Homo Sapiens evolvierte Religiosität. Und auch der Neandertaler.
Das Darwinjahr steckt voller Überraschungen: Nachdem viele religiöse wie religionskritische Beobachter lange eine vermeintlich prinzipielle Gegnerschaft zwischen Evolutionstheorie und Religion(en) vermutet haben, wandelt sich derzeit die Debatte. Wissenschaftler entdecken, dass Religiosität ein Teil der menschlichen Natur ist. Und auch der Neandertaler evolvierte sie! Eine Beobachtung zum 200ten Geburtstag von Charles Darwin und dem heute verkündeten Durchbruch des Leipziger Max-Planck-Instituts für Anthropologie bei der DNA-Sequenzierung des Neandertalers.
Evolution & Religion - ein Widerspruch?
In seinem Werk "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" (deutsche Erstfassung 1875 hier online) vermutete Charles Darwin bereits, dass sich auch Religiosität über biologischen Erfolg zu einem Teil der Natur des Menschen entwickelt habe, ggf. weiter entwickeln werde. Er formulierte sogar schon mehrere, lose Hypothesen zur Evolution von Religiosität - von denen sich einige inzwischen bewährt haben, andere nicht. Auch stellte er in einem Brief von 1879 noch einmal klar: Obwohl er sich selbst zunehmend als Agnostiker verstünde, hielte er es "für absurd zu bezweifeln, dass ein Mensch gleichzeitig ein frommer Theist (Gottglaubender, Anm. Blume) und Evolutionist sein kann." (Aus dem Darwin-Briefarchiv hier). Dennoch setzte sich sowohl auf Seiten vieler religiöser wie religionskritischer Denker die Auffassung fest, es bestehe ein unaufhebbarer Widerspruch, nur eine Seite könne Recht behalten. Ob Religiosität nicht auch selbst ein Ergebnis des Evolutionsprozesses sein könne, wurde nur in zögerlichen Ansätzen erforscht, selbst hervorragende Thesen wie die des Jesuiten und Paläoarchäologen Teilhard de Chardin (Beiträge hier) und des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich August von Hayek (Beiträge hier) blieben ungeprüft.
Homo religiosus
In den letzten Jahren haben jedoch (nicht zuletzt durch die Möglichkeiten des Internet begünstigt) Dutzende Wissenschaftler aus so verschiedenen Bereichen wie der Sozio- und Neurobiologie, Anthropologie, Archäologie, Gen- und Zwillingsforschung, schließlich Religionssoziologie und -demografie begonnen, ihre Befunde untereinander zu verknüpfen und zu testen (siehe hier). Und wir kommen zu dem immer eindeutigeren Ergebnis: Auch die Religiosität ist Teil der menschlichen Naturgeschichte und zudem biologisch weiter hochgradig erfolgreich. Die Evolution des Menschen auch zum Homo religiosus hat stattgefunden - und findet weiter statt.
In "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität" haben Rüdiger Vaas und ich den aktuellen Forschungs- und Diskussionsstand zusammen getragen und freuen uns über die rege Resonanz. Auch die am 10. März erscheinende Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Gehirn und Geist" hat die Evolution des Homo religiosus zum Titel. Dort werden neben Sachartikeln u.a. auch der Theologe Richard Schröder von der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Biologe Franz Wuketits von der Veterinärmedizinischen Universität Wien das Thema miteinander diskutieren.
Auch der Neandertaler war auf dem Weg!
Einer der archäologischen Befunde, die ich persönlich am spannendsten finde, passt wunderbar zur heutigen Meldung über die Zwischenerfolge der Leipziger Anthropologen um Svante Päabo bei der Sequenzierung des Neandertaler-Genoms (SZ-Bericht von der Pressekonferenz hier). Denn wie Homo sapiens (also unsere Vorfahren) hatte sich auch Homo neanderthalensis bereits auf den Weg zur Evolution der Religiosität gemacht. Neandertaler bestatteten ihre Toten rituell und mit Beigaben, nahmen also mindestens eine Weiterexistenz und ggf. -wirkung der Verstorbenen als übernatürliche Akteure an. Was diese konvergente Evolution des Verhaltens für unser Verständnis von intelligentem Leben, Natur und Gott bedeuten könnte, ist m.W. noch weder philosophisch noch theologisch ausgelotet. Hier eine Rekonstruktion einer Neandertaler-Bestattung im heutigen Frankreich aus dem Smithsonian National Museum of Natural History in Washington.
Dunkle Bedrohung für die Religionskritik?
Während immer mehr Wissenschaftler und interessierte Laien die neuen Befunde zur Evolution der Religiosität konstruktiv begrüßen, überprüfen und vertiefen, regt sich jedoch auch weltanschaulicher Widerstand, diesmal verblüffenderweise von der religionskritischen Seite der Diskussion, die sich bisher gerne evolutionswissenschaftlich legitimiert hat. So warnt Andreas Müller in einem "Krawallatheist"-Essay im humanistischen Pressedienst (hpd) vor der "dunklen Bedrohung" durch die neuere Evolutionsforschung zur Religiosität (Beitrag hier). Seine Befürchtung, Zitat:
"Sollte die adaptionistische Theorie wahr sein, dann werden die Menschen für immer übernatürliche Wesen anbeten. Einige Religionskritiker machen sich hier Illusionen und meinen, die Kultur wäre vielleicht stärker, aber das einzige, was die Aufklärung in diesem Fall tun könnte, wäre die schlimmsten Auswirkungen der Religion zu dämpfen, indem sie das Gottesbild besänftigt. Mit Hilfe unserer Kultur könnten wir unsere Religiosität so wenig überwinden wie unsere Musikalität."
Daher würden "Antitheisten", so Müller, "eher zur Nebenprodukt-Theorie neigen" und religiöses Verhalten weiterhin über die von Richard Dawkins entworfenen "Memplexe" zu erklären versuchen. Dies ist insofern überraschend, als es Richard Dawkins Memtheorie seit deren Veröffentlichung vor über 30 Jahren nicht einmal zu einer eindeutigen Definition oder auch nur einer einzigen überprüfbaren Studie oder Experiment gebracht hat. Wie zuvor religiöse Kritiker der Evolutionstheorie verschanzen sich nun auch Religionskritiker aus weltanschaulichen Gründen hinter pseudo-wissenschaftlichen Entwürfen. Die Memetik ist auf dem Weg, zum Kreationismus der Religionskritik zu werden - wissenschaftlich unhaltbar, aber "um des (Nicht-)Glaubens willen" erwählt. Erfreulicherweise stehen andere, wie hpd-Rezensent Armin Pfahl-Traughber, den vielfachen Befunden ehrlich interessiert und offen gegenüber (GGG-Rezension hier); auch das eine interessante Parallele zur gespaltenen Aufnahme der Evolutionsforschung unter Religiösen. Erleben wir derzeit am Umgang mit der Evolutionsforschung etwa auch die Spaltung der Religionskritik in je einen aufgeklärt-wissenschaftlichen und einen fundamentalistisch-evolutionskritischen Flügel?
Evolutionsforschung als Chance
Persönlich vertrete ich die Auffassung (und Erfahrung), dass Evolutionsforschung allenfalls sehr grobe Varianten von Theologien und Religionskritik wirklich bedroht. Nicht-Fundamentalisten und um Wahrheit wirklich ringenden Menschen eröffnet sie dagegen die Möglichkeiten, auf wissenschaftlich und philosophisch höherem Niveau als bisher über unser Universum und das Leben darin zu staunen, über "Gott und Welt" nachzusinnen und kritisch-konstruktiv miteinander zu diskutieren. Nur wer eigentlich schwache Überzeugungen hat, hat es nötig, sich vor Wissenschaft zu fürchten. Die Mehrheit aber darf sich auf neue, spannende Entdeckungen und Diskussionen freuen. Und wenn wir dann dabei sind: Vergessen wir nicht die Neandertaler!
Ähnliche Artikel:
- Evolution der Religiosität - Wenn Denkmauern fallen...
- Dankt Gott für die Evolution!
- Religiosität, Spiritualität und die Frage nach Hirngespinsten
- Mutter Natur verstehen - Die Evolutionsforscherin Sarah Hrdy
- Eiszeit - Ausstellung zur Evolution von Kunst und Kultur





Lieber Edgar,
super, dass Du wieder online aktiv bist! Gerne kannst Du hier im Blog auch auf Beiträge von Dir hinweisen!
Zu Deinen Beiträgen:
"Und das ist auch meine eigene Meinung."
Das ist ja auch okay - aber es ist eben eine philosophische Interpretation wissenschaftlicher Befunde. Andere können das anders sehen. Empirische Befunde sind aber eben nicht mehr nur Sache der "Meinung". Wer heute noch behauptet, religiöses Verhalten lasse sich durch "Meme" erklären, verhält sich ebenso unwissenschaftlich wie ein Vertreter von Intelligent Design - er beruft sich auf Pseudowissenschaft, die seit Jahrzehnten keine klaren Definitionen, keine Studien, Experimente o.ä. vorzuweisen hat und also nicht den Anspruch erheben kann, mit seriöser Forschung auf einer Stufe diskutiert zu werden.
"Nach Darwin kann man zwar weiter ein Theist, aber nicht länger ein Christ sein!"
Abgesehen davon, dass der Mitentdecker der Evolutionstheorie Alfred Russell Wallace bis zu seinem Tode gläubiger Christ war - kannst Du diese Aussage auch mit einem Zitat belegen? M.E. hat Darwin sehr berechtigt und sorgfältig zwischen wissenschaftlichem Befund und weltanschaulicher Interpretation unterschieden - was leider heute viele Fundis aller Seiten nicht mehr tun.
"Die Debatte um die Adaptivität der Religiosität ist vergleichbar mit der Debatte um die Adaptivität der Vergewaltigung - einige halten die Vergewaltigung für eine echte Anpassung, andere halten sie für ein bloßes Nebenprodukt der opportunistischen männlichen Sexualität."
Das ist schon deswegen ein Streit um des Kaisers Bart, weil es keine klare Definition von Adaptation und Nebenprodukt gibt. Nicht mehr leugnen lässt sich aber, dass Religiosität heute und wahrscheinlich auch gestern überwiegend adaptiv ist.
"Wie wir alle mit eigenen Augen sehen können, hat sich der homo sapiens erfolgreicher fortgepflanzt als der homo neandertalensis. Doch was berechtigt uns zu der Annahme, dass ersterer letzteren überlebt hat, weil er "frommer" war?"
Genau deswegen behaupte ich das letztere nicht - es ist eine Hypothese, die aber noch lange nicht gesichert ist. Wir wissen (noch) nicht, warum der Neandertaler ausstarb. Wir wissen aber, dass auch er religiöses Verhalten evolvierte. Wer mit offenen Fragen nicht leben kann, sollte keine Evolutionsforschung betreiben, denn hinter jeder Antwort tauchen neue, spannende Fragen auf! :-)
"
Ich denke unabhängig von der Frage, ob die Religiosität nun adaptiv ist oder nicht, beweisen die vielen Skeptiker, Agnostiker, Atheisten und Antitheisten, dass wir nicht "von Natur aus" zur Religion verdammt sind."
Das stimmt. Viele Menschen (einschließlich mir) sind unmusikalisch. Das bedeutet weder, dass Musikalität nicht adaptiv ist, noch, dass unmusikalische Menschen Mutanten o.ä. sind. Vielfalt (genauer: Variation) ist das Erfolgsrezept der Evolution.
"Die DDR ist diesbezüglich ein heuristisch durchaus wertvolles Experiment gewesen."
Nordkorea und China auch? Die DDR-Diktatur wurde nicht zuletzt aus den Kirchenbewegungen heraus gestürzt. Und zufällig befinde ich mich gerade bei Religionswissenschaftlern in Leipzig - und wir könnten Dir einiges über die bunte Vielfalt an religiösem Leben erzählen, die hier mit der Freiheit dazu wieder entsteht. :-)
"Lieber Edgar,
super, dass Du wieder online aktiv bist!"
Vielen Dank! Ich bin allerdings schon seit längerer Zeit wieder am Bloggen. Zuletzt zur "Holocaustleugnung" und zum "Blasphemieparagraphen".
Hier erst einmal das Zitat von Darwin:
"That there is much suffering in the world no one disputes. Some have attempted to explain this in reference to man by imagining that it serves for his moral improvement. But the number of men in the world is as nothing compared with that of all other sentient beings, and these often suffer greatly without any moral improvement. A being so powerful and so full of knowledge as God who could create the universe, is to our finite minds omnipotent and omniscient, and it revolts our understanding to suppose that his benevolence is not unbounded, for what advantage can there be in the sufferings of millions of animals throughout almost endless times?" (Charles Darwin: The Autobiography of Charles Darwin". Herausgegeben von Nora Barlow. Norton, New York 1969, S. 90)
Kurz, das sinnlose Leiden der Tiere hat Darwin dazu gezwungen, den Glauben an den "lieben Gott" aufzugeben und sich fortan einen "Deisten" oder gar "Agnostiker" zu nennen .
"Viele Menschen (einschließlich mir) sind unmusikalisch."
Da muß ich entschieden widersprechen. Es gibt keine unmusikalischen Menschen. Es gibt nur schlechte Lehrer! :-)
Normalerweise rede ich als CLUB-FAN mit bayern-fans nur über meinen Anwalt! :-)
„Ich habe zwei Kinder. Steht es jetzt 2:0 für Bayern“
S..t! Wie es aussieht, steht es 2:0 für den Club...
...und ich schrieb es, doch es wurde schon geschrieben. Es war alles schon da -es gibt nichts Neues -unter der Sonne!
@Michael
„Nordkorea und China auch?“
In der Tat sind die asiatischen Länder ein Interessantes Thema.
Ihre bisher aufgeführten Beispiele beziehen sich zumeist auf westliche Länder.
Im letzten Jahrhundert war aber wohl kein Volk demografisch so erfolgreich wie die Chinesen! Warum? Sind die religiöser? Gibt es dazu Daten?
Eine kleine Anregung für einen nächsten Beitrag.
@Edgar
Sie werden doch wohl nicht diesen Karnevalsverein aus Köln mit dem CLUB aus Nürnberg verwechseln? BLASPHEMIE!:)
Wer heute noch Bücher schreibt, schreibt sie aus Eitelkeit!
Wenn sich Darwin aufgrund des sinnlosen Leidens der Tiere vom Theismus bzw. christlichen Glauben abwandte, dann zeigt mir das wieder, wie das jeweilige Selbstverständnis darüber entscheidet, was wir verstehen.
Man stelle sich vor, Darwin hätte nicht nach einem völlig vermenschlichten Gott Ausschau gehalten, der sich um das Wohl der Tiere zu kümmern hat - und dem man dann auch sonst viele Fehler unterschiebt.
Sondern er hätte in den Mechanismen der von ihm als universal erklärten Grammatik allen logischen Lebensflusses das "schöpferische Wort" verstanden, über das hinaus es nach christlicher Lehre über einen Gottesbegriff nicht zu sagen gibt?
Doch wer will - vom logischen Lebensfluss als schöpferischem Wort ausgehend - dem Wort-geber der Väter den Vorwurf machen, er hätte uns auch früher wissen lassen können, dass die Evolutionslehre kein Gegensatz zum Glaube ist? Alle scheint SEINE Zeit zu haben, auch das neue Hören.
"@ - Edgar:
Sie werden doch wohl nicht diesen Karnevalsverein aus Köln mit dem CLUB aus Nürnberg verwechseln? BLASPHEMIE!:)"
Großer Gott! Ich bitte vielmals um Entschuldigung! Wie konnte ich nur?
Ich will ja hier nicht aus dem Nähkästchen plaudern, aber was meinen Fortpflanzungserfolg anbelangt, war zumindest meine Tochter tatsächlich ein Kind des "Bayern-Dusels" - in der letzten Sekunde der Nachspielzeit gezeugt.
"Im letzten Jahrhundert war aber wohl kein Volk demografisch so erfolgreich wie die Chinesen!"
Da muss dem Großen Vorsitzenden wohl ein kleines Malheur passiert sein...
Oh, da ist ja einiges an Kritik zusammengekommen. Also besser der Reihe nach:
"Wer heute noch behauptet, religiöses Verhalten lasse sich durch 'Meme' erklären, verhält sich ebenso unwissenschaftlich wie ein Vertreter von Intelligent Design - er beruft sich auf Pseudowissenschaft, die seit Jahrzehnten keine klaren Definitionen, keine Studien, Experimente o.ä. vorzuweisen hat und also nicht den Anspruch erheben kann, mit seriöser Forschung auf einer Stufe diskutiert zu werden."
Entschuldigung, aber ich das Wort "Meme" mit keiner Silbe erwähnt.
Im übrigen finde ich die Kritik an der Idee der Meme vollkommen überzogen. Das Mem ist doch bloß eine Metapher. So wie das "Gen" eine biologische Informationseinheit darstellt, soll das "Mem" eine kulturelle Informationseinheit verkörpern. Mit anderen Worten: Das Mem soll nur veranschaulichen, wie kulturelle Informationen (Ideen, Melodien, Rituale u.a.m.) weitergegeben werden.
"'Die Debatte um die Adaptivität der Religiosität ist vergleichbar mit der Debatte um die Adaptivität der Vergewaltigung - einige halten die Vergewaltigung für eine echte Anpassung, andere halten sie für ein bloßes Nebenprodukt der opportunistischen männlichen Sexualität.'
Das ist schon deswegen ein Streit um des Kaisers Bart, weil es keine klare Definition von Adaptation und Nebenprodukt gibt."
Beim Barte des Propheten darf ich Dir versichern, dass dieser Streit keineswegs eine bloße Spiegelfechterei darstellt. Schließlich geht es darum, ob die Vergewaltigung ein Teil unseres biologischen Erbes oder nur ein Teil unseres kulturellen Erbes ist.
Und eine Adaptation ist doch eindeutig definiert. Ein anatomisches, physiologisches oder ethologisches Merkmal ist genau dann adaptiv, wenn es von der natürlichen Selektion wegen seines nachweisbar fitnessmaximierenden Charakters bevorzugt worden ist.
"'Die DDR ist diesbezüglich ein heuristisch durchaus wertvolles Experiment gewesen.'
Nordkorea und China auch? Die DDR-Diktatur wurde nicht zuletzt aus den Kirchenbewegungen heraus gestürzt. Und zufällig befinde ich mich gerade bei Religionswissenschaftlern in Leipzig - und wir könnten Dir einiges über die bunte Vielfalt an religiösem Leben erzählen, die hier mit der Freiheit dazu wieder entsteht. :-)"
Das ist doch nicht der Punkt! Der Punkt ist, dass es der DDR gelungen ist, eine vormals religiöse Bevölkerung in eine areligiöse Bevölkerung zu verwandeln.
In meiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern sind auch nach dem Fall der Mauer vor rund 20 Jahren immer noch 85 Prozent "gottverdammte Heiden". (Ich denke, dies ist auch das einzig Gute, was ich über Mecklenburg-Vorpommern zu berichten weiß.)
"Wenn sich Darwin aufgrund des sinnlosen Leidens der Tiere vom Theismus bzw. christlichen Glauben abwandte, dann zeigt mir das wieder, wie das jeweilige Selbstverständnis darüber entscheidet, was wir verstehen."
Ich würde nicht sagen, es sei eine Frage des "jeweiligen Selbstverständnisses", sondern eine Frage der "jeweiligen Definition". Wenn wir Gott, wie das Christentum es traditioneller Weise tut, als ein "allmächtiges, allwissendes und allgütiges Wesen" definieren, haben wir offensichtlich ein Problem mit dem sinnlosen Leider der Tiere. Es genügte aber, Gott eines seiner Attribute zu "berauben", um das Problem zu lösen. Wenn er nicht allmächtig ist, kann er möglicherweise nichts gegen das Leiden der Tiere unternehmen. Und wenn er nicht allgütig ist, kümmert ihn das Leiden der Tiere vielleicht nicht.
@ Edgar,
entscheidet nicht auch das Selbstverständnis darüber, wie wir Begriffe definieren, dann die Welt betrachten?
Bezog sich das eigentlich bzw. Ur-christentum wirklich auf ein allmächtiges, allwissendes und allgütiges... vorgesetztes Gottesen, wie heute allgemein angenommen wird?(Aufgrund des derzeit allgemein geltenden christlichen Historien- und damit Selbstverständnis.)
Oder war auf der scheinbar ewig währenden Reise nach Jerusalem nicht die Überwindung mystisch verehrter vorgesetzten Götter-Wesen und die Ausrichtung an einem im griechischen Weltbild wieder offenbarenden lebendigen Wort (einer kreativen Vernünftigkeit, Weltvernunft) genau der große Wandel, den das NT bebildert und dem es - vernünftigerweise - ein Gesicht gab?
Denn dann wäre nicht weiter ein Gottesbegriff zu verteidigen oder als untauglich anzugreifen, wie ihn berliner Brights per Busmission vertreiben wollen. Vielmehr sondern müsste dort nach dem Verständnis des "ewigen Wortes" (vermittelbarer kreativer Vernünftigkeit in den erklärten Mechanismen allen evolutionären Werdens) gefragt werden, wo Naturalisten die Welt gegen Gott erklären und viele Christen an der Allmacht-, güte... eines mystisch vorgesetzten vorgesetzten bzw. inzwischen oft rein persönlichen Gottesbegriffes ver-zweifeln.
Obgleich ich einmal Theologie studiert habe, kann ich mich an die Geschichte des Gottesbildes kaum erinnern. Ich denke aber, dass der traditionelle Gottesbegriff, der dem Schöpfer Allmacht, Allwissenheit und Allgüte zuspricht, vom Judentum übernommen worden ist und auch in den traditionellen Gottesbeweisen von Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, René Descartes, Gottfried Friedrich Wilhelm Leibniz und Immanuel Kant vorausgesetzt wird.
Zeitgenössische Theologen wie Hans Jonas, Uta Ranke-Heinemann und Hans Küng neigen inzwischen dazu, Gott die Allmacht abzusprechen.
Wie genau sieht Ihre Definition von "Gott" aus?
So, jetzt muss ich aber schnell in die Kirche, und sei es nur, um zu beten, dass Richard Jenkins bei den heute abend stattfindenden Academy Awards einen Oscar erhält (und Kate Winslet natürlich auch).
"In meiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern sind auch nach dem Fall der Mauer vor rund 20 Jahren immer noch 85 Prozent "gottverdammte Heiden". (Ich denke, dies ist auch das einzig Gute, was ich über Mecklenburg-Vorpommern zu berichten weiß.)"
Nun ja...Schauen wir uns die Sache noch einmal von einer anderen Seite aus an. Ich liebe es, den Tunnel von zwei Seiten aus zu graben. Können wir das 19 Jhd. ohne Kant verstehen? Ich denke nein. Können wir das 20 Jhd. ohne Nietzsche verstehen? Ich denke nein. Wenn dem so ist, so kommen wir auch an jenem Mann nicht vorbei, der vor zweitausend Jahren vom "Reich Gottes" sprach. Eine Karawane, die über einen gewissen Punkt hinaus gelangt ist, kann nicht zurückversetzt werden. Was die "Welt" erkannte, muß nicht auf das Neue erkannt werden. Doch wie Schopenhauer über die KdrV sich äußerte („Aber keiner bilde sich ein, die „Kritik der reinen Vernunft“ zu kennen und einen deutlichen Begriff von Kants Lehre zu haben, wenn er jene nur in der zweiten, oder einer der folgenden Auflagen gelesen hat; das ist schlechterdings unmöglich: denn er hat nur einen verstümmelten, verdorbenen, gewissermaaßen unächten Text gelesen. Es ist meine Pflicht, dies hier entschieden und zu jedermanns Warnung auszusprechen.“) so denke ich, ist das, was der Mann aus Nazareth auszudrücken versuchte, noch gar nicht verstanden worden.
"Ich denke, dass das, was der Mann aus Nazareth auszudrücken versuchte, noch gar nicht verstanden worden ist."
Das Problem ist, dass man sich im Osten auch gar nicht mehr darum bemüht, es zu verstehen.
Aber - um etwas Ketzerisches zu sagen - kann man es den Ossis verdenken? Was hat Jesus je gesagt, was nicht auch Buddha, Laotse, Sokrates, Aristoteles, Hume, Voltaire, Paine, Jefferson, Kant, Mill, Humboldt, Gandhi oder Popper gesagt haben?
@edgar,
die Geschichte mit dem Gottesbild, das durch Jesus (m.E. die Weltvernunft/das in allem natürlich erklärten Werden lebendige Wort) überwunden wude, wirst Du so sicher nicht in der Bibel finden. Nicht mit heutigem Blick.
Denn solange wir (unter dem heute selbstverständlichen Jesusverständnis bzw. dem davon ausgehenden chr. Selbstverständnis) nur darüber nachdenken, was ein junger Charismatiker aus Nazareth gedacht, gesagt hat und wollte, warum ein Guru verherrlicht wurde oder gar gutgläubig echt ein Gottessohn war, wird sich die Wende vom vor-gesetze Gottesbild zum Wiederverstand des bereits am prophetischen Anfang lebendigen Wortes (Glaubensaufklärung, nach der es nichts über alte Opfer-Götter zu sagen gab, als das Wort/Vernunft vermittelte) kaum begreifen lassen.
Vielmehr setzen wir dann auf ein altbekanntes Gottesbild nur ein banaleres, jetzt mit kurzem Bart und Jesus genannt drauf. Oder wir verkürzen zu einem besonders charismatischen Gutmenschen. Dann wäre aber alles nur noch Humanismus mit kirchlich verordnetem Heiligenschein. Was nicht sein kann, wenn man die theologischen Inhalte, Bedeutungsaussagen damaliger Denker - die nicht nur Sonntagsprediger waren - auch nur halbwegs ernst nimmt.
Ich habe keine Theologie studiert, musste nicht das Denken meiner Lehrer weitertragen. Sonder habe, immer wenn ich ein Buch in die Hand nahm, ein Theologe den Mund aufmachte (ab als historischer Kritiker, als Dogmatiker, die Bedeutungsinhalte des Wandels bzw. das den Bildern zugrunde liegende theologische Denken erklärend, die Gnosis an den Anfang rückend, neue Funde über einen Bewusstseinswandel ausgrabend...) immerzu verstanden, dass es vor 2000 Jahren weder um einen charismatischen Menschen, noch einen mystischen Gottessohnsbegriff gehen kann, sondern genau das überwunden wurde.
Und wenn der Papst nun einer "schöpferischen Vernunft" als biblisch, somit einzig historischen Jesus bekennt, dann brauch ich nicht weiter begründen zu wollen.
Wozu ich Benedikt XVI. in vollem Ernst vergeblich aufgeforert habe, will ich in der (vom kreativen=schöpferischen Standpunkt aus) offenbaren Vernünftigkeit des evolutionären Geschehens das ewiges Wort hören, den historisch-hochheitlichen Jesus sehen. (Habe letzte Woche wieder 58,-- Euro für die noch nicht belebte Domaine "Jesus-lebt-wirklich.de" an Denic überwiesen.)
Ich beziehe mich daher weniger auf den scheinbar modernen Gottesbegriff von Küng & Co. oder gar den buchstaben-kreationistische Desinger.
Viemehr wird mir gerade in der Diskussion mit Naturalisten klar, was die Große Wende war, warum es über den unsagbaren Schöpferbegriff der Väter (oder ein modern-mystisches und total vermenschlichte Gotteswesen) nichts zu sagen gibt, als die in den Mechanismen der Evolutionslehre, des ewigen Werdens sichtbare Vernünftigkeit: das lebendige Wort.
Dies lässt mich in völlig neuer Weise auf Allmacht, Allgüte schließen, ohne über einen Übermenschen, der doch nur Fehler macht, weil er die armen Tiere... geschaffene Arten wieder aussterben... Erdbeben... Krankheiten... zweifeln lässt.
Ich hoffe verständlich machen zu können, dass es in diesem Selbstverständnis des christlichen Glaubens keine Gegensätze mehr zwischen dem modernen evolutionären Weltbild und dem Glauben gibt. Vielmehr die Gewissheit und gemeinsame Bestimmung auf Wissen um das in vernünftiger/logischer Weise optimierende evolutionäre Werden des großen Ganzen gründet.
Mir ist klar, dass es nicht einfach ist, mich verständlich zu machen. Wenn ich zum Abschluss mit
"Jesus-lebt-wirklich" grüße,
dann wird man mich für völlig verrückt halten. Wir "glauben" zu Wissen...