Die 10 Gebote - bio-logisch?
Die Begegnung mit Dominik Enste, einem gekonnt interdisziplinär denkenden und forschenden Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, war ein echter Gewinn. Wir lernten uns am Rande einer Tagung kennen, nachdem eine Datenauswertung in 82 Nationen von ihm den Religion-Reproduktion-Zusammenhang bestätigt hatte (siehe hier). Im Lauf des lebendigen Austauschs erwähnte Dominik auch, dass sich laut den Arbeiten einiger Ökonomen 6 der 10 Gebote als wirtschaftlich förderlich entschlüsseln ließen.
Ansatz und Fragestellung faszinierten mich sofort: Wie würden die 10 Gebote auf dem heutigen Stand religionsbiologischer Forschung abschneiden? Eine gemeinsame Einladung von Biologen und Theologen der Universität Gießen für den November bot eine hervorragende Chance, die Ergebnisse dann auch zu präsentieren und zu diskutieren.
Also ging es ran ans Werk, wobei nicht nur die abstrakte Theorie zur Geltung kommen sollte. Dankenswerterweise waren jüdische Freundinnen und Freunde bereit, Forscherfragen zum "Sitz im Leben" der Gebotstradition zu beantworten. Und besonders gerne erinnere mich an Einladungen als teilnehmender Beobachter zu Pessach-, Schawuot- und Sabbatfeiern.
Erwartungen übertroffen
Und meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Nicht sechs, sondern alle zehn Gebote erwiesen sich gerade auch in bio-logischer Perspektive als wissenschaftlich beschreibbar "gute Weisung"! Sie fördern genial ausgewogen und in komplexer Interaktion gemeinsame Identität, Kooperation und Kinderreichtum - und ihre rituelle Vergegenwärtigung wird auch ausdrücklich mit der Hervorhebung von Familienrollen (Kinder, Vater, Mutter) verknüpft.
Nach Vortrag und lebendiger Diskussion an der Universität Gießen ist der Vortrag "Die Bio-Logik der 10 Gebote - Warum verbindlicher Glaube nützt" nun auch (ergänzt um einige angefragte Punkte wie Wahrheitsfrage und Zölibat) im Sammelband "Was ist Religion?" zum 400-Jahr-Jubiläum der Justus-Liebig-Universität Gießen erschienen. Und dankenswerterweise waren die Herausgeber einverstanden, dass ich den Text nach Erscheinen auch den Bloglesern als pdf (hier) zur Verfügung stellen durfte. Über Ihr Interesse und Ihre Kommentare würde ich mich natürlich sehr freuen!
Und wer die zehn Gebote nochmal hören will, hier eine recht eigenwillige, kreative Gestaltung auf YouTube:
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Zunächst folgende Frage: Von welchen zehn Geboten sprechen wir? Gibt es ein neues Verständnis? Meines Wissens wurde das zehnte Gebot aufgeteilt, um das Gebot -sich kein Bild zu machen- unter den Tisch fallen zu lassen.
Desweiteren fürchte ich bei ihrer Begriffsbildung bio-logisch ein "zurück zur Natur" -das hatten wir schon und führt zu nichts, da die Natur ein Fressen und Gefressenwerden ist. Vater, Mutter, Kind ist 'ne schöne Sache, aber die Frage bleibt, wofür Mann und Frau eigentlich bestimmt sind. Ich halte immer noch dagegen, daß Fortpflanzung nur die ewige Wiederholung des Gleichen ist!
Zitat "Zunächst folgende Frage: Von welchen zehn Geboten sprechen wir? Gibt es ein neues Verständnis? Meines Wissens wurde das zehnte Gebot aufgeteilt, um das Gebot -sich kein Bild zu machen- unter den Tisch fallen zu lassen."
Ja, es gibt nicht nur unterschiedliche Zählweisen in jüdischer, evangelischer und katholischer Tradition, sondern auch in der Bibel selbst zwei Versionen (Exodus 20 und Deuteronium 5). Ich stütze mich hier auf die Sinai-Bund-Tradition nach jüdischer Zählung, Exodus 20, zumal eine Verquickung jüdischer Ritual- und lutherischer Textanalyse wohl wenig ertragreich wäre. :-)
Zitat "Desweiteren fürchte ich bei ihrer Begriffsbildung bio-logisch ein "zurück zur Natur" -das hatten wir schon und führt zu nichts, da die Natur ein Fressen und Gefressenwerden ist."
Insofern auch unsere Gehirne und unsere Kultur Teil des Naturgeschehens sind, sehe ich keinen Ort, von dem aus wir zurückkehren müßten. M.E. bauen Natur und Kultur aufeinander auf und bilden keine absoluten Gegensätze.
Und, nein, Natur und Evolution sind längst als weit mehr denn "Fressen und Gefressenwerden" erkannt. Kooperation(en) und Emotion(en) gehen nicht seltener aus ihnen hervor!
Zitat: "Vater, Mutter, Kind ist 'ne schöne Sache, aber die Frage bleibt, wofür Mann und Frau eigentlich bestimmt sind."
Da müssen Sie den Theologen oder Philosophen Ihres Vertrauens fragen. Als Religionswissenschaftler entschlüssele ich keine absoluten Wahrheiten oder Bestimmungen, sondern bemühe mich "nur" um die wissenschaftliche Beschreibung von religiösem Verhalten.
Zitat "Ich halte immer noch dagegen, daß Fortpflanzung nur die ewige Wiederholung des Gleichen ist!"
Aus evolutiver Perspektive ist Fortpflanzung natürlich stets auch die Bedingung der Entstehung von Neuem! Keiner von uns wäre, wenn nicht vor ihm eine Generationenkette von Abermillionen Fortpflanzungen gestanden hätte. Und in den letzten paar tausend Generationen unserer Vorfahren kam halt auch der Faktor Religiosität dazu, der meinen Forschungsschwerpunkt bildet - so wie andere die Sprachfähigkeit oder die Musikalität erforschen.
Moin, moin!
Ich stimme voll umfänglich zu, dass die sogenannten 10 Gebote wirtschaftlich förderlich sind.
Naturwissenschaftlich interessant ist das von Dietmar Hilsebein genannte Gebot des Bildnis Verbots. Dieses kann man so interpretieren, dass man sich als Naturwissenschaftler bei allen Modellvorstellungen bewusst sein sollte, dass es sich nur um Modelle und nicht um die Wahrheit handelt.
Aber die wirtschaftlich faszinierendsten Gebote sind die des Verbots der Zinsnahme (mit Ausnahme von Ausländern). Zins und Zinseszins sind tatsächlich die Totengräber einer florierenden Wirtschaft.
mfg
Lutz
An Dietmar Hilsebein.
Ich finde den Diskussionsort leider nicht mehr wieder, deshalb antworte ich hier aus dem Gedächtnis.
Wer die Bibel als Poesie betrachtet, der muss das auch mit anderen "Heiligen Büchern" machen, ich glaube, dass Sie mir da zugestimmt haben.
Das Spannungsfeld Poesie, Intuition, "man sieht nur mit dem Herzen gut" hält dem Reisenden überraschende, abgrundtiefe Gruben bereit. Sagt nicht auch die Mehrzahl der Vergewaltiger: "Mit dem Herzen habe ich gespürt, dass sie es auch wollte." Sagt nicht auch die Mehrzahl rechtsradikaler Schläger: "Mit dem Herzen habe ich gespürt, dass es gut für Deutschland war." ... Dieses "mit dem Herzen sehen" ist eine Funktion aus ganz vielen Einflüssen (überkommenen Moralvorstellungen, Vorurteilen, unausgewogenes Wunschdenken oder irrationale Befürchtungen, erste Gedanken und Gefühle, die oft negativ waren) von denen mit Sicherheit einige dabei sind, die uns und anderen schaden.
mfg
Lutz
Die meisten der Gebote (Eltern lieben/ kein Mitglied der Gruppe morden/ nicht Ehe brechen / nicht stehlen / nicht das Eigentum anderer verlangen) sind einfach nur triviale Verhaltensregeln, die innerhalb einer Gruppe gelten müssen, damit diese als Gruppe überleben kann bzw. möglichst gut überleben kann. Ich denke, in Zeiten der Not würden diese Verhaltensregeln in gleichem Maße von Nichtgläubigen angewandt werden, da sie ja auch überleben wollen. Mit dem Glauben hat das zunächst nichts zu tun. Der Glaube stellt nur darüber hinaus eine Form der Erpressung dar. Das heißt, sobald diese Grundsätze für das Überleben nicht mehr nötig sind (weil man sich z.B. nach Mord oder dem Bestehlen eines Mitglieds aus der eigenen Gruppe aus dem Staub machen kann und in eine andere Gruppe wechseln) sind diese Regeln für den Einzelnen nicht mehr überlebenswichtig. Sie wären es für die Gruppe als Ganzes. Aber wenn der Einzelne die Gruppe wechselt, braucht er sich ja nicht mehr dafür interessieren, ob er seine ehemalige Gruppe geschädigt hat.
Der religiöse Glaube bindet die Einzelnen mehr an diese Gruppe der Religiösen. Durch die - noch durch den Eingottglauben verstärkte - Erpressung (Angst vor Strafen, wenn man sich nicht an die Grundsätze dieser Gruppe hält), trauen sich Viele nicht, die Gruppe zu wechseln. Das wiederum stärkt die Gruppe. Gegenüber Nichtgruppenmitgliedern gelten diese Regeln ja nicht. Deshalb haben ja religiöse Gruppen auch kein Problem damit, Anders- oder Nichtgläubigen zu schaden. Der Grundsatz „Du darfst nicht heucheln“ hingegen gilt wohl eher nur für das Volk. Gerade in den oberen Hierarchien von Religionsgemeinschaften wird ja oft reichlich geheuchelt.
Nun fragt sich, ob der religiöse Glaube heute, in einer Zeit, wo wir zwischen Gruppen wechseln können, für den Einzelnen wirklich immer ein Vorteil ist. Das wage ich zu bezweifeln. Der religiösen Gruppe mag es ja nützen, wenn möglichst viele Menschen dabei bleiben. Für den Einzelnen, Unterdrückten, mag es oft befreiender sein, sich aus diesen Fesseln zu lösen.
Nur die Lebens-Logik der 10 Gebote zu untersuchen und zu belegen, erscheint mir zu wenig. Wenn es allerdings dazu führt, über den urprünglichen Grund des monotheistischen Glaubens und seiner christlichen Reform nachzudenken, dann kommen wir der Sache schon näher.
Auch die bisherigen Beiträge zur Bio-logie der Gebote machen deutlich, dass davor eine zeitgemäße kreative=schöpferische Bestimmung wahrgenommen werden muss, die uns weder der "Theologe des Vertrauens", noch der "Philosoph des Vertrauens" einflüstern kann. (Gott sei Dank.)
Die Weisheitslehrer bzw. Propheten, die wenige Jahrhunderte vor Jesus im Exil (einer Gefangenschaft des Intellektes in antiken Hochkulturen) den alten mystisch-entleerten Kult verwarfen und ein monotheistisches Weltbild entwarfen, verstanden im natürlichen Werden, wie wir es heute in der Evolutionslehre nur etwas genauer formulieren, schöpferisches Wort. Daraus leiteten sie Bestimmung und Gebote ab.
Mir geht es nicht um ein zurück zur Natur, sondern ein völlig neues, mündiges, aufgeklärtes Verständnis des Schöpfungswortes im natürlich-logischen Werden, aus dem dann auch heute Bestimmung abzuleiten wäre.
Zitat "Nun fragt sich, ob der religiöse Glaube heute, in einer Zeit, wo wir zwischen Gruppen wechseln können, für den Einzelnen wirklich immer ein Vorteil ist. Das wage ich zu bezweifeln."
Wir haben die Daten jetzt mehrfach diskutiert: religiös vergemeinschaftete Menschen gründen durchschnittlich stabilere und kinderreichere Familien, spenden häufiger und sind häufiger ehrenamtlich aktiv und sind glücklicher. Ich bin immer wieder erstaunt, wie tapfer Leute harte, empirische Erkenntnisse leugnen, wenn sie der eigenen Weltanschauung widerspricht...
Danke für Ihren Beitrag! Inhaltlich stimme ich dem zu - mein Verweis auf Theologen und Philosophen hat einfach damit zu tun, dass ich als Religionswissenschaftler vornehmlich empirisch arbeite und die religiöse oder philosophische Deutung nicht gleichzeitig vornehmen mag.
Dass die Zehn Gebote nur einen (wenn auch zentralen) Ausschnitt des gesamten religiös-montheistischen Geschehens beschreiben, sehe ich selbstverständlich auch so. So zählt das Judentum 613 biblische Ge- und Verbote, von denen das erste das Gebot zur Fruchtbarkeit ist.
Nein, wissenschaftlich interessierte, religiöse Menschen haben wohl keinen Grund, sich vor den Erkenntnissen der Evolutionsforschung zu fürchten! :-)
Danke Herr Blume,
schon wieder was gelernt.
Denn wenn das erste Gebot im altjüdischen Weltverständnis der Fruchbarkeit galt, dann ist das für mich nur ein weiterer von unzähligen Hinweisen, dass es im monotheistischen Glauben nicht um Un/Übernatürlichkeiten geht, wie sie nach wie vor -von Kirchenlehre, Kreationisten und Kritikern - einem personifzierten Gottesgebilde unterstellt werden und die im Kurz-schluss der Aufklärung bisher zu Monismus, Pantheismus, Atheismus oder Aber-glaube trotzdem (mache dir Deine ganz persönlichen Vorstellen, halte Mythen, Gesetze, Dogmen für wahr) führten.
M.E. kann am Anfang nur ein kreatives/hervorbringendes=schöpferischesWort (eine Vernünftigkeit), das im natürlichen Werden (heute würden wir von Evolutionslehre reden) der Grund des Glaubens gewesen sein.
Allein die Frage nach der Vernünftigkeit alter Gesetzlichkeit bringt uns nicht weiter, wenn wir nicht ihrer Vernunft auf den Grund gehen.
Unter "www.theologie-der-vernunft.de" finden Sie Überlegungen zum Theam "Auf-verstehung", die versuchen die heutigen Erkenntnisse über den Anfang monotheisitschen bzw. christlichen Glaubens auszuwerten und daher zu ganz neuen Schlüssen kommen und die die Spaltung unseres Welt- und Glaubensbildes hinter sich lassen: Glaube in einer kreativen Vernünftigkeit/Wort begründen wollen.
(Fragen, wie z.B. "Muss der wahre Naturwissenschaftler Atheist werden?", haben sich in diesem Verständnis des monotheistischen Glaubensgrundes aufgelöst.)
Poesie ist eine Sprache in Bildern, genau so, wie Musik eine Tonsprache ist. Dabei ist es für mich unerheblich, ob wir nun Edda, Bibel oder den Zarathustra Nietzsches lesen. Ich halte es aber für unklug, eine Sprache abzulehnen, weil sie nicht dem Zeitgeist entspricht. Vielmehr muß, wenn eine Sprache nicht beherrscht wird, diese eben gelernt werden. Das setzt aber voraus, daß ich in mir eine Ahnung vorfinde, daß das Erlernen einer neuen Sprache mir dazu verhilft, meinen Horizont zu erweitern.
"man sieht nur mit dem Herzen gut"
Ihre Ausführungen dazu zeigen, daß der Wille als blindwütiger Drang durch die Vernunft vernommen, aber eben auch HINTERFRAGT werden muß, da sonst der Mensch ein getriebenes Wesen bleibt.
Meine Aussage: "Nun fragt sich, ob der religiöse Glaube heute, in einer Zeit, wo wir zwischen Gruppen wechseln können, für den Einzelnen wirklich immer ein Vorteil ist. Das wage ich zu bezweifeln."
Deine Antwort: „… religiös vergemeinschaftete Menschen gründen durchschnittlich stabilere und kinderreichere Familien, spenden häufiger und sind häufiger ehrenamtlich aktiv und sind glücklicher. Ich bin immer wieder erstaunt, wie tapfer Leute harte, empirische Erkenntnisse leugnen, wenn sie der eigenen Weltanschauung widerspricht.“
Wolltest du mir damit sagen, dass der religiöse Glaube für jeden Einzelnen ein Vorteil wäre? Auch z.B. für mich? Wolltest du damit sagen, dass auch das absolute Halten an die 10 Gebote für jeden Einzelnen ein Vorteil wäre? Auch z.B. für die Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird, soll es ein Vorteil sein, ihre Ehe um keinen Preis zu brechen? Und wir alle sollten in keinem Fall falsch aussagen - auch nicht dann, wenn wir damit jemanden vor einer Gefahr retten können? Und ein Kind, das von seinen Eltern missbraucht wird, soll selbstverständlich trotzdem seine Eltern lieben? Und jemand, der Angst vor der Strafe seines Gottes hat, sollte auf keinen Fall den Glauben an diesen Gott aufgeben, weil das eben ein Vorteil für ihn ist?
Ich schätze mal, dass der Nutzen der Religion den punktuellen Schaden überwiegt, wie sollte es mit der Evolution auch anders laufen; so wie eine Mutation der Erythrozyten im Mittelmeerraum sowohl eine Malarieresistenz bewirkt, als auch die Sichelzellenanämie hervorruft. Die Evolution der Religionen selbst sorgt dafür, dass Schadreligionen auf der Strecke bleiben.
Liebe Beate,
im Kern hat adenosine Deine Frage ja schon beantwortet: Bei der Evolutionsforschung geht es stets um das statistische Mittel, der sich aus unzähligen Einzelfällen zusammensetzt.
Wenn also die Statistik klar erweist, dass sich Religiöse durchschnittlich (!)erfolgreicher fortpflanzen, glücklicher und länger leben, stabiler heiraten, häufiger spenden, seltener Alkohol und Drogen konsumieren etc. - dann bedeutet das weder, dass es keine abweichenden Einzelfälle gebe (die gibt es sehr wohl!), noch eine Rechtfertigung von abweichendem Verhalten.
Gerade aber wenn es Dir darum geht, gelingendes Leben zu fördern, tun wir alle gut daran, wissenschaftliche Erkenntnisse seriös zu bewerten und gemeinsam nach den Bedingungen zu suchen, die positive Entwicklungen begünstigen und negative möglichst unterbinden. Ein Beispiel dafür ist der Vergleich freiheitlicher und totalitärer Staatsformen: Religionen entfalten sich im freiheitlichen Wettbewerb offensichtlich lebensförderlicher als im Bündnis oder der Verfolgung (meist beides) mit undemokratischen Machthabern.
Worüber ich aber immer wieder staune, ist der Anspruch von Leuten, Religion(en) vermeintlich "wissenschaftlich-rational" zu kritisieren, dabei aber sowohl empirische Daten wie auch wissenschaftliche Methoden zu ignorieren. Das ist schon ein interessantes Phänomen.
Herzliche Grüße
Michael
Lieber Herr Mentzel,
viele Gedanken Ihres Entwurfes einer Theologie der Vernunft lesen sich durchaus interessant, ggf. würde ich gerne auch mal über den einen oder anderen Aspekt mehr erfahren und diskutieren.
Allerdings ist die Präsentationsform einer fast ausschließlich textbasierten Page wohl nur einem sehr kleinen Publikum zugänglich. Darf ich mir daher eine Anregung erlauben?
Die Form eines Blogs, wie er sich heute kostenlos oder zu geringen Kosten leicht anlegen läßt, erlaubt das Thematisieren einzelner Aspekte, das Einbinden von Bildern, Filmen etc., das Verlinken und Kommentieren benachbarter Themen und vor allem das Kommentieren und Diskutieren. Mit etwas Geduld und Hartnäckigkeit würde sich m.E. durchaus eine Stamm- und Gelegenheitsleserschaft mit Ihrem theologischen Entwurf auseinander setzen. Persönlich habe ich sehr gute Erfahrungen damit gemacht.
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
http://religionswissenschaft.twoday.net/
...sehr präzise und klar formuliert, dazu ein naturwissenschaftliches Beispiel - da kann ich mir wirklich eine Scheibe abschneiden... Danke.
Evolutionstheorie besagt, dass Reproduktion und Selektion zu einer Dominanz einer „überlegenen“ Art führen. Gene, die sich als überflüssig oder gar nachteilig erweisen, sterben aus.
Offensichtlich ist es den Erfindern der 10 Gebote aber nicht gelungen, sich auszubreiten, vielmehr wurden sie von den Persern, Griechen und Römern überflügelt und in alle Welt zerstreut.
Man könnte sagen, die Natur hat etwas ausprobiert und diese Idee nach kurzer Zeit als unzureichend verworfen.
Das Ergebnis zählt und nicht die einzelnen theologischen Argumente.
Die Geburtenrate des 20. Jahrhunderts zeigt eine anderes Bild, deshalb stellt sich aber nicht mehr die Frage, ob sich die empirischen Daten von heute auf die Vergangenheit übertragen lassen (Eine Kernfrage sozialwissenschaftlicher Arbeit), sondern warum das nicht möglich ist.
Nützliche oder unsinnige Gebote an sich sind nicht religionsspezifisch jede Organisation kriegt so was hin, unsere Regierung mindestens 1 pro Woche. Es stellt sich auch die Frage, welches sind die religionsspezifischen Eigenschaften, die einer soziale Gemeinschaft besonders nutzen und die von weltlichen Ideologien nicht bereitgestellt werden können? Ist es nur die übernatürliche Kontrollkraft, vor der sich der Religiöse rechtfertigen muß? Können weltliche Ideologien dagegen langfristig konkurrieren? Was kann diese Kontrollkräfte gleichwertig ersetzen?
Zitat "Evolutionstheorie besagt, dass Reproduktion und Selektion zu einer Dominanz einer „überlegenen“ Art führen."
Interessant, das ist mir neu. Wo haben Sie das denn her?
Zitat "Gene, die sich als überflüssig oder gar nachteilig erweisen, sterben aus."
Was für die 10 Gebote offensichtlich nicht gilt...
Zitat "Offensichtlich ist es den Erfindern der 10 Gebote aber nicht gelungen, sich auszubreiten, vielmehr wurden sie von den Persern, Griechen und Römern überflügelt und in alle Welt zerstreut."
Abgesehen davon, dass das Judentum zu den ältesten noch lebenden Religionsgemeinschaften unseres Planeten gehört und vor wenigen Tagen 60 Jahre der Wiedergründung Israels gefeiert wurden - gehören Römer, Perser und Griechen heute jeweils Religionen an, die aus dieser Religion hervorgegangen sind und den Gebotskanon in die eigene Überlieferung übernommen haben. Die altrömischen, altgriechischen und altpersischen Polytheismen sind dagegen tatsächlich untergegangen...
Zitat "Man könnte sagen, die Natur hat etwas ausprobiert und diese Idee nach kurzer Zeit als unzureichend verworfen.
Das Ergebnis zählt und nicht die einzelnen theologischen Argumente."
Weder das Judentum noch die 10 Gebote wurden "verworfen"...
Zitat "Die Geburtenrate des 20. Jahrhunderts zeigt eine anderes Bild, deshalb stellt sich aber nicht mehr die Frage, ob sich die empirischen Daten von heute auf die Vergangenheit übertragen lassen (Eine Kernfrage sozialwissenschaftlicher Arbeit), sondern warum das nicht möglich ist."
Diesen Satz habe ich leider nicht verstanden. Dass aber Juden und Christen in der Antike größere Familien aufwiesen als ihre polytheistische Umwelt, gilt unter Historikern als gesichert. Laut Exodus-Überlieferung ist übrigens genau dieser Kinderreichtum der Grund für die Angst und Feindseligkeit des Pharao...
Zitat "Es stellt sich auch die Frage, welches sind die religionsspezifischen Eigenschaften, die einer soziale Gemeinschaft besonders nutzen und die von weltlichen Ideologien nicht bereitgestellt werden können? Ist es nur die übernatürliche Kontrollkraft, vor der sich der Religiöse rechtfertigen muß?"
Wie es aussieht, ist es das personale Prinzip - in den reproduktiv erfolgreichen Religionen treten den Menschen eben nicht manipulierbare "Kräfte", sondern personale Gegenüber (Ahnen, Geister, Götter, Gott) gegenüber, mit denen die Glaubenden in Beziehung treten können. Zumal wir aus sozialen Zusammenhängen evolviert sind, scheint mir dieses durch abstrakte Philosophien und Ideologien nicht substituierbar zu sein. Gebote aus der Hand eines personalen Gegenübers haben eine sehr viel höhere Verbindlichkeit als nur Appelle an Vernunft oder Überlieferung.
Zitat "Können weltliche Ideologien dagegen langfristig konkurrieren? Was kann diese Kontrollkräfte gleichwertig ersetzen?"
Bisher ist dies nicht gelungen, wir kennen keine säkulare Gemeinschaft, die auch nur ein paar Generationen hindurch vergleichbar erfolgreich gewesen wäre. Und selbst im Buddhismus (einem zunächst apersonalen, religiös-philosophischen System) setzten sich meist quasi-personale Aspekte (Götter, Bilder, ein doch präsenter Buddha etc.) durch.
Aber natürlich bleibt hier noch viel zu forschen und zu klären, das kann nur ein sehr vorläufiges Fazit sein...
@Michael Blume
Es wäre nett und im Zeitalter des Internet kein Problem jeweils zu Aussagen wie:
"Wenn also die Statistik klar erweist, dass sich Religiöse durchschnittlich (!)erfolgreicher fortpflanzen, glücklicher und länger leben, stabiler heiraten, häufiger spenden, seltener Alkohol und Drogen konsumieren etc."
passend die Quelle zu verlinken. Gerade Statistikdeutungen sind zu empirischen Daten wie auch wissenschaftliche Methoden extrem gegensätzlich.