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Homo Sapiens evolvierte Religiosität. Und auch der Neandertaler.

von Michael Blume, 12. Februar 2009, 19:49

Das Darwinjahr steckt voller Überraschungen: Nachdem viele religiöse wie religionskritische Beobachter lange eine vermeintlich prinzipielle Gegnerschaft zwischen Evolutionstheorie und Religion(en) vermutet haben, wandelt sich derzeit die Debatte. Wissenschaftler entdecken, dass Religiosität ein Teil der menschlichen Natur ist. Und auch der Neandertaler evolvierte sie! Eine Beobachtung zum 200ten Geburtstag von Charles Darwin und dem heute verkündeten Durchbruch des Leipziger Max-Planck-Instituts für Anthropologie bei der DNA-Sequenzierung des Neandertalers.

Evolution & Religion - ein Widerspruch?

In seinem Werk "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" (deutsche Erstfassung 1875 hier online) vermutete Charles Darwin bereits, dass sich auch Religiosität über biologischen Erfolg zu einem Teil der Natur des Menschen entwickelt habe, ggf. weiter entwickeln werde. Er formulierte sogar schon mehrere, lose Hypothesen zur Evolution von Religiosität - von denen sich einige inzwischen bewährt haben, andere nicht. Auch stellte er in einem Brief von 1879 noch einmal klar: Obwohl er sich selbst zunehmend als Agnostiker verstünde, hielte er es "für absurd zu bezweifeln, dass ein Mensch gleichzeitig ein frommer Theist (Gottglaubender, Anm. Blume) und Evolutionist sein kann." (Aus dem Darwin-Briefarchiv hier). Dennoch setzte sich sowohl auf Seiten vieler religiöser wie religionskritischer Denker die Auffassung fest, es bestehe ein unaufhebbarer Widerspruch, nur eine Seite könne Recht behalten. Ob Religiosität nicht auch selbst ein Ergebnis des Evolutionsprozesses sein könne, wurde nur in zögerlichen Ansätzen erforscht, selbst hervorragende Thesen wie die des Jesuiten und Paläoarchäologen Teilhard de Chardin (Beiträge hier) und des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich August von Hayek (Beiträge hier) blieben ungeprüft.

Homo religiosus

In den letzten Jahren haben jedoch (nicht zuletzt durch die Möglichkeiten des Internet begünstigt) Dutzende Wissenschaftler aus so verschiedenen Bereichen wie der Sozio- und Neurobiologie, Anthropologie, Archäologie, Gen- und Zwillingsforschung, schließlich Religionssoziologie und -demografie begonnen, ihre Befunde untereinander zu verknüpfen und zu testen (siehe hier). Und wir kommen zu dem immer eindeutigeren Ergebnis: Auch die Religiosität ist Teil der menschlichen Naturgeschichte und zudem biologisch weiter hochgradig erfolgreich. Die Evolution des Menschen auch zum Homo religiosus hat stattgefunden - und findet weiter statt.

In "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität" haben Rüdiger Vaas und ich den aktuellen Forschungs- und Diskussionsstand zusammen getragen und freuen uns über die rege Resonanz. Auch die am 10. März erscheinende Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Gehirn und Geist" hat die Evolution des Homo religiosus zum Titel. Dort werden neben Sachartikeln u.a. auch der Theologe Richard Schröder von der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Biologe Franz Wuketits von der Veterinärmedizinischen Universität Wien das Thema miteinander diskutieren.

 

Auch der Neandertaler war auf dem Weg!

Einer der archäologischen Befunde, die ich persönlich am spannendsten finde, passt wunderbar zur heutigen Meldung über die Zwischenerfolge der Leipziger Anthropologen um Svante Päabo bei der Sequenzierung des Neandertaler-Genoms (SZ-Bericht von der Pressekonferenz hier). Denn wie Homo sapiens (also unsere Vorfahren) hatte sich auch Homo neanderthalensis bereits auf den Weg zur Evolution der Religiosität gemacht. Neandertaler bestatteten ihre Toten rituell und mit Beigaben, nahmen also mindestens eine Weiterexistenz und ggf. -wirkung der Verstorbenen als übernatürliche Akteure an. Was diese konvergente Evolution des Verhaltens für unser Verständnis von intelligentem Leben, Natur und Gott bedeuten könnte, ist m.W. noch weder philosophisch noch theologisch ausgelotet. Hier eine Rekonstruktion einer Neandertaler-Bestattung im heutigen Frankreich aus dem Smithsonian National Museum of Natural History in Washington.

Dunkle Bedrohung für die Religionskritik?

Während immer mehr Wissenschaftler und interessierte Laien die neuen Befunde zur Evolution der Religiosität konstruktiv begrüßen, überprüfen und vertiefen, regt sich jedoch auch weltanschaulicher Widerstand, diesmal verblüffenderweise von der religionskritischen Seite der Diskussion, die sich bisher gerne evolutionswissenschaftlich legitimiert hat. So warnt Andreas Müller in einem "Krawallatheist"-Essay im humanistischen Pressedienst (hpd) vor der "dunklen Bedrohung" durch die neuere Evolutionsforschung zur Religiosität (Beitrag hier). Seine Befürchtung, Zitat:

"Sollte die adaptionistische Theorie wahr sein, dann werden die Menschen für immer übernatürliche Wesen anbeten. Einige Religionskritiker machen sich hier Illusionen und meinen, die Kultur wäre vielleicht stärker, aber das einzige, was die Aufklärung in diesem Fall tun könnte, wäre die schlimmsten Auswirkungen der Religion zu dämpfen, indem sie das Gottesbild besänftigt. Mit Hilfe unserer Kultur könnten wir unsere Religiosität so wenig überwinden wie unsere Musikalität."

Daher würden "Antitheisten", so Müller, "eher zur Nebenprodukt-Theorie neigen" und religiöses Verhalten weiterhin über die von Richard Dawkins entworfenen "Memplexe" zu erklären versuchen. Dies ist insofern überraschend, als es Richard Dawkins Memtheorie seit deren Veröffentlichung vor über 30 Jahren nicht einmal zu einer eindeutigen Definition oder auch nur einer einzigen überprüfbaren Studie oder Experiment gebracht hat. Wie zuvor religiöse Kritiker der Evolutionstheorie verschanzen sich nun auch Religionskritiker aus weltanschaulichen Gründen hinter pseudo-wissenschaftlichen Entwürfen. Die Memetik ist auf dem Weg, zum Kreationismus der Religionskritik zu werden - wissenschaftlich unhaltbar, aber "um des (Nicht-)Glaubens willen" erwählt. Erfreulicherweise stehen andere, wie hpd-Rezensent Armin Pfahl-Traughber, den vielfachen Befunden ehrlich interessiert und offen gegenüber (GGG-Rezension hier); auch das eine interessante Parallele zur gespaltenen Aufnahme der Evolutionsforschung unter Religiösen. Erleben wir derzeit am Umgang mit der Evolutionsforschung etwa auch die Spaltung der Religionskritik in je einen aufgeklärt-wissenschaftlichen und einen fundamentalistisch-evolutionskritischen Flügel?
 
Evolutionsforschung als Chance

Persönlich vertrete ich die Auffassung (und Erfahrung), dass Evolutionsforschung allenfalls sehr grobe Varianten von Theologien und Religionskritik wirklich bedroht. Nicht-Fundamentalisten und um Wahrheit wirklich ringenden Menschen eröffnet sie dagegen die Möglichkeiten, auf wissenschaftlich und philosophisch höherem Niveau als bisher über unser Universum und das Leben darin zu staunen, über "Gott und Welt" nachzusinnen und kritisch-konstruktiv miteinander zu diskutieren. Nur wer eigentlich schwache Überzeugungen hat, hat es nötig, sich vor Wissenschaft zu fürchten. Die Mehrheit aber darf sich auf neue, spannende Entdeckungen und Diskussionen freuen. Und wenn wir dann dabei sind: Vergessen wir nicht die Neandertaler!

Gott, Gene und Gehirn (GGG) von Rüdiger Vaas & Michael Blume 





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Natur des Glaubens: Religiosität, Spiritualität und die Frage nach Hirngespinsten

Kommentare

  1. Edgar Dahl @ - theologie-der-vernunft
    22.02.2009 | 14:46

    Ich habe mich nie dazu durchringen können, mehr als 20 Seiten seiner Bücher zu lesen, doch entspricht Ihr Ansatz nicht dem von Teilhard de Chardin?

  2. Dietmar Hilsebein @ Dahl
    22.02.2009 | 15:03

    "Was hat Jesus je gesagt, was nicht..."

    "Das Reich Gottes ist inwendig in euch." Daher bedarf es keiner Gurus, keiner Vormünder, keiner Regierungen, keiner Staaten. Jeder einzelne Mensch, besitzt die Anlage dafür, sich selber Lehrer und Arzt zu sein. Dies alles aber würde zu einem verheerenden Mißverständnis führen, wenn es ohne "Gott" verstanden wird, denn dies würde bedeuten, daß der Mensch sich selbst erhöht und damit dem Größenwahn anheim fällt.

  3. theologie-der-vernunft Teihard Chardin und Darwin
    22.02.2009 | 15:52

    Wenn ich vom allgemein gültigen Jesusbild ausging, würde ich wahrscheinlich bei Teilhard auch nur 20 Seiten lesen, müsste annehmen, dass sein "kosmischer Christus" das persönliche Bild eines naturwissenschaftlichen Jesuiten ist.

    Klaus Berger habe ich unlängst vorgeworfen, in seiner Herabwürdigung Teilhards seine eigene Dogmatik bzw. Aussagen über Jesus selbst zum Mythos zu machen. Denn nur in dem das lebendige Wort in allem Werden ernsthaft nachgedacht wird, lässt sich ein postmodernes Jesusbild bzw. dessen Bedeutung belegen.

    Für Teihard war es noch zu früh, über einen Mythos hinaus den historischen Jesus dort nachzuweisen, wo ihn Darwin belegt. Und wenn Darwin gedacht oder gar gesagt hätte, dass er in den Mechanismen des natürlichen kreativen evolutionären Werdens das "schöpferische Wort" offenbart, gar den lebendigen Jesus erblickt, hätte man ihn mit Sicherheit für verrückt gehalten. So wie mich.

    Doch im Sinne Darwins, des auch für den Kult bzw. die zugrunde liegende Erkenntnis/Wahrheit geltenden Mechanismus des kreativen evolutonären Optimierens bin ich sicher, die Reise nach Jerusalem geht weiter, nicht nur zurück.

  4. Dietmar Hilsebein @ theologie-der-vernunft
    22.02.2009 | 16:49

    Ich mag ja Marx nicht unbedingt, aber bei dem, was Sie schreiben, bin ich doch geneigt, ihm in diesem Punkte recht zu geben:

    "Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce."

    Ich beziehe mich dabei auf von Ihnen folgende Äußerungen:

    "So wie mich" oder
    "Wozu ich Benedikt XVI. in vollem Ernst vergeblich aufgeforert habe, will ich in der (vom kreativen=schöpferischen Standpunkt aus) offenbaren Vernünftigkeit des evolutionären Geschehens das ewiges Wort hören, den historisch-hochheitlichen Jesus sehen. (Habe letzte Woche wieder 58,-- Euro für die noch nicht belebte Domaine "Jesus-lebt-wirklich.de" an Denic überwiesen.)"

  5. Dietmar Hilsebein kein Betreff
    22.02.2009 | 18:46

    @ Jesus

    Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt -der Umkehrschluß aber ist falsch -sorry!

  6. theologie-der-vernunft Wer erhöht sich?
    22.02.2009 | 20:20

    Verehrter Herr Hilsebein,

    was habe ich verbrochen, dass sie meine Überlegungen als Farce abtun und mich er Selbst-Erhöhung bezichtigen?

    Habe ich von einem Reich Gottes bzw. Jesus in mir selbst geschwärmt? Einer Farce, die mich im Größenwahn selbst zu Gott macht?

    Oder habe ich nach einem zeitgemäßes Verständnis des schöpferischen Wortes gefragt, einer Vernüftigkeit, die nicht von mir und meiner Meinung ausgeht, sondern im kreativen=schöpferischen Geschehen erst jetzt im Licht einer universalen Welterklärung wie der Evolutionslehre (die so nicht bei Sozialdarwinismus, Abstammungslehre, Genegoismus stehen bleibt) verständlich ist?

    Übrigens ging auch der von Ihnen erwähnte Hegel von einer "universalen Vernunft" allen dialektischen Werdens aus, was allerdings dann bei den Linkshegelianern in den Materialismus und Marxismus abgleitete.

    Rechts war die Zeit noch nicht reif. Da berief man sich auf Glaubensdogmen. So wie jetzt auf innere Stimmen als Gottesreich.

    Weil aber unbegründete Domgmen und persönliche innere Stimmen eine Frace der Selbstherrlichkeit sind, wenn nicht die Frage nach dem realen schöpferischen Geschehen/Wort gestellt wird, hoffe ich, dass die Zeit reif ist, wieder neu, aufgeklärt zu denken und zu hören.

  7. Dietmar Hilsebein @ theologie-der-vernunft
    22.02.2009 | 20:41

    Ich hoffe, ich habe Sie nicht unnötig verletzt. Doch wenn jemand schreibt, daß er einen Jesus gesehen hat, an den Papst schreibt, und irgendwelche Euronen an eine wie-auch-immer Homepage stiftet, dann, mit Verlaub, fühle ich mich an Kant erinnert, der Swedenborg ins Hospital verwies.

  8. theologie-der-vernunft Jeder Mensch ist Hörer
    22.02.2009 | 20:58

    Herr Hilsebein,

    in dem Punkt, dass wir keine Vormünder bruachen, jeder Mensch mündig eine Veranlagung besitzt, die ihm kein Staat geben kann stimme ich Ihnen voll zu. Der heutige Mensch besitzt m. E. die Fähigkeit, auf mündige Weise die kreativen=schöpferischen Vernunft/das ewige Wort in allem natürlichen Werden zu verstehen, sich dafür im Kult zu begeistern und ihm vernünftig zu folgen, schöpfungs- bzw. weltvernünftig zu leben.

    Es ist nur die Frage, ab nicht die Glaubenvorstellungen und innere Stimmen bisher dagegen sprechen.

    (Mit Selbsterhöhung hat das aber nichts zu tun. Auch nicht, wenn ich über die zeitgemäße Wahrnehmung des bereits von Sokrates verstandenen ewigen Gottessohnes/des Schöpfungswortes in der Grammatik der universalen Welterklärung nachdenke - versuche laienhaft diesem Wort meine Stimme zu geben. Es geht mir nicht um meine innere Stimme, ein Reich Gottes in mir, sondern der schöpferichen Realität.)

  9. Michael Blume @ Hilsebein
    22.02.2009 | 21:48

    "Wer heute noch Bücher schreibt, schreibt sie aus Eitelkeit!"

    Oh, also ich könnte bei aller Begeisterung für das Internet ohne interessante Bücher (und informative Zeitungen und Magazine) weiterhin nicht glücklich leben und bin daher sehr froh, dass es weiterhin auch "Offline-Autoren" gibt. :-)

  10. Michael Blume @ itz & Edgar: Nordkorea & China
    22.02.2009 | 21:57

    Lieber Edgar, lieber itz,

    Nordkorea und China lassen derzeit weder freie Religionsausübung noch freies Forschen zu. In der Geschichte entwickelten sich selbstverständlich auch in den asiatischen Ländern je reiche, verschiedenartige (und im Volksglauben meist polytheistische) Religionskulturen, die Fragen der Ehe, Fruchtbarkeit etc. zentrale Bedeutung beimassen. Ja, das ist wirklich mal ein Thema, das der Vertiefung lohnt!

    Nur ein genereller Hinweis: In Agrargesellschaften generell dienen Kinder als Arbeitskräfte und Altersversorgung, daher ist die allgemeine Fertilität dort besonders hoch.

    "Im letzten Jahrhundert war aber wohl kein Volk demografisch so erfolgreich wie die Chinesen!

    Da muss dem Großen Vorsitzenden wohl ein kleines Malheur passiert sein..."

    Bei aller Liebe zum flapsigen Humor und Diskutieren: dem atheistischen Terrorregime von Mao und Konsorten fielen mehrere Zehn-Millionen Menschen durch Gewalt, Kriege, Missmanagement und Hunger zum Opfer - das Land brauchte lange, sich davon zu erholen. Ich habe eigentlich keine Lust, auf einem so zynischen Niveau über vermeintliche "Leistungen" des "Großen Vorsitzenden" zu diskutieren.

  11. Michael Blume @ Edgar: Darwin
    22.02.2009 | 22:01

    Lieber Edgar,

    wie gesagt - Darwin vermochte zwischen persönlichen Schlussfolgerungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen sorgsam zu unterscheiden. Alfred Russell Wallace blieb genauso Christ wie z.B. der Jesuit und Paläoanthropologe Teilhard de Chardin oder der berühmte Biologe Theodosius Dobzhanski. Auch Du und ich können ja gerne persönliche Haltungen für oder gegen diese oder jene religiöse Auffassung einnehmen - diese aber je als einzig logische Folgerung der Evolutionstheorie anzusehen hielte ich aber doch für etwas gewagt. An Andersgläubige wirst Du Dich mindestens so lange gewöhnen müssen, wie es das Menschenrecht der Religionsfreiheit gibt. ;-)

  12. Michael Blume @ Edgar: Adaptation & adaptiv
    22.02.2009 | 22:08

    Lieber Edgar,

    Du schriebst:

    "Und eine Adaptation ist doch eindeutig definiert. Ein anatomisches, physiologisches oder ethologisches Merkmal ist genau dann adaptiv, wenn es von der natürlichen Selektion wegen seines nachweisbar fitnessmaximierenden Charakters bevorzugt worden ist."

    Nach DIESER Definition wäre Religion eindeutig adaptiv - denn Menschen, die das Merkmal ausgeprägt haben, pflanzen sich heute nachweisbar in Dutzenden von Gesellschaften erfolgreicher fort als Nichtreligiöse. Diskutiert wird jedoch, ab welcher zeitlichen und räumlichen Geltung von einer Adaptation zu sprechen ist.

    Vielleicht hilft hier das Beispiel des Schreibens und Lesens: Es dürfte unbestritten in vielen Situationen und Gesellschaften adaptiv sein - entwickelte sich aber erst vor wenigen tausend Jahren aus dem Zusammenspiel neurobiologischer und kultureller Faktoren und ist auch (im Gegensatz zur Religion!) kein universales (in allen Menschengesellschaften anzutreffendes) Phänomen. Ist das Merkmal Schreiben Deiner Meinung nach also eine Adaptation oder nur ein Nebenprodukt?

    Da es hier keine klaren Definitionen gibt, kann jeder das Stöckchen auch im Bezug auf Religion so niedrig oder hoch halten wie gewollt. Deswegen beschränke ich mich schlicht auf die Aussage, die sich klar beobachten lässt: Religiosität ist derzeit in allen freiheitlichen Gesellschaften adaptiv und wir haben starke Indizien, dass dies mindestens seit der mittleren Altsteinzeit so war.

    Ist sie also noch ein Nebenprodukt, schon eine Exaptation oder bereits eine Adaptation? That remains to be discussed. :-)

  13. itz kein Betreff
    23.02.2009 | 00:25

    @Michael
    Damit keine Missverständnisse aufkommen! Als liberaler Mensch sind mir Mao und Konsorten genauso unsympathisch wie Ihnen.
    Ich rechne den demografischen „Erfolg“ der Chinesen -und der steht wohl außer Frage- auch nicht dem großen Vorsitzenden an.
    Mich interessiert lediglich, ob dieser „Erfolg“ einer überwiegend atheistischen (?) Nation zu Ihren Thesen passt!
    Ist der Glaube an Gott/Götter der einzige/alleinige Aspekt für eine höhere Geburtenrate?
    Oder können nicht auch weltliche „Glaubensysteme“ eine Rolle spielen?
    Ist z.B. der überzeugte Maoist, Kommunist oder nur Patriot demografisch erfolgreicher als der Mitläufer, Klassenfeind oder Vaterlandsverräter?

    Gute Nacht

  14. 23.02.2009 | 07:55

    Danke für Klarstellung und Nachfrage.

    "Mich interessiert lediglich, ob dieser „Erfolg“ einer überwiegend atheistischen (?) Nation zu Ihren Thesen passt!"

    WIe gesagt: Das chinesische Alltagsleben war (und ist!) zutiefst religiös geprägt, zudem erleben wir derzeit ein massives Ansteigen von auch monotheistischer Religiosität.
    Vgl. http://religionswissenschaft.twoday.net/...272287/

    "Ist der Glaube an Gott/Götter der einzige/alleinige Aspekt für eine höhere Geburtenrate?"

    Nein, auf keinen Fall! Die ökonomischen Umstände (Wildbeuter-, Agrar- oder Stadtgesellschaft) spielen z.B. eine riesige Rolle! Ich erforsche nicht, ob Religiosität der einzige demographische Faktor darstellt (was definitiv nicht der Fall ist), sondern ob sie eine unabhängige Variable bildet.

    "Oder können nicht auch weltliche „Glaubensysteme“ eine Rolle spielen?
    Ist z.B. der überzeugte Maoist, Kommunist oder nur Patriot demografisch erfolgreicher als der Mitläufer, Klassenfeind oder Vaterlandsverräter?"

    Wir haben z.B. in der ALLBUS-Auswertung eine gewisse Wirkung auch säkularer Ideologien gefunden. Allerdings war diese begrenzt und auch z.B. dem NS-Regime gelang es nicht, die Geburtenrate der SS-Offiziere merklich zu steigern (vgl. Himmlers aberwitzig-verzweifeltes Lebensborn-Projekt). Auch kennen wir trotz intensiver Suche keine säkulare Bewegung, die auch nur zwei, drei Generationen eine vergleichbar hohe Geburtenrate wie Amische, Hutterer, Mormonenen, orthodoxe Juden o.ä. aufgewiesen hätte.

  15. theologie-der-vernunft Jesus lebt wirklich?
    23.02.2009 | 10:25

    Hallo Herr Hilsbein,

    nur kurz zur Klarstellung: ich hab keine Spende an eine Homepage gemacht, sondern vor Jahren die Domaine "Jesus lebt wirklich" belegt, mich aber weiter für "Theologie der Vernunft" entschieden.

    Nicht zuletzt, weil man mich sonst wahrscheinlich für verrückt halten würde bzw. die Aussage "Jesus lebt" im Namen des Mythos bzw. persönlicher Gläubigkeit gemacht wird und damit das Gegenteil von dem aussagt, um was es mir geht: Eine in allem Wissenschaftlich-logisch erklärten Werden wahrnehmbare kreative Vernünftigkeit als schöpferische Be-stimmung. (Verständliches Wort)

    Denn die halte ich aufgrund des heutigen Wissen um den eigentliche Grund christlichen Glaubens bzw. griechisch-jüdischer Glaubensaufklärung allen Ernstes für messianisch: Auch heute einen notwendigen Wandel bewirkend, der die alten Vorstellungen nicht ausklammert, sondern kreativ weiterdenkt, eine schöpferiche Bestimmung (Wort) aufgeklärt vergegenwärtigt und als Weltvernunft menschlich verwirklicht.

    Und mit Jesus gesprochen hab ich schon gleich gar nicht. Vielmehr gehe ich wie immer wieder betont davon aus, dass eine kreative=schöpferische Vernünftigkeit heute im wissenschaftlich erklärten evolutionären Mechanismus wieder mündig zu verstehen, als ewiges "schöpferisches" Wort zu hören ist.

    "Die Natur des Glaubens" bzw. Religion als Wissenschaft in Geburtenzahlen zu begründen, die sich möglicherweise durch das "glauben" an einen Mythos ergeben, halte ich daher für zu kurz.

    Ich gehe davon aus, dass sich auf Dauer eine Vorstellung als fitnesmaximierend durchsetzt, die nicht blind an einen abgrenzenden Stammesmysmythos glaubt, sondern tauglich für gemeinsames Wirtschaften und ökologisches (somit schöpferisches) Verhalten ist. Nicht nur Kinder in die Welt setzt, sondern in schöpferischer Verant-wort-ung deren Zukunft, die Welt als Schöpfungswerk/Wort in menschlicher Weise optimierten will.

    Aber da scheint es noch weit hin.
    Ich werd mir doch das Geld für die Hompage, wo darüber nachgedacht werden sollte, sparen.

  16. theologie-der-vernunft Die Diskussion muss weitergehen
    26.02.2009 | 08:20

    Entschuldignung Herr Dr. Blume,

    ich wollte die Diskussion um Darwin bzw. die Evolutionslehre keineswegs abwürgen.

    Auch wenn ich derzeit hier bei chronologs unter (Kult und Aberglaube) in der AT-Forschung die Evoltuonslehre als lebendige Offenbarung, sinngebendes bzw. zeitgemäß bestimmendes Wort, begründe. Oder den Brights, die im Blog als Faschingsbeitrag über einen jüdischen Lustig-Film über einen "fettleibigen Jesus" berichten, auf die Nerven gehe. Indem ich versuche nachzudenken, dass das den (christlichen) Logoskult begründende Wesen wirklich fremdgegangen, wieder dem Mythos verfallen ist. Oder warum der Darwintag doch mit Christi Himmelfahrt zusammenzudenken wäre: Nicht als Angriff gegen den Aberglaube, sondern als Aufkärung, gemeinsamer Auf-verstand.

  17. Edgar Dahl @ - Hilsebein: Jesus
    26.02.2009 | 12:54

    "Was hat Jesus je gesagt, was nicht..."

    "Das Reich Gottes ist inwendig in euch."

    Mit Verlaub, aber ich meinte: Hat Jesus je etwas Vernünftiges gesagt, was nicht bereits andere gesagt haben?

  18. Edgar Dahl @ - Michael
    26.02.2009 | 13:01

    "Im letzten Jahrhundert war aber wohl kein Volk demografisch so erfolgreich wie die Chinesen!

    Da muss dem Großen Vorsitzenden wohl ein kleines Malheur passiert sein..."

    Bei aller Liebe zum flapsigen Humor und Diskutieren: dem atheistischen Terrorregime von Mao und Konsorten fielen mehrere Zehn-Millionen Menschen durch Gewalt, Kriege, Missmanagement und Hunger zum Opfer - das Land brauchte lange, sich davon zu erholen. Ich habe eigentlich keine Lust, auf einem so zynischen Niveau über vermeintliche "Leistungen" des "Großen Vorsitzenden" zu diskutieren."

    Das war doch nur ironisch gemeint!

  19. Edgar Dahl @ - Michael: Darwinism
    26.02.2009 | 13:13

    Lieber Edgar,

    wie gesagt - Darwin vermochte zwischen persönlichen Schlussfolgerungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen sorgsam zu unterscheiden. Alfred Russell Wallace blieb genauso Christ wie z.B. der Jesuit und Paläoanthropologe Teilhard de Chardin oder der berühmte Biologe Theodosius Dobzhanski. Auch Du und ich können ja gerne persönliche Haltungen für oder gegen diese oder jene religiöse Auffassung einnehmen - diese aber je als einzig logische Folgerung der Evolutionstheorie anzusehen hielte ich aber doch für etwas gewagt. An Andersgläubige wirst Du Dich mindestens so lange gewöhnen müssen, wie es das Menschenrecht der Religionsfreiheit gibt. ;-)"

    Von mir aus kann jeder glauben, was er will. Wenn er jedoch den Anspruch erhebt, dass sein Glaube kohärent sei, lege ich selbstverständlich striktere Kriterien an. Und dann führt nun einmal kein Weg an Rachels' Einsicht vorbei, dass sich das evolutionäre Weltbild logisch einfach nicht mit dem christlichen Gottesbild vereinbaren lässt. Mit anderen Worten: Darwinisten können immer noch Theisten sein, doch nicht länger an "den lieben Gott" der Christenheit glauben.

  20. Edgar Dahl @ Michael: Adaptivität der Religiosität
    26.02.2009 | 13:25

    "Du schriebst:

    'Und eine Adaptation ist doch eindeutig definiert. Ein anatomisches, physiologisches oder ethologisches Merkmal ist genau dann adaptiv, wenn es von der natürlichen Selektion wegen seines nachweisbar fitnessmaximierenden Charakters bevorzugt worden ist.'

    Nach DIESER Definition wäre Religion eindeutig adaptiv - denn Menschen, die das Merkmal ausgeprägt haben, pflanzen sich heute nachweisbar in Dutzenden von Gesellschaften erfolgreicher fort als Nichtreligiöse. Diskutiert wird jedoch, ab welcher zeitlichen und räumlichen Geltung von einer Adaptation zu sprechen ist."

    Niemand zweifelt an Deiner Behauptung, dass sich religiöse Menschen erfolgreicher fortpflanzen mögen als areligiöse. Aber dies beweist doch nicht, dass die Religiosität adaptiv ist!

    Ähnlich ist es doch auch bei der Vergewaltigung: Niemand bezweifelt, dass Männer, die Ehefrauen haben, sich zusätzlich noch Geliebte halten und dann und wann sogar ein Mädchen vergewaltigen, einen höheren Reproduktionserfolg haben mögen als andere Männer. Aber dies beweist doch in keiner Weise, dass die Vergewaltigung "adaptiv" ist. Sie mag durchaus ein bloßes Nebenprodukt unserer opportunistischen Sexualität sein.

szmtag