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Bildung, Beten, Babys - Zum komplexen Zusammenhang von IQ und Religiosität

von Michael Blume, 20. Juni 2008, 16:45

Richard Lynn hat wieder zugeschlagen: Nach Frauen und Afrikanern attestiert der britische Intelligenzforscher nun auch Religiösen publikumswirksam einen niedrigeren Intelligenzquotienten - IQ - als säkularen, männlichen Europäern (Auswertung, Kommentar und Links hier). Als unterstützendes Argument wird ein Zitat aus Richard Dawkins Gotteswahn angeführt, wonach es unter europäischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern nur sehr wenige Religiöse gebe. Also: Wie steht es um Kausalität und Sinnhaftigkeit dieses Vergleichs? Und warum verzeichnen die USA gleichzeitig einen hohen IQ und hohe Religiosität?

Zunächst sollte man wissen: Der Intelligenzquotient hat eine genetischen, eine kulturelle und nicht zuletzt eine sozioökonomische Komponente, deren Wechselwirkungen seit Jahrzehnten erforscht und heiß diskutiert werden. Unstrittig ist, dass es auch bei diesen Fähigkeiten des Gehirns (wie übrigens auch bei Musikalität und Religiosität) genetisch vererbte Veranlagungsunterschiede gibt. Allerdings werden diese Veranlagungen je kulturell unterschiedlich ausgeprägt - in einer Kultur von Wildbeutern (und also beim Jagen und Sammeln) werden z.B. andere Fähigkeiten ausgebildet und trainiert als in einer japanischen Mittelschule (und am Computer). Entsprechend steigt der durchschnittliche, in Tests ermittelte IQ in Gesellschaften mit sozioökonomischer Entwicklung: Ernährung, medizinische Versorgung, kindliche Früh- und Schulförderung und nicht zuletzt Bildungschancen auch für Mädchen bewirken einen Anstieg. Für Lynns Thesen war und ist das doppelt peinlich: So weisen nicht nur z.B. Afrikaner in wohlhabenden Gesellschaften steigende IQ-Werte auf, sondern auch Frauen holen die Männer in Sachen Intelligenz und Bildungserfolg ein, überholen sie sogar teilweise.

Die gleichen Prozesse formen auch die Religiosität um. Schon die klassische Religionssoziologie weiß zur Säkularisierung: Es sind zunächst und vor allem die gebildeten Schichten (und hier vor allem Männer!), die sich aus traditionellen Religionsformen lösen. Denn zum einen werden sie häufiger (etwa im Rahmen von Ausbildung und Studium) aus den traditionellen Heimat-, Familien- und Gemeinschaftsstrukturen herausgelöst. Sie erfahren von der Vielzahl an religiösen und weltanschaulichen Alternativen. Häufig den besser versorgten Gesellschafsschichten angehörend, sind sie auf die klassischen Funktionen religiöser Gemeinschaften - wie gegenseitige Hilfen im Falle von Familiengründung, aber auch Krankheit, Armut, Tod - immer weniger angewiesen. Stattdessen werden insbesondere die tradierten Sexual- und Familienregeln zunehmend häufiger als unsinnig empfunden, zumal moderne Verhütungsmethoden doch "Lust ohne Last" ermöglichen. Die Folge: Eine gleichzeitige Abnahme von Religiosität und Zunahme von IQ, wie bereits seit Jahren in Internetdarstellungen verfügbar. (Die USA sind in der Darstellung rot umrandet.)

Aber Achtung - Überraschung!

Als Carsten Ramsel, Sven Graupner und ich 2006 Daten der deutschen ALLBUS-Studie 2002 analysiserten, erwartete uns jedoch eine Überraschung: Bei den 35- bis 45jährigen war kein klarer Zusammenhang von religiöser Selbsteinschätzung und Bildungsstand mehr erkennbar, allenfalls noch eine "religiöse Schwäche" in den mittleren Bildungsbereichen.

Traten wieder massenhaft Gebildete in die Religionen ein? Nein - die Daten belegten die starke Prägung der eigenen Religiosität durch die elterlichen Einflüsse, die wir erwartet hatten. Stattdessen fanden wir einen anderen Zusammenhang: Die reproduktive Schere war auseinander gegangen. Nichtreligiöse hatten durchschnittlich seltener Kinder erzogen als Religiöse - und unter Gebildeten nahm dieser Unterschied weiter zu! Säkularisierung findet weiterhin statt (auch in den USA), aber sie wurde und wird zunehmend dadurch ausgeglichen, dass ein wachsender Teil nicht nur der Aufsteiger, sondern auch der oberen Bildungs- und Einkommensschichten selbst in religiösen Familien aufgewachsen ist. Die scheinbar besiegte Religiosität wächst so immer wieder (freilich oft in neuen, nicht-traditionalistischen) Formen nach. (Europäisch-amerikanische Vergleichsdaten auch hier.)

Auch die Schweizer Volkszählung zeigte auf: Die Konfessionslosen bildeten keinesfalls die Bildungsspitze - in den jüdischen Gemeinden und einigen kleineren, christlichen Gemeinschaften gab es bereits höhere Anteile an Akademikern und Inhabern leitender Berufe. Und: Diese wiesen zudem deutlich höhere Geburtenraten auf (Vgl. hier, S. 4).

Längst gibt es auch eine ganze Reihe unabhängiger Bestätigungen für diesen Befund: So werteten Lareen A. Newman und Graeme J. Hugo 2006 Daten der australischen Volkszählung und Interviews explizit auf die Fragestellung aus, wie sich weibliche Fertilität, Religion und Bildung zueinander verhielten. Und auch sie fanden: Gebildetere sind häufiger nichtreligiös und haben weniger Kinder. Aber den religiös "standhaften" (und dabei meist keineswegs traditionalistischen) Gebildeten gelingt es, dem allgemeinen Geburtenrückgang Widerstand zu leisten - sie heiraten eher und stabiler und haben deutlich mehr Kinder als säkulare Peers. Damit zeigen auch die südaustralischen Daten: mit steigender Bildung nehmen die biografischen Optionen und damit das reproduktive Potential von Religiosität sogar zu! Hier ein Vergleich der allgemeinen Geburtenentwicklung von Frauen in Adelaide (mitte), der Hauptstadt Südaustraliens sowie der Lutheranerinnen (oben) und der Konfessionslosen (unten). Erkennbar ist auch hier die bereits in der Schweiz beobachtete Geburtenschwäche der Konfessionslosen - und die Verknüpfung von Bildung und Reproduktionserfolg bei mindestens einigen Religionsgemeinschaften.

So erklärt sich auch die Verbindung hoher Religiosität und hohen IQs in den USA: Hier gibt es bereits seit Jahrhunderten den religiös-demografischen Wettbewerb, der sich in Europa, Asien, Lateinamerika usw. erst zu entfalten beginnt.

Aus evolutionswissenschaftlicher Perspektive stellt sich ohnehin vor allem eine Frage: Welche Aussagekraft über menschliches Leben hat eigentlich die Maßzahl IQ? Warum nicht z.B. emotionale Intelligenz (EQ), Musikalität, Religiosität, Körperkraft oder Kreativität?

Sind die Fähigkeiten, die eine Familie von Wildbeutern der Kalahari pflegt, die eine Bäuerin in Mexiko beherrscht oder die ein philippinischer Fischer seinen Kindern vermittelt "weniger wert", weil sie nicht IQ-Testsituationen abbilden? Gerade wenn wir streng naturalistisch argumentieren wollten, so müßten wir anerkennen, dass es darwinistisch gesehen nur einen Erfolgsmaßstab gibt: den relativen Reproduktionserfolg, die Weitergabe der eigenen Gene. Es mag in bestimmten Zirkeln auch der deutschen "Bildungseliten" noch immer schick sein, sich auf sehr fragwürdiger Datenbasis je über die vermeintlich mangelnde Intelligenz von Frauen, Afrikanern und/oder religiösen Menschen auszulassen. Aber empirisch betrachtet ist diese rationalistische Arroganz nicht haltbar - wie der Evolutionstheoretiker und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek bemerkte. Denn wir beobachten derzeit keineswegs einen pauschalen "Evolutionserfolg" säkularer, rationalistischer Europäer, sondern im Gegenteil einen Flaschenhals aus Wohlstand, Freiheit und Individualisierung. Und an diesem scheitern - rein biologisch gesehen - signifikant häufiger jene Gebildeten, die sich über Beziehungen, Beten und Babys erhaben wähnen...





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Kommentare

  1. Arnd UFOs
    25.06.2008 | 10:57

    Hi Michael,

    Dass die Religiösen einen höheren Reproduktionserfolg haben ist doch unbestritten. Aber Reproduktionserfolg ist ungleich Wahrheit. Religionen sind natürlich auch selber einer Art Evolution unterworfen. Die Tatsache, dass die katholische Kirche gegen Verhütung ist, ist sicherlich sehr förderlich für sie. Religionen, die zum Selbstmord raten, sind nur sehr kurzlebig.

    Also nochmal: Ich beurteile Religionen nicht danach wie erfolgreich sie sind (reproduktiv oder finanziell oder wie auch immer), sondern ob sie Wahrheit verkünden. Nur weil eine Ideologie erfolgreich ist, ist sie noch nicht erstrebenswert... dafür gibt es endlos viele Beispiele.

    Zum Thema UFOs: Früher fand ich es ziemlich wahrscheinlich dass einige UFOs Ausserirdischen gehören, inzwischen bin ich sehr viel skeptischer. Aber trotzdem schliesse ich nichts aus. Ich fände es toll wenn es mal einen richtigen tragfähigen Beweis gäbe. Solange es den nicht gibt, gehe ich eher davon aus, dass das ganze nur Fantasie ist.

    Dass es Ausserirdische Intelligenzen gibt halte ich hingegen für sehr wahrscheinlich. Ich hoffe dass das SETI-Projekt irgendwann mal Erfolg hat.

  2. Michael Blume @ Arnd: Danke!
    25.06.2008 | 11:18

    Lieber Arnd,

    herzlichen Dank für Dein Mail. Du schaffst es - im Gegensatz zu mir - erfrischend präzise und kurz zu kommentieren. Vorbildlich...

    "Dass die Religiösen einen höheren Reproduktionserfolg haben ist doch unbestritten."

    Danke.

    "Aber Reproduktionserfolg ist ungleich Wahrheit."

    Ja, sehe ich auch so. Naturwissenschaft kann keine absoluten Wahrheitsaussagen machen. Aber ich halte es für fahrlässig, wenn über Wahrheit diskutiert wird, ohne zuvor alle empirischen Erkenntnismöglichkeiten auszuschöpfen. Und es gibt noch SO viel zu entdecken! :-)

    "Religionen sind natürlich auch selber einer Art Evolution unterworfen."

    Ja, sehe ich auch so! Entdeckte und beschrieb übrigens bereits Friedrich August von Hayek (der auch in seiner Nobelpreisrede überzogenen Rationalismus kritisierte):
    http://www.wissenslogs.de/...azer-hayek-konvergenz

    Und einen politikwissenschaftlichen Artikel zum Wettbewerb der Religionen hier:
    http://www.kas.de/wf/doc/kas_13362-544-1-30.pdf

    "Die Tatsache, dass die katholische Kirche gegen Verhütung ist, ist sicherlich sehr förderlich für sie. Religionen, die zum Selbstmord raten, sind nur sehr kurzlebig."

    Exakt! Es entstehen jederzeit tausende von Religionen inner- und außerhalb der großen Ströme, von denen nur die wenigsten je zu einer besonderen Größe wachsen. Und ohne reproduktiven Erfolg bewährt sich auf Dauer keine (vgl. zum Beispiel Amische und Shaker in den USA!).

    "Also nochmal: Ich beurteile Religionen nicht danach wie erfolgreich sie sind (reproduktiv oder finanziell oder wie auch immer), sondern ob sie Wahrheit verkünden."

    Wobei Du eine Position absoluter Wahrheit annehmen musst, die sich wiederum der empirischen Überprüfung entzieht. Das ist Dein gutes Recht (ebenso wie es mein gutes Recht ist, zu glauben) - aber wir beide sollten das dann nicht mit Wissenschaft verwechseln. Das ist dann eine andere Ebene.

    "Nur weil eine Ideologie erfolgreich ist, ist sie noch nicht erstrebenswert... dafür gibt es endlos viele Beispiele."

    Genau. Aber schon die Frage, wie sich in der Vergangenheit religiös und atheistisch legitimierte Ideologien ausgewirkt haben, ist eine empirische Frage. Dennoch kenne ich auch heute noch Leute, die z.B. den Kommunismus für "die einzige Wahrheit" halten und empirische Belege für dessen Scheitern als verfälscht oder erkenntnistheoretisch irrelevant erachten...

    "Zum Thema UFOs: Früher fand ich es ziemlich wahrscheinlich dass einige UFOs Ausserirdischen gehören, inzwischen bin ich sehr viel skeptischer. Aber trotzdem schliesse ich nichts aus."

    Die gleiche Frage wie beim Schöpfer: Absolute Wahrheiten sind nicht verfügbar. Wenn wir also etwas Sinnvolles wissen wollen, bleibt uns nur die empirische Forschung!

    "Ich fände es toll wenn es mal einen richtigen tragfähigen Beweis gäbe."

    Ich auch. Den werden wir aber wohl nur über seriöse Wissenschaft bekommen, nicht über fundamentalistische Vorannahmen der einen oder anderen Seite. Da stimme ich Dir zu.

    "Solange es den nicht gibt, gehe ich eher davon aus, dass das ganze nur Fantasie ist."

    Ja, ich zähle auch eher zu den Skeptikern, schließlich wären diesseitige Aliens empirisch faßbar. Religionswissenschaftlich interessant ist aber z.B. der atheistische Kreationismus der Raelianer...

    "Dass es Ausserirdische Intelligenzen gibt halte ich hingegen für sehr wahrscheinlich."

    Tja, und so geht es mir mit Gott - wobei dieser ja als übernatürliche Existenz geglaubt wird. Werden wir das eine oder andere je wissen? Müssen wir auf Offenbarung warten? Ich denke, wir können durch empirische Wissenschaft zumindest unseren Teil dazu beitragen, soviel zu entdecken, wie uns eben möglich ist. Ob es um übernatürliche oder empirisch fassbare Wesenheiten gibt...

    "Ich hoffe dass das SETI-Projekt irgendwann mal Erfolg hat."

    Ich auch. Bin deswegen auch dabei.

  3. Michael Blume @ all: Zwei-Tages-Entschuldigung
    25.06.2008 | 11:21

    Liebe Mitdiskutanten,

    da ich zum Geburtstag ein Ticket für heute Abend (Deutschland - Türkei in Basel!) geschenkt bekommen habe, muss ich mich für heute und wohl auch noch morgen entschuldigen. Teilnehmende Beobachtung in Sachen Identität, Gruppendynamik, Zivilreligion(en) usw. stehen an! :-)

    Ernsthaft: Ich danke allen, besonders Arnd und Kamenin, für die lebendige Debatte und wünsche uns allen einen fröhlichen und friedlichen Fussballabend!

    Schon in den Stammesfarben

    Euer Michael

  4. Michael Blume Teilnehmende Beobachtung - Projektantrag
    25.06.2008 | 12:42

    Und wer sich mit religionswissenschaftlicher Information zu dem Projekt und der deutsch-türkischen Version der deutschen Nationalhymne "einstimmen" möchte, gerne hier:

    http://religionswissenschaft.twoday.net/...017969/

    Bis Freitag, inshallah! :-)

  5. kamenin @ Michael Blume
    25.06.2008 | 13:02

    Es ist ja schön, dass auch meine etwas ambitionierteren und theoretischen Texte auf dem Blog mal Leser finden. Ich finde nur ehrlich gesagt den Zusammenhang nicht. Du scheinst davon auszugehen, dass ich hier Deine Daten geleugnet hätte. Zeig mir bitte, wo ich das getan habe? Ernsthaft. Ich sehe es nicht. Du wirst es aber wissen, sonst würdest Du hier im Kommentarteil ja nicht öfter "Fundamentalist" rufen als andere Leute "Jehova".

    Weil ich Lynns empirische Daten ernst nehme, Deine Spekulationen (die sich nicht wie von selbst aus Deinen Daten heraus-evidieren) als Spekulationen gekennzeichnet habe und gezeigt habe, wo Du Deine Datensätze rein selektiv verwendest, um nur Dir passende Aussagen damit zu belegen -- darum betreibe ich Obskurantismus und argumentiere wie ein Fundamentalist? Gewagt, Michael, gewagt.

    Du hast als Thema Deines Postes nicht benannt: "Lynn ist ein eugenischer Spinner", sondern "Der Zusammenhang zwischen IQ und Religiosität" und auf das entsprechende Paper von Lynn hingewiesen. Da Du Dich immer noch nicht zu der Bestätigung hast hinreißen lassen, gehe ich inzwischen davon aus, dass Du es nicht mal gelesen hast und darum Dich lieber an einen Gesamtabriss von Lynns Schaffen abarbeitest.

    Die empirischen Daten sprechen aber auch da für sich, und für die ist es vollkommen unerheblich, ob Lynn ansonsten Ansichten über Eltern und Frühdiagnostik unterhält (="Eugenik") oder ob er morgens kleine Frösche zum Frühstück verspeist -- dass Du das nicht verstehst, wo Du doch immerzu das Gegenteil bemängelst, wenn es sich um Deine Arbeit handelt, erschließt sich mir nicht.

    Es gibt offensichtlich einen Zusammenhang zwischen IQ und Religiosität, zumindest sind die Daten mindestens so gut belegt wie der Zusammenhang von höherer Kinderzahl und Religiosität. Deine Behauptung, dass sich dies umkehren würde, wenn nur endlich die höhere Kinderzahl von Religiösen durchschlagen würde, ist aber nur Spekulation und steht auf wesentlich dünnerem empirischen Fundament. Wenn Dich der Hinweis an Fundamentalismus erinnert, kann Dir kein wissenschaftsheoretischer Text von mir oder sonstwem noch helfen.

    Warum Deine evolutionspsychologische Arbeit mein Weltbild nicht weiter interessiert? Weil alle Mechanismen, die Du selber immer wieder anführst, wieso Religion adaptiv sein soll, keinen Gott voraussetzen, mithin auch Deine Ergebnisse keinerlei Aussage über die Existenz eines Gottes machen können. Wie soll Religion da plötzlich Erkenntnis sein, wenn Du sie in Deine Abhandlungen selbst nicht so behandelst sondern als aus dem kulturellen Zusammenhalt evolviertes Phänomen? Zeig mir doch einfach den Mechanismus, über den Evolutionspsychologie eine Aussage über Gott machen kann -- kannst Du aber nicht, und das weißt Du auch.

    Deine neue Riposte, dass die philosophisch-weltanschauliche Debatte unbedingt die Ergebnisse der Evolutionspsychologie brauche, ist nur eine Finte, die nicht das geringste mit Deiner Arbeit zu tun hat. Ebenso Deine Argumentation, dass man "absolute Wahrheit" bräuchte, um Religion abzulehnen. Die brauch ich auch nicht, um den Weihnachtsmann abzulehnen. Ganz unabhängig davon, ob Weinachtsmanngläubige mehr Kinder haben oder nicht.

    Ich darf Religion nicht als Krankheit bezeichnen, weil sie Reproduktionsvorteile hat? Dürfte ich denn Vergewaltiger oder Kindesmörder als krank bezeichnen, obwohl das evolutionär statthafte Strategien sind? Der Reproduktionsvorteil sagt nichts über die ethische Bewertung aus: typischer naturalistische Fehlschluss. Nur als Information: Natur (und Evolution) sind grausam, unmenschlich und gnadenlos. Den Teufel werde ich tun und Evolutionsprozesse in irgendeiner Weise meine Werturteile informieren lassen.
    Wenn Du das nicht mehr trennen willst und selbst über Esoterik rumschwafelst, dass das im Falle eines Reproduktionsvorteils ja zumindest irgendwie natürlich sei und wer wisse schon, was noch dahinter stecke: dann verstehst Du weder Inhalt noch Grenzen Deiner eigenen Arbeit. So leid mir das täte.

    Anderen übrigens fehlende Quantifizierung vorzuwerfen, halte ich auch für gewagt, wenn man sich nur auf Kinderstatistiken stützt und daraus evolutionäre Mechanismen behauptet: diese Mechanismen sind mathematisch beschreibbar, aber ich sehe immer noch keine Zahlen, welche Selektionsmechanismen wie funktionieren sollen und wie gut sie gegen Unterwanderung funktionieren. Für einen evolutionären Mechanismus sind die Kinderzahlen nur der erste Schritt, und mit denen schon dahin ablaufende Evolution als gegeben anzunehmen, ist ohne Selektionsmechanismus immer noch unwissenschaftlich (nicht unbedigt falsch deswegen, aber eben noch nicht wissenschaftlich gezeigt). Die absurden Fundamentalisvorwürfe kommen hier nur noch wie eine ziemlich aufgeregte Immunisierungsstrategie gegen berechtigtes Hinterfragen an.

    in der deutschen ALLBUS weisen Akademiker plötzlich den zweithöchsten Anteil an sehr Religiösen auf, die USA weisen gleichzeitig hohe Religiosität und hohen IQ auf etc. Diese Befunde kann Lynn aus seiner Warte nicht erklären und sie machen seine eugenischen Träume unnötig.
    Das sehe ich in den ALLBUS-Daten oben überhaupt nicht, und da würde ich dann auch gerne die zeitliche Entwicklung sehen und eine Aufschlüsselung nach Alter.
    Auch in den USA gibt es den Zusammenhang zwischen IQ und Religiosität, nur auf einem höheren Level an Grundreligiosität, der sich zum Beispiel durch das weitgehende Fehlen europäischer Sicherungssysteme erklären lässt. Kann Lynn das erklären? Das ist das eigentlich Witzige, was Dir bestimmt aufgefallen wäre, wenn Du das Paper gelesen hättest: eine seiner vorgeschlagenen Erklärungen ist, dass die USA von einer hohen Quote religiöser Einwanderer besiedelt worden ist und dass darum kulturell und vielleicht sogar genetisch(!) deshalb ein höheres Religionslevel in den USA beibehalten worden wäre.
    Aber Lynn ist natürlich nur ein Spinner mit Eugenik-Träumen.

    Haben wir es hier nur (denkbar) mit einem Zufallsprodukt zu tun, das zufällig konvergent bei Sapiens und Neandertalern evolvierte? Oder vielleicht mit der Emergenz eines weiteren Erkenntnisprinzips?

    Oder vielleicht mit einem Sekundärprodukt, was aus anderen, evolutionär vorteilhaften Eigenschaften erwachsen ist (Vorausplanung, (leerlaufende) Kausalitätssuche, ...)? Ich sag's noch mal: Du hast keinen einzigen möglichen Mechanismus, wie Religiosität ein neues Erkenntnisprinzip etwas tatsächliche Existierenden darstellen könnte. Ohne mir einen solchen zu zeigen, ist es ein reines "alles könnte auch ganz anders sein"-Argument, aber eben kein wissenschaftliches.

    Wie kann eine empirisch nicht zugängliche Existenz (z.B. Gott) massive Verhaltensänderung verursachen?

    Gar nicht. Darum zeigst Du ja auch in allen Darstellungen, wie der Glaube an Gott Dinge verändert, nicht anders als der Glauben an Ahnen, Tiergötter oder Wallhall. Alles in sich gegensätzliche metaphysische Bilder, die irgendwie funktioniert haben -- schon darum kann der Vorteil des Glaubens kein Kriterium für die Wahrheit des geglaubten Inhalts sein. Aber das weißt Du ja.

    Ich kenne die Wahrheiten auf diese Fragen nicht, @kamenin.

    Eben. Religion die übers Private hinausgeht, behauptet aber gerade, es zu wissen und daraus sogar verbindliche Verhaltensregeln für die Gesellschaft ableiten zu können. Wie darf man das dann nennen? Getäuscht? Unkritisch? In stärkeren Ausformungen: schädlich? In stärksten: krank?

    Oh, er hat mehr Kinder? Tja. Trotzdem.

    Vielleicht noch bis auf eines: Die strengen Maßstäbe, die der zitierte Blogger an andere Wissenschaftler, sogar an Philosophen, anlegt, wird er als bekennender Naturalist doch sicher auch für sich selbst gelten lassen, oder?

    Sicher. Aber wenn er das tut, dann wird er halt auch hier und da für einen Fundamentalisten gehalten. Fehlende Distanz zu den Daten und ihrer Reichweite und Begrenzung findet man ja nicht nur auf der Gegner-Seite.

    Viel Spaß beim Spiel,
    etwaige Niederlagen werden Dir angelastet!
    k.

  6. kamenin ALLBUS und Empirie
    25.06.2008 | 16:42

    Ich habe doch noch eine Frage zu den beiden ALLBUS-Diagrammen, mit denen Du ja Deine sehr empirische Argumentation stützt. Im ersten Diagramm der erste Balken, "ohne Abschlus", der mir wie der größte Ausreißer erscheint und ohne den Du Deine qualitative Bewertung (höchstens "religiöse Schwäche" in mittleren Bildungsabschlüssen) eigentlich wieder zurückziehen kannst. Also die Frage: Besteht der Balken aus genau 13 befragten Personen, von denen 4 angegeben haben, sie seien nicht religiös?

    Das scheint mir nach Betrachtung der Gesamtstichprobengröße, dem Anteil der Bundesbürger ohne Abschluss an der Bevölkerung und den tatsächlichen angebenen Prozentzahlen nämlich das wahrscheinlichste.

    Sollte das zutreffen, kannst Du Dir die weiteren Frage, inwiefern Du das für eine wissenschaftliche oder empirische Argumentation hälst, wieso da keine Ungenauigkeiten dranstehen, dafür aber drei signifikante Stellen, sicher denken.

    Beste Grüße,
    k.

  7. Basty Vorstellungen - common sense - IQ
    26.06.2008 | 12:40

    Ich möchte mich, nachdem ich mich erst etwas spät in die vielschichtige Diskussion einlas, doch auch mal melden, aber ohne direkt auf den einen oder anderen einzugehen.
    Dass und wo und und mit welcher Begleitmusik die Untersuchungen Lynns veröffentlicht wurden, lässt schon ein gewisses erkenntnisleitendes Interesse vermuten. Man merkt die Absicht... Absichten darf man merken. Das mit früheren bei Lynn sichtbar gewordenen Absichten (Eugenik, Rassismus...) zu verknüpfen, ist doch mehr als plausibel. Wenn dann kritische Einwände gegen seine Untersuchungsmethoden kommen, wird man auch daran die Absicht merken dürfen. Und wird da und dort zwischen Befunden und Bewertungen unterscheiden.

    Ich könnte mir auch einmal eine Diskussion vorstellen, bei der zwar nicht absichtslos aber ohne entsprechende Häme die Zahlen Lynns diskutiert werden. Dazu würde ich mit meinem erkenntnisleitenden Interesse, also als Theologe (ein etwas etwas eigenwilliger), etwa folgendermaßen argumentieren wollen:
    Die Zahlen Lynns sind als solche sicher nicht zu bestreiten. Aber es sind zunächst einmal eben Zahlen. Zu fragen ist, was auf der Seite der Religion gemessen wurde: Zustimmung zu (welchen?) Glaubens-Inhalten/Vorstellungen, Zugehörigkeit zu einer Gruppe, intensive Praktizierung von Riten... Also welche Definition von "Religiösen"? An (Zustimmung zu) Vorstellungen allein wird man doch Religiosität nicht messen wollen? Auch nicht nur an Hirnströmungen...
    Ich kenne nur IQ-Tests, die sehr stark mit Tests von Allgemeinbildung bzw. auch mit in entsprechenden Schulen gelehrten zivilisatorischen Techniken zusammenhängen. Dass ein australischer Hirte sofort erkennt, welches seiner 100 Tiere fehlt, oder die nautischen Fähigkeiten von Pazifik-Insulanern -- das zählt dabei wohl nicht. Aber vielleicht kenne ich die Feinheiten heutiger IQ-Tests doch nicht ganz.

    Ich würde hauptsächlich auf die Zusammenhänge zwischen zivilisatorisch-technischem Fortschritt und der damit verbundenen gesteigerten Beweglichkeit hinweisen wollen - natürlich zunächst nur in westlichen Gesellschaften: Man erfährt, sieht mehr, kann mehr erkunden, kann sich sein Lebensprogramm (oder auch nur seinen Wochenplan) nach verschiedenartigen Angeboten oder auch nach eigenen Rezepten zusammenstellen. Ob das immer intelligent geschieht, müsste man dann extra untersuchen. Etwas merkwürdig berührt hat mich die Aussage Lynns, die Menschen seien im 20. Jahrhundert intelligenter geworden. Woran misst sich das? (Und in welchen Ländern?!) Man könnte etwas bissig werden bei dem Gedanken.

    Ganz allgemein muss man doch sicher auch eine Beobachtung einbeziehen, die sich sowohl im Wettstreit zwischen Konfessionen (Hayek lässt grüßen) als auch zwischen Religionen und eben nicht nur zwischen Religion und Nicht-Religion zeigt: Wer bewusst einem sonst vorgegebenen common sense widerspricht, wird im allgemeinen intelligenter sein. (Oder Mitläufer). Relative kognitve Minderheiten brauchen, um sich durchzuhalten, einen Intelligenz-Vorsprung - na ja, bei den Amishen wird's nicht stimmen; die schotten sich entsprechend ab.
    Aber sonst: In Ländern, in denen Atheisten zu den kognitiven Minderheiten gehören - und das sind die meisten - , würde ich mich über einen durchaus statistisch messbaren Intelligenz-Vorsprung nicht wundern. Mich würden also auch Vergleiche zwischen Ländern interessieren, in denen Religion und Nicht-Religion sich entsprechend unterschiedlich verteilt. Für die frühere DDR hätte ich da meine Vermutungen.

    Nur: Das, was statistisch für eine Gruppe messbar ist, lässt ja nur sehr bedingt Rückschlüsse zu auf den Einzelnen. Doch dazu: Auch sehr intelligente Leute können aus den verschiedensten Gründen, zB weil sie mit ihrer Formulierungsfähigkeit entsprechend Bücher verkaufen können, sehr dummes Zeug verbreiten. Die glauben wohl selber daran, weil sie schon als Fettauge auf der Soße schwimmen. Da denke ich durchaus an Ideologen der verschiedensten religiösen und politischen Systeme wie auch an Erfolgsautoren...
    Und das hat mich denn doch gewundert, oder eben auch nicht gewundert, dass manche Vertreter einer kognitiven Minderheit die statistischen Untersuchungen Lynns so vor sich hertragen, als seien sie persönlich damit schon auf der sicheren Seite. Womit ich wieder am Anfang wäre: Das lässt Rückschlüsse auf ein erkenntnisleitendes Interesse der Betreffenden zu; oder auch auf den IQ.

    Übrigens - gehört nicht ganz zum Thema; ich habe mit großem Interesse und Freude über die anscheinend sehr differenzierte Diskussion zum "neuen Humanismus" in Nürnberg gelesen. Siehe hpd in: http://hpd.de/node/4865.
    Da könnten sich einige eine Scheibe abschneiden, nicht nur Religiöse.

    Macht's gut - Basty

  8. Edgar The Philosophers' Football Match
    26.06.2008 | 14:09

    Plötzlich wurde mir klar, woran mich dieser Wettstreit erinnerte :-)
    Schöne Grüße und viel Spaß mit Monty Pythons The Philosophers' Football Match
    http://www.youtube.com/watch?v=i2 TicMbH4OY

  9. Thilo Bodenständige Frage
    26.06.2008 | 16:49

    Ich kann zu der philosophischen Diskussion leider nichts beitragen, aber ich habe zum Hauptthema dieses Blogs mal eine ganz bodenständige Frage an die Religionswissenschaft. (Manchmal sind einzelne extreme Beispiele ja genau so erhellend wie ausführliche Statistiken.)

    Ende November 2005 gabe es in ländlichen Regionen des Münsterlands einen großen Stromausfall. Eine Viertelmillion Menschen waren mehrere Tage lang abgeschnitten von allen Errungenschaften der Zivilisation.
    9 Monate später, Ende August 2006, gab es einen Anstieg der Geburtenrate um 15%, der stärkste Anstieg seit 1998.

    Man kann wohl annehmen, daß sich während dieser Zeit an Bildungsstand und Religiosität der Münsterländer nichts geändert hat. Zumal die Geburtenrate danach ja wieder auf den alten Stand zurückfiel.
    Wie läßt sich dies aus religionswissenschaftlicher Sicht erklären?

  10. kamenin @ Basty
    26.06.2008 | 17:07

    Wenn dann kritische Einwände gegen seine Untersuchungsmethoden kommen, wird man auch daran die Absicht merken dürfen. Und wird da und dort zwischen Befunden und Bewertungen unterscheiden.

    Das ist es ja, zu der verwiesenen Veröffentlichung kommt keine Kritik an den Methoden, die werden ja noch nicht mal dargestellt. Lynns Paper ist zum größten ein Review oder eine Metastudie, also ein Zusammentrag aller zu dem Thema erschienenen Studien zwischen IQ und Religiosität. Dabei werden die Korrelationen zwischen IQ und Religiosität sowohl zwischen Ländern als auch innerhalb eines Landes als auch altersabhängig betrachtet. Darum gibt es auch nicht einen festen Religiositätsbegriff, weil der sich in den Unterstudien verschiedener Gruppen unterscheiden wird; vermutlich nicht mal einen einzigen IQ-Begriff -- es gibt aber in allen Studien das weitgehend übereinstimmende Ergebnis eines Zusammehangs: steigender IQ, niedrigere Religiosität.

    Und ich bitte hier ausdrücklich darum, zwischen Befunden und Bewertungen zu unterscheiden. Sowohl was die Einschätzung des IQ-Begriffs betrifft, aber vor allem, was eventuell politische oder weltanschauliche Ableitungen daraus betrifft, die mit der eigentlich wissenschaftlichen Arbeit nichts zu tun haben (in der Veröffentlichung aber auch nicht vorkommt).

    Dass ein australischer Hirte sofort erkennt, welches seiner 100 Tiere fehlt, oder die nautischen Fähigkeiten von Pazifik-Insulanern -- das zählt dabei wohl nicht. Aber vielleicht kenne ich die Feinheiten heutiger IQ-Tests doch nicht ganz.

    Unser IQ- wie auch unser Intelligenz-Begriff ist natürlich auch kulturell geprägt und definiert, schon weil Intelligenz ja nur ein konstruierter Begriff ist: gewisse mentale Fähigkeiten bezeichnen wir als Intelligenz, andere, genauso hilfreiche, vielleicht nicht.
    Darum muss man natürlich vorsichtig sein mit der Bewertung. Und niemand schreibt einem vor, den IQ zu seinem neuen Götzen machen zu müssen.
    Das heißt aber nicht, dass der IQ-Begriff deshalb leer wäre oder nichts mit ihm beschrieben würde. Er beschreibt zumindest mit einiger Genauigkeit (wie gut, kann man ja hinterfragen) gewisse analytisch-logische Fähigkeiten, die wir heute aus unserer Sicht oft unter dem Begriff Intelligenz zusammenfassen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

    Beste Grüße,
    k.

  11. Monika Armand Intelligenz in der Intelligenzmessung
    26.06.2008 | 17:46

    Zunächst gibt es verschiedene Formen psychometrischer Intelligenztestungen, so dass nicht einmal die Aussage IQ -Zahl, ohne die Kenntnis des/der verwendeten Tests allzu viel aussagen kann.

    Intelligenzmessungen sind kulturell überformt, orientieren sich vornehmlich an schulisch relevantem Wissen.

    Eine In-Bezugsetzung des verwaschenen, kulturell überformten Intelligenzwertes mit Religiosität und anderen Parametern ist daher grundsätzlich problematisch.Ebenfalls müsste man die erklärten Abweichungen und Residuen betrachten, um zu sehen, wie stark die Korrelationen tatsächlich sind.....

    Intelligenz ist das, was Wissenschaftler (auch mit einer bestimmten Bildungserwartung, kulturell bedingten Weltanschauung etc.) definieren. Wollte man also dem ganzen Problem hier auf den Grund gehen, müsste man sich die gemessenen Items sehr genau anschauen und dies sowohl auf Seiten der Intelligenzmessung, als auch auf Seiten der Religiositätsmessungen.

    Ein Beispiel, wie schwierig allein die Hochbegabung mit einer Intelligenzmessung zu erfassen ist:
    Was ist Hochbegabung? Hochbegabung ist das, was Wissenschaftler definieren....

  12. Stefan Beweisgrundlage?
    26.06.2008 | 17:56

    Hallo Herr Blume,

    Ihr Beitrag hat in mir insbesondere die Fragestellung hervorgebracht, ob es tatsächlich einen zwingenden Zusammenhang zwischen (Hoch-)schulabschluss / leitendes Berufsbild hinsichtlich der Aussagekraft des "IQs" gibt. Ich formuliere diese Vermutung absichtlich als Fragestellung, weil mir keine empirische Grundlage für oder gegen diese Annahme vorliegt. Gestatten Sie mir deshalb eine Betrachtung aus subjektivem Empfinden heraus anzustellen: Im (Hoch-)schulbereich fallen mir zunehmend die zusammenhängenden Faktoren finanzieller und gesellschaftlicher Status und der Erfolg in der akademischen sowie schulischer Laufbahn auf. Insofern nehmen diese Faktoren Einfluss auf die Einkategorisierung hinsichtlich der Gleichung "Akademiker = intelligent".

    Sie hinterfragen allerdings auch den Intelligenzbegriff indem Sie "EQ" als ein anderes Richtmaß heranziehen. Wenn ich auf meine subjektiven und unempirischen Beobachtungen zurückgreife, ist in leitenden Berufsbildern durchaus auch eine gewisse Art von Intuition und Raffinesse für ein erfolgreiches Bestehen notwendig. Oft wird sich sogar gezielt von Fachwissen distanziert, um seine Aufstiegschancen als Führungskraft zu steigern. In gewissem Sinne lässt sich diese Beobachtung für mich in dem Begriff des "EQs" einkategorisieren, den Sie zurecht hier aufgreifen. Allerdings wäre es für mich bei den empirischen Beweisgrundlagen interessant gewesen, den "EQ" als Maß der Intelligenz heranzuziehen. Soweit es mein Kenntnisstand erlaubt, ist es nicht möglich den "EQ" äquivalent zum "IQ" in einer Metrik zu ermitteln. Auch wenn mich hier eine empirische Untersuchung interessiert hätte, ist es deshalb für mich plausibel, eine Art offene Fragestellung hinsichtlich der Relevanz des "EQ" am Ende Ihres Artikels zu formulieren. Auch ist die Diskussion um den impliziten Zusammenhang zwischen Intelligenz und Reproduktionserfolg ein sehr aktueller und interessanter Ansatz.

    Herzliche Grüße
    Stefan

  13. Thilo Fragen?
    26.06.2008 | 19:49

    Sind die bei Lynn's IQ-Test verwendeten Fragen eigentlich irgendwo einsehbar? Das wäre doch, wie ja auch Frau Armand angedeutet hat, die erste Voraussetzung, um die Aussagekraft der Tests überhaupt beurteilen zu können. IQ-Tests, die ich kenne, messen in der Regel eher logisch-mathematische Fähigkeiten als kulturelles und schulisches Wissen. (Daß das sehr eindimensional und trotzdem noch kulturell beeinflußt ist, ist schon klar.) Wir sind uns ja sicher auch alle einig, daß der IQ über den späteren Erfolg (im Leben im allgemeinen und selbst in der Wissenschaft) genauso wenig aussagt wie z.B. die Abiturnote. Aber trotzdem fände ich es interessant zu wissen, was genau von Lynn gemessen wurde, also aus welchen Bereichen seine Testfragen eigentlich stammten.

  14. Basty @Thilo - bodenständige Frage
    26.06.2008 | 21:22

    Es juckt mich doch, frag nicht wo, Deine "bodenständige" Frage aufzugreifen: ob auf dem Boden oder sonstwo "ständig"? Ohne eine gewisse Standfestigkeit wird's zumeist nicht gegangen sein.
    Und dann doch - etwas ernsthafter - nachgeschoben: Es gibt doch einen Zusammenhang zwischen Reproduktionsfähigkeit und religiöser Intensität. Dabei würde ich, vielleicht deutlicher betont als bei Michael Blume, diese Korrelation in Korrelation zu anderen Zusammenhängen sehen. Also, es gibt doch sicher auch Zusammenhänge zwischen Religiosität und Lebensstandard, Bewegungsgfreiheit, kultureller Auswahlmöglichkeit und eben auch zur Kommunikationsbereitschaft. Im letzteren Fall würde ich (nicht überall aber) für die in Europa normal vertretene Religiosität eher einen positiven Zusammenhang sehen: In Vereinen und bei kirchlichen Aktivitäten sieht man oft die gleichen.
    Na, ein Stromausfall und eine gemeinsam erfahrene Zwangslage ist zumindest in Europa ein ganz besonders starker Impuls für die Kommunikationsbereitschaft nach außen, auch zu sonst unbekannten Nachbarn. Und eben anscheinend auch für die besonders interaktive "ständige" Kommunikation innerhalb der eigenen, abgedunkelten 4 Wände.

    So viel von mir als religionswissenschaftlichem Amateur zur "bodenständigen Frage".

    Basty

  15. Basty Befunde -Bewertungen - Religionsbegriff
    27.06.2008 | 00:20

    Hallo @kamenin,

    das originale "Papier Lynns" kenne ich nicht (war es doch bei einem der verschiedenen Links - von Dir und Michael Blume -, die sich aber sehr verästelten?). Ich kenne nur Reflexe und Reflektionen (nicht nur aus den Blume-Blogs)dazu : Die von mir genannte "Begleitmusik", mit der es veröffentlicht wurde. Da gab es manches Störende. Darum ging es mir mehr. Bei Lynn selbst war/bin ich nur misstrauisch wegen seiner sonstigen Veröffentlichungen, über die ich nicht nur bei Michael Blume etwas erfuhr. Und ich wollte die Sache mit dem IQ hinterfragt haben. Ersteres (Rassismus...) wäre schon gravierend; aber das sollen andere ausfechten. In Letzterem (IQ) scheinen wir uns einig zu sein. Und wurde ähnlich von Monika Armand bestätigt.
    Nun ja, ich gehe davon aus, dass es stimmen wird, dass nach den Maßstäben westlicher Kultur westliche Atheisten ein durchschnittlich höheres Intelligenz-Niveau haben als westliche Religiöse. Eben wegen der Situation als kognitive Minderheit. Ähnlich dürften italienische Protestanten ein höheres Intelligenz-Niveau haben als italienische Katholiken. Nur, damit man nicht meint, Atheismus sei der Königsweg zur höheren Intelligenz. Oder meint, von solchen statistischen Aussagen könne man direkte Rückschlüsse machen auf die Intelligenz eines Einzelnen. Dann würde es fatal und würde wieder zur Begleitmusik gehören. Dir kann man diesen Fehler sicher nicht vorwerfen.
    Und wenn du dann schreibst:
    "Und ich bitte hier ausdrücklich darum, zwischen Befunden und Bewertungen zu unterscheiden. Sowohl was die Einschätzung des IQ-Begriffs betrifft, aber vor allem, was eventuell politische oder weltanschauliche Ableitungen daraus betrifft..." - dann zielen unsere Interventionen in dieselbe Richtung. Und so wie ich Michael Blume bisher verstanden habe, wird er gerade darin nicht widersprechen.

    Du schreibst von differenzierten Untersuchungen in verschiedenen Ländern. OK - da überflog (!) ich eben das von Michael Blume Veröffentlichte (Fragestellung, ob Religion wichtig sei).

    Nur, wenn du dann schreibst : "Darum gibt es auch nicht einen festen Religiositätsbegriff, weil der sich in den Unterstudien verschiedener Gruppen unterscheiden wird", dann kommt es mir wieder zu sehr ins Schwimmen.
    Es wird doch entscheidend sein, was und wie man fragt: Ob Religion wichtig ist (wie vorher erwähnt) - das wird womöglich ein italienischer Atheist bestätigen. Habermas evtl. auch. Nun ja, die beiden sind statistisch nicht relevant.
    Wenn man andererseits fragt: Ob es einen persönlichen Gott gibt oder eine überpersönliche Gotteskraft, müsste das Ergebnis wieder anders aussehen. Wenn man dritterseits so etwas wie Kirchgang (oder andere regelmäßige Beteiligung an Riten...) misst, kommt nochmals ein anderes Ergebnis raus.
    Die (über das "Freigeisterhaus" gefundene) amerikanische Untersuchung http://religions.pewforum.org/reports# zeigt ja gerade mit solchen verschiedenen Fragestellungen interessante Verschiebungen. Stellte doch einer im "Freigeisterhaus" entsetzt fest, dass demnach 6 Prozent der Atheisten die Existenz Gottes für möglich halten. Auch ich versteh das nicht. Na ja, bei Gott (und bei Gottesleugnern) ist kein Ding unmöglich. Für mich wären derartige Beobachtungen Anlass aufzuzeigen, dass die Gottes-Vorstellung so entscheidend nicht ist, um etwas/jemand als "religiös" bezeichnen zu können. Aber das ist ein anderweitig durchgekautes Thema. Und: Da müsste eben doch mehr Einigkeit über die bei Umfragen verwendeten Religionsbegriffe hergestellt werden.

    Ja, mir fällt noch dazu ein: Ich würde mich schon auch als religiös bezeichnen, aber den von Dir in Deinem Blog mal vorgestellten Testdurchlauf über alle möglichen, (eigentlich unmöglichen) Vorstellungen würde ich mit ziemlich dem gleichen Ergebnis beantworten wie du. Was ist Religion? Ich versuche allerdings gerade, mich dem religionswissenschaftlich allgemein anerkannten Sprachgebrauch anzunähern: Religion als Anerkenntnis übermenschlicher Akteure. Ja, dann bin ich vielleicht doch nicht religiös.
    Das Thema gehört eigentlich jetzt nicht mehr hierher. Ich kam nur drauf und betonte es so, weil ich da mit deiner Äußerung nicht einig bin, wenn Du bei den entsprechenden Unfragen keinen "festen Religiositätsbegriff" erwartest.
    Einen festen braucht es vielleicht nicht, aber eindeutig benannte. Aber vielleicht sind wir uns auch da doch einiger als ich es heute Nacht sehe.

    Gute Nacht
    Basty

  16. Thilo @ Basty (1.Absatz)
    27.06.2008 | 10:14

    Guter Punkt.

    Was ich einmal ganz interessant fände, wäre ein Vergleich zwischen Christen in West- und Osteuropa, oder zwischen religiösen Juden inner- und außerhalb Israels.
    Wenn die Ergebnisse so ausfallen, wie ich vermuten würde, wäre dies wohl kein Beleg für eine positive oder negative Korrelation zwischen Intelligenz und Religion, sondern einfach nur dafür, daß ein hoher IQ Leute daran hindern kann, den staatlich, gesellschaftlich oder schulisch vorgegebenen Sichtweisen zu folgen.

  17. kamenin @ Basty
    27.06.2008 | 11:28

    Es ist eigentlich nicht, dass ich nicht eine feste Definition von Religiosität erwarten würde; ich sehe das durchaus als Mangel und würde auch lieber eine auch von Michael vertretenen Definition des Annehmens übernatürlicher Akteure angewandt sehen. Wobei auch dazu gezwungen ist, indirekte Annahmen über z.B. die Konfessionszugehörigkeit zu treffen, weil die entsprechenden Daten manchmal nur so vorliegen.
    Nur erledigt sich diese methodische Klarheit nun mal, wenn man wie Lynn hier eine Untersuchung über die zu der Frage in den letzten 50 Jahren durchgeführten Untersuchungen macht. Zwangsläufig fließen dann unterschiedliche Definitionen von Religiosität und unterschiedliche Metriken für den IQ in die Untersuchung, die man auch nicht mehr herausbekommen kann. Das ist ein Mangel. Aber umso erstaunlicher ist es eigentlich, dass der Zusammenhang über diese Unterschiede hinweg immer wieder bestätigt wurde. In gewisser Weise stärkt das den Schluss, weil es zeigt, dass die Korrelation so deutlich ist, dass sie sich auch über solche Variationen hinweg abzeichnet -- es ist eben nicht eine ganz spezielle Definition von Religiosität, die mit einer ganz speziellen IQ-Metrik zusammenfällt, darum ist es auch nicht einfach mit einem falsch gestellten IQ-Test oder einem zu engen/weiten Religionsbegriff wegzudiskutieren.

    Ich bin mir nicht sicher, ob kognitive Minderheiten automatisch eine höhere Intelligenz haben. Die Zeugen Jehovas oder deutsche Evangelikale sind ja auch solche, mir ist aber nicht bekannt, dass die in Untersuchungen höhere Bildungsabschlüsse oder IQs aufweisen. Was ich mir, als reine Spekulation, vorstellen könnte, ist zum Beispiel eine höhere Beeinflussbarkeit Geringgebildeter durch politisch-gesellschaftliche Rahmensetzung. Das kann sein, aber ohne Daten ist es ein ziemlich geschmäcklerisches Vermuten, was andere wohl dächten.

    Ich bin mir aber absolut nicht sicher, ob das stimmt, z.B. in kommunistischen Regimen mit propagandiertem Atheismus. Zum einen gibt es da die Erzälungen mit der so einfach nicht wegzukriegenden "Volksreligiosität" der "einfachen Schichten", die doch, auch in Michael Sinne, zeigen würde, dass Religion hartnäckiger ist als von oben wegvordnungsbar. Zum anderen gibt es für Leute, die höhere Bildung oder Karriere anstreben ganz andere Anreize und Sanktionsmöglichkeiten vom Regime, den Glauben abzulegen oder sich mit dem System zu identifizieren.
    Ich vermute, dass in unfreien Systemen darum der Zusammenhang eher durch die Steuerung von oben verwaschen und durch Umfragen dann sowieso nur sehr ungenügend aufzuklären sein wird. Das Gleiche gilt vermutlich auch für religiös gelenkte Staaten, die zumindest den Anschein von Religiosität genauso fördern. Aber da bräuchte man wirklich Daten, das ist alles nur Spekulation. Und die Frage nach Zwangsausübung ist eine ganz andere als die nach der Säkularisation in religiös freien Ländern.

    Und Durchschnittswerte sagen auch nichts über die Einzelperson aus. Wobei ich es eher als Realsatire empfinde, wenn Stammtischproleten dummes Zeug erzählen über irgendwelche leicht verschobenen IQ-Durchschnitte von Schwarzen oder Ausländern, ohne das reflektieren zu können oder dabei zu bemerken, dass die IQ-Forschung eher deutlichere Aussagen über den IQ-Schnitt von Stammtischproleten macht.
    Zudem ist auch selbst ein eindeutig belegter Zusammenhang von IQ und Religiosität kein Beweis für oder gegen religiöse Inhalte. Etwas, worüber man keine Beweismöglichkeiten hat, kann man auch nicht per IQ-Test unterscheiden.

    Aber in der Sache, abgesehen vom eher spekulativen Teil, sind wir uns wohl einig.
    k.

  18. Monika Armand Korrelationen mit pschyometrischen Messu
    27.06.2008 | 16:01

    "In gewisser Weise stärkt das den Schluss, weil es zeigt, dass die Korrelation so deutlich ist, dass sie sich auch über solche Variationen hinweg abzeichnet -- es ist eben nicht eine ganz spezielle Definition von Religiosität, die mit einer ganz speziellen IQ-Metrik zusammenfällt, darum ist es auch nicht einfach mit einem falsch gestellten IQ-Test oder einem zu engen/weiten Religionsbegriff wegzudiskutieren."

    Zunächst sind psychometrische Messungen in keinster Weise vergleichbar mit naturwissenschaftlich (z.B. physikalische) geprägten Messungen, so dass sich o.g. Schlussfolgerung verbietet, solange Details über Korrelationsmessungen unbekannt sind.

    Gerade hier werden statistische Probleme psychometrischer Messungen obsolet (Objektivität, Validität, Reliabilität,Steuwertproblematiken etc. etc.)
    Ohne die Kenntnis der Messparameter und ohne die erklärten Abweichungen und Residuen lässt sich daher überhaupt nichts aussagen.....

    Insbesondere sagen Korrelationen grundsätzlich nichts über Ursachen aus. Sie können genau so zufällig zustande kommen. Solange das zufällige Zustandekommen nicht ausgeschlossen werden kann, bleibt hier alles im Reich der Spekulation, so dass man endlos darüber diskutieren könnte.

    Was davon übrig bleibt sind dann individuelle, persönliche Standpunkte bzw. Meinungen, wieder geprägt von unserer Sozialisation, unseren Voreinstellungen und Vorurteilen.....

  19. Thilo @ Monika Armand
    27.06.2008 | 17:13

    Eben deswegen meinte ich ja, daß man zunächst wissen müßte, wonach genau in der Studie eigentlich gefragt worden ist. Was man daraus schlußfolgert, bleibt letztlich jedem selbst überlassen.

  20. Monika Armand @ Thilo
    27.06.2008 | 17:35

    Da sind wir uns einig ;-)

    Leider werden wir vermutlich diese Daten nicht bekommen. Die liegen nämlich ganz gerne in der Schublade der Wissenschaftler. Dort sind sie vor so kritischen Wissenschaftlern wie Michael und uns sicher ;-) Denn was hätten sie uns dann noch zu berichten, wenn sie alles offen legen müssten? Und wie sollten sie etwaige Verschwendungen der Forschungsgelder rechtfertigen..... Außerdem liest sich eine Studie mit ständigen "Wenns" und "Abers" einfach nicht gut und lässt sich schon gar nicht redaktionell gut aufbereiten....

    All das sind die Nachteile, der weniger "harten" Wissenschaftszweige. Mogeln geht hier ganz leicht oder vorsichtig ausgedrückt: einfach leichter.

    Und wenn ich wollte, könnte ich jetzt wieder Wasser auf die Mühlen von uns "Gläubigen" (nicht Religiositätsgläubigkeit ;-)) schütten und mitteilen, dass Naturwissenschaftler im Vergleich z.B. mit Geistes- und Betriebswissenschaftlern im Durchschnitt! den höchsten IQ (nicht zu verwechseln mit EQ) haben. Geisteswissenschaftler liegen zu meinem großen Glück wenigstens in der Mitte...... Also lass ich das lieber ....und bitte den Leser diesen Absatz zu ignorieren.....

    Also glauben wir weiter....Jeder für sich, das eine oder andere...

    Beste Grüße
    Monika

szmtag