29. November 2009, 21:24
Mit seinen gezielt provokanten, populärwissenschaftlichen Büchern verdient(e) er Millionen - und stieß wichtige Debatten und Forschungsansätze an. Und während mancher seiner Jünger noch in seinen früheren Positionen verharren, entwickelt(e) er sich weiter - Richard Dawkins, Zoologe und Held der provokanten Metaphern, von denen ich im Folgenden die wichtigsten vorstellen möchte.
1. Das "egoistische Gen"
Richtig berühmt wurde Richard Dawkins mit seinem berühmten "The Selfish Gene" (Das egoistische Gen) von 1976. Darin vertrat er die Auffassung, dass die (biologische) Evolution ausschließlich aus der Perspektive des genetischen Reproduktionserfolges zu betrachten sei. Auch der Mensch stehe unter der "Tyrannei der Replikatoren". Hier das Cover der Originalausgabe.

Natürlich handelte es sich bei der Aussage des "Gen-Egoismus" um eine Metapher - ein abwägend-planendes Bewusstsein gestand Dawkins den einzelnen Genen nicht zu. Vielmehr ging es ihm darum, Selektionsperspektiven auf Ebenen der Phänotypen, Gruppen oder Arten sowie allzu optimistische Hypothesen zur Entstehung von Kooperation(en) zu attackieren.
Freilich musste er erleben, dass provokante wissenschaftliche Formulierungen nicht nur Andersdenkende erzürnen, sondern auch von Anhängern mißverstanden werden. So distanzierte sich Dawkins schockiert von seinem "Fan" Jeffrey Skillings, der seinen Betrug an unzähligen Anlegern und Mitarbeitern des Enron-Konzerns mit Dawkins Buch und "Gen-Egoismus" rechtfertigte - so "darwinistisch" sei die Welt nun einmal...
Und doch gewann Dawkins gerade durch seine scharfen Formulierungen größere Teile der Öffentlichkeit für den Forschungsbereich und bewirkte schließlich, dass sich Vertreter von Kooperationsmodellen (und später auch reformierter Varianten der Gruppenselektion) um bessere Modelle und Studien bemüh(t)en.
2. Gen und Mem
Im Schlusskapitel seines "Selfish Gene" stellte sich Dawkins zwei Themen, die ihn stark beschäftigten: Zum einen reproduzierten sich ja gerade moderne, gebildete Menschen immer weniger - was seiner These des "gen-egoistisch" determinierten Menschen diametral widersprach. Und zum zweiten existier(t)en zahlreiche Religionen, deren Anhänger allerhand Variationen von Verhalten hervorbrachten.
Zur Erklärung (und Abwehr) dieser Befunde schlug Dawkins die Existenz von "Memen" vor - kulturellen Replikatoren, die sich analog zu Genen replizieren sollten. Sowohl religiöse Lehren wie auch der Geburtenrückgang kulturell überfluteter Moderner konnte er so auf die Meme zurück führen.
Empirisch ist das Konzept bis auf weiteres gescheitert. Seit über 30 Jahren gelang keine klare Definition, aber auch keine einzige Beobachtung, keine Studie und kein Experiment zur Existenz von "Memen". Das spezialisierte Online-Journal of Memetics, das den Forschungsansatz entwickeln wollte, stellte sein Erscheinen schließlich ein (vgl. Schlussausgabe), nachdem auch nach Jahren nur philosophisch-theoretische Artikel eingingen.
Neben Wissenschaftlern, die Memen immerhin noch metaphorischen Wert in den Wissenschaftsdiskussionen zusprechen, gibt es immer auch noch immer viele Menschen, die in einem weltanschaulichen Sinne an Meme glauben (man beachte die Ironie!). Tatsächlich sprengte Dawkins selbst ganz am Ende seines Buches die logische Schlussfolgerung aus seinem genetischen und memetischen Determinismus und rief die Menschen im Stil gnostischer Prediger auf, sich "aus der Tyrannei der Replikatoren" (Gene & Meme) zu befreien. Er nahm also doch die Existenz eines nicht-determinierten (übernatürlichen?) Willens an, an den sich sogar appelieren ließ! Und so konnte man später nicht nur einer memetischen "Church of Virus" im Internet beitreten, sondern auch bei der Dawkins-Schülerin Susan Blackmore "Zen-Kurse im Memjäten" buchen - die Religionskritik war zur Proto-Religion geworden. Etwas besser Informierte gestehen der "Memetik" heute immerhin zu, es handele sich um eine - Sie ahnen es - interessante Metapher (bio-)kultureller Evolution...
3. Der Gotteswahn
Nach den Anschlägen des 11. September 2001 und den Reaktionen der USA darauf gesellte sich neben die globale Rückkehr der Religionen eine neue Welle der Religionskritik in den kinderarm-säkularen Milieus des Westens. Zielsicher griff Richard Dawkins auch diese Stimmung in seinem neuen Bestseller von 2006 auf - "The God Delusion - Der Gotteswahn" wurde zu einem Flagschiff des sog. "neuen Atheismus".

Wieder versuchte Dawkins Religionen "memetisch" zu erklären und griff insbesondere theistische Glaubensinhalte als gefährlich an. Auch rückte er religiöse Erziehung in die Nähe des Kindesmißbrauches - und wählte dabei interessanterweise besonders kinderreiche Gemeinschaften wie die Amischen (ohne ihren Reproduktionserfolg zu registrieren!?).
Neben dem erwartbaren (und werblich-wirtschaftlich einträglichen) Aufschrei vieler Religiöser führte aber auch die Metapher des "Gotteswahns" durchaus zu neuen, ernsthaften Forschungsanstrengungen. Denn vielen Wissenschaftlern aus den Natur- und Kulturwissenschaften fiel doch auf, dass hier ein Paradox behauptet wurde: Die Evolution eines Merkmales (Religiosität), das doch angeblich vor allem schaden sollte. So trug Dawkins indirekt zur inzwischen dynamischen Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen bei.
4. Vom Atheisten zum Agnostiker
„Der neue Atheismus ist vielleicht nicht tot, aber er riecht schon irgendwie komisch!“ merkte Michael Schmidt-Salomon schon 2008 trocken an. Viele der eifernden Jünger (Jüngerinnen sind sehr selten) der Bewegung haben es noch nicht gemerkt - auch Richard Dawkins aber schon. So räumte er in einem Newsweek-Interview vom September 2009 ein, dass der Glaube in die Evolutionstheorie und Gott nicht unvereinbar seien - was einen Schock unter vielen seiner extremeren Anhänger auslöste. In einem Interview mit dem Stern 2007 (Neuabdruck Stern-Extra 5/2009, gerade im Handel, S. 144 - 146) ging Richard Dawkins noch weiter - und bekannte: "Ich bin Agnostiker." Die Wahrscheinlichkeit von Gottes Existenz liege "unter 50 Prozent", aber die Position "der Atheisten", die sie völlig ausschließen wollten, teile er nicht (mehr!?). An scharfer Religionskritik hält Dawkins durchaus fest - aber darauf angesprochen, dass sein "Gotteswahn" doch Gottes Existenz widerlegen wollte, erklärt er: "Das war mein ursprünglicher Ehrgeiz, vielleicht war ich da ein bißchen zu kühn." Er sieht dennoch Grund zur Freude: "Das Buch läuft hervorragend, von der englischsprachigen Ausgabe wurden im ersten Jahr mehr als eine Million Exemplare verkauft." Angesprochen auf den Widerspruch, dass komplexe Merkmale doch üblicherweise über Erfolg evolvierten, bemerkt er: "Guter Einwand. Religion hilft wahrscheinlich beim Überlebenskampf." Den "Gotteswahn" stellt er nun neben den "Wahn", sich "zu verlieben" und erläutert auch fast poetisch: "Den Versuch der Religion, ein tieferes Verständnis des Lebens zu finden, habe ich immer respektiert. Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."
Mein (ganz persönliches) Fazit
Mancher wird Richard Dawkins vorwerfen, er habe bei seinen provokanten Metaphern nur (erfolgreich) Aufmerksamkeit und Geld angestrebt, ohne sich um die Folgen zu scheren. Dem möchte ich entgegnen, dass es die Aufgabe von Intellektuellen in freiheitlichen Gesellschaften ist, spannende Debatten auszulösen und dabei auch zu provozieren. Und selbstverständlich dürfen und sollen sie dies auch mit Bezug auf Wissenschaft(en) tun, mancher Pop- oder Sportstar verdient weit mehr. Ob sich von Dawkins Metaphern wissenschaftlich etwas halten lässt, wird erst die Zukunft weisen. Aber sicher ist schon jetzt, dass seine Arbeit nicht nur die öffentliche Wahrnehmung von Evolutionsforschung, sondern auch Gedanken, Debatten und Studien innerhalb der Wissenschaften (von der Biologie über die (zunehmend evolutionäre) Religionswissenschaft bis in die Philosophien und Theologien) sehr beflügelt haben. Ich denke, wenn der Pulverdampf einmal verzogen ist, wird Richard Dawkins von den (je wechselnden) Freunden und Kritikern gleicherzumaßen zu Recht zu den großen Schöpfern auf- und anregender Metaphern gezählt werden.
Geschrieben in
Philosophische Fragen
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