chronologs Natur des Glaubens

Religionsdemografischer Fanpost

von Michael Blume, 02. Juni 2008, 00:27

Wir sind uns noch nie begegnet, hatten bisher noch keinen Kontakt. Und doch forschten Tomas Frejka und Charles F. Westhoff am Max-Planck-Institut für demografische Forschung parallel an den gleichen Fragestellungen: Beeinflusst Religiosität den menschlichen Reproduktionserfolg? Und sind die Religionen (auch z.B. der Islam) dabei in Bewegung? Dieser "Fanpost" dankt für das tolle Gefühl, nicht mehr alleine zu sein...

1. Beeinflusst Religiosität den menschlichen Reproduktionserfolg?

Wenn Sie bereits einige Zeit Leser von "Natur des Glaubens" sind, kennen Sie womöglich die ALLBUS-Auswertung schon, die wir 2006 an der Universität Tübingen erstellten. Carsten Ramsel, Sven Graupner und ich stellten damals u.a. fest: Mehr religiöse Praxis geht mit einer höheren Kinderzahl einher.

Tomas Frejka und Charles F. Westhoff fragten zur gleichen Zeit, ob sich die relative Geburtenschwäche Europas im Vergleich zu den USA (auch) aus den unterschiedlichen Religiositätsniveaus ergäben. Und sie fanden den Zusammenhang auf beiden Kontinenten.

 

In einer Modellschätzung kamen die beiden übrigens zu dem Schluss, dass die Geburtenraten Europas um 13 bis 14% steigen würden, wären die Europäer so religiös wie die atlantischen Verwandten. Das Paper zum Download hier.

2. Ist auch der Islam demografisch in Bewegung?

Eigentlich hatten meine religionsdemografischen Arbeiten vor allem einen evolutionsbiologischen Hintergrund: Ich wollte (und will) erforschen, wie und warum religiöse Fähigkeiten beim Menschen evolvierten. Und unterschiedlicher Reproduktionserfolg ist "der" darwinsche Fitnessindikator schlechthin. Doch die wohl häufigste Frage bei Vorträgen lautete immer wieder: Wie ist das mit den Geburtenraten der Muslime - wird Deutschland islamisch? Also gab es 2007 den gleichnamigen Vortrag (hier für Sie) - und die Antwort ist: Nein. Die Geburtenraten von Muslimen passen sich mit fortschreitender Entwicklung europa- und weltweit denen anderer Weltreligionen an, unter muslimischen Zuwanderern sogar noch schneller als in den Herkunftsländern: Und religiöse Muslime haben mehr, säkulare weniger Kinder, ganz genau so wie unter Christen auch.

Und wieder waren Frejka und Westhoff auf der gleichen Spur gewesen - und das Einzige, was mich ärgerte war, dass ich ihr Paper erst viel später entdeckte. Denn die Forscher hatten europaweite Datenschätze aufgetan, darunter Daten dreier österreichischer Volkszählungen.

 

Sie sehen auch hier, wie sich die islamischen Geburtenraten von einem höheren Niveau dem allgemeinen Trend annähern - aber auch, wie stark und stabil die reproduktive Bedeutung der Religion(en) bleibt. Und das Paper dazu gibt es hier.

Europa wird nicht islamisch, konfessionslos wird es aber auf Dauer wohl auch nicht. Eher werden wir eine zunehmende Vielfalt und einen (auch demografischen) Wettbewerb der Religionen erleben.

Einen Gruss an die Kollegen!

Schon lange hatte ich mir vorgenommen, Tomas Frejka und Charles F. Westhoff einmal zu mailen. Und genau das werde ich jetzt auch tun. Denn Religionsdemografie macht Freude - vor allem, wenn man sie immer mehr gemeinsam gestalten kann. :-)



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Kommentare

  1. Michael Blume @ Till L.: Kein Problem!
    11.04.2009 | 21:57

    Lieber Herr L.,

    jetzt haben sich unsere Kommentare überschnitten!

    Nein, Ihre Frage war doch berechtigt und sachlich gestellt, darauf habe ich gerne geantwortet. Die Scilogs sind ja schließlich ein Ort des Dialoges, da wiederholen sich Anfragen auch mal.

    Danke für Ihr Interesse, gerne wieder!

  2. Michael Blume Religion - Demografie in SWR2 Impuls
    05.05.2009 | 14:36

    Die SWR2-Wissenschaftssendung Impuls wird sich heute Nachmittag mit dem Thema "Haben Fromme mehr Kinder?" befassen. Programmvorschau hier:
    http://is.gd/wTnu

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