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Warum sollte Gott ein Mann, ein Vater sein?

von Michael Blume, 30. März 2010, 14:35

Wer die (individuelle und soziale) Konstruktion von Gottesbildern erforscht, kommt natürlich um die Frage nicht herum, warum der monotheistische Eingott überwiegend männlich angesprochen wird. Immerhin zeigen Figurinenfunde der Vorgeschichte überwiegend (über Jahrzehntausende nahezu ausschließlich) weibliche Formen. Dies entspricht neueren Befunden zur starken Rolle von Frauen in der Formation hominider Gemeinschaftlichkeit. Und auch in der Antike - und in einigen Traditionssträngen etwa des Hinduismus - haben wir noch starke, weibliche Gottheiten (wie die ägyptische Maat oder Isis), Priesterinnen etc. Schließlich gehen entsprechende Formen auch in die neuzeitlichen Religionen über wie in Ephesus, wo anstelle der Muttergottheit Artemis heute die Gottesmutter Maria verehrt wird. Auch in Gemeinschafts-Selbstbezeichnungen wie christliche Mutter Kirche oder die islamische umma (von arabisch umm = Mutter) bleiben weibliche Konnotationen unverkennbar. Der Religionswissenschaftler fragt da also natürlich: Warum also wurde die Gottheit zu Vater, König, Richter, warum verblassten weibliche Namen und Rollen?

Einfluss des Ackerbaus

Nahezu als interdisziplinärer Konsens zu dieser Frage hat sich herausgebildet, dass die Ausbreitung des Ackerbaus das Geschlechterverhältnis drastisch verändert hat: Im Gegensatz zur Millionen Jahre alten Lebensform der Wildbeuter werden nun Land und Güter zu Besitzständen, die beackert, vererbt und verteidigt werden müssen. Neuere Genstudien zur europäischen Geschichte scheinen das historisch rekonstruierte Bild zu bestätigen: Patriarchale Männerbünde mit hoher Zahl an männlichen Erben setzen sich zunehmend durch, gewannen wildbeutende Frauen und verdrängten deren weniger erfolgreiche Männer fast völlig. Möglicherweise stellt die biblische Sündenfallgeschichte eine mythologische Erinnerung an diesen Umbruch im Fruchtbaren Halbmond dar - man betrachte die Schilderung des Miteinanders im Paradies, die Strafen, die Eva und Adam für die Aufhebung eines Frucht-Tabus aufgebrummt bekommen und der Konflikt zwischen Kain (Viehzüchter) und Abel (Landbauer).

Dass in diesem Prozess über Jahrtausende hinweg weibliche Gottesbilder buchstäblich "untergepflügt" werden, wird meist als Ausdruck (und vielleicht auch Legitimation) der neuen Machtverhältnisse interpretiert. Andere verweisen auf den nun entstandenen Bedarf an hierarchischen Erzählungen (das sog. Chef- oder Silberrücken-Argument). Dummerweise erklären diese Ansätze jedoch nicht, warum in der Formationsgeschichte der monotheistischen Religionen mit männlich konnotiertem Eingott gerade auch Frauen zu den ersten und entscheidenden Unterstützerinnen gehörten - und auch heute noch durch ihr Engagement diese Traditionen maßgeblich tragen. Auch nach heutigen Daten prägt die Religiosität der Mütter Kinder stärker als die der Väter.

Warum also nahmen und nehmen Frauen überwiegend männlich konnotierte Gottesbilder an, und warum geben sie sie aktiv weiter?

Neuer Ansatz in William Paul Young: Die Hütte

Einem überraschend frischen Ansatz begegnete ich nun in der Erzählung "Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott" von William Paul Young (einem christlichen Nichttheologen). Dieses - nach Ablehnung durch Verlage über das Internet längst zum Bestseller gewordene Buch - löste unter Fundamentalisten und Kirchenfürsten in den USA einen Sturm der Empörung aus, da Gott (Anrede "Papa") darin nicht nur in Menschenform geschildert wird, sondern als gutmütige Afroamerikanerin. Und in bildhafter Sprache eine eigenwillige "Hypothese" formuliert:

Sie beugte sich vor, als wollte sie ihn in ein Geheimnis einweihen. "Würde ich dir als weiße Großvatergestalt erscheinen, so wie Gandalf, würde das nur deine religiösen Stereotypen verstärken."
[...]
"Aber", er hielt inne, immer noch darauf konzentriert, vernünftig zu sein, "warum wird dann so sehr betont, dass du ein Vater bist? Mir scheint das die Form zu sein, in der du dich am häufigsten offenbarst."
"Nun", antwortete Papa, während sie sich eifrig in der Küche zu schaffen machte, "das hat viele Gründe, und einige davon sind sehr tief verwurzelt. Einstweilen möchte ich dir dazu nur Folgendes sagen: Wir wussten, dass es nach dem Sündenfall viel mehr an Väterlichkeit mangeln würde als an Mütterlichkeit. Versteh mich nicht falsch, beides wird gebraucht - aber eine stärkere Betonung der Väterlichkeit ist vonnöten, weil sie in eurer Welt so sehr fehlt."


Aus: Paul William Young, "Die Hütte", Ullstein 2009, S. 106 - 107

Da als literarische, nicht wissenschaftliche Aussage formuliert, spielt Young hier natürlich durchaus mit einer Mehrdeutigkeit: Die Aussage könnte so verstanden werden, dass der göttliche Vater die psychologischen Bedürfnisse der Glaubenden kompensiert. Oder (besser: und, denn es könnte ja auch beides zutreffen) es könnte darum gehen, dass die Vorstellung eines involvierten, göttlichen Vaters zu verbindlicher Vaterschaft motiviert.

Ihre Stimme ist gefragt

Den Ansatz finde ich neu und spannend: Gerade die Machtverschiebung durch die Agrarwirtschaft dürfte in der Tat die gewachsenen Familienstrukturen zerrüttet haben. Und bis heute sind weltweit ca. 90% aller Alleinerziehenden Frauen, ganz abgesehen davon, dass auch in Familien, Schulen etc. "Vatermangel" attestiert wird. Der Zusammenhang zwischen religiöser Verbindlichkeit und Reproduktionserfolg ist inzwischen unstrittig, wobei Frauen jene Traditionen und Gemeinschaften zu bevorzugen scheinen, die stabile Familien begünstigen. Es bleiben freilich noch unzählige Details zu klären. Ob Väter aber wirklich so überflüssig sind, wie es einige Stimmen behaupten? Bestand und besteht zwischen Vater- und Gotteshoffnungen ein (wie?) nachprüfbarer Zusammenhang?

Zwischen zwei Zahnarztterminen wartend, habe ich nun schon einige Stunden damit verbracht, religionswissenschaftliche Pro- und Contra-Argumente gegen diese Hypothesen abzuwägen. Zu einem schlüssigen Ergebnis bin ich jedoch bislang nicht gekommen. Und so dachte ich mir, dass es vielleicht eine gute Gelegenheit sein würde, den "Dialog via Wissenschaftsblog" mal zu testen. Hiermit möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, ergebnisoffen fragen, was Sie von den Young-Annahmen halten und welche Argumente aus Ihrer Sicht dagegen oder dafür sprechen.

Und füge auf Anregung aus der munteren Kommentardiskussion als Beispiel für zeitgenössischen Neopaganismus einen Anbetungssong im Hinblick auf ein weibliches Gottesverständnis hinzu:





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Kommentare

  1. KRichard Stufe 3
    30.03.2010 | 19:02

    Peter Watson weist in seinem Buch ´Ideen´ (Bertelsmann, ISBN 978-3-570-00626-9) vereinfacht auf drei Stufen der Religionsentwickung hin.
    Am Anfang stand die Fruchtbarkeit im Mittelpunkt des Interesses: Frauenidole, Stiergötter, heilige Steine.
    Der nächste Schritt ist die Einführung von Opferritualen, mit denen man sein Schicksal zu beeinflussen hoffte (Transzendenz).

    Er meinte, dass die Frauen/Göttinnen mit dem Aufstieg größerer urbaner Kulturen entmachtet wurden und männlichen Herrschern/Göttern Platz machen mussten.

    Er meint, dass speziell das städtische Leben stärker auf die Männer konzentriert war. Während die Frauen mit Haushalt und Kindererziehung beschäftigt waren, konnten die Männer in neuartigen Tätigkeiten ihre Bedeutung aufwerten: Handwerk, Krieger, Priester, Händler, Herrscher usw.

  2. Mona Vater unser
    30.03.2010 | 19:28

    Nun, ich nehme an, dass Gottesbilder einfach auch einem Wandel unterliegen. Als sich die Gesellschaft wandelte, wandelte sich auch das Gottesbild. Schaut man sich alte religiöse Gemälde an wird Gott in der Regel als alter Mann mit Bart dargestellt, dieses Bild hat sich bei vielen Menschen eingeprägt.

    Im Alten Testament wird Gott als der Schöpfer von Himmel und Erde beschrieben. Er gehört zwar nicht selbst der Welt an, trotzdem hat er menschliche Züge. In der Bibel ist ja häufig die Rede davon, dass Gott unser Vater ist. Die Christen stellen sich demnach also Gott als Vater vor.
    Hier habe ich eine schöne Grafik zu den Gottesvorstellungen im AT gefunden:
    http://www.eberhard-gottsmann.de/...aps/GottAT.htm

    Vielleicht sehnen sich Menschen in schwierigen Situationen eher nach Gott, als Vater und Beschützer: http://www.youtube.com/...RoQg&feature=related

  3. Rüdiger Sünner Gott als Person
    30.03.2010 | 21:54

    Gott als Mann, Gott als Frau. Warum muss Gott überhaupt eine Person sein?

  4. Ralph Würfel Tranformationen
    30.03.2010 | 22:05

    Immer, wenn sich ein Gottesbild radikal ändert, gehen dem einerseits ökonomische, gesellschaftliche und soziale Änderungen voraus. Aber – und das ist entscheidend – diese fanden andererseits auch auf mentaler Ebene statt. Und zwar als Transformation im Bewusstsein (ich erinnere hier noch mal an das Bild vom mehrstöckigen Haus).

    Der Übergang zur sesshaften Ackerbaugesellschaft und zum Patriarchat verläuft gleichzeitig mit dem Übergang vom verbal-symbolischen/mythischen Denken (die Zugehörigkeit zur Gruppe, zum Blutopfer) zur Ego-Rationalität (der Held, der Drachentöter). Dieser Übergang könnte sich wie folgt erklären:

    Die weiblichen Riten fanden in „schützender Isoliertheit“ statt, während die männlichen Riten nun „gemeinschaftliche“ Riten sind (nach Ruth Underhill); das Bild (oder Symbol) der Mutter oder „das feminine Prinzip“ ist „natürlich“ mit der ERDE verbunden, das „maskuline Prinzip“ des VATERS liegt „mental“ im Himmel. Wenn ich also „aufsteigen“ will (Himmelfahrt im Sinne von Transformation des Bewusstseins auf die nächsthöhere Ebene), muss ich die Mutter Erde („die Mütter“ bei Faust) hinter mir lassen und mich dem zum himmlischen Vater zuwenden (nach E. Neumann).

    Das kann, muss aber nichts mit Unterdrückung des Weiblichen zu tun haben (meistens hatte es das aber leider doch). Das Frauen da „mitgespielt“ haben, liegt sicher daran, dass jedes menschliche Bewusstsein diese Veränderung mitmachte (also das der Männer UND der Frauen). Neumanns „Ursprungsgeschichte des Bewusstseins“ verweist außerdem darauf, dass „die Väter nun die Vertreter der Gesetze und Ordnungen sind“, also der „Zivilisation und Kultur“, während die Mütter die Wahrerinnen der “höchsten, d.i. tiefsten Werte der Natur und des Lebens“ bleiben. Die Väter setzen aus diesem neuen Bewusstsein heraus also die religiösen, sozialen und politischen Strukturen und schaffen, um der Ego-Rationalität zum Durchbruch zu verhelfen, ein Super-Ego, welches eben genau diese (ihre eigentliche und ureigene) Aufgabe spiegelt – den patriarchalischen, monotheistischen Gott.

    Tut mir leid, wenn das – wie soll man das in ein paar Zeilen auch anders schaffen – nur undeutlich verständlich ist oder schwer nachvollziehbar. Andere schreiben darüber schließlich ganze Bücher ;-)
    Ich hoffe aber, der Ansatz ist verständlich.

  5. H.Aichele Au, vielschichtig
    30.03.2010 | 22:10

    Au, da werden unheimlich viele Fragen angeschnitten. Seit wann es ein dezidiertes Patriarchat gibt - gibt es da einigermaßen genaue Auskunft? Plausibel erscheint mir - laienhaft - , dass das sich mit dem Ackerbau verfestigt hat. War das vorher aber wirkliches Matriarchat? Das Geschlecht Gottes/der Götter kann ja schon auch das jeweilige Gegenüber zu dem unter den Menschen herrschenden sein. Auch Patriarchen können doch Göttinnen verehren. Und Frauen, ob matriarchalisch interessiert oder nicht, können doch auch männliche Götter verehren.
    Ist ja auch sinnvoll, dass im extrem männerbeherrschten Katholizismus Maria so inthronisiert wurde - nicht nur als Partnerin leidender Frauen sondern als Liebesobjekt/Sublimationshilfe für die sonst inbefriedigten Männer...
    Den Spiegel-online-Artikel zum Paradies ff und dem fruchtbaren Halbmond überflog ich - die Hauptfrucht: es geht durcheinander wie Kraut und Rüben. Richtig solide dem gegenüber: Jared Diamond.
    Auch für die Paradies-Geschichte ist das nicht erhellend. Juckt mich richtig in den Fingern, mal was zur Paradies/"Sündenfall"-Geschichte zu schreiben. "Aufhebung eines Frucht-Tabus"? Ich möchte es viel nüchterner interpretieren: Solche Geschichten sind erzählte Anthropologie; Menschen des Altertums haben ihre Beobachtungen und Einsichten zum Menschsein erzählerisch dargestellt. Und natürlich in diese Erzählungen auch hisororische Erinnerungsbrocken/Überlieferungsfetzen eingewoben.
    Übrigens eine mir einleuchtende Beobachtung in der älteren Scjöpfungserzählung (Gen2): "Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau hängen" - diesen matriarchalischen Weisheits-Satz - das haben männliche Erzähler in ihre Geschichte eingebaut, diesen fremdartigen Brocken aus ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen. Ob sie gewusst haben, was sie taten?

    So viel, doch zu viel?, für heute. Aber wenigstens bin ich mal wieder dabei ;-)

    Guts Nächtle
    HERMANN

  6. Michael Blume @ KRichard
    30.03.2010 | 22:32

    Vielen Dank, das scheint eine ansprechende Variante der Hypothese von der Machtverschiebung zu sein. Was mir aber nicht klar ist: Warum sollten die Frauen gerade auch bei der Erhebung und Anbetung der männlich konnotierten Gottheiten so aktiv mitmachen, wie sie es taten - und tun. Hat Watson dazu eine Idee?

  7. Michael Blume @ Mona
    30.03.2010 | 22:36

    Danke für die Gedanken und Links. Ein ungerichteter Wandel wäre ein Drift. Nur wäre dann schwer erklärbar, warum sich in den verschiedensten Traditionen männliche Bilder durchsetzten, nicht aber weibliche. Das spricht ja eher für einen gerichteten Prozess.

    Sehr gut gefällt mir diese Vermutung: Vielleicht sehnen sich Menschen in schwierigen Situationen eher nach Gott, als Vater und Beschützer.

    Demnach hätte gerade unter den Bedingungen post-agrarischer Konflikte (massives Bevölkerungswachstum und Konflikte um Land und Güter) die Sehnsucht nach "väterlichem" Schutz männlich-patriarchal konnotierte Bilder gestärkt... Ein ganz interessanter Gedanke!

  8. Michael Blume @ Rüdiger Sünner
    30.03.2010 | 22:40

    Du fragtest: Gott als Mann, Gott als Frau. Warum muss Gott überhaupt eine Person sein?

    Weil belebt-personale Gegenüber vom Wahrnehmungssystem gegenüber unpersönlich-toten Dingen präfertiert werden. Wir reagieren auf die geglaubte Beobachtung und Beziehung mit übernatürlichen Akteuren:
    http://www.chronologs.de/...3-28/gott-im-kopf-wozu

    Auch aus Systemen auf Basis ursprünglich abstrakter Prinzipien (z.B. Buddhismus, Daoismus, Shintoismus, Jainismus etc.) gingen in der Alltagspraxis schnell Verehrungsformen quasi-personaler Wesenheiten (z.B. Ahnen, Bodhisatva, Kami etc.) hervor.

  9. Michael Blume @ Ralph Würfel
    30.03.2010 | 22:45

    Das sind wirklich schöne Formulierungen, wobei mir nicht klar ist, warum die Mutter grundsätzlich der Erde, der Vater dem Himmel zugeordnet worden sei? Ist das wirklich bei allen Menschenkulturen so? Und wie wird es erklärt?

    Dazu stellt sich aus der Perspektive der Evolutionsforschung stellt sich natürlich immer die Frage (auch) nach der Funktionalität. Wenn Frauen und Männer mit enormen Energie- und Zeitaufwand nur mentale Bilder hin- und herschöben, wäre mit einem negativen Selektionsdruck zu rechnen. Aber die Befunde zeigen ja auch für heute auf, dass z.B. Reproduktionsvorteile bestehen:
    http://www.chronologs.de/...emografie-und-religion

    Gibt es dazu in der Transformationsannahme überprüfbare Hypothesen?

    Ehrlich interessierte Grüße!

  10. Michael Blume @ Hermann: Paradies
    30.03.2010 | 22:46

    Nun, ich glaube, Du hast da Recht: Die Sache mit der Sündenfallgeschichte und dem Übergang in den Ackerbau ist zu interessant für einen etwas unsortierten Linkartikel. Es lohnt sich, darauf einmal gesondert einzugehen. Danke für die Anregung - und schön, dass Du (wieder) aktiv bist!!!

  11. Ralph Würfel @M. Blume: Himmel und Erde
    30.03.2010 | 23:26

    Zitat: "... warum die Mutter grundsätzlich der Erde, der Vater dem Himmel zugeordnet worden sei? Ist das wirklich bei allen Menschenkulturen so?"

    Wir sprachen ja nicht über alle Kulturen, sondern über die, in denen es göttliche Vaterfiguren gibt. Ich habe Bachofens "Mutterrecht" leider nicht gelesen und auch Neumanns "Ursprungsgeschichte" zitierte ich leider nicht aus dem Original. Joseph Campbell hat in "Masks of God" auf jeden Fall alle Mythen Griechenlands und des Nahen Ostens daraufhin abgeklopft. Ob es für die indischen oder amerikanischen Kulturen (beispielsweise) auch zutrifft, weiß ich leider nicht.

    Bezüglich der Transformationsannahme folge ich im Wesentlichen Ken Wilber ("Halbzeit der Evolution" und "Eros, Kosmos, Logos").

  12. adenosine kein Betreff
    31.03.2010 | 09:19

    Welches Gottesbild (Schamanismus?) gibt es denn bei den Viehzüchtern und Reitervölken (Mongolen, Hunnen). Ich hätte die auch eher als patriachalisch eingeschätzt. Und im Entvölkern von Agrarkulturen haben die doch eine erfolgreiche Historie.

  13. Rüdiger Sünner Gott als Person
    31.03.2010 | 10:51

    Meine Frage, ob Gott eine Person sein muss, ist nicht nur auf Historie bezogen. Wozu betreibt man Wissenschaft, Religionswissenschaft, Historie? Letztlich doch wohl auch, um Orientierungshilfen für heute zu bekommen. Oder? Also lautet die Frage: Wozu heute einen personalen Gottesbegriff?
    Zumal er sich möglicherweise mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften weniger verträgt als ein nicht-personaler. Und auch mit der Entwicklung der Kunst seit ca. 1800. Es ist interessant, dass fast alle grossen Philosophen, Dichter, Maler, Musiker, Physiker, Astronomen, Biologen der letzten 150 Jahre - wenn überhaupt - dann eher einen nicht-personalen Gottesbegriff bevorzugen. Auch Dawkins' spirituelle Gefühle von "Andacht" würden da reinpassen. Ist ein personaler Gott da nicht ein (vielleicht für manche nötiges) Relikt aus vergangenen Zeiten?
    Stellt sich heute wirklich jemand vor dem Urknall eine grosse Vater- oder Mutterfigur im Kosmos vor, die das initiiert hat? Dass Menschen so etwas glauben oder geglaubt haben, besagt ja noch nichts über dessen Plausibilität. Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir in "Vater" oder "Mutter" Bilder für archetypische Kräfte sehen, die in personenhaften Bildern verkörpert werden können, aber nicht müssen. So schön die Eiszeitfiguren sind: Sehen wir heute in "Mutter Natur" eine dickbäuchige Frau? Wohl eher etwas viel Umfassenderes, Rätselhafteres, eben Nicht-Bennenbares und Nicht-Personifizierbares. Darauf kommt es mir an: mit der Personifizierung nicht das Numinose, Unauslotbare, Abgründige, Schwindelerregende zu verlieren. Daher sind mir wohl auch die Gottesbegriffe der Mystiker aller Weltreligionen immer näher gewesen, als die orthodoxen Auslegungen.

  14. KRichard @Blume
    31.03.2010 | 15:51

    Speziell darüber, wieso auch Frauen sich an der Erhebung und Anbetung männlicher Gottheiten beteiligten, konnte ich bei Watson nichts finden.

    Weil aber Männer in urbanen Siedlungen ihre Interessen durch neue Handwerksberufe und bei politischen Entscheidungen deutlich mehr erweitern konnten als die Frauen - könnte dies ein Grund für die zunehmende Bedeutung männlicher Priester/Herrscher/Götter gewesen sein.
    Frauen waren bei wichtigen Entscheidungen ganz einfach nicht anwesend - so banal könnte der Grund gewesen sein (aber dies ist nur Spekulation)

  15. Ralph Würfel @M. Blume: Himmel und Erde
    31.03.2010 | 19:19

    Ich weiß natürlich, dass Wikipedia keine wissenschaftlich verwendbare Quelle ist, möchte aber dennoch auf zwei Mythen hinweisen, die Himmel = männlich/Vater und Erde = weiblich/Mutter setzen.

    Einmal nur ein Link:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rangi_und_Papa

    Und hier ein Zitat:
    "Die Forschung versteht hier aber die Erde zum Teil als Personifikation der Erde, also als Mutter Erde.[56][57] Eine vergleichbare Mythe enthält die Prosa-Edda, nach der die erste Kuh Auðhumla den Riesen Ymir nährte (’ siehe Abschnitt: Die Urkuh Auðhumla). Kühe sind in vielen Mythologien ein mythisches Bild für die Erdmutter.[56] Im Vergleich mit den Schöpfungsmythen der Naturvölker braucht Mutter Erde aber, um fruchtbar zu sein, einen männlichen Befruchter, Vater Himmel.[58] Daher nahm man in der älteren Forschung auch an, dass Tuisto der Sohn des germanischen Himmelsgotts *Tiwaz sei.[59] Diese Vermutung versuchte man etymologisch zu untermauern. In einigen Handschriften der Germania steht anstatt Tuisto ‚Tuisco‘. Liest man diese Schreibvariante als Verhörung für Tiwisko, so ergibt sich die Bedeutung ‚Sohn des Tiwaz‘. Vergleichbar setzt auch die nordische Mythologie eine Beziehung zwischen dem Himmelsgott und der Erde voraus. Jërð, die nordische Personifikation der Erde, galt als Frau und Tochter Odins, der in seiner Eigenschaft als Allvater eine andere Himmelsgottheit verdrängt hatte,[56] nämlich Tyr, der aus dem germanischen *Tiwaz hervorgegangen war."
    http://de.wikipedia.org/...h%C3%B6pfungsgeschichte

    Ich lese auch gerade ein Buch mit Interviews mit Joseph Campbell und werde berichten, wenn ich was dazu finde.

    Interessant scheint mir noch der Gedanke, dass später in einigen Religionen die (weibliche) Erde (oder Höhle) als Prinzip sich zur (männlichen) Unterwelt (oder Hölle) mausert und hier die ehemaligen Protagonistinnen zu Gehilfinnen eines männlichen Gegenspieler des Gottesvaters degradiert werden.

  16. KRichard @adenosine
    31.03.2010 | 20:01

    Mongolen glaubten an den Einfluss von Naturgeistern und Dämonen.
    Aufgabe des Schamanen war es, Schutzzauber gegen böse Geister vorbeugend auszuüben und/oder wenn sich etwas Schlechtes ereignet hatte, dieses Böse aus der Welt zu schaffen und den ursprünglichen Zustand wieder her zu stellen.
    Ein wichtiger Bestandteil schamanistischer Handlungen war die Jenseitsreise bei der er mit Unterstützung von Hilfsgeistern die bösen Dämonen bekämpfte. Zu seinem Schutz war seine Kleidung mit vielen symbolischen Abwehrwaffen benäht (Pfeile, Bögen, Spiegel(reflektieren von feindlichen Geschoßen)).

  17. Michael Blume @ adenosine: Nomaden
    01.04.2010 | 09:10

    @KRichard hat ja schon teilweise geantwortet. Ich möchte ergänzen, dass in naturreligiösen und schamanistischen Glaubenssystemen praktisch immer weibliche "und" männliche übernatürliche Akteure (Geister, Götter etc.) auftreten, auch religiöse Rollen von Frauen und Männern eingenommen werden können. Allerdings haben wir es hier keineswegs mit "kulturellen Fossilien" zu tun - gerade mündlich tradierte Religionskulturen nehmen gerne Aspekte aus umliegenden Religionen auf, so dass ein "purer" Schamanismus nicht mehr zu beobachten ist.

    In den Geschichtswissenschaften wird diskutiert, dass das Nebeneinander nomadischer und landbauender Populationen zu einem wechselseitigen, organisatorischen Wettrüsten beigetragen und die Entstehung früher Imperien maßgeblich begründet hat. Vor allem Peter Turchin Arbeiten zur "Imperiogenesis" sind hierbei zu nennen:
    http://cliodynamics.info/...Steppe_JGH_reprint.pdf

    Sollten sich diese Befunde verstetigen, bekäme die mythologische Überlieferung über den mörderischen Streit zwischen Kain und Abel tatsächlich noch eine weitere, bislang übersehene Dimension. (Man sieht, es gibt derzeit nicht nur in der Physik viel Neues zu erforschen, bräuchte dringend mehr kulturwissenschaftliche Expertinnen und Experten in diesen Fragen... *Seufz*)

  18. Michael Blume @ Rüdiger: Beschreiben & Bewerten
    01.04.2010 | 09:15

    Lieber Rüdiger,

    apersonale Systeme (wie der frühe Buddhismus, Jainismus, Taoismus etc.) scheinen nicht in der Lage zu sein, dauerhafte, religiöse Bindungen zu erzeugen - daher wurden auch darin bislang ausnahmslos personale Akteure konstruiert oder adoptiert. Mit "Dingen" vergemeinschaften wir Menschen uns nicht (zumindest nicht über Generationen hinweg erfolgreich), wir suchen personale Gegenüber. Auf die Unterscheidung zwischen (sozial orientierter) Religiosität und (ins Apersonale transzendierender) Spiritualität darf ich verweisen:
    http://www.chronologs.de/...ge-nach-hirngespinsten

    Ob das nun philosophisch gut oder schlecht ist, wage ich gar nicht zu beurteilen - ich möchte es (erst) wissenschaftlich besser verstehen. Entsprechend suche ich nach besseren Hypothesen zu der Frage, warum es diese Geschlechts-Verschiebungen in der Wahrnehmung übernatürlicher Akteure gegeben hat. Die vorliegenden Thesen finde ich noch nicht ausreichend.

  19. Michael Blume @ KRichard
    01.04.2010 | 09:23

    Ja, das ist ja der fast schon klassische Ansatz: Die gesellschaftliche Machtverschiebung habe sich in neuen Traditionen zur (zunehmend männlich konnotierten) übernatürlichen Akteure niedergeschlagen.

    Wir scheinen aber am gleichen Punkt unzufrieden mit dieser Erklärung zu sein. Sie schrieben: Frauen waren bei wichtigen Entscheidungen ganz einfach nicht anwesend - so banal könnte der Grund gewesen sein (aber dies ist nur Spekulation)

    Der Punkt ist ja: Gerade bei der Durchsetzung und Erhaltung der monotheistischen Religionen waren (und sind!) Frauen sogar ganz entscheidend beteiligt gewesen. Schon in der Bibel wird - mit erstauntem Unterton - von der starken Unterstützung Jesu durch die Jüngerinnen hingewiesen, in den Apostelgeschichten spielen fördernde Frauen auch aus den Mittel- und Oberschichten tragende Rollen und bis heute wird das ehrenamtliche und diakonische Engagement der Kirchen maßgeblich von den Frauen getragen. Es waren und sind überwiegend Frauen, die (ihre und andere) Kinder religiös unterwiesen, die Traditionen weitergaben etc.
    http://www.chronologs.de/...-religi-se-frauen-dumm

    Für diesen Aspekt suche ich noch nach schlüssigeren Erklärungen, da es m.E. nicht angeht, Frauen per se zu unterstellen, sie seien unfähig, eigene Interessen zu vertreten. Aus evolutionärer Sicht ist stattdessen zu erwarten, dass sich Verhalten beider Geschlechter tendenziell adaptiv entwickelt haben sollte. Hier fehlt m.E. ein Puzzleteil, wahrscheinlich liegt es schon vor unserer Nase...

  20. Michael Blume @ Ralph Würfel
    01.04.2010 | 09:26

    Ein ehrliches Danke für das Mit-Suchen! Gerade weil wir recht unterschiedliche Literatur zu verwenden scheinen, könnten sich da Funde auftun! Genau so macht das Wissenschaftsbloggen Freude! *Blogger-freut-sich*

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