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Biokulturelle Evolution

von Michael Blume, 22. November 2009, 21:41

Es soll immer noch Leute geben, die behaupten, "Evolution" sei ein rein biologischer Begriff. Dabei stammt "Evolution" - und übrigens auch "genetisch"! - aus der Sprachwissenschaft, die bereits Jahrzehnte vor Charles Darwin und Alfred Russel Wallace den gemeinsamen Ursprung von Sprachen und deren Auffächerungen und Veränderungen erkundete (vgl. von Hayek). Von hier wurden die Begriffe in die Biologie übernommen - und zugleich bilden Sprachen ein wunderschönes Beispiel für die Wechselwirkung von Natur und Kultur: Gene, Neuronen und Sprechapparat erlauben erst die kulturelle Produktion von Sprachen - deren Beherrschung wirkt wiederum auf den Reproduktionserfolg und also die Biologie der Sprechenden zurück.

Und natürlich stehen Sprachen damit nicht alleine: Von Auswahl und Mitteln der Nahrungsbeschaffung über die Herstellung von Werkzeugen, Kleidung, Musikstilen (und -instrumenten) bis hin zu religiösen Überlieferungen (und Ritualen) haben wir es immer mit der untrennbaren, sich verstärkenden Wechselwirkung von Biologie und Kultur zu tun.

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

In den letzten Jahren haben Genanalysen beispielsweise Vergleiche von Sprach- und Genflüssen erlaubt, aber auch viele Spezialfälle entziffert. Denken wir zum Beispiel an die lebenslange Laktosetoleranz - die Fähigkeit, auch jenseits der Kindheit Milch zu verdauen. Diese genetische Veranlagung setzte sich binnen weniger Jahrtausende in den Populationen durch, die Milchvieh hielten - deswegen vertragen heute fast alle Dänen, aber fast keine Thailänder Kuhmilch. Die Kultur veränderte hier tiefgreifend die Biologie. Mit immer mehr Entdeckungen zur Epigenetik sind die Trennwände schließlich völlig zerfallen: Lebensumwelt und also (auch) Kultur wirken sich sogar darauf aus, wie Gene gelesen und in Merkmale umgesetzt werden!

Abendländischer Dualismus

Wallace und Darwin gingen bereits selbstverständlich von biokulturellen Wechselwirkungen aus - aber dieses Wissen geriet immer wieder unter Druck. Unsere abendländische Kultur war es gewohnt, seit Platon & Aristoteles einerseits und Descartes andererseits die Realität binär zu gliedern: Immanenz und Transzendenz, Leib und Seele, Wissen und Glauben, Gehirn und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier, Gen und Mem (nach Richard Dawkins, um den es im nächsten Blogpost geht). Und so entdeckten beispielsweise japanisch-buddhistische Primatologen wie Kinji Imanishi, dass auch Affen Kultur besaßen - und mussten sich dafür von westlichen "Darwinisten" über Jahrzehnte hinweg teilweise übel beschimpfen lassen (eindrucksvoll dazu: De Waal). Das Bild der drei Affen wird sogar bis heute bei uns in Europa und den USA als Spottbild verstanden - während die drei im japanischen Buddhismus eigentlich ehrwürdige Freunde der Menschen sind, die gegenüber den Göttern über die menschlichen Sünden schweigen, hinwegsehen und hinweghören! Auch vermeintlich "aufgeklärte" Westler können enorm arrogant gegen Mensch und Tier sein...

Noch ein Jahrhundert nach Darwin kämpfte Friedrich August von Hayek gegen den Dualismus von Natur und Kultur, in den große Teile der abendländischen Wissenschaft immer wieder zurück fielen. Und langsam, ganz langsam beginnen auch wir Westler zu begreifen, dass biokulturelle Evolution (auch Gen-Kultur-Koevolution genannt) ein Regelfall hoch komplexer Tiere (inkl. des Menschen) und keine Ausnahme ist. Was Nahrung, Werkzeuge, Sprache, Kleidung, Musik usw. unserer Spezies angeht, akzeptieren dies die meisten von uns langsam schon - bei der Religion gibt es unter (Ex-)Christen dagegen noch einige Widerstände. Auch hier haben Buddhisten und Juden interessanterweise kein Problem, auch diese biokulturell nach den gleichen Regeln wie andere biokulturellen Verhaltensmerkmale zu erkunden und treiben die entsprechenden Forschungen maßgeblich mit voran. Der öffentliche Erkenntnisfortschritt in der Evolutionsforschung ist leider bisweilen eine Schnecke - und gerade auch wir Europäer und Amerikaner haben noch tiefsitzende Fehlannahmen zu überwinden.

Literaturtips:

F.A. von Hayek: The Fatal Conceit: The Errors of Socialism, Chicago University Press 1992
Frans De Waal: Der Affe und der Sushimeister: Das kulturelle Leben der Tiere, Dtv 2005
Rick Goldberg: Judaism in Biological Perspective: Biblical Lore and Judaic Practices, Paradigm 2008
Stone, Lurquin, Cavalli-Sforza: Genes, Culture, and Human Evolution: A Synthesis, Blackwell 2006

Klick ->: Biocultural Evolution auf wikireligiosus

* Diesen Blogpost widme ich Prof. Perry Schmidt-Leukel, der sich seit Jahren furchtlos und unter Inkaufnahme scharfen Widerstands für die Einbeziehung auch anderer religiös-kultureller Perspektiven in Theologie(n) und Religionswissenschaft einsetzt.





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Kommentare

  1. Balanus @Michael Blume
    11.12.2009 | 13:19

    »Und ich bin zuversichtlich, dass wir lernen können, den Begriff Evolution in seiner Vielschichtigkeit (in Biologie, Kultur, Politik etc.) zu unterscheiden und Wechselwirkungen zu reflektieren.«

    Wie zum Beispiel hier in Phillip Bayers Bierologie-Blog über "Evolution und die Menschheit":

    Weiter gehts mit der kulturellen Evolution! Falls nach der Textwand noch ein Leser da ist. Ein beliebtes Beispiel für die Beziehungen zwischen kultureller Entwicklung und Gen-Polymorphismen ist das der Laktase, dem Enzym, welches den Milchzucker spaltet.

    (http://www.wissenslogs.de/...cklung-der-menschheit )

    Was heißt hier "kulturelle Evolution"? Es geht nur um die Mutation und Verbreitung einer bestimmten Genvariante, also um Vorgänge im Laufe der biologischen Evolution. Sollen diese Gen-Polymorphismen nun Beispiele für die "kulturelle Evolution" sein?

    Ich schätze mal, das 70% der gebildeten Menschheit schon mal gehört hat, dass der Mensch vom Affen abstammen soll und dass diese Behauptung mit einer so genannten "Evolutions"-Theorie" zu tun hat. Und von diesen hat, wenn es hoch kommt, nur jeder Hundertste eine Vorstellung davon, auf welchen Prinzipien die biologische Evolution beruht.

    Lieber Michael, Sie sind wahrlich ein Optimist, wenn Sie glauben, dass der inflationäre Gebrauch des Begriffs Evolution für das Verständnis der natürlichen Evolution förderlich ist ;-)

  2. Michael Blume @ Balanus: Ja...
    11.12.2009 | 13:33

    ...und danke für die guten Fragen!

    Was heißt hier "kulturelle Evolution"? Es geht nur um die Mutation und Verbreitung einer bestimmten Genvariante, also um Vorgänge im Laufe der biologischen Evolution. Sollen diese Gen-Polymorphismen nun Beispiele für die "kulturelle Evolution" sein?

    Nein, sondern für die Wechselwirkung von kultureller Evolution (-> hier: Milchviehhaltung) und biologischer Evolution (-> hier: Genetische Veranlagung Laktosetoleranz). Wenn man das zusammen sieht, lässt sich von biokultureller Evolution (oder, wer es technischer mag: Gen-Kultur-Koevolution) sprechen. Siehe alles (sogar das Beispiel) oben.

    Ich schätze mal, das 70% der gebildeten Menschheit schon mal gehört hat, dass der Mensch vom Affen abstammen soll und dass diese Behauptung mit einer so genannten "Evolutions"-Theorie" zu tun hat. Und von diesen hat, wenn es hoch kommt, nur jeder Hundertste eine Vorstellung davon, auf welchen Prinzipien die biologische Evolution beruht.

    Ja, deswegen sollten wir aus der Wissenschaft heraus aktiv werden. Ich publiziere, trage vor und blogge und erkläre die Sachverhalte immer und immer wieder. Mach(t) mit!

    Lieber Michael, Sie sind wahrlich ein Optimist, wenn Sie glauben, dass der inflationäre Gebrauch des Begriffs Evolution für das Verständnis der natürlichen Evolution förderlich ist ;-)

    Klar bin ich Optimist, aufgeben ist nicht! Und ich kann auch die Verzweiflung der Reduktionisten verstehen, die sich wünschen würden, dass sich die komplexe Wirklichkeit je auf wenige physikalische, chemische, oder biologische Regeln zurückführen ließe. Aber diesen Gefallen tut uns die Realität nun einmal nicht.

    Wenn Sie z.B. von der "natürlichen" Evolution sprechen, so würde ich doch gerne zurück fragen, ob für Sie z.B. Werkzeuggebrauch, Sprachfertigkeiten, Milchviehhaltung, Medizin, Religion(en) oder Verhütungsmittel "unnatürlich" sind, zumal sie z.T seit langem nun einmal tief in Überlebens- und Fortpflanzungsprozesse (und damit auch die menschliche Genetik) unserer Art eingreifen? Wo ziehen Sie die Grenze zwischen natürlichen und nicht-natürlichen Prozessen?

  3. Michael Blume Genetik der Samaritaner
    11.12.2009 | 16:04

    Wie bestellt, aber nur zufällig gefunden: Eine Studie zur Genetik je von Samaritanern und Juden, mithin wunderbaren Beispielen wie religiös-kulturelle Prozesse beobachtbare Auswirkungen auf die Genetik von Menschen hatten und haben. Biokulturelle Evolution, halt... :-)

  4. Balanus @Michael Blume
    11.12.2009 | 22:40

    »Biokulturelle Evolution, halt... :-) «

    Lieber Michael, ich habe die Hoffnung eh aufgegeben, dass Sie diesbezüglich zu einer streng wissenschaftlichen Diktion zurückfinden... ;-)

    Wenn Sie z.B. von der "natürlichen" Evolution sprechen, so würde ich doch gerne zurück fragen, ob für Sie z.B. Werkzeuggebrauch, Sprachfertigkeiten, Milchviehhaltung, Medizin, Religion(en) oder Verhütungsmittel "unnatürlich" sind, zumal sie z.T seit langem nun einmal tief in Überlebens- und Fortpflanzungsprozesse (und damit auch die menschliche Genetik) unserer Art eingreifen? Wo ziehen Sie die Grenze zwischen natürlichen und nicht-natürlichen Prozessen?

    "Natürlich" habe ich hier synonym für "biologisch" gebraucht. Aber schon in Anlehnung an Darwins "natural selection". Eine nicht-natürliche Evolution oder Selektion wäre demnach eine durch den Menschen geplante "Evolution" (Zucht, Eugenik). Der Mensch betreibt keine Viehzucht und verhütet nicht mit dem Ziel, sich genetisch zu verändern. Der Gebrauch kultureller Errungenschaften steht nicht im Widerspruch zur natürlichen Evolution. Es besteht kein prinzipieller Unterschied zwischen dem Melken von Kühen durch den Menschen und dem Melken von Blattläusen durch Ameisen. Evolutionsbiologisch spielt es überhaupt keine Rolle, ob Umweltbedingungen rein natürlich oder durch das Naturwesen Mensch geprägt sind.

    Grundsätzlich befürworte ich, wie Sie wissen, eine einheitliche und umfassende biologische Sicht, insbesondere, wenn es um die Evolution geht. Kulturfähigkeit wäre in diesem Sinne schlicht und einfach eine evolvierte menschliche Eigenschaft (darunter fallen etwa Sprach- und Werkzeuggebrauch), und die kulturellen Errungenschaften mithin lediglich ein Aspekt oder Produkt der Evolution.

    Die gesamte heutige Lebenswelt mit all ihren Erscheinungen ist somit das Ergebnis von Prozessen und Wechselwirkungen, die zum Teil in den Darwinschen Evolutionstheorien beschrieben wurden und die wir seitdem in ihrer Gesamtheit als "Evolution" bezeichnen.

    Bei diesem umfassenden Verständnis von Evolution, die wir in Abgrenzung zur atomaren und chemischen "Evolution" auch gerne "biologisch" nennen können, ist bereits alles mit eingeschlossen, was Organismen jemals produzieren können. Selbst solche Phänomene wie Geist und Bewusstsein.

    Deshalb macht es in meinen Augen überhaupt keinen Sinn, etwas, was ohnehin schon Teil der Evolution ist, begrifflich herauszulösen, als Attribut wieder anzufügen und das Ganze dann als eine besondere Variante der Evolution zu verkaufen. Bloß um ein eigenes Forschungsfeld zu begründen...

    Kurzum: In dem Wörtchen "biologisch" sind die durch lebende Systeme hervorgebrachten "Kulturen" bereits enthalten, wenn man—wie ich—einheitlich und/oder ganzheitlich denkt.

    Wenn man allerdings noch der dualistischen Denkweise verhaftet ist, dann mag man auch Begriffe wie "biokulturell" für sinnvoll halten. ;-)

    --

    Eine Studie zur Genetik je von Samaritanern und Juden, mithin wunderbaren Beispielen wie religiös-kulturelle Prozesse beobachtbare Auswirkungen auf die Genetik von Menschen hatten und haben.

    Ich hoffe nur, dass es nichts mit erbgutverändernden Substanzen (Weihrauch?) oder Ähnlichem zu tun hat. ;-)

    Erfahren wir irgendwann mehr?

  5. Michael Blume @ Balanus
    12.12.2009 | 10:28

    Lieber Michael, ich habe die Hoffnung eh aufgegeben, dass Sie diesbezüglich zu einer streng wissenschaftlichen Diktion zurückfinden... ;-)

    Nanana, @Balanus - die Begrifflichkeiten biologischer, kultureller und biokultureller Evolution sind in der interdisziplinären Evolutionsforschung längst Standard (einige Literaturhinweise oben). Einen plumpen Reduktionismus vertritt dagegen kaum noch jemand. Es mag ja sein, dass Sie sich eine andere Entwicklung gewünscht hätten, aber die funktioniert nun einmal nicht.

    "Natürlich" habe ich hier synonym für "biologisch" gebraucht. Aber schon in Anlehnung an Darwins "natural selection". Eine nicht-natürliche Evolution oder Selektion wäre demnach eine durch den Menschen geplante "Evolution" (Zucht, Eugenik).

    1. Grundsätzlich habe ich durchaus Sympathie für die Unterscheidung. Allerdings ist auch sie simplifizierend: denn auch unsere Fähigkeiten zur Vorausplanung sind evolviert und nicht "unnatürlich". Und auch schon Tiere greifen "züchtend" in die Evolution anderer Arten ein - wie Ihr eigenes Beispiel der Ameisen und Blattläuse schön aufzeigt. Auch die (Zucht?) Evolution des Hundes aus dem Wolf dürfte zumindest in der Anfangszeit kaum planvoll erfolgt sein, eher geht man von der stärkeren Duldung sozialer Tiere im menschlichen Umfeld aus, die entsprechende Selektionsprozesse in Gang setzten.

    2. Und vielleicht sollten Sie sich doch nochmal Darwin im Original zugute führen. So beschrieb er die sexuelle Selektion als "geschlechtliche Zuchtwahl" (im Titel (!) seiner "Abstammung des Menschen"(!)) - da Tiere und Menschen sich Partner erwählen und damit die Zusammensetzung kommender Generationen partiell planvoll mitbestimmen. Auch hier sind die Grenzen zwischen einer rein affektiven und planenden Partnerwahl erkennbar oft fließend.

    Bei diesem umfassenden Verständnis von Evolution, die wir in Abgrenzung zur atomaren und chemischen "Evolution" auch gerne "biologisch" nennen können, ist bereits alles mit eingeschlossen, was Organismen jemals produzieren können. Selbst solche Phänomene wie Geist und Bewusstsein.

    Damit bin ich völlig einverstanden! Allerdings haben Sie doch oben selbst darauf bestanden, dass sich auch grundlegende Spielregeln innerhalb des Prozesses immer wieder verändern - beispielsweise durch Kultur- und Planungsfähigkeiten. Wenn man diese Wechselwirkungen nun wissenschaftlich erforschen will, kann man doch nicht alles einfach in einen Begriffstopf rühren, sondern sollte immer wieder aufzeigen können, über welche Art von Prozessen und Wechselwirkungen man redet.

    Deshalb macht es in meinen Augen überhaupt keinen Sinn, etwas, was ohnehin schon Teil der Evolution ist, begrifflich herauszulösen, als Attribut wieder anzufügen und das Ganze dann als eine besondere Variante der Evolution zu verkaufen. Bloß um ein eigenes Forschungsfeld zu begründen...

    Weiter oben haben Sie doch selber (richtig!) angemerkt, dass es grundlegende Unterschiede z.B. zwischen der genetischen Weitergabe von Sprachfähigkeit und der erlernten Weitergabe von Sprache gibt! Und sprachen sich dafür aus, für kulturelle Phänomene nicht von Evolution zu sprechen, sondern von "Entwicklung".

    Nun machen Sie einen Schwenk und verkünden, es sei doch alles dasselbe und man brauche nur ein Wort "Evolution" und gar keine Unterscheidung mehr dafür...

    Lieber @Balanus, was genau wollen Sie denn eigentlich sagen? Ist Kultur jetzt auch Evolution oder nicht? Und wenn ja (was Sie jetzt auch meinen?), sollte man dann nicht auch die Unterschiede zur biologischen Evolution benennen? Welche Position vertreten Sie denn jetzt (gerade)?

    Vielleicht hilft es, wenn ich einfach noch einmal klarstelle:

    1. Die meisten heutigen Evolutionsforscher gehen von einem monistischen Naturalismus aus, in dem z.B. biologische und kulturelle Prozesse in der gleichen Realität stattfinden.

    2. Sie erkennen freilich an, dass zwischen biologischen und kulturellen Evolutionsprozessen bei allen Ähnlichkeiten auch Unterschiede bestehen. So werden biologische Merkmale (wie z.B. Musikalität) durch Fortpflanzung vererbt, kulturelle Merkmale aber durch Lernen (wie z.B. das Spielen von Musikinstrumenten).

    3. Entsprechend ist es gerade aufgrund der Verbundenheit des Gesamtprozesses sinnvoll zu unterscheiden, von welcher Prozessebene gesprochen wird: geht es um biologische, kulturelle oder (die Wechselwirkung beschreibend) biokulturelle Prozesse. Sie finden weder in getrennten Welten statt, noch lassen sie sich einfach begrifflich aufeinander reduzieren.

  6. Balanus @Michael Blume
    13.12.2009 | 14:28

    Schon witzig, Sie haben genau die zwei Punkte angesprochen, bei denen ich schon beim Schreiben das Gefühl hatte, ich sollte noch eine Klammer mit näheren Erläuterungen anfügen.

    Zu Punkt 1: Darwin hatte das Attribut "natürlich" im Gegensatz zu "künstlich", "menschengemacht" gebraucht, wenn ich mich nicht irre. Er musste dem Publikum ja klar machen, dass das, was in der Natur natürlicherweise passiert, der Mensch schon seit Jahrtausenden selbst praktiziert, nämlich Selektion. Aber Sie haben natürlich Recht, auch das Menschengemachte und Geplante steht nicht außerhalb der Natur.

    Zu Punkt 2: An die sexuelle Selektion und daran, dass dabei auch Gene eine Rolle spielen, habe ich auch gedacht. Aber wenn ich ehrlich bin: Die zukünftige Evolution der Spezies Mensch war mir so was von egal, als ich geheiratet habe... :-) Nein, mit "Planung" meinte ich schon den gezielten Eingriff, um die evolutionäre Entwicklung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Doch ohne Frage ist schon die bloße Existenz jedes Einzelnen relevant für den zukünftigen Genpool (selbst wenn er sich nicht fortpflanzen sollte).

    Lieber @Balanus, was genau wollen Sie denn eigentlich sagen? Ist Kultur jetzt auch Evolution oder nicht?

    Es ist verwirrend, ich gestehe es ein. Kultur ist m.E. Teil der biologischen Evolution. Sie gehört zu den Eigenschaften bestimmter Arten (je nachdem, wie man Kultur definiert). Insofern sind kulturelle Entwicklungen mit der biologischen Evolution verknüpft und von ihr abhängig.

    Mein Eindruck ist jedoch, dass Kultur von manchen als das geistige Produkt, als eine Schöpfung des Menschen angesehen wird, die als solche von dessen Biologie unabhängig ist. Deshalb wird von einer eigenständigen kulturellen Evolution gesprochen, die parallel zur biologischen Evolution des Menschen abläuft und mit dieser wechselwirkt (und womöglich noch befördert). So in etwa kommt die Rede von der Gen-Kultur-Koevolution bei mir an.

    Zu Ihren Klarstellungen:

    1. Die meisten heutigen Evolutionsforscher gehen von einem monistischen Naturalismus aus, in dem z.B. biologische und kulturelle Prozesse in der gleichen Realität stattfinden.

    Mehr noch, sie gehen davon aus—oder sollten davon ausgehen—, dass kulturelle Prozesse Teil der biologischen Evolution sind.

    zu 2. Sie erkennen freilich an, dass zwischen biologischen und kulturellen Evolutionsprozessen bei allen Ähnlichkeiten auch Unterschiede bestehen. (...)
    Zwischen biologischen Evolutionsprozessen und kulturellen Entwicklungen als Teil dieser evolutionären Prozesse bestehen in der Tat gravierende Unterschiede.

    zu 3. Entsprechend ist es gerade aufgrund der Verbundenheit des Gesamtprozesses sinnvoll zu unterscheiden, von welcher Prozessebene gesprochen wird...

    Der "Gesamtprozess" ist die biologische Evolution. Kulturelle Entwicklungen müssen als ein Teilprozess dieses Gesamtprozesses betrachtet werden. Es gibt keine zwei Teilprozesse (biologische Evolution, Kultur), die zu einem Gesamtprozess (biokulturelle Evolution) zusammengefasst werden könnten. So etwas wäre ein rein gedankliches Konstrukt, welches nicht die realen Verhältnisse widerspiegelt.

    Wenn ich mich speziell mit der Evolution befasse, dann sind kulturelle Entwicklungen als ein Teil der Evolution bereits eingeschlossen. Wenn ich mich speziell mit kulturellen Entwicklungen befasse, dann basieren diese auf evolutionären Prozessen. Doch egal, womit ich mich beschäftige, immer geht es zwangsläufig um Wechselwirkungen. Evolution ist ohne Wechselwirkungen gar nicht denkbar, und kulturelle Entwicklungen, als Teil der Evolution, logischerweise auch nicht.

    In diesem Sinne ist es etwas eigenartig, wenn ich mich speziell mit den Beziehungen oder auch Wechselwirkungen zwischen evolutionären Prozessen und kulturellen Entwicklungen befassen will. Das ist dann in etwa so, als würde man von Wechselwirkungen zwischen Finger und Hand reden, oder von Wechselwirkungen zwischen Bewusstsein und Gehirn (oder zwischen Hautfarbe und Haut).

    Aber gut, sei's drum: Gemeint sind ja Änderungen in den Umweltbedingungen, die durch Organismen selbst hervorgerufen werden und die dann für das weitere Evolutionsgeschehen von Bedeutung sind. So etwas zu untersuchen ist natürlich interessant und wichtig. Eine der dramatischsten Umweltveränderungen im Laufe der Evolutionsgeschichte dürfte die Schaffung der Sauerstoff-Atmosphäre durch Blaualgen gewesen sein.

    Wenn man sich also speziell mit den Wechselwirkungen zwischen evolutionären Prozessen und kulturellen Entwicklungen befassen will, dann darf man nicht aus den Augen verlieren, dass Letztere nur ein Teil dieser evolutionären Prozesse sind.

    Meine Befürchtung ist nun aber, dass genau dies bereits passiert ist. Anders kann ich mir Begriffe wie "biokulturell" oder "Gen-Kultur-Koevolution" nicht erklären. Man sieht kulturelle Entwicklungen nicht mehr als ein Teilaspekt der biologischen Evolution, sondern gleichwertig und parallel zur Evolution verlaufend (siehe Ihre Grafik in diesem Blog). Wenn Sie nun sagen, das stimmt so nicht, dann sage ich: "Die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube".

    ---

    Und ich kann auch die Verzweiflung der Reduktionisten verstehen, die sich wünschen würden, dass sich die komplexe Wirklichkeit je auf wenige physikalische, chemische, oder biologische Regeln zurückführen ließe.

    Was für Regeln gibt es denn sonst noch in der Welt, die wir beachten müssten? Geistige?

  7. Max Keine evolution Gottes Schöpfung
    22.01.2010 | 09:47

    es ist alles nicht richtig Gott hat die erde Erschafen und uns mensche auch wir sind menschen von Gott wir sind sünder und wir suchen so was und nicht zu bekennen das wir sünder sind wir wolent das glauben das die evolution warist nein ohne Gott gäbbe es nicht dei menschen die das erfunden haben satn hat das so gemacht damit ihr alle die an evolution glauben und in die hölle gehn das ist aber nicht richtig und wenn ihr nicht zu Gott kommt ist das aus mit leben und dann ewig ihn die hölle dankt darüber nach alles die an evolution glauben wenn irh euch bekehrt dann hat ihr ewiges leben mit Gott im Himmel also ihr solte alle denken hölle oder Himmel aber Gott wiel nur das beste für uns alle menschen wir müsen uns nur etscheiden was wir wehlen

  8. Liu An Max
    22.01.2010 | 12:26

    Geehrter Herr Max,

    Sie scheinen neu in diesem Blog zu sein. Wenn Sie wirklich glauben, dass Evolutionstheorie und Gottesglauben sich notwendig ausschließen, ist möglicherweise dieser Beitrag für Sie besonders interessant:
    http://www.chronologs.de/...gott-f-r-die-evolution

    Hochachtungsvoll, Liu

  9. Balanus Kulturbedingte Selektion
    22.01.2010 | 18:28

    Es gibt eine aktuelle Studie über den Einfluss kultureller Entwicklungen auf bestimmte Allelfrequenzen. Der Einfachheit halber zitiere ich mal kurz Welt-Online:

    »Die Alkoholunverträglichkeit vieler Asiaten geht auf die Ernährung ihrer Vorfahren zurück. Das zumindest behauptet jetzt ein chinesisches Forscherteam. Den Wissenschaftlern zufolge soll die Unverträglichkeit zur gleichen Zeit entstanden sein, als sich im südlichen China der Ackerbau entwickelte.«

    (http://www.welt.de/...einen-Alkohol-vertragen.html)

    Die Studie selbst ist als Vorabveröffentlichung hier zu finden:

    http://www.biomedcentral.com/...148/10/15/abstract

    Was mir an dieser Studie positiv auffällt, ist, dass sie ohne die Begriffe "biokulturell" oder "Gen-Kultur-Koevolution" auskommt. Was zeigt, dass diese Wortschöpfungen in der Evolutionsforschung überflüssig sind :-)

  10. 24.01.2010 | 21:47

    Danke! Bin gerade von einem wundervollen Seminar an der Uni Jena zurück, jetzt muss ich Herrn Max gar nicht mehr antworten. :-)

  11. Michael Blume @ Balanus
    24.01.2010 | 21:53

    Wow, danke, interessanter Fund! Ich lese gerade u.a. das Buch von Reichholf, der die Entstehung des Ackerbaus über den Alkoholkonsum herleitet.

    Die von Ihnen verlinkten Befunde scheinen dazu wunderbar zu passen!

    Was mir an dieser Studie positiv auffällt, ist, dass sie ohne die Begriffe "biokulturell" oder "Gen-Kultur-Koevolution" auskommt. Was zeigt, dass diese Wortschöpfungen in der Evolutionsforschung überflüssig sind :-)

    Es soll ja Leute geben, die die ganze Evolutionsforschung überflüssig finden, weil sie ihnen nicht in den weltanschaulichen Kram passt (siehe z.B. oben @Max). Dagegen muten wir Ihnen mit wenigen Zusatzbegriffen doch nun wirklich wenig zu, oder!? ;-)

  12. Sören Schewe kein Betreff
    25.01.2010 | 00:28

    Hallo Michael,

    gerade in Deinem letzten Kommentar hier gelesen, dass Du ein Buch von Prof. Reichholf liest. Darf ich fragen welches?

    Sehr zu empgehlen ist sein aktuelles über die Intelligenz der Rabenvögel.

    Gruß
    Sören

  13. Michael Blume @ Sören
    26.01.2010 | 08:29

    Ich lese gerade Josef Reichholf, "Warum die Menschen seßhaft wurden" und bin von seiner Arbeitsweise und zentralen Thesen sehr angetan. Hier eine schöne Rezension:
    http://www.glanzundelend.de/Artikel/reichholf.htm

    Und gerade hatte ich überlegt, das dann auch einmal hier auf den Chronologs aufzugreifen, da überraschte @Balanus mit Links zu neuen Befunden, die Reichholfs Annahmen deutlich stärken! Hach, ich liebe das Web! :-)

    PS: Wenn Du einmal etwas zu Reichholf bloggst, können wir ja mal querverlinken. Denn Du würdest sicher auch andere Aspekte sehen als ich, schon wegen unserer unterschiedlichen, wissenschaftlichen Perspektiven. Fände ich spannend.

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