Die Amischen - in 16 Jahren verdoppelt
Pennsylvania war schön, aber besonders fasziniert war ich von der Religionsgemeinschaft der Amish, deren Lebenswelt weit mehr als nur eine ideale Fallstudie zur Religionsdemografie zu bieten hat. Im 17. Jahrhundert bildeten sie sich aus der deutschsprachigen Täuferbewegung, die nur die Erwachsenentaufe anerkannten und deshalb als "Anabaptisten" (Wiedertäufer) verfolgt wurden. Sie erhielten ihren Namen als Anhänger des Ältesten Jakob Amann (die Amanschen -> die Amischen). Einigen Hundert gelang die Auswanderung in die USA, wo ihnen Religionsfreiheit gewährt wurde. In Europa erlosch die Gemeinschaft dagegen, zermahlen zwischen wenig toleranten Großkirche(n), Staaten und Gesellschaften. Obwohl sie auf aktive Mission verzichten, ja sogar Konvertiten bisweilen ablehnen, nimmt ihre Zahl demografisch nahezu exponentiell zu.
Wie die religionswissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen vom Center for Anabaptist and Pietist Studies mitteilten, wuchs die Zahl der Amischen von ca. 125.000 in 1992 auf 230.000 in 2008. Allein in diesen 16 Jahren haben sie mehrere hundert neue Kirchenbezirke in den 21 bisherigen und sieben erstmals besiedelten US-Staaten gegründet und auch ihre bisher kleine Zahl in Kanada auf über 4.000 gesteigert.
Warum wächst die Zahl der Amischen so schnell?
Schlicht wegen ihres Kinderreichtums. Amisch-Familien haben im Schnitt fünf bis sieben Kinder. Und obwohl Heranwachsenden vor der Entscheidung für die Erwachsenentaufe eine Zeit des "Rumschpringe" eingeräumt wird und ein Verzicht auf die Taufe nicht zur Verbannung führt, ist der Anteil der Austretenden im 20. Jahrhundert immer weiter gesunken: Im Durchschnitt verbleiben derzeit 85 Prozent der Heranwachsenden, hinzu kommen einige Konvertiten.
Wie machen die Amischen das?
Im Gegensatz zu einem naiven Vorurteil leben die Amischen keineswegs einfach das Leben des 17. Jahrhunderts weiter, sondern wählen immer wieder zwischen den Möglichkeiten , die sie akzeptieren und jenen "weltlichen", gegen die sie sich abgrenzen. So lehnten sie Sklaverei entschlossen ab, als sie noch üblich war und sprechen untereinander bis heute ihren deutschen Dialekt, lehren ihren Kindern daneben aber auch Englisch. Ihr Erfolgsrezept ist die Dezentralisierung: Jeder der inzwischen über 1.700 Kirchenbezirke besteht aus einigen Familien, die eng vernetzt sind und aus deren Mitte in einer Mischung aus Wahl- und Losverfahren ein Bischof, zwei Prediger und ein Armendiener (Diakon) bestimmt wird. Der Bezirk verwaltet sich selbst und interpretiert die nur mündlich überlieferte "Ordnung" in eigener Verantwortung, wenn natürlich auch beratend eng verflochten mit umliegenden und verschwägerten Bezirken und gelegentlichen "Diener-Versammlungen" der Amtsträger. Kirchengebäude, religiöse Symbole oder theologische Lehrtexte sind unnötig - die einfachen Gottesdienste werden reihum in den Häusern und Schuppen der Bezirksfamilien ausgerichtet. Die Folge: Es werden zu Fragen auch unterschiedliche Lösungswege beschritten - und schließlich meist jene übernommen, die sich bewährt haben. Wer sich trotz Ermahnungen nicht an die Regeln seines Kirchenbezirks hält, kann ausgeschlossen und "gemieden" werden und dieses Schicksal kann auch Bezirken drohen, die zu weit ausscheren.
Ein Beispiel: Auch die meisten Amisch-Landwirte benötigen längst Traktoren auf dem Hof, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Damit diese aber nicht als Ersatz-Autos benutzt werden können, setzte sich vielerorts die Regel durch, dass nur Holzreifen verwendet werden - tauglich für Hof und Feld, aber nicht die Straße(n) und damit keine Verdrängung von Pferd und Buggy.
Natürlich führt diese dezentrale Freiheit zu den verschiedensten Strömungen und auch Abspaltungen. Nur ist das für das Überleben der Gemeinschaft kein Problem: Das demografische Wachstum gleicht auch gravierende Trennungen (wie nach 1877, als fast zwei Drittel der Kirchenbezirke Öffnungen bejahten und später mit der mennonitischen Kirche verschmolzen) innerhalb weniger Jahrzehnte wieder aus.
Warum wandern so wenige Amisch ab?
Ein Teil der Antwort wurde schon genannt: Aufgrund der inneren Vielfalt können sich jene Amische, die etwas liberalere oder strengere Regeln befürworten, entsprechend ausgerichteten Bezirken anschließen. Der Anteil der Erwachsenen, die sich gegen die Erwachsenentaufe oder für eine Abwendung von der Gemeinschaft entschlossen haben, ist während des 20. Jahrhunderts auf unter 20% pro Generation gesunken. Generell treten (vgl. Gretchenfrage) häufiger Männer als Frauen aus und häufiger Mitglieder liberalerer Bezirke als jene aus strikteren. Seltener treten auch jene aus, die eine der eigenen Amisch-Schulen besuchten, die nach Einführung der Schulpflicht begründet wurden. Die Amischen bestätigen damit die Theorie der kostspieligen Signale (siehe hier): Ihre Gemeinschaften sind umso stabiler, umso sichtbarer sie sich in Kleidung, Lebensführung und Glauben von ihrer Umgebung unterscheiden.
Wie ist das Verhältnis zum Staat?
Die Amischen beten für Staat und Obrigkeit als von Gott eingesetzt, zahlen Steuern (auch z.B. die Schulsteuern, obwohl sie eigene Schulen betreiben) und achten die Gesetze - außer, wenn diese aus ihrer Sicht der "Ordnung" widersprechen. Militärdienst, Evolutionstheorie und Sexualkunde im Unterricht, eine staatliche Krankenversicherung statt ihres Systems gegenseitiger Hilfe lehnen sie strikt ab - über diese und andere Fragen gab und gibt es immer wieder Verhandlungen. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden sie oft verachtet und als "dumb Germans / dumme Deutsche" geschmäht, zumal während der Weltkriege. Aber umso mehr sich auch die US-Gesellschaft modernisierte und individualisierte, ernteten sie als erkennbare Alternative auch Neugier und Bewunderung. Heute verdient ihre Umgebung an Amisch-Tourismus, Staat und Kommunen freuen sich über die ordentlich gezahlten Steuern fast ohne umgekehrte Erwartungen und in Büchern und Filmen lassen sich Christen weltweit von ihnen inspirieren. In wachsenden Teilen der US-Öffentlichkeit gelten die Amischen nicht nur als Beweis der Freiheit, wie es sie nur in den USA gebe und fragen auch schon mal, ob die Amischen heute in Europa überleben würden. Längst wird auch anerkannt, dass ihr stures Beharren auf Freiheitsrechten gegenüber dem Staat zur Verteidigung dieser Freiheiten (z.B. gegen Militärpflicht, staatliche Schulbehörden etc.) insgesamt beigetragen hat.
Gegen mancherlei Idealisierungen ist gleichwohl festzuhalten: Auch die Amischen haben kein Paradies geschaffen, sie sind keine "besseren Menschen" und behaupten dies auch nicht von sich. Wie alle Gesellschaften pflegen auch sie ausgrenzende Vorurteile (z.B. gegen Juden, Muslime, Dunkelhäutige) und ringen auch immer wieder mit internen Problemen. So stößt, um nur ein Beispiel zu nennen, der Verzicht auf "weltliche" Strafverfahren und Therapieeinrichtungen zugunsten von Buß- und Bannstrafen in der Bekämpfung von Kindesmissbrauch an seine Grenzen. Die teilweise Ablehnung von Impfungen wird in größeren Siedlungsgebieten zum Problem. Und es fehlt vielerorts an erstehbarem Land, um weitere Höfe oder Bezirke zu gründen.
Evolutionsbiologisch bilden die Amischen ein eindrucksvolles Fallbeispiel für das reproduktive Potential religiöser Vergemeinschaftung. Wer behauptet, wissenschaftlich zu denken, sollte anerkennen: Ohne ihren Glauben sind Sozialstruktur, Kultur und Kinderreichtum der Amischen nicht zu erklären. Sie präsentieren gerade uns "rational-aufgeklärten" Menschen der Neuzeit damit ein interessantes Paradox, das wir längst weltweit beobachten und noch gar nicht reflektieren: Dass diejenigen Menschen, die die Evolutionstheorie ablehnen, sich biologisch weit erfolgreicher verhalten können, als wir wissenschaftlich Gebildeten.
Und ihr Wachstum geht weiter: Mehr als die Hälfte der heutigen Amischen ist unter 21 Jahre alt, die nächste Verdoppelung ihrer Anzahl, die Gründung weiterer Bezirke also schon in Sicht...
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