wort redet oder ihn "vertritt". In diesen Verdacht gerät man erst, wenn man beispielsweise eine überproportionale Vermehrung bestimmter Gruppen mit "gut" oder "schlecht" bewertet. Wer also die außerordentliche Vermehrung einer religiösen Gemeinschaft für ungut hält, reagiert ebenso sozialdarwinistisch wie derjenige, der sich darüber freut und für gut befindet.
Darüber hinaus stecken wir ja alle in einem sozialdarwinistischen Dilemma: Wir leben in Sozialverbänden und unterliegen gleichzeitig den Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Evolution. Wären unsere Vorfahren nicht sozialdarwinistisch erfolgreich gewesen, würden wir heute nicht per Internet unsere Meinungen austauschen.
Die (sozio)kulturelle Evolution funktioniert ganz anders als die Biologische (darwinsche) Evolution.
Nicht nur das, beide haben praktisch nichts miteinander zu tun (außer, wie bereits mehrfach gesagt, dass es ohne eine biologische Evolution keine Kultur gäbe)
Doch bei beiden gibt es einen Entwicklungsgradienten, zu Komplexen gelangten sie schrittweise von Einfachen.
Komplexe Lebensformen haben sich aus einfachen entwickelt, das ist richtig. Aber dabei handelt es sich nicht um ein generelles Prinzip der natürlichen Evolution (man denke etwa an die erfolgreichste Lebensform, die Bakterien). Eine Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen durchläuft jeder mehrzellige Organismus. Da könnten wir also von einer ontogenetischen Evolution sprechen, eine Evolution im Zeitraffer.
Damit kommen wir zum wirklich "wesentlichen Unterschied" zwischen biologischer und soziokultureller Evolution. Die biologische erfolgt durch erbliche Zufallsvariationen, die einer natürlichen Selektion unterliegen, es gibt kein angestrebtes Ziel. Bei der soziokulturellen "Evolution" gibt es keine erblichen Zufallsvariationen, es gibt keine ungeplante Selektion und es gibt sehr wohl bewusst angestrebte Ziele. Unterschiedlicher könnten die Entwicklungsprozesse von Natur einerseits und Kultur andererseits gar nicht sein. "Try and error" ist in meinen Augen ein reines Kulturphänomen, kein Evolutionsprinzip.
Im Grunde ist ja schon der Begriff "Evolution" für das, was in der Natur geschieht, missverständlich, weil er suggeriert, hier würde sich irgendetwas "entfalten", was zuvor verborgen gewesen wäre. Nichts ist falscher als das.
Das rechtfertigt den Begriff "soziokulturelle Evolution", der sich übrigens längst allgemein durchgesetzt hat. Aber wenn du ihn nicht magst kannst du ja einfach kulturelle Entwicklung dazu sagen.
:-) Danke, werd' ich machen...
Klar, der Begriff ist in der Welt und wird es auch bleiben, Evolution bedeutet eben letztlich nur Entfaltung, Entwicklung. Aber es sollte auch klar sein, dass er sachlogisch nicht zu rechtfertigen ist, wenn damit eine Analogie, Beziehung oder Nähe zur darwinschen Evolution behauptet werden soll.
Wir haben das Leben durch die vielen Wissenschaften auseinanderdividiert - sicher eine Notwendigkeit, um die Welt „in den Griff“ zu bekommen. Doch sollte man dadurch den Blick für das Ganze nicht verlieren. Vielleicht gewinnt aus diesen Gründen eine ganzheitliche Methode, z.B. in der Medizin, immer mehr an Boden. In der heutigen Zeit müssen sowieso immer mehr einzelne Disziplinen zusammenarbeiten. „Crossover-Lösungen“ sind ja nichts grundsätzlich Schlechtes. Nicht umsonst meinte Albert Einstein: „Alles was zählt, ist Intuition. Der Intuitive Geist ist ein Geschenk und der rationale Geist sein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschafft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“
Befinden wir uns aber nicht bereits auf dem Weg in eine neue, in eine Wissensgesellschaft.
„Die neue Qualität der Wissensgesellschaft gegenüber der Informationsgesellschaft liegt vor allem darin, dass in der Wissensgesellschaft der Mensch als handelndes Subjekt mit all seinen Erfahrungen, Intuitionen und Erinnerungen ins Spiel kommt. Erst die bewusste Verarbeitung, Auswahl, Bewertung und Verknüpfung von Informationen zu etwas Neuem, zu Ideen, Problemlösungen und Handlungen, zu Produkten und Dienstleistungen lassen "Wissen" entstehen. Eine Kulturleistung, die bislang - und daran haben auch die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz nur bedingt etwas geändert - nur der Mensch zu vollbringen in der Lage ist.“
Zitat aus der Leseprobe von „ Was kommt nach der Informationsgesellschaft?“:
http://www.changex.de/Article/article_726
Lieber Balanus,
Sie schrieben (ernsthaft!?):
Nicht nur das, beide (biologische und kulturelle Evolution) haben praktisch nichts miteinander zu tun (außer, wie bereits mehrfach gesagt, dass es ohne eine biologische Evolution keine Kultur gäbe)
Also, das ist ja mal wirklich eine steile These!!! :-)
Sie wäre natürlich recht einfach zu untermauern, lieber @Balanus. Sie müssten uns nur erläutern, wie sich z.B. die biologische Evolution von Sprachfähigkeit ohne die kulturelle Evolution von Worten und Sprachen ereignet hat. Und dass sich die heutigen, kulturellen Milieus in keiner Weise z.B. auf das Fortpflanzungsverhalten der Menschen auswirken. Wir sind gespannt! :-)
...da Sie ja nun über alles Wissen zeitgenössischer Natur- und Kulturwissenschaftler hinaus weisen, wollte ich mich gleich auch noch erkunden, warum die (biologische) Evolution der Laktosetoleranz innerhalb der letzten Jahrtausende in einigen Menschenpopulationen erfolgt ist, in anderen nicht. Eine ganze Menge Genetiker und Biologen müssten schließlich ihre Publikationen widerrufen, wenn das nichts mit Kultur zu tun haben sollte...
Liebe Mona,
danke für den wunderschönen Kommentar. Und ja, ich kann da nur zustimmen. Gerade weil wir in den Spezialdisziplinen immer mehr Wissen erarbeiten, wächst die Bedeutung der interdisziplinären (Re-)Integration. Widerstände und Ängste sind da wohl unausweichlich, aber es geht auch voran.
Vielen Dank, beste Grüße!
an sich schreibe ich immer ernsthaft... ;-)
»Nicht nur das, beide (biologische und kulturelle Evolution) haben praktisch nichts miteinander zu tun (außer, wie bereits mehrfach gesagt, dass es ohne eine biologische Evolution keine Kultur gäbe)«
Also, das ist ja mal wirklich eine steile These!!! :-)
Ok, diese Formulierung ging ernsthaft daneben. Gemeint war, dass beides völlig unterschiedliche Prozesse sind. Geht aber auch aus dem Rest des Postings hervor, finde ich. ;-)
(Dass evolutiv erworbene Eigenschaften, Verhaltensweisen und Hervorbringungen [Kultur im weitesten Sinne] was mit der reproduktiven Fitness zu tun haben und die Umweltbedingungen für die weitere evolutive Entwicklung verändern können, ist doch unbestritten. Man betrachte nur den blinden Maulwurf...).