chronologs Natur des Glaubens

Bildung, Beten, Babys - Zum komplexen Zusammenhang von IQ und Religiosität

von Michael Blume, 20. Juni 2008, 16:45

Richard Lynn hat wieder zugeschlagen: Nach Frauen und Afrikanern attestiert der britische Intelligenzforscher nun auch Religiösen publikumswirksam einen niedrigeren Intelligenzquotienten - IQ - als säkularen, männlichen Europäern (Auswertung, Kommentar und Links hier). Als unterstützendes Argument wird ein Zitat aus Richard Dawkins Gotteswahn angeführt, wonach es unter europäischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern nur sehr wenige Religiöse gebe. Also: Wie steht es um Kausalität und Sinnhaftigkeit dieses Vergleichs? Und warum verzeichnen die USA gleichzeitig einen hohen IQ und hohe Religiosität?

Zunächst sollte man wissen: Der Intelligenzquotient hat eine genetischen, eine kulturelle und nicht zuletzt eine sozioökonomische Komponente, deren Wechselwirkungen seit Jahrzehnten erforscht und heiß diskutiert werden. Unstrittig ist, dass es auch bei diesen Fähigkeiten des Gehirns (wie übrigens auch bei Musikalität und Religiosität) genetisch vererbte Veranlagungsunterschiede gibt. Allerdings werden diese Veranlagungen je kulturell unterschiedlich ausgeprägt - in einer Kultur von Wildbeutern (und also beim Jagen und Sammeln) werden z.B. andere Fähigkeiten ausgebildet und trainiert als in einer japanischen Mittelschule (und am Computer). Entsprechend steigt der durchschnittliche, in Tests ermittelte IQ in Gesellschaften mit sozioökonomischer Entwicklung: Ernährung, medizinische Versorgung, kindliche Früh- und Schulförderung und nicht zuletzt Bildungschancen auch für Mädchen bewirken einen Anstieg. Für Lynns Thesen war und ist das doppelt peinlich: So weisen nicht nur z.B. Afrikaner in wohlhabenden Gesellschaften steigende IQ-Werte auf, sondern auch Frauen holen die Männer in Sachen Intelligenz und Bildungserfolg ein, überholen sie sogar teilweise.

Die gleichen Prozesse formen auch die Religiosität um. Schon die klassische Religionssoziologie weiß zur Säkularisierung: Es sind zunächst und vor allem die gebildeten Schichten (und hier vor allem Männer!), die sich aus traditionellen Religionsformen lösen. Denn zum einen werden sie häufiger (etwa im Rahmen von Ausbildung und Studium) aus den traditionellen Heimat-, Familien- und Gemeinschaftsstrukturen herausgelöst. Sie erfahren von der Vielzahl an religiösen und weltanschaulichen Alternativen. Häufig den besser versorgten Gesellschafsschichten angehörend, sind sie auf die klassischen Funktionen religiöser Gemeinschaften - wie gegenseitige Hilfen im Falle von Familiengründung, aber auch Krankheit, Armut, Tod - immer weniger angewiesen. Stattdessen werden insbesondere die tradierten Sexual- und Familienregeln zunehmend häufiger als unsinnig empfunden, zumal moderne Verhütungsmethoden doch "Lust ohne Last" ermöglichen. Die Folge: Eine gleichzeitige Abnahme von Religiosität und Zunahme von IQ, wie bereits seit Jahren in Internetdarstellungen verfügbar. (Die USA sind in der Darstellung rot umrandet.)

Aber Achtung - Überraschung!

Als Carsten Ramsel, Sven Graupner und ich 2006 Daten der deutschen ALLBUS-Studie 2002 analysiserten, erwartete uns jedoch eine Überraschung: Bei den 35- bis 45jährigen war kein klarer Zusammenhang von religiöser Selbsteinschätzung und Bildungsstand mehr erkennbar, allenfalls noch eine "religiöse Schwäche" in den mittleren Bildungsbereichen.

Traten wieder massenhaft Gebildete in die Religionen ein? Nein - die Daten belegten die starke Prägung der eigenen Religiosität durch die elterlichen Einflüsse, die wir erwartet hatten. Stattdessen fanden wir einen anderen Zusammenhang: Die reproduktive Schere war auseinander gegangen. Nichtreligiöse hatten durchschnittlich seltener Kinder erzogen als Religiöse - und unter Gebildeten nahm dieser Unterschied weiter zu! Säkularisierung findet weiterhin statt (auch in den USA), aber sie wurde und wird zunehmend dadurch ausgeglichen, dass ein wachsender Teil nicht nur der Aufsteiger, sondern auch der oberen Bildungs- und Einkommensschichten selbst in religiösen Familien aufgewachsen ist. Die scheinbar besiegte Religiosität wächst so immer wieder (freilich oft in neuen, nicht-traditionalistischen) Formen nach. (Europäisch-amerikanische Vergleichsdaten auch hier.)

Auch die Schweizer Volkszählung zeigte auf: Die Konfessionslosen bildeten keinesfalls die Bildungsspitze - in den jüdischen Gemeinden und einigen kleineren, christlichen Gemeinschaften gab es bereits höhere Anteile an Akademikern und Inhabern leitender Berufe. Und: Diese wiesen zudem deutlich höhere Geburtenraten auf (Vgl. hier, S. 4).

Längst gibt es auch eine ganze Reihe unabhängiger Bestätigungen für diesen Befund: So werteten Lareen A. Newman und Graeme J. Hugo 2006 Daten der australischen Volkszählung und Interviews explizit auf die Fragestellung aus, wie sich weibliche Fertilität, Religion und Bildung zueinander verhielten (die Studie zum Download hier). Und auch sie fanden: Gebildetere sind häufiger nichtreligiös und haben weniger Kinder. Aber den religiös "standhaften" (und dabei meist keineswegs traditionalistischen) Gebildeten gelingt es, dem allgemeinen Geburtenrückgang Widerstand zu leisten - sie heiraten eher und stabiler und erziehen mehr Kinder. Und auch die südaustralischen Daten zeigen: mit steigender Bildung nehmen die biografischen Optionen und damit der Geburtenabstand zu. Hier ein Vergleich der allgemeinen Geburtenentwicklung von Frauen in Adelaide (mitte), der Hauptstadt Südaustraliens sowie der Lutheranerinnen (oben) und der Konfessionslosen (unten). Erkennbar ist auch hier die bereits in der Schweiz beobachtete Geburtenschwäche der Konfessionslosen - und die Verknüpfung von Bildung und Reproduktionserfolg bei mindestens einigen Religionsgemeinschaften.

So erklärt sich auch die Verbindung hoher Religiosität und hohen IQs in den USA: Hier gibt es bereits seit Jahrhunderten den religiös-demografischen Wettbewerb, der sich in Europa, Asien, Lateinamerika usw. erst zu entfalten beginnt.

Aus evolutionswissenschaftlicher Perspektive stellt sich ohnehin vor allem eine Frage: Welche Aussagekraft über menschliches Leben hat eigentlich die Maßzahl IQ? Warum nicht z.B. emotionale Intelligenz (EQ), Musikalität, Religiosität, Körperkraft oder Kreativität?

Sind die Fähigkeiten, die eine Familie von Wildbeutern der Kalahari pflegt, die eine Bäuerin in Mexiko beherrscht oder die ein philippinischer Fischer seinen Kindern vermittelt "weniger wert", weil sie nicht IQ-Testsituationen abbilden? Gerade wenn wir streng naturalistisch argumentieren wollten, so müßten wir anerkennen, dass es darwinistisch gesehen nur einen Erfolgsmaßstab gibt: den relativen Reproduktionserfolg, die Weitergabe der eigenen Gene. Es mag in bestimmten Zirkeln auch der deutschen "Bildungseliten" weiterhin schick sein, sich auf sehr fragwürdiger Datenbasis je über die vermeintlich mangelnde Intelligenz von Frauen, Afrikanern und/oder religiösen Menschen auszulassen. Aber empirisch betrachtet ist diese rationalistische Arroganz nicht haltbar - wie der Evolutionstheoretiker und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek bemerkte. Denn wir beobachten derzeit keineswegs einen pauschalen "Evolutionserfolg" säkularer, rationalistischer Europäer, sondern im Gegenteil einen Flaschenhals aus Wohlstand, Freiheit und Individualisierung. Und an diesem scheitern - rein biologisch gesehen - signifikant häufiger jene Gebildeten, die sich über Beziehungen, Beten und Babys erhaben wähnen...



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Kommentare

  1. Michael Blume @ Kamenin
    01.07.2008 | 14:14

    Lieber Kamenin,

    schade, wieder waren nur die anderen Schuld und viel zu hart. Nach einem Mehrfach-Verriß von Stephans Schleim Artikel beginnt Dein Montagsbeitrag so:

    "Was ist Wissenschaftsgläubigkeit überhaupt und wie verbreitet ist sie? Die Frage kam kürzlich erst auf in dieser Auseinandersetzung mit einem vorgeblich wissenschaftsphilosophischen Text von Stephan Schleim."

    Man beachte: Vorgeblich wissenschaftsphilosophischen Text! Wie würdest Du es finden, wenn ein Nichtphysiker eine Arbeit von Dir als vorgeblich physikalisch titulieren würde?

    Und nach Deiner Beweisführung, die auf strenge Empirie abstellt, heißt es dann zum krönenden Abschluss:

    "Wer das nicht versteht, ist, so unfair es scheint, weder Wissenschaftsphilosoph noch Skeptiker. Er ist Obskurantist, Möchtegerntheoretiker oder gleich Leugner. Er mag auch öffentlich durchaus Eindruck machen, weil in der Berichterstattung über Wissenschaft fast nie Zahlen vorkommen oder erwähnt werden. Zur wissenschaftlichen Diskussion trägt er nichts bei."

    Kannst Du mir (und anderen Lesern) wirklich verdenken, wenn sich das (inkl. der Geschlechts- und Berufsbezeichnung) sehr deutlich auf eine Person bezogen liest? Und Deinen Zorn habe ich schlicht damit erweckt, dass ich Deine eigenen Passagen auf Deine Argumentation hier angewandt habe. Meine Humormännlein, alle Angebote zur Auflockerung - verpufft. Denn irren tun sich ja immer nur die anderen...

    Also erklärst Du als Physiker eben dem Stephan, wie richtige Wissenschaftsphilosophie funktioniert und mir, dass Religionswissenschaft "keine Sonderrechte" verdient - als ob ich die je gefordert hätte.

    Den Respekt, den ich Dir persönlich und Deinem Fach gegenüber erbringe, sehe ich nicht erwidert. Und, sorry, so funktioniert interdisziplinärer Dialog nicht!

    Stephan Schleim, Monika Armand, ich usw. - wir mögen alle, welche Fächer wir auch vertreten, aus Deiner Perspektive "Schuld" sein. Ich kann dazu nur schreiben, dass ich gerade erst wieder am Wochenende eine tolle Tagung erleben durften, in der Evolutionsbiologen, Theologen (darunter ein Fundamentaltheologe aus dem Ratzinger-Schülerkreis), Philosophen (und zwar eine Theistin und ein Atheist) und ich als Religionswissenschaftler auf Augenhöhe intensiv, konträr und fair diskutieren und arbeiten konnten - weil der gegenseitige Respekt da war.

    Aber vielleicht liegt es auch an der Kommunikationsform des Blogs, dass Äußerungen schärfer rüberkommen. So hatte ich Deine Äuerßung gegenüber Kanitscheider ("...soll mir seine Kosmologie mal erklären.") tatsächlich als abwertend gelesen, während Du sie, wie Du schreibst, ernsthaft interessiert gemeint hast.

    Daher, Versöhnungsvorschlag: Lass uns ne kleine Denkpause einlegen und es dann in ein paar Tagen oder Wochen mit einer guten Diskussion noch einmal probieren.

    Herzliche Grüße, weiterhin hochachtungsvoll

    Michael

  2. Michael Blume @ Thilo
    01.07.2008 | 14:27

    Bewusst verzichte ich in meinen Blogs auf die Regel, dass leute nur mit Klarnamen posten dürfen - ich achte die Privatsphäre der Mitblogger, obgleich ich offen mit meinem Namen poste.

    Umgekehrt würde ich es sehr begrüßen, auch umgekehrt meine Tätigkeit als bloggender Wissenschaftler als solche zu achten. Ich habe lange geforscht, bevor ich meinen derzeitige Stelle angetreten habe - und wurde aufgrund dessen eingestellt. Mein Arbeitgeber wünscht und schätzt wissenschaftliche Mitarbeiter, die weiterhin auch den Kontakt zur Wissenschaft halten und das unabhängige Denken nicht aufhören. Das Forschen und Bloggen erledige ich dafür in meiner Freizeit.

    Dass ich mich als Demokrat verstehe und dafür eintrete, dass Wissenschaft sich auch selbst stets ethisch reflektiert, insbesondere wenn es um Befunde geht, die das Ansehen und Leben anderer beeinträchtigen können, halte ich nicht für eine Schande. Auch andere Blogger hier in den SciLogs treten z.B. für den Umwelt- oder Tierschutz, eine bessere Pädagogik oder libertäre Positionen ein. Wäre es nicht viel beunruhigender, wenn Wissenschaftler sich (wieder) auf die Position zurück zögen, sie seien in keiner Weise dafür verantwortlich, was mit ihren Befunden passiert bzw. auf der Welt geschieht?

    In diesem Sinne würde ich mich freuen, wenn Sie mir das gleiche Recht zugestehen wie ich Ihnen: frei zu Bloggen und zu Diskutieren, ohne persönlich zu werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Michael Blume

  3. Michael Blume @ Richard: Zustimmung
    01.07.2008 | 14:33

    Lieber Richard,

    ich kann Ihrem Text nur inhaltlich völlig zustimmen.

    Und selbstverständlich habe ich nie behauptet, dass Religiosität der einzige Faktor reproduktiven Verhaltens wäre - im Gegenteil. Jeder einzelne Beitrag befasst sich mit der Wechselwirkung von Religionszugehörigkeit beispielsweise zu Bildung, Geschlecht etc.

    Die Kernthese ist also nicht, dass Religiosität die einzige, sondern dass sie eine wechselwirkende Variable im reproduktiven Geschehen des Menschen darstellt. Dies halte ich inzwischen für empirisch auch erwiesen.

    Ausdrücklich danken möchte ich auch noch einmal für die Klarstellungen zur "Intelligenzforschung". Aus den von Ihnen und Monika Armand genannten Gründen halte auch ich die Korrelation IQ - Religiosität schon an sich für sehr fraglich und habe mich daher in der Erörterung vor allem mit Bildungsfragen befasst. Immerhin hat die Diskussion m.E. vielleicht manche Erfahrung und Klärung wie auch manchen spannenden Gedanken (wie @Bastys These, dass Intelligenz mit kognitivem Minderheitenstatus korreliere) hervor gebracht. Dafür möchte ich allen Beteiligten hiermit danken.

  4. Richard @ Thilo, Propaganda
    01.07.2008 | 14:33

    Ich habe nicht den Eindruck, das hier eine platte Propaganda betrieben wird.

    Es wurde hier ein Thema zur Diskussion vorgestellt - und es ist logisch, dass es dann dazu unterschiedliche Meinungen gibt. Aber ich finde es sehr interessant, eine gut fundierte Meinungsäußerung zu lesen (auch wenn ich eventuell damit nicht einverstanden bin) als irgendwelche nichtssagenden Statements.
    Ich finde, solche Beiträge erweitern den eigenen Horizont - und das ist ja ein Sinn von Blogs.

  5. Thilo Keine Angst,
    01.07.2008 | 16:59

    ich will hier kein weiteres Öl ins Feuer gießen.

    Ich weiß nicht, ob es diesen Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern wirklich gibt.

    Es ist schon richtig, daß es unserereins nervös macht, wenn auf unterschiedliche Fragen immer dieselben Antworten kommen.
    Ich hatte doch sehr simple Fragen gestellt, die man ohne langes Nachdenken in wenigen Zeilen beantworten kann. (Etwa meine Frage von gestern nacht, wer denn nun im letzten Absatz gemeint war. Das hat vielleicht mit dem Thema wenig zu tun, ist aber für die Einordnung doch nicht unwesentlich.) Wenn Sie solche Fragen nicht beantworten wollen, müssen Sie das natürlich nicht tun. Aber wenn dann stattdessen zum x-ten Mal die geringe Aussagekraft von Korrelationen kommt, die ich nicht bestritten und nach der ich nicht gefragt hatte, wird man irgendwann ungeduldig. Ich weiß nicht, ob das nun ein Spezifikum von Naturwissenschaftlern ist.

    Beste Grüße

  6. Michael Blume @ Thilo
    01.07.2008 | 17:15

    Oh, ach so - dann hätte ich es wirklich deutlicher ausdrücken sollen.

    Bei den "bestimmten Zirkeln auch der deutschen "Bildungseliten"" hatte ich ganz konkret die erwähnte (und rein männliche) Studentenverbindung im Blick, die auf akademischem Niveau und mit Bezug auf Lynn den Arabern niedrige Intelligenz attestierte.

    Und der Flaschenhals ist ein evolutionsbiologischer Ausdruck, der einen Selektionsdruck beschreibt, durch den nur ein Teil der Population reproduktiv hindurch kommt. Hier beziehe ich mich ganz schlicht auf o.g. Grafik und Studie aus Australien, die darauf hinweist, dass der allgemeine Geburtenrückgang unter Gebildeten durch Religiosität teilweise ausgeglichen wird. Wir haben also nicht etwa (was eine frühe These Lynns wäre) ein generelles Abschmelzen intelligenter Populationen, sondern in den Bildungsschichten auch reproduktiv erfolgreichere Gruppen vor allem religiöser Art (siehe z.B. Schweizer Volkszählung).

    Übrigens hatte ich den Eindruck, dass die erwähnten, akademischen Lynn-Fans keinesfalls auf das Deutsche beschränkten, das Buch wurde mir in Englisch überreicht.

    Ihnen herzlichen Dank für das gute Mitdiskutieren und die originelle, wirklich gute Frage, die wie versprochen Thema des nächsten Blogbeitrags wird!

  7. Thilo Danke
    01.07.2008 | 17:37

    Ok, das ist eine klare Antwort. Da hatte ich dann wohl wirklich etwas mißverstanden.

    Bleibt zu hoffen, daß die erwähnte Studentenverbindung tatsächlich im Flaschenhals steckenbleibt.

    PS: freue ich schon auf den heavy traffic nach dem angekündigten Beitrag (den für meine Webseite meine ich).

  8. Michael Blume @ Thilo: :-)
    02.07.2008 | 08:53

    Das Urheberrecht der genialen Frage steht Ihnen zu, also verlinke ich dann auch gerne zum Mathblog!

    Und habe diesen auch gerade in die Blogroll meiner PrivatePage übernommen.

    Danke auch fürs Nachbohren, ich tendiere manchmal dazu, die eigenen Formulierungen für klarer zu halten, als sie sind... ;-)

  9. Ingo Bading Weingarten
    02.07.2008 | 09:35

    Michael,

    in Weingarten diskutiertest Du (wie Du schreibst,) darüber

    "wie man eigentlich die klar falsifizierte, aber biologisch eben erfolgreiche Weltsicht der Amischen bezeichnen könnte".

    Schöööön, davon zu hören!!! Und auch in diesen Deinen wunderbar klaren Worten.

    Ist die Antwort nicht sehr einfach? --->

    Eine von der kulturellen (wissenschaftlichen) Entwicklung der Menschheit überholte, aber früher reproduktiv sehr erfolgreiche Weltsicht.

    Eine Weltsicht zudem, die besonders bei Menschen, die sie so wörtlich nehmen wie nur immer möglich, die also SEHR konservativ sind, auch heute noch mit reproduktivem Erfolg einhergehen, also evolutiv angepaßt sind.

    Da das Wörtlichnehmen der Bibel noch deutlicher mit niedrigem IQ korreliert als Religiosität allgemein (siehe Blog von Razib Khan), handelt es sich zudem um eine Weltsicht, die heute in westlichen Gesellschaften insgesamt klar GEGEN höheren IQ selektiert, zumal sie auch heutigen Atheisten keine gute Alternative zu ihrem Atheismus anbietet, ja, sie besonders stark in ihre Anti-Haltung, in ihren Atheismus hineintreibt.

    Übrigens hat mich die jüngste Diskussion über die Anthroposophen auf Scienceblogs.de darüber belehrt, daß offenbar auch bei IHNEN noch stark unwissenschaftliche Elemente ihrer Religiosität zu ihrem überdurchschnittlichen reproduktiven Erfolg beitragen.

    Wir befinden uns auf dem Weg. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert des Übergangs.

    Wir Menschen sind "Freigelassene der Evolution", müssen also selbst und in eigener Verantwortung nach jener Religiosität suchen, die mit den evolutiven Erfordernissen UNSERER Zeit übereinstimmt.

    Das ist exakt, was wir hier auf den Blogs nach meinem Verständnis tun und was alle, die gesellschaftlich über den Tellerrand der Tagespolitik hinausdenken, tun. Oder tun sollten.

  10. Michael Blume @ Ingo: Danke!
    02.07.2008 | 09:58

    Lieber Ingo,

    danke für Deine Ermutigung und den Formulierungsvorschlag!

    "Eine von der kulturellen (wissenschaftlichen) Entwicklung der Menschheit überholte, aber früher reproduktiv sehr erfolgreiche Weltsicht."

    Woran ich aber auch hier noch grübeln würde:

    1. Der Clou ist ja, dass die Weltsicht nicht nur früher reproduktiv erfolgreich war, sondern immer noch ist.

    2. Es ist ja nicht nur eine Weltsicht, sondern eine aus Glaubenswahrheiten abgeleitete soziale Ordnung, die z.B. in einer Großstadt wohl nicht funktionieren würde.

    3. Erfolgreiche Gemeinschaften integrieren immer wieder neue Elemente in ihre Traditionen. Denken wir z.B. an die Gentests im orthodoxen Judentum (Dor Yeshorim) oder die Holzreifen-Traktoren der Amischen. Die Kunst scheint nicht in einer Ablehnung moderner Elemente zu bestehen, sondern in der erfolgreichen Auswahl und Integration.

    Prof. Kather, Prof. Kanitscheider und ich fanden übrigens auch noch keine gemeinsame Lösung, vereinbarten aber, darüber je nachzugrübeln und in Kontakt zu bleiben. Es könnte z.B. auch sein, dass unterschiedliche Begriffe Verwendung finden müßten: @Kamenin verwies ja zu Recht z.B. auf den Weihnachtsmann, der eben eine andere, empirisch sich unterschiedlich auswirkende Form der "Glaubenswahrheit" bezeichnet als z.B. Gott. Da ist m.E. noch viel Begriffsarbeit nötig, für die wir sicher auch die Philosophie brauchen.

    Herzliche Grüße

    Michael

  11. Ingo Bading @ Michael
    02.07.2008 | 12:57

    schöööööön!

    Ich erweitere meine These:

    (in Anschluß an Jan Assmann)

    In der Antike kam etwas ganz Neues in die Weltgeschichte, die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch. Sie löste das vorherige, weltweit verbreitete mythologische Denken ab.

    PARALELL dazu entwickelte sich in Israel (und Nachbarregionen, Ägypten etc.) die "mosaische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch".

    GEMEINSAM ist beiden Unterscheidungen eine "Unhintergehbarkeit", es gibt - z.T. sehr scharfe - Grenzen der Interpretation dessen, was ausgesagt wird.

    Beim Mythos - etwa auch beim Weihnachstsmann - ist noch alles "deutbar", alles metaphorisch etc. pp.. Also "schwammig", "weich".

    Die Stärke der mosaischen Unterscheidung wie auch unserer heutigen wissenschaftlichen (!) liegt darin, daß gesagt wird: So ist es. So und nicht anders.

  12. Ingo Bading @ Michael
    02.07.2008 | 13:09

    "Erfolgreiche Gemeinschaften integrieren immer wieder neue Elemente "

    Das ist sehr richtig. Und deshalb stehen sich heute Atheismus und das Christentum der Großkirchen reproduktiv so nahe. Seit Jahrzehnten haben sie nichts wirklich NEUES in ihr Weltbild integriert.

    Bei den aschkenasichen Juden wird ein Sonderfall vorliegen, den es hier sicherlich höchst interessant sein könnte, genauer zu untersuchen. Dazu hat ja Kevin MacDonald eine ganze Menge geschrieben, wie SEHR auch atheistische aschkenasische Juden auf ihre "Stammesbezogenheit", ihr "Stammesdenken", ihren nationalen Zusammenhalt Wert legten. Dieser wird hier eine größere Rolle spielen, als man von vornherein annimmt.

    Ich glaube, sie haben schon seit Jahrhunderten so eine Art "Doppeldenk" etabliert wie es schon George Orwell formulierte, um die eigene ethnische Gruppierung, die beruflich sehr stark spezialisiert war (NICHT AGRARIRSCH, also an das Stadtleben seit Jahrhunderten angepaßt), innerhalb einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft erfolgreich aufrecht zu erhalten. Und sie sind wohl, was die Integration von Neuem betrifft, die Erfolgreichen schlechthin deshalb.

    Yoav Sapir zum Beispiel macht ja schon im Titel seines Blogs auf dieses jahrhunderte lang ausgesprägte Doppeldenken aufmerksam. Das scheint zugleich auf hohe Intelligenz zu selektieren - kulturelle wie sogar vielleicht genetisch.

  13. Ingo Bading @ Michael
    02.07.2008 | 13:21

    "Erfolgreiche Gemeinschaften integrieren immer wieder neue Elemente "

    Die Amischen haben nichts wirklich Neues in ihr Weltbild integriert, sie haben nur - ebenso wie die Aschkenasim - sehr kluge Strategien der sozialen Abgrenzung von Mehrheitsgesellschaften entwickelt, (allerdings nicht, um in dieser Mehrheitsgesellschaft selbst Karriere zu machen).

  14. Ingo Bading Tradition und Moderne
    02.07.2008 | 13:34

    "Die Kunst scheint nicht in einer Ablehnung moderner Elemente zu bestehen, sondern in der erfolgreichen Auswahl und Integration."

    Auch seeeehr schön, der Satz.

    Er wird genauso auf die Auswahl von Traditionselementen zutreffen, die EBENSO wichtig sein dürfte. Und das könnte andererseits auch heißen, daß die Atheisten und die Namenschristen auch zum Teil viel zu VIEL an Traditionselementen über Bord geworfen haben.

    Fragt sich nur: welche.

    Die Amischen und die Hutterer lehnen im übrigen die ganze moderne Welt, ja die Welt schlechthin als abgrundhaft verworfen und sündig ab. Mit DIESER Welt haben sie sich auf geistig-moralischem Gebiet niemals arrangiert.

    Die zumeist trivialen, touristischen, wirtschaftlich-ökonomisch-technischen Anpassungen der Amischen spielen für ihr Glaubensleben so gut wie keine Rolle.

  15. kamenin Ach, Michael...
    02.07.2008 | 15:49

    ...ich muss das gar nicht bewerten. Jeder kann selbst lesen, was ich zu Stephan Schleim geschrieben habe und sich damit auch ein Bild machen, ob er Deine Charakterisierung da wiederfindet:
    http://kamenin.wordpress.com/?s=schleim

    Die platte Psychologisierung (oder ist es Projektion?) muss ich auch nicht kommentieren. Du willst doch immer empirische Auseinandersetzung mit Deinen Daten, weil man ansonsten angeblich fundamentalistisch argumentiert. Jetzt kriegst Du sie, eine empirische Belegung gegen eine Deiner Deutungen, und beschwerst Dich, dass man Deine Reputation als Religionswissenschaftler damit in Frage stellt. Ob für einen interdisziplinären Dialog, in dem man immer nur nicken darf, Bedarf besteht, sehe ich nicht.
    Aber auch da sind meine Argumente hier für jedermann frei einsehbar und beurteilbar.

    Grüße aus Dieburg,
    k.

  16. Michael Blume @ kamenin: Ach, Kamenin...
    02.07.2008 | 23:47

    ...Du hast es erfasst: Lesen kann hier in der Tat jeder und sich seinen Teil denken auch. :-)

    Liebe Grüße nach Dieburg!

    Dein M.

  17. Jehuda kein Betreff
    24.07.2008 | 10:42

    Hallo Micha,

    was mir auch noch fehlt bzw. nicht deutlich herausgearbeitet ist, ist der Zusammenhang zwischen weltlicher Bildung und Intelligenztests. So bedingt erstere ein besseres Abschneiden im Letzteren was eben nicht unbedingt mit Intelligenz zu tun hat, sondern einfach damit, dass diese Test spezifisch auf Wissen aus dieser Bildung aufbauen.

    So hat dieses Wissen bzw. weltliche Bildung meistens keinen hohen Stellenwert unter Religiösen bzw. es existiert hier gar ein eigenes Bildungswesen welche gerade in der Hauptsache nicht dieses Wissen vermittelt. Dadurch sind dann Religiöse weniger gut auf solche Test vorbereitet und scheiden zwangsläufig schlechter ab.

    Soweit zumindest meine Theorie in Kenntnis von religiösem Bildungswesen und Intelligenztest. Eine wissenschaftliche Untersuchung dazu bleibe ich jetzt einmal schuldig.

    Gruss,
    jehuda

  18. Thilo @ Jehuda : ???
    24.07.2008 | 12:08

    Mit Verlaub, aber es ist nur eine (statistisch nicht ins Gewicht fallende) extreme Minderheit der Religiösen, die sich dem (wie Sie es nennen) weltlichen Bildungssystem verweigert. Die Prozentzahlen von Tests dürften durch diese Minderheit wohl kaum beeinflußt werden.

  19. Michael Blume @ Jehuda: Mehr als Zustimmung
    24.07.2008 | 18:33

    Lieber Jehuda,

    hast Du etwa gespürt, dass ich gestern an Dich gedacht habe? ;-) Freut mich immer wieder, mal wieder von Dir zu hören!

    Zum Punkt: Es ist sogar noch massiver - Menschen, die bereits an IQ-Tests teilgenommen haben, schneiden bei Folgetests tendenziell besser ab (Übungseffekt). Schon dies weist in der Tat auf starke Effekte von Bildung und Kultur hin.

    So attestiert Lynn - was Dich freuen wird ;-) - aschkenasischen Juden einen besonders hohen IQ, über dem europäischen Durchschnitt. Es gibt einen ganzen Zweig von Leuten, die daraus schließen, die Juden in Europa seien über Jahrhunderte einem starken Selektionsdruck unterlegen, den nur und vor allem die Klügsten reproduktiv erfolgreich (d.h. mit vielen Kindern) bestanden hätten.

    Klar, kann sein. Aber ich frage mich dann halt doch, ob es vor solchen Thesen nicht hilfreich wäre, einen Blick auf Tradition und Gemeindestrukturen zu werfen. Und das Judentum legt eben seit Jahrtausenden sehr hohen Wert auf Bildung, betrieb und betreibt Schulen, die lange vor und später anstatt bzw. ergänzend zu staatlichen Schulsystemen u.a. komplexe Inhalte, mehrere Sprachen u.v.m. vermittelten. Auch in der Schweizer Volkszählung standen die Juden ja weit an der Spitze beim Anteil akademischer Bildungsabschlüsse (und hatten dennoch übrigens fast doppelt soviel Kinder wie die Konfessionslosen).

    Ich schließe ja gar nicht aus, dass es in der Vergangenheit auch einen genetischen IQ-Effekt gehabt haben könnte - nur scheint mir die Annahme, dass das religiöse Bildungssystem und die Wertschätzung von Bildung generell eine enorme Rolle spielen dürfte, sehr viel naheliegender.

    Mich bestürzt, wie leichtfertig vermeintlich wissenschaftlich orientierte Leute hoch spekulative Daten als gegebene Wahrheiten anerkennen. M.E. ist noch eine Menge sehr sorgfältiger Forschung nötig - inkl. der Klärung, wie sinnhaft der Parameter "IQ" eigentlich in interkulturellen und interreligiösen Vergleichen ist. Die Kinderzahl ist dagegen wirklich einfacher zu bestimmen. ;-)

    Herzlichen Dank für den Beitrag und liebe Grüße!

    Michael

    PS: Anfang September eröffnet hier in Stuttgart eine jüdische Grundschule, mehrsprachig und mit Ganztagsangebot. Wetten, dass auch die nichtjüdischen Schüler dort "IQ-mäßig" gewinnen?

  20. Thilo Falsche Vereinnahmung
    24.07.2008 | 19:25

    Nur um hier keinen falschen Zungenschlag hineinzubekommen: die Jüdische Grundschule Stuttgart hat erklärt:
    "Neben den Lehrern für die jüdischen Fächer werden wir pro Klasse jeweils eine/n hochqualifizierte/n Grundschullehrer/in für die wissenschaftlichen Fächer haben, die mit dem hiesigen Schulwesen vertraut sind und über entsprechende Unterrichtserfahrung verfügen." Und Landesrabbiner Netanel Wurmser schreibt dazu: "Unsere Schüler werden in einer Hand mit dem Notebook und in der anderen Hand mit der Thora aufwachsen."
    http://www.irgw.de/pdf/IRGW_Grundschule2.pdf
    Nach einem niedrigen Stellenwert weltlicher Bildung hört sich das für mich nicht an.

szmtag