Asset Meltdown - Demografie und das Ende des Kapitalismus
Warum haben Menschen in armen Agrargesellschaften meist so viele Kinder? Ganz einfach: Kinder, vor allem Söhne, bedeuten Einkommen (als Arbeitskräfte), Altersversorgung und Schutz. Entsprechend senkt die kapitalistische Marktwirtschaft die Geburtenraten: Kinder werden kostspielig (vor allem ihre Bildung), für den Schutz sorgt der Staat und die Altersversorgung wird durch Kapitalverzinsung (oder Rentenumlage) organisiert. Immer mehr Menschen setzen daher auf Kapital statt Kinder - in der Erwartung, dass die Kinder anderer ihre Ersparnisse schon abrufen und verzinsen werden.
So bewahrt der Kapitalismus unseren Planeten vor der Überbevölkerung: Weltweit rauschen die Geburtenraten mit der wirtschaftlichen Entwicklung in den Keller (z.B. in der Türkei auf derzeit nur noch 1,8) und noch in diesem Jahrhundert wird die Weltbevölkerung vom Wachstum in die Schrumpfung übergehen.
In Deutschland wurde das Problem sinkender Geburtenraten mit Bezug auf die Rentenversicherung wieder und wieder diskutiert: Die Zahl der Rentenempfänger steigt, aber es mangelt an jüngeren Einzahlern. Erst langsam dämmert immer mehr Menschen, dass genau das gleiche Problem auch die Kapitalmärkte betrifft. Von den USA über die Europäische Union bis zu den Völkern der GUS, der arabischen Welt, Indien, Malaysia, Indonesien und China legen alternde Mittel- und Oberschichten jährlich Hunderte Milliarden an - aber die jungen Generationen, die gleichzeitig kreditwürdig und kreditbedürftig wären, schrumpfen vielerorts bereits. Längst reichen die internen Potentiale nicht mehr aus, suchen z.B. auch russische, indische, chinesische und arabische Anleger internationale Geldanlagen. Die Folge: Ein globales Überangebot an Kapital, stetig sinkende Realzinsen und Spekulationsblasen, in die verzweifelte Finanzdienstleister und Anleger (inklusive Kapitalstiftungen) auf der Suche nach etwas mehr Rendite immer öfter geraten. Denn die "Kinder anderer", die die eigenen Ersparnisse produktiv verzinsen könnten, und damit seriöse Anlagemöglichkeiten werden knapp. In der Ökonomie nennt man diesen möglicherweise unaufhaltsamen Prozess "Asset Meltdown" (deutsch: Einschmelzen von Ersparnissen) und mit der Süddeutschen ("Phänomen Asset Meltdown") hat nun auch die erste überregionale Zeitung in Deutschland ihr Schweigen dazu gebrochen.
Inwiefern hat die Religiosität damit zu tun? Erfolgreiche Religionen vermitteln ihren Anhängern Zusatzgründe für Ehe und Familie (z.B. "Kinder sind ein Segen Gottes" u.ä.) und unterstützen Familien zudem durch Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Mitglieder gewachsener Religionsgemeinschaften haben daher durchschnittlich deutlich mehr Kinder als ihre Nachbarn der gleichen Bildungs- und Einkommensschichten - auch wenn dies wirtschaftlich (noch?) Verluste bedeutet. Was also auch immer gesellschaftlich und wirtschaftlich auf den gewohnten Kapitalismus folgen wird: Religionen, die Kinder und Familien fördern, dürften im 21. Jahrhundert eine auch kulturell und wirtschaftlich wichtige Rolle spielen.
(Die Folien stammen aus dem Vortrag "Kinder, Kirchen, Kapital - Zum Zusammenhang von Religiosität, Demografie und Geld" vom Juli 2008 vor den Finanzwissenschaftlern der Uni Hohenheim. Zus. 2009/10: Die Fertilitätsgrafik stammt aus einem neuen Artikel des Economist.)
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