chronologs Natur des Glaubens

Religionsdemografischer Fanpost

von Michael Blume, 02. Juni 2008, 00:27

Wir sind uns noch nie begegnet, hatten bisher noch keinen Kontakt. Und doch forschten Tomas Frejka und Charles F. Westhoff am Max-Planck-Institut für demografische Forschung parallel an den gleichen Fragestellungen: Beeinflusst Religiosität den menschlichen Reproduktionserfolg? Und sind die Religionen (auch z.B. der Islam) dabei in Bewegung? Dieser "Fanpost" dankt für das tolle Gefühl, nicht mehr alleine zu sein...

1. Beeinflusst Religiosität den menschlichen Reproduktionserfolg?

Wenn Sie bereits einige Zeit Leser von "Natur des Glaubens" sind, kennen Sie womöglich die ALLBUS-Auswertung schon, die wir 2006 an der Universität Tübingen erstellten. Carsten Ramsel, Sven Graupner und ich stellten damals u.a. fest: Mehr religiöse Praxis geht mit einer höheren Kinderzahl einher.

Tomas Frejka und Charles F. Westhoff fragten zur gleichen Zeit, ob sich die relative Geburtenschwäche Europas im Vergleich zu den USA (auch) aus den unterschiedlichen Religiositätsniveaus ergäben. Und sie fanden den Zusammenhang auf beiden Kontinenten.

 

In einer Modellschätzung kamen die beiden übrigens zu dem Schluss, dass die Geburtenraten Europas um 13 bis 14% steigen würden, wären die Europäer so religiös wie die atlantischen Verwandten. Das Paper zum Download hier.

2. Ist auch der Islam demografisch in Bewegung?

Eigentlich hatten meine religionsdemografischen Arbeiten vor allem einen evolutionsbiologischen Hintergrund: Ich wollte (und will) erforschen, wie und warum religiöse Fähigkeiten beim Menschen evolvierten. Und unterschiedlicher Reproduktionserfolg ist "der" darwinsche Fitnessindikator schlechthin. Doch die wohl häufigste Frage bei Vorträgen lautete immer wieder: Wie ist das mit den Geburtenraten der Muslime - wird Deutschland islamisch? Also gab es 2007 den gleichnamigen Vortrag (hier für Sie) - und die Antwort ist: Nein. Die Geburtenraten von Muslimen passen sich mit fortschreitender Entwicklung europa- und weltweit denen anderer Weltreligionen an, unter muslimischen Zuwanderern sogar noch schneller als in den Herkunftsländern: Und religiöse Muslime haben mehr, säkulare weniger Kinder, ganz genau so wie unter Christen auch.

Und wieder waren Frejka und Westhoff auf der gleichen Spur gewesen - und das Einzige, was mich ärgerte war, dass ich ihr Paper erst viel später entdeckte. Denn die Forscher hatten europaweite Datenschätze aufgetan, darunter Daten dreier österreichischer Volkszählungen.

 

Sie sehen auch hier, wie sich die islamischen Geburtenraten von einem höheren Niveau dem allgemeinen Trend annähern - aber auch, wie stark und stabil die reproduktive Bedeutung der Religion(en) bleibt. Und das Paper dazu gibt es hier.

Europa wird nicht islamisch, konfessionslos wird es aber auf Dauer wohl auch nicht. Eher werden wir eine zunehmende Vielfalt und einen (auch demografischen) Wettbewerb der Religionen erleben.

Einen Gruss an die Kollegen!

Schon lange hatte ich mir vorgenommen, Tomas Frejka und Charles F. Westhoff einmal zu mailen. Und genau das werde ich jetzt auch tun. Denn Religionsdemografie macht Freude - vor allem, wenn man sie immer mehr gemeinsam gestalten kann. :-)



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Kommentare

  1. Michael Blume @ Beate: Danke...
    07.06.2008 | 17:23

    ...Du bist mit Deinen Gedanken m.E. in der Tat schon sehr nah dran!

    Selbst wenn wir nicht an die Weiterexistenz nach dem Tod glauben, so wollen wir ihnen doch "Achtung" erweisen, sie "im Herzen" bewahren - und wer das nicht tut, signalisiert auch den Lebenden fehlende Loyalität! Interessant ist auch, dass Du einen Gegenstand dann ins Grab legen würdest, wenn er dem Angehörigen viel bedeutet hat - also ein Fortwirken des Willens mal einfach so gelten läßt (ohne explizit an ein Weiterleben zu glauben, klar). All dies gilt für Tiere so noch nicht, bietet aber genau die Grundbausteine, auf denen Religiosität evolviert sein könnte.

    Die Gemeinschaft, die ihre Trauernden mit emotionalen Ritualen und wertvollen Gaben ins Jenseits geleitete, signalisierte sich und anderen: hier gibt es einen Zusammenhalt, der über den Tod hinaus trägt.

    Und auch heute würden wir einer solchen Gemeinschaft lieber angehören als einer, die ihre Toten achtlos liegen läßt.

    Nur wegen der Seßhaftigkeit darf ich ergänzen: Bestattungen sind seit etwa 120.000 Jahren belegt, die ersten Siedlungen sind ca. 12.000 Jahre alt. Entstehung und Zunahme der Bestattungskulturen gehören klar in den Kontext umherziehender Jäger und Sammler, für die es billiger gewesen wäre, die Toten einfach liegen zu lassen. Aber die Signalfunktion hast Du m.E. schon auch entschlüsselt. Ich darf hier auch noch einmal auf den Sosis-Artikel zu Ritualen verweisen: http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/838840

  2. Basty Tote achten - Menschlichkeit verstehen
    07.06.2008 | 23:00

    Es geht um Loyalität, den Toten gegenüber wie den Lebenden; und damit auch um die Menschenwürde. Das wurde ja besonders bei Antigone schon sehr schön thematisiert.
    Und das finde ich an der Diskussion zwischen Beate und Michael schon auch wichtig: Man kann sehr vieles, das man oft ausschließlich religiös zu interpretieren geneigt ist, auch menschlich einsichtig, verständlich machen. Man sollte jedenfalls Religionen, auch wenn da manchmal zu viele überweltliche Akteure mit-spuken, auf solche Zusammenhänge abklopfen: Zu sehen, wie Menschen mit dem Leben und mit dem Tod umgehen.
    Irgendwo tauchte hier in diesem Umfeld doch in letzter Zeit mal der englische Ausdruck "coping" auf. Darum wird's in Religion(en) gehen, nicht nur hier; aber auch hier.

    Basty

  3. Gerhard Mentzel Religiösität und Reproduktionserfolg
    08.06.2008 | 06:34

    Hall Herr Blume,

    können wir wirklich etwas über den Sinn und Unsinn von Religion, letztlich die Natur des Glaubens sagen, weil wir in Tabellen nachweisen, dass religiöse Menschen mehr Kinder in die Welt setzen als Atheisten?

    Gehts es beim echten Reproduktionserfolg nur um die Kinderzahl religiöser Menschen oder um weit mehr?

    Wie eine uns gut bekannter Kultform dazu beitragen kann, dass sich der Mensch kreativ=schöpferisch verhält, hervorbrind wirkt, statt im kindlichen Egoismus seinen Kindern die Zukunft zu fressen -das zu allem Übel auch noch als "Wirtschaften" bezeichnet - habe ich versucht unter "www-theologie-der-vernunft.de" nachzudenken.

  4. Gerhard Mentzel kein Betreff
    08.06.2008 | 07:24

    Vielen Dank auch für die konstruktive Kritik zur Darstellung auf meiner Homepage. Doch mehr ist mir derzeit nicht möglich.

    Aktuelle bin ich mit den dort zu findenden Überlegungen zur historischen "Auferstehung" als Auf-verstehung, gleichzeitig als Antwort auf neuen Atheismus, Naturalismus beschäftigt. (Von einem Neuverstand auf gemeinsamem Nenner verspreche ich mir einen echten "Reproduktionserfolg", der sich nicht nur in der Kinderzahl zeigt.)

  5. Gerhard Mentzel Nachtrag zum Reproduktionserfolg
    08.06.2008 | 07:26

    Vielen Dank auch für die konstruktive Kritik zur Darstellung auf meiner Homepage. Doch mehr ist mir derzeit nicht möglich.

    Aktuelle bin ich mit den dort zu findenden Überlegungen zur historischen "Auferstehung" als Auf-verstehung, gleichzeitig als Antwort auf neuen Atheismus, Naturalismus beschäftigt. (Von einem Neuverstand auf gemeinsamem Nenner verspreche ich mir einen echten "Reproduktionserfolg", der sich nicht nur in der Kinderzahl zeigt.)

  6. Michael Blume @ Mentzel
    08.06.2008 | 09:44

    Lieber Herr Mentzel,

    vielen Dank für Ihre Frage.

    "können wir wirklich etwas über den Sinn und Unsinn von Religion, letztlich die Natur des Glaubens sagen, weil wir in Tabellen nachweisen, dass religiöse Menschen mehr Kinder in die Welt setzen als Atheisten?"

    Als Religionswissenschaftler sehe ich es nicht als meine vordringliche Aufgabe, über "Sinn oder Unsinn" zu entscheiden, sondern eine naturwissenschaftliche, durch empirische Befunde abgestützte Beschreibung von Religiosität und Religionen zu erarbeiten. Ich bin der Auffassung, dass Natur immer auch unterschiedlich gedeutet werden kann (z.B. religiös, agnostisch oder atheistisch).

    "Gehts es beim echten Reproduktionserfolg nur um die Kinderzahl religiöser Menschen oder um weit mehr?"

    Streng biologisch ist natürlich der Fortpflanzungserfolg über mehrere Generationen hinweg "der" darwinsche Fitnessindikator schlechthin. Aber schon das "über Generationen" hinweg impliziert natürlich, dass Religionen als kulturelle Traditionsströme auch zwischen den Generationen und insbesondere in den Familien weitergegeben werden müssten - wie es ja auch zu beobachten ist. Und in einem weiteren Sinn läßt sich auch lebensdienliche Nachhaltigkeit (also die Schonung der Natur, der Verzicht auf Schulden, die Förderung von Bildung und Wissenschaft etc.) als notwendiger Teil der v.a. kulturellen Selbstorganisation erfolgreicher Religiosität beschreiben. Denn wer die Lebenswelt der Enkel belastet oder zerstört, beeinträchtigt natürlich auch deren Überlebens- und Reproduktionschancen.

  7. Gerhard Mentzel Kreativität kult-ivieren
    08.06.2008 | 16:13

    Hallo Herr Blume,

    dass der Mensch - selbst um Kinder in die Welt zu setzen, auf sinnvolle Weise Zukunft zu gestalten - mehr im Kopf haben muss, als unser heutiges materialistisch-säkulares Weltbild (auch wenn manchmal "religiös" angereichertes) hergibt, halte ich für selbstverständlich. Sonst würde ich mich nicht mit theologischen Fragen auseinandersetzen, Gedanken über eine weiterentwickelde Re-form des monotheisitschen Schöpfungs- bzw. Gottesverständnisses machen.

    Ich zweifle auch nicht daran, dass religiös-konservative Zeitgenossen oder gar Kulturkreise, die in einem Glaubensverständnis leben, das oft als mittelalterlich abgestempelt wird, mehr Kinder in die Welt setzen, als moderne Mitteleuropäer, die den Sinn ihres Seins nur noch in sich selbst sehen können.

    Doch zweifle ich daran, dass ein Rückfall der westlichen Welt in eine solche "Religiösität" möglich ist oder der richtige Weg wäre.

    Vielmehr male ich mir aus - auch wenn ich das nicht nachzählen kann - wie sich eine Kultur verhalten würde, die in der kreativen Vernünftigkeit des natürlich-evolutionären Werdens den sinngebenden Grund ihres Glaubens wahrnehmen würde.

    Da ich davon ausgehe, dass die Propheten des Exils vor 2500 Jahren genau diese natürliche Vernünftigkeit als schöpferisches Wort/Weisheit verstanden und dieser Logos allen Werdens im jüdisch-griechischen Denken als Gottessohn gesehen wurde bzw. der Jesus genannte geschichtliche, universale und alleinige Grund christlichen Glaubens ist, denke ich, dass es durchaus auch wissenschaftlich wäre, über eine neue Richtung von "Religiösität" nachzudenken. Es geht mir um ein neues Bewussstsein des monotheistischen Grundes bzw. einen Kult, der den aufgeklärt mündigen Menschen zum kreativen Mitschöpfer macht. Auch um Kindersegen bräuchten wir uns dann m.E. keine Sorgen mehr zu machen.

  8. adenosine kein Betreff
    12.06.2008 | 12:09

    Sinkt mit steigendem IQ der religiöse Glaube?
    Nach dem emeritierten Professor der Psychologe Richard Lynn zumindest so viel, dass der Glaube an Gott mit steigender Intelligenz abnehmen soll. Daher sollen Akademiker auch weniger religiös sein als der Rest der Bevölkerung. In der Zeitschrift Intelligence schreibt Lynn, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem IQ und dem Glauben an einen Gott gibt. Man könne sogar vom durchschnittlichen IQ den Anteil der Atheisten in 137 Ländern ablesen.
    http://www.heise.de/tp/blogs/3/109356

  9. Herbert Falk Untersuchung - Glaube und IQ
    12.06.2008 | 12:39

    Es gibt eine neue Untersuchung: Sinkt mit steigendem IQ der religiöse Glaube?

    Was hat Religion mit Intelligenz zu tun? Nach dem emeritierten Professor der Psychologe Richard Lynn zumindest so viel, dass der Glaube an Gott mit steigender Intelligenz abnehmen soll. Daher sollen Akademiker auch weniger religiös sein als der Rest der Bevölkerung. In der Zeitschrift Intelligence schreibt Lynn, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem IQ und dem Glauben an einen Gott gibt.
    ...
    Ähnlich sei dies in der Entwicklung der Menschen. So würden die meisten Grundschüler noch an Gott glauben, aber mit zunehmenden Alter und wachsender Intelligenz würden viele skeptisch und schließlich atheistisch werden.

  10. Michael Blume @ adenosine, Herbert Falk
    12.06.2008 | 23:30

    Liebe adenosine, lieber Herr Falk,

    vielen Dank für den Hinweis! Lynn hat ja ganz entsprechend auch schon vermeintlich "bewiesen", dass Afrikaner aus biologischen Gründen weniger intelligent sind als Europäer und Frauen weniger als Männer. Logisch, dass "die Religiösen" da auch eingenordet wurden...

    Weil nicht wirklich zur Religionsdemografie gehörend, meine Antwort dazu auf:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...990005/

    Mit freundlichen Grüßen

    Michael Blume

  11. Beate T. IQ und Religiosität
    13.06.2008 | 23:38

    @Michael:

    Ich frage mich wirklich dies: Hätte Lynn herausgefunden, dass der IQ mit steigender Religiosität wächst, wie hättest du darauf reagiert?
    Du bezeichnest dies als Krux: „In reichen und wohlhabenden Gesellschaften steigt der durchschnittliche IQ. Gleichzeitig bieten diese Länder rechtlichen und sozialen Schutz und machen damit eine Funktion von Religionsgemeinschaften als Netzwerke gegenseitiger Hilfe obsulet, zudem gehen mit steigender Bildung mehr lebensweltliche und weltanschauliche Optionen einher - die Säkularisierung setzt ein.“

    Wie verträgt sich diese Krux aber mit diesem Satz: „Nach einer Umfrage der Royal Society würden so nur 3,3 Prozent der britischen Akademiker, aber 68,5 Prozent der Gesamtbevölkerung an Gott glauben.“ http://www.heise.de/tp/blogs/3/109356 ? Hier haben wir ein und dieselbe Gesellschaft!

    Den von dir behaupteten linearen Zusammenhang von Religiosität und Bildung kann ich aus deiner Grafik nicht erkennen. Immerhin haben wir nur 46,2% nicht- und wenig Religiöse (53,8% Religiöse und sehr Religiöse) bei denen ohne Ausbildung, während wir 53,9% nicht- und wenig Religiöse (46,1% Religiöse und sehr Religiöse) bei denen mit Hochschulabschluss haben. Und außerdem muss man nicht annehmen, dass die mit der höchsten Bildung auch den höchsten IQ haben. (siehe dazu auch die neu publizierten Untersuchungen zun Mythos Leistungselite: http://hpd.de/node/4780) Bildung und eine gute Stellung in der Gesellschaft bzw. im Berufsleben bekommt man am Besten, wenn man gute Beziehungen zu den Machthabenden hat.

  12. Michael Blume @ Beate
    14.06.2008 | 23:05

    Du fragtest:
    "Ich frage mich wirklich dies: Hätte Lynn herausgefunden, dass der IQ mit steigender Religiosität wächst, wie hättest du darauf reagiert?"

    Nun, ich hätte die Datensätze kritisch betrachtet - schon allein deswegen, um mich nicht als Wissenschaftler zu blamieren. Darf ich Dich daran erinnern, wie intensiv wir (zu Recht!) die demografischen Daten diskutiert haben? Auch dieser Beitrag befasst sich ja gezielt mit unabhängigen Datensätzen!

    Also: Ernsthafte Wissenschaft zu betreiben heißt für mich m.E., dass wir uns nicht damit zufrieden geben, sofort jene Studien zu glauben, die uns in die Weltanschauung passen - sondern intensiv Befunde zu diskutieren, zu vergleichen und zu diskutieren.

    "Wie verträgt sich diese Krux aber mit diesem Satz: „Nach einer Umfrage der Royal Society würden so nur 3,3 Prozent der britischen Akademiker, aber 68,5 Prozent der Gesamtbevölkerung an Gott glauben."

    In Wissenschaftlervereinigungen (sowie Parteien, Kneipen und Jugendzentren ;-) ) gibt es immer wieder die Tendenz, dass sich bestimmte weltanschauliche oder religiöse Prägungen durchsetzen. So gibt es auch eigene, religiöse Wissenschaftlervereinigungen - und ich käme nicht im Traum daraus, aus dem hohen Christenanteil z.B. der Görres-Gesellschaft oder Adenauer-Stiftung Pauschalaussagen über Intelligenz und Religiosität zu machen...

    "Den von dir behaupteten linearen Zusammenhang von Religiosität und Bildung kann ich aus deiner Grafik nicht erkennen."

    Das freut mich, da wir ja festgestellt haben, dass er NICHT existiert. Wir hatten 2006 durchaus erwartet, dass mit steigender Bildung abnehmende Anteile an Religiösen zu finden wären - was so nicht der Fall war.

    Das gleiche Problem hatte Lynn ja auch schon mit den Frauen: Obwohl er ihnen einen durchschnittlich niedrigeren IQ attestierte, zeigen sie in freiheitlichen Gesellschaften nicht weniger Bildungserfolg.

    Und jetzt liegt also die Frage wieder bei Dir: Da Du Lynn bereitwillig geglaubt hast, dass Religiöse weniger IQ besäßen - hättest bzw. hast Du ihm die niedrigere Intelligenz von Frauen ebenfalls geglaubt? Oder hättest Du im Falle dieser Behauptung nicht auch (m.E. zu Recht!) bessere Daten verlangt?

  13. Beate T. IQ
    16.06.2008 | 23:22

    Lieber Michael,

    Meine Frage: "Wie verträgt sich diese Krux aber mit diesem Satz: „Nach einer Umfrage der Royal Society würden so nur 3,3 Prozent der britischen Akademiker, aber 68,5 Prozent der Gesamtbevölkerung an Gott glauben."“

    Deine Antwort: „In Wissenschaftlervereinigungen (sowie Parteien, Kneipen und Jugendzentren ;-) ) gibt es immer wieder die Tendenz, dass sich bestimmte weltanschauliche oder religiöse Prägungen durchsetzen. So gibt es auch eigene, religiöse Wissenschaftlervereinigungen - und ich käme nicht im Traum daraus, aus dem hohen Christenanteil z.B. der Görres-Gesellschaft oder Adenauer-Stiftung Pauschalaussagen über Intelligenz und Religiosität zu machen...“

    Die obige Aussage bezieht aber gar nicht auf eine einzige Wissenschaftlervereinigung, sondern auf alle britischen Akademiker, soweit ich das interpretiere. Ich habe die Studie ja nicht gelesen und kann nicht sagen, ob nur eine einzige Wissenschaftlervereinigung untersucht wurde. Aus der Aussage „Britische Akademiker“ geht das aber nicht hervor.

    Zitat: „Und jetzt liegt also die Frage wieder bei Dir: Da Du Lynn bereitwillig geglaubt hast, dass Religiöse weniger IQ besäßen - hättest bzw. hast Du ihm die niedrigere Intelligenz von Frauen ebenfalls geglaubt? Oder hättest Du im Falle dieser Behauptung nicht auch (m.E. zu Recht!) bessere Daten verlangt?“

    Habe ich gesagt, dass ich das Lynn bereitwillig geglaubt hätte? Ich hab´s ja auch nicht nachgeprüft. Ich würde dies allenfalls für möglich halten. Und dein Gegenargument war mir nicht schlüssig.

    Die niedrigere Intelligenz von Frauen halte ich ebenfalls für möglich, ohne deshalb beleidigt sein zu müssen. Die Daten habe ich aber auch hier nicht geprüft. Dafür habe ich die Vermutung, dass Frauen einen höheren EQ haben. Das wertet uns dann in der Konkurrenz mit den Männern wieder auf … 

    Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen der Intelligenz von Frauen und der Intelligenz von Religiösen. Frauen können nicht deshalb Frauen sein, WEIL sie einen niedrigen IQ haben. Sie könnten (falls Lynn Recht hat) allenfalls einen niedrigeren IQ haben, weil sie Frauen sind. Religiöse hingegen könnten nicht deshalb einen niedrigen IQ haben, weil sie religiös sind, sondern (falls Lynn Recht hat) sind einige von ihnen deshalb religiös, weil sie einen niedrigeren IQ haben. So herum gelagert ist man wohl leichter beleidigt.

  14. Michael Blume @ Beate: IQ
    17.06.2008 | 19:26

    Liebe Beate,

    inzwischen hat auch Ingo Bading IQ-Zahlen verschiedener Religionsgemeinschaften gepostet - die, wie erwartet, anzeigen, dass es Religionen mit über- und solche mit unterdurschnittlich intelligenten bzw. gebildeten Mitgliedern gibt.

    http://studgendeutsch.blogspot.com/...hlichen.html

    Und zur Frage "3,3% Akademiker" kann ich nur noch einmal darauf verweisen, dass wir in der Auswertung der ALLBUS-Studie 2002 in Deutschland einen sehr hohen Anteil religiöser und sehr religiöser Menschen auch unter Gebildeten gefunden haben.
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/...6.pdf

    Und schließlich nimmt auch Lynn selbst z.B. für aschkenasische Juden eine höhere Intelligenz als für (andere) Europäer an - und auch nach seinen Daten besteht ein hohes IQ-Niveau "und" hohe Religiosität im religiös-demografisch entwickelten Wettbewerb der USA.

    Für Religiöse und für Frauen gleichermaßen zeichnet sich also klar ab, dass Lynns Pauschalaussagen viel zu kurz greifen.

    Absolut zu stimme ich Dir aber in der Hinterfragung des IQ als vermeintlich absoluten Maßstabs: emotionale Intelligenz, Liebesfähigkeit, Treue und unzählige wietere Faktoren ließen sich mit gleichem Recht anführen. Im kommenden Beitrag wird aber, wie angekündigt, Bildung auch ein eigenes Thema.

    Herzliche Grüße

    Michael

  15. Michael Blume @ Beate: Versprechen eingelöst
    22.06.2008 | 14:39

    Den versprochenen Beitrag zum Thema Bildung, Intelligenz, Säkularisierung und Religiosität findest Du hier:
    http://www.wissenslogs.de/...n-iq-und-religiosit-t

    Und Ingo hat dort übrigens auch eine US-amerikanische Studie unter Studenten ausfindig gemacht, die die Befunde ebenfalls bestärken.

  16. Scrutograph Scrutograph
    25.02.2009 | 22:06

    Kann man berechnen, ob Polygamie oder Monogamie bezogen auf eine Gesamtpopulation stärker zur Vermehrung dieser beitragen?

  17. Michael Blume @ Scrutograph
    26.02.2009 | 16:55

    Polygamie (v.a. wohl Polygynie, also Vielfrauenehe) funktioniert nur bei extrem hoher Sterblichkeit der Männer, denn bei steigender Lebenserwartung treten quasi unmittelbar massive Konflikte um Frauen auf. Deswegen kann es Sicherheit und Freiheit kaum ohne Monogamie geben.

    Vgl. hier:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...390484/

    Und in der kommenden EPOC 03/2009 (Geschichtsmagazin), die am 3. April erscheint, soll es auch einen Artikel über die Mormonen geben, die sich als Großgruppe und in fundamentalistischen Abspaltungen an der Wiedereinführung der Polygamie versuch(t)en.

  18. Till L. Statistische Aussagekraft
    11.04.2009 | 21:41

    Das ist ja alles ganz nett, aber die Statistiken, die Sie hier veröfftentlicht haben, beweisen nicht, dass es tatsächlich einen direkten, signifikanten (statistischen) Zusammenhang gibt. Der Zusammenhang zwischen Religiosität und Geburtenrate könnte ebenso durch eine dritte Variable, beispielsweise Bildung, erklärbar sein. So gibt es zum Beispiel einen sehr eindrucksvollen (negativen) Zusammenhang zwischen Schulbildung in Jahren und Geburtenrate in der Türkei.

    Ich finde daher, dass eine Frage wie "Beeinflusst Religiosität den menschlichen Reproduktionserfolg?" auch in einem populären Blog etwas kritischer betrachtet werden sollte. Dass "[m]ehr religiöse Praxis [...] mit einer höheren Kinderzahl einher[geht]" ist nämlich bestenfalls irreführend, da es dem nicht-Statistiker (und ich bin selbst keiner) suggeriert, dass die Geburtenrate in direktem Zusammenhang mit Religion steht.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn sie dieses Problem beleuchten und, falls möglich, Ihre Aussagen statistisch unermauern könnten.

    Vielen Dank!

  19. Till L. Entschuldigung
    11.04.2009 | 21:45

    Lieber Herr Blume,

    Ich habe gerade gesehen, dass Ihr Post ja bereits etwas älter ist. Er war in meinem Feed-Reader erneut publiziert worden. Ich habe auch feststellen müssen, dass meine Kritik zumindest in Teilen bereits in den Kommentaren beantwortet wurde.

    Bitte ignorieren Sie daher mein Posting.

    Vielen Dank.

  20. Michael Blume @ Till L.: Variable Bildung
    11.04.2009 | 21:55

    Lieber Herr L.,

    danke für Ihre völlig berechtigten Fragen! Sie schrieben u.a. Das ist ja alles ganz nett, aber die Statistiken, die Sie hier veröfftentlicht haben, beweisen nicht, dass es tatsächlich einen direkten, signifikanten (statistischen) Zusammenhang gibt. Der Zusammenhang zwischen Religiosität und Geburtenrate könnte ebenso durch eine dritte Variable, beispielsweise Bildung, erklärbar sein.

    Selbstverständlich hatten und haben wir diese Möglichkeit vom Anfang an im Blick gehabt. So hatten wir schon in der sehr frühen ALLBUS-Auswertung Deutschland gezielt auch die Geburtenraten innerhalb unterschiedlicher Bildungsniveaus verglichen und festgestellt, dass der religiöse Reproduktionsvorteil eher ansteigt:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/...6.pdf

    Ein entsprechendes Ergebnis zeigte auch eine Auswertung der australischen Volkszählung (vgl. Datengrafik hier):
    http://www.chronologs.de/...on-iq-und-religiosit-t

    Daneben gibt es auch Fallstudien wie die jüdischen und einige christliche Gemeinden (z.B. anthroposophische Christengemeinschaft) in der Schweiz, die in der Volkszählung 2000 deutlich höhere Anteile an Akademikern, Inhabern leitender Berufe und Einwohnern in Großstädten als die Konfessionslosen aufweisen - und dennoch nahezu doppelt soviele Kinder!

    Sie sehen also: Bildung, Einkommen, Wohnortgröße usw. beeinflussen selbstverständlich ebenfalls je das Geburtenverhalten, heben aber den reproduktiven Vorteil religiöser Vergemeinschaftung nicht auf (oft eher im Gegenteil).

    Eine Zusammenstellung frei verfügbarer Online-Studien zu Religion-Demografie finden Sie auch hier:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/....html

    Herzliche Grüße!

szmtag