Religiosität, Spiritualität und die Frage nach Hirngespinsten
Wissenschaftsbloggen macht Freude - und mehr. So haben einige sehr sachkundige Leser auf den Mutter-Natur-Beitrag hin eine inhaltlich hervorragende und ertragreiche Debatte geführt. Vielen, vielen Dank dafür! Und da die heutige ZEIT-Printausgabe einen Artikel von mir zu neueren Forschungen im Bereich der Spiritualität enthält, möchte ich nun auch einen lange gehegten Vorsatz in diesem Blog endlich wahrmachen: Die Begriffe zu (er-)klären.
Spiritualität
Vom lateinischen "spiritus" für Geist und Hauch abgeleitet, gibt es wahrscheinlich wenige so schillernd und kontrovers definierte Begriffe wie diesen. In der interdisziplinären Evolutionsforschung zum Phänomen beginnt sich jedoch langsam ein Konsens heraus zu schälen: Demnach sei Spiritualität die Fähigkeit zu Transzendenzerfahrungen, biologisch unterschiedlich stark veranlagt und kulturell ausprägbar (vgl. Biokulturelle Evolution). Unter Transzendenzerfahrung sind hierbei Erweiterungserfahrungen zu verstehen: Die Betreffenden erfahren sich als Teil eines "größeren Ganzen", in dem "keine Grenzen mehr sind", ja, "alles als Eines" erkannt werde. Hier ist auch an das Votum des Theologen Friedrich Schleiermacher zu erinnern, der das grundlegende "religiöse Gefühl" 1799 als "Sinn und Geschmack für das Unendliche" definierte.
Vor allem buddhistisch interessierte Forscher und schließlich der Neurobiologe Andrew Newberg (der Schwerpunkt meiner Promotion zur sog. "Neurotheologie" war) begründeten neurologische Meditationsforschungen. Dabei zeigte sich u.a., dass sich spirituelle Erfahrungen (nach Newberg der Zustand "Absoluten Einsseins") völlig analog etwa zur Musikalität im Gehirn beobachten und entsprechende Gehirnregionen auch "trainieren" ließen. Schon damals ging Newberg davon aus, dass entsprechende Erfahrungen durch ein Abdämmen des Orientierungsfeldes im Schläfenlappen erreicht würden - die dort konstruierten Ego-Grenzen würden aufgeweicht.
Auch die neuen, im Fachjournal "Neuron" veröffentlichten Befunde der klinischen Studie eines interdisziplinären Teams der Universität Udine stärken diese Annahmen. Demnach machten Krebspatienten, denen zur Therapie Teile des hinteren Schläfenlappen entfernt worden waren, häufiger Transzendenzerfahrungen. Die Läsionenanalyse verwies also vor allem auf diese Hirnbereiche:
Anders formuliert: Wie auch spirituell Begabte oder Übende die beständigen Ich-Konstruktionen unserer Gehirne überformen und abschwächen können, bewirkte hier bisweilen auch der chirurgische Eingriff - und dies übrigens auch ohne religiöse Vorprägung der Patienten. Jene, die spirituelle Erfahrungen machten, erlebten diese als hilfreich für ihr Wohlbefinden.
Religiosität
Nach Jahrzehnten heftiger, theologischer, religionswissenschaftlicher und philosophischer Debatten setzt sich im Bereich der Evolutionsforschung zur Religiosität derzeit wieder jene Arbeitsdefinition durch, die schon Charles Darwin in seiner "Abstammung des Menschen" von 1871 verwendete: Religiosität sei die Fähigkeit zur Glaubenserfahrung übernatürlicher Akteure (supernatural agents, oder - nach Darwin: supernatural beings). Die relevante Existenz von Ahnen, Geistern, Göttern, Bodhisatvas, Gott (u.a.) wird hierbei angenommen und wirkt sich auf die inneren Erfahrungen und das Verhalten aus. Auch hierbei wechselwirken biologische Veranlagung und kulturelle Tradition(en).
Und tatsächlich: In Hirnstudien wie z.B.
Schjoedt, U., Stodkilde-Jorgensen, H., Geertz, A., & Roepstorff, A. (2009). Highly religious participants recruit areas of social cognition in personal prayer. In: Social Cognitive and Affective Neuroscience 2009
wurde während persönlicher Gebete eine verstärkte Tätigkeit sozial-kognitiver Hirnregionen in Stirn- und Scheitellappen beobachtet. Ritualgebete und Kinderlieder wirkten schon schwächer, Wünsche an den (nicht real geglaubten) Weihnachtsmann schnitten am schwächsten ab. Vorläufig lässt sich sagen, dass dies gut u.a. zum vergleichsweise "späten" Auftreten von Indizien für religiöses Verhaltens bei Homo sapiens und Homo neanderthalensis passen würde, die zur gleichen Zeit (mittlere Altsteinzeit) wachsende und sich ggf. weiter ausdifferenzierende Stirnhirne evolvierten.
Unterschiedlich - unverbunden?
Dass also Religiosität und Spiritualität sehr unterschiedliche Gehirntätigkeiten widerspiegeln, könnte so verstanden werden, als ob sie nichts miteinander zu tun haben. Und tatsächlich gibt es tief religiöse Menschen, die noch nie eine spirituelle Erfahrung gemacht haben und umgekehrt tief spirituelle Menschen, die ihre Transzendenzerfahrung strikt naturalistisch verstehen. So räumt der Religionskritiker Richard Dawkins durchaus spirituelle Begabungen ein: "Den Versuch der Religion, ein tieferes Verständnis des Lebens zu finden, habe ich immer respektiert. Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."
Tatsächlich aber scheinen Spiritualität und Religiosität durch mehr als nur statistische, sondern vielmehr funktionale Zusammenhänge verbunden zu sein: Erfolgreiche, religiöse und spirituelle Traditionen pflegen sich zu verbinden. Wo immer z.B. der tief spirituelle Buddhismus zu weiterer Verbreitung fand, adoptierte er übernatürliche Akteure wie Ahnen, Geister und Bodhisattvas. Und umgekehrt: Der intensiv monotheistische Islam nahm früh auch spirituelle Traditionen (v.a. auch christlicher, jüdischer und buddhistischer Vorprägung) auf und entwickelte sufische ("mystische") Traditionen.
Auch von den empirischen Befunden her scheint das Gesamtbild zu passen: Während der gemeinsame Glaube an übernatürliche Beobachter Kooperationen, Gemeinschaften und (biologisch entscheidend) Familien religiös unterfüttern kann, könnte die Spiritualität zur Überschreitung von Atavismen des Egoismus und der Fremdenfeindlichkeit beitragen. In der richtigen Dosis können sich die beiden Merkmale also wohl bestärken.
Gleichwohl bleiben Spannungen: Monotheistische Traditionen stehen vor dem Problem, dass "zuviel" Alleinheit die Gottheit in einem Pantheismus auflöst und damit ihrer Majestät und Handlungsrelevanz entkleidet. Entsprechend balancierten erfolgreiche Religionsgemeinschaften immer zwischen der Integration von Mystikern (z.B. in eigenen Orden) und deren Ausschluss oder Verfolgung. Umgekehrt wehren sich spirituelle Traditionen gegen das Anhaften an (auch übernatürliche) Identitäten, wie z.B. im berühmten Zen-Wort: "Wenn du dem Buddha begegnest, töte ihn". Demografisch erfolgreich waren und sind rein spirituelle Traditionen aber bislang nicht, auch die japanischen Zen-Klöster dienen heute vor allem der Ahnenverehrung.
Hirngespinste!?
Um über die Befunde zu reflektieren, finde ich den Begriff des "Hirngespinstes" sehr nützlich, der nach deutschem Sprachgebrauch etwas abfällig Phänomene beschreibt, die "nur im Kopf" konstruiert werden. Und so kann z.B. ein extremer Atheist sowohl religiöse wie spirituelle Erfahrung als "Hirngespinste" abtun, die doch nur (ggf. nützliche) Illusionen darstellen. Allerdings gilt dies dann natürlich auch für die Vorstellung eines unabhängigen Selbst - wie es z.B. der Evolutionsbiologe Franz Wuketits in der Universitas 02/2010, S. 137 ff. wieder betont. Man bemerke die Ironie: Wer behauptet, alles sei nur Gehirnkonstrukt, erklärt sich ja auch selbst nur zu einem illusionären Teil eines "eigentlichen" größeren Ganzen. Newberg vertrat daher die Auffassung, dass die spirituelle Erfahrung eben gerade Zugang zu einem höheren Verständnis der Realität ermögliche.
Und ebenso lässt sich natürlich zweifeln, ob das Universum selbst nur tote Materie oder Ausdruck eines lebendigen Willens ist. "Wir brauchen Gott zur Erklärung des Universums nicht!", ruft da der Kritiker. Ja, mag man da zustimmen - aber die Musik, die Liebe, ja das Leben und schließlich alle Existenz braucht es dafür auch nicht. In der deutschen Blogosphäre kann wohl niemand das existentielle Rätsel vom "sich ausbreitenden Schimmel Leben" so sprachmächtig in Worte fassen wie Helmut Wicht. Für die einen ist so Evolution nur zufällige und oft sinnlose Selbstorganisation (aber welches Selbst!?), für die anderen die größte (und andauernde) Schöpfungsgeschichte Gottes. Und so verkünden inzwischen auch Theisten "Dankt Gott für die Evolution!" - und zwar nicht mehr nur als Buch, sondern z.B. auch als Gemeinde-Song:
Die begrenzte Reichweite von Wissenschaft - Methodologischer Agnostizismus
Schon weil sich alle empirische Wissenschaft(en) qua Definition auf beobachbare und damit immer historische Ereignisse beziehen und diese Vergangenheit auch nie ohne Lücken aufklären können, halte ich - wie auch z.B. Richard Dawkins - die grundlegenden Fragen für wissenschaftlich zwar diskutier- aber letztlich unentscheidbar. Deswegen gilt im Rahmen der Evolutionsforschung zu Recht der methodologische Agnostizismus, der von der persönlichen Glaubenshaltung zu unterscheiden ist. Und sehr wichtig finde ich z.B. Einwände wie jene des Brainloggers Stephan Schleim, der auf die Vorläufigkeit aller (auch neuro-)wissenschaftlichen Erkenntnis verweist und auch vor zuviel Scan-Gläubigkeit warnt. Mit der Evolutionstheorie insgesamt lassen sich verschiedenste spirituelle und religiöse Haltungen ebenso vereinbaren wie atheistische. Die letzteren scheinen erkenntnistheoretisch sparsamer zu sein - die religiösen und spirituellen Traditionen aber biologisch und kulturell erfolgreicher.
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Über die Redaktion hat mich ein erster Leserbrief zum ZEIT-Artikel erreicht, dessen Frage ich so gelungen finde, dass ich sie (auch) hier gerne beantworte. B. schreibt:
Sehr geehrter Herr Blume,
ich habe eine Frage zu Ihrem Artikel ‚Hirngespinste’ (ZEIT vom 11.2. 2010). Sie berichten dort über eine Studie, in der es um das verstärkte Erleben von Transzendenz nach Operationen im hinteren Scheitellappen bei Gehirntumoren geht. Unter anderem heißt es bei Ihnen: „Fand der Eingriff im hinteren Scheitellappen statt, berichteten die Betroffenen danach von einem deutlichen Anstieg transzendentaler Erfahrungen“; und später: „genau diese Trennung von Selbst und Kosmos verschwamm, wenn die Chirurgen einen Teil des Scheitellappens herausschnitten.“ Daraus muss der unbefangene Leser schließen, dass die Entfernung von Teilen des Gehirns die Fähigkeit zur Spiritualität stärkt. Andererseits sagen Sie im Schlussabschnitt Ihres Artikels, dass sich die Fähigkeit zur Spiritualität im betreffenden Teil des hinteren Scheitellappens im Laufe der Evolution herausgebildet habe. Könnten Sie mir diesen Widerspruch erklären?
Ja, erfreulicherweise gibt es dazu schon Antworten. Im hinteren Scheitellappen werden u.a. Orientierungs- und Abgrenzungsprozesse bearbeitet, die (wie und verbunden z.B. mit Fremdenfeindlichkeit) schon evolutionär sehr alt sind. In der jüngeren Menschheitsgeschichte haben wir zusätzliche Fähigkeiten entwickelt, um mit diesem Erbe umzugehen. Wir können z.B. unsere Veranlagungen zu Fremdenfeindlichkeit oder auch Ego-Konstruktionen (bio-)kulturell überformen. Newberg beschrieb z.B., dass Meditierende durch bewusste Aktivität im Stirnhirn die Orientierungsfunktionen abschwächten. Diese (evolutionsgeschichtlich sicher "junge") Fähigkeit zur Modulation von Gehirnfunktionen z.B. durch Meditation, Rituale o.ä. kann so zu ähnlichen Erlebnissen wie die direkte Beeinträchtigung der betreffenden Regionen im Scheitellappen beitragen. Zukünftige Studien dürften z.B. auch Einflüsse von Substanzen (z.B. Weihrauch, Peyote u.a.) erkunden, die ja bisweilen ebenfalls anstatt oder ergänzend zu spirituellen und religiösen Anstrengungen verabreicht werden.
Mit herzlichem Dank für Ihre berechtigte und gute Frage!
Michael Blume
Dieser Beitrag fasst den gesamten Sinn des Blogs und der dahinterstehenden Forschung hervorragend zusammen. Ich empfehle stark, ihn dauerhaft irgendwo im Menü (z.B. zur Person) unterzubringen. Jeder zufällige Besucher sollte die Chance haben, diesen Artikel als Überblick zu lesen. Man wünscht sich immer, ein lesenswertes Blog würde neben vielen Einzelartikeln zu bestimmten Fragen einmal das große Ganze dahinter zeigen. Hier ist das wunderbar gelungen - so kurz und prägnant hätte ich das nicht für möglich gehalten.
(P.S.: Ich komme kaum dazu, unter jeden Artikel, der mir gefällt, etwas Sinnvolles zu schreiben. Da wollte ich bei dieser Gelegenheit einmal Rundumschlags-Lob verteilen.)
Wenn spirituell Begabte/Übende die Ich-Konstruktionen des Gehirns überformen und abschwächen können - dann denken sie beim Meditieren vieleicht bloß an die Erlebnisse der Vor-Ich-Zeit.
Weil sich die Ich-identität etwa ab einem Alter von 1,5 Jahren entwickelt, dann würde die Vor-Ich-Zeit dem Zeitraum davor entsprechen
D.h. beim Meditieren konzentriert man sich eventuel auf Erlebnisse aus dieser Zeit.
D.h. man sollte vorsichtig sein, bei der vorschnellen Interpretation von Gehirn-Scans.
Danke für diesen Beitrag. Nichts finde ich in der heutigen Zeit wichtiger zu erwähnen, als dass sich Wissenschaft mit Spiritualität vereinen lässt. Materialismus ist ein Glaube und nicht Wissenschaft.
Lieber Michael ,
im Großen und Ganzen stimme ich Dir hier zu. Allerdings, wie Du selber schreibst „Entsprechend balancierten erfolgreiche Religionsgemeinschaften immer zwischen der Integration von Mystikern (z.B. in eigenen Orden) und deren Ausschluss oder Verfolgung.“ Ich glaube da liegt der Knackpunkt! Wenn man z.Z. die Geschichte der christlichen Religion betrachtet, so wird man feststellen, dass es den Amtskirchen nicht zuletzt um Macht ging. Für spirituelle Menschen, wie Giordano Bruno z.B., war da kein Platz. Man hat viele Menschen, die sich bemühten über den Tellerrand hinauszuschauen, verfolgt und getötet. Das ist sicher auch einer der Gründe warum die Kirche, bei vielen Leuten, einen schlechten Ruf hat.
Vor einiger Zeit las ich den Aufsatz einer Psychologin, ich glaube sie war aus der Schweiz, in welchem es um spirituelle und nicht spirituelle Menschen ging. Sie beschreibt die beiden Kategorien folgendermaßen: Die Spirituellen sind Menschen, die manchmal „ozeanische Gefühle“ hätten, sowie ein starkes Gerechtigkeitsgefühl und die sich häufig in der Welt geborgen fühlten; nicht spirituelle Menschen sind oft sehr ordentlich, da sie sich mit ihrem oft stark ausgeprägten Ordnungssinn, die Dinge „zurechtlegen“ und dadurch ein Gefühl der Sicherheit erreichen. (Leider finde ich den Link dazu nicht mehr). Vor diesem Hintergrund ist es wohl auch nachvollziehbar, warum die „Ordentlichen“ in der Kirche, den „chaotischen Spirituellen“ keinen Platz einräumen konnten. Auch sehen spirituelle Gläubige, den Glauben wahrscheinlich anders. Al-Junaid (ein Sufi des 9. Jh.) unterschied 4 Stufen des Glaubens:
http://www.demetrius-degen.de/fabeln/mystik1.htm
Eingefleischte Atheisten lehnen den Begriff Spiritualität von Hause aus ab, da er ihnen wohl zu nahe bei Religion und Esoterik steht. Siehe hier:
http://feuerbringer.com/...e-spirituell/#more-1528
Dabei hat Spiritualität oft mit Religion oder Esoterik gar nichts zu tun. M.E. ist Spiritualität weitestgehend angeboren und jeder Mensch der nach Sinn sucht besitzt sie.
KRichard schreibt hier: „Wenn spirituell Begabte/Übende die Ich-Konstruktionen des Gehirns überformen und abschwächen können - dann denken sie beim Meditieren vieleicht bloß an die Erlebnisse der Vor-Ich-Zeit.
Weil sich die Ich-identität etwa ab einem Alter von 1,5 Jahren entwickelt, dann würde die Vor-Ich-Zeit dem Zeitraum davor entsprechen D.h. beim Meditieren konzentriert man sich eventuel auf Erlebnisse aus dieser Zeit.“
Mir ist zwar nicht ganz klar wie das gehen soll, aber mir fällt in diesem Zusammenhang etwas anderes ein: Das sog „Fremdeln“, welches bei Babys in der Regel zwischen dem 4. und 8. Monat einsetzt, wird ja als wichtiger Entwicklungsschritt angesehen. Ob nun ein Baby stark „fremdelt“ oder kaum oder gar nicht, wird mit dem Charakter der Kinder und mit der damit verbundenen Angst erklärt.
Kinder die stark „fremdeln“ sind demnach ängstlicher und vertrauen unbekannten Personen weniger bis gar nicht. Seit ich mit meinem Sohn vor 16 Jahren in der Krabbelgruppe war, konnte ich nun die Lebensläufe der Kinder hier am Ort verfolgen. Es ist frappierend, die Kinder welche damals nicht oder kaum „gefremdelt“ hatten haben sich zu eher spirituellen Jugendlichen entwickelt, der Rest eher nicht. Kann man spirituelle Charaktere also schon als Babys erkennen? Vielleicht sollte da mal geforscht werden.
Hier ein guter Link, wo alles über das Fremdeln ausführlich erklärt wird:
http://www.rund-ums-baby.de/...?stichwort=Fremdeln
Beim Thema ´fremdeln´ muss man nicht die Kinder, sondern die Eltern betrachten.
Kinder lernen von den Emotionen, welche von den Eltern ausgehen.
Wenn z.B. Eltern zu den Erziehern in der Krabbelgruppe (und zu anderen Eltern) von Anfang an eine offene, fröhliche Beziehung aufbauen - dann lernen dies die Kinder sofort; und verhalten sich entsprechend.
Sind die Eltern aber gehemmt/zurückhaltend, so wirkt sich dies auch auf die Kleinkinder aus.
Irenäus Eibl-Eibesfeldt, ein Schüler des berühmten Verhaltensforschers Konrad Lorenz sagt, dass das Fremdeln angeboren ist, was nicht ausschließt, dass Kinder Emotionen, die von den Eltern ausgehen, übernehmen und weitervererben.
„… Soziobiologen wie beispielsweise Irenäus Eibl-Eibesfeldt behaupten ebenfalls, es gebe eine dem Menschen angeborene "Fremdenfurcht". Diese Xenophobie sei verantwortlich für ein "Urmißtrauen" zwischen einander fremden Menschen und Menschengruppen. Als Indiz führt er an, daß bei Säuglingen in einer bestimmten Phase zu beobachten sei, daß sie fremden Personen mißtrauisch bis ängstlich begegneten, auch dann, wenn sie zuvor keinerlei schlechte Erfahrungen gemacht hätten. Dieses "Fremdeln" sei ein Indiz für die dem Menschen angeborene Xenophobie. Als weiteres Indiz führt Eibl-Eibesfeldt die Beobachtung an, daß Fremdenfurcht und Fremdenhaß keine Fiktionen von Wissenschaftlern seien, sondern alltägliche Realität. Eibl-Eibesfeldt sieht die Ursachen des Rassismus in der biologischen Disposition des Menschen verwurzelt, in der ihm eigenen Xenophobie.“
Von hier: http://www.comlink.de/.../m.blumentritt/agr335.htm
Lob, lieber Micheal, hör' ich freilich gerne, und sich zu freuen und zu danken ist des Gelobten Pflicht.
Letztendlich aber sind wir, so denke ich - nein: nicht "so denke ich", sondern: "so glaube ich zu fühlen" - letztendlich sind wir im Dissens, auch wenn wir die Stilmittel und die Anstrengungen des jeweils anderen bewundern, auch wenn wir mitunter identische Gegner haben.
Du - das ist das was ich zu fühlen glaube - strickst an einem Götterbeweis via Biologie. Es erinnert mich von ferne an Konrad Lorenz' "evolutionäre Erkenntnistheorie" - die Kant'schen a priori seien de facto a posteriori, aus der Evolution gelernt, mithin erfolgreich, also wahr.
Ich bediene mich einer Sprache, die ungeniert aus den Quellen des Sprituellen schöpft, ihre Metaphern in Mythologica und Theologica sucht und findet, aber ich will nichts beweisen. Ich will bestenfalls Nichts beweisen. Ich will einen Gott beweisen, der die Götter stürzte: den Buddha. Und habe ich ihm erstmal das Denkmal errichtet, dann soll alles fallen, sein Denkmal inclusive. Er hätte es so gewollt...
Nur den Weg kenne ich nicht. Ich taste, ich stochere mit Stangen im Nebel.
Ganz was anderes, weil ich nebenher auch noch exakte Wissenschaft machen möchte: das zweite Bild passt nicht zum Text. Die Hauptaktivierung ist dort definitiv im Parietallappen.
Grüße
Helmut Wicht
Wer viel reist weiß wie schwierig zuverlässige Kommunikation ist: selbe Worte und Gesten mit anderem kultuellen Hintergrund haben verschiedene Konsequenzen: der Islam sieht vor, dass man Andersgläubige betrügen darf, der Buddhismus lehrt dass wer betrügt schadet sich selbst in erster Linie. Es ist kein Zeichen von Xenophobie, wenn man unbekannten Leuten zunächst vorsichtig begegnet, Fremdeln ist eine gesunde Überlebensstrategie. Und es ist erlaubt Menschen, ganz gleich woher sie kommen, nicht zu mögen und deren Verhalten zu kritisieren. Man sollte sich nicht gefallen lassen, das dies mit Fremdenhass beschrieben wird.
Danke, geehrter Freund der sezierenden Künste und Sprache - es ist stets eine Freude, von Dir zu lesen, über das Gelesene zu sinnen und Dir zu antworten!
Letztendlich aber sind wir, so denke ich - nein: nicht "so denke ich", sondern: "so glaube ich zu fühlen" - letztendlich sind wir im Dissens, auch wenn wir die Stilmittel und die Anstrengungen des jeweils anderen bewundern, auch wenn wir mitunter identische Gegner haben.
Ach, ich weiß nicht - da mich die Neugier treibt, kann ich am Ende keine Gegner finden. Mancher mag pöbeln, mancher auch stalken, aber selbst jene sind doch auch interessante Fälle, an denen sich innerlich und äußerlich reifen lässt. Wäre ich nur ein Wissender, ach, so könnte ich Dir sagen, wer falsch liegt - aber als Lernender kann ich stets nur vorläufig wägen, nie aber endgültig urteilen.
Du - das ist das was ich zu fühlen glaube - strickst an einem Götterbeweis via Biologie.
Oh nein, das sei mir ferne! Denn wie ich auch in diesem Text schrieb, halte ich einen solchen für unmöglich, mindestens aus empirischer Perspektive. Mir reicht es völlig, wenn Atheisten, Agnostiker und Theisten (in der Wissenschaft und ggf. auch darüber hinaus) respektvoll und methodologisch sauber zusammen arbeiten, sich Freiheiten zugestehen und an der großen Entdeckungsreise des Lebens teilnehmen.
Es erinnert mich von ferne an Konrad Lorenz' "evolutionäre Erkenntnistheorie" - die Kant'schen a priori seien de facto a posteriori, aus der Evolution gelernt, mithin erfolgreich, also wahr.
Ich sehe nicht, wie man diesen Schritt machen sollte. Wurde Dinosaurier-Wahrheit widerlegt, als der Wallace-Asteroid (so er es denn war) ihren Erfolg beendete? Evolutionärer Erfolg ist immer zeitlich, situationsgebunden - was doch gerade für letzte Wahrheiten nicht gelten soll. Zwar würde ich annehmen, dass wir mit all unseren evolvierten Sinnen uns schon einer (der?) Realität annähern - aber selbst hierfür gibt es nur Plausibilitäten, keinen letzten Beweis. Also, nein, ganz so einfach kann man es sich m.E. mit "biologischen Wahrheitsbeweisen" nicht machen - und schon gar nicht im Bezug auf transzendente Fragen.
Ich bediene mich einer Sprache, die ungeniert aus den Quellen des Sprituellen schöpft, ihre Metaphern in Mythologica und Theologica sucht und findet, aber ich will nichts beweisen.
Und ich würde dem hinzufügen: Selbst wenn wir wollten, wir könnten es auch nicht! Am Ende des Tages werden uns immer nur Indizien verbleiben - vielleicht überzeugende, aber doch keine letzten Beweise.
Ich will bestenfalls Nichts beweisen. Ich will einen Gott beweisen, der die Götter stürzte: den Buddha. Und habe ich ihm erstmal das Denkmal errichtet, dann soll alles fallen, sein Denkmal inclusive. Er hätte es so gewollt...
Was aber käme danach, lieber Helmut? Das Absolute Nichts- oder Einssein? Oder doch eine liebende Personalität? Auch wenn ich Deine Hoffnung herauslese und spüre - "bestenfalls" - wenn wir streng zu uns sind, so wissen wir nicht, können vielleicht auch nicht wissen. All unsere Wissenschaft(en), gesammelte Erkenntnisse aus Jahrhunderten: Und doch bleiben wir Suchende, Zweifelnde, Hoffende wie alle anderen Menschen auch. Dem einen mag das ein Aufruf zur Verzweiflung sein, dem anderen zur Freiheit. Erlaube mir, trotz allem die lebensbejahende Neugier zu wählen, auch wenn ich sie nicht beweisen kann.
Nur den Weg kenne ich nicht. Ich taste, ich stochere mit Stangen im Nebel.
Ach, wären nur alle Biologen, Theo- und Philosophen so ehrlich! Hier hast Du einen Religionswissenschaftler, der Dir zuruft: Ich auch! Und doch, lass uns weiterstochern, gespannt auf jeden neuen, unsicheren Schritt! Wäre kein Nebel, was gäbe es zu entdecken!?
Ganz was anderes, weil ich nebenher auch noch exakte Wissenschaft machen möchte: das zweite Bild passt nicht zum Text. Die Hauptaktivierung ist dort definitiv im Parietallappen.
Wie wahr, hier irrte nicht das Bild und noch nicht einmal die Studie, sondern verkürzte mein Text. Überprüft & ergänzt, danke! :-)
Herzliche Grüße!
Liebe Mona,
danke für Dein Benennen des "Knackpunktes". Und, ja, ich sehe es auch so: Wir stehen als Menschen immer in der Spannung, einerseits für uns selbst grenzenlose Möglichkeiten einzufordern, andererseits aber die Annehmlichkeiten von Gemeinschaft (wie Wärme, Schutz etc.) haben zu wollen. Nicht erst Religionsgemeinschaften, sondern alle Formen menschlicher Gemeinschaft (inkl. Familien) kennen diesen Konflikt.
Ganz sicher haben die Amtskirchen hier in ihrer Geschichte oft gravierende Fehler gemacht! Doch die gleichen Konflikte gab und gibt es auch z.B. in Islam, Judentum und auch Buddhismus. Auch hier gab es Auslegungsstreits, Spaltungen und teilweise gar kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Schulen. Auch heute noch gibt es z.T. gewaltförmige Konflikte und Proteste buddhistischer Mönche, die sich innerbuddhistisch unterdrückt wähnen:
http://info-buddhismus.de/Shugden-und-NKT.html
Und wenn wir jenseits der Religionen schauen, wird es nicht besser: Den oft mörderischen "Säuberungskampagnen" atheistisch-kommunistischer Parteien fielen binnen weniger Jahrzehnte Abertausende zum Opfer.
M.E. können wir also diesen Konflikt zwischen entgrenzender Individualität und notwendiger Vergemeinschaftung nicht bei den "Amtskirchen" abladen. Jede menschliche Körperschaft muss immer neu nach der richtigen Balance zwischen Weite und Enge tasten. Und wird der Papst nicht derzeit auch kritisiert, weil er zu nachsichtig z.B. gegenüber Traditionalisten mit teilweise rechtsextremen Gedankengut sei?
Also: Religionsgemeinschaften müssen, wenn sie Gemeinschaften bleiben wollen, auch abgrenzen und sogar ausschließen dürfen. Was jedoch m.E. dabei nie wieder zur Disposition gestellt werden sollte, sind die Menschenrechte - zu denen das Recht gehört, Gemeinschaften zu verlassen oder zu wechseln. Den großen, christlichen Kirchen und vielen anderen Traditionen und Körperschaften (z.B. demokratischen Parteien, diverse jüdische, islamische, buddhistische Gemeinden) gestehe ich zu, diese Lehre auch aus ihrer Geschichte gezogen zu haben und hoffe, dass immer mehr (religiöse & politische) Gemeinschaften ihnen darin folgen würden.
Vielen Dank für das freundliche Feedback!
Sie schrieben: Nichts finde ich in der heutigen Zeit wichtiger zu erwähnen, als dass sich Wissenschaft mit Spiritualität vereinen lässt. Materialismus ist ein Glaube und nicht Wissenschaft.
Dem würde ich soweit zustimmen, freilich ergänzt um einen Hinweis: Das Gleiche gilt dann für Spiritualismus auch. Wissenschaft ist nicht Alles und nicht Alles muss Wissenschaft sein. Gottesbeweise und Gotteswiderlegungen erscheinen mir gleichermaßen unmöglich, über Plausibilitätsdiskussionen kommen die empirischen Befunde m.E. nicht hinaus.
Wow, danke! Das ist eine wirklich ermutigende Rückmeldung und über die Anregung werde ich auf jeden Fall nachdenken. Bisher gibt es ja rechts im Balken die TOP 10 der meist-angeklickten Blogbeiträge - womit ich den Lesern die Priorisierung anvertrauen wollte. Einmal als Respekt ihnen gegenüber, aber auch als Rückmeldung, was und welche Themen denn überhaupt (besonders) interessieren. Das ist ja das Schöne am wissenschaftlichen Bloggen, dass es mit Dialog und Rückkoppelung gestaltet werden kann.
Noch einmal vielen Dank für Dein Plädoyer!
"Ganz sicher haben die Amtskirchen hier in ihrer Geschichte oft gravierende Fehler gemacht! Doch die gleichen Konflikte gab und gibt es auch z.B. in Islam, Judentum und auch Buddhismus. Auch hier gab es Auslegungsstreits, Spaltungen und teilweise gar kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Schulen. Auch heute noch gibt es z.T. gewaltförmige Konflikte und Proteste buddhistischer Mönche, die sich innerbuddhistisch unterdrückt wähnen"
Ich wollte hier nicht auf einen Wettbewerb der Religionen hinaus. Ich erwähnte die christliche Religion, weil sie in unserem Kulturkreis am verbreitetsten ist. JEDE Ideologie hat ihre Schwächen, da gebe ich Dir recht.
"Wir stehen als Menschen immer in der Spannung, einerseits für uns selbst grenzenlose Möglichkeiten einzufordern, andererseits aber die Annehmlichkeiten von Gemeinschaft (wie Wärme, Schutz etc.) haben zu wollen. Nicht erst Religionsgemeinschaften, sondern alle Formen menschlicher Gemeinschaft (inkl. Familien) kennen diesen Konflikt."
Ich weiß was Du meinst, trotzdem bin ich etwas anderer Meinung. In einer Familie z.B. sollen die Kinder wachsen, sich entwickeln. In einer Religionsgemeinschaft mit Dogmen und starren Regeln können das ihre Mitglieder jedoch nicht, mancher verzichtet da lieber auf "Annehmlichkeiten". Ich respektiere wirklich jeden Gläubigen, doch vielfach geht es in Religionsgemeinschaften gar nicht um den Glauben, sondern eher um das Vertreten der jeweiligen "Firmenphilosophie".
Es ist natürlich immer schwierig, persönliche Erlebnisse zu verallgemeinern. Aber dennoch, wer einmal das Gefühl der Entpersonalisierung, der Einsseins mit allem erlebt hat, der weiß, das es keinen Gott gibt bzw. dass ein Gott von keinerlei Relevanz ist.
Spiritualität und Religion zu verknüpfen ist denke ich dem Versuch geschuldet, das erlebte "rational" zu erklären.
So würde ich auch den Zen-Satz verstehen, den Buddha zu töten, wenn man ihn sieht - als die Aufforderung, das Erfahrene zu akzeptieren, ohne es zu rationalisieren.
Ich habe Spiritualität in diesem Sinne immer als einen guten Weg zum Atheismus gesehen und kann es nur empfehlen, sich diese Erfahrung zu erarbeiten.
Angeborene Fremdenfurcht - ist ein Märchen aus dem letzten Jahrhundert. Feten trafen im Mutterleib nicht auf Fremde und konnten daher keine Furcht lernen.
Furcht/Vertrauen zu anderen Personen wird schon im frühen Alter (3-5 Monate)von Babys erlernt.
Heute geht man in Krippen wie folgt vor:
Die Mutter (Vater) geht mit dem Baby zur Betreuerin und unterhält sich nett mit ihr (dabei lernt das Baby: diese Person wird von Mutter angelächelt, also ist sie eine Gute)
Beim nächsten Schritt darf die Betreuerin das Baby im Beisein(!) der Mutter berühren, auf den Arm nehmen und dann sogar versorgen. (Hier lernt das Baby: das Berühren ist in Ordnung)
Im dritten Schritt bleibt das Baby kurz allein bei der Betreuerin, die Mutter verlässt den Raum (ca. 1/2 Std) und kommt dann wieder (Hier lernt das Baby: Mutter verlässt mich nicht, sie kommt sicher wieder).
Im nächsten Schritt bleibt die Mutter ca. 2 Stunden weg.
Geht man so vor, dann fremdeln Babys nicht und haben keine Fremdenangst vor der Betreuerin in der Krippe.
Aber dieses Beispiel zeigt sehr schön, wie schnell und intensiv Babys schon lernen können.
@KRichard
Schade, dass Sie meinen Link vom 12.02.2010 | 10:48 nicht gelesen haben. Glauben Sie mir, es gibt Babys die fremdeln. Ob sich daraus später Fremdenhass entwickelt hängt sicher auch von der Erziehung und anderen Faktoren ab.
@Diane de Reynier
„Es ist kein Zeichen von Xenophobie, wenn man unbekannten Leuten zunächst vorsichtig begegnet, Fremdeln ist eine gesunde Überlebensstrategie. Und es ist erlaubt Menschen, ganz gleich woher sie kommen, nicht zu mögen und deren Verhalten zu kritisieren. Man sollte sich nicht gefallen lassen, das dies mit Fremdenhass beschrieben wird.“
Es besteht natürlich ein gravierender Unterschied machen zwischen „vorsichtig begegnen“ und Fremdenhass - keine Frage.
Zunächst einmal ein herzliches Dankeschön für diesen Blog-Beitrag, lieber Michael. Ich finde, da haben Sie wieder mal jede Menge Diskussionsstoff geliefert. Lob haben Sie schon eingeheimst, jetzt folgt die Kritik ;-)
Spiritualität
Es ist für die Forschung sicherlich sinnvoll, diesen Begriff eher eng zu definieren (Spiritualität als Fähigkeit zu Transzendenzerfahrungen).
Wie sieht es aber dann mit Menschen aus, denen diese Erweiterungserfahrungen abgehen? Würde Dawkins Spiritualität auch noch unter diese Definition fallen ("Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen.")?
Die Hirnstudie zeigt, dass Transzendenzerfahrungen quasi eine Fehlfunktion des Hirns sind. Ist Spiritualität dann die Fähigkeit, diese Fehlfunktion gezielt herbeiführen zu können?
Religiosität
Verstehe ich das richtig, dass die Hirnstrukturen, die zur Religiosität befähigen, erst in der mittleren Altsteinzeit evolviert sein sollen, also sagen wir vor 40-50.000 Jahren?
Das würde ja bedeuten, dass sich in allen getrennt lebenden Menschenpopulationen der gleiche evolutionäre Wandel vollzogen hätte.
Dass neben Homo sapiens auch H. neanderthalensis religiöses Verhalten entwickelt hat, könnte man doch auch damit erklären, dass bereits der gemeinsame Vorfahre H. heidelbergensis (?) diese Befähigung zur Spiritualität/Religiosität besaß. Was spricht überhaupt dagegen, dass sich in der Zeit des H. erectus diese spirituell-religiösen Fähigkeiten oder Vorstufen davon entwickelt haben (abgesehen von den fehlenden Funden)?
Die Hirnstudie hat ergeben, dass beim persönlichen Gebet genau jene Hirnbereiche besonders aktiv sind, die auch beim persönlichen Gespräch aktiv sind (die sozio-kognitive Hirnregion). Was lernen wir daraus?
Hirngespinste
»Man bemerke die Ironie: Wer behauptet, alles sei nur Gehirnkonstrukt, erklärt sich ja auch selbst nur zu einem illusionären Teil eines "eigentlichen" größeren Ganzen. «
Diese Ironie erschließt sich mir nicht. Ich dachte, es sei Common sense, dass unser Gehirn vor unserem "geistigen Auge" die Welt aus den Sinneseindrücken konstruiert (oder so ähnlich). Existieren Farben und Töne auch außerhalb unseres Gehirns?
»Newberg vertrat daher die Auffassung, dass die spirituelle Erfahrung eben gerade Zugang zu einem höheren Verständnis der Realität ermögliche. «
Macht ja nix. Hauptsache, er ist nicht der Meinung, spirituelle Erfahrungen ebneten den Zugang zu einer höheren Realität, denn wie wir gesehen haben, beruhen derartige Erfahrungen auf eingeschränkten Hirnfunktionen.
»Und ebenso lässt sich natürlich zweifeln, ob das Universum selbst nur tote Materie oder Ausdruck eines lebendigen Willens ist. «
Dieser Zweifel ist das evolutionäre Erbe, dem wir die Religionen verdanken. Was ist eigentlich "tote" Materie?
»Für die einen ist so Evolution nur zufällige und oft sinnlose Selbstorganisation (aber welches Selbst!?), für die anderen die größte (und andauernde) Schöpfungsgeschichte Gottes. «
Und der Rest der Gemeinde hält beide Sichtweisen für fragwürdig.
Methodologischer Agnostizismus
»Mit der Evolutionstheorie insgesamt lassen sich verschiedenste spirituelle und religiöse Haltungen ebenso vereinbaren wie atheistische. «
Mehr noch, die Evolutionstheorie erklärt, wieso es diese unterschiedlichen Haltungen gibt.
»Deswegen gilt im Rahmen der Evolutionsforschung zu Recht der methodologische Agnostizismus, der von der persönlichen Glaubenshaltung zu unterscheiden ist. «
Das betrifft aber doch nur jene Evolutionsforscher, für die Evolution und Glaube nicht oder nur schwer zu vereinbaren ist.
Danke, aber ich würde es im Bezug auf Familie ganz genauso sehen.
Du schriebst: Ich weiß was Du meinst, trotzdem bin ich etwas anderer Meinung. In einer Familie z.B. sollen die Kinder wachsen, sich entwickeln. In einer Religionsgemeinschaft mit Dogmen und starren Regeln können das ihre Mitglieder jedoch nicht, mancher verzichtet da lieber auf "Annehmlichkeiten".
Und ebenso gibt es ja sehr glückliche und sehr kalte oder sogar bedrückende Familien und eine Zeit lang (die teilweise noch nicht einmal vorbei ist) war es üblich, die eigenen Eltern für nahezu alles verantwortlich zu machen, Familie als "spießig" zu verachten. Aber ohne Gemeinschaft - die immer auch Freiheitsverlust bedeutet - ist menschliches Leben eben nicht möglich.
Ich respektiere wirklich jeden Gläubigen, doch vielfach geht es in Religionsgemeinschaften gar nicht um den Glauben, sondern eher um das Vertreten der jeweiligen "Firmenphilosophie".
Dann werden, ganz evolutionär, auf Dauer eben andere an Stelle dieser erkalteten Gemeinschaften treten. :-)
Danke für Ihren schönen Beitrag, auf den ich gerne eingehe!
Spiritualität und Religion zu verknüpfen ist denke ich dem Versuch geschuldet, das erlebte "rational" zu erklären.
Hier bin ich mir nicht sicher. Denn warum sollte es "rationaler" sein, z.B. einen Theismus zu konstruieren als einen Pantheismus oder Atheismus? Schon Darwin selbst vermutete, dass Religiosität aus dem angeborenen Animismus erwächst, nach dem wir (und übrigens auch viele Tiere) dazu tendieren, Objekten Personalität zuzuschreiben.
So würde ich auch den Zen-Satz verstehen, den Buddha zu töten, wenn man ihn sieht - als die Aufforderung, das Erfahrene zu akzeptieren, ohne es zu rationalisieren.
Das Problem dabei ist, dass wir uns von Dingen "nichts sagen" lassen. Weltanschauliche Systeme ohne übernatürliche Akteure scheinen daher kaum in der Lage zu sein, erfolgreiche Gemeinschaften und Familien zu begründen. Sie tendieren dazu zu verfallen oder (wie der real existierende Buddhismus, Taoismus, Jainismus u.v.m.) übernatürliche Akteure zu "adoptieren".
Ich habe Spiritualität in diesem Sinne immer als einen guten Weg zum Atheismus gesehen und kann es nur empfehlen, sich diese Erfahrung zu erarbeiten.
Wenn Spiritualität zu Ihrem Wohlergehen beigetragen - und dieser Blogpost Reflektion dazu mitausgelöst - hat, dann freut mich das sehr!