chronologs Natur des Glaubens scilogspreis

Warum gibt es noch Atheisten?

von Michael Blume, 22. Oktober 2009, 23:13

Mit Wolfgang Achtner, Eckart Voland und Ulrich Frey finden sich an der Universität Gießen gleich drei Wissenschaftler, die bereits spannende Beiträge zur Evolutionsforschung der Religion veröffentlicht und auch Tagungen dazu (mit-)organisiert haben. Hinzu kommen noch viele interessierte Kolleginnen und Kollegen sowie Studentinnen und Studenten, die sich mit den Themen schon intensiver befasst haben - und so haben die Diskussionen dort längst besondere Qualität und ich freue ich mich jedes Mal besonders, wenn eine Einladung nach Gießen (diesmal zur ESG von Wolfgang Achtner) erfolgt. Im Rahmen eines Vortrags- und Diskussionsabends sollte ich vor einigen Monaten die (z.B. in Gott, Gene und Gehirn ausführlich dargestellten) empirischen Befunde noch einmal kurz zusammenfassen und etwas Stoff zu weiterführenden Debatten liefern.


Der ausführliche Vortrag ist gerade im neuen GHH-Band "Trotz allem Wachstum?" erschienen und als pdf auch hier abrufbar:

Der (r)evolutionäre Erfolg von Religion -
Folgen für Säkularisierungstheorien und Theologie(n)


Einen Schwerpunkt legte ich dabei auf die biokulturelle Evolution in der Frequenz kurzfristiger Wellenbewegung von Religions- und Säkularisierungsphasen im Unterschied zur längerfristigen Evolution von Religiosität (der Veranlagung zu Verhalten ggü. übernatürlichen Akteuren).

Die biokulturelle Evolution der Religiosität in Wellen.

Warum gibt es noch Atheisten?

In der anschließenden, Gießen-typisch hervorragenden!- Diskussion ging es auch diesmal v.a. um die Frage, warum es - trotz des deutlich höheren Fortpflanzungserfolges religiös vergemeinschafteter Menschen - überhaupt noch nichtreligiöse Menschen gibt.

Ich stellte die vorherrschenden Hypothesen dazu dar, die wir auch schon in GGG angerissen hatten, und auch meine (noch etwas unsichere) Präferenz für den Ansatz einer zwar aufsteigenden, dabei aber balancierten Evolution des Merkmals Religiosität. Da brachte die Genetikerin Ulrike Gamerdinger einen m.E. brillanten Vorschlag ein, der mich so begeisterte, dass ich ihn in den kommenden Wochen ausarbeitete und im GHH-Band extra einreichte (hier ebenfalls als pdf abrufbar):

Warum gibt es noch Atheisten?
Evolutionsforschung zum Phänomen des Nichtglaubens


Knapp geschrieben geht es bei der balancierten Evolution von Merkmalen darum, dass sich diese nicht einfach linear entfalten (a la umso mehr, umso besser), sondern durch Nutzen und Kosten in Glockenform ausbalanciert werden - wie beispielsweise das Schlafbedürfnis oder ggf. auch Musikalität. Sowohl die empirischen Beobachtungen wie auch der Umstand, dass Religiosität aus einem Bündel anderer Merkmale heraus evolviert(e), hatten mich für diese Annahme auch im Bezug auf die Evolution von Religion eingenommen. Das hieße: Wenn auch Religiosität insgesamt reproduktiv erfolgreich vererbt wird, so doch nicht einfach linear aufsteigend, sondern in kulturellen Wellenbewegungen (siehe oben) und je in glaubensfesten, pragmatischen und skeptischen Verteilungen innerhalb der Populationen.

Der Vorschlag von Dr. Gamerdinger, dies doch einmal am Beispiel des Vogelzuges zu diskutieren, überzeugte mich dabei sofort: Denn auch hier liegt eine oft glockenförmige Verteilung des Merkmals "Zugzeitpunkt" vor, manche Tiere (z.B. Rauchschwalben) fliegen früher oder später als ihre Artgenossen, einige sogar gar nicht. Da das Zugverhalten unstreitig adaptiv ist, gab es durchaus Rätselraten um den evolutionären Hintergrund dieser erstaunlichen Variationsbreite. Inzwischen ist jedoch klar: Klimaschwankungen, aber auch Veränderungen der Gefahrenlage, des Nahrungsangebots etc. durch Konkurrenz, Räuber etc. können den "optimalen" Zeitpunkt für den Vogelzug, die optimale Route etc. immer wieder verschieben, so dass "abweichendes" Verhalten -z.B. früher, später, gar nicht ziehen- zwar risikoreich ist, unter Umständen aber auch größere Chancen mit sich bringen kann. Tatsächlich ist es gerade diese Vielfalt an Strategien, die den einzelnen Vogelarten auch die Anpassung an längerfristige Veränderungen beispielsweise des Klimas erlaubt - frühere Abweichler-Minderheiten prägen durch Erfolg den neuen Schwerpunkt aus, das Zugverhalten pendelt sich zum neuen Optimum. Die Variationsbreite und Risikoverteilung des Vogelzuges entspräche damit genau dem Bedürfnis nach den richtigen Dosen an "Rigidität und Flexibilität", die Friedrich August von Hayek als evolutionäres Erfolgsmerkmal religiöser Traditionen erkannte!

Die balancierte Evolution von Religiosität, modelliert nach einem Vorschlag von Ulrike Gamerdinger.

So prägt z.B. "jede" erfolgreiche, religiöse Gemeinschaft bald liberale, konservative und orthodoxe Flügel aus, die miteinander um die Deutungshoheit ringen, Abspaltungen hervorrufen etc. Auch passt das Modell im Hinblick auf die Risikoverteilung sehr gut zum unterschiedlichen Geschlechterverhalten: Während Frauen stärker (und klug!) im Bereich des religiösen Pragmatismus auftreten prägen Männer heftigere Flügel je religionsskeptischen oder glaubensstrengen Verhaltens aus. Sowohl atheistische wie religiöse Extremismen sind regelmäßig männlich dominiert. Mich hat der Vogelzug-Vorschlag im Hinblick gerade auf die Evolution von Religiosität unter Jägern und Sammlern auf jeden Fall überzeugt und bin gespannt, ob und wie er kommende Diskussionen und weitere Studien besteht!





Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Michael Blume @ Balanus: Danke!
    05.11.2009 | 21:22

    Lieber @Balanus,

    ja, variables Zugverhalten innerhalb der Population, aber auch nicht ziehende Vögel gibt es z.B. bei den Rauchschwalben.

    Aber Sie haben meine Antwort vorweg genommen und, ehrlich gesagt, besser formuliert, als ich selbst vermocht hätte.

    Danke.

    Und (weiter wachsende) Hochachtung! Sie haben das Thema nach doch recht kurzer Zeit wirklich durchdrungen!!!

  2. Balanus Agnostizismus und Vogelflug
    05.11.2009 | 22:41

    @ Frau

    Oh, da hatte ich doch glatt übersehen, dass es Ihnen speziell auf den Unterschied zwischen Agnostizismus und Atheismus ankam.

    »Ich habe das Gefühl, echter Agnostizismus wirklich nicht glauben zu können und eben auch keine Sicherheit (vielleicht Glauben?) der Ablehnung [...] ist etwas sehr anderes als Atheismus.«

    Wie Sie sicherlich gemerkt haben, gebrauche ich die beiden Begriffe ziemlich undifferenziert. Das kommt daher, weil ich eine genetische Disposition zur Religiosität bzw. zur Nicht-Religiosität vermute (Religiosität im Sinne von Glauben an das Wirken übernatürlicher Akteure). Nicht-Religiöse können Agnostiker oder Atheisten sein. Für meine Überlegungen brauche ich keine Unterscheidung zwischen diese beiden Formen. Wenngleich es logischerweise auch genetisch bedingte "Zwischenstufen" geben muss.

    Das heißt, aus dem Gen-Ensemble, das für die Religiosität bzw. Nicht-Religiosität verantwortlich ist, ergibt sich keine eindeutige Zuordnung. "Mischformen" sind bei Organismen ja nichts Ungewöhnliches. Das Ergebnis sind Menschen, die entweder zwischen beiden Lagern hin und her schwanken oder etwa eine eher agnostische Position einnehmen. Oder mehr zur religiösen Seite hinneigen. Dann befolgt man vielleicht religiöse Rituale, glaubt aber nicht wirklich an ein Leben nach dem Tod. Auf jeden Fall fällt die dichotome Einordnung in diesen Fällen schwer.

    Vielleicht können bei diesen eher Unentschiedenen auch kulturelle Einflüsse (stärker) zum Tragen kommen. Dann hängt es auch von der Erziehung oder dem sozio-religiösen Umfeld ab, ob man ein religiöser Ungläubiger oder ein ungläubiger Religiöser wird. Wie auch immer, eine wirklich freie Willensentscheidung scheint es bei der (Nicht-)Religiosität nicht zu geben.

    (Mir ist klar, dass Ihnen meine Spekulationen nicht viel weiter helfen werden, aber wie Herr Blume schon andeutete: die Dinge sind komplex und wie alles Subjektiv-Geistige nur schwer zu erforschen).

    ---

    @ Michael

    Ich habe zu danken, lieber Michael!

    Dank Ihres Blogs habe ich einige meiner diffusen Gedanken mal ordnen und klarer durchdenken können. Und außerdem habe ich was über das Verhalten von Zugvögeln gelernt ;-)

«zurück   1 2 3
szmtag