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Homo Sapiens evolvierte Religiosität. Und auch der Neandertaler.

von Michael Blume, 12. Februar 2009, 19:49

Das Darwinjahr steckt voller Überraschungen: Nachdem viele religiöse wie religionskritische Beobachter lange eine vermeintlich prinzipielle Gegnerschaft zwischen Evolutionstheorie und Religion(en) vermutet haben, wandelt sich derzeit die Debatte. Wissenschaftler entdecken, dass Religiosität ein Teil der menschlichen Natur ist. Und auch der Neandertaler evolvierte sie! Eine Beobachtung zum 200ten Geburtstag von Charles Darwin und dem heute verkündeten Durchbruch des Leipziger Max-Planck-Instituts für Anthropologie bei der DNA-Sequenzierung des Neandertalers.

Evolution & Religion - ein Widerspruch?

In seinem Werk "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" (deutsche Erstfassung 1875 hier online) vermutete Charles Darwin bereits, dass sich auch Religiosität über biologischen Erfolg zu einem Teil der Natur des Menschen entwickelt habe, ggf. weiter entwickeln werde. Er formulierte sogar schon mehrere, lose Hypothesen zur Evolution von Religiosität - von denen sich einige inzwischen bewährt haben, andere nicht. Auch stellte er in einem Brief von 1879 noch einmal klar: Obwohl er sich selbst zunehmend als Agnostiker verstünde, hielte er es "für absurd zu bezweifeln, dass ein Mensch gleichzeitig ein frommer Theist (Gottglaubender, Anm. Blume) und Evolutionist sein kann." (Aus dem Darwin-Briefarchiv hier). Dennoch setzte sich sowohl auf Seiten vieler religiöser wie religionskritischer Denker die Auffassung fest, es bestehe ein unaufhebbarer Widerspruch, nur eine Seite könne Recht behalten. Ob Religiosität nicht auch selbst ein Ergebnis des Evolutionsprozesses sein könne, wurde nur in zögerlichen Ansätzen erforscht, selbst hervorragende Thesen wie die des Jesuiten und Paläoarchäologen Teilhard de Chardin (Beiträge hier) und des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich August von Hayek (Beiträge hier) blieben ungeprüft.

Homo religiosus

In den letzten Jahren haben jedoch (nicht zuletzt durch die Möglichkeiten des Internet begünstigt) Dutzende Wissenschaftler aus so verschiedenen Bereichen wie der Sozio- und Neurobiologie, Anthropologie, Archäologie, Gen- und Zwillingsforschung, schließlich Religionssoziologie und -demografie begonnen, ihre Befunde untereinander zu verknüpfen und zu testen (siehe hier). Und wir kommen zu dem immer eindeutigeren Ergebnis: Auch die Religiosität ist Teil der menschlichen Naturgeschichte und zudem biologisch weiter hochgradig erfolgreich. Die Evolution des Menschen auch zum Homo religiosus hat stattgefunden - und findet weiter statt.

In "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität" haben Rüdiger Vaas und ich den aktuellen Forschungs- und Diskussionsstand zusammen getragen und freuen uns über die rege Resonanz. Auch die am 10. März erscheinende Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Gehirn und Geist" hat die Evolution des Homo religiosus zum Titel. Dort werden neben Sachartikeln u.a. auch der Theologe Richard Schröder von der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Biologe Franz Wuketits von der Veterinärmedizinischen Universität Wien das Thema miteinander diskutieren.

 

Auch der Neandertaler war auf dem Weg!

Einer der archäologischen Befunde, die ich persönlich am spannendsten finde, passt wunderbar zur heutigen Meldung über die Zwischenerfolge der Leipziger Anthropologen um Svante Päabo bei der Sequenzierung des Neandertaler-Genoms (SZ-Bericht von der Pressekonferenz hier). Denn wie Homo sapiens (also unsere Vorfahren) hatte sich auch Homo neanderthalensis bereits auf den Weg zur Evolution der Religiosität gemacht. Neandertaler bestatteten ihre Toten rituell und mit Beigaben, nahmen also mindestens eine Weiterexistenz und ggf. -wirkung der Verstorbenen als übernatürliche Akteure an. Was diese konvergente Evolution des Verhaltens für unser Verständnis von intelligentem Leben, Natur und Gott bedeuten könnte, ist m.W. noch weder philosophisch noch theologisch ausgelotet. Hier eine Rekonstruktion einer Neandertaler-Bestattung im heutigen Frankreich aus dem Smithsonian National Museum of Natural History in Washington.

Dunkle Bedrohung für die Religionskritik?

Während immer mehr Wissenschaftler und interessierte Laien die neuen Befunde zur Evolution der Religiosität konstruktiv begrüßen, überprüfen und vertiefen, regt sich jedoch auch weltanschaulicher Widerstand, diesmal verblüffenderweise von der religionskritischen Seite der Diskussion, die sich bisher gerne evolutionswissenschaftlich legitimiert hat. So warnt Andreas Müller in einem "Krawallatheist"-Essay im humanistischen Pressedienst (hpd) vor der "dunklen Bedrohung" durch die neuere Evolutionsforschung zur Religiosität (Beitrag hier). Seine Befürchtung, Zitat:

"Sollte die adaptionistische Theorie wahr sein, dann werden die Menschen für immer übernatürliche Wesen anbeten. Einige Religionskritiker machen sich hier Illusionen und meinen, die Kultur wäre vielleicht stärker, aber das einzige, was die Aufklärung in diesem Fall tun könnte, wäre die schlimmsten Auswirkungen der Religion zu dämpfen, indem sie das Gottesbild besänftigt. Mit Hilfe unserer Kultur könnten wir unsere Religiosität so wenig überwinden wie unsere Musikalität."

Daher würden "Antitheisten", so Müller, "eher zur Nebenprodukt-Theorie neigen" und religiöses Verhalten weiterhin über die von Richard Dawkins entworfenen "Memplexe" zu erklären versuchen. Dies ist insofern überraschend, als es Richard Dawkins Memtheorie seit deren Veröffentlichung vor über 30 Jahren nicht einmal zu einer eindeutigen Definition oder auch nur einer einzigen überprüfbaren Studie oder Experiment gebracht hat. Wie zuvor religiöse Kritiker der Evolutionstheorie verschanzen sich nun auch Religionskritiker aus weltanschaulichen Gründen hinter pseudo-wissenschaftlichen Entwürfen. Die Memetik ist auf dem Weg, zum Kreationismus der Religionskritik zu werden - wissenschaftlich unhaltbar, aber "um des (Nicht-)Glaubens willen" erwählt. Erfreulicherweise stehen andere, wie hpd-Rezensent Armin Pfahl-Traughber, den vielfachen Befunden ehrlich interessiert und offen gegenüber (GGG-Rezension hier); auch das eine interessante Parallele zur gespaltenen Aufnahme der Evolutionsforschung unter Religiösen. Erleben wir derzeit am Umgang mit der Evolutionsforschung etwa auch die Spaltung der Religionskritik in je einen aufgeklärt-wissenschaftlichen und einen fundamentalistisch-evolutionskritischen Flügel?
 
Evolutionsforschung als Chance

Persönlich vertrete ich die Auffassung (und Erfahrung), dass Evolutionsforschung allenfalls sehr grobe Varianten von Theologien und Religionskritik wirklich bedroht. Nicht-Fundamentalisten und um Wahrheit wirklich ringenden Menschen eröffnet sie dagegen die Möglichkeiten, auf wissenschaftlich und philosophisch höherem Niveau als bisher über unser Universum und das Leben darin zu staunen, über "Gott und Welt" nachzusinnen und kritisch-konstruktiv miteinander zu diskutieren. Nur wer eigentlich schwache Überzeugungen hat, hat es nötig, sich vor Wissenschaft zu fürchten. Die Mehrheit aber darf sich auf neue, spannende Entdeckungen und Diskussionen freuen. Und wenn wir dann dabei sind: Vergessen wir nicht die Neandertaler!

Gott, Gene und Gehirn (GGG) von Rüdiger Vaas & Michael Blume 





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Natur des Glaubens: Religiosität, Spiritualität und die Frage nach Hirngespinsten

Kommentare

  1. Edgar Dahl @ - Michael: Lesen und Schreiben
    26.02.2009 | 13:49

    "Vielleicht hilft hier das Beispiel des Schreibens und Lesens: Es dürfte unbestritten in vielen Situationen und Gesellschaften adaptiv sein - entwickelte sich aber erst vor wenigen tausend Jahren aus dem Zusammenspiel neurobiologischer und kultureller Faktoren und ist auch (im Gegensatz zur Religion!) kein universales (in allen Menschengesellschaften anzutreffendes) Phänomen. Ist das Merkmal Schreiben Deiner Meinung nach also eine Adaptation oder nur ein Nebenprodukt?"

    Selbstverständlich nur ein Nebenprodukt!

    Du kannst nicht einfach alles, was sich im Laufe unserer Kulturgeschichte herausgebildet und als "vorteilhaft" erwiesen hat, als "adaptiv" bezeichnen.

    Exzellent Tennis zu spielen oder brilliant Fußball zu spielen, ist sicher vorteilhaft, weil es viel Geld und dami auch einen hohen Fortpflanzungserfolg einbringen kann. Dennoch handelt es sich bei diesen beiden Fertigkeiten nicht um biologische "Adaptationen". Sie sind lediglich Nebenprodukte des adaptiven Merkmals "Athletik".

  2. Michael Blume @ Edgar
    28.02.2009 | 15:51

    Genau das ist der Unterschied: Ein Verhalten (und heritables Verhaltensmerkmal) wie Lesen und Schreiben kann situativ "adaptiv" sein, aber das heißt noch lange nicht, dass es deswegen schon eine Adaptation ist.

    Religiosität ist nachweislich adaptiv, sie fördert den Fortpflanzungserfolg. Solange es aber keine klaren Definitionen dafür gibt, ab wann ein Merkmal eine Adaptation ist, lässt sich diese zweite Frage auch nicht abschließend beantworten. Gegenüber dem Lesen und Schreiben hat religiöses Verhalten noch die Argumente weltweiter Universalität und ein deutlich höheres Alter - gegenüber der Feder ist es aber klar jünger.

    Das eben meine ich mit dem "Streit um des Kaisers Bart". Zentrale, biologische Begriffe sind schlicht noch nicht ausreichend definiert, so dass da letztlich Scheingefechte ausgetragen werden. Mir reicht daher der längst hundertfache Nachweis: Religiosität ist adaptiv.

    Dazu übrigens auch eine neue Datensammlung:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/....html

  3. Edgar Dahl @ - Michael: "Exaptation"
    28.02.2009 | 18:11

    "Ein Verhalten (und heritables Verhaltensmerkmal) wie Lesen und Schreiben kann situativ "adaptiv" sein, aber das heißt noch lange nicht, dass es deswegen schon eine Adaptation ist."

    Dieser Satz ist freilich verwirrend. Etwas ist "adaptiv", aber keine "Adaptation"!?

    Ich dachte, genau zu diesem Zweck sei der Begriff "Exaptation" eingeführt worden. Dieser Begriff erscheint mir in der Tat weit passender. Er würde Merkmale bezeichnen, die als bloßes Nebenprodukt der Evolution entstanden sind, sich aber unter Umständen als fitnessmaximierend erweisen können.

    Ein gutes Beispiel ist die Hand. Der Selektionsdruck, der zur Formung der Hand geführt hat, lag auf dem sicheren Klettern; dass dieselbe Hand auch Klavier spielen oder Romane schreiben kann, ist ein reines Nebenprodukt - eine Exaptation, die sich zumindest in der westlichen Kultur als fitnessmaximierend erwiesen hat.

    Die Frage (über die wir freilich schon einmal diskutiert haben) lautet daher: Ist die Religiosität eine echte Adaptation oder eine bloße Exaptation?

    Mir erscheint die Religiosität als Exaptation. Die Religionen verdanken sich unserem kognitiven Apparat, insbesondere seiner Neigung zum teleologischen Denken. Unser kognitiver Apparat evolvierte jedoch nicht, um ein Überleben im Jenseits, sondern um ein Überleben im Diesseits zu ermöglichen. Oder anders ausgedrückt: Unsere kognitiven Strukturen haben sich an Anpassung an die reale Welt, nicht aber in Anpassung an eine fiktive Welt herausgebildet. Dass sich fiktive Vorstellungen unter geeigneten Umständen als fitnessmaximierend erwiesen haben, macht sie zu einem biologischen Nebenprodukt oder einer bloßen Exaptation.

  4. Michael Blume @ Edgar: Ja
    01.03.2009 | 06:43

    Lieber Edgar,

    ja, mit dieser Idee hatte ich auch schon gespielt, allerdings bezeichnet eine Exaptation ja ein Übergangsstadium (einen Funktionswandel).

    Die Unterscheidung mit reale/fiktive Welt trifft übrigens den Kern der Befunde nicht ganz. Religiosität stärkt vor allem die soziale Kooperation und speichert außerdem umweltrelevantes Wissen ("Töte nicht das Jungtier und die trächtige Mutter, sonst wird der Große Geist zürnen und kein Wild mehr senden." etc.), erreicht über die Annahme übernatürlicher Akteure also durchaus Anpassung an reale Verhältnisse.

    Wie würdest Du denn, ganz konkret, Nebenprodukt, Exaptation und Adaptation definieren? Wenn ich schon mal nen naturwissenschaftlich informierten Philosophen da hab, den ich fragen kann. :-)

  5. Basty Castellio Kandidaten des Jenseits?! @Edgar
    02.03.2009 | 19:33

    Hallo,
    muss mich doch auch mal einmischen.

    Böll beklagt sich ja scheints einmal, dass ihm die Atheisten zu viel von Gott redeten. Daran dachte ich auch bei Deiner folgenden Äußerung - da redest Du zu viel vom Jenseits :
    "Die Religionen verdanken sich unserem kognitiven Apparat... [Der] evolvierte jedoch nicht, um ein Überleben im Jenseits, sondern um ein Überleben im Diesseits zu ermöglichen. ... Unsere kognitiven Strukturen haben sich an Anpassung an die reale Welt, nicht aber in Anpassung an eine fiktive Welt herausgebildet".

    Was steckt da für ein Religionsbegriff dahinter?!
    Ich weiß, in der Tradition deutscher (europäischer) Religionskritik spielt das immer eine gewichtige Rolle - siehe auch meine Überschrift, für die ich was von Feuerbach abkupferte.
    Aber spielt das in DEN Religionen DIE zentrale Rolle?!
    Bei den traditionellen Wildbeuterreligionen - inwiefern eigentlich? (Da hat ja Michael Blume schon den Hinweis gegeben.) Bei den Religionen des klassischen Altertums im Mittelmeerraum sicher nicht - auch nicht in der jüdischen. Na ja, die ägyptische Religion, die könnte da anfälliger sein. Im Buddhismus und im Hinduismus wirst du wiedergeboren - verdammt noch mal, schon wieder in den Kreislauf des irdischen Lebens hinein.

    Nun gut, man findet archäologisch relativ viel, was man als Jenseitshoffnung interpretieren kann aber nicht einmal unbedingt muss: Bestattungsformen ff. Siehe einleitenden Artikel von Michael Blume. Aber ist doch klar: Über Initiationsriten beispielsweise oder Kopulationsriten findet man eben weniger steinerne Zeugen.

    Dass es im Christentum (und im Islam)eine starke Rolle spielt, ist schon klar. Dass es gerade im 19. Jahrhundert so besonders betont wurde (und die entsprechenden Äußerungen der Religionskritiker wie Feuerbach) müsste man auch in Beziehung setzen zu den Zeitumständen. Es war nicht immer so.

    Und wenn man von den Anfängen des Christentums ausgeht: Da wurde das wohl betont, was wir heute Jenseitigkeit nennen, Hoffnung auf die Auferstehung bzw. ewiges Leben. Aber auch dabei ist doch der Clou, dass das sofort rückgekoppelt wird zur "irdischen" Lebenspraxis. Und das wirkte sich eben "irdisch" aus.
    Zentrale Texte des Neuen Testaments wie die Bergpredigt zeigen diese Rückkoppelung. Und selbst ein so jenseitsorientierter Text wie Kol 3 "Trachtet nach dem , was droben ist nicht nach dem, was auf Erden ist..." mündet in die Anweisung: "Über alles zieht an die Liebe, sie ist das Band der Vollkommenheit".
    Einseitige Jenseitigkeitsgelüste gab es sicher trotzdem immer wieder. Das ergibt wohl keinen solchen evolutiven Vorteil. Nun, es gibt in den Religionen eine ganze Bandbreite anderer Tendenzen; und um deren "irdische" Auswirkungen kann es ja auch mal gehen.

    Basty

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