Die 10 Gebote - bio-logisch?
Die Begegnung mit Dominik Enste, einem gekonnt interdisziplinär denkenden und forschenden Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, war ein echter Gewinn. Wir lernten uns am Rande einer Tagung kennen, nachdem eine Datenauswertung in 82 Nationen von ihm den Religion-Reproduktion-Zusammenhang bestätigt hatte (siehe hier). Im Lauf des lebendigen Austauschs erwähnte Dominik auch, dass sich laut den Arbeiten einiger Ökonomen 6 der 10 Gebote als wirtschaftlich förderlich entschlüsseln ließen.
Ansatz und Fragestellung faszinierten mich sofort: Wie würden die 10 Gebote auf dem heutigen Stand religionsbiologischer Forschung abschneiden? Eine gemeinsame Einladung von Biologen und Theologen der Universität Gießen für den November bot eine hervorragende Chance, die Ergebnisse dann auch zu präsentieren und zu diskutieren.
Also ging es ran ans Werk, wobei nicht nur die abstrakte Theorie zur Geltung kommen sollte. Dankenswerterweise waren jüdische Freundinnen und Freunde bereit, Forscherfragen zum "Sitz im Leben" der Gebotstradition zu beantworten. Und besonders gerne erinnere mich an Einladungen als teilnehmender Beobachter zu Pessach-, Schawuot- und Sabbatfeiern.
Erwartungen übertroffen
Und meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Nicht sechs, sondern alle zehn Gebote erwiesen sich gerade auch in bio-logischer Perspektive als wissenschaftlich beschreibbar "gute Weisung"! Sie fördern genial ausgewogen und in komplexer Interaktion gemeinsame Identität, Kooperation und Kinderreichtum - und ihre rituelle Vergegenwärtigung wird auch ausdrücklich mit der Hervorhebung von Familienrollen (Kinder, Vater, Mutter) verknüpft.
Nach Vortrag und lebendiger Diskussion an der Universität Gießen ist der Vortrag "Die Bio-Logik der 10 Gebote - Warum verbindlicher Glaube nützt" nun auch (ergänzt um einige angefragte Punkte wie Wahrheitsfrage und Zölibat) im Sammelband "Was ist Religion?" zum 400-Jahr-Jubiläum der Justus-Liebig-Universität Gießen erschienen. Und dankenswerterweise waren die Herausgeber einverstanden, dass ich den Text nach Erscheinen auch den Bloglesern als pdf (hier) zur Verfügung stellen durfte. Über Ihr Interesse und Ihre Kommentare würde ich mich natürlich sehr freuen!
Und wer die zehn Gebote nochmal hören will, hier eine recht eigenwillige, kreative Gestaltung auf YouTube:
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Pardon, habe den Link gefunden.
Ihre Frage ist natürlich trotzdem berechtigt, da ja immer wieder neue Leute in die Debatten hier einsteigen und nicht alle älteren Beiträge kennen können.
Auf meinem Private Blog halte ich Datensammlungen und Dokumente eigentlich immer zur schnellen Recherche bereit und versuche auch immer wieder neue, empirische Befunde einzustellen (vor wenigen Tagen z.B. zur Spendenbereitschaft).
http://religionswissenschaft.twoday.net/
Aber ich überlege auch, hier in Natur des Glaubens vielleicht später mal einen Beitrag nur zu den empirischen Daten und Links zu machen, damit jeder schnell recherchieren kann.
Nur, es sei eingestanden, auch mein Tag hat nur 24 Stunden, die sehr oft bereits mehr als gut gefüllt sind... Alles Wünschenswerte läßt sich ehrenamtlich und nebenher an den Feierabenden und frühen Morgenden einfach nicht leisten, so gerne ich auch noch mehr tun würde...
Danke mal, Herbert Falk, für den Kommentar zu dieser Aussage. Ich habe auch schon daran gearbeitet. Mit den empirischen Daten ist das ja immer so eine Sache. Gerade dann, wenn sie von Lobbyisten erstellt werden. Ich habe mich noch nicht durch alle von dir, Michael, gesammelten Daten durchgearbeitet, aber vielleicht ist hier auch mal ein Hinweis auf die Datensammlung auf der Seite www.fowid.de gestattet. Ein paar interessante Statistiken daraus:
http://fowid.de/...eit_Bevoelkerung__1950-2005.pdf
http://fowid.de/...hiv/Christenquote%2C%202002.pdf
Man sieht sehr schön, wie die Christenquote mit sinkendem Alter sinkt. Man sieht auch gut, wie die Religionszugehörigkeit zurückgeht. Angesichts solcher Zahlen muss ich mich immer wundern, wenn du vom Erfolg der Religionen sprichst, Michael. Mag ja sein, dass Religiöse ein paar Kinder mehr bekommen. Aber dennoch sinkt der Anteil Religiöser an der Bevölkerung.
http://fowid.de/...szugehoerigkeit%2C%20200%85.pdf
http://fowid.de/...onszugehoerigkeit%2C%202000.pdf
Hier sieht man am Beispiel „Kaufhausdienstahl“ und „Steuerbetrug“, dass die Meinungen der Religiösen und Nichtreligiösen da nur wenig voneinander abweichen. Und das, obwohl doch beide Themen sehr die „10 Gebote“ tangieren.
Liebe Beate,
zunächst einmal: "Die paar mehr Kinder" sind das, was aus biologischer Perspektive interessiert. Denn auf keinem anderen Weg als auf dem der Fortpflanzung werden genetische Veranlagungen weitergegeben.
Und ja, die aktuelle Debatte lautet, ob das derzeit demografisch implodierende Deutschland das Säkularisierungstief schon durchschritten hat und ob bei den jüngeren Altersgruppen die Religiosität schon merklich zurückkehrt. Da Du aber ja gerne jene empirischen Daten des Lobbyismus verdächtigst, gerne auch bei fowid ;-) :
http://fowid.de/...__Michael_Blume___TA-2007-6.pdf
und hier
http://fowid.de/...el__S.Graupner___TA-2006-15.pdf
und, wo wir dabei sind, in Sachen eheliche Treue:
http://fowid.de/...Verhaltensbeurteilung__2002.pdf
Die Zukunft dürfte also spannend bleiben, bunter denn je werden - und zunehmend stärker von "den paar mehr Kindern" religiöser Eltern geprägt werden...
Mit herzlichen Grüßen! :-)
Michael
Nun, das Verhalten hinsichtlich Ehebruch hat zwar einen kleinen Schlenker zugunsten der stark Religiösen, aber ehrlich gesagt hätte ich doch von christlich-religiösen Menschen, die sich des Einhaltens der 10 Gebote rühmen, mehr Kontra Ehebruch, Ladendienstahl und Steuerhinterziehung erwartet. ...
...in der Tat hat eine Pro-Forma-Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften auch nur eine geringfügige demografische Wirkung, der Glaube muss schon verbindlich sein. Deswegen heißt der hier besprochene Artikel ja auch "Die Bio-Logik der 10 Gebote - Warum verbindlicher Glaube nützt".
Nur aus Gewohnheit in der Kirche zu bleiben, maximal an Weihnachten oder zum Ramadanfest in den Gottesdienst zu gehen oder unter Energiepyramiden hin und wieder spirituelle Privatoffenbarungen zu suchen reicht - so der Datenstand - nicht aus.
Und diese Befunde entsprechen übrigens auch sehr exakt den Ritual-Signal-Befunden von Sosis, die hier bereits dargestellt waren:
http://www.wissenslogs.de/...ostet-ist-nichts-wert
Allgemeinverständlicher formuliert: Es scheint beim reproduktiven Erfolg religiöser Vergemeinschaftung weniger um Lippenbekenntnis als um reale Verhaltensänderungen im Alltag zu gehen. Und hier sind kleine, verbindliche (leider durchaus auch fundamentalistische) Gemeinschaften oft stärker dabei als etabliert-liberale Mainstream-Kirchen. Auch deswegen bröckeln die Großkirchen weiter, stattdessen nimmt die religiöse Vielfalt zu.
Siehe auch:
http://www.kas.de/wf/doc/kas_13362-544-1-30.pdf
Ich hoffe, damit ist Dir auch deutlich geworden, dass hier keinesfalls nur Befunde präsentiert werden, die etablierten Kirchen ins Konzept passen würden. Diesen kann man auch beim besten Willen kein einfaches "Weiter so!" empfehlen...
Das leuchtet mir schon eher ein. Ich verstehe sowieso nicht, warum manche Studien nach Religionszugehörigkeit untersuchen und nicht lieber nach dem echten Glauben. Echter christlicher Glaube ist aber durchaus fundamentalistisch. Und unsere großen Kirchen können sich nur eine große Anhängerschaft ermöglichen, wenn sie ihre Soft-Nummer weiter fahren. Weil unsere heutige Gesellschaft springt nun mal zum Glück nicht mehr so sehr auf Fundamentalismus an. Insofern ist der Fundamentalismus überholt. Er hat vielleicht in kleineren Teilen der Gesellschaft noch Erfolg, auch reproduktiven Erfolg. Aber insgesamt ist er doch - zum Glück - am Untergehen. Wahrscheinlich werden auch in der Zukunft immer mal wieder fundamentalistische Gruppen auftauchen. Aber die gesamte Menschheit werden sie gewiss nie wieder einnehmen können.
Ich betrachte die Lösung vom Fundamentalismus nicht als Misserfolg für die Menschen. Er ist allenfalls ein Misserfolg für die Fundamentalisten. Unsere Gesellschaft mag sich dadurch in Zukunft etwas weniger stark vermehren bzw. auch in ihrer Anzahl reduzieren. Das aber ist kein Misserfolg, wenn man sich mal die Bevölkerungszahl dieser Erde anschaut. Unserer Erde geht es gewiss besser, wenn sich langfristig die Anzahl der Menschen wieder reduziert. Da sind dann auch wieder mehr Ressourcen für diese Menschen da. Für die Menschheit als Ganzes ist das gut. Wir brauchen ja auch angesichts unserer heutigen Möglichkeiten nicht mehr 10 Kinder, um einen Rentner zu ernähren.
Och, Beate T:
Das ist schon eine sehr eigene Begrifflichkeit, die hier zur Anwendung kommt: "Echter christlicher Glaube ist aber durchaus fundamentalistisch". Wo in der Religionswissenschaft wird das sonst so gesehen und definiert?
Pascal Boyer würde wohl noch sagen: Herumreisen, die Vielfalt der Religionen wahrnehmen.
Überhaupt sollte man sich auch fragen, inwieweit das einer religiösen/weltanschaulichen Gruppe (welcher auch immer) gerecht werden kann, wenn man ihr von außen zudiktiert, was "echt" sei.
Im Übrigen: Die Bemerkungen zur Demographie - sehr eurozentristisch.
Einen hellen Tag wünscht
Basty
...dürfte die Entwicklung etwa mittig verlaufen: Eine (auch aufgrund demografischer Erfolge) steigende Anzahl verbindlicher Gemeinschaften, aber eben keine monopolistische Macht mehr, die ihre spezifischen Vorstellungen per Staat und Gesetz durchsetzt. Also mehr (auch religiöse) Vielfalt, aber damit auch mehr Freiheit - so könnte es laufen. Hoffe ich zumindest...
Zum "eigentlichen Christentum" kann ich nur sagen, dass es zur Freiheit gehört, sich selbst zu definieren. Ich würde es z.B. ablehnen, wenn jemand behaupten würde, die "eigentlichen Atheisten" seien die Verbrecher der sozialistischen Regime in China, Russland, Nordkorea, der ehem. DDR usw. gewesen. Hier würde ich auch sagen: Millionen Atheisten lebten und leben anständig und es ist nicht fair, Weltanschauungen, Glaubenshaltungen o.ä. von den Extremen her zu definieren. Ob jemand von Gott oder dem modernen Humanismus her argumentiert: Konsens sollte doch eigentlich sein, dass immer der einzelne Mensch nach seinen Taten zu beurteilen ist, die Zeit der Kollektivurteile haben wir (hoffentlich) hinter uns...
Lieber Basty,
danke für Deinen Beitrag, freut mich, dass Du mitliest.
Was die Demographie betrifft, bin ich übrigens wirklich sehr gespannt. In ein paar Wochen habe ich eine Einladung von Finanzwissenschaftlern (habe ja vor der Religionswissenschaft eine Ausbildung zum Finanzassistenten gemacht) und will die fragen, wie eigentlich Alterssysteme funktionieren (sollen), wenn - laut gültigen UN-Prognosen - bis 2050 bereits 80% der Weltbevölkerung in schrumpfenden Popualtionen leben werden. Wer soll z.B. die Einlagen aufnehmen und verzinsen, mit denen sich hunderte von Millionen Älterer für das Alter absichern wollten? Bin mal wirklich gespannt, was dabei herauskommt...
laut Wikipedia:
Fundamentalismus ist allgemein gesehen eine Überzeugung, die sich zu ihrer Rechtfertigung auf eine Grundlage beruft, die auf einer Letztbegründung beruhe und absolut wahr sei.
Unter dem Begriff Christlicher Fundamentalismus werden Strömungen im Christentum zusammengefasst, die sich nachdrücklich auf ein Fundament wie die wörtliche Auslegung der Bibel, eine Kirchenidee (Urkirche, Erstes Vatikanisches Konzil), bestimmte Autoritäten (Prediger, Propheten, Bischöfe, Päpste) berufen und ihre Lehren und Praktiken ausschließlich daraus herleiten (siehe auch Fundamentalismus).
Meist stimmen sie in konservativen, als „biblisch“ dargestellten Werten bezüglich Familie und Moral, insbesondere der Sexualmoral, überein.
Mit „echter christlicher Glaube“ meinte ich das ausdrückliche Beziehen auf die Bibel. Es gibt ja viele Menschen, die sich als Christen bezeichnen, im Grunde genommen aber nur an einen persönlichen Gott glauben, der ganz andere Eigenschaften als der Gott der Bibel hat. Das ist dann nach meiner Ansicht kein echter christlicher Glaube.
Etwas ist mir nicht ganz klar.
Wie konnte es überhaupt zu einem "Säkularisierungstief" kommen, wo doch der überwiegende Teil der Bevölkerung religiös war und sich gläubige Bürger rasend schnell vermehren. Waren die Kirchgänger gar Heuchler, die nun anhand dieser Auswertung überführt worden sind?
Wenn man die Methode auf andere Bereiche überträgt, kommt man zu dem Ergebnis, dass arme, hungernde Menschen biologisch sehr erfolgreich sind. Nun wäre es interessant herauszufinden, ob gerade die armen, hungernden Menschen sich aus Verzweiflung der Religion zuwenden, während die reichen, satten Menschen sich den Luxus Säkularisierung leisten können.
Abschließend gibt es Untersuchungen, die eine Korrelation von demokratischer Reife und Kinderzahl herstellen.
Wie Herbert Falk gerade angesprochen hat, ist es wichtig, dass wir uns einmal darüber verständigen, was wir unter dem Begriff "Erfolg" überhaupt verstehen wollen. Mir scheint, dass in unseren Diskussionen "Fortpflanzungserfolg" und "Missionserfolg" häufig verwechselt werden. Wenn man sagt, dass die Mormonen oder die Amish "erfolgreicher" seien als die Lutheraner oder Calvinisten, was ist dann gemeint - dass sie sich dank ihrer Reproduktionsrate oder dank ihrer Missionierung stärker ausbreiten?
Wie Herbert Falk mit seinem Hinweis auf die Dritte Welt andeutete, ist auch nicht klar, wie wir den "Fortpflanzungserfolg" eigentlich messen sollen: Einfach anhand der Kinderzahl? Doch wollte irgendjemand allen Ernstes behaupten, dass sich die Menschen in Bangladesch erfolgreicher reproduzieren als die Menschen in den USA? Was nützen zehn Kinder, wenn davon lediglich zwei überleben und sich ihrerseits fortpflanzen? Und: Dürfen wir aus evolutionsbiologischer Perspektive überhaupt Populationen unterschiedlicher Kontinente miteinander vergleichen? Wer konkurriert denn eigentlich mit wem? Konkurriere ich mit Leuten aus dem Sudan? Deutschland? Hessen? Gießen?
Lieber Herr Falk,
danke für Ihre Fragen, auf die ich natürlich gerne eingehe.
Sie schrieben: "Wie konnte es überhaupt zu einem "Säkularisierungstief" kommen, wo doch der überwiegende Teil der Bevölkerung religiös war und sich gläubige Bürger rasend schnell vermehren. Waren die Kirchgänger gar Heuchler, die nun anhand dieser Auswertung überführt worden sind?"
Wie vor allem F.A. von Hayek entdeckt und formuliert hat (wobei sich die Erkenntnis bis auf Adam Smiths Wealth of Nations zurückführen läßt) formt sich der reproduktive Vorteil von Religionsgemeinschaften im Wettbewerb. Siehe z.B. hier:
http://www.wissenslogs.de/...azer-hayek-konvergenz
Und das heißt eben auch: Gesellschaften, in denen ein religiöses Monopol (oder Kartell) herrscht, verlieren ihre entsprechende Anpassungsfähigkeit, beispielsweise weil veraltete Familienmodelle aufrecht erhalten werden, die potentielle Eltern überfordern. Denken Sie z.B. an Gesellschaften wie Polen, Griechenland, Spanien, Iran o.ä., die inzwischen massiv niedrige Geburtenraten haben!
Und es gibt sogar eine Fallstudie, nämlich einen Vergleich der Religion-Reproduktion in Spanien in der Diktatur (in der es starken Druck gab, katholisch zu sein) und nach Einführung der Demokratie. Und, Sie ahnen es, tatsächlich: erst in der freiheitlichen Ordnung setzt sich der verbleibende "ehrlich glaubende" Rest (sowie die religiösen Minderheiten) vom allgemeinen Geburteneinbruch ab.
Siehe hier:
http://ftp.iza.org/dp1399.pdf
Einen kleinen Datenschatz gibt es auch bezüglich der Türkei, in der 1984 Mütter aus armen, agrarischen und städtischen Regionen nach Argumenten für Kinder befragt wurden. Auch hier zeigt sich: mit fortschreitender Entwicklung nimmt das reproduktive Gewicht religiöser (und emotionaler!) Überzeugungen zu, vorher gab es ja kaum Lebensalternativen. Siehe Daten hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/...444535/
Ab wann dann dieser entstehende, religionsdemografische Markt aus reproduktiv erfolgreichen Minderheiten leistungsfähig genug ist, um die Säkularisierung (die es auch in den USA gibt!) durch relativen Geburtenreichtum auszugleichen (wie es in den USA seit Jahrzehnten geschieht) ist die offene Frage. In den USA hat dieser Prozess Jahrhunderte gebraucht, heute erreicht das Land fast ohne staatliche Familienförderung die höchsten Geburtenzahlen wohlhabender Nationen, vorwiegend durch seine religiöse Vielfalt. US-Daten z.B. hier:
http://www.wissenslogs.de/...der-verhaltensgenetik
Sie fragten: "Wenn man die Methode auf andere Bereiche überträgt, kommt man zu dem Ergebnis, dass arme, hungernde Menschen biologisch sehr erfolgreich sind."
Das Problem bei dieser "Übertragung" ist aber natürlich, dass die differenzielle Reproduktion (der darwinsche Fitnesserfolg) eines bestimmten Merkmals stets nur dann sinnvoll erfassen lässt, wenn Phänotypen der sonst möglichst gleichen Bedingungen verglichen werden. Wir müssen also fragen, ob es Überlebens- und Reproduktionsvorteile jeweils unter armen, reichen, formal gebildeten usw. Menschen gibt. Bisher sieht alles danach aus - etwa in den World Value Surveys unter 82 Nationen aller Kontinente und Einkommensstufen. Auch sind arme, säkularisierte Gesellschaften wie Russland, Bosnien etc. deutlich geburtenärmer als vom Einkommen her vergleichbaren religiös-vielfältigen Pendants (z.B. Indien, Lateinamerika). Und in den freiheitlichen Gesellschaften haben wir inzwischen Wagenladungen von Daten, die zeigen, dass der Abstand säkularer und religiöser Geburtenzahlen mit steigendem Einkommen, Bildung etc. schnell weiter zunimmt...
Ihre Frage "Nun wäre es interessant herauszufinden, ob gerade die armen, hungernden Menschen sich aus Verzweiflung der Religion zuwenden, während die reichen, satten Menschen sich den Luxus Säkularisierung leisten können."
Eine sehr gute Frage, die ins Herz des Themas zielt! Tatsächlich lehrt "Not beten" und nach erschütternden Ereignissen (wie Amokläufen, Erdbeben etc.) strömen auch Menschen in die Gotteshäuser, die sich in guten Zeiten dort fast nie aufgehalten haben. Religion(en) erfüllen auch die Funktion der Kontingenzbewältigung, gewinnen einer chaotischen Welt wieder Sinn ab, machen sie rituell wieder beherrschbar und bieten vor allem Netzwerke gegenseitiger Anteilnahme und Hilfe. (Religionsgemeinschaften in Gründung vertreten deswegen übrigens häufig eine apokalyptische Botschaft - die Krisenerfahrung schweisst die ersten Glaubenden zusammen.) Also, ganz klar "Ja" - Krisen- und Armutserfahrungen sorgen für durchschnittlich deutlich höhere Levels an Religiosität.
Im Kern gilt hier also wieder das Gleiche wie oben für Spanien und die Türkei beschrieben: Erst in freiheitlichen und sicheren Verhältnissen trennt sich dann gewissermaßen die Spreu vom Weizen, nun zeigt sich (und wirkt sich aus), wer bleibt, auch wenn keine existentielle Not ansteht. Dann bleibt ein "heiliger Rest", die Dekadenz der Umgebung beklagend und sich erfolgreich(er) fortpflanzend. ;-)
Und zuletzt: "Abschließend gibt es Untersuchungen, die eine Korrelation von demokratischer Reife und Kinderzahl herstellen."
Das klingt interessant. Aber welche Untersuchungen meinen Sie und wie definiert sich demokratische Reife? Entsprechende, weltweite Indexuntersuchungen sind mir von Norris und Inglehart bekannt (Sacred and Secular, 2004) - die den reproduktiven Effekt von Religiosität bestätigten.
Lieber Edgar,
danke für Deine Fragen!
Du fragtest: "Mir scheint, dass in unseren Diskussionen "Fortpflanzungserfolg" und "Missionserfolg" häufig verwechselt werden. Wenn man sagt, dass die Mormonen oder die Amish "erfolgreicher" seien als die Lutheraner oder Calvinisten, was ist dann gemeint - dass sie sich dank ihrer Reproduktionsrate oder dank ihrer Missionierung stärker ausbreiten?"
Danke, Edgar, 100% Zustimmung! Und jetzt weißt Du, warum ich immer wieder so eisern betone, dass ich hier von der Biologie argumentierte und die Kultur (z.B. das Ob, Wie und Wann der derzeitigen Wiederkehr des Religiösen in Deutschland) nur als Ausschnitt längerer Entwicklung betrachte! Die Evolution des Merkmals Religiosität dürfte mindestens 6.000 Generationen umfassen und deswegen sind schon biografisch vielleicht verständliche Fokussierungen auf den Organisationstypus "missionarische Kirche" (ca. 100 Generationen...) fraglich. Wir haben einfach keinerlei Hinweise darauf, dass Stammesreligionen einander missionierend durch die Lande gezogen wären...
Und das "biologische" Erfolgskriterium, die darwinsche Fitness, ist eindeutig: die differentielle Reproduktion über mehrere Generationen hinweg. Überleben ist notwendig, um überhaupt die Gelegenheit zur Fortpflanzung zu haben, dann gilt es die sexuelle Selektion bestehen (also einen geeigneten Partner finden) und last but not least Nachkommen zu haben, die wiederum diesen Dreischritt vollziehen usw. (Die Reproduktion naher Verwandter zählt übrigens anteilig auch.) Am Ende des Spiels zählen die Tore - d.h. die erfolgreichen Genweitergaben.
Ein paar Grundbegriffe dazu hier:
http://www.biuz.unizh.ch/...tik_und_Wirbellose.pdf
Deswegen kann Mission aus biologischer Perspektive für sich alleine noch kein Erfolgskriterium sein. Die Shaker missionierten lange sehr erfolgreich, hatten aber keine Nachkommen - die Amish verzichteten auf Mission, hatten aber große Familien, die Mormonen kombinierten beide Strategien usw. Aus evolutionsbiologischer Sicht interessiert mich der Vergleich des Fortpflanzungserfolgs und ich bin fasziniert, dass sich auch historisch keine Gemeinschaften dauerhaft nur mit Mission gegen diesen behaupten konnten. Deswegen von mir die ganz klare Aussage: Aus evolutionsbiologischer Perspektive ist der Faktor Mission interessant, aber für die eigentliche Fragestellung der Adaptivität des Merkmals sekundär.
Weiter: "Wie Herbert Falk mit seinem Hinweis auf die Dritte Welt andeutete, ist auch nicht klar, wie wir den "Fortpflanzungserfolg" eigentlich messen sollen: Einfach anhand der Kinderzahl?"
Theoretisch natürlich nicht - es geht ja nicht nur um Kinder, sondern um Kinder, die wiederum Kinder haben usw. Allerdings haben wir in den freiheitlichen Gesellschaften der Schweiz, USA etc. keinerlei Anzeichen für eine höhere Sterblichkeit religiöser Menschen (eher im Gegenteil) - und sogar sehr starke Hinweise darauf, dass religiöse und pro-reproduktive Einstellungen von Eltern bewusst an Kinder weitergegeben werden! Das war schon Thema bei unserer ersten ALLBUS-Untersuchung. Insofern bietet die Zahl der Lebendgeburten bei Menschen in freiheitlichen und wohlhabenden Gesellschaften einen sehr starken Indikator für darwinsche Fitness.
Du schriebst: "Doch wollte irgendjemand allen Ernstes behaupten, dass sich die Menschen in Bangladesch erfolgreicher reproduzieren als die Menschen in den USA?"
Selbstverständlich tun sie das. Sie haben mehr Kinder. Ob deren Kinder wiederum mehr Kinder haben, ob also die differentielle Reproduktion auch Generationen übergreift, ist dann die im jeweiligen Kontext zu beantwortende zweite Frage (und ob die Mitgliedschaft in religiösen Netzwerken dieses Überleben ggf. sogar stärkt, die dritte). Wenn wir empirisch arbeiten wollen, müssen wir uns -da stimme ich Dir zu- schon die Mühe machen, in jedem Kontext zu differenzieren. :-)
Zitat "Was nützen zehn Kinder, wenn davon lediglich zwei überleben und sich ihrerseits fortpflanzen?"
Siehe oben. Deswegen errichten Religionsgemeinschaften überall auf der Welt Stiftungen, Hospitäler, Schulen etc. und lassen ihren Mitgliedern damit (auch) Überlebensvorteile zukommen. In freiheitlichen Gesellschaften dürfte der differentielle Überlebensvorteil aber recht gering sein, weswegen (siehe Herr Falk!) sich dann auch viele Menschen auch leisten können und wollen, säkular zu leben. Hier lautet das Problem dann eher: "Was nützen zehn Kinder, wenn sich von denen nur noch zwei entscheiden, ebenfalls Kinder zu haben?" ;-)
Du fragtest: "Und: Dürfen wir aus evolutionsbiologischer Perspektive überhaupt Populationen unterschiedlicher Kontinente miteinander vergleichen? Wer konkurriert denn eigentlich mit wem? Konkurriere ich mit Leuten aus dem Sudan? Deutschland? Hessen? Gießen?"
Selbstverständlich gehören alle Menschen auf diesem Planeten einem gemeinsamen Genpool an, der sich ja auch durch Migration & Co. immer vermischt hat und derzeit stärker vermischt. Und ich darf noch einmal auf die Exodusgeschichte der Bibel verweisen, aus der eine Mahnung gegen Diskriminierung abgeleitet wird: Die alten Israeliten hatten tatsächlich (ggf. an eigenen Erfahrungen?) erkannt, dass es keine gute Idee ist, andere Populationen in Armut und Unfreiheit zu belassen - das beschleunigt deren demografisches Wachstum. Ein europäisches Beispiel dafür wäre übrigens das Kosovo, in dem die Diskriminierung der Albaner die Geburtenraten auseinanderklaffen ließ.
Aber meine (unsere?) Forschungsfrage hier lautet doch ganz konkret: Bewirkt das Merkmal Religiosität einen differentiellen Reproduktionsnach- oder -vorteil? Und wenn ja, unter je welchen Voraussetzungen? Und um das zu klären, müssen wir natürlich andere Faktoren möglichst ausschließen und sollten daher je Menschen in möglichst identischen Umweltbedingungen vergleichen.
Bisher haben wir Unmengen von Daten, die einen Reproduktionsvorteil des Merkmals in freiheitlichen Gesellschaften der Vergangenheit und Gegenwart belegen, erkennen überlebensfördernde Strategien (z.B. die Einrichtung von Hospizen, Schulen etc.) v.a. in Agrargesellschaften und haben ethnologische Hinweise, die auf Vorteile auch bei Wildbeutervölkern hindeuten. Bisher deutet also sehr viel auf eine starke Adaptivität des Merkmals Religiosität beim Menschen hin, in freiheitlichen Kontexten darf sie m.E. (unter Anerkennung der immer möglichen Falsifizierung aller wissenschaftlichen Theorien) als erwiesen gelten.
Aber es gibt natürlich noch weiterhin unheimlich viel zu erforschen und ich könnte mir z.B. durchaus vorstellen, dass Religiosität z.B. im atheistisch regierten Nordkorea einen echten Überlebensnachteil darstellen könnte. Biologische Merkmale sind immer nur kontextabhängig adaptiv - unstrittig adaptive Kiemen funktionieren nicht an Land, unterschiedliche Hautfarben korresponieren mit unterschiedlichen Licht- und Nahrungsverhältnissen etc.
Daher mein beständiges Werben für weniger "Es-könnte-Ja-sein"-Thesen in der Religion-Evolution-Forschung (so attraktiv diese bei einem so populären und emotionalen Thema auch sein mögen) und mehr sorgfältige, fokussierte und empirische Datenauswertungen und Fallstudien.
Schau mal:
http://hpd.de/node/4682
...und ein gutes Beispiel für einen Autor, der sich aus ideologischen Gründen für seriöse, demografische Forschung offensichtlich nicht interessiert.
Statt wild und konfus die Geburtenraten aller möglichen Länder durcheinander zu würfeln, hätte der gute Mann einfach eine beliebige Volkszählung oder Studie anschauen können, wie es sie inzwischen Dutzendfach auch im Internet gibt... Nehmen wir z.B. eine Veröffentlichung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung zum (von Gardner angesprochenen) Vergleichs von Europa und den USA:
http://www.demogr.mpg.de/...orking/wp-2006-013.pdf
Gardners Attacke scheint sich gegen die Annahme zu richten, Religiosität sei der einzige Erklärungsfaktor für reproduktives Verhalten, was weder der Papst, noch ich oder sonst ein Forscher behaupten. Aber es ist eben ein unabhängig wirkender und empirisch klar nachweisbarer Faktor!
Naja, immerhin weiß ich nach der Lektüre, dass auch der Papst schon auf den Zusammenhang von Religiosität und Geburtenreichtum hingewiesen hat... Also, danke für den Hinweis! ;-)
Oh, und jetzt sehe ich unten, dass die Übersetzung und Veröffentlichung dieses Textes durch den humanistischen Pressedienst direkt auf mich und meine Forschungen gemünzt wurde! Das betrachte ich aber nun als echte Ehrenauszeichnung! Danke! :-)
Liebe Beate, liebe Blogleser,
nun also die Antwort auf den hpd-Essay.
http://religionswissenschaft.twoday.net/...961241/
Bin gespannt, ob die doch angeblich so "wissenschaftlichen" Humanisten die Herausforderung annehmen! Und im Gegensatz zu Herrn Müller werde ich im übrigen auch die Netiquette einhalten und ihn vom Beitrag informieren. :-)
Och...
ich dachte, wer so flott (wie auch sonst schon mal, sc. bei Nordkorea) Wikipedia zu zitieren weiß, könnte doch auch aus einer ernst zu nehmenden Quelle belegen, wo das *religionswissenschaftlich* so definiert wird: "Echter christlicher
Glaube ist aber durchaus fundamentalistisch".
Der zitierte Artikel in Wikipedia hat seine (dort offen diskutierten) Schwächen. Aber er ist besser als die etwas unscharfe Definition zu Anfang. Er geht vor allem mit konkreten Jahreszahlen weiter: Von Fundamentalismus kann man erst seit ca 100 Jahren reden. [Vorher höchstens per Analogie]. Wie war das also in den ersten 19 Jahrhunderten mit dem "echten" christlichen Glauben?
Und der Wikipedia-Artikel bringt auch im Anfang schon doch immerhin die Erkenntnis, dass es verschiedene "Strömungen" im Christentum gibt, von denenen man einige - also doch längst nicht alle - unter dem Begriff Fundamentalismus zusammenfassen kann.
Also, wer diktiert jetzt, welche Strömungen den "echten" christlichen Glauben repräsentieren? Das hat Wikipedia nicht getan. Wer setzt *religionswissenschaftlich* die Gleichung?: echter christlicher Glaube = Fundamentalismus.
Darum ging es mir. Etwa so, wie es mir zu anderen Zeiten drum ging, dass das Wesen des Marxismus nicht an stalinistischen Betonköpfen und dem Archipel Gulag oder den Schlächtern Pol Pots gemessen wird.
Schon da kam es mir des öfteren so vor, man nehme sich, wenn man gegen einen ideologischen Feind kämpft, dessen primitivste Variante und baue die zum Popanz aus.
Aber diese Methode macht Geschichte (nützt wohl dem Gruppenzusammenhalt, hat einen adaptiven Vorteil?):
Köstlich, wie auch heute sich Leute an den blödesten Vertretern der Gegenseite aufgeilen können; und sich innerhalb der eigenen Gruppe gegenseitig bestätigen, wie *erleuchtet* [heißt dieser Ausdruck uralter religiöser Tradition nicht auf englisch "bright"?] sie selber sind.
Ich kenne meinerseits die Bereiche zur Genüge, in denen es Christentums-Verteidiger auch so machen; und das setzt sich bis in Bücher fort, die anscheinend ernst genommen werden. (Da fragt, zu Lütz, Edgar Dahl wohl zu Recht: "Wie kann ein so billiges Buch nur so teuer sein?").
Aber ich hoffe immer noch, dass wir in diesem Blog über solche Schatten springen können. Genauer: Ich mache endlich hier diese Erfahrung, dass es geht.
Und ich nehme mir vor, nicht mehr auf alles einzugehen - andere nicht nur an ihren schwächsten sondern an ihren stärksten Argumenten zu packen. Doch manchmal juckt's einen eben...
Ein gutes Wochendene wünscht
Basty
...dass ich mein Fach verteidige: Einen Satz wie "Echte Christen sind fundamentalistisch." wirst Du von einem renommierten Religionswissenschaftler nicht hören. Solche Essentialisierungen verstellen einem den Blick auf die Erforschung der Vielfalt realer Phänomene und werden einem schon im Grundstudium abtrainiert... Zu Recht, wie ich finde...
Aber Beate zugestehen ließe sich schon, dass eine bloße nominelle Selbstbenennung als Christ ohne beobachtbare Verhaltensauswirkungen im Alltag erklärungsbedürftig wirkt. Mit dem Thema dieses Beitrags hat dies insofern indirekt zu tun, als wir uns (so hoffe ich) einig wurden, dass die 10 Gebote jenen auch bio-logisch adaptiv sein können, die sich auch an sie halten...
Nicht nur, weil sie die ältere, religiöse Tradition bilden, sondern auch, weil die Sinai-Überlieferung bei ihnen eine noch sehr viel zentralere Rolle spielt, habe ich diese 10-Gebote-Studie übrigens bewusst auf das Judentum (nicht z.B. auf Christentum oder Islam) bezogen.