chronologs Natur des Glaubens

Franz M. Wuketits zu Gott, Gene und Gehirn

von Michael Blume, 15. April 2009, 07:47

 

Zu den schönsten Erfahrungen mit dem Buch "Gott, Gene und Gehirn" gehören die sehr erfreulichen Reaktionen aus der Fachwelt - so auch von Franz Wuketits. Der Evolutionsbiologe und Wissenschaftsphilosoph bekannte sich in einem munteren Streitgespräch mit dem Theologen Richard Schröder in Gehirn & Geist 04/2009 zu einem persönlichen Atheismus, gehört dem Beirat der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung an - und diskutiert (im Gegensatz zu manchen Nichtfachleuten im Bereich der Evolution und/oder Religion) doch auch seriös, fair und v.a. interessiert über die Evolutionsforschung zur Religiosität. Im Folgenden seine Rezension zu "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität."

Franz M. Wuketitis in: Universitas März 2009, S. 313 f.

Die beim Menschen universelle Verbreitung religiösen Glaubens fordert aus evolutionstheoretischer Sicht zwei Fragen heraus: Woher kommt Religiosität? Welchen Nutzen hat sie? Charles Darwin sah in der "religiösen Ergebung" eine sehr komplizierte Gefühlserregung und meinte: "Trotzdem sehen wir einen wenn auch schwachen Anklang an diesen Gemütszustand in der treuen Liebe eines Hundes zu seinem Herrn, die ebenfalls mit der vollständigen Unterordnung, einiger Furcht und vielleicht noch anderen Gefühlen verknüpft ist." Damit wäre die Entstehung und Entwicklung von Religiosität in die Evolution emotionaler, psychischer und geistiger Fähigkeiten einzufügen - und fiel nicht vom Himmel.

In den letzten Jahren haben sich Evolutionspsychologen und Hirnforscher wiederholt den Phänomenen Religiosität und Spiritualität gewidmet. Das Postulat von den "Gottes-Genen" hat dabei für besondere Aufregung gesorgt und auch durchaus berechtigte Kritik erfahren. Keine Frage, mit der naturwissenschaftlichen Untersuchung jener Phänomene betritt man ein wenig gesichertes Feld. Das vorliegende Buch ist ein meiner Meinung nach gut gelungener Versuch, zum einen den aktuellen Stand der Forschung aufzuzeigen, zum anderen aber auch die prinzipiellen Möglichkeiten auszuloten, religiösen Glauben aus dem Blickwinkel der Naturwissenschaften zu erklären. Dabei ist klar, dass die Frage, warum Menschen an Gott glauben, nicht mit der Frage verwechselt werden darf, ob Gott existiert.

Der Untertitel des Buches, "Warum Glaube nützt", darf daher auch nicht als religiöse Propaganda fehlgedeutet werden. Es geht vielmehr darum, welchen Anpassungsvorteil Religiosität unter bestimmten Rahmenbedingungen haben kann. Religiosität ist, so könnte man ein Ergebnis des Buches zusammenfassen, einer selektionstheoretischen Deutung durchaus zugänglich.

Aber: "Noch ist", wie die Autoren am Schluss bemerken, "die 'Biologie der Religiosität' ein unübersichtlicher und komplexer Wissenschaftszweig." Allerdings haben sie mit ihrem Buch -anhand verschiedener Fallbeispiele, Diagramme und Tabellen- durchaus Licht ins Dunkel einer Materie gebracht, die für gläubige Menschen tabu sein mag. Aber in der Wissenschaft kann es keine Tabus geben.

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch sowohl unter religiösen Menschen als auch unter Agnostikern und Atheisten Kontroversen verursachen wird - die den Autoren jedenfalls zu wünschen sind.

Franz M. Wuketits

Anmerkungen: Der Wunsch des Rezensenten nach munteren Kontroversen hat sich erfüllt! Allerdings erlebe ich mit einigem Erstaunen, dass gläubige Menschen auf diese Forschungen durchschnittlich viel offener und interessierter reagieren als viele Atheisten und Religionskritiker. Für manche scheint es ein massives Tabu zu sein, überhaupt für möglich zu halten (geschweige denn seriös zu prüfen), dass auch religiöses Verhalten über Erfolg evolvierte - und evolviert. Wie schon in den 70er Jahren wenden sich auch wieder einige (nicht alle!) Atheisten gegen Befunde der Evolutionsforschung - wohl aus Furcht, auch die eigenen Welt-anschauungen und Überlegenheitsgefühle wissenschaftlich reflektieren zu müssen. Sehr ehrlich hat zum Beispiel Andreas Müller im humanistischen Pressedienst hpd entsprechende, atheistische Ängste dargestellt - er benennt unter der Selbstbezeichnung Krawallatheist die Evolutionsforschung zur Religiosität als "die dunkle Bedrohung", samt Anti-Evolutionsforschung-Karrikatur. Umso erfreulicher, dass sich in der Fachwelt und Öffentlichkeit unter Religiösen, Agnostikern und Atheisten gleichermaßen die nicht ideologisch festgelegten, sondern neugierig an Wissenschaft & Erkenntnis interessierten Stimmen zunehmend durchsetzen. Ihnen ist dieser Blog gewidmet.



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Kommentare

  1. Stefan Taube Gar nicht erstaunlich!
    15.04.2009 | 14:03

    Ich halte die Skepsis der Religionskritiker gar nicht für erstaunlich. Die Aussage, dass "auch religiöses Verhalten über Erfolg evolviert" ist ja letztlich auch eine Rechtfertigung für den Glauben. Das ist nicht wertneutral, auch Du bist ja ein gläubiger Mensch, nicht wahr? So ist der Verdacht schon gegeben, dass mit dieser Forschung etwas bezweckt werden soll, eine Art der Bekehrung mit den Mitteln der Wissenschaft. Dass religöse Menschen dies freudig zur Kenntnis nehmen wundert nicht und es wundert nicht, dass sich die freiheitsliebenden Menschen fürchten.
    Wenn ich beispielsweise statistisch beweisen könnte, dass Gesellschaft mit Todesstrafe weniger Kriminalität aufweisen (was nicht stimmt, aber egal), wäre das zwar auch wissenschaftliche Erkenntnis, aber irgendwie keine, bei der ich mich wohl fühle.

  2. Erdlicht Gegen Befunde?
    15.04.2009 | 14:12

    Ein Befund ist ein nach einer Untersuchung oder Prüfung festgestelltes Ergebnis. Welches Ergebnis ist vorhanden?

    Shalom

  3. Erdlicht Anpassungsvorteil Religiosität
    15.04.2009 | 14:22

    Wenn religiös, bzw. Transzendens etwas mit außer- oder übernatürlich, wie auch immer zu tun haben soll, kann es meines Erachtens nicht gleichzeitig als Teil der Natur, naturwissenschaftlich erforschbar sein. Außergewöhnliches und Fremdartiges kann ggf. untersuchen.

    Shalom

    Shalom

  4. Michael Blume @ Stefan Taube: Wissenschaft
    15.04.2009 | 14:38

    Lieber Stefan,

    danke für Deinen Beitrag, auf den ich gerne eingehe!

    Ich halte die Skepsis der Religionskritiker gar nicht für erstaunlich. Die Aussage, dass "auch religiöses Verhalten über Erfolg evolviert" ist ja letztlich auch eine Rechtfertigung für den Glauben.

    Sehe und schreibe ich nicht so. Ein Atheist kann doch einfach sagen, es ist nur eine nützliche Illusion. Wenn wir die Musik evolutionswissenschaftlich erforschen - zwingt das dann alle Menschen, musikalisch zu werden? Und vor allem: Sollten wir wirklich akzeptieren, dass Menschen Evolutionsforschung dann ablehnen sollten, wenn ihnen die Schlussfolgerungen nicht passen? Ist es nicht genau das, was wir religiösen Kreationisten immer vorgeworfen haben?

    Das ist nicht wertneutral, auch Du bist ja ein gläubiger Mensch, nicht wahr? So ist der Verdacht schon gegeben, dass mit dieser Forschung etwas bezweckt werden soll, eine Art der Bekehrung mit den Mitteln der Wissenschaft.

    Das ist schon krass. Weil ich persönlich religiös bin, ist ein "Verdacht" gerechtfertigt? Na, vielen Dank! Dass sowohl mein Doktorvater, mein Mitautor und auch der o.g. Rezensent der humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung angehören, zählt auch nicht? Alfred Russel Wallace, Theodosius Dobzhansky, Francis Collins u.v.m. waren/sind auch Christen - ist deshalb ihre evolutionsbiologische Forschung als "verdächtig" abzulehnen? Und dürfen zukünftig nur noch unmusikalische Menschen Musikwissenschaft betreiben - denn sonst wären sie ja "parteiisch"?

    Übrigens gälte das Argument ja auch umgekehrt: Religiöse Menschen könnten atheistischen Evolutionsforschern absprechen, überhaupt "unparteiisch" zu Fragen des Glaubens forschen zu können. Wäre das dann auch berechtigt? Von mir her ganz klar: Nein - selbstverständlich sollen auch Atheisten und Agnostiker über Religion(en) forschen dürfen, es kommt auf die Qualität der Wissenschaft an, nicht auf die persönliche Glaubenshaltung! Vor die Wissenschaft einen "Gesinnungstest" zu stellen wäre ein gruseliger Rückfall...

    Wissenschaft ist mit Wissenschaft zu diskutieren, auf der Basis von Daten und Argumenten - und es würde ja z.B. schon völlig reichen, eine einzige, säkulare Gemeinschaft zu benennen, die über mehrere Generationen hinweg ähnlich hohe Geburtenraten wie die Amischen oder orthodoxen Juden hatte, um die These eines "reproductive benefit" von Religiosität zu schwächen!

    Dass religöse Menschen dies freudig zur Kenntnis nehmen wundert nicht und es wundert nicht, dass sich die freiheitsliebenden Menschen fürchten.

    Wieso sollten religiöse Menschen nicht freiheitsliebend sein? Die USA sind einerseits das religiöseste Land des Westens, andererseits das freiheitlichste. Und auch in Deutschland ist die inzwischen größte, demokratische Parteifamilie "christ"demokratisch. Dagegen haben Systeme wie die Sowjetunion, China, Kambodscha, Nordkorea usw. wohl mehr als eindrücklich gezeigt, dass auch atheistische Ideologien zu massiven Unterdrückungen und millionenfachen Morden fähig waren. In der ehemaligen DDR und in Polen haben atheistische Regime ihre Völker brutal und mit Folter unterdrückt, bevor sie aus vorwiegend kirchennahen Basisbewegungen heraus gestürzt wurden usw.

    Die Behauptung religiös = freiheitsfeindlich und atheistisch = freiheitlich ist schlichtweg falsch und genau so ein Beispiel religionsfeindlicher Vorurteile, das seriöse (Politik-)Wissenschaft (unabhängig von der Haltung des einzelnen Wissenschaftlers) aufklären sollte.

    Wenn ich beispielsweise statistisch beweisen könnte, dass Gesellschaft mit Todesstrafe weniger Kriminalität aufweisen (was nicht stimmt, aber egal), wäre das zwar auch wissenschaftliche Erkenntnis, aber irgendwie keine, bei der ich mich wohl fühle.

    Das ginge mir auch so. Aber ich käme nicht im Traum auf den Gedanken, deswegen die Wissenschaft oder gar die Wissenschaftler unterdrücken zu wollen, sondern würde mir die Studie genau anschauen und versuchen, die Befunde besser zu verstehen und zu vertiefen.

  5. Michael Blume @ Erdlicht
    15.04.2009 | 14:43

    Ein Befund ist ein nach einer Untersuchung oder Prüfung festgestelltes Ergebnis. Welches Ergebnis ist vorhanden?

    Die Rezension bezieht sich auf das Buch, mit Dutzenden Befunden. Viele habe ich hier auch online zugänglich gemacht.

    Wenn religiös, bzw. Transzendens etwas mit außer- oder übernatürlich, wie auch immer zu tun haben soll, kann es meines Erachtens nicht gleichzeitig als Teil der Natur, naturwissenschaftlich erforschbar sein.

    Exakt. Deswegen unterliegt die Religionswissenschaft (inkl. der Evolutionsforschung zur Religiosität) dem methodologischen Agnostizismus: Sie befasst sich nicht mit der Existenz übernatürlicher Akteure, sondern mit Funktion(en) und Auswirkung(en) religiösen Verhaltens. Und das ist selbstverständlich empirisch beobachtbar, wunderbar erforschbar - und, wie es Franz Wuketits so treffend formuliert hat, "einer selektionstheoretischen Deutung durchaus zugänglich."

    In diesem Sinne können wir Religiosität ganz genau so erforschen wie Musikalität, als (erfolgreich) evolvierten Teil unserer menschlichen Natur.

  6. Michael Blume @ Stefan Taube: Übrigens...
    15.04.2009 | 14:50

    ...hat auch schon Charles Darwin vermutet, dass Religiosität biologisch erfolgreich sein müsse - sonst wäre sie ja nicht entstanden. Und als überaus renommierter Evolutionsbiologe hat David Sloan Wilson über die erfolgreiche Evolution der Religiosität ein Buch geschrieben und Dawkins wenig fundierter "Memthese" widersprochen. Da David Sloan Wilson zugleich bekennender Atheist ist, wirst Du ihn vielleicht nicht "verdächtigen"?

    Siehe hier:
    http://www.skeptic.com/eskeptic/07-07-04.html

    Beste Grüße!

  7. Erdlicht Ausgangslage "Übernatürliches"
    15.04.2009 | 15:41

    Statistiken, mit unzureichender Überprüfungsmöglichkeit von Ursache (Über/Außernatürlichkeit) Abhängigkeit, Sachzwänge, etc., scheint mir vergleichbar der geglaubten Jungfrauengeburt.

    Shalom

  8. Michael Blume @ Erdlicht: Danke...
    15.04.2009 | 15:50

    ...für diese wundervolle Demonstration des Vorurteiles, das ich meine: Ohne die entsprechenden Forschungen überhaupt zu kennen und ohne auch auf meine Erklärungen einzugehen, haust Du die Arbeit von Jahren in die Pfanne, weil Dir die Befunde nicht schmecken. So was war man doch eigentlich eher von religiösen Fundamentalisten gewohnt, ich erlebe es derzeit (immer noch erstaunt) von vermeintlich aufgeklärten Religionskritikern. Und darauf weise ich hin.

    Nur eine Frage: Hätte es der o.g. Rezensent, bekennende Atheist und Evolutionsbiologe nicht gemerkt, wenn Rüdiger Vaas und ich nur eine "Behauptung von der Jungfrauengeburt" fabriziert hätten? Ich würde mir wirklich wünschen, die Diskussion über Wissenschaft verliefe etwas ernsthafter und mit weniger Vorurteilen.

  9. Stefan Taube Elfmeter verwandelt!
    15.04.2009 | 16:50

    Hallo Michael, danke für die ausführliche Antwort, Du hast den Elfmeter sicher verwandelt, den ich verursacht habe ;-) Nein, jetzt mal im Ernst: Ich bin im Großen und Ganzen durchaus Deiner Meinung und finde die religionswissenschaftliche Forschung interessant. Ich wollte in meinem ersten Kommentar schildern, warum es zu dieser ablehnenden oder skeptischen Haltung kommt, sie erstaunt mich nunmal nicht.
    Den Verdacht, nicht neutral zu sein gibt es aber nunmal oder um in Deinem Bilde zu bleiben: Nur eine Physik der Musikinstrumente wäre wohl eine musikwissenschaftliche Forschung, bei der die persönliche Musikalität des Forschers keine Rolle spielt. Sobald der Wissenschaftler musiziert, setzt er sich den Verdacht aus, uns mit seiner Musikwissenschaft sagen zu wollen, welche Musik wir hören sollten, welche die "richtige" ist. Verstehst Du diese Befürchtung? (und sorry persönlich wollte ich Dich eh nicht verdächtigen). Dazu kommt der Problemkreis, dass Glaube und Kirche vermischt wird. Unsere Gesellschaft und viele Menschen im ganz persönlichen Kampf haben sich gerade emanzipert von der Kirche und da hören sie, dass Religion ein Vorteil sein soll. Auch wenn es stimmt, kann es kontraproduktiv aufgefasst werden.

  10. Michael Blume @ Stefan: Danke! :-)
    15.04.2009 | 17:00

    Lieber Stefan,

    danke für Dein nettes Mail! Es tut gut, auch mal etwas Freundliches zwischendrin zu hören, wirklich! :-)

    Und, ja, selbstverständlich hat jeder (!) Wissenschaftler Vorannahmen, genau deswegen legt auch die Religionswissenschaft Wert auf Transparenz und die Zusammenarbeit über Glaubens- und Konfessionsgrenzen hinweg. Die besten Diskussionen und erfreulichsten Teamprojekte entstehen in einem kritisch-konstruktiven Klima von Vielfalt und Respekt.

    Und die gesamte Evolutionsforschung zur Religiosität ist ja längst auch Teamwork über Fach- und Weltanschauungsgrenzen hinweg. Ich bin da ja nur einer und die These des Reproduktionsvorteils durch Religiosität hat z.B. bereits der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek formuliert.

    Genau deswegen wundert mich das massive Interesse an Person oder Glaubensüberzeugungen, das ist doch uninteressant, ich bin ein total langweiliger Typ. Die Sache an sich ist doch viel spannender, die sich schnell im Wettstreit der Hypothesen entwickeldne Forschung - und das Ganze ist längst dynamischer, als es die deutsche Normalschublade fassen könnte!

    Dir, Stefan, alles Liebe, auf viele weitere, gute Debatten! :-)

  11. Erdlicht @Stefan,....Gerade emanzipert
    15.04.2009 | 17:59
    Ja, Stephan, so ist es! Gewiss ist, dass ich, wie offensichtlich viele ander, keine Freude mehr an blinder Folgsamkeit habe. Wo eine Person über/außernatürlich "Gott" sein soll, ist Überprüfung ausgeschlossen. Wer in seiner Beschränktheit seinen eigenen Verstand nicht verwendet, überhaupt keine Vorurteile hat, wird auch kaum zu Wissen, Handlung, daraus erfolgter Erkenntnis kommen. Das Wissen, Handlung, Erkenntnis, sobald öffentlich nicht allein der Selbstüberprüfung untersteht, ergibt sich aus Selbigem. Shalom
  12. itz Wem nützt es?
    15.04.2009 | 20:21

    Guten Abend Herr Blume.
    Immer fleißig am Buch verkaufen?
    Hier eine kleine Rezession des Einbands - mehr hab ich noch nicht gelesen :-).
    Je nach Wetterlage erheitert bzw. verärgert mich der Untertitel „Warum Glaube nützt“! Wie Herr Wuketits befürchte auch Ich Fehldeutungen.
    Sie (und Herr Vaas) werden Unglaube/Ungläubige im Umkehrschluss doch nicht als nutzlos bezeichnen wollen?
    Aber das Wetter ist schön, ich nehme es sportlich und vermute mal, dass dieser „Reißer“ nur als Verkaufsfördernde Maßnahme dienen soll.
    Zur Strafe stelle ich Vaas/Blume direkt zwischen Hitchens und Dawkins ins Bücherregal! ;-)

  13. itz Ups
    15.04.2009 | 22:46

    "Hier eine kleine Rezession des Einbands"
    Verdammte Wirtschaftskrise.
    Ich meinte natürlich Rezension!

  14. Michael Blume @ itz: Wohl wahr! :-)
    16.04.2009 | 06:32

    Lieber itz,

    ja, wir haben auch lange über den Titel diskutiert, uns dann aber für den Untertitel entschieden, die sich direkt aus der evolutionären Ausgangshypothese (Merkmale setzen sich über Nutzen durch) ergibt.

    Sie (und Herr Vaas) werden Unglaube/Ungläubige im Umkehrschluss doch nicht als nutzlos bezeichnen wollen?

    Nie und nimmer! Zum einen geht es hier ja nur um ein Merkmal unter anderen - und ich selbst habe z.B. ein anderes Merkmal, das evolutionär zweifelsfrei "nützt", völlig unterentwickelt: Ich bin unmusikalisch und betrachte mich deswegen doch weder als Mutant noch als nutzlos, nur eben als Teil der großen Variabilität menschlichen Lebens.

    Und dass wir tapfer und verzweifelt gegen die Rezession ankämpfen und hoffen, dass die Leute neben allen Auto-Abwrackprämien auch naturwissenschaftlich orientierte Bücher und Zeitschriften nachfragen, dürfen Sie uns nicht verdenken! Ist der Haupt-Rohstoff unseres Landes nicht der Grips seiner Homo Sapiens?

    Herzliche Grüße!

  15. theologie-der-vernunft Religiöse Wirk-lickeit?
    16.04.2009 | 10:07

    Hallo Herr Dr. Blume,

    im Osterurlaub konnte ich mich etwas eingehender mit der Natur des Glaubens auseinandersetzen und veranschaulichen, welchen Nutzen die Religion für die Funktion bzw. evolutionäre Entwicklung der menschlichen Gesellschaft haben müsste.

    "Im Darwin Code" von Thomas Junker und Sabine Paul ist mir u.A. deutlich geworden, welche Rolle die Religion haben sollte, um den Menschen in seinem persönlichen Verhalten zur Vernunft (z.B. einer echt gesunden Verhaltensweise) zu bringen und wie Religion menschliche Individuen zu "Superorganismen" machen müsste, die gemeinsam Zukunft gestalten, optimieren.

    Bei Daniel C. Dennett, der wie Sie die natürliche Wirk-lichkeit heutiger Religion untersucht wurde mir wieder bewusst, dass es nichts bringt, wenn nur religiös gebellt wird, damit die Religion keine Wirk-lichkeit hat.

    Auch in "Geist, Gene und Gehirn" ist mir deutlich geworden, dass derzeitige Religiöität ihrer evolutionäre Aufgabe nicht wirklich erfüllt, trotz aller religiöser Rechnerei, derezeit Religion weder eine natürlich-vernünftige Lebensweise vermitteln, noch die Menschen zu einer entsprechenden Verhaltensweise bringen, sie im Kult befähigen kann, sich so zu verhalten, wie es für ihre Gesundheit oder die Evolution der Gesamtheit und damit auch den Einzelnen und vor allem seine Brut (unsere Enkel) tauglich wäre. (Was dann, wenn ich Evolution als Schöpfung verstehe, Gottes Wille wäre.)

    Dabei zeigt mir Ihre Darstellung der Neurotheologie sehr gut, wie unser Kopf funktioniert, warum wir als bewusste Wesen darauf angewiesen sind, nach einer gemeinsamen "schöpferischen" (echt evolutionären) Bestimmung zu fragen, die uns scheinbar nicht automatisch eingefleischt ist und die wie sich zeigte, allein mit menschlichen Ideologien nicht zu machen war.

    Interessant ist, dass durch die Evolutionsbiologie erstmals eine solche externe (kreative=schöpferische) Bestimmung/Vernünftigkeit, ein Sinn und Zweck des Lebens aus der Logik der Natur abgeleitet und offen artikuliert wird. Bisher hieß es immer, die Wissenschaft könne diese Fragen nicht beantworten, dafür wäre der Glaube zuständig. Und da der seit der Aufklärung keine "natürliche" Wirk-lichkeit mehr zu haben schien, ein Eigenleben führt, war der Sinn (die daraus abzuleitende Lebenslogik=schöpferische Vernunft)jedem selbst überlassen.

    Ostern ist zwar vorbei. Doch es gibt noch viel zu tun, um aus der Evolutionslehre eine echte Auf-verstehung des gemeinsamen Sinnes und seiner schöpferisch vernünftigen Umsetzung mit Hilfe der altbekannten religiösen Praktiken zu machen.

    Ich empfehle daher in "Gott, Gene und Gehirn" nicht nur zu lesen, was Religiösität nützt, sondern was und wie ihre Wirk-lichkeit sein sollte.

    Gerhard Mentzel

  16. theologie-der-vernunft schöpferische Wirk-lichkeit Gottes
    16.04.2009 | 10:40

    Selbst die Nützlichkeit einer personalen Vorstellung des Vätergottes lässt sich m.E. im Licht der Evolutionslehre und der Funktionsweise menschlichen Kultur-Kopfes bzw. kollektiver Kreativität belegen. Was keineswegs bedeutet, dass die Gottesvorstellung unserem Kopf enspringt, nur Mittel zum Zweck ist.

    Bevor wir jetzt wieder ins Fahrwasser der Diskussionen kommen, die m.E. vor 2000 Jahren waren, als über das Wesen des schöpferischen Logos (Jesus), das Verhältnis der Vernunft zum Gott der Väter heftig gestritten wurde. (Eine Dikussion, die sich letztlich auch heute nachvollziehen lässt.)

    Wenn neben dem gemeinsamen Lebenszweck durch die Evolutionslehre die Logik einer weiterhin personal anzusprechenden externen kreativen Lebenskraft nachgewiesen wird, dann haben wir genau das, was christliche Lehre ist: Der Sohn/Logos hat den Vater, den Gott der Väter offenbart.

    Auch wenn der dann kein über/unnatürlich wundersamer Aufpasser bzw. sondern eine ganz natürliche Macht ist, wie sie derzeit selbst Dawkins noch monistisch nachdenkt.

    Schicken Sie ihm doch mal "Geist, Gene und Gehirn" als Anregung, den Weg vom naturalistischen Monismus zum Monotheismus wieder aufgeklärt bzw. evolutionsgemäß weiterzugehen. (Genau wie vor 2000 Jahren.)

    Gerhard Mentzel

  17. Michael Blume @ Gerhard Mentzel: "Bestimmung"
    16.04.2009 | 10:47

    Lieber Herr Mentzel,

    herzlichen Dank für Ihr hohes Interesse und Ihre theologischen Reflektionen, die ich mit großem Interesse gelesen habe.

    Lassen Sie mich jedoch erneut darauf hinweisen, dass evolutionäre Religionswissenschaft empirisch und historisch arbeitet und also keine letzten Wahrheitsaussagen oder "Bestimmung" ableiten kann.

    Jederzeit könnten die wissenschaftlichen Hypothesen durch noch Bessere abgelöst werden (und werden dies sicher auch). Zudem könnten sich die Rahmenbedingungen des menschlichen Lebens dramatisch ändern, beispielsweise durch die wirtschaftlich-technologische Entwicklung (bis hin zur Gentechnik), den Klimawandel oder den Einschlag eines Asteroiden.

    Wie bereits in unserem Buch und auch gegenüber @Stefan Taube betont: Ein Atheist kann die gleichen Befunde auch als weiteres Indiz deuten, dass Religiosität nur eine nützliche Illusion sei, wie Sie diese als Hinweis auf eine "schöpferisch/kreative Vernunft". Die Evolutionsforschung & Religionswissenschaft hat diese und weitere religiöse oder weltanschauliche Deutungen mit Respekt und Interesse zur Kenntnis zu nehmen, kann sie allerdings selbst nicht abschließend entscheiden. Darauf hat in obiger Rezension auch Franz Wuketits zu Recht hingewiesen!

    Herzliche Grüße!

  18. Rüdiger Vaas @ Michael: Religiosität als Anpassung
    16.04.2009 | 17:35

    Lieber Michael, warum distanzierst Du Dich denn plötzlich von Deiner Überzeugung, dass Religiosität einen (natürlichen und sexuellen) Selektionsvorteil hat, also adaptiv ist?!

    Das ist zwar, wie betont, nicht erwiesen. Aber auch nicht ehrenrührig, wenn man es als Hypothese (und nicht als unumstößliche Tatsache) vertritt. Zumal Du in unseren Diskussionen sowie in Publikationen und zahlreichen Vorträgen den Adaptationismus immer wieder betont und stark gemacht hast.

    Und Du vertrittst den Adaptationismus doch auch dezidiert auf Deiner Homepage:

    Gleich zu Beginn unter der Überschrift "Religiosity is adaptive".
    Und dann ebenso unmißverständlich im ersten Satz, incl. Fettdruck, wenn Du schreibst:
    "My key observations about Religiosity & Fertility: Religiosity (defined as behaviour toward supernatural agents) is clearly adaptive".
    (Und begründest das mit demographischen Studien).

    Siehe:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/....html

  19. Michael Blume @ Rüdiger: Tja... :-) (auch hier)
    16.04.2009 | 17:38

    Lieber Rüdiger,

    da siehst Du mal, dass unsere Diskussionen bei mir tieferen Eindruck hinterlassen haben, als vielleicht auch von Dir vermutet.

    Religiosität ist derzeit durchschnittlich adaptiv, sie stärkt in vielen (sicher: den meisten, vielleicht gar fast allen) Gesellschaften den Reproduktionserfolg. Aber das reicht noch lange nicht, um sie als Adaptation zu klassifizieren. Lesen und Schreiben sind ja ebenfalls situativ adaptiv, aber deswegen (m.E.) noch keine eigenständige Adaptation. Zwar ist religiöses Verhalten natürlich älter und (im Gegensatz zu Lesen & Schreiben) auch in allen Menschengesellschaften zu finden, aber solange nicht klar bestimmt ist, ab wann ein Merkmal nicht mehr nur Nebenprodukt, sondern Exaptation oder Adaptation ist, halte ich mich an das, was ich belegen kann: Glaube nützt (oft), aber die Adaptationsthese ist derzeit noch nur "nicht widerlegt".

    Du siehst also: Unsere Zusammenarbeit hat (auch?) bei mir mehr als Formelkompromisse hinterlassen! :-)

    Aber danke, dass Du noch einmal klarstellst, dass es natürlich auch überhaupt kein Problem wäre, wenn wir hier unterschiedliche Hypothesen verträten!

    Beste Grüße!

  20. Kunar christliche Wissenschaftler
    16.04.2009 | 21:35

    Es muss doch möglich sein, Forschungsergebnisse unabhängig vom Glauben des Autoren zu kritisieren. Wenn religiöse Menschen per se keine Wissenschaft betreiben können - wie konnte da überhaupt irgendwelches Wissen in den christlich geprägten Regionen Europas in den Jahrhunderten des Mittelalters überleben? Oder war das in Wirklichkeit nur ein Informations-Verwesungsprozess, weil die Mönche in ihren Klöstern nur einen Teil des antiken Wissens bewahrten, der Rest verloren ging und die Menschen der damaligen Zeit gar nichts Neues hervorbrachten? Anders ausgedrückt: Haben die Mönche eine ruhige Kugel geschoben oder konnte man sich von ihnen eine Scheibe abschneiden?

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