chronologs Natur des Glaubens scilogspreis

Asset Meltdown - Demografie und das Ende des Kapitalismus

28. April 2009, 10:10

Warum haben Menschen in armen Agrargesellschaften meist so viele Kinder? Ganz einfach: Kinder, vor allem Söhne, bedeuten Einkommen (als Arbeitskräfte), Altersversorgung und Schutz. Entsprechend senkt die kapitalistische Marktwirtschaft die Geburtenraten: Kinder werden kostspielig (vor allem ihre Bildung), für den Schutz sorgt der Staat und die Altersversorgung wird durch Kapitalverzinsung (oder Rentenumlage) organisiert. Immer mehr Menschen setzen daher auf Kapital statt Kinder - in der Erwartung, dass die Kinder anderer ihre Ersparnisse schon abrufen und verzinsen werden.

So bewahrt der Kapitalismus unseren Planeten vor der Überbevölkerung: Weltweit rauschen die Geburtenraten mit der wirtschaftlichen Entwicklung in den Keller (z.B. in der Türkei auf derzeit nur noch 1,8) und noch in diesem Jahrhundert wird die Weltbevölkerung vom Wachstum in die Schrumpfung übergehen.

In Deutschland wurde das Problem sinkender Geburtenraten mit Bezug auf die Rentenversicherung wieder und wieder diskutiert: Die Zahl der Rentenempfänger steigt, aber es mangelt an jüngeren Einzahlern. Erst langsam dämmert immer mehr Menschen, dass genau das gleiche Problem auch die Kapitalmärkte betrifft. Von den USA über die Europäische Union bis zu den Völkern der GUS, der arabischen Welt, Indien, Malaysia, Indonesien und China legen alternde Mittel- und Oberschichten jährlich Hunderte Milliarden an - aber die jungen Generationen, die gleichzeitig kreditwürdig und kreditbedürftig wären, schrumpfen vielerorts bereits. Längst reichen die internen Potentiale nicht mehr aus, suchen z.B. auch russische, indische, chinesische und arabische Anleger internationale Geldanlagen. Die Folge: Ein globales Überangebot an Kapital, stetig sinkende Realzinsen und Spekulationsblasen, in die verzweifelte Finanzdienstleister und Anleger (inklusive Kapitalstiftungen) auf der Suche nach etwas mehr Rendite immer öfter geraten. Denn die "Kinder anderer", die die eigenen Ersparnisse produktiv verzinsen könnten, und damit seriöse Anlagemöglichkeiten werden knapp. In der Ökonomie nennt man diesen möglicherweise unaufhaltsamen Prozess "Asset Meltdown" (deutsch: Einschmelzen von Ersparnissen) und mit der Süddeutschen ("Phänomen Asset Meltdown") hat nun auch die erste überregionale Zeitung in Deutschland ihr Schweigen dazu gebrochen.

Wenn es immer weniger Geburten gibt, droht der Asset Meltdown auf den Finanzmärkten. Illustration aus einem Vortrag vom Juli 2008.

Inwiefern hat die Religiosität damit zu tun? Erfolgreiche Religionen vermitteln ihren Anhängern Zusatzgründe für Ehe und Familie (z.B. "Kinder sind ein Segen Gottes" u.ä.) und unterstützen Familien zudem durch Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Mitglieder gewachsener Religionsgemeinschaften haben daher durchschnittlich deutlich mehr Kinder als ihre Nachbarn der gleichen Bildungs- und Einkommensschichten - auch wenn dies wirtschaftlich (noch?) Verluste bedeutet. Was also auch immer gesellschaftlich und wirtschaftlich auf den gewohnten Kapitalismus folgen wird: Religionen, die Kinder und Familien fördern, dürften im 21. Jahrhundert eine auch kulturell und wirtschaftlich wichtige Rolle spielen.

 

(Die Folien stammen aus dem Vortrag "Kinder, Kirchen, Kapital - Zum Zusammenhang von Religiosität, Demografie und Geld" vom Juli 2008 vor den Finanzwissenschaftlern der Uni Hohenheim. Zus. 2009/10: Die Fertilitätsgrafik stammt aus einem neuen Artikel des Economist.)



Geschrieben in Phänomene . Kommentare: (19). Trackbacks: (1). Permalink


Religionen und Klimawandel

23. April 2009, 20:28

Es gibt Fragestellungen, auf die muss man erst einmal kommen! Nate Silver vom Statistikblog "FiveThirtyEight" hat auf Basis dieser Gallup-Studie geprüft: Stimmen Gesellschaften je nach Religionszugehörigkeit in unterschiedlich hohem Ausmaß der These zu, dass der Mensch globale Klimaerwärmung verschulde?

Und er ist in erstaunlichem Maße fündig geworden: So stimmen 65% der Befragten in überwiegend katholischen Ländern dieser These zu, es folgen Buddhisten und Juden bzw. Israel mit 63%. Am skeptischsten sind überwiegend protestantische und islamische Länder mit je 47% sowie Stammesreligionen mit 45%. (weiter)

Geschrieben in Phänomene . Kommentare: (14). Trackbacks: (1). Permalink


Franz M. Wuketits zu Gott, Gene und Gehirn

15. April 2009, 07:47

 

Zu den schönsten Erfahrungen mit dem Buch "Gott, Gene und Gehirn" gehören die sehr erfreulichen Reaktionen aus der Fachwelt - so auch von Franz Wuketits. Der Evolutionsbiologe und Wissenschaftsphilosoph bekannte sich in einem munteren Streitgespräch mit dem Theologen Richard Schröder in Gehirn & Geist 04/2009 zu einem persönlichen Atheismus, gehört dem Beirat der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung an - und diskutiert (im Gegensatz zu manchen Nichtfachleuten im Bereich der Evolution und/oder Religion) doch auch seriös, fair und v.a. interessiert über die Evolutionsforschung zur Religiosität. Im Folgenden seine Rezension zu "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität."

 (weiter)

Geschrieben in Grundlagen . Kommentare: (38). Trackbacks: (1). Permalink


Fruchtbarer Glauben im Focus

11. April 2009, 10:19

Fakten, Fakten, Fakten - und an die Leser denken. Getreu ihrem Motto enthält die heute (11.04.09) erschienene Ausgabe von Focus zwei Seiten zur Evolutionsforschung zur Religiosität. Dass der Wissenschaftsjournalist Christian Pantle promovierter Humanbiologe ist, zeigt sich dabei wohltuend. In Anlehnung an das Magazinmotto, für Leser des Artikels und natürlich auch sonstige Interessierte hier ein paar weiterführende Links sowie die Antworten zu drei häufig gestellten Fragen.

 (weiter)

Geschrieben in Willkommen . Kommentare: (84). Trackbacks: (0). Permalink


Die Mormonen - Religion born in the USA

06. April 2009, 06:29

Zur Evolutionsgeschichte der Religion(en) gehört das ständige Entstehen von Vielfalt - aus evolutionärer Sicht Erfolgsbedingung für Anpassung und Wettbewerb, aus der Sicht der je Etablierten aber natürlich stets gefährliche "Ketzerei". Daher versuchen bestehende Gemeinschaften regelmäßig das Aufkommen von neuen Gemeinden oder gar Abspaltungen durch den Einsatz staatlicher Gewalt zu verhindern oder die Abtrünnigen wenigstens gründlich zu verstoßen. Da jedoch die USA schon durch eine große, religiöse Vielfalt der Siedler geprägt waren und in ihrer Verfassung die strikte Religionsfreiheit verankerten, ist dort seit Jahrhunderten eine einzigartig dynamische, religiöse Vielfalt gewachsen. Einen der sicherlich interessantesten Fälle dabei bilden die Mormonen.

 (weiter)

Geschrieben in Phänomene . Kommentare: (28). Trackbacks: (2). Permalink


Gustav Jaeger - Unternehmerischer Schwabe, forschender Darwinist, glaubender Protestant

02. April 2009, 16:43

Den historischen Recherchen des Theologen Dr. Wolfgang Achtner ist die Wiederentdeckung einer interessanten Persönlichkeit der deutschen Geschichte zu verdanken: Gustav Jaeger (1832 - 1917). Ein unternehmerischer Schwabe, forschender Darwinist, frommer Protestant, Wissenschaftsautor und -redner, der quer zu allen gängigen Klischees stand - und steht.

 (weiter)

Geschrieben in Phänomene . Kommentare: (14). Trackbacks: (0). Permalink


Deidesheimer Bloggertreffen & Dank für Scilogs-Preis

30. März 2009, 20:14

Schon das erste Treffen von Wissenschaftsbloggern letztes Jahr in Deidesheim war legendär gewesen: Hier endlich traf der Neurobiologe auf den Philosophen, die Physikerin auf den Archäologen, der Kosmologe auf die Psychologin - und die Leidenschaft für neue Wissenschaftskommunikation, für den Dialog und das Vernetzen verband. Es war genial! Und heute lässt sich sagen: Der "Geist von Deidesheim" kam in 2009 erneut auf, diesmal in sogar noch größerer und bunterer Runde.

 (weiter)

Geschrieben in Willkommen . Kommentare: (12). Trackbacks: (0). Permalink


Neuer Atheismus & Giordano-Bruno-Stiftung im Fokus von Medien & Wissenschaft

26. März 2009, 18:28

Unterscheidet sich der sog. "neue Atheismus" wirklich qualitativ und inhaltlich vom "alten"? Was motiviert eigentlich Atheisten zu Missionskampagnen und Spendenaufrufen für antitheistische Werbung? Was und wer steckt hinter der Giordano-Bruno-Stiftung? Solche Fragen werden gerade auch im Darwinjahr intensiv gestellt und diskutiert - und ein Artikel von Reinhard Bingener in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ - Klick hier) hat der Debatte neue Nahrung gegeben. Religulous, ein religionskritischer Film, soll weitere Aufmerksamkeit bringen (Trailer & Infos hier).

 (weiter)

Geschrieben in Phänomene . Kommentare: (42). Trackbacks: (0). Permalink


Basty zu Gott, Gene und Gehirn

17. März 2009, 19:29

Pfarrer haben in der Entwicklung des süddeutschen Raumes oft eine besondere Rolle als Tüftler, Dichter und Kommentatoren gespielt. Basty - den und dessen Kolleginnen und Kollegen ich auch bereits "offline" zu Vortrag & Diskussion kennenlernen durfte - gehört dazu und begleitet seit einiger Zeit hier in den Scilogs, bei den Brights usw. Diskussionen um Religiosität und Naturwissenschaft beobachtend, kommentierend, fragend. Nun hat er zum Buch "Gott, Gene und Gehirn" eine eigenständige, ausführliche Reflektion geschrieben, die ich Ihnen gerne vor- und zur Diskussion stelle.

 (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (55). Trackbacks: (0). Permalink


Zum Glauben geboren? Forscher ergründen die Evolution der Religion

07. März 2009, 16:01

Abonnenten haben sie seit heute im Briefkasten, im Handel wird sie ab Dienstag (10. März) zu haben sein: Die neue Ausgabe 4/2009 von Gehirn und Geist, mit Artikeln zum Gedächtnis, zur systemischen Therapie, Gewaltforschung, Alpträumen, Glück - und dem Titelthema Evolutionsforschung der Religiosität.

 (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (29). Trackbacks: (1). Permalink


szmtag