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Warum verfielen die antiken Götterkulte - und siegte der Eine?

von Michael Blume, 23. Dezember 2008, 16:56

Die aktuelle EPOC-Ausgabe 1/2009 beschäftigt sich eindrucksvoll und empfehlenswert mit dem griechischen Götterhimmel. Waltraud Sperlich informiert über neueste Ausgrabungen, die ältere Wurzeln griechischer Überlieferungen, Rituale und Heiliger Stätten freilegen (Die Wiege des Zeus, S. 16-24). Barbara Patzek und Klaus-Dieter Linsmeier verdeutlichen den prägenden Einfluss von Homer und Hesiod auf Mythologie und damit letztlich auch Gesellschaft und Politik (Aus Chaos entstanden, S. 24-27). "Die himmlischen Zwölf" (von Hunderten) werden uns auf den S. 28-33 vorgestellt. Und Hakan Baykal lässt die kurze Regentschaft von Kaiser Julian Revue passieren, der im 4. Jahrhundert noch einmal versuchte, den antiken Glauben wiederherzustellen - und scheiterte (Der letzte Sohn der Götter, S. 34-39). Die Religionssoziologie (z.B. Rodney Stark) haben sich zudem daran gemacht zu erforschen, wie und womit sich der Monotheismus schließlich gegen staatliche Verfolgung durchsetzte.

Die griechischen Götter waren bunt und interessant - warum siegte der Monotheismus?

In den letzten Jahren hat die Religionswissenschaft einige Fortschritte im Hinblick auf die Frage gemacht, warum die antiken Kulte auch in den Jahrhunderten verfielen, in denen sie staatlich gefördert wurden - wogegen Juden und Christen (aber auch Anhänger henotheistischer Kulte wie der Isis und Cybele) Diskriminierung und Verfolgung erlitten. Warum setzte sich der Monotheismus gegen die religiöse Konkurrenz und die staatliche Macht durch? Und warum geschah das vor allem in und aus den Städten - bis heute werden Nichtmonotheisten als Landbewohner bezeichnet - Heiden, Pagans? Neuere, auch empirische Forschungen (z.B. des Religionssoziologen Rodney Stark) sowie auch vergleichende Beobachtungen an heutigen Religionsgemeinschaften zeichnen ein immer klareres Bild.

Kurz gefasst lässt sich die Antwort auf die Titelfrage in drei Teile gliedern.

1. Gemeinschaftszusammenhalt

Gerade in die Städte brachten Zuwanderer immer neue Götter mit, es bildeten sich riesige Götterscharen einerseits, ethnisch-religiöse Enklaven andererseits. Zwischen den Anhängern verschiedener Völker kam es zu Reibereien und auch der aufgeklärte Stadtbürger stand einem Sammelsurium unterschiedlichster Götter für alle Lebenslagen gegenüber. Als Folge dieser "göttlichen Vielstimmigkeit" verfiel sowohl die ethische Verbindlichkeit (warum Gebote ausgerechnet dieses Gottes respektieren?) und auch die Rituale und Opfergaben wurden an unterschiedlichste Kulte "gestreut".

Dagegen traten die monotheistischen Religionen mit der Botschaft einer Gottheit an, die alle Menschen ansprach und Fremde zu "Brüdern und Schwestern", zu hoch exklusiven, aber eben auch verbindlichen Gemeinschaften verband. Die kostspieligen Anforderungen (z.B. Speise-, Opfer- und Zeitgebote) schreckten Trittbrettfahrer ab (vgl. Beitrag zu Ritualen und den zehn Geboten) und Synagogen- und später Kirchengemeinden bildeten Solidargemeinschaften, in denen Kinder, Kranke, Alte, die sprichwörtlichen "Witwen und Waisen" versorgt und religiös unterwiesen wurden, die auch als Anlaufstellen für Fernreisende wirkten. Das indirekt höchste Lob hierzu stammt ausgerechnet vom o.g. Kaiser Julian, der - erfolglos - dazu aufrief, auch unter den Paganen vergleichbare Solidarität zu schaffen, um den Zulauf zu den christlichen Gemeinschaften einzudämmen.

Aber es soll nicht verschwiegen werden: Der Preis für den höheren Zusammenhalt in monotheistischen Gemeinschaften bestand (und besteht!) gleichwohl in einer oft höheren Intoleranz gegenüber "Ungläubigen", auch die Überwindung ethnischer Schranken "im Inneren" geht bisweilen mit einer deutlicheren Abgrenzung "nach Außen" einher.

2. Verbindlichkeit, besonders in der Ehe

Besonders erfolgreich war (und ist!) der Monotheismus unter Frauen. Denn das weitgehende Fehlen verbindlicher Gebote untergrub die Sicherheit der Familien. Nicht umsonst hatten viele Mythen über "Göttervater" Zeus dessen Seitensprünge zum Thema und seine Gattin Hera wird auch in EPOC folgerichtig als "die Eifersüchtige" tituliert. Was unter Göttern heitere Geschichten prägte, war für Frauen in den Städten bedrückende Realität. Wirtschaftliche Abhängigkeit, sexuelle Libertinage, Konkubinats- und Scheidungsrechte des Mannes, Abtreibung und das väterliche Recht auf Kindesaussetzung stellten für sie und ihre Nachkommen reale Bedrohungen dar.

Der strenge Eingott, der den monogamen Ehebund und Familienleben auf Lebenszeit segnete und Ehebruch, Abtreibung, Kindesaussetzung verbot, bot dagegen Männern eine symbolisch erhöhte Rolle nur im Tausch gegen sexuelle Verbindlichkeit. Bis heute dominieren die Frauen Mitgliedschaft und Alltagsreligiosität der monotheistischen Religionen, wogegen Männer in der Konfessionslosigkeit, UFO-Glaubensbewegungen und Neopaganismen überwiegen (vgl. Beitrag zur Gretchenfrage). Auch dieses Verhalten lässt sich heute sowohl in Befragungen wie in der empirischen Eheforschung feststellen.

Der Preis für die strikte Monogamie bestand (und besteht!) jedoch häufig in inakzeptablen Freiheitseinschränkungen auch der Frau: Wenn sich die Männer schon exklusiv auf eine Familie festlegen sollten, so wurde umgekehrt der Ehebruch der Frau zum sanktionierten Verbrechen, nicht selten entfaltete sich eine patriarchale Doppelmoral. Man bedenke in diesem Kontext z.B. die Symbolkraft der Jesusüberlieferung (Joh 8,1-11), der mit dem Hinweis auf Sünden der Männer eine Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrte...

3. Demografischer Erfolg

Der Verfall der polytheistischen Verbindlichkeit hatte auch demografisch ernste Konsequenzen. So beklagte z.B. Polybios im 2. Jahrhundert vor Christus bestürzend "modern" wirkende Entwicklungen:

"In der Zeit, in der wir leben, ist in ganz Griechenland die Zahl der Kinder, überhaupt der Bevölkerung in einem Maße zurückgegangen, dass die Städte verödet sind und das Land brachliegt, obwohl wir weder unter Kriegen von längerer Dauer noch unter Seuchen zu leiden hatten [...] weil die Menschen der Großmannssucht, der Habgier und dem Leichtsinn verfallen sind, weder mehr heiraten noch, wenn sie es tun, die Kinder, die ihnen geboren werden, großziehen wollen, sondern meist nur eins oder zwei, damit sie im Luxus aufwachsen und ungeteilt den Reichtum ihrer Eltern erben, nur deshalb hat das Übel schnell und unvermerkt um sich gegriffen." (zitiert nach Bernhard Felderer, Wirtschaftliche Entwicklung bei schrumpfender Bevölkerung, Berlin, Heidelberg, New York 1983, S. 128)

Die Kombination aus überlebensförderlicher Gemeinschaftlichkeit und reproduktionsförderlicher Familienorientierung bewirkte (und bewirkt!) dagegen eine durchschnittlich höhere Kinderzahl monotheistischer Familien - zumal auch in gemischtreligiösen Ehen vor allem die Mütter die Erziehung der Kinder übernahmen (vgl. 2). Antijüdische und antichristliche Verfolgungen konnten daher das Nachwachsen der Gemeinschaften nicht aufhalten und schweißten die Glaubenden oft nur umso fester zusammen. Interessanterweise ist auch das eine Beobachtung, die wir heute machen können - die aber schon in der biblischen Erzählung vom Pharao, der Angst vor dem Kinderreichtum der Israeliten bekommt (Buch Exodus) thematisiert wird und mutmaßlich also schon vorantik bekannt war. Auch heute gilt nachweisbar: Verbindlich religiöse Menschen haben durchschnittlich deutlich mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn - und dies gerade auch in freiheitlichen und wohlhabenden Umgebungen.

 

Der Preis für den demografischen Erfolg besteht freilich in der regionalen Verschärfung von Überbevölkerung (derzeit z.B. in Afrika und Südostasien) und teilweise auch der Ablehnung von Verhütungsmitteln durch monotheistische Geistliche.

Besser? Vielleicht. Erfolgreicher! Das auf jeden Fall.

Ein interessanter, neuzeitlicher Vergleich für die Konkurrenz verschiedener Glaubenssysteme bietet auch Indien, dessen Polytheismus sich vielerorts bereits zu einem Henotheismus (die Vielen als Ausdruck des Einen) weiterentwickelt hat und weiter entwickelt: Aber auch hier wehren sich einige hinduistisch-extremistische Bewegungen teilweise mit Gewalt z.B. gegen die Aufhebung der Kastenordnungen durch die monotheistischen Sikhs, Christen und Muslime, werfen monotheistischen Sozialwerken deren erfolgreiche Missionswirkung vor, werden in einigen hinduistischen Regionen v.a. Mädchen abgetrieben und weisen v.a. Muslime überdurchschnittlich hohe Geburtenraten auf - mit allen daraus folgenden Konflikten!

Ob monotheistische Religionen also moralisch "besser" zu beurteilen seien, kann die Religionswissenschaft normativ nicht entscheiden. Sie kann allenfalls berichten, dass sie mit ansteigender Bevölkerungsdichte erfolgreicher werden und sich also religionshistorisch tendenziell durchsetzen - aber eben auch nicht selten mit Phasen der Intoleranz und Gewalt. Wie die antiken Götter frühere Ahnen- und Schamanenkulte abgelöst hatten, so war schließlich auch ihre Zeit gekommen, wenn auch kleine Gruppen von Neopaganen Wiederbelebungen versuchen. Urbanisierung und Globalisierung bedeuten seit Jahrtausenden unter anderem auch ein Sterben der Götter, hin zu dem Einen. (Vgl. BGAEU-Artikel hier)

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich auf diesem Wege freudvolle Feiertage und einen guten Rutsch (übrigens vom jüdisch-hebr. Rosch = Neujahr) ins neue Jahr!





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Kommentare

  1. Ingo Übrigens ...
    28.12.2008 | 11:59

    ... kann sich an diese Überlegungen noch ein weiterer Gedanke anschließen:

    Warum ist Monotheismus heute weltweit demographisch immer noch - oft - "erfolgreich"?

    Nun, vielleicht einfach, weil wir ein psychisch ziemlich repressives, andere Gottanschauungen verketzerndes Religionsmodell seit über tausend Jahren verinnerlicht haben - in der breiten Masse der Menschen - (unbewußt). Wir wir aber eine vergleichsweise Verinnerlichung ANDERER Religionsmodelle INFOLGE diffuser repressiver Elemente auch heute noch im Geiste dieser alten monotheistischen Untoleranz NICHT erlangt haben.

    Bekanntlich agiert auch der Atheismus heute noch oft recht intolerant. Warum eigentlich? Herrscht da nicht der gleiche monotheistische Geist vor, der hier - immer noch - weiter wirkt? Man KÖNNTE das vermuten.

    Wir sind - als Gesellschaft - gar nicht mehr so recht fähig, nach tausend Jahren Christentum, religiös zu sein und dennoch dabei ZUGLEICH religiös FREIHEITLICH im Sinne der antiken Kultur mit ihrer großen Vielfalt an religiösen Bestrebungen. Eine FREIHEITLICHE Religiosität ist in den Herzen der Menschen heute nicht oder vergleichsweise wenig verinnerlicht.

    DESHALB wahrscheinlich so schnell und leicht der Übergang zum (intoleranten) Atheismus.

  2. Klaus Deistung Sichtweisen - Ergebnisse
    28.12.2008 | 12:16

    @KRichard
    Sie schreiben „genial“ – für mich ist die Bibel u. a. aus gutem Grund eine Quelle von High-Tech-Informationen. Im Zusammenhang mit den sumerischen Keilschriften wird auch unterstrichen, dass mehr für die Wissenschaft wahr ist, als sie bisher annimmt – interdisziplinäre Zusammenarbeit ist oft noch zu wenig.
    „Als Magier und Sternendeuter waren sie Eingeweihte...“ - Vor dem Untergang Babylons würden auch die Astrologen nicht bewahren können: "Es sollen hervortreten und dir helfen die Meister des Himmelslaufes und die Sterngucker, die an jedem Neumond (Monatsanfang) kundtun, was über dich kommen werde! Siehe, sie sind wie die Stoppeln, die das Feuer verbrennt. Sie können ihr Leben nicht erretten..." (Jesaja 47, 13 und 14). Die Astrologen des alten Babylons waren also nicht nur unfähig, ihrer Stadt wirksam zu helfen, sondern waren auch nicht in der Lage, die Zukunft so vorher zu sehen, dass sie ihr eigenes Leben hätten retten können. Astrologen, die sich auf die Bibel berufen, sollten sie lieber genau lesen. Ein modernes Gegenstück: Das Jahreshoroskop, wichtige Ereignisse werden nicht voraus gesehen – Wahrheitsgehalt: kleiner 20%! Es hat sich nichts geändert!
    Wir haben viele Begriffe für die drei bedeutenden Herren aus dem Morgenland... „Die gebildeten Menschen der damaligen Zeit dürften diese Botschaft verstanden haben.“ - Lässt den Schluss zu, dass wir heute etwas falsch machen, wenn die Menschen das nicht verstehen!
    Die Menschen haben es auch nicht verstanden, warum in Berlin zur Ökumäne ein gemeinsames Abendmahl verboten wurde - Machtkampf!

  3. Olaf Schanz kein Betreff
    28.12.2008 | 12:22

    Wenn man den im Text beschriebenen Vorgang langfristig versteht, dann kann ich ihm beipflichten. Betrachtet man dagegen kürzere Zeitspannen, dann gibt es da hefitge Sprünge.
    Auch unter Monotheistischen Religionen bzw. Konfesionen gibt es obige Tendenzen. Z. B. Sind in den ehemals mehrheitlich protestantischen Niederlanden die katholische Bevölkerung jetzt der stärkse Religionsgemeinschaft.

  4. KRichard @Klaus Deistung, @Ingo
    28.12.2008 | 16:53

    @Klaus Deistung
    Bei diesem Blog geht es um die Frage, warum die antiken Götterkulte verfielen.
    Ich bin kein Astrologe und halte auch nichts von Astrologie; aber man muss dieses Thema auch ansprechen, wenn man den Übergang zum - und Aufstieg des - Christentums verstehen will.
    Ich versuche (mehr oder minder gelungen) Anregungen zum Thema zu geben - und freue mich auch, wenn ich andere Denkanstöße zu lesen bekomme. Das ist für mich der Sinn des Blogs: den Horizont zu erweitern.

    Wir sollten aber nicht den Fehler machen und Geschehnisse der damaligen Zeit mit heutigen Problemen (gemeinsames Abendmahl)vermischen.

    @Ingo
    Ein Grund, warum Monotheismus erfolgreicher war als Vielgottglauben, dürfte vermutlich darin liegen, dass Menschen gleichen Glaubens viel besser miteinander auskommen: Weil der Glaube als Streitpunkt wegfällt. (Das sagt aber nichts über Qualität/Richtigkeit dieser Glaubensrichtung aus.)

  5. Michael Blume @ Ingo: Antipathie als Vorurteil?
    28.12.2008 | 19:32

    Lieber Ingo,

    dass der Monotheismus verbindlichere Regeln setzt, ist ja unstrittig - das scheint sein Erfolgsmodell zu sein (und ein Grund, warum vor allem Männer ihm bisweilen Freiheitsberaubung vorwerfen). Ich darf aber noch einmal darum bitten, zwischen persönlichen Sym- oder Antipathien zu unterscheiden. Hier einfach noch einmal harte, historische und überall überprüfbare Fakten:

    1. Der Monotheismus setzte sich gerade im römischen Reich gegen die Staatsmacht durch und wurde schließlich durch diese übernommen. Die "Hypothese", dass der Monotheismus als Erfolgskriterium auf staatliche Macht angewiesen sei, ist also WIDERLEGT - er setzte sich GEGEN sie durch. Durch ständige Widerholungen wird diese Hypothese nicht wieder haltbar.

    2. Zwar hatte der Polytheismus die Chance der gegenseitigen Übersetzung, aber das Klischeebild toleranter Polytheismen und fanatischer Monotheismen ist so schlicht falsch. So wurden im polytheistischen Rom nicht nur Juden und Christen diskriminiert und bisweilen verfolgt, sondern auch z.B. die Kulte der Cybele, der Isis u.a. Auch Sokrates wurde (unter dem Vorwurf des Atheismus!) im polytheistischen Athen zum Tode verurteilt - von den brutalen Kriegen und Massen-Menschenopfern polytheistischer Systeme bei Maya, Azteken, Inka etc. ganz abgesehen.

    Damit ist Assmanns These vom "toleranten" Polytheismus versus der "mosaischen" Intoleranz nicht absolut widerlegt, aber als Schwarz-Weiß-Allgemeingültigkeit doch sehr geschwächt. Wissenschaftliches Denken heißt doch bitte auch, sich von Klischees zu verabschieden, wenn sie durch Fakten widerlegt werden...

  6. Elsa Laska @ingo
    28.12.2008 | 20:49

    Deine Vorstellung vom liberalen und toleranten Polytheismus gegen die monotheistische Engstirnigkeit greift ja viel zu kurz.
    Wenn du dich mit der Geschichte des frühen Christentums beschäftigt, dann wirst du festzustellen, dass die christliche Religion sich gerade deshalb durchsetzen konnte, weil sie auf die Armen, Schwachen und Kranken sowie die Kinder Acht gab, ja sie sogar heiligte, etwas, das ja im "heidnischen" Rom nicht gerade selbstverständlich war (ganz im Gegenteil, sie waren einfach nichts wert) - und was insbesondere bei den Frauen (denen womöglich auch diese andauernden Fruchtbarkeitskulte leicht auf die Nerven gingen, wie ich mir sehr gut vorstellen könnte*gg*) sehr gut ankam. Unsere heutige Auffassung von Menschenrechten und Menschenwürde hat sich nicht von ungefähr auf christlichem geistigen Nährboden entwickelt.
    Michael korrigiert mich bitte, wenn ich in der Sache falsch liege.

  7. Michael Blume @ Schanz: Volle Zustimmung!
    28.12.2008 | 20:49

    Lieber Herr Schanz,

    Ihrer Beobachtung kann ich völlig zustimmen! Auch "innerhalb" der monotheistischen Weltreligionen findet der demografische Wettbewerb ständig statt - und lässt sich beobachten. Da gibt es Extremfälle wie die kinderreichen Amischen oder die kinderlosen Shaker, die hier in "Natur des Glaubens" je vorgestellt werden. Aber auch in Reihenuntersuchungen z.B. auf Basis der Schweizer Volkszählung konnten und können wir sogar sehr zeitnahe Entwicklungen sehen. In diesem Vortrag z.B. auf S. 14 und 15:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/...7.pdf

    Ein ganz spannendes Beispiel, das in der Religionsdemografie derzeit intensiv diskutiert wird, ist das Verhältnis von Protestanten und Katholiken. So wiesen bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts europäische Katholiken eine deutlich höhere Geburtenrate im Vergleich zu Protestanten auf, verloren diesen Vorsprung dann schnell - und fallen derzeit europaweit hinter die Protestanten (und unter diesen v.a. die Freikirchen) zurück. Wäre mal ein eigenes Thema, ich wollte hier aber nur unterstreichen, dass Ihre Beobachtung eines auch innermonotheistischen, demografischen Wettbewerbs zutrifft.

  8. Ingo langes Thema
    29.12.2008 | 09:35

    @ Elsa, Michael

    Müßte man noch mal noch mal länger nach vielen Richtungen hin zu Ende denken und abwägen.

    Aber eines ist sicher, Michael, JEDES totalitäre System hat sich zunächst GEGEN den Staat durchsetzen müssen. Über die Freiheitlichkeit oder Intoleranz einer politischen oder religiösen Bewegung sagt es gar nichts, ob diese Bewegung von der Mehrheit und vom Staat sofort willkommen geheißen worden ist oder sich erst mühsam "durchkämpfen" mußte gegen Mehrheitsmeinungen und gegen den Staat.

    Und auch daß das Christentum schon zur Zeit des Kaisers Julian ("des Abtrünnigen") und von diesem selbst als sozialer empfunden wurde (sogar von Julian den Heiden in dieser Hinsicht als vorbildlich hingestellt wurde) sagt nichts insgesamt über den Charakter dieser Religion in der damaligen Zeit.

    Auch der Kommunismus, auch der Nationalsozialismus waren in vieler Hinsicht - und zumal auch auf sozialem Gebiet - "fortschrittlicher" als andere, zeitgleiche Bewegungen.

  9. Ingo Präzisierung
    29.12.2008 | 10:16

    Oder noch mal zur Präzisierung:

    Der Monotheismus hat die Staatsmacht dazu benutzt, konkurrierende Religionen und Götter gnadenlos abzuwürgen und zu vernichten.

    Mit einer bloß wissenschaftlichen (oder philosophischen) Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch als oberste Handlungsmaxime der Gesellschaft und des Staates ist das wohl gar nicht - oder doch zumindest viel schwieriger - möglich.

    (Weil dieser implizite Fanatismus der mosaischen Unterscheidung sehr früh von den heidnischen römischen Kaisern erkannt oder doch zumindest erahnt worden ist, darum wurde er verfolgt und unterdrückt. Das war reine Notwehr religiös liberaler denkender Menschen gegenüber religiös anti-liberal denkender Menschen und Gruppierungen.)

    Wenn man nach der "Anfälligkeit" der spätantiken Gesellschaft für Monotheismus fragt, sollte man vielleicht grundsätzlicher fragen: Was macht Gesellschaften anfällig für totalitäre Systeme oder - früher oder später - widerstandslos gegenüber fanatisch vorgetragenen totalitären religiösen (oder politischen) Bewegungen?

  10. Michael Blume @ Ingo: Traurig
    29.12.2008 | 10:38

    Lieber Ingo,

    der Tiefpunkt deutscher Debattenkultur ist mal wieder erreicht: Der NS-Vergleich. Kopfschüttelnd dürfen wir lesen, die monotheistischen Religionen seien mit Kommunismus (übrigens atheistisch) und NS-Diktatur (übrigens neopagan) zu vergleichen. Die Verfolgungen von Christen und Juden waren dagegen Deiner Meinung nach "reine Notwehr religiös liberaler denkender Menschen gegenüber religiös anti-liberal denkender Menschen und Gruppierungen."...

    Obwohl ich den Verdacht hege, dass Dich seriöse Argumente gar nicht mehr wirklich interessieren, nochmal ein Versuch:

    1. Die Monotheisten waren keine kurzlebige, politische Bewegung, sondern überdauerten Jahrhunderte auch in Minderheiten- und Verfolgungssituation. So durchlebte das Judentum sowohl Zeiten als Reichsreligion, wie auch der Verschleppung und Unterdrückung in der Diaspora (z.B. bayblonisches Exil).

    2. Die Christen putschten sich auch in Rom nicht an die Regierung, sondern umgekehrt nahmen römische Kaiser wie Konstantin und Notabeln schließlich den erfolgreichen Glauben an, der über Jahrhunderte von unten her herangewachsen war.

    3. Das moderne Land mit dem höchsten Anteil an monotheistisch-religiös praktizierenden Menschen sind derzeit die USA: Eine Demokratie ohne Staatskirche, ohne jede staatliche Kirchenfinanzierung, staatlichen Religionsunterricht o.ä. und mit umfassender Religionsfreiheit auch für Atheisten, Poytheisten, Neopagane etc.. Auch im Hinblick auf die Demokratien der EU, Israels oder die Türkei erscheint jede Gleichsetzung mit den roten oder braunen Terrordiktaturen grotesk.

    All dies spricht sichtbar gegen Deine "These", "der Monotheismus" sei totalitär und zum Selbsterhalt auf staatliche Macht angewiesen. Das war und ist er nicht. Und ich würde mich sehr freuen, wenn hier statt unsäglichen NS-Vergleichen wieder ernsthafte und niveauvolle Themen diskutiert werden würden.

  11. Elsa Laska Danke Michael.
    29.12.2008 | 13:17

    Mehr bleibt zu Ingos Beitrag tatsächlich nicht zu sagen.
    *kopfschüttelnd*
    Elsa

  12. Ingo Tiefpunkt? Ja!
    30.12.2008 | 10:01

    Lieber Michael,

    ich habe nicht nur mit dem NS verglichen, sondern mit allen fanatischen totalitären Systemen. Der Gedanke "kam" mir einfach. Ich lege mir keine Schranken beim Denken auf. Wozu? Aber wenn eine zur politischen Macht gekommene religiöse Sekte gnadenlos alle konkurrierenden religiösen und philosophischen Anschauungen bekämpft und ausrottet, dann erinnert das schon sehr stark ans 20. Jahrhundert. Siehst Du das etwa anders?

    Mir wird so ein bischen bewußt, daß Du das Christentum von heute (wie es zumeist von lauen, liberalen Christen noch gelebt wird) verwechselst mit dem kämpferischen, fanatischen Christentum wie es sich über ein Jahrtausend lang der Weltgeschichte präsentierte.

    Das was die heute weit verbreitet als schrecklich empfundenen missionarischen Sekten bei den Ureinwohnern in Südamerika und sonstwo noch HEUTE machen, das war früher "Gang und Gäbe" überall wo Christen hinkamen: Die alten Götterfiguren, Ahnentafeln, alles, was an alte Religion, an Heidnisches, Teuflisches erinnerte, wurde verbrannt, in der Erinnerung der Menschen getilgt. Der Taufspruch des ersten christlichen fränkischen Königs Chlodwig lautete: "Bete an, was du verbrannt, verbrenne, was du angebetet hast."

    Und jetzt willst Du mir sagen, das Christentum hätte in seiner Geschichte KEINE "totalitäre" Seite besessen? Das wären alles nur idealistische junge Männer und Frauen gewesen, voller Hilfsbereitschaft gegenüber ihren Mitgläubigen, die tolerant und liebevoll alle Andersgläubigen geachtet und geehrt hätten in ihrer Religiosität und die sich DENNOCH, trotz ihrer Toleranz und Liberalität in der Weltgeschichte durchgesetzt hätten?

    Die "Religion der Liebe" war gerade wohl deshalb, weil sie so viel "Liebe" auf ihre Fahnen geschrieben hatte, keineswegs zu allen Menschen und ihren Anschauungen besonders liebevoll.

    Warum sprichst Du vom "Tiefstand" in der Debattenkultur, anstatt einfach von einem Tiefstand in der Weltgeschichte zu sprechen, der erreicht wurde damit, daß in praktisch jedem Weltteil, wo das Christentum hinkam, die kulturelle, religiöse und philosophische Vielfalt, ein buntes, schönheitstrunkenes Leben platt gemacht wurde, eingeebnet wurde.

    NATÜRLICH hat auch der Polytheismus dunkle Seiten. Wer wollte das bestreiten. Aber wenn man dem Polytheismus vorwerfen wollte, er hätte fanatisch Monokultur ausgebreitet in der Weltgeschichte, dann könnte man das - vielleicht - von Alexander dem Großen und von der Hellenisierung eines ganzen Weltteiles sagen. Aber selbst dort: Welch ein ganz anderer Geist.

    Der Hellenismus errichtete die sagenhafte Bibliothek von Alexandrien, das Christentum zerstörte sie.

    Sorry, wenn das arg "polemisch" klingt. Aber ich rede nur von Tatsachen. Genauso wie Du von Tatsachen redest, die ich alle nicht in Zweifel stelle. Ich sehe halt nur noch eine Seite, die Du offenbar gern verdrängst. Dadurch bekommst Du aber kein vollständiges Bild des Ursachenbündels, das Deine hier gestellte Frage beantworten würde.

  13. Ingo Hm!
    30.12.2008 | 10:23

    Warum nahmen die Mächtigen, die Adligen oft früher das Christentum an als andere Gesellschaftsschichten? (Zum Beispiel bei den Franken, den Sachsen, den Dänen und Norwegern und auch anderswo, wohl auch z.T. im Römischen Reich.) Nun, vielleicht, weil sie sahen - siehe z.B. das Ottonische Reichskirchensystem - daß man mit monotheistischer Religion sehr gut Herrschaft ausüben kann, Menschen disziplinieren kann. Daß Bischöfe disziplinierter sind (katholische, nicht arianische ...), als andere Staatsbeamte, Gaugrafen. Usw. usf..

    Ich sage nicht, daß das nur verwerfliche Motive gewesen sein müssen in einer gesellschaftlich und moralisch vielleicht etwas aus den Fugen geratenen Zeit wie der der Spätantike und ihren "barbarischen" Völkerwanderungen. Ich meine eben nur, daß der anti-liberale, anti-freiheitliche Geist, der Jahrhundertelang das Christentum dominierte, mitberücksichtigt werden muß, wenn man verstehen will, warum das Christentum über andere religiöse Anschauungen siegte.

    Die Christen waren damals oft noch so fanatisch wie manche heutigen islamischen Glaubenskrieger - oder siehst Du das etwa anders? Der Islam hat sich doch auch - erst - durch die allerheftigsten Glaubenskriege ausgebreitet. Man kann doch nicht so tun, als hätte es diese Seite der Kirchen- und Religionsgeschichte gar nicht gegeben.

    Ja, die frühen heidnisch-römischen Autoren sahen die frühen Christen als ungefähr vergleichbar staatsgefährdend an wie wir heute vielleicht die Nazis und die Kommunisten als staatsgefährdend ansehen. Und wie ich denke, damals mit "einigem" "historischen" Recht. Mit einem solchen Urteil sage ich doch nichts über Christen und Juden an sich, wie Du mir wohl hoffentlich nicht unterstellen willst. Bekanntlich können Christen und Juden ja auch in der Mehrheit in ihren Anschauungen sehr viel liberaler und toleranter, freiheitlicher werden, als sie dies über weite Strecken der Kirchengeschichte gewesen waren.

    Aber es ist einer der simpelsten Fehler in der Geschichtswissenschaft, von der Gegenwart auf die Vergangenheit zu schließen und einfach zu sagen: So wie heute war es immer schon. "Jede Epoche" ist aber "unmittelbar zu Gott" wie schon der große Ranke wußte und muß darum aus ihrem eigenen Geist heraus verstanden werden, nicht aus dem heutigen.

    (Das IST ja eben der Geist des "dritten Bestrafers im gesellschaftlichen Third-Party-Punishment-Spiel", daß dieser um so wirksamer und erfolgreicher ist, um so einheitlicher und geschlossener und um so unbezweifelter in einer Gesellschaft an diesen einen "dritten Bestrafer" geglaubt wird, und um so weniger die Gesellschaftsangehörigen an ihm zweifeln und an dem engen Bündnis zwischen den politisch und religiös Mächtigen mit diesem "dritten Bestrafer". Will heißen: Um so totalitärer die Herrschaft dieses dritten Bestrafers und seiner Interpreten ausgeübt wird.)

    Solche Gottesstaaten, wie sie heute zum Teil in der islamischen Welt verwirklicht werden sollen, exakt solche "Gottesstaaten" versuchten doch auch die frühen christlichen Staaten zu verwirklichen.

    Du meinst, ich lasse mich von "Antipathien" leiten? Nein, ich ignoriere gewichtige geschichtliche Tatsachen nicht und reagiere auf diese tatsächlich durchaus mit Antipathien aber ich reagiere deshalb darauf mit Antipathien, weil wir das doch - zum Glück - heute alle machen.(Da wir eben - zum Glück - in einem humanistischeren, aufgeklärteren Zeitalter leben - zumindest streckenweise und zumindest soweit es das Selbstbild westlicher Menschen betrifft.)

  14. Thilo Merkwürdiges
    30.12.2008 | 12:17

    Vielleicht ist es von Interesse, daß derselbe Michael Blume, der hier (nicht ganz zu Unrecht) Herrn Bading NS-Vergleiche vorwirft, gerade vor 8 Tagen im Fischblog (bei der Abstimmung zur Auslese 2008) einen Artikel als BESTEN Blogartikel des Jahres 2008 vorgeschlagen hat, in dem der angebliche "Holocaust-Kult" scharf kritisiert wird.

    ( Hier geht es zu Herrn Blumes Kommentar. Man sollte sich auch den von ihm empfohlenen und verlinkten Artikel durchlesen. Ich finde Herrn Blumes Vorsclag äußerst befremdlich, auch wenn es sich bei dem vorgeschlagenen Artikel vielleicht noch um eine Meinungsäußerung innerhalb des demokratischen Spektrums handeln mag.)

    Hier wählt offensichtlich jemand seine Argumente immer so, wie es gerade paßt.

  15. Basty Castellio Runter von den Streitpferden
    30.12.2008 | 12:38

    Letzte Nacht nahm ich mir vor zu schreiben: Singt dem Ingo nicht das Lied von den "Schmuddelkindern". Mit denen kann man spielen und mit ihm kann man schreiben/ sprechen. So, und wer jetzt sagt, ich hätte den Ingo ein "Schmuddelkind" genannt, verwechselt Vergleich und Gleichsetzung.
    Und diese Verwechslung zieht sich durch viele Debatten - nach meiner Beobachtung seit etwa 10 Jahren: dass Vergleiche unter der Hand als Gleichsetzungen interpretiert werden. Ein Gruß an Frau Däubler-Gmelin.
    Theologen lernten, dass es immer auf den VergleichsPUNKT ankommt - sonst würde Jesus den Messias/Menschsohn mit einem Kriminellen gleichsetzen und seine Nachfolger mit Betrügern (Lukas 12,39 und 16,8).
    Es gibt schlicht Punkte, in denen man die Machtverschiebungen in der Konstantinischen Wende und die des 20. Jahrhunderts vergleichen kann. Hypathia lässt grüßen. Und nicht nur sie. Aber Punkte sollte man nicht als Gesamtaussagen plattwalzen...

    Na ja, das dazu. Jetzt aber, nach der Morgenlektüre (noch ohne Thilo, dessen Äußerung ich während einer missglückten Eingabe-Prozedur kurz sah), möchte ich lieber betonen: Runter vom Streitpferd, sonst wird doch noch einiges platt getrampelt. Bitte die Scherben auflesen, bevor sie zertrampelt sind - so ist es doch bei der Erforschung der Antike angemessen :-).
    Ich fürchte, Ingo versucht wegen mancher fürchterlicher Begleiterscheinungen der Christianisierung die jeweils anderen zu sehr zu idealisieren: liberal, weltoffen... Solche Idealisierungen gibt es auch sonst - zB gegenüber der russischen Geschichte vor der Oktober-Revolution, wegen der dadurch verursachten fürcherlichen Begleiterscheinungen.

    A propos Oktoberrevolution: Ich würde natürlich betonen, dass auch die, die dafür zu Märtyrern wurden, deshalb keine (roten) Heiligen sind. Und umgekehrt dasselbe. Aber nicht dass jemand sagt, ich würde wegen dieses spiegelbildlichen Vergleichs beide gleichsetzen. Sondern schlicht: Märtyrer zu sein ist noch kein hinreichender Beweis für eine gute Sache. Sondern das wäre jeweils einer differenzierten Einzeluntersuchung wert.

    Noch grundsätzlich zu Revolutionen und anderen Machtverschiebungen - da würde ich gerne noch die Sache von 1789 dazunehmen:
    *Während* der Umwälzungen schieben sich - u.U. gegen die eigentliche Führungselite - gerne Leute nach vorne, die eine gerechte Sache für ihre eigenen niederträchtigen Zwecke missbrauchen; und dazu die (bisherige) Führungselite unter sich bringen/beseitigen. Die Revolution frisst nicht nur ihre Kinder sondern auch ihre Väter.

    Übrigens - ein gewisser Vergleichspunkt dürfte auch der eschatologische Anspruch mancher Revolutionäre sein: Mit ihrer Revolution das abschließende Kapitel der Weltgeschichte zu schreiben - das Gefühl/Gehabe: Nach uns kann nichts mehr kommen. Das wirkt sich leicht - ob monotheistisch oder sonstwie - totalitär aus: Wer nicht dran glaubt, muss dran glauben...
    Das war 1989 sympathisch anders.

    Na ja, solche Vergleichspunkte zu sehen heißt noch nicht, alles gleichzusetzen. Ist natürlich nicht alles "exakt" dasselbe. Und wenn sich Ergebnisse (totalitäre Staaten...) ähneln, kann das völlig verschiedene Ursachen haben.

    Zum ganz Grundsätzlichen: Monotheismus mag monolithisch sein und deshalb zu Machtmissbrauch verführen. Der römische Staatskult war - egal welche Götter da jeweils verehrt wurden - lange Zeit auch ziemlich monolithisch. Da war die christliche Variante des Monotheismus natürlich eine besonders effektive Bündelung von Gegenkraft. Gab ja noch andere Varianten des Monotheismus; und man müsste untersuchen, warum die nicht so zum Zuge kamen. Also liegt es nicht nur am "Mono".
    Und die Christen - für heutige Ohren klingt das neckisch: auch als Atheisten verschrien - galten diesem Staatskult gegenüber als unzuverlässige Elemente - wie heutige Extremisten? Das könnte man nur behaupten, wenn wir einen entsprechenden Staatskult hätten; aber wie die Christen in der DDR (in der die Staats-Sicherheit über alles zu gelten hatte) als unzuverlässige Elemente galten. Schon wieder so ein Vergleich; aber bitteschön: keine Gleichsetzung...

    Macht's gut - runter vom Pferd...

    Basty

  16. Peter Wehner Hochachtung
    30.12.2008 | 13:32

    Sehr geehrter Herr Dr. Blume,

    ich beobachte die Chronologs nun schon eine Weile und wollte mich eigentlich nicht äußern. Aber lassen Sie mich meinen Respekt ausdrücken, dass Sie es schaffen, immer wieder seriös auf "Argumente" einzugehen, die einem normalen Menschen zu ertragen schwer fällt. Und offensichtlich gar nicht wissenschaftlichem Erkenntnisdrang verkörpern, sondern tiefsitzende Abneigung gegen alles, was sie selbst nicht teilen, äußern wollen. Bitte geben Sie nicht auf.

    An Herrn Thilo:

    Der von Ihnen angesprochene Blogeintrag stammt von Herrn Yoav Sapir, einem angehenden Rabbiner hier in den Chronologs. Es ist ein streitbarer und nachdenkenswerter Text, zu dem sich auch eine interessante Diskussion entwickelt hat. Wenn Sie etwas an Herrn Sapirs Beitrag (oder Juden insgesamt?) auszusetzen haben, warum schreiben Sie es nicht Herrn Sapir? Es scheint doch eher, als wollten Sie hier Herrn Ingo "Schützenhilfe" in seiner unhistorischen und unsachlichen Argumentation gegen Glaubensgemeinschaften geben.

  17. Basty Castellio In Pisa ....
    30.12.2008 | 15:26

    ... steht ein schiefer Turm. Und "Pisa" lässt grüßen: Lesen fällt schwer. Vielleicht weil Rache-Gefühle blind machen .
    Jedenfalls hat Michael Blume nicht einen Artikel angepriesen, "in dem der angebliche 'Holocaust-Kult' scharf kritisiert wird". Ich las den Artikel von Yoav Sapir, die damalige Reaktion Michael Blumes und stellte fest, wie anerkannt Herr Sapir innerhalb des jüdischen Bereichs und weit darüber hinaus ist. Punkt. Jedenfalls seinen Artikel als *scharfe Kritik* am Holocaus-Kult zu lesen, ist ziemlich daneben. Und deshalb denunziatorisch Michael Blume als Laudator zu nennen, kann nur aus Rache entstanden sein.

    Nun ja, wenn wir schon bei Rache sind - da hat doch jemand vor Kurzem gegen Blume geschrieben:
    "und jetzt verschwinden Sie bite und
    verschonen uns Wissenschaftsblogleser in Zukunft mit Ihrem
    Propaganda-Spam. Bitte, bitte!"
    O Thilo!

    Basty

  18. Gerhard Mentzel Philosophischer Grund oder Götter
    30.12.2008 | 17:25

    Die Diskussion zeigt, wie notwendig es für die Beurteilung der antiken Auseinandersetzung ist, dem christlichen Glauben in neuer Weise auf den "Grund" zu gehen: nach dem griechischen Logos zu fragen, der auch nach dem Chefwissenschaftler in Rom am Anfang war.

    Alle bisherige Geschichtsdeutung und Beurteilung geht davon aus, wie wenn verschiedene Mysterien in Konkurrenz lagen, sich der Monotheismus über andere dogmatische Glaubenlehren durchsetzte: ob aus Macht, Zweckdienlichkeit oder der Verschriftung eines groooßen Geheimnisses das mit einem Gründer verbunden wurde.

    Der Wandel vom Mythos (leerer Dogmatik, Gesetzlichkeit und Göttervielfalt) zum Logos, der eine echte Glaubenswende bewirkte, kann kaum gedacht werden, wenn wir am Anfang nur einen offenbarenden Gründer sehen, einen geheimnisvollen Guru, der...

    Ich bin gewiss: Wennn wir den im kausalen Fluss allen natürlichen Werdens wahrgenommenen Logos der griechischen Philosophie an den Anfang stellen, der als ewiges Wort der Juden verstanden und in menschlicher Weise kultgerecht vermittelt wurde, kommen wir zu ganz neuen Schlüssen.

    Auch was die Weiterentwicklung bzw. kreative Übernahme des griechischer Götterkultes betrifft, die in Konkurrenz zu einer Re-formistischen antiken Glaubensaufklärung standen, die wir Christentum nennen.

    (Auch wenn die dies heute weitergend in den Mythos zurückgefallen, der Logos nur noch eine mystische Leeeeere ist.)

    Gerhard Mentzel
    www.theologie-der-vernunft.de

  19. KRichard Integration
    30.12.2008 | 18:25

    Wenn in den vorherigen Texten immer wieder angeklungen ist, das totalitäre Christentum hätte die anderen Kulte ausgerottet - dann ist das einfach nur falsch.
    Wenn man genau hinschaut, dann hat das Christentum sehr viel von den anderen Kulten intgriert - und diese damit schlicht und einfach überflüssig gemacht:

    Hl. Familie - gab´s in Ägypten (Osiris, Isis mit dem Horusknaben auf dem Schoß)
    Hl. Abendmahl - gab´s im Mithras-Kult
    7 Sakramente - im Mithras-Kult gab´s 7 Weihestufen.
    Sterben und Wiederaufstehung von den Toten - gab´s in vielen Kulten (im Winter Tod der Vegetation, im Frühjahr beginnt das Leben von Neuem)
    Gegensatz Gut:Böse - gab´s bei Zarathustra
    Jüngstes Gericht mit großem Weltenbrand - gab´s bei Zarathustra
    Verpflichtung Gutes zu tun - Bei Zarathustra hieß es verpflichtend: gute Gedanken, gute Worte, gute Taten
    und und und ...

    Zusätzlich hatten die anderen Kulte keine vergleichbare Hl. Schrift (wie schon mal gesagt)

  20. Michael Blume Zunächst einmal...
    30.12.2008 | 23:09

    ...möchte ich einigen Kommentatoren hier für die vielen differenzierten Beiträge und Ermutigungen hier danken. Und ich würde Dir, @Basty, auch auf jeden Fall zustimmen, dass @Ingo mit Sicherheit keine Gleichsetzung von NS-Diktatur und Christentum intendieren wollte. Was genau seine Hypothese oder Theorie eigentlich sein sollte, kann ich aber auch nicht erkennen.

    Ich muss jedoch einfach um Verständnis bitten, dass eine einigermaßen seriöse, wissenschaftliche Diskussion über Hypothesen und Theorien zu klar definierten Themenbereichen geführt werden sollte, die über konkrete Begriffe und Belege gestärkt oder geschwächt werden. Viele Kommentatoren machen das auch, bringen konkrete Fragen, Beobachtungen, Beispiele ein (z.B. hier @KRichard, @Schanz), auf die man dann wiederum diskutierend, zustimmend, kritisch, ergänzend usw. reagieren kann. Und auch wenn jemand einen Artikel offensichtlich nicht verstanden hat (wie @Thilo im Bezug auf den Holocaust-Beitrag von Yoav Sapir) kann man ja fragen und erklären. Aber auf unscharfe Assoziationen, unklare Begrifflichkeiten und NS-Vergleiche im Hinblick auf das frühe Christen- und rabbinische Judentum lässt sich m.E. einfach kaum mehr seriös reagieren, was soll man denn dazu (zumal bei knappem Zeitbudget) noch schreiben?

    @Ingo, wann kommst Du zur Schamanen-Ausstellung nach Stuttgart, dann diskutieren wir mal drei Kaffees durch und können da in kürzerer Zeit und mit mehr Gelegenheit zu konkreter (und weniger Frust anfälliger) Nachfrage viel mehr Inhalte austauschen! :-)

    @ all:
    Habe zum Abschluss des Jahres einfach nochmal einen humorigen "Vorblick" aufs Darwinjahr gepostet und hoffe, wir sehen uns alle zu lebendigen, aber sachorientierten und kritisch-konstruktiven (!) Diskussionen auch in 2009! :-)

szmtag