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Gene für Glauben? Neues aus der Verhaltensgenetik

von Michael Blume, 16. März 2008, 13:30

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass Intelligenz, Musikalität, Sprachkompetenz und viele andere Fähigkeiten unseres Gehirns im Wechselspiel genetischer Veranlagungen und sozialer Einflüsse erblühen (oder eben nicht). Nun zeigen Verhaltensgenetiker: Für Religiosität gilt genau das Gleiche.

2004 sorgte der Genetiker Dean Hamer mit seinem Buch "Das Gottesgen" für Aufsehen. Denn der Titel weckte Erwartungen, die sich bei näherer Betrachtung nicht halten liessen: die von Hamer identifizierte Gensequenz VMAT2 bestimmte keinesfalls das gesamte religiöse Leben der Probanden, sondern korrelierte mit einem Prozent (!) auf einer Skala religiöser Erfahrung. Das komplexe Phänomen Religion erwies sich erwartbar als polygen (durch viele, wechselwirkende Gene veranlagt) und zudem kulturell mit-ausgeprägt.Beten, auch seine Sache der Gene

Thomas J. Bouchard und die Zwillinge 

Die Hamer-Debatte verdeckte, dass Verhaltensgenetiker wie Thomas J. Bouchard schon seit Jahren auch die Vererbbarkeit religiösen Verhaltens erforschten und insbesondere über Zwillingsstudien mit mehreren tausend Teilnehmern bemerkenswert viel Wissen zusammen getragen hatten. Dabei wird unter anderem das Verhalten mono- und dizygoter Zwillinge, die je in gemeinsamen oder getrennten Verhältnissen aufwachsen, verglichen.

Im Rahmen einer Religion-Evolution-Tagung in Delmenhorst 2007 präsentierte uns Thomas sowohl Befunde eigener wie auch fremder Studien, die ein bemerkenswert klares Bild ergeben: Auch die Motivation zu religiöser Praxis erweist sich im Bereich von 40% bis 50% als genetisch vererbt. Während der Jugend bleiben die familiären Einflüsse insbesondere auf die extrinsisch beeinflußbaren Verhaltensaspekte (beispielsweise Gottesdienstbesuche) übermächtig, bei jungen Erwachsenen setzen sich dann jedoch, am schnellsten im intrinsischen Bereich (beispielsweise private Gebete) bald auch eigene Präferenzen durch.

Menschen erweisen sich als unterschiedlich "religiös musikalisch" - ob und in welcher Form sie diese Veranlagung ausprägen, hängt damit einerseits von der Frühförderung, andererseits von der Vielfalt des Angebots ab. Fehlt es an beidem (wie z.B. derzeit noch in vielen postsozialistischen Staaten) so bleibt die allgemeine Religiosität noch eine Zeit randständig - ebenso, wie sich auch eine zerstörte Musikkultur und -szene nicht über Nacht wieder etablieren lässt.

Freiland-Beobachtungen: Der religiöse Markt der USA

Während aber Europa (und auch europäische Biografien) meist durch religiöse oder weltanschauliche Regionalmonopole geprägt wurden, bestand und besteht in den USA seit Generationen eine große, religionsgemeinschaftliche Vielfalt, deren Wettbewerb weder durch staatliche Privilegien noch Steuergelder nur für bestimmte Anbieter gelähmt wird. Mit den Worten des Politiksoziologen Michael Zöller: „Ist die eigene Kirche zu liberal, zu konservativ, zu phantasielos, so kann man umsteigen, statt auszusteigen.“ Für die Frage, wie groß der Einfluss des Elternhauses ist, erweisen sich die USA damit als optimaler Freilandversuch.

Und: laut aktueller Pew-Studien befinden sich derzeit 44% der erwachsenen Einwohner der USA tatsächlich "nicht" in der Glaubensgemeinschaft, in der sie erzogen wurden. 28% haben nicht nur innerhalb einer Konfessionsfamilie, sondern die Glaubenszugehörigkeit insgesamt gewechselt und über 13% gehören trotz religiöser Erziehung heute keiner Religionsgemeinschaft mehr an. Eine kulturalistische Determinierung durch das Elternhaus sieht wohl anders aus...

Wenn aber in nur einer Generation mehr als jeder achte US-Amerikaner konfessionslos wurde - wie erklärt sich dann die bleibend hohe Religiosität des Landes? Mit zwei Gründen: Zum einen gilt auch in den USA, was wir längst weltweit beobachten - religiöse Menschen heiraten häufiger und stabiler und haben durchschnittlich deutlich mehr Kinder als konfessionslose oder gar atheistische Zeitgenossen (übrigens gerade auch in höheren Einkommens- und Bildungsschichten).

Auch in den USA haben religiöse Menschen durchschnittlich deutlich mehr Kinder.

Und: aufgrund des vielfältigen und aktiven religiösen Angebotes entscheiden sich auch mehr als die Hälfte der (wenigeren) konfessionslos erzogenen Kinder - doch wieder für eine Religion. Junge Leute, die verbindliche Gemeinschaftsformen suchen und Familien gründen wollen, verlassen vor allem überalternde (religiöse und konfessionslose) Milieus und schliessen sich bereits kinderreichen Religionsgemeinschaften an. Biologische und kulturelle Evolution wechselwirken miteinander. 

Religiosität erweist sich so nicht nur als ein genetisches Relikt unserer Vergangenheit - gerade in freiheitlichen Gesellschaften setzen sich diese Veranlagungen durch Reproduktionserfolg derzeit genetisch adaptiv und auch immer wieder kulturell durch. Die Evolution menschlicher Religiosität findet derzeit beobachtbar weiter statt. Es ist schon fast eine tragische Ironie: Auch der Kreationismus in den USA wächst nicht deswegen immer wieder nach, weil Kreationisten ernsthafte, wissenschaftliche Argumente hätten - sondern weil sich verbindlich religiöse Menschen evolutionsbiologisch häufiger erfolgreich verhalten und viel häufiger Kindern das Leben schenken... 

Und über den deutschsprachigen Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, der genau diesen Zusammenhang und Religion-Demografie-Wettbewerb schon vor einem Vierteljahrhundert erkannte und in seinem Abschlusswerk beschrieb (aber bislang "zwischen den Kulturen" ungehört blieb), wird der nächste Beitrag berichten.





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Natur des Glaubens: Kinder verstehen - durch Evolutionsforschung

Kommentare

  1. Edgar Dahl @ - Ingo: Die Gleichgültgkeit der Natur
    19.03.2008 | 11:39

    "Gerade die GLEICHGÜLTIGKEIT der Natur uns gegenüber 'zwingt' uns geradezu dazu, ihr erst aus uns selbst heraus einen Sinn abzugewinnen."

    Wenn die Natur uns gegenüber gleichgültig ist, dürfte es eine vergebliche Liebesmüh sein, ihr auch nur irgendetwas abzugewinnen.

    Wenn wir, wie Jacques Monod einmal so schön sagte, lediglich "Zigeuner am Rande des Universums sind, das für unsere Klagen taub ist", dann sind die, die einen "Sinn des Lebens" brauchen, gezwungen, sich ihrem Leben selbst einen Sinn zu verleihen - sich an das Universum, die Ordnung, die Natur oder was auch immer zu wenden, kann da nicht helfen.

  2. Edgar Dahl @ - Michael: "Rückkehr der Religionen"
    19.03.2008 | 11:57

    Solange die Zunahme der Religionen nicht auf wirklichen Bekehrungen, sondern lediglich auf wachsende Zuwanderung und wachsenden Kindersegen beruht, ist die "Rückkehr der Religionen" freilich eine etwas irreführende Formulierung. Findest Du nicht?

  3. Edgar Dahl @ - Michael: "Rückkehr der Religionen"
    19.03.2008 | 12:14

    "Keinesfalls würde ich also leugnen, dass Säkularisierung unter freiheitlichen Bedingungen stets stattfindet, nur kann sie nicht dauerhaft obsiegen. Würden morgen in den USA (wie in den neuen Ländern geschehen) 80% der Menschen z.B. in einer sozialistischen Diktatur säkularisiert - so würden übermorgen (nach Überwindung der Diktatur) die o.g. Faktoren wiederum greifen und über einen Zeitraum von Generationen hinweg die (etablierten, reformierten und neu gegründeten) Religionen per Zuwanderung, Wettbewerb und vor allem Kinderreichtum zurück kehren. In Deutschland geschieht genau das gerade."

    Dass die Säkularisierung nicht dauerhaft obsiegen KANN und früher oder später über den KINDERREICHTUM religiöser Menschen verdrängt werden wird, sind zwei recht gewagte, aber interessante Behauptungen.

    Ich erwarte mit großer Spannung den ISSP 2008, der dieses Jahr erneut dem Thema Religion gewidmet sein wird. Im letzten ISSP von 1998 gab es noch keine Verschiebung der religiösen Einstellung: Die Ossis wehren sich auch weiterhin mit Händen und Füßen dagegen, in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzukehren.

    In Deidesheim hattest Du berichtet, dass Ossis auf die Frage, ob sie religiös seien, gern mit "Nein, ich bin normal" antworten. Kann man dieses "Bonmot" irgendwo schriftlich finden und zitieren?

  4. Edgar Dahl @ - Michael: Karma & Reinkarnation
    19.03.2008 | 12:28

    "Mir persönlich liegt es z.B. völlig fern, die tiefe Religiosität buddhistischer Glaubender zu leugnen, die im Glauben an eine kosmische Karma-Ordnung und deren Überwindbarkeit tatsächlich Trost, Halt und nicht selten auch Gelassenheit und Lebensglück finden."

    Guter Punkt! Doch die "kosmische Karma-Ordnung" hat natürlich nichts mit der kosmischen Ordnung Einsteins zu tun. Das "Karma" ist von vornherein kein empirisches, sondern ein ethisches Prinzip, wonach das Unrecht, dass wir in diesem Leben begangen haben, im nächsten Leben auf uns zurückfallen wird.

    Ich überlege, ob ich zu Karma und Reinkarnation mal etwas schreiben sollte. Weißt Du zufällig, ob diese Ideen hierzulande nach wie en vogue oder gar im Wachsen begriffen sind?

  5. Michael Blume @ Edgar I
    19.03.2008 | 14:03

    "Dass die Säkularisierung nicht dauerhaft obsiegen KANN und früher oder später über den KINDERREICHTUM religiöser Menschen verdrängt werden wird, sind zwei recht gewagte, aber interessante Behauptungen."

    Danke! Und diese These sollte eben keinen Finde-ich-gut-oder-schlecht-Charakter haben, sondern empirisch veri- oder falsifizierbar und damit wissenschaftlich diskutierbar sein.

    "Ich erwarte mit großer Spannung den ISSP 2008, der dieses Jahr erneut dem Thema Religion gewidmet sein wird. Im letzten ISSP von 1998 gab es noch keine Verschiebung der religiösen Einstellung: Die Ossis wehren sich auch weiterhin mit Händen und Füßen dagegen, in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzukehren."

    Wie oben geschrieben: die Sozialisierung in einem Umfeld religiöser bzw. weltanschaulicher Monopolsituationen erlaubt ja nur ein Ja oder Nein zur je "alleinseligmachenden" Wahrheit. Dagegen dürften wir (wie bereits im Bertelsmann Religionsmonitor 2008) Anzeichen für eine plural-religiöse Belebung unter der jüngeren Generation finden. Problematisch ist natürlich nur, dass wir starke Abwanderungstendenzen haben, dass also gerade auch entsprechend sozialisierte junge Menschen häufiger zu den Abwanderern gehören dürften.

    Aber ich bin - wie Du - sehr gespannt, ob sich die ersten Anzeichen der Rückkehr der Religionen auch im ostdeutschen Bereich schon zeigen werden!

    Entsprechendes vom Bertelsmann Religionsmonitor, der den erwarteten Trend bei der jüngeren Generation bereits aufzeigt:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...686471/

  6. Michael Blume @ Edgar: Zitat
    19.03.2008 | 14:06

    "In Deidesheim hattest Du berichtet, dass Ossis auf die Frage, ob sie religiös seien, gern mit "Nein, ich bin normal" antworten. Kann man dieses "Bonmot" irgendwo schriftlich finden und zitieren?"

    Ja, hier:

    Hans-Michael Haußig/ Bernd Scherer (Hg.):
    Religion- eine europäisch- christliche Erfindung?
    (Philo-Verlag 2003)

  7. Ingo Bading @ Edgar - "Trost und Halt"
    20.03.2008 | 09:17

    Das ist ein unglaublich umfangreiches Thema, bei dem man wohl ganz anders ansetzen müßte. Vielleicht mache ich dazu mal einen eigenen Blogeintrag. Es reicht sehr tief in (unterschiedliche) religiöse Lebenshaltungen hinein.

    Mir ging es nur darum zu sagen, daß es religiöse Menschen gibt, denen das Geben von "Trost und Halt" nicht die wesentlichste Funktion ihrer Religiosität ist, weil sie sich, ähm ... schon selber trösten und halten können. ;-)

    Man kennt das doch vielleicht von Kindern (oder Ehe-/Lebenspartnern), die sich "klammern", die nicht selbständig und frei leben können. So ein Eindruck kommt mir bei "Trost und Halt" auf. Oder so etwas wie "Ich kann nicht gehen ohne dich (Jesus) einen Schritt etc.". Das gegenseitige Helfen ist ja ein wichtiger Impetus christlicher Religiosität ("barmherziger Samariter", dazu gibt es ein schönes Bild von van Gogh). Aber noch einmal:

    Man könnte sich Religiosität wünschen, in der Menschen nicht ständig klagen und jammern, wie sehr sie auf Trost und Halt durch andere(/s) angewiesen sind, sondern sozusagen "knorrig" wie eine Eiche aus sich selber Kraft schöpfen für all das, was im Leben auf sie zukommt.

    Ja, vielleicht sollte man es mit Pflanzen vergleichen: Hölderlin benutzt oft das Bild der Weinrebe, um zu zeigen, wie viel Stütze der Mensch am Mitmenschen braucht, wie hilfebedürftig wir alle sind.

    Ich möchte nur sagen: Es besteht ein Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden (auch jeweils religiös unterlegten) Welthaltungen.

  8. Ingo Bading @ Egar - "Orientierung" in der Natur
    20.03.2008 | 09:19

    Warum suchen dann - manche - Menschen Einsamkeit in der Natur? Insbesondere (auch) religiöse Menschen? Insbesondere auch Menschen, die menschliche Enttäuschungen erfahren haben? Warum flüchten sie - manchmal - vor den Menschen? Vor der Gesellschaft insgesamt?

    Ich weiß, heute ist das nicht mehr so "üblich". Wenn ich allein irgendwo draußen unterwegs bin, um mich (neu) zu orientieren, bin ich fast der einzige, der OHNE Haustier (und allein) spazieren geht. Oft kommt es mir so vor, als würden Menschen heute nur noch mit Haustier einen Grund sehen, mal allein in die Natur zu gehen.

    Wer Goethe's "Werther" (bspw.) gelesen hat, weiß, daß das nicht immer so war.

  9. Ingo Bading Poesie und Religion
    20.03.2008 | 09:36

    Edgar: "... es sei denn, man ist so 'von des Gedankens Blässe angekränkelt', dass man nur noch poetisch und nicht mehr prosaisch zu denken vermag."

    - Was ist daran übrigens "gedankenblass"? Und warum soll nicht beides möglich sein?

    Wird Religion hier immer noch zu sehr mit (Vernunft-betontem) Monotheismus verwechselt?

    Könnte denn nicht Poesie (und auch sie GIBT es ja in der Bibel) vielleicht sogar der wesentlichste Teil von Religion sein??? Spricht man nicht auch von der "Kunstreligion" des europäischen Bürgertums zwischen - etwa - 1800 und 1950 als Ersatz für - oder Erweiterung von - Religiosität auf vornehmlich christlicher Basis?

  10. Edgar Dahl @ - Ingo: Orientierung an der Natur
    20.03.2008 | 11:43

    Ich glaube, wir müssen zwischen zwischen "Orientierung an der Natur" und "Orientierung in der Natur" unterscheiden. Dass Menschen dazu neigen, IN die Natur hinauszugehen, bedeutet nicht, dass sie sich AN der Natur orientieren. Sie gehen in den Wald, klettern auf einen Gipfel oder sitzen am Meer nicht um der NATUR zu lauschen, sondern um sich auf sich SELBST zu besinnen. Dass ihnen ein langer, einsamer Spaziergang am Meer helfen mag, ihr Leben wieder in die richtige Perspektive zu rücken, bedeutet nicht, dass ihnen die Natur Handlungsanweisungen einflüstert, sondern dass ihnen ihre eigene innere Stimme - und damit das, was sie wirklich wollen - wieder deutlicher bewusst wird.

  11. Edgar Dahl @ - Michael: Gretchenfrage
    20.03.2008 | 12:49

    Lieber Michael, vielen Dank für die Quelle des Zitats! Noch eine weitere Frage: Weißt Du zufällig, ob es für den Ausdruck "Gretchenfrage" eine englische Entsprechung gibt?

  12. Michael Blume Gretchen's Question
    20.03.2008 | 13:21

    @ Edgar: Leider nein. Ich habe in englischen Vorträgen und Texten notgedrungen immer das deutsche Wort und dann die o.g. Übersetzung verwendet. Ist zumindest bisher nicht moniert worden.
    (-:

    Übrigens zeichnet sich immer mehr ab, dass die Gretchenfrage die sexuelle Selektion (korrekterweise) auf zwei Ebenen verortet: auf der individuellen und sozialen.

    Aber das ist ein anderes Thema und wird, versprochen, auch in einem späteren Beitrag in "Natur des Glaubens" ausführlich behandelt. (-:

  13. Ingo Bading @ Edgar - Orientierung und Natur
    20.03.2008 | 14:09

    (-:

    Fast kuriose Diskussion.

    Man sollte vielleicht so anfangen: Wozu diente Stonehenge? Wer hätte Zweifel, daß es sich hier um Religiosität handelt? Zugleich handelt es sich um Beobachtung von Himmelsobjekten.

    Und Stonehenge war bei den neolithischen Bauernkulturen Europas überall. Meistens werden die vielen über Luftbild-Archäologie gefundenen Grabenanlagen als "Volkssternwarten" gedeutet.

    Am Grab des Keltenfürsten vom Glauberg (nördl. von Frankfurt) wurden ebenfalls astronomische Beobachtungen gemacht, es war astronomisch ausgerichtet etc..

    Das ist ja "Naturreligion", daß man Naturkräften (Himmelkörpern, Bergen, Bäumen, Flüssen ...) religiöse Bedeutung zuspricht.

    In der Wüste kann man (oft) noch zu sich selbst finden. Aber wir glauben doch so manche - gerade von Menschen geschaffene - Umgebung zu kennen, die es uns erschwert, uns zu uns selbst kommen zu lassen.

    Warum ist es denn gerade und vor allem die unberührte Natur, die uns zu uns selbst kommen läßt?

    Was sagte Kant? Er sprach vom "bestirnten Himmel" über sich und vom "moralischen Gesetz" in sich als den beiden Phänomenen, die ihm immer mehr Ehrfurcht einflößen, um so länger er darüber nachdenkt.

  14. Edgar Dahl @ - Ingo: Naturreligion
    20.03.2008 | 14:39

    "Das ist ja 'Naturreligion', daß man Naturkräften (Himmelskörpern, Bergen, Bäumen, Flüssen ...) religiöse Bedeutung zuspricht."

    Sicher, Animisten schreiben Naturkräften eine religiöse Bedeutung zu, weil sie sie für "beseelt" halten und hinter ihnen Geister, Götter und Dämonen vermuten, die sie mit Hilfe religiöser Riten beschwichtigen oder gar in ihren eigenen Dienst stellen können. Aber ich würde Leute wie Goethe, Schiller und Hölderlin - sowie Leute, die in die Natur gehen, um "zu sich selbst zu finden" - nicht als Animisten oder Vertreter einer Naturreligion berachten.

  15. Michael Blume @ Edgar: Karma
    20.03.2008 | 23:06

    "Das "Karma" ist von vornherein kein empirisches, sondern ein ethisches Prinzip, wonach das Unrecht, dass wir in diesem Leben begangen haben, im nächsten Leben auf uns zurückfallen wird."

    Ganz so einfach ist es leider nicht. So bezieht sich das Karma nicht nur ethisch auf ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen (Dein "wir"), sondern ihm unterliegt als kausal-gesetzliches Prinzip letztlich das gesamte Universum bzw. die gesamten Universen in Werden und Vergehen. Entsprechend führt auch keinesfalls nur "Unrecht" zu Karma, es gibt ja auch keine karmische Urerbsünde, die über mehrere Leben hinweg aufzuarbeiten wäre. Auch möchte ein Buddhist das Karma ja eben nicht als ethisches Prinzip erfüllen, sondern es im Gegenteil hinter sich lassen, überwinden, transzendieren.

  16. Edgar Dahl @ - Michael: Karma
    24.03.2008 | 18:44

    "Ganz so einfach ist es leider nicht. So bezieht sich das Karma nicht nur ethisch auf ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen (Dein "wir"), sondern ihm unterliegt als kausal-gesetzliches Prinzip letztlich das gesamte Universum bzw. die gesamten Universen in Werden und Vergehen. Entsprechend führt auch keinesfalls nur "Unrecht" zu Karma, es gibt ja auch keine karmische Urerbsünde, die über mehrere Leben hinweg aufzuarbeiten wäre. Auch möchte ein Buddhist das Karma ja eben nicht als ethisches Prinzip erfüllen, sondern es im Gegenteil hinter sich lassen, überwinden, transzendieren."

    Nun, ganz so kompliziert ist es nun auch wieder nicht. Nach indischer Vorstellung sind wir im "Rad des Seins" ("Samsara") gefangen, so dass wir wieder und wieder geboren werden. Ziel ist es, diesem als schmerzlich und leidvoll erlebten Kreis der Wiedergeburten zu entfliehen und ins Nirvana einzugehen.

    Meinst Du, es lohnte sich etwas zur Reinkarnation zu schreiben?

  17. Michael Blume @ Edgar: Warum nicht?
    24.03.2008 | 20:11

    Mich würde es schon interessieren, inwiefern Du einen Unterschied zwischen dem Glauben z.B. an ein Jenseitsleben und eine Wiedergeburt siehst. Meines Erachtens sind beides religiöse Konzepte, die sich erst mit ethischen Prinzipien verbinden.

    Und zu "samsara": ich möchte nicht beckmesserisch sein, aber zwischen verschiedenen hinduistischen, buddhistischen und jainistischen Konzepten von Karma und Wiedergeburt und deren diversen europäischen Rezeptionen wäre doch ggf. etwas zu unterscheiden. (So stellen sich Jains z.B. das Karma u.U. stofflich vor, Sikhs und Drusen kombinieren Wiedergeburtsglauben mit Monotheismus u.ä.)

    Also los, schreib: interessieren wird es viele Menschen! (-:

  18. Beate T. Verhaltensgenetik - @Michael Blume
    25.03.2008 | 12:54

    @Michael Blume:

    Ihre Diskussion um die Frage der Verhaltensgenetik finde ich schon spannend. Leider erlaubte mir meine Zeit bisher nicht, auf Ihr Statement vom 17.3., 11:47 Uhr zu antworten.

    Zu meiner 1. These: "Ich denke, das Einzige Religiöse, was der Mensch in seiner genetischen Ausstattung mitbringt, ist die Neigung, erst mal nicht erklärbare Dinge auf eine übernatürliche Macht abzuschieben."

    Sie antworteten darauf, dass es ja auch verschiedene religiöse Verhaltenskomponenten gibt, die sich sogar weltweit erstaunlich ähneln. Und sie fragten, wo denn dann diese Verhaltenskomponenten angelegt seien.

    Ich möchte diese Verhaltenskomponenten nur als eine Folge zu meiner o.g. These bezeichnen. Also, weil die Menschen das für sie Unerklärbare auf eine übernatürliche Macht abschieben, überlegen sie, wie sie denn diese Macht beeinflussen können. Die Menschen nehmen die Schranken ihrer eigenen Intelligenz wahr und meinen, dass diese Macht, die sogar Gewitter entstehen lassen kann und Flutwellen, intelligenter sein muss, als sie. Das erscheint aus ihrer Sicht, denke ich, auch logisch. Also beten sie. „Bitte, Bitte“ sagen ist da eine vollkommen logische Schlussfolgerung. Wie soll man einen Jemand noch beeinflussen können? Natürlich durch Handlungen. Da die sich dem eingebildeten intelligenteren Wesen, das ihr Leben durch Naturereignisse und persönliches Schicksal ihrer Meinung nach beeinflusst, untertan fühlen, folgen natürlich Opfergaben. Und da die Menschen merken, dass sie in der Gemeinschaft stärker sind, als allein, folgt die rituelle Vergemeinschaftung. Mich wundert es daher nicht, dass es da zwischen einzelnen Religionen solche Parallelen gibt.

    Mag sein, dass die Suche nach Erklärungen auch durch Philosophen, Astrologen und Wahrsager befriedigt werden kann. Aber Astrologen und Wahrsager können nur einen kleinen Teil dessen befriedigen. Außerdem sagen die ja nur voraus und geben den Menschen keinen Handlungsspielraum. Wenn mir einer auf die Handfläche schaut und sagt, weil deine Linien so und so verlaufen, wirst du nur 50 Jahre alt, und ich glaube das, habe ich keine Möglichkeit, durch „Bitte, bitte“ sagen oder Opfergaben etwas daran zu ändern. - Und Philosophien müssen sowieso nicht automatisch zu religiösem Verhalten führen.

    Zu meiner 2. These: "Wenn sich religiöse Menschen in einem höheren Grad fortpflanzen, dann muss das nicht erstrangig mit einer genetisch religiösen Veranlagung zu tun haben, die automatisch an stärkere Vermehrung gekoppelt ist. Vielmehr ist meines Erachtens der Einfluss der religiösen Machthaber dafür verantwortlich, die das Verhalten in ihrer Religionsgemeinschaft bewusst so steuern, dass eine stärkere Vermehrung stattfindet."

    Ihre Überlegungen dazu:
    2.1.„Archäologische und historische Nachweise auf eine eigene Kaste religiöser Spezialisten (Priester) haben wir erst mit dem Auftreten der Agrarwirtschaft.“

    2.2. „Erfolg pflanzt sich über Generationen hinweg fort, Misserfolg wird ausselektiert.“

    Ich denke, da am Anfang, als der Mensch sich selbst bewusst wurde, so viele Dinge für den Menschen unerklärbar waren und die Existenz des Menschen ja auch wirklich von der Verschonung von Naturkatastrophen, Krankheiten und später Kriegen abhängig war, war sein Glaube an eine höhere Macht erst mal natürlich. Es folgte der Mechanismus, den ich oben beschrieben habe. Wenn es dann einzelne Mitglieder der Gruppen gab, die zweifelten, hatten die schon mit ihrem Zweifel keine gute Überlebenschance, weil sie von der Gruppe, die glaubte, der Teufel würde ihnen gegenüber stehen (oder wer auch immer), schnell beseitigt oder verstoßen wurden. Wir kennen solche Geschichten ja sogar noch aus der jüngsten Vergangenheit.
    Daher haben Zweifelnde entweder ihre Ansichten für sich behalten oder aber sie wurden tatsächlich ausgerottet. In einer Minderheit hatte der Einzelne nie eine Chance gegen die Religion. Und ganz klar, insofern hatten natürlich Menschen, die wirklich glaubten, oder die den vorherrschenden Glauben glaubwürdig vortäuschten, den reproduktiven Vorteil.

    Es brauchte lange, um dieses System zum Kippen zu bringen. Heute ist ein Aufbegehren gegen die Religion oder auch nur ein Zweifeln zumindest in unseren Breiten nicht mehr mit persönlicher Vernichtung verbunden. Daher konnte sich die Gruppe der Nichtreligiösen in den letzten Jahrzehnten doch immerhin erstaunlich vergrößern. Es wird sicher noch eine Zeit brauchen, bis das System ganz gekippt ist und Religiosität nur noch eine Minderheit betrifft. Bei der wird es dann auch bleiben, da ja Nichtreligiöse im Allgemeinen nicht an der persönlichen Ausrottung der Andersdenkenden interessiert sind.

    2.3. „Buddha oder Jesus wird man kaum vorwerfen können, sie hätten ihre Anhänger bewusst auf viele Nachkommen getrimmt - vielmehr überzeugten ihre Botschaften“
    Ich denke, die Geschichten um Buddha und Jesus wurden so zurecht gezimmert, dass man mit ihnen erfolgreich überzeugen konnte. Das Christentum z.B. war ja in den zurück datiert ersten Jahrhunderten u.Z. gar nicht sooo verbreitet. Es wurde vielmehr erst später durch Herrschsüchtige, z.B. durch Konstantin und noch ein paar andere zwangseingeführt (Christianisierung). Diese Herrscher haben erkannt, dass es sich hier um ein gutes Marketingkonzept handelt. Sprich: Das Christentum eignet sich hervorragend zur Unterdrückung von Menschen. Mit dem Buddhismus habe ich mich noch nicht so intensiv beschäftigt. Warum aber sollte es da nicht ähnlich vonstatten gegangen sein?

    +++
    Zu der Bertelsmann-Studie: Ich habe in Erinnerung, dass man da nicht besonders wissenschaftlich heran gegangen ist. Vielmehr betrachte ich dieses Werk als etwas, was bewusst manipulierend etwas vortäuschen soll. Bertelsmann ist auch ohnehin nicht besonders vertrauenswürdig.

  19. Michael Blume @ Beate T.
    25.03.2008 | 21:10

    Liebe Frau T.,

    herzlichen Dank für Ihren Beitrag, zu dem es viel zu schreiben gäbe. Lassen Sie mich aber hier nur einen Punkt herausgreifen. Sie vermuten im Bezug auf die Ursprünge menschlicher Religiosität:

    "Daher haben Zweifelnde entweder ihre Ansichten für sich behalten oder aber sie wurden tatsächlich ausgerottet. In einer Minderheit hatte der Einzelne nie eine Chance gegen die Religion. Und ganz klar, insofern hatten natürlich Menschen, die wirklich glaubten, oder die den vorherrschenden Glauben glaubwürdig vortäuschten, den reproduktiven Vorteil."

    Dazu möchte ich nur anmerken, dass wir den reproduktiven Vorteil ja "heute" messen - in Deutschland, den USA, der Schweiz, weltweit. Gerade für diese Länder kann aber nicht angenommen werden, dass sich die Religiösen ihren reproduktiven Vorteil durch "Ausrottung" anderer erwürben. Die orthodoxen Juden oder Amischen in den USA leben seit Jahrhunderten als nichtherrschende Minderheiten, sogar ohne Mission, und haben dabei weit überdurchschnittliche Geburtenraten.

    "Es brauchte lange, um dieses System zum Kippen zu bringen. Heute ist ein Aufbegehren gegen die Religion oder auch nur ein Zweifeln zumindest in unseren Breiten nicht mehr mit persönlicher Vernichtung verbunden."

    Genau. Also kann der heute nachweisbar bestehende Reproduktionsvorteil nicht auf diese Hypothese zurück geführt werden.

    "Daher konnte sich die Gruppe der Nichtreligiösen in den letzten Jahrzehnten doch immerhin erstaunlich vergrößern. Es wird sicher noch eine Zeit brauchen, bis das System ganz gekippt ist und Religiosität nur noch eine Minderheit betrifft."

    Mit die längste Tradition der ununterbrochenen Religionsfreiheit haben die USA. Und gerade dort ist die Religiosität sehr hoch - nicht zuletzt wegen der höheren Kinderzahlen in religiösen Familien.

    Mit freundlichen Grüßen

    Michael Blume

  20. Beate T. Religiosität und Anzahl der Kinder
    27.03.2008 | 14:26

    Lieber Michael Blume,

    ich kenne die Statistiken über Religionszugehörigkeiten und Religiosität in den USA und anderswo nicht und kann daher hier leider nur vermuten. Ich weiß auch zu wenig über die Mechanismen, die in den USA möglicherweise noch zur Religiosität führen. Einflüsse der Politik, der Medien, ...

    Daher bleibe ich lieber bei dem, was ich rund um mich herum beobachte. Und da ist es doch so, dass die Anzahl religiöser Menschen zurück geht. Auch in den letzten Jahrzehnten zurück gegangen ist. Allenfalls etwas aufgefangen wird durch gezielte Werbemaßnahmen der Kirchen in unserem Land. Erhöhte Geburtenraten in religiösen Familien werden auch durch einen höheren Bildungsstand der Menschen wieder durch Abwanderung aus der Religiosität ausgeglichen.

    Zu den orthodoxen Juden oder Amischen kann ich auch weniger sagen. Ich kann mir nur vorstellen, dass eine strenge Gläubigkeit an einen Gott, der angeblich Menschen für viele Kinder belohnt, dazu führt, dass man sich auch diesem Gott zum Gefallen für mehr Kinder entscheidet. Ich weiß nicht, wie es bei denen mit dem Verhütungsverbot aussieht. Die Amischen – ist das nicht auch so ein armes Volk, die schon aus Gründen ihrer eigenen Alterssicherung viele Kinder haben müssen? Tschuldigung bitte, wenn ich hier nicht so gut informiert bin. Ich meine einfach, dass es neben der Religiosität andere Gründe geben kann, die zu einer höheren Kinderzahl führen. Wenn auch manche Gründe indirekt mit der Religiosität zusammen hängen.

    Ich empfinde es jedoch nicht als erstrebenswert, dann eben religiös zu werden, um mehr Kinder zu haben. Der Kinderreichtum mancher Religiöser hängt weniger mit einer freien Entscheidung zusammen, sondern mehr mit „mehr Kinder aus Angst vor Gott“, „mehr Kinder, um Gott besonders zu beeindrucken“, „Verbot von Verhütungsmitteln“, „Verbot von Abtreibungen“ und „Armut“. Ich sage das, weil Sie irgendwoanders hier im Blog mal geschrieben haben, Sie wären über Ihre Religiosität glücklich, da sie Ihnen ja auch mehr Kinder beschert hätte.

szmtag