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Mutter Natur verstehen - Die Evolutionsforscherin Sarah Hrdy

von Michael Blume, 28. Januar 2010, 20:38

Unsere Wissenschaftstraditionen und -diskussionen sind nach wie vor (auch in der Evolutions- und Religionsforschung) vor allem aus männlichem Blickwinkel geprägt worden. Das Ergebnis kann man sich z.B. immer wieder anschauen, wenn eine Zeitschrift über den Zusammenhang von Religiosität und Demografie schreibt, wie letztes Jahr der FOCUS ("Fruchtbarer Glaube") oder diese Woche die ZEIT ("Religiöser werden für mehr Kinder?"). In den überwiegend von einigen sehr... von ihrer Überlegenheit überzeugten Herren verfaßten Kommentaren darauf geht es dann stets reflexhaft um und meist gegen Migranten, arbeitende Frauen, Politiker, Religionen. Eine Reflektion über die eigentlichen Familienthemen wie treue Liebe, Partner- und Gemeinschaft, Zusammenhalt der Generationen, Lebenssinn etc. findet kaum statt oder wird niedergehöhnt. Dabei, so zeigt sich zunehmend, fanden und finden genau in diesem Bereich die evolutionären Prozesse statt, die unsere Spezies prägten!

Sarah Hrdy - Neuer Blick auf die Evolution des Menschen

Vorhang auf für die Primatologin und Anthropologin Sarah Hrdy, die ich für eine der interessantesten Evolutionsforscherinnen unserer Zeit halte. In ihrem neuesten Buch "Mothers and Others. The Evolutionary Origins of Mutual Understanding" (Übers. in Arbeit: Mütter und Andere: Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat) stellt sie der seit Darwin vorherrschenden Macho-Lesart der menschlichen Evolution als Folge blutiger Stammeskämpfe mit siegreich erbeuteten Frauen eine weibliche Perspektive entgegen.

Was sind ihre Argumente? Hrdy weist ganz sachlich darauf hin, dass kein (anderer) Primat tun könnte, was wir Menschen täglich millionenfach tun: Unsere Kinder in die Obhut anderer, sogar Nichtverwandter zu geben - z.B. von Babysittern, Kindergärtnern, Lehrern, Freunden (z.B. für einen Kindergeburtstag) etc. Im Gegenteil: Unter den meisten Affenarten müssen die Mütter die Kleinen jahrelang vor den Angriffen anderer beschützen und abschirmen. Die Folge: Schimpansen und Orang-Utans haben längere Geburtenabstände und kürzere "Kindheiten" evolviert, die Bedrohungen setzen hier Grenzen. Menschenfrauen konnten und können dagegen in viel rascherer Folge Kinder gebären, die dazu noch ihre Gehirne und Fertigkeiten in langen Kindheits- und Jugendphasen ausprägen können.

Wie aber war und ist das möglich? Hrdys Antwort: Gemeinschaftlicher Kinderaufzug (Cooperative Breeding)! In allen gewachsenen Menschenkulturen werden Kinder gemeinschaftlich erzogen, nie nur auf die Kernfamilie oder Mütter verwiesen. Eine bedeutende Rolle spielen z.B. die Väter der Kinder, aber auch Großeltern (v.a. Großmütter), andere Eltern und schließlich gemeinschaftliche Vertrauenspersonen (z.B. Lehrer).

Umso mehr sich aber, so Hrdy, Kinder in soziale Netzwerke außerhalb der Mutter begaben, umso entscheidender wurden wiederum deren soziale Fähigkeiten: Kontakt mit anderen aufzubauen, Vertrauen zu schenken, aber auch Gefahren zu erkennen, Freundschaften zu schließen etc. Nicht also vornehmlich Kriegszüge und machiavellistische Intrigen, sondern die gemeinsame Sorge um Kinder prägte die sozialen, intellektuellen und schließlich kulturellen Fähigkeiten unserer Art!

Evolutionäre Großmütterforschung

Natürlich ist ein Blogbeitrag viel zu kurz, um Beobachtungen, Daten und Argumente erschöpfend darzustellen. Deswegen sei hier nur kursorisch auf das reiche Feld der evolutionären Großelternforschung hingewiesen, die erkundet, warum Menschen (und vor allem Menschenfrauen) so viel längere Lebensspannen auch nach ihrer fertilen Zeit evolviert haben. Hrdys Forschungen haben hierzu eine Vielfalt von (auch ethnologischen) Studien angestoßen, die aufzeigen: Agile Großeltern (und vor allem Großmütter) unterstützen ihre Kinder und Enkel sowie die weiteren Gemeinschaften durch Engagement, Aufsicht und auch Erfahrung. Die Avatar-Macher waren nicht nur technisch auf der Höhe: Wohl nicht der Schamane, sondern wahrscheinlich die Weise Frau und die Ahnen dürfte(n) am Anfang der Evolution von Religiosität gestanden haben!

Zur evolutionären (Groß-)mütterforschung kann ich den hervorragenden Tagungsband der internationalen Grandmotherhood-Konferenz in Delmenhorst 2002 ("Grandmotherhood. The Evolutionary Significance of the Second Half of Female Life.", Hrsg. Eckart Voland, Athanasios Chasiotis und Wulf Schievenhövel) fachlich Interessierten sehr empfehlen!

Evolutionäre Religionsforschung

Sowohl Hrdy in ihrem "Mothers and Others" wie auch immer mehr weitere Ethnologen und Evolutionsforscher haben die Bedeutung religiöser Mythologien und Rituale für die Etablierung familienfreundlicher Gemeinschaften erkannt und teilweise auch formuliert. Von religionswissenschaftlicher Seite ist dagegen in diesem Bereich noch einiges zu leisten. Dabei liegen die Phänomene offenkundig beieinander: In steinzeitlicher Kunst überwiegen Frauen- und Müttermotive. Religiöse Gemeinschaften pflegen untereinander Familienbegriffe (Schwester, Bruder, Vater, Mutter etc.), nach Hrdy sehr schön: "as-if Kin". Die ältesten Schulen, Waisenhäuser, Hospitäler usw. waren (und sind) weltweit religiöse Stiftungen - und auch in säkularen Gesellschaften (wie Deutschland West und Ost) werden religiöse Bildungseinrichtungen rege nachgefragt und neu gegründet. Nicht nur Christen bezeichnen z.B. ihre Gemeinschaft(en) als "Mutter Kirche", auch Muslime sprechen von der Umma (von arab. umm = Mutter). Der Begriff "Nonne" ist etymologisch aus Bezeichnungen für Großmütter und Ammen hervorgegangen (vgl. Nun, Nanny etc.). Heutige Religionsgemeinschaften werden gerade auch in freiheitlichen Gesellschaften vor allem vom religiösem Engagement von Frauen getragen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Und der durchschnittlich höhere Reproduktionserfolg religiöser Menschen wird vor diesem Hintergrund schlüssig erklärbar - der Zusammenhalt in Religionsgemeinschaften kann z.B. gewaltförmig missbraucht werden, evolvierte (und evolviert!) aber biologisch und kulturell vor allem aufgrund der Förderung von Familien und Kindern.


Weder die Evolution unserer Art insgesamt noch ihre sozialen und schließlich biokulturellen Fähigkeiten der Sprache, Musik oder Religion sind überwiegend aus Konkurrenz- und Kampfszenarien entstanden. Wie die Biologen aus Tübingen sogar schon mit Lied und Fussball-Video zu vermitteln versuchen: Es geht (mindestens bei sozialen Tieren) ums Überlieben! Aber andererseits mache ich mir da leider auch keine Illusionen: Es wird noch lange dauern, bis der dröhnende Machismo wenigstens in den Wissenschaften überwunden sein wird...

* Diesen Blogpost widme ich allen echten Männern da draußen.





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Kommentare

  1. Balanus @Rüdiger Sünner - intelligentes Genom
    08.02.2010 | 12:04

    »Die simple These mancher Evolutionsbiologen, dass irgendein Clanchef damit seine Weibchen beeindrucken oder die Gruppe stabilisieren wollte, ist mir zu wenig.«

    Derartiges hört vor allem aus dem Munde mancher Evolutionspsychologen.

    Dass der Mensch Mathematik betreiben kann, ist in der Tat höchst erstaunlich. Es scheint so, als hätten die Zahlen schon immer existiert und nur darauf gewartet, vom Menschen entdeckt zu werden. Und im Grunde ist es tatsächlich so.

    Ein bisschen Zählen können ja bereits manche Tiere, besonders einige Vögel können das ganz gut, glaube ich. Der Mensch hat zehn Finger, und wir haben ein Dezimalsystem. Nun gut, das mag auch andere Gründe haben. Aber strecken Sie mal drei in Finger in die Luft und betrachten Sie das Symbol für Drei (3). Fällt Ihnen was auf?

    Das menschliche Gehirn ist dank der Evolution so konstruiert, dass es bestimmten Lauten und Zeichen Bedeutung beimessen kann. Insofern kommen Zahlen und Symbole in der Natur vor.

    Denn es ist ja keine Frage, dass auch die funktionale Struktur des menschlichen Gehirns ein Produkt der natürlichen, evolutiven Entwicklung ist, und zwar einer überaus rasanten Entwicklung (was sehr für einen außerordentlich starken Selektionsdruck spricht).

    Einen Hinweis darauf, wie die Evolution das leisten konnte, liefert vielleicht die Beobachtung, dass kognitive Fähigkeiten stark mit den emotionalen Fähigkeiten zusammenhängen. Wenn wir über ein schwieriges mathematisches Problem nachdenken, dann ist die Lösung des Problems begleitet von einem Gefühl der Freude. Diese Art zu denken und Probleme zu lösen hat sich evolutiv offenbar bewährt. Das richtige Erkennen und Verstehen eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs wird endogen belohnt.

    Und nicht zuletzt: Wenn es möglich war, dass sich so abstrakte Dinge wie Religiosität und Gottesvorstellungen evolutiv entwickeln konnten, ohne dass tatsächlich übernatürliche Erscheinungen in der Natur beobachtet werden konnten, wieso dann nicht auch mathematische und künstlerische Fähigkeiten? Oder die Archetypen C. G. Jungs?

    Wenn man also fragt, wie die "Abstimmung zwischen Innerem und Äusserem" rational zu erklären sei, dann liegt der Schlüssel zur Antwort in den Genen.

    Denn die Tatsache einer evolutiven Entwicklung des Gehirns bedeutet nichts weniger, als dass die Instruktionen für den strukturellen Aufbau des Gehirns und damit auch ein a-priori-Wissen über die Welt in den Genen gespeichert sind. Und nicht nur das, auch die Instruktionen dafür, wie auf Wahrnehmungen und Umweltreize während der Individualentwicklung zu reagieren ist, also das epigenetische Programm, ist in den Genen verankert.

    Kein Wunder, dass manche von einem intelligenten Genom sprechen.

  2. Rüdiger Sünner Intelligentes Genom
    08.02.2010 | 16:00

    Danke für die anregenden Bemerkungen.
    Wenn ich sagte, Symbole, Begriffe und Zahlen kommen nicht in der Natur vor, meinte ich die äussere, sichtbare Natur. Die 3 hat tatsächlich Ähnlichkeit mit drei Fingern, aber ist das bei anderen Zahlen auch so?
    Die Freude, die bei der Lösung eines mathematischen Problems oder der Erkenntnis eines Naturgesetzes aufkommt, könnte auch damit zusammenhängen, dass hier mein Geist mit geistigen Zusammenhängen ausser mir zur Deckung kommt. Und vielleicht hängen beide auch auf einer tiefgründigen Ebene zusammen
    (so denken jedenfalls manche Quantenphysiker heute).
    Einstein - der ja nun wahrlich kein Esoteriker war - definierte seine "kosmische Religiosität" als ein Staunen über eine "überlegene Vernunft" im Kosmos, der gegenüber das menschliche Denken nur ein "nichtiger Abglanz" sei. Eine interessante Erklärung auch zur Herleitung von Mathematik, Kunst, Religion. Dann würde in gelungenen Operationen unseres symbolischen Denkens unsere "innere" mit dieser "äusseren Vernunft"vorübergehend zur Deckung kommen, was auch Phänomene wie Intuition, Inspiration, Eingebung etc. erklären würde.
    Dazu bedarf es keines übernatürlichen Akteurs oder monotheistischen Gottes, aber die Frage bliebe offen, woher diese "kosmische Vernunft" kommt. Einstein beantwortet diese Frage nicht, verharrt in andächtiger Ehrfurcht, was ich eine schöne Haltung finde. So bewundernswert die heutige Evolutionstheorie ist, so sehr verführt sie einen auch dazu, alles und jedes in dieses Modell hineinzupacken.
    Dabei ist sehr vieles noch unklar, auch die Rolle der Gene, die ohne das sie umgebende Ganze ja nichts sind und auch erst entstanden sein müssen.

  3. Katharina ergänzend
    08.02.2010 | 16:52

    Der große Mathematiker Ramanujan sagte: "Eine Gleichung hat keinen Sinn. Es sei denn, sie drückt einen Gedanken Gottes aus."

    Michael Stelzner, der sich mit Zahlensymbolik befaßte, findet: Die Zahl gehört zwei Welten an, der konkreten Welt und der Welt der Ideen. Zahlen sind älter als Worte. Ihre Existenz ist wirklicher als die Existenz von Zeit und Raum. Sie sind präexistent und das Abstrakte an sich.
    Nur deshalb, so Stelzner, lassen sich Raum und Zeit durch sie ordnen.

    Übrigens: In der Religion der Maya waren die einzelnen Götter mit Zahlen einfach identisch.

  4. Katharina und..
    08.02.2010 | 17:39

    Naja, an das Präexistentielle muß man natürlich auch erst ´mal glauben. "Man glaubt nicht, was man alles glauben muß, um ungläubig zu sein." (Ulrich Lüke)

  5. Mona @Rüdiger Sünner
    08.02.2010 | 17:53

    „Die Freude, die bei der Lösung eines mathematischen Problems oder der Erkenntnis eines Naturgesetzes aufkommt, könnte auch damit zusammenhängen, dass hier mein Geist mit geistigen Zusammenhängen ausser mir zur Deckung kommt. Und vielleicht hängen beide auch auf einer tiefgründigen Ebene zusammen
    (so denken jedenfalls manche Quantenphysiker heute).“

    Da empfehle ich das Buch von Fritjof Capra: Das Tao der Physik
    Hier kurz vorgestellt:
    http://de.wikipedia.org/...apra#Das_Tao_der_Physik

    Auch interessant:
    http://radszun.de/leere_und_form.htm

  6. Katharina Capra und Dürr
    08.02.2010 | 19:14

    ..sind systemische Denker.
    Hans-Peter Dürr verdeutlicht in seinem neuesten Buch "Warum es ums Ganze geht", u.a. den von ihm aus der neuen Physik hergeleiteten Zusammenhang zwischen Religion und Wissenschaft. Sehr spannend. Er erläutert die begrenzte Gültigkeit der von Herrn Sünner angesprochenen Außensicht.

  7. Balanus @Rüdiger Sünner : Evolution, Einstein und Quanten
    08.02.2010 | 19:42

    »So bewundernswert die heutige Evolutionstheorie ist, so sehr verführt sie einen auch dazu, alles und jedes in dieses Modell hineinzupacken.«

    Tja, aber welche Alternative bleibt uns denn, wenn wir akzeptieren, dass alles Leben auf Erden sich evolutiv entwickelt hat? Dann muss man doch zwangsläufig alle Erscheinungen des Lebens unter Berücksichtung evolutionärer Entwicklungsprozesse, soweit wir sie kennen, versuchen zu erklären. Es wäre höchst unwissenschaftlich, wenn man sich nicht um eine solche evolutionäre Erklärung bemühen würde, sondern gleich das Wirken rein geistiger oder sonst wie gearteter Kräfte postulierte.

    Ich kann mir schon vorstellen, was Einstein mit der "überlegenen Vernunft" im Kosmos gemeint hat, nämlich die Tatsache, dass es keine naturgesetzlichen Widersprüche gibt, dass alles perfekt zueinander passt und wunderbar aufeinander abgestimmt erscheint.

    Vielleicht sollte man sich mit diesem Bild vor Augen auch die evolutionäre Entwicklung des Gehirns vorstellen, und zwar beginnend mit den allerersten Nervenzellen in einfachst gebauten Vielzellern. Nervenzellen sind darauf geeicht, Reize aus der Umwelt (außen) zu empfangen und den Organismus (innen) adäquat reagieren zu lassen. In der ganzen langen Entwicklungsreihe bis hin zum Menschen ging es immer um eine korrekte, zweckmäßige innere Abbildung der Außenwelt. Angesichts dieser langen Schulungsphase und dem erreichten Komplexitätsgrad des Nervensystem wäre es doch viel erstaunlicher, wenn das Gehirn nicht in der Lage wäre, einige der Gesetzmäßigkeiten der Natur zu erkennen.

    Doch machen wir uns nichts vor: Alle individuellen Erkenntnisse haben nichts mit einem evolutionären Erkenntnisfortschritt zu tun.

    Sie sprechen die Quantenphysik an. Ich finde, da muss man ganz klar trennen zwischen den atomaren Grundbausteinen, die wohl in der Tat alle irgendwie zusammenhängen (ergibt sich logisch aus dem vermuteten Urknall), und den darauf aufbauenden höheren Strukturen, die ja völlig neue Eigenschaften besitzen. Aus den Eigenschaften der einzelnen Atome lassen sich beispielsweise nicht die Eigenschaften des Wassers vorhersagen, und aus den Eigenschaften der Biomoleküle nicht die lebender Systeme. Und die Eigenschaften einzelner Nervenzellen verraten uns nichts über das menschliche Bewusstsein. Die Welt ist hierarchisch konstruiert, insofern sehe ich keinen direkten Zusammenhang zwischen zufälligen Quantenphänomenen und zielgerichteten Denkprozessen.

    Vieles ist noch unklar, da haben Sie Recht. Was aber die Rolle der Gene betrifft, da haben wir inzwischen schon recht gute Vorstellungen über deren Funktion im "umgebenden Ganzen". Aber natürlich kann man nicht von den Struktureigenschaften der DNA auf das dazugehörige Lebewesen schließen (siehe oben).

  8. Rüdiger Sünner Was ist Geist?
    08.02.2010 | 22:29

    Die Allergie von Naturwissenschaftlern gegenüber "Geist" und "Gott" ist insofern verständlich, als diese Begriffe jahrhundertelang als von der Materie getrennt gedacht wurden. Schon in der Bibel schwebt der Geist "über" den Wassern statt "in" ihnen.
    Wie wäre es mit einem "Geist" IN statt ÜBER der Materie? Das muss auch nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie stehen, es kommt eben ganz auf den Geistbegriff an. Für mich ist es eher das kreative Potential der Natur, das nicht auf Chemie oder Physik zu reduzieren ist, kein über den Wolken schwebender Nebel oder ein streng vorherbestimmter Plan im Sinne eines "intelligent design". Eher etwas, zu dem auch Zufall, Spiel, Überschuss und Überraschung gehört. Goethe und Haeckel sagten, die Natur sei eine Künstlerin: der Geistbegriff, der darin steckt, gefällt mir ganz gut.

  9. Katharina Zitat
    09.02.2010 | 07:41

    ...aus "Warum es ums Ganze geht" (Dürr):
    "Am Ende allen Zerteilens von Materie bleibt etwas, das mehr dem Geistigen ähnelt - ganzheitlich, offen, lebendig: Potentialität, die Kann-Möglichkeit einer Realisierung. ...Das mag eine schlechte Nachricht für diejenigen bedeuten, die Natur manipulieren und letztlich fest in den Griff bekommen wollen. Denn wir können prinzipiell nicht genau wissen, was unter vorgegebenen Umständen in Zukunft passieren wird. Und dies, wohlgemerkt, nicht aus noch mangelnder Kenntnis, sondern als Folge der Sowohl-als-auch-Struktur der Potentialität, die mehr die lose Verknüpfungsstruktur freier Gedanken besitzt beziehungsweise einer "Ahnung" gleicht."

  10. Jürgen Bolt @Michael Blume: Gastkommentar
    09.02.2010 | 09:19

    Vielen Dank für Ihre Einladung zu einem Gastkommentar. Ich wußte und weiß immer noch nicht, ob ich das freundliche Angebot annehmen möchte. Deshalb habe ich 'religiös' reagiert, Ihre Einladung verdrängt und vergessen, daß ich Ihnen eine Antwort schulde. Tut mir leid!

    Das Buch soll heute bei meinem Händler eintreffen, und da ab Donnerstag hier in Köln eine mir etwas zu ethanophile Brauchtumspflege stattfindet und das öffentliche Leben blockiert, werde ich auch Zeit haben, es zu lesen. Wenn ich dann denke, daß ich etwas dazu zu sagen habe, das Ihre Leser interessieren könnte, melde ich mich gerne bei Ihnen.

  11. Mona Die Idee existiert nicht außerhalb des Geistes
    09.02.2010 | 09:38

    Als Künstler hat man natürlich eine andere Arbeitsweise, wie ein Naturwissenschaftler und daraus erwächst in der Regel auch eine andere Sicht der Dinge. Die Vorgehensweise eines Künstlers ist eine ganzheitliche und wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Ahnen ebenfalls ein ganzheitliches Denken hatten. Ich frage mich schon seit längerer Zeit ob es einen Zusammenhang zwischen Spiritualität und Kunst gibt. Gerade für die „frühen“ Künstler war ja Kunst und spiritueller Ausdruck in der Regel dasselbe. Zum Beispiel schult man im Rinzai-Zen die Spiritualität nicht nur durch Meditation, sondern auch durch die Betätigung mit Kunst, Musik und Literatur/Dichtkunst. Spiritualität ist m.E. die Fähigkeit, hinter die Grenzen zu blicken. Das Werkzeug dazu liefert uns das meditative Bewusstsein. Für die Menschen der Urzeit war der erste Tempel in dem sie spirituelle Wahrnehmung erfahren haben die Natur. Sie war alleinige spirituelle Lehrmeisterin für Schamanen, Seher, Druiden, Yogis und Weise aller Art. Naturvölker sprechen von einem Geist, der in allen Dingen wohnt und alles durchfließt. Erst mit dem Aufkommen der dualistischen Philosophien durch die griechischen Klassiker kam es zu einem Bruch. Die „östlichen“ Philosophien haben diesen Bruch nicht in dieser Weise vollzogen, daher fällt es dort vielleicht leichter den Geist in den Dingen zu sehen, anstatt außerhalb, wie wir.

    Das Eine
    nicht zu durchdringen
    bedeutet,
    beides zu verfehlen.

    von Meister Sosan

  12. Katharina Die Kunst des Übersetzens
    09.02.2010 | 10:03

    Künstler und Wissenschaftler, die Ahnung haben i.S. Dürrs (s.o.), haben zur Platonischen Welt der Ideen einen guten Draht. Sie sind darüber hinaus in der Lage, als Mittler und Übersetzer des Unsagbaren zu fungieren; d.h., sie können es für Andere nachvollziehbar machen.
    (Vergleichbar wird im Bereich der Esoterik dem Medium bei einer spirituellen Sizung eine ähnliche, grenzüberschreitende Fähigkeit zugetraut.)

  13. Rüdiger Sünner Platonische Ideen
    09.02.2010 | 10:46

    Ich glaube wiegesagt auch, dass in der Evolution neben Mutation und Selektion noch etwas anderes tätig ist, aber mit dem platonischen Ideenhimmel muss man vorsichtig sein, da er mit dem Entwicklungsgedanken schwer vereinbar ist. Die Platonischen Ideen haben etwas Starres, Statisches, Ewiges, weshalb sie auch von unserem Papst so geliebt werden. Aber Evolution ist ein offener, kreativer Prozess, wo auch evt. dahinter wirkende Götter, Geister oder Ideen nicht so genau wissen, wo es hinläuft. Das muss so sein, weil wir sonst keine Freiheitsräume hätten, weil sonst das Zufallsprinzip in der Evolution ignoriert werden müsste und wir auch keine Antwort auf die Existenz des Bösen hätten.
    Interessant ist, dass christlich orientierte Physiker eher zum platonischen Ideenhimmel neigen, Biologen wie Rupert Sheldrake eher zu Aristoteles, der "Ideen" nicht ausserhalb, sondern innerhalb der sich entwickelnden Formen annimmt.
    Dürr ist, glaube ich, auch kein Platoniker.

  14. Balanus Künstlerin Natur verstehen
    09.02.2010 | 11:01

    Für Sarah Hrdy ist "Mutter Natur" eine Metapher für die Evolution. Ebenso gut können wir "Künstlerin Natur" als Metapher für die gesamte Evolution nehmen, also einschließlich des nichtbiologischen Anfangs.

    Aber was wäre damit gewonnen, wenn wir eine Geist IN der Materie annehmen?

    Wäre es ein Fortschritt, wenn wir die Knallgas-Reaktion als Ausdruck des "kreativen Potentials der Natur" sähen? Oder befriedigen solche oder ähnliche Vorstellungen nur unser ästhetisches Empfinden?

    Was wären denn die praktischen Konsequenzen? Wenn wir dem Geist in der Materie keine Wirkkraft zuschreiben, bliebe für den Ingenieur, den Naturforscher, den Arzt, den Automechaniker und eben alle, die täglich mit Materie umgehen müssen, alles so wie bisher. Oder sollen wir annehmen, dass der Geist sich in den physikalischen Kräften zeigt? Aber auch dann bliebe diese Vorstellung ohne praktischen Nutzen.

    Ich habe den starken Eindruck, bei all diesen Geist- und Gottes-Vorstellungen geht es letztlich nur um das seelische Wohlbefinden. Weil es schwer fällt, die letzten Warum-Fragen einfach offen zu lassen. Daran hat sich im Laufe der menschlichen Evolution offensichtlich nichts geändert.

  15. Katharina @R.Sünner
    09.02.2010 | 12:00

    Ich habe mir eben "Das schöpferische Universum" von Sheldrake bestellt. Vielleicht haben Sie recht, daß das platonische Modell zu statisch ist. Aber ich muß mir das erst überlegen. Bislang fand ich es unübertroffen.

  16. Rüdiger Sünner Ästhetik
    09.02.2010 | 12:10

    Das sehe ich anders. Metaphern, die das kreative oder ästhetische Potential der Natur hervorheben, sind sehr freilassend, schliessen Forschung nicht aus und betonen das Wunderbare, Geheimnisvolle der Natur, verstärken auch Gefühle des Sich-Sorgens um die Natur, Ökologie etc.
    Jeder normale Mensch kennt so etwas, vielen Wissenschaftlern wurde dies im Studium systematisch abtrainiert, was sicher keine reichere Persönlichkeit aus ihnen gemacht hat.
    Ohne Metaphern geht auch in der Naturwissenschaft gar nichts, Biologie und Physik wimmeln selbst von Bildern und Gleichnissen: Urknall, Schwarzes Loch, Kraft, Partikel, Atomkern, Feld, Welle, dunkle Materie, genetischer Code, Schaltungen der Synapsen, Programme, Gen-Schalter. Diesen Bildern könnte man auch ihren Nutzen absprechen, ja sie verzerren möglicherweise sogar unser Verständnis der Natur, denn warum sollte diese ausgerechnet so wie unsere Maschinen oder Computer funktionieren?
    Ästhetische Gleichnisse und Denkmodelle sind also keine hübsche oder sogar überflüssige Zugabe zur Wissenschaft, sondern sind bei den grossen Pionieren sogar am Entstehungsprozess von Theorien beteiligt (siehe die ungemein lesenswerten Bücher von Ernst-Peter Fischer dazu).
    Sogar Darwin selbst beklagte im Alter den "seltsamen Verlust der höheren ästhetischen Empfindungen ... Mir scheint, mein Geist ist eine Maschine geworden."
    Welche bitteres Resumée eines solch genialen Forscherlebens.

  17. Katharina praktische Bedeutung
    09.02.2010 | 12:48

    Würde Geist nicht in der Materie wirken, und sähe man ein göttliches Prinzip sich nicht in jedem Geschöpf verwirklichen sondern verträte die reduktionistische Ansicht, so wären alle Geschöpfe vogelfrei, d.h., nur wertvoll im Hinblick auf ihre (auch evolutive) Funktion.
    Sofern diese Funktion nicht mehr erfüllt werden kann, z.B. durch Krankheit, oder auch noch nicht erfüllt werden kann, also beim Embryo, sind sie wertlos. Dann kann man mit ihnen machen, was man will.
    Es gibt einen Befürworter der verbrauchenden Embryonenforschung und der aktiven Sterbehilfe, der seine Haltung auf diese Weise begründet. (Lüke kritisiert ihn scharf und treffend, @Balanus! Er zeigt das Menschenverachtende dieser Haltung auf.)

    Das sind schon recht praktische Dinge, an denen sich die Geister scheiden - da geht es durchaus um mehr als um´s Wohlbefinden.

  18. balanus @Rüdiger Sünner: Konkret
    09.02.2010 | 13:43

    Welche der bewährten naturwissenschaftlichen Metaphern (erdacht von neugierigen, wissensdurstigen, schöpferischen Wissenschaftlern mit viel Sinn für Ästhetik) würden Sie denn durch andere Metaphern ersetzen wollen, eben durch solche, die das „ästhetische Potential“ der Natur hervorheben?

    Naturwissenschaftler entzaubern die Natur doch allenfalls für jene Zeitgenossen, die aus dem Stand der Sterne etwas über das eigene Schicksal erfahren wollen. Für die Übrigen wächst mit jeder neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnis das Staunen über die wunderbar komplexe Natur, wo eins ins andere greift.

  19. Rüdiger Sünner Polarisierung
    09.02.2010 | 14:18

    @Balanus
    Sie beginnen eine polemisch getönte Polarisierung, die meines Erachtens unnötig ist, die aber heute bei Diskussionen zum Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität weit verbreitet ist. Man müsste mal fragen, warum eigentlich.
    Es gibt nicht nur die präzise forschenden Naturwissenschaftler und diejenigen, die- wie sie schreiben - sich nach dem Stand der Sterne richten. Ernst Haeckel z.B. war Darwinist und hat sehr wohl das ästhetische Potential der Natur hervorgehoben. Er näherte sich den Radiolarien auch als Zeichner und sprach von den "Kunstformen der Natur". Ebenso der berühmte Biologe Adolf Portmann. Sogar der heute lebende Gen-Forscher Sean Carroll schreibt in seinem Buch "Evo Devo" über bestimmte Gen-Mechanismen:
    "Diese fantastischen Instrumente überführen die Geographie des Embryos teils wie ein genetischer Computer, teils wie ein Künstler in genetische Instruktionen, mit deren Hilfe dann dreidimensionale Formen entstehen." Warum schreibt er das?
    Man kann diese Dinge verbinden, sie sprechen ja selbst vom ästhetischen Sinn der Naturwissenschaftler. Wenn dieser Sinn zu Erkenntnissen führt, muss er ja mehr als blosse Projektion oder Esoterik sein und vielleicht ein Pendant in der Natur selbst haben. Es muss erlaubt sein, solche Fragen wenigstens zu stellen.
    Zu den Metaphern: Urknall ist ein völlig idiotischer und irreführender Begriff, zu diesem Zeitpunkt der Evolution war es still und dunkel im Universum, da hat nichts geknallt. Richard Dawkins "egoistisches Gen" ist von derselben irreführenden, aber verkaufsfördernden Machart.

  20. Jürgen Bolt Naturwissenschaft - Ästhetik
    09.02.2010 | 15:15

    Ich kann nicht finden, daß Balanus hier eine 'polemisch getönte Polarisierung' beginnt. Er paraphrasiert im wesentlichen den Schluß von Darwins 'Origin'. Übrigens stammt der Originaltitel von Carrolls wunderbarem Buch, 'Endless forms most beautiful', auch daraus.

    Ich finde nicht, daß man das verbinden kann, sondern plädiere noch einmal für Nietzsches Zweikammersystem. Die Naturwissenschaften in der einen Kammer, die Spiritualität und Ästhetik in der anderen. Und wir brauchen allerdings beide.

    Die Naturwissenschaften bereiten uns das Vergnügen, uns von den Irrtümern und Vorurteilen unserer Intuitionen zu befreien. Daneben stehen unsere ästhetischen Bedürfnisse, die diesen Anspruch nicht haben dürfen, aber genauso unentbehrlich sind. Ähnlich äußert sich übrigens Kant in der 'Kritik der praktischen Vernunft': Der 'bestirnte Himmel über mir' steht für das naturwissenschaftliche Vermögen, das 'moralische Gesetz in mir' ist zwar nicht die Ästhetik - die folgte erst in seiner dritten Kritik - aber vielleicht darf man die beiden letzteren in einer Kammer vereinen.

    Nietzsche distanzierte sich hier, wie ich meine zurecht, von seiner Verehrung für Wagners Gesamtkunstwerk, ohne den Genuß der Wagnerschen Musik aufgeben zu müssen. Andere Menschen lieben vielleicht nicht Wagner sondern religiöse Texte, das ist Geschmacksache und nicht zu kritisieren. Aber den Anspruch von Künstlern oder Religiösen, eine höhere Wirklichkeit zu beschreiben, muß man, denke ich, zurückweisen.

szmtag