chronologs Natur des Glaubens

Gene für Glauben? Neues aus der Verhaltensgenetik

von Michael Blume, 16. März 2008, 13:30

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass Intelligenz, Musikalität, Sprachkompetenz und viele andere Fähigkeiten unseres Gehirns im Wechselspiel genetischer Veranlagungen und sozialer Einflüsse erblühen (oder eben nicht). Nun zeigen Verhaltensgenetiker: Für Religiosität gilt genau das Gleiche.

2004 sorgte der Genetiker Dean Hamer mit seinem Buch "Das Gottesgen" für Aufsehen. Denn der Titel weckte Erwartungen, die sich bei näherer Betrachtung nicht halten liessen: die von Hamer identifizierte Gensequenz VMAT2 bestimmte keinesfalls das gesamte religiöse Leben der Probanden, sondern korrelierte mit einem Prozent (!) auf einer Skala religiöser Erfahrung. Das komplexe Phänomen Religion erwies sich erwartbar als polygen (durch viele, wechselwirkende Gene veranlagt) und zudem kulturell mit-ausgeprägt.Beten, auch seine Sache der Gene

Thomas J. Bouchard und die Zwillinge 

Die Hamer-Debatte verdeckte, dass Verhaltensgenetiker wie Thomas J. Bouchard schon seit Jahren auch die Vererbbarkeit religiösen Verhaltens erforschten und insbesondere über Zwillingsstudien mit mehreren tausend Teilnehmern bemerkenswert viel Wissen zusammen getragen hatten. Dabei wird unter anderem das Verhalten mono- und dizygoter Zwillinge, die je in gemeinsamen oder getrennten Verhältnissen aufwachsen, verglichen.

Im Rahmen einer Religion-Evolution-Tagung in Delmenhorst 2007 präsentierte uns Thomas sowohl Befunde eigener wie auch fremder Studien, die ein bemerkenswert klares Bild ergeben: Auch die Motivation zu religiöser Praxis erweist sich im Bereich von 40% bis 50% als genetisch vererbt. Während der Jugend bleiben die familiären Einflüsse insbesondere auf die extrinsisch beeinflußbaren Verhaltensaspekte (beispielsweise Gottesdienstbesuche) übermächtig, bei jungen Erwachsenen setzen sich dann jedoch, am schnellsten im intrinsischen Bereich (beispielsweise private Gebete) bald auch eigene Präferenzen durch.

Menschen erweisen sich als unterschiedlich "religiös musikalisch" - ob und in welcher Form sie diese Veranlagung ausprägen, hängt damit einerseits von der Frühförderung, andererseits von der Vielfalt des Angebots ab. Fehlt es an beidem (wie z.B. derzeit noch in vielen postsozialistischen Staaten) so bleibt die allgemeine Religiosität noch eine Zeit randständig - ebenso, wie sich auch eine zerstörte Musikkultur und -szene nicht über Nacht wieder etablieren lässt.

Freiland-Beobachtungen: Der religiöse Markt der USA

Während aber Europa (und auch europäische Biografien) meist durch religiöse oder weltanschauliche Regionalmonopole geprägt wurden, bestand und besteht in den USA seit Generationen eine große, religionsgemeinschaftliche Vielfalt, deren Wettbewerb weder durch staatliche Privilegien noch Steuergelder nur für bestimmte Anbieter gelähmt wird. Mit den Worten des Politiksoziologen Michael Zöller: „Ist die eigene Kirche zu liberal, zu konservativ, zu phantasielos, so kann man umsteigen, statt auszusteigen.“ Für die Frage, wie groß der Einfluss des Elternhauses ist, erweisen sich die USA damit als optimaler Freilandversuch.

Und: laut aktueller Pew-Studien befinden sich derzeit 44% der erwachsenen Einwohner der USA tatsächlich "nicht" in der Glaubensgemeinschaft, in der sie erzogen wurden. 28% haben nicht nur innerhalb einer Konfessionsfamilie, sondern die Glaubenszugehörigkeit insgesamt gewechselt und über 13% gehören trotz religiöser Erziehung heute keiner Religionsgemeinschaft mehr an. Eine kulturalistische Determinierung durch das Elternhaus sieht wohl anders aus...

Wenn aber in nur einer Generation mehr als jeder achte US-Amerikaner konfessionslos wurde - wie erklärt sich dann die bleibend hohe Religiosität des Landes? Mit zwei Gründen: Zum einen gilt auch in den USA, was wir längst weltweit beobachten - religiöse Menschen heiraten häufiger und stabiler und haben durchschnittlich deutlich mehr Kinder als konfessionslose oder gar atheistische Zeitgenossen (übrigens gerade auch in höheren Einkommens- und Bildungsschichten).

Auch in den USA haben religiöse Menschen durchschnittlich deutlich mehr Kinder.

Und: aufgrund des vielfältigen und aktiven religiösen Angebotes entscheiden sich auch mehr als die Hälfte der (wenigeren) konfessionslos erzogenen Kinder - doch wieder für eine Religion. Junge Leute, die verbindliche Gemeinschaftsformen suchen und Familien gründen wollen, verlassen vor allem überalternde (religiöse und konfessionslose) Milieus und schliessen sich bereits kinderreichen Religionsgemeinschaften an. Biologische und kulturelle Evolution wechselwirken miteinander. 

Religiosität erweist sich so nicht nur als ein genetisches Relikt unserer Vergangenheit - gerade in freiheitlichen Gesellschaften setzen sich diese Veranlagungen durch Reproduktionserfolg derzeit genetisch adaptiv und auch immer wieder kulturell durch. Die Evolution menschlicher Religiosität findet derzeit beobachtbar weiter statt. Es ist schon fast eine tragische Ironie: Auch der Kreationismus in den USA wächst nicht deswegen immer wieder nach, weil Kreationisten ernsthafte, wissenschaftliche Argumente hätten - sondern weil sich verbindlich religiöse Menschen evolutionsbiologisch häufiger erfolgreich verhalten und viel häufiger Kindern das Leben schenken... 

Und über den deutschsprachigen Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, der genau diesen Zusammenhang und Religion-Demografie-Wettbewerb schon vor einem Vierteljahrhundert erkannte und in seinem Abschlusswerk beschrieb (aber bislang "zwischen den Kulturen" ungehört blieb), wird der nächste Beitrag berichten.



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Kommentare

  1. Annemaria Stamnas Einfluss des Elternhauses
    16.03.2008 | 14:28

    Wenn fast die Hälfte aller Amerikaner "nicht der Glaubensgemeinschaft angehören, in der sie erzogen wurden", und man diese Zahl dahingehend interpretiert, dass das Elternhaus wenig Einfluss hat, macht es wenig Sinn, Phänomene wie Kreatonismus und steigende Religiösität mit den so erzogenen Kindern zu begründen (oder damit, dass es in speziellen Religionsgemeinschaften mehr Kinder gibt). Eine differenziertere Darstellung der Zusammenhänge wäre hilfreich. Offensichtlich gibt es religiöse Gemeinschaften, aus denen der Weggang viel leichter fällt als aus Anderen (man denke z.B. an Sekten).

  2. Edgar Dahl Verständnisfrage
    16.03.2008 | 16:38

    "Laut aktueller Pew-Studien befinden sich derzeit 44% der Erwachsenen Einwohner der USA tatsächlich 'nicht' in der Glaubensgemeinschaft, in der sie erzogen wurden. 28% haben nicht nur innerhalb einer Kirchenfamilie, sondern die Glaubenszugehörigkeit insgesamt gewechselt und über 13% gehören trotz religiöser Erziehung heute keiner Religionsgemeinschaft mehr an."

    Die Begriffe "Glaubensgemeinschaft" und "Kirchenfamilie" verwirren mich etwas. Mit den Begriffen "Religionszugehörigkeit" (wie etwa Christ oder Buddhist) und "Konfessionszugehörigkeit" (wie etwa Baptist oder Methodist) könnte ich mehr anfangen. Wieviele Amerikaner wechseln wirklich ihre Religion, also etwa vom Christentum zum Buddhismus?

  3. Michael Blume Einfluss des Elternhauses
    16.03.2008 | 20:41

    Sehr geehrte Frau Stamnas,

    mir lag es fern, den Einfluss des Elternhauses zu leugnen: es hat einen sehr großen Einfluss darauf, ob und wie sich Religiosität beim Kind entfalten kann. Im Gegensatz zu Europa, in dem man jedoch regional fast nur "zur Kirche" (der jeweilig regional dominanten) gehören konnte, bestand und besteht in den USA jedoch eine sehr viel größere Bandbreite an Optionen, wo und wie man der Religiosität Ausdruck verleihen kann.

    Gerade weil eine Religionsgemeinschaft in einer wettbewerblichen Umgebung also auch immer wieder Mitglieder verliert, wird sie nur überleben, wenn sie genügend junge Familien anzieht und bildet. Die Hälfte von 10 sind 5, wo nur 4 geboren werden, verbleiben nur 2...

    Und es gibt da sogar eine beobachtbare Wechselwirkung: wo Religionsgemeinschaften zu überaltern beginnen, werden sie auch unattraktiv für junge Leute - sowohl die eigenen wie noch Suchende. Wenn Sie heute z.B. Pfingstkirchen u.ä. auch in europäischen Vorstädten besuchen, werden Sie sehen, dass sich dort häufig junge Familien sammeln und bilden, die aus alternden Kirchen oder konfessionslosen Milieus abgewandert sind.

    Extremversionen der Missions- und Reproduktionsstrategien haben z.B. die Shaker und Amischen gefahren: beide wanderten im 18. Jahrhundert aus Europa in die USA ein. Die Shaker verzichteten völlig auf Reproduktion (Zölibat für alle) und setzen auf Mission. Die Amischen dagegen gründeten große Familien und stellten zunehmend jede aktive Missionstätigkeit ein. Das Ergebnis ist eindeutig: die Shaker hatten zeitweise mehrere tausend Mitglieder, aber erlöschen derzeit. Die Amischen dagegen wachsen demografisch enorm, obwohl sie in jeder Generation auch einige Mitglieder verlieren.

    In Deutschland und Europa zeichnen sich bereits ähnliche Entwicklungen ab: Mitglieder der Großkirchen bringen derzeit zwar auch hier etwas mehr Kinder hervor als Konfessionslose, aber kinderreiche Gemeinschaften bilden sich derzeit v.a. in freikirchlichen und islamischen, im kleineren Umfang auch in jüdischen und hinduistischen Kontexten. Auch wir bekommen unseren religiösen Markt - die viel beobachtete "Rückkehr der Religionen" vor allem unter der jungen Generationen ist im wesentlichen ein demografischer Vorbote davon.

    Mit herzlichen Grüßen

    Michael Blume

  4. Michael Blume @ Edgar
    16.03.2008 | 20:52

    Lieber Edgar,

    danke für die aus europäischer Warte berechtigter Frage! Wir sind es eben gewohnt, wenige unterscheidbare Religionen (z.B. Christentum und Islam) um uns zu haben. In religiös vielfältigen Gesellschaften wie den USA oder Indien wird das schon deutlich schwieriger. Bilden die Mormonen eine christliche Kirche? Die Unitarier? Gehören die Sikhs zu den Hindus? Die Bahaii zu den Muslimen etc.?

    Mit Konfessionsfamilie kann Pew z.B. den Übertritt eines katholischen Christen zum Mormonismus von dem eines Baptisten zu einer anderen evangelischen Kirche (beispielsweise lutheranisch) oder eines liberalen Juden zum orthodoxen Judentum unterscheiden. Aber sehr umfassende Angaben (sogar mit den Anteilsverlusten der einzelnen Religionsgemeinschaften, @Frau Stamnas!) sind direkt hier einzusehen:

    http://religions.pewforum.org/...udy-chapter-2.pdf

    Interessante Details sind z.B., dass nur noch knapp über die Hälfte der US-Amerikaner evangelisch sind, dass die katholische Kirche besonders viele Anhänger verliert und dass -wie geschrieben- die Mehrheit der konfessionslos Erzogenen heute dennoch einer Religionsgemeinschaft angehört.

  5. Beate T. Wirklich genetisch bedingt?
    17.03.2008 | 10:37

    Ich denke, das Einzige Religiöse, was der Mensch in seiner genetischen Ausstattung mitbringt, ist die Neigung, erstmal nicht erklärbare Dinge auf eine übernatürliche Macht abzuschieben. Außerdem die Neigung, in scheinbar hoffnungslosen Situationen auf unerklärbare Hilfe von außen zu hoffen (Überlebensstrategie). - Aus diesen Neigungen sind sicher die Religionen auch entstanden.

    Alles andere ist anerzogen bzw. durch Einflüsse, wie Werbung bestimmt. Allenfalls zeichnet sich der Mensch individuell genetisch dadurch aus, in welchem Grad er von außen beeinflußbar ist.

    Genau darauf zielen ja zum Beispiel die Kirchen in unserem Land auch ab, indem sie insbesondere im ostdeutschen Raum in Schulen gehen und dort kinderfreundliche Veranstaltungen anbieten, die mit dem Glauben erstmal gar nichts zu tun haben. Auf die Weise werden die Kinder geködert und sagen sich in manchem Fall trotz ihrer atheistischen Erziehung, Kirche könne ja gar nicht so falsch sein. Letzten Endes mögen sich einige dann auch mit dem Glauben anfreunden.

    Wenn in Amerika beobachtet wird, dass viele Menschen so eine Art Religionshopping betreiben, ist das ja auch ein Zeichen dafür. Welche Religion am besten für sich werben kann, bekommt die meisten Mitglieder. Der Glaube ist da sicher oft zweitrangig.

    Wenn sich religiöse Menschen in einem höheren Grad fortpflanzen, dann muss das nicht erstrangig mit einer genetisch religiösen Veranlagung zu tun haben, die automatisch an stärkere Vermehrung gekoppelt ist. Vielmehr ist meines Erachtens der Einfluss der religiösen Machthaber dafür verantwortlich, die das Verhalten in ihrer Religionsgemeinschaft bewußt so steuern, dass eine stärkere Vermehrung stattfindet. (Verbot von Verhütungsmitteln; Abtreibungsverbot; Versprechen, dass Gott einer kinderreichen Familie gewogener ist; ...) In gewisser Weise passiert das damit auch durch Unterdrückung und keineswegs nur durch eine ganz freiwillige Entscheidung dieser Menschen für mehr Kinder.

  6. Michael Blume Beate T.
    17.03.2008 | 11:47

    Sie schrieben: "Ich denke, das Einzige Religiöse, was der Mensch in seiner genetischen Ausstattung mitbringt, ist die Neigung, erstmal nicht erklärbare Dinge auf eine übernatürliche Macht abzuschieben."

    Die Suche nach Erklärungen ist ein Aspekt, der aber natürlich auch z.B. durch Philosophien, Astrologen, Wahrsager etc. befriedigt werden kann - ohne dass diese (milliardenschweren) Angebote automatisch zu religiösem Verhalten oder nachweisbarem reproduktiven Erfolg führen.

    Denn wir sprechen hier ja gerade auch von religiösem Verhalten wie Bestatten, Beten, regelmäßiger, ritueller Vergemeinschaftung mit übernatürlichen Akteuren etc., die erst beobachtbare Religiosität konstituieren. Schon der Umstand, dass diese Verhaltenskomponenten weltweit erstaunlich ähnlich und deswegen vergleichbar ausfallen, deutet auf eine (auch) genetische Disposition hin. Oder anders gefragt: Wo sonst, wenn nicht in unseren Genen und Gehirnen, sollen denn die entsprechenden Verhaltensoptionen angelegt sein?

    "Wenn sich religiöse Menschen in einem höheren Grad fortpflanzen, dann muss das nicht erstrangig mit einer genetisch religiösen Veranlagung zu tun haben, die automatisch an stärkere Vermehrung gekoppelt ist. Vielmehr ist meines Erachtens der Einfluss der religiösen Machthaber dafür verantwortlich, die das Verhalten in ihrer Religionsgemeinschaft bewußt so steuern, dass eine stärkere Vermehrung stattfindet."

    Zu den beobachtbaren Mechanismen der Verhaltenskoordination in Religionsgemeinschaften werden spätere Beiträge kommen. Lassen Sie mich aber hier schon vorab drei Dinge erklären:

    1. Die Evolution der menschlichen Religiosität fand seit der mittleren Altsteinzeit in egalitären Kontexten statt, wie wir sie auch heute noch bei Wildbeutern beobachten können. Hier sind die religiösen Mythen und Rituale allen Erwachsenen zugänglich, allenfalls gibt es besonders begabte Schamanen, die aber nicht einmal exklusiv versorgt werden. Archäologische und historische Nachweise auf eine eigene Kaste religiöser Spezialisten (Priester) haben wir erst mit dem Auftreten der Agrarwirtschaft.

    2. Evolution ist, wenn das auch ein beliebter, romantischer Irrtum ist, keine Harmonieveranstaltung und kein Hohelied des von allen Lasten befreiten Individualismus. Die Regeln sind hart: Erfolg pflanzt sich über Generationen hinweg fort, Misserfolg wird ausselektiert. Wo Personen oder Institutionen den Reproduktions- und Überlebenserfolg ihrer Umgebung erhöhen können, liegt es also nahe, dass die Präferenz für solche Personen und Institutionen über Generationen hinweg auch genetisch belohnt und verstärkt wird. Auch eine Ameise wird von ihrer Königin nicht "ausgenutzt", sondern sie geben kooperativ gemeinsame Gensequenzen weiter.

    Da Sie selbst von "Religionshopping" schreiben, wird ja deutlich, dass einerseits an biokulturelle Präferenzen der Individuen werbend appelliert wird - und diese andererseits einwilligen und sich (zeitlich oder dauerhaft) binden.

    3. Buddha oder Jesus wird man kaum vorwerfen können, sie hätten ihre Anhänger bewusst auf viele Nachkommen getrimmt - vielmehr überzeugten ihre Botschaften und erst aus der Fülle verschiedener Nachfolgeströmungen entwickelten sich demografisch erfolgreiche Familienmodelle. Und gerade auch die offizielle Theologie, auch in Deutschland, ist sich des demografischen Potentials von Religiosität bis heute, wie ich immer wieder feststellen muss, kaum bewusst!

    Vielmehr ist hier einfach kulturelle Evolution am Werk: Unter den tausenden von Religionsgemeinschaften, die Jahr für Jahr entstehen und vergehen, werden nur jene überleben und wachsen, die auch genügend Nachkommen hervorbringen.

  7. Ingo Bading Danke, Michael,
    17.03.2008 | 14:09

    der Vergleich Shaker/Amische ist unglaublich erhellend.

  8. Michael Blume @ Ingo: Shaker vs. Amische
    17.03.2008 | 18:12

    Eigentlich hatte ich vor, das später mal als eigenes Thema aufzugreifen - Deine Rückmeldung ermutigt dazu. Danke!

  9. Edgar Dahl @ - Michael: Entwicklung in den USA
    18.03.2008 | 08:16

    Lieber Michael, ich habe den Text, den Du verlinkt hast, nur kurz überfliegen können. Doch wenn ich ihn richtig verstanden habe, sind die Religionslosen zahlenmäßig die "Gewinner" der gegenwärtigen Entwicklung. Die Zahl derer, die sich keiner bestimmten Religion zugehörig fühlen oder sich gar als Agnostiker oder Atheisten bezeichnen, hat sich mehr als verdoppelt. Ist das richtig?

  10. Edgar Dahl @ - Michael: Die Rückkehr der Religionen
    18.03.2008 | 08:32

    Da Du "Die Rückkehr der Religionen" erwähnst, will ich sicherheitshalber noch einmal nachfragen: Du betrachtest die vielzitierte Rückkehr der Religionen nicht als eine Heimkehr in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche, also als eine Rückkehr zu den christlichen Großkirchen, sondern als eine Zuflucht zu neuen Religionsformen. Ist das richtig? Anders ausgedrückt: Diejenigen, die sich vom traditionellen Christentum abwenden, werfen sich in die Arme von Religionsgemeinschaften, die hierzulande früher kaum eine Existenzberechtigung hatten, wie etwa dem Islam, dem Hinduismus, Buddhismus oder anderen religiösen oder quasi-religiösen Gemeinschaften, ja?

  11. Michael Blume @ Edgar: Gewinner?
    18.03.2008 | 08:44

    Lieber Edgar,

    kommt darauf an, wie Du "Gewinner" definierst... Der Anteil der Konfessionslosen ist auf 16% gestiegen, davon 13% (wie geschrieben) durch Abkehr von Religionsgemeinschaften und 3% aus konfessionslosen Haushalten.

    Eine starke Abkehr von Religion(en) hat es v.a. unter Katholiken gegeben - inwiefern die Herkunft und Abkehr aus lateinamerikanischen (Quasi-)Kirchenmonopolen und bzw. oder die Skandale um Priester der letzten Jahre dabei eine Rolle gespielt haben, ist aus den Daten leider nicht zu sehen.

    Aber auch dieser Anstieg macht die Konfessionslosigkeit nicht im evolutionsbiologischen Sinn zur "Gewinnerkategorie": der Anteil der Konfessionslosen ist durch Abkehr von den Religionen (wie oben geschrieben) recht hoch - nur bekommen die Konfessionslosen dann außerordentlich wenig Kinder und von diesen werden mehr als die Hälfte wieder Mitglieder von Religionen...

    Wenn Du noch geschauer sehen magst: Es gibt sogar deutliche Unterschiede innerhalb der Gruppe. Fast die Hälfte auch der Konfessionslosen in den USA versteht sich als religiös oder sehr religiös - und liegt auch reproduktiv recht gut. Am wenigsten Kinder erziehen dagegen Atheisten, Agnostiker und religiös Uninteressierte, insgesamt rund knapp 10% der US-Bevölkerung.

    Herzliche Grüße

    Michael

  12. Michael Blume @ Edgar: Rückkehr der Religionen
    18.03.2008 | 08:55

    "Diejenigen, die sich vom traditionellen Christentum abwenden, werfen sich in die Arme von Religionsgemeinschaften, die hierzulande früher kaum eine Existenzberechtigung hatten, wie etwa dem Islam, dem Hinduismus, Buddhismus oder anderen religiösen oder quasi-religiösen Gemeinschaften, ja?"

    Nein, ich unterscheide zwei (mit Zuwanderung aus meist religiösen Gesellschaften eigentlich drei) Wirkfaktoren:

    1. Religiöser Markt: Bei vielfältigem religiösem Angebot steigt die Zahl der Konversionen in alle Richtungen. Während man bei religiösen Monopolen nur dafür oder dagegen sein kann, gibt es bei religiöser Vielfalt alternative Angebote und mehr Wettbewerbsorientierung (sog. religiöser Markt).

    2. Demografie: In jeder wohlhabenden und freiheitlichen Gesellschaft finden Säkularisierungsprozesse statt - Menschen treten aus Religionsgemeinschaften aus, ohne sich neuen anzuschliessen. Nur bekommen diese Konfessionslosen dann auch deutlich weniger Kinder, d.h. aus den kinderreicheren Religionsgemeinschaften wachsen immer wieder religiöser sozialisierte Generationen nach. Auf jede (erzwungene oder kulturelle) Säkularisierungswelle folgt also eine auch demografische Rückkehr durch Kinderreichtum. Biologie trumpft Kultur. (-;

    Kannst Du an den US-Daten sehr schön sehen: Obwohl seit Jahrhunderten positive und negative Religionsfreiheit besteht, ist nur ein Viertel der heute Konfessionslosen konfessionslos erzogen worden...

  13. Edgar Dahl @ - Michael: "Gewinner"
    18.03.2008 | 09:19

    Was ich mit "Gewinner" meinte, ist was sich sagte: dass sich die Gruppe der Konfessionslosen als einzige Gruppe ZAHLENMÄSSIG verdoppelt hat.

    Was genau wir unter den "Konfessionslosen" zu verstehen haben, wäre tatsächlich meine nächste Frage gewesen. Wenn die Konfessionslosen, wie Du sagst, tief religiös sind, nur eben keiner bestimmten Religion angehören, wäre es vielleicht geschickter gewesen, sie nicht mit den Atheisten zusammenzuwerfen, sondern einer anderer Gruppe zuzuordnen.

    Ich nehme mal an, dass es sich bei den "religiös Konfessionslosen" um die Leute handelt, die, wie Ingo sagte, Trost und Halt in der höheren "kosmischen Ordnung" suchen (wie auch immer sie das anstellen).

  14. Edgar Dahl @ - Michael: Die Rückkehr der Religionen
    18.03.2008 | 09:24

    Wenn ich Dich missverstanden habe, was genau meinst Du dann mit der "Rückkehr der Religionen"?

  15. Michael Blume @ Edgar: Konfessionslose
    18.03.2008 | 09:48

    Naja, konfessionslos zu sein ist ein Merkmal, atheistisch ein anderes. In Deutschland entwickelt sich ja gerade der Humanistische Verband zu einer Weltanschauungsgemeinschaft, so dass es auch konfessionell vergemeinschaftete Atheisten geben kann. Die o.g. Angaben beziehen sich klar auf jene Befragten, die sich selbst als Atheisten bezeichneten. Finde ich erfreulich, dass Pew das mindestens in einigen Auswertungen unterscheidet!

    "Ich nehme mal an, dass es sich bei den "religiös Konfessionslosen" um die Leute handelt, die, wie Ingo sagte, Trost und Halt in der höheren "kosmischen Ordnung" suchen (wie auch immer sie das anstellen)."

    Da wäre ich zurückhaltender, bevor uns nicht detailliertere Forschungsergebnisse vorliegen. Ein Teil wird suchend sein, ein Teil im genannten Sinne spirituell. Und wir wissen z.B. aus den ALLBUS-Daten, dass gerade junge Familien mit Kleinkindern sich oft zeitweise aus den Kirchen zurück ziehen und ihre durchaus intensive Religiosität stärker im familiären Raum leben (der ja auch eine Gemeinschaft mit Ritualen, religiösen Rollen etc. darstellen kann). Mit Kleinkindern und Schlafmangel sind die klassischen Sonntagsgottesdienste, Ehrenämter und Kirchenabgaben oft nicht so gut vereinbar... (-;

    Will sagen: Gerade weil Religiosität immer eine sowohl individuell-biografische wie auch sozial-historische Seite hat haben wir es immer mit einem dynamischen und teilweise auch fluiden Prozess zu tun (das gilt ja im Kern für alle Evolutionsprozesse, vgl. z.B. Diskussionen über Arten). Das gilt es bei allen Versuchungen vorschneller Schubladisierung m.E. immer zu beachten.

  16. Michael Blume @ Edgar: Rückkehr der Religionen
    18.03.2008 | 10:02

    "Wenn ich Dich missverstanden habe, was genau meinst Du dann mit der "Rückkehr der Religionen"?"

    Den Prozess, der unweigerlich auf jede (erzwungene oder freiheitliche) Säkularisierung folgt und derzeit z.B. in Deutschland geschieht:

    Ein Wiederaufschwung der beobachtbaren Religiosität durch:

    1. Zuwanderung, meist aus religiösen Gesellschaften (denn säkulare schrumpfen und haben nur zeitweise Migranten abzugeben)

    2. Konversionen aufgrund eines wachsenden, religionsgemeinschaftlichen Angebotes und Wettbewerbs (religiöser Markt).

    3. (und biologisch entscheidend) ein "Nachwachsen" religiöser Generationen durch den Kinderreichtum religiöser Familien und Gemeinschaften.

    Keinesfalls würde ich also leugnen, dass Säkularisierung unter freiheitlichen Bedingungen stets stattfindet, nur kann sie nicht dauerhaft obsiegen. Würden morgen in den USA (wie in den neuen Ländern geschehen) 80% der Menschen z.B. in einer sozialistischen Diktatur säkularisiert - so würden übermorgen (nach Überwindung der Diktatur) die o.g. Faktoren wiederum greifen und über einen Zeitraum von Generationen hinweg die (etablierten, reformierten und neu gegründeten) Religionen per Zuwanderung, Wettbewerb und vor allem Kinderreichtum zurück kehren. In Deutschland geschieht genau das gerade.

  17. Ingo Bading "Trost und Halt" für Konfessionslose
    19.03.2008 | 08:54

    Michael fragt in einem Nebensatz, wie man "Trost" und "Halt" im Glauben an eine "höhere kosmische Ordnung" finden soll. Vielleicht ist eine solche Frage schon nicht ganz richtig formuliert.

    Wer NICHT an personale Gottheiten glaubt (und dabei reproduktiv erfolgreich ist - wie viele Natur- und Bauernvölker in den letzten 200.000 Jahren), der hat eine religiöse Moral der Bedrohung und Belohnung ("Gott als 3. Bestrafer" ... etc.) vielleichteinfach nicht nötig oder empfindet sie letztlich nicht adäquat seinem Menschsein gegenüber?

    Schon die Gnadenlehre Luthers - also der Protestantismus - ist ein erster Schritt der Abkehr davon, nur dann gut zu sein, wenn ich etwas dafür bekomme. Marie von Ebner-Eschenbach sagt: "Man muß das Gute tun, damit es in der Welt sei." Das heißt: Wenn ich das Gute um eines Lohnes willen tue, ist es seines eigentlichen Gehaltes schon entwertet. (Das geht ja dann bis in solche Regionen hinein wie den Spruch Tetzels: "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.")

    Auch Hermann Hesse, der gewiß kein Christ mehr war, sagt, daß WIR der unserem persönlichen Schicksal mehr oder weniger gleichgültig gegenüberstehenden Schöpfung Sinn erst eigenständig abgewinnen müssen. Und wer das in seinem individuellen Leben nicht leistet, so Hesse, bleibt auf moralisch ursprünglicheren Formen von Menschsein stehen.

    Auch für Hölderlin ist die "höhere kosmische Ordnung" - also schlicht die Natur, das stetige Kreisen des Sternenhimmels, die regelmäßige Wiederkehr von Sonne, Mond und Jahreszeiten - ebenso wie für Schiller, Goethe und unzählige Naturforscher: Ruhepunkt, Orientierung. Man flüchtet aus der Welt der Menschen in die Welt der Natur, um bei Gott zu sein. (Schiller: "Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt in seiner Qual.")

    Gerade die GLEICHGÜLTIGKEIT der Natur uns gegenüber "zwingt" uns geradezu dazu, ihr erst aus uns selbst heraus einen Sinn abzugewinnen.

    Ich wollte nur sagen: Die christliche Rede von "Trost" und "Halt" spricht dem Menschen bekanntermaßen nicht allzu viel Kraft und Fähigkeit zu, das Gute aus eigener Kraft und um seiner selbst willen und in völliger Selbständigkeit der Schöpfung gegenüber zu tun. (Dazu mußte uns ja bekanntlich erst Kant auffordern, da etwaig ähnliche Aufforderungen in der Bibel überhört worden waren ...)

    Ein langes Thema.

  18. Michael Blume @ Ingo: War ich das?
    19.03.2008 | 09:41

    Du schriebst:

    "Michael fragt in einem Nebensatz, wie man "Trost" und "Halt" im Glauben an eine "höhere kosmische Ordnung" finden soll."

    War das nicht Edgar? Mir persönlich liegt es z.B. völlig fern, die tiefe Religiosität buddhistischer Glaubender zu leugnen, die im Glauben an eine kosmische Karma-Ordnung und deren Überwindbarkeit tatsächlich Trost, Halt und nicht selten auch Gelassenheit und Lebensglück finden.

    Empirisch muss ich nur feststellen, dass die apersonale Glaubenswelt regelmäßig mit weniger reproduktivem Erfolg einher geht und dass sich die entsprechende Volksreligiosität (z.B. der buddhistische Laienbuddhismus in allen buddhistischen Ländern) schnell wieder mit personalen Bezügen (Bodhisatvas, Götter etc.) anreichert.

    Das ist aber eine Beobachtung, keine Wertung. Persönlich habe ich den höchsten Respekt auch vor apersonalen Glaubenssystemen und ebenso vor theistischen Überwindern des Do-ut-des, z.B. vor Theologen und Mystikern, die die Glaubenden aufrufen, Gott um seiner selbst willen zu lieben und nicht im Hinblick auf Lohn und Bestrafung. Insofern ist mir Dein Beitrag durchaus sympathisch.

    Nur bitte ich erneut darum, zwischen der empirischen Beobachtung und Beschreibung einerseits und der Verkündigung dessen, was uns ggf. persönlich anspricht, zu unterscheiden.

  19. Edgar Dahl @ - Ingo & Michael
    19.03.2008 | 10:36

    Ja, das war ich, der diese Frage gestellt hatte:

    "Ich nehme mal an, dass es sich bei den 'religiös Konfessionslosen' um die Leute handelt, die, wie Ingo sagte, Trost und Halt in der höheren 'kosmischen Ordnung' suchen (wie auch immer sie das anstellen)."

    Ingo, Deine Antwort, dass diese Leute Trost und Halt "vielleicht einfach nicht nötig" haben, geht - mit Verlaub - an der Frage vorbei. Die besagten Leute behaupten ja von sich selbst, dass sie Trost und Halt aus der kosmischen Ordnung gewinnen. Wie genau sie das angestellt haben wollen, ist meine Frage.

  20. Edgar Dahl @ - Ingo: Die kosmische Ordnung
    19.03.2008 | 11:20

    Goethe, Schiller und Hölderlin in allen Ehren, aber daraus, dass auf jeden Sonnenuntergang ein Sonnenaufgang folgt, kann man doch nicht Halt, Trost und Orientierung schöpfen, es sei denn, man ist so "von des Gedankens Blässe angekränkelt", dass man nur noch poetisch und nicht mehr prosaisch zu denken vermag.

    Fragen wir nur einmal nach der Orientierung! Was ist mit "Orientierung" überhaupt gemeint? Für gewöhnlich verstehen wir unter Orientierung eine Handlungsanleitung für das eigene Leben. Sagt mir die Beobachtung, dass auf jeden Winter ein Frühling folgt, irgendetwas darüber, wie ich mich in diesem Leben einzurichten und gegenüber anderen Menschen zu verhalten habe? Sehe ich nicht!

szmtag