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Warum verfielen die antiken Götterkulte - und siegte der Eine?

von Michael Blume, 23. Dezember 2008, 16:56

Die aktuelle EPOC-Ausgabe 1/2009 beschäftigt sich eindrucksvoll und empfehlenswert mit dem griechischen Götterhimmel. Waltraud Sperlich informiert über neueste Ausgrabungen, die ältere Wurzeln griechischer Überlieferungen, Rituale und Heiliger Stätten freilegen (Die Wiege des Zeus, S. 16-24). Barbara Patzek und Klaus-Dieter Linsmeier verdeutlichen den prägenden Einfluss von Homer und Hesiod auf Mythologie und damit letztlich auch Gesellschaft und Politik (Aus Chaos entstanden, S. 24-27). "Die himmlischen Zwölf" (von Hunderten) werden uns auf den S. 28-33 vorgestellt. Und Hakan Baykal lässt die kurze Regentschaft von Kaiser Julian Revue passieren, der im 4. Jahrhundert noch einmal versuchte, den antiken Glauben wiederherzustellen - und scheiterte (Der letzte Sohn der Götter, S. 34-39). Die Religionssoziologie (z.B. Rodney Stark) haben sich zudem daran gemacht zu erforschen, wie und womit sich der Monotheismus schließlich gegen staatliche Verfolgung durchsetzte.

Die griechischen Götter waren bunt und interessant - warum siegte der Monotheismus?

In den letzten Jahren hat die Religionswissenschaft einige Fortschritte im Hinblick auf die Frage gemacht, warum die antiken Kulte auch in den Jahrhunderten verfielen, in denen sie staatlich gefördert wurden - wogegen Juden und Christen (aber auch Anhänger henotheistischer Kulte wie der Isis und Cybele) Diskriminierung und Verfolgung erlitten. Warum setzte sich der Monotheismus gegen die religiöse Konkurrenz und die staatliche Macht durch? Und warum geschah das vor allem in und aus den Städten - bis heute werden Nichtmonotheisten als Landbewohner bezeichnet - Heiden, Pagans? Neuere, auch empirische Forschungen (z.B. des Religionssoziologen Rodney Stark) sowie auch vergleichende Beobachtungen an heutigen Religionsgemeinschaften zeichnen ein immer klareres Bild.

Kurz gefasst lässt sich die Antwort auf die Titelfrage in drei Teile gliedern.

1. Gemeinschaftszusammenhalt

Gerade in die Städte brachten Zuwanderer immer neue Götter mit, es bildeten sich riesige Götterscharen einerseits, ethnisch-religiöse Enklaven andererseits. Zwischen den Anhängern verschiedener Völker kam es zu Reibereien und auch der aufgeklärte Stadtbürger stand einem Sammelsurium unterschiedlichster Götter für alle Lebenslagen gegenüber. Als Folge dieser "göttlichen Vielstimmigkeit" verfiel sowohl die ethische Verbindlichkeit (warum Gebote ausgerechnet dieses Gottes respektieren?) und auch die Rituale und Opfergaben wurden an unterschiedlichste Kulte "gestreut".

Dagegen traten die monotheistischen Religionen mit der Botschaft einer Gottheit an, die alle Menschen ansprach und Fremde zu "Brüdern und Schwestern", zu hoch exklusiven, aber eben auch verbindlichen Gemeinschaften verband. Die kostspieligen Anforderungen (z.B. Speise-, Opfer- und Zeitgebote) schreckten Trittbrettfahrer ab (vgl. Beitrag zu Ritualen und den zehn Geboten) und Synagogen- und später Kirchengemeinden bildeten Solidargemeinschaften, in denen Kinder, Kranke, Alte, die sprichwörtlichen "Witwen und Waisen" versorgt und religiös unterwiesen wurden, die auch als Anlaufstellen für Fernreisende wirkten. Das indirekt höchste Lob hierzu stammt ausgerechnet vom o.g. Kaiser Julian, der - erfolglos - dazu aufrief, auch unter den Paganen vergleichbare Solidarität zu schaffen, um den Zulauf zu den christlichen Gemeinschaften einzudämmen.

Aber es soll nicht verschwiegen werden: Der Preis für den höheren Zusammenhalt in monotheistischen Gemeinschaften bestand (und besteht!) gleichwohl in einer oft höheren Intoleranz gegenüber "Ungläubigen", auch die Überwindung ethnischer Schranken "im Inneren" geht bisweilen mit einer deutlicheren Abgrenzung "nach Außen" einher.

2. Verbindlichkeit, besonders in der Ehe

Besonders erfolgreich war (und ist!) der Monotheismus unter Frauen. Denn das weitgehende Fehlen verbindlicher Gebote untergrub die Sicherheit der Familien. Nicht umsonst hatten viele Mythen über "Göttervater" Zeus dessen Seitensprünge zum Thema und seine Gattin Hera wird auch in EPOC folgerichtig als "die Eifersüchtige" tituliert. Was unter Göttern heitere Geschichten prägte, war für Frauen in den Städten bedrückende Realität. Wirtschaftliche Abhängigkeit, sexuelle Libertinage, Konkubinats- und Scheidungsrechte des Mannes, Abtreibung und das väterliche Recht auf Kindesaussetzung stellten für sie und ihre Nachkommen reale Bedrohungen dar.

Der strenge Eingott, der den monogamen Ehebund und Familienleben auf Lebenszeit segnete und Ehebruch, Abtreibung, Kindesaussetzung verbot, bot dagegen Männern eine symbolisch erhöhte Rolle nur im Tausch gegen sexuelle Verbindlichkeit. Bis heute dominieren die Frauen Mitgliedschaft und Alltagsreligiosität der monotheistischen Religionen, wogegen Männer in der Konfessionslosigkeit, UFO-Glaubensbewegungen und Neopaganismen überwiegen (vgl. Beitrag zur Gretchenfrage). Auch dieses Verhalten lässt sich heute sowohl in Befragungen wie in der empirischen Eheforschung feststellen.

Der Preis für die strikte Monogamie bestand (und besteht!) jedoch häufig in inakzeptablen Freiheitseinschränkungen auch der Frau: Wenn sich die Männer schon exklusiv auf eine Familie festlegen sollten, so wurde umgekehrt der Ehebruch der Frau zum sanktionierten Verbrechen, nicht selten entfaltete sich eine patriarchale Doppelmoral. Man bedenke in diesem Kontext z.B. die Symbolkraft der Jesusüberlieferung (Joh 8,1-11), der mit dem Hinweis auf Sünden der Männer eine Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrte...

3. Demografischer Erfolg

Der Verfall der polytheistischen Verbindlichkeit hatte auch demografisch ernste Konsequenzen. So beklagte z.B. Polybios im 2. Jahrhundert vor Christus bestürzend "modern" wirkende Entwicklungen:

"In der Zeit, in der wir leben, ist in ganz Griechenland die Zahl der Kinder, überhaupt der Bevölkerung in einem Maße zurückgegangen, dass die Städte verödet sind und das Land brachliegt, obwohl wir weder unter Kriegen von längerer Dauer noch unter Seuchen zu leiden hatten [...] weil die Menschen der Großmannssucht, der Habgier und dem Leichtsinn verfallen sind, weder mehr heiraten noch, wenn sie es tun, die Kinder, die ihnen geboren werden, großziehen wollen, sondern meist nur eins oder zwei, damit sie im Luxus aufwachsen und ungeteilt den Reichtum ihrer Eltern erben, nur deshalb hat das Übel schnell und unvermerkt um sich gegriffen." (zitiert nach Bernhard Felderer, Wirtschaftliche Entwicklung bei schrumpfender Bevölkerung, Berlin, Heidelberg, New York 1983, S. 128)

Die Kombination aus überlebensförderlicher Gemeinschaftlichkeit und reproduktionsförderlicher Familienorientierung bewirkte (und bewirkt!) dagegen eine durchschnittlich höhere Kinderzahl monotheistischer Familien - zumal auch in gemischtreligiösen Ehen vor allem die Mütter die Erziehung der Kinder übernahmen (vgl. 2). Antijüdische und antichristliche Verfolgungen konnten daher das Nachwachsen der Gemeinschaften nicht aufhalten und schweißten die Glaubenden oft nur umso fester zusammen. Interessanterweise ist auch das eine Beobachtung, die wir heute machen können - die aber schon in der biblischen Erzählung vom Pharao, der Angst vor dem Kinderreichtum der Israeliten bekommt (Buch Exodus) thematisiert wird und mutmaßlich also schon vorantik bekannt war. Auch heute gilt nachweisbar: Verbindlich religiöse Menschen haben durchschnittlich deutlich mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn - und dies gerade auch in freiheitlichen und wohlhabenden Umgebungen.

 

Der Preis für den demografischen Erfolg besteht freilich in der regionalen Verschärfung von Überbevölkerung (derzeit z.B. in Afrika und Südostasien) und teilweise auch der Ablehnung von Verhütungsmitteln durch monotheistische Geistliche.

Besser? Vielleicht. Erfolgreicher! Das auf jeden Fall.

Ein interessanter, neuzeitlicher Vergleich für die Konkurrenz verschiedener Glaubenssysteme bietet auch Indien, dessen Polytheismus sich vielerorts bereits zu einem Henotheismus (die Vielen als Ausdruck des Einen) weiterentwickelt hat und weiter entwickelt: Aber auch hier wehren sich einige hinduistisch-extremistische Bewegungen teilweise mit Gewalt z.B. gegen die Aufhebung der Kastenordnungen durch die monotheistischen Sikhs, Christen und Muslime, werfen monotheistischen Sozialwerken deren erfolgreiche Missionswirkung vor, werden in einigen hinduistischen Regionen v.a. Mädchen abgetrieben und weisen v.a. Muslime überdurchschnittlich hohe Geburtenraten auf - mit allen daraus folgenden Konflikten!

Ob monotheistische Religionen also moralisch "besser" zu beurteilen seien, kann die Religionswissenschaft normativ nicht entscheiden. Sie kann allenfalls berichten, dass sie mit ansteigender Bevölkerungsdichte erfolgreicher werden und sich also religionshistorisch tendenziell durchsetzen - aber eben auch nicht selten mit Phasen der Intoleranz und Gewalt. Wie die antiken Götter frühere Ahnen- und Schamanenkulte abgelöst hatten, so war schließlich auch ihre Zeit gekommen, wenn auch kleine Gruppen von Neopaganen Wiederbelebungen versuchen. Urbanisierung und Globalisierung bedeuten seit Jahrtausenden unter anderem auch ein Sterben der Götter, hin zu dem Einen. (Vgl. BGAEU-Artikel hier)

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich auf diesem Wege freudvolle Feiertage und einen guten Rutsch (übrigens vom jüdisch-hebr. Rosch = Neujahr) ins neue Jahr!





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Kommentare

  1. Martin Huhn @ Blume
    30.12.2008 | 23:23

    Cool!

    Echt cool wie Du in Deinem Kommentar reagierst. Du hast ja als "Blogherr" hier bei den Scilogs auch die Möglichkeit Kommentare einfach zu löschen. Das darfst Du. Aber ich bin kein Freund davon. Wenn es nicht zu derb ist sollten auch sehr kritische Kommentare stehengelassen werden. Du läßt sie stehen und jeder Leser kann sich seine eigene Meinung bilden. Die Souveränität steht Dir gut.

    Martin :-)

    PS: Einige Beiträge von Dir finde ich sehr interessant, andere fordern mich zum Widerspruch auf. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

  2. Michael Blume @ Martin
    30.12.2008 | 23:53

    Danke auch Dir für das Feedback! :-)

    "Einige Beiträge von Dir finde ich sehr interessant, andere fordern mich zum Widerspruch auf. Mal sehen, wie sich das entwickelt."

    Das ist ja auch klasse so! Wenn Du Dich z.B. ganz am Anfang an die teilweise über Hunderte Beiträge geführten Diskussionen mit Edgar Dahl erinnerst, der ja auch sehr kritisch nachgehakt hat - das hat auch mir unheimlich viel gebracht! Also: Von mir weiterhin ein klares JA zu kritisch-konstruktiven Diskussionen, auch zum kritischen Nachhaken - es sollte halt nur erkennbar bleiben, was überhaupt je konkret diskutiert wird. Sonst kriege ich berechtigten Ärger mit meiner Familie, da ich doch recht viel knappe Freizeit opfere... :-)

  3. Ingo Ok, Michael,
    31.12.2008 | 00:05

    Stuttgart steht nicht so bald auf meinem Reiseprogramm, ist aber vorgemerkt. Und solltest Du vorher nach Berlin kommen, laß es mich wissen ... :-)

    Wenn Du dann inzwischen ein bischen im Karlheinz Deschner geblättert haben würdest ...?:

    http://www.amazon.de/...mp;sourceid=Mozilla-search

    Sind viele Bände, ich weiß. Könnte aber wohl auch manche Verständigungschwierigkeiten leichter überbrücken.

    Aber wenn hier auf dem Blog offenbar solche Bücher für "normale Menschen schwer erträglich" genannt werden (sollten), dann scheinen doch viele Leser noch so manches Nachholbedürfnis zu haben auf dem Weg von der mosaischen zur wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch. (Räusper)

    Puh, ein bischen unheimlich, daß sich außer mir gar kein sonstiger Deschner-Anhänger oder auch nur -Leser mehr zum Blume-Blog verirren sollte. Wie gesagt, etwas unheimlich, die Art und Weise, in der hier bislang fast unwidersprochen "normale Menschen" definiert werden.

  4. Michael Blume @ Ingo
    31.12.2008 | 00:53

    Ich hab Dich ja auch in Schutz genommen. :-)

    Aber was soll denn bitte Deschner mit dem Thema hier zu tun haben? Wir diskutieren hier doch nicht, ob der Monotheismus wahr oder falsch ist (das ist wissenschaftlich nicht klärbar) oder ob Monotheisten gute und böse Taten vollbracht haben (beides ist doch wohl unstrittig) - sondern schlicht die religionshistorische Frage, welche Erfolgsfaktoren zu seiner Ausbreitung im römischen Reich führten...

    Naja, bis dann in Stuttgart! Freue mich und übernehme die Kaffeerechnung! :-)

  5. Elsa Laska @ingo
    31.12.2008 | 02:16

    Ach sorry, Ingo, aber diese Christentumskritik mit Deschner ist retro, ehrlich. Das war in den 70ern oder meinetwegen 80ern mal der Bringer, aber Tatsache ist, dass das Christentum damals im Mittelalter die antiken Schriften und Kultur gerettet und bewahrt hat (die arabische Kultur und Philosophie war was Aristoteles anbelangt freilich maßgeblich mitbeteiligt) und wir ohne die Benediktiner, die Lesen und Schreiben unters arme und einfache Volk brachten,überhaupt die monastische Bewegung, herumsitzen würden ohne Kalenderwesen, Bierbraukunst, Weinbau, Überlieferung der Schrift, Buchmalkunst, Architektur und das Wissen über Tierzucht und Ackerbau,Medizin (hier wieder Brücke zum Islam), Astronomie (immer im Austausch mit dem Islam freilich) verloren gegangen wäre, also machen wir dochmal halblang mit Deschner und den bösen Christen, die immer nur alles kaputt gemacht haben und nichts besseres wussten, als Hexen zu verbrennen. Das ist doch peinlich. Einseitigste Kirchenkritik, und das, wo du doch so global und allseits informiert und offen sein möchtest. (?)

    Universitäten und die heutige Wissenschaft mitsamt ihrem Kanon gäbe es doch ohne die Päpste gar nicht. Ich sage nicht, dass alles supi und eierkuchen war und nach der Den Haager Konvention ablief ,im Gegenteil, aber man muss doch mal differenzieren, man muss doch auch mal vernünftiges Maß halten und die geschichtlichen Fakten jenseits Deschner nicht einfach ignorieren, also wirklich. Wie geschichtsblind auf einem Auge kann man denn sein? Sogar die böse Hl Inquisition war maßgeblich an der Installierung des modernen Rechtssystems beteiligt, sie legte sogar das Fundament dazu, ich phantasiere das ja nicht einfach daher, das findest du in juristischen Vorlesungen der Neuzeit.

    Da fehlt es doch einfach am Wollen und am Wissen und dem Blick aufs Ganze. Sorry, ist nicht persönlich gemeint, aber wenn dann noch Deschner kommt mit offensichtlichem historischen Aberglauben, nee... Da kommen wir nicht zusammen.Nix für ungut.

    Lieben Gruß und guten Rutsch allseits!
    Elsa

  6. Ingo Echt ey!
    31.12.2008 | 13:13

    Ehrlich gesagt wundere ich mich darüber, daß sich hier fast alle Diskussionsteilnehmer mehr oder weniger heftig mit einer geschichtlichen Ausprägung des Christentums identifizieren und sich selbst in ihrer Religiosität angegriffen fühlen, wenn diese geschichtliche Ausprägung angegriffen wird.

    Was denn? Wenn ich heute das Missionsgebaren christlicher Sekten in Südamerika kritisiere, wird mir doch hier wohl auch nicht widersprochen, identifiziert sich doch hier niemand damit. Aber mit dem frühmittelalterlichen Christentum schon? Kann da nicht distanziert und neutral drüber diskutiert werden, "anteilnahmslos", kalt wie mit dem Seziermesser?

    Deschner ist retro? Dieses Jahr ist Dawkins von der G. Bruno-Gesellschaft der Deschner-Preis verliehen worden, wobei auch Deschner selbst sprach. So retro kann der doch wohl nicht empfunden werden unter gebildeten Leuten von heute.

    Und, Michael, Du fragst, wie ich finde, recht naiv, was Deschner mit dem Thema hier zu tun hätte. Ich denke, in einer "Kriminalgeschichte des Christentums" dürften einige Fragen beantwortet werden, die hier zur Diskussion stehen. Es steht zur Diskussion, wie ein "Dritter Bestrafer" siegen konnte. Dritte Bestrafer können durchaus auch siegen durch Handlungen, die wir heute allgemein als kriminell empfinden. Aber kritisiere ich damit das heutige Christentum, heutige Christen, wenn ich das historische Christentum so bewerte, AUCH bewerte?

    Ich fände eine SOLCHE Haltung als retro, echt ey!

    Elsa, ich SEHE die positive Seite des Christentums VOLL und GANZ. Ich sehe, daß das Abendland ohne das benediktinische und das protestantische Arbeitsethos nicht das geworden wäre, was es heute ist. Und ich sehe all das positiv. Aber wenn ich eine GESAMT-Erklärung geben will, muß ich die dunklen Seiten mit in Rechnung stellen. Und mir wird immer mehr bewußt, wie offenbar schwer das hier noch vielen fällt. WIRKLICH? Selbst der Papst hat sich doch inzwischen für so VIELE Dinge entschuldigt. Was kann daran schwierig sein, die dunkle Seite mitzubetrachten????

    Oder noch genauer, Elsa: Geschichte ist ein dialektischer Prozeß, da bin ich einig mit Hölderlin, Hegel und Marx: Die Entfernung von einem (heidnischen) gesellschaftlichen Gleichgewichtszustand (durch neue Religion) ist die Voraussetzung dafür, daß sich dieser vorherige Gleichgewichtszustand in einen neuen transformieren kann. Das Christentum brachte die antike Welt heftig ins Ungleichgewicht oder war Ausdruck des Ins-Ungleichgewicht-Geratens. Es erzeugte ein neues gesellschaftliches Gleichgewicht. Es BLIEB nicht die letzte Antwort der Weltgeschichte auf die Frage nach menschlichem und gesellschaftlichem Zusammenleben, nach dem menschlichen Fragen nach Wahrheit. Die Wissenschaft ging weiter, die Aufklärung kam usw. usf..

    Und wir leben heute in einem NEUEN Ungleichgewichts-Zustand, gesellschaftlich, bedingt durch ALLE die Erblasten, die die Geschichte des Abendlandes mit sich gebracht hat, durch ALLE, ebenso durch ALLE positiven Entwicklungen, die diese Geshcichte dse Abendlandes mit sich brachte.

    Man kann doch niemanden Schwarzweißmalerei unterstellen, wenn er die Kriminalgeschichte des Christentums MIT in Rechnung stellt, die doch nun einmal FAKT ist. Menschen und Geistesbewegungen SIND keine vollkommenen Dinge.

  7. Ingo Kaffee
    31.12.2008 | 13:37

    Michael,

    wir verstehen uns nicht verkehrt: Meiner Meinung nach stellst Du die richtigen Fragen. Und Du gibst viele Antworten, auf die viele andere noch nicht gekommen sind. Durch all das gehören für MICH Deine beiden Blogs zu fast den wichtigsten und lesenswertesten in der ganzen weltweiten Blogosphäre.

    Ok, Michael. Aber eines ist sicher: Ich bin kein bürgerlicher oder habilitierter Spießer, der sich irgendwann einmal gelassen und ruhig zurücklehnen wird in seinem Erkenntnisdrang. DAS nicht. (Ich glaube, da teile ich etwas mit Deschner ...)

    Und ich hoffe auch nicht, daß Du irgendwann zu einem solchen mutierst. Immer hübsch weiterschaukeln! Es gibt nichts Schöneres. Deshalb: DANKE für den Kaffee!!! :-)

  8. Michael Blume @ Ingo
    01.01.2009 | 16:22

    Lieben Dank für Deinen Beitrag. Du schriebst:

    "Ehrlich gesagt wundere ich mich darüber, daß sich hier fast alle Diskussionsteilnehmer mehr oder weniger heftig mit einer geschichtlichen Ausprägung des Christentums identifizieren und sich selbst in ihrer Religiosität angegriffen fühlen, wenn diese geschichtliche Ausprägung angegriffen wird."

    Natürlich kann ich nur für mich sprechen und zum Hundertsten Mal den Unterschied zwischen Wissenschaft (die wir hier diskutieren) und Glauben betonen. Mir geht es hier NICHT um eine Identifizierung mit irgendwelcher Religiosität, sondern um die VORSTELLUNG UND DISKUSSION VON RELIGIONSWISSENSCHAFT. Wie oft muss ich eigentlich noch schreiben, dass der jeweilige Glaube oder Nichtglaube IRRELEVANT für die Frage ist, ob eine bestimmte, religionswissenschaftliche Hypothese oder Theorie haltbar ist oder nicht!?! Wenn Du also unbedingt über Gottes Existenz, das absolut Wahre, Gute, Schöne diskutieren möchtest, SUCH DIR BITTE EINEN THEOLOGEN! Religionswissenschaftler erforschen religiöse Phänomene, wie Physiker physische - also empirisch, auf der Basis von Befunden, Hypothesen und Theorien, die stets der Widerlegung und Weiterentwicklung offen stehen. Wir verkünden keine religiösen Wahrheiten, sondern erforschen religiöses Verhalten.

    Die Beiträge präsentieren daher ganz KONKRETE FALLBEISPIELE (wie die Amischen, Shaker, das frühe Christentum o.ä.).

    Seltsamerweise aber gelingt es einigen Diskutanten nicht, damit dann auch umzugehen. Da werden wild Beschreibungen (wie erfolgreich / nicht erfolgreich) mit Wertungen (wie gut / böse) durcheinander gewirbelt, Themenwechsel und Vergleiche vollzogen, die mit dem jeweiligen Thema nichts mehr zu tun haben und dann erwartet, dass ich dafür Dutzende von Stunden investiere. Was sollen denn z.B. ohne jede seriösen Belege vollzogene Vergleiche zwischen NS-Regime und spätrömischen Monotheismen? Was hat hier der Hinweis auf Deschner zu suchen, in welchem Zusammenhang steht er mit der konkreten Frage, wie sich die Monotheismen der ersten Jahrhunderte durchsetzen konnten? Deschner präsentiert eine Aufzählung, keine testbare Theorie - und ich kenne keinen Religionswissenschaftler, der bestreiten würde, dass auch im Namen der Religion(en) Gewalt ausgeübt wurde und wird.

    Deschner, NS-Christentum Vergleiche usw. haben einfach GAR NICHTS MIT DEM JEWEILIGEN THEMA zu tun, entwickeln keine testbaren Hypothesen und kosten dafür Unmengen KNAPPER ZEIT! Kannst Du das wirklich nicht verstehen, dass das auf Dauer nicht geht - und offensichtlich nicht nur mich frustriert!?

    Gerade WEIL ich Dich menschlich sehr achte (und mich auf den Kaffee und die Schamanen-Ausstellung freue :-) ) möchte ich Deine Beiträge eigentlich auch weiterhin gerne beantworten. Aber BITTE bleibe doch einfach beim jeweiligen THEMA und diskutiere mit mir nicht Philosophie, Theologie oder Metaphysik, sondern eben RELIGIONSWISSENSCHAFT (wobei zu dieser ja auch Religionsphilosophie gehört, dann aber eben in eigenen Artikeln und Beiträgen und nicht wild reingemischt in empirische Beschreibungen). Andere Kommentatoren tun das doch auch, und sie sind keinesfalls unkritisch dabei! Um mehr, lieber Ingo, bitte ich doch gar nicht...

  9. Elsa Ingo, sorry.
    02.01.2009 | 03:21

    >>Aber eines ist sicher: Ich bin kein bürgerlicher oder habilitierter Spießer, der sich irgendwann einmal gelassen und ruhig zurücklehnen wird in seinem Erkenntnisdrang. DAS nicht. (Ich glaube, da teile ich etwas mit Deschner ...)>>#

    Ja, da teilst du in der Tat was mit Deschner, und zwar in der Hinsicht, dass kein seriöser Historiker ihn zitiert. Der wissenschaftliche Diskurs mithin ihn für obsolet hält -wobei ich immer noch nicht kapiert habe, wieso Deschner dich davor bewahrt, unsinnige Thesen aufzustellen in 'Bezug auf das Christentum .

  10. Ingo Thron und Altar
    02.01.2009 | 09:31

    Liebe Elsa,

    in der Tat bin ich kein Kirchenhistoriker. Ich habe mich mit Deschner noch nie intensiv beschäftigt. Deine Stellungnahme veranlaßt mich dazu. Daß er in der Wissenschaft nicht rezipiert würde, ist schlichtweg nicht wahr. Er ruft ein GEMISCHTES Echo in der Wissenschaft hervor, ein SEHR gemischtes.

    Aber er zählt viele seriöse Wissenschaftler zu seinen Bewunderern. Dazu brauchst Du nur den Wikipedia-Artikel zu ihm konsultieren, wie ich gerade sehe. Etwa diesen Abschnitt:

    "Es gibt zahlreiche Wissenschaftler, gerade auch Theologen beider Großkirchen, die Deschner und sein Werk, zumindest das kirchenkritische, positiv bewerten. Einige Beispiele von vielen ..."

    Auch auf seiner eigenen Seite kann man viel nachlesen.

    Ich habe Deschner eigentlich nur zitiert, weil er der bekannteste ist. Natürlich kann man auch eine beliebige allgemeine sonstige Kirchengeschichte oder ein beliebiges Geschichtsbuch an sich aufschlagen, welche nicht allzu kirchenverherrlichend geschönt sind (... und selbst dann ...).

    Das Bündnis zwischen Kirche und politischer Macht war seit das Christentum an die Macht gekommen ist IMMER ein enges, oft ein SEHR enges. Und da es vor der Aufklärung (und seit Untergang der Antike) gar keine Demokratien, schlichtweg gar keinen Liberalismus gab, war das immer schon ein Bündnis mit absolutistischen Staaten. Jetzt können wir uns noch darüber unterhalten, was der Unterschied zwischen absolutistischen und totalitären Staaten ist, um zu eruieren, wie stark "daneben" mein - huhuhu! - "NS-Vergleich" war.

    "Cuius regio eius religio" lernt jeder Schüler in der Schule. Schon dieser Satz allein, der vor der Aufklärung in der Sache immer galt, kann davon überzeugen, daß natürlich auch politische Macht in Rechnung gestellt werden muß, wenn man wissen will, warum eine Religion über eine andere siegt.

    Genau dieser Satz galt auch für die Kommunisten, für die Nationalsozialisten.

    So, und jetzt stark abgebremst, Elsa, um den Michael nicht zu noch mehr "Zeitverschwendung" herauszufordern. (Vielleicht sollten wir unsere private Deschner-Debatte woanders hin verlagern.)

  11. Ingo Deschner-Forum
    02.01.2009 | 09:58

    (wie ich gerade sehe, hat Michael's Fernseh-Diskussion-Partner von neulich, Michael Schmidt-Salomon, sogar ein eigenes Diskussionforum zum Werk von Deschner eingerichtet

    http://freigeisterhaus.de/viewtopic.php?t=2653

    mit den Worten:

    "Karlheinz Deschner gilt seit vielen Jahren als einer der bedeutendsten Kirchen- und Religionskritiker unserer Zeit."

    Und er zitiert dabei auch das folgende Deschner-Wort:

    „Aufklärung ist Ärgernis, wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher.“

    Wäre vielleicht schön, wenn die Religionswissenschaft auch solche Diskussionsinhalte zur Kenntnis nehmen könnte und sie produktiv in ihren eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß integrieren könnte ...)

  12. Michael Blume @ Ingo
    02.01.2009 | 10:52

    "Das Bündnis zwischen Kirche und politischer Macht war seit das Christentum an die Macht gekommen ist IMMER ein enges, oft ein SEHR enges."

    Das galt für alle Staats- und Reichsreligionen, gerade auch für die antiken Polytheismen, deren Tempel überwiegend staatlich finanziert wurden, deren Anbetung oft staatlich vorgeschrieben war (einer der Verfolgungsgründe gegen Juden und Christen!) und die z.B. als Staats- und Stadtgötter, nicht selten auch als Vorfahren der Herrschenden galten. Siehe dabei auch die polytheistischen Systeme in Sumer, Ägypten, bei den Maya, Inkas etc. pp.

    Vor allem aber lautete die Frage dieses Beitrags doch, wie sich der Monotheismus so erfolgreich und GEGEN staatliche Macht (die klar auf Seiten der Polytheisten stand!) durchsetzen konnte. Ohne diese Vorgeschichte hätten die römischen Kaiser doch gar nicht auf die neue Religion gesetzt! Interessiert Dich das gar nicht?

    "Wäre vielleicht schön, wenn die Religionswissenschaft auch solche Diskussionsinhalte zur Kenntnis nehmen könnte und sie produktiv in ihren eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß integrieren könnte ...)"

    Wie kommst Du darauf, dass die Religionswissenschaft das nicht tut???

  13. Ingo Gretchenfrage nach Konstantinisch. Wende
    03.01.2009 | 16:19

    Lieber Michael,

    insofern Du das folgende NICHT als Zeitverschwendung erachtest - und NUR insofern:

    Dein Beitrag fragt: Warum siegte der Eine? Und ich verwies darauf, daß die mosaische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch zu einem neuen Umgang in religiösen Auseinandersetzungen führte. Und ich verwies darauf, daß "der Eine" AUCH, AUCH durch staatliche Mittel siegte.

    Als Kaiser Konstantin als erster römischer Kaiser zum Christentum übertrat, hatte "der Eine" ja noch lange nicht "über die antiken Götterkulte" gesiegt. Aber spätestens seit diesem Zeitpunkt wurde der Sieg "des Einen" durch staatliche Macht befördert.

    Nehmen wir dazu nur die folgenden Ausführungen von Wikipedia zur "Konstantinischen Wende":

    http://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinische_Wende

    "... Damit war Konstantins Entscheidung, nicht mehr den Sonnengott Sol Invictus, sondern den christlichen Gott zu verehren, von großer Tragweite. Vor allem der Umstand, dass er seine Söhne christlich erziehen ließ, war entscheidend, denn sie waren bereits weit weniger gewillt, andere Kulte zu dulden. Die Erleichterung der Christen über das Ende der Verfolgung ging insbesondere bei einigen Hofbeamten und Bischöfen über in eine allzu eilfertige Staatsfrömmigkeit, die im vierten Jahrhundert weitgehend arianisch geprägt war. Schon nach wenigen Jahrzehnten kam es zu massiven Verfolgungen der Anhänger des Bekenntnisses von Nizäa durch die Arianer, später auch zu Verfolgungen Andersgläubiger durch die Reichskirche."

    Also "der Eine" siegte einfach auch dadurch, daß er alle anderen unterdrückte und ausrottete.

    WANN eigentlich das christliche "demographische Regime", die christliche "Bevölkerungsweise", die christliche "gruppenevolutionäre Strategie" begann, nichtchristliche demographische Regime, Bevölkerungsweisen und Strategien einfach demographisch zu überholen, das wäre sicherlich im Detail eine hochinteressante Fragestellung, die weder Du noch ich derzeit so aus dem Ärmel geschüttelt beantworten können.

    Aber DASS auch dieser demographische Erfolg durch staatliche Mittel seit der Konstantinischen Wende gefördert worden sein muß, daran kann doch wohl kein Zweifel bestehen - oder etwa doch? Und natürlich - das war eine unserer Ausgangsfragen - natürlich ist es insbesondere für Frauen evolutionsbiologisch "sinnvoll", sich auf die Seite jener zu stellen, die machtpolitisch und ideologisch siegen, vorherrschend sind oder werden. (Für Hypathia wäre es hochgradig "sinnvoll" gewesen, beispielsweise ...)

    Und das wäre ja auch für Gretchen "sinnvoll" gewesen ... Ob aber die Entscheidung der vielen Gretchen's der Spätantike und des Frühmittelalters eine freie oder unfreie Entscheidung gewesen ist und zu welchen Anteilen jeweils - das können wir beide doch beim gegenwärtigen Diskussions- (und vielleicht auch Wissens-)stand gar nicht nach irgend einer Richtung hin entscheiden, oder doch?

    Ich wies ja nur darauf hin, daß nicht alles so "freiheitlich" zuging wie in heutigen Zeiten (will heißen, in heutigen Zeiten: günstigstenfalls).

  14. Ingo Die Spätantike VOR Augustinus
    03.01.2009 | 17:14

    Weißt Du, Michael, Erklärungen, die den sehr bunt durcheinanderwirbelnden Geist der Spätantike nicht berücksichtigen, greifen immer zu kurz.

    Als ich einmal eine Biographie über Kaiser Julian den Abtrünnigen las, wunderte ich mich über vieles. Beispielsweise wurde er von vielen seiner Mitbürger bespöttelt oder verlacht, weil er "all das Religiöse" so ERNST nahm - z.B. von den Bürgern von Antiochia, einer der reichsten Städte des Reiches damals.

    Sie waren längst Christen geworden, ließen aber sonst - wie so oft auch heute - "Gott einen guten Mann sein" und lebten recht fröhlich und genußsüchtig dahin. Die Christen von Antiochia VERSTANDEN das "Engagement" von Julian einfach nicht. Es wimmelte damals auch in den Städten von "Sophisten" und philosophischen Vielschwätzern, die ALLES zerreden konnten und zerredeten.

    Die Genußsucht und die Oberflächlichkeit verleitete viele römische Reichsbürger ziemlich bald nachdem die Reichsreligion offiziell gewechselt hatte, selbst ebenfalls die Religion zu wechseln - aber zumeist ganz ohne dabei "Christen" im heutigen Sinne zu werden. Das war - soweit sich das abschätzen läßt - zunächst ganz oberflächlicher Opportunismus, der erst ein Menschenalter später durch Leute wie Augustinus seine heute bekannte Verschärfung erhielt.

    Zur Zeit von Julian gab es diese Augustinische Verschärfung des Christentums noch nicht. Augustinus wurde zehn Jahre vor dem Tod Julian's ja erst geboren.

    Ich glaube, da muß man sich doch noch viel stärker in die historischen Details einlassen, um die Vorgänge IM römischen Reich damals nach allen Richtungen hin gut beurteilen zu können.

    Das war eine riesige Zeit des Übergangs, in der man keineswegs scharf christliche von heidnischen demographischen Entwicklungen im heutigen Sinne wird trennen können, da es da viel zu viele Überlappungen gab.

    Vielleicht muß man sich die Christen von Antiochia in Annäherungen so vorstellen wie sich Nietzsche "Cäsare Borgia als Papst" vorstellte und pries, also eine lebensfröhliche Entwicklung im Christentum, die nach Nietzsche dadurch zunichte gemacht wurde, daß der ernste Mönch Luther "nach Rom" gekommen ist und sich über das Treiben der Päpste erregte. So ähnlich ernst machte sich wohl auch der Einfluß des Augustinus im Christentum ein Menschenalter nach Julian geltend.

    Ach ja, und ebenfalls Hypathia lebte zur Zeit des Augustinus. Da also kristallisierte erst jenes Christentum aus, wie wir es heute kennen, als es also schon 100 Jahre Staatsreligion war und sich zehntausende von Opportunisten an seine Rockschöße geheftet hatten.

    Augustinus starb in einer von Wandalen belagerten Stadt Nordafrikas, also mitten im Untergang Roms. DA wohl so ungefähr begann das Christentum, so wie wir es heute kennen.

  15. Ingo Heidentum - Todesstrafe
    03.01.2009 | 17:19

    Aha, hier
    http://de.wikipedia.org/wiki/Heidenverfolgung

    findet man mehr:

    "... Unter Theodosius I. wurde 380 und 391/392 das Christentum zur alleinigen Staatsreligion erklärt und die heidnische Religionsausübung unter Todesstrafe gestellt. Allerdings geht die neuere Forschung davon aus, dass die heidnischen Kulte kaum Verfolgungen von staatlicher Seite ausgesetzt waren. Die Sanktionenen betrafen zunächst noch nicht die heidnischen Senatoren in Rom. Für Theodosius war es wichtiger, gegen häretische Christen vorzugehen. Für die christlichen Kaiser stellte die Bekämpfung des Heidentums, das nicht einheitlich organisiert war, kein erstrangiges Anliegen dar. Dennoch kam es teils zu harten antiheidnischen Übergriffen, ebenso wie es, etwa in Alexandria, zu Gewalttaten von Heiden gegenüber Christen kam. Dies führte zur Zerstörung des berühmten Serapisheiligtums. Nachhaltig für die weitere Entwicklung waren die Zerstörungen klassisch heidnischer Kulturgüter, so auch die Bücherverluste in der Spätantike.

    Unter den nachfolgenden Kaisern wurden die heidnischen Kulte energischer bekämpft. Die Zahl der heidnischen Beamten nahm bereits unter Theodosius I. merklich ab. Der Höhepunkt dieser Entwicklung wurde unter Justinian I. erreicht: Hatten die christlichen Kaiser davor vor allem versucht, die heidnischen Kultpraktiken zu unterbinden, war Justinian bestrebt, auch eine Gesinnungsänderung der Heiden zu erzwingen. ..."

  16. KRichard Armenier waren schneller
    03.01.2009 | 19:16

    Der armenische König Tiridates III. hat im Jahr 301 das Christentum zur Staatsreligion erhoben.
    Also früher als im römischen Reich.

  17. Michael Blume @ Ingo
    04.01.2009 | 07:46

    "Die Genußsucht und die Oberflächlichkeit verleitete viele römische Reichsbürger ziemlich bald nachdem die Reichsreligion offiziell gewechselt hatte, selbst ebenfalls die Religion zu wechseln - aber zumeist ganz ohne dabei "Christen" im heutigen Sinne zu werden."

    Sehr richtig - aber wieder weichst Du auf die Zeit aus, NACHDEM das Christentum erstmals Reichsreligion geworden war (Julian, Theodosius).

    Etwas seltsam mutet auch das Argument an, die Christen davor seien ja eigentlich noch gar keine richtigen Christen gewesen. Denn diese (worauf begründete?) "Hypothese" lässt ja gerade außer Acht:

    1. Das schnelle Wachstum der christlichen Gemeinden in den ersten drei Jahrhunderten.

    2. Die staatlichen Verfolgungen (die Du weiter oben noch mit dem "Fanatismus" der Christen meintest erklären zu können...)

    3. Die Wirkung von Edikten wie z.B. des Decius, mit denen alle Bürger bei Todesstrafe zur Teilnahme am polytheistischen Reichskult gezwungen wurden - was zu massiven Verfolgungen von Christen führte. Hätte es kaum Unterschiede gegeben, hätten die Christen doch einfach alle das Edikt befolgen können...

    Zu Theodosius I.: Sehr wahr! Starks Buch enthält dazu sogar eine empirische Auswertung - nämlich die Religionszugehörigkeit hoher, berufener Reichsbeamter unter den christlichen Kaisern. Und, siehe da, noch lange wurden auch bekennend-polytheistische Notabeln berufen.

    Und @KRichard zeigt zu Recht auf, dass sich der christliche Glaube auch außerhalb des einen Reiches durchsetzte. (Ebenso setzte sich z.B. der Islam in Indonesien gegen den Polytheismus durch, ohne dass dieses je von einem islamischen Heer erobert worden wäre.)

    Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Der Monotheismus hat sich vielerorts strukturell und demografisch durchgesetzt, ggf. auch ohne oder gar gegen staatliche Gewalt.

  18. Ingo "vielerorts" statt "immer"
    04.01.2009 | 08:48

    Michael,

    soweit ich sehe, widersprechen wir uns jetzt gar nicht mehr. Ich habe NIE IRGENDEINER Deiner Aussagen und Thesen (in diesem lang gewordenen Thread) widersprochen. Ich halte sie alle für richtig. Ich habe nur noch ERGÄNZENDES bringen wollen. Und da gab es dann von Deiner Seite aus (und mancher anderen Seite aus) Widerspruch, den ich nicht verstand.

    Aber soweit ich sehe, widersprichst Du jetzt nicht mehr. Du schreibst:

    "Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Der Monotheismus hat sich vielerorts strukturell und demografisch durchgesetzt, ggf. auch ohne oder gar gegen staatliche Gewalt."

    Ich habe mich nicht "gedreht und gewendet", mich nicht gegen diese Einsicht gesträubt. Mein Insistieren richtete sich ja nur darauf, daß Du in solchen Sätzen wie diesem "vielerorts" sagst statt - sozusagen implizit - "immer", und daß Du "ggf. auch" statt - wieder implizit - "immer" benutzt.

    Daß Du also die andere Seite auch berücksichtigst. ICH habe durch die letzten Beiträge tatsächlich gelernt, daß ich vielleicht die repressive Seite IM römischen Reich bei Durchsetzung des Christentums zum Teil überschätzt und die GLEICHGÜLTIGKEIT in religiösen Fragen bei den spätrömischen Menschenmassen unterschätzt habe (vergessen hatte).

    Gleichgültige Massen, in denen einzelne religiös Ernste und Fanatiker wie Julian und Augustinus und Hypathia wirkten, und in der sich monotheistische Gläubigkeit mit der Zeit immer leichter durchsetzen konnte, als polytheistisch-philosophische. (Die Gründe dafür wären noch genauer zu untersuchen, denke ich. Plakativ läßt sich das nicht beantworten.)

    Weißt Du etwas darüber, wie groß der Anteil der Christen zum Zeitpunkt der Konstantinischen Wende im Römischen Reich war? Waren sie damals schon in der Mehrheit? Und sollte man nicht versuchen, sich klar zu machen, welcher Art dieses Christentum VOR Augustinus eigentlich war, sein konnte, das damals gelebt wurde, und wieviel es gemeinsam hatte mit jenem Christentum, das NACH Augustinus und nachdem es 100 Jahre lang Staatsreligion gewesen war, um sich griff? (Also jene Zeit, NACHDEM das Heidentum innerhalb des römischen Reiches immer weniger Anhänger hatte und immer weniger hemmenden, korrigierenden Einfluß auf das öffentliche Bewußtsein ausübte, ausüben konnte?)

    Ich könnte mir vorstellen, daß das wesentliche Dinge wären, um Deine Fragen so präzise wie möglich zu beantworten.

    Als die Goten nach dem Hunnensturm von 375 in ihrer Notlage den Übergang über die Donau begehrten, die Ansiedlung innerhalb der römischen Reichsgrenzen, stellte der römische Kaiser die Bedingung, daß sie dazu Christen werden müßten. Viele Goten lehnten das ab, was doch auch für ihre (heidnische) Glaubensfestigkeit spricht. Der römische Kaiser nutzte also eine Notlage aus, um Menschen zum Übertritt zum Christentum zu bewegen. Diese repressive Seite, diese Zwangsseite hat immer eine Rolle gespielt.

    Schon wenn die römischen Kaiser in den ersten Jahrhunderten den Proselytismus der Juden gesetzlich verboten, WAHRTEN sie sozusagen Religionsfreiheit für die Haussklaven der Juden, die ihre nichtjüdischen Sklaven beschnitten. Aus den Proselyten gingen das Christentum und der Islam hervor. Damit will ich nur andeuten, daß auch schon lange bevor das Christentum Reichsreligion geworden war, der "Zweck die Mittel heiligen" konnte beim Missionieren, daß man also die soziale Lage von Menschen (Sklaven) dazu benutzen konnte, um sie zu einer bestimmten Religion zu bekehren. Ich will damit noch gar nichts über das tatsächliche Ausmaß und die tatsächliche Bedeutung dieser Repressalie gesagt haben, ich will nur andeuten, daß derartige Druckmittel auch für DIESEN Zeitraum mitberücksichtigt werden müssen.

    Noch einmal: Der Geist der mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch war damals kein freiheitlicher, konnte es gar nicht sein. Sondern es wurde unabdingbar für das "Heil jeder Menschenseele" erachtet, der "heiligen katholischen Kirche" anzugehören oder einer sonstigen monotheistischen Religionsgemeinschaft. Ob man dieses Heil unter freiheitlichen Aspekten oder unter Zwang ausbreitete, spielt im mosaischen Geist, soweit ich das übersehen kann, ÜBERHAUPT keine Rolle. Oder irre ich mich da?

    Es ist allein die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, die aristotelische, sokratische, die - von ihrem Wesen aus - mit freiheitlichen Haltungen (auch in Glaubensfragen) - am ehesten einher gehen kann (nicht zwangsläufig muß). Oder sehe ich da etwas falsch? Und um so weniger dieser wissenschaftlich-sokratische Geist Verteidiger findet (beispielsweise an der Seite von Julian "dem Abtrünnigen"), um so mehr bekommen Fanatiker Freiraum und freie Hand, um so mehr schlägt der mosaische Geist durch.

  19. Michael Blume @ Ingo
    04.01.2009 | 15:10

    Hmmm - nun, aber dass sich monotheistische (wie zuvor auch polytheistische!) Bewegungen bisweilen auch mit staatlicher Macht verbündeten, habe ich doch nie bestritten. Denke z.B. an Pharao Echnaton, dessen früher, staatlich verordnete Monotheismus nach seinem Ableben zusammenbrach. Von mir also ganz klare Aussage: Selbstverständlich haben sich religiöse und weltanschauliche Systeme aller Art immer wieder auf Allianzen mit dem Staat eingelassen! Gerade deswegen sind doch Fallstudien besonders interessant, in denen dies ohne bzw. vor staatlicher Unterstützung gelang (z.B. vorstaatlicher Schamanismus, früher Monotheismus etc.)

    Zu mosaischer vs. "sokratischer" Unterscheidung: Hier wirfst Du m.E. wieder religiöse und wissenschaftliche Ansprüche durcheinander. Auch z.B. im antireligiösen Marxismus-Leninismus konntest Du aufgrund (vermeintlicher) Wissenschaftlichkeit für abweichende Meinungen verurteilt werden.

    Und gerade der von Dir beispielhaft genannte Sokrates wurde doch von einem polytheistischen Gericht wegen vermeintlichen Atheismus zum Tode verurteilt! Ganz so einfach (guter Polytheismus, gute Wissenschaft, böser Monotheismus) kann man es sich ernsthaft nicht machen, lieber Ingo. So wirst Du ernsthaft doch weder die (pseudo-)"wissenschaftlichen" atheistischen Diktaturen noch z.B. die Massenopfer der polytheistischen Azteken als Beweis für eine angeblich inhärente Toleranz auffassen?

    Mit den hier diskutierten Hypothesen hat dies freilich erst einmal auch kaum mehr etwas zu tun, nicht wahr?

    PS: Zu Deiner Demografie-Frage. Ja, auch dazu hat Stark Daten, u.a. aufgrund von Grabinschriften, veröffentlicht. Sehr spannend, der empirische Ansatz!

  20. Ingo nachwirkende mosaische Unterscheidung?
    05.01.2009 | 09:51

    Du unterstellst mir, ich wolle Beurteilungen wie "gut" oder "schlecht" an bestimmte -Theismen heranbringen. Wo habe ich das getan? Wenn sich Beurteilungen aufdrängen, klar. Aber ich nehme erst Tatsachen zur Kenntnis und dann lasse ich - gerne - auch Urteile zu. Aber man sucht sich doch nicht die Tatsachen je nach dem zusammen, was sie dann für Urteile zulassen. Oder tust Du das etwa?

    Deswegen frage ich mich z.B. dauernd, warum Du mit den Menschenopfern bei den Mayas kommst. Was haben die hier mit diesem Thema zu tun? Ich will nicht den Polytheismus als "besser" hinstellen als den Monotheismus, sondern ich will die Frage beantworten, warum war der eine erfolgreich, der andere nicht.

    Und wohlgemerkt: Ich UNTERSCHEIDE ja zwischen Polytheismus und Mythenglauben einerseits und sokratischer Unterscheidung andererseits, der Unterschied zwischen beiden ist ebenso groß wie der Unterschied beider zur mosaischen Unterscheidung.

    Und ich schlug vor, dabei das "Besondere" des Monotheismus mit ins Auge zu fassen.

    Es wird sich sicherlich Gelegenheit finden, die Frage noch einmal grundlegender anzugehen. Z.B.: Haben die Marxisten wirklich nach westlichem Wissenschaftsverständnis zwischen Wahr und Falsch unterschieden - oder letztlich doch nach einem - nachwirkenden???!!! - mosaischen Verständnis, OBWOHL sie von sich selbst BEHAUPTETEN, "rein wissenschaftlich" vorzugehen??? Es ist doch viel zu auffällig, als daß man es unberücksichtigt lassen könnte in diesen Fragen, daß allzu viele Marxisten Rabbinersöhne oder -neffen waren oder Priesterseminaren entlaufen waren. (Siehe beispielsweise Juri Slezkine "Das jüdische Jahrhundert".)

    Kevin MacDonald hat die These vertreten (in "A Culture of Critique", 1998), daß auch viele atheistische "wissenschaftliche" Progamme dem Zweck dienten, letztlich der mosaischen gruppenevolutionären Strategie zu dienen. Und meistens sind diese Programme dann bisher auch schon einige Jahrzehnte später wieder an dem weiteren wissenschaftlichen und technischen Fortschritt zugrunde gegangen.

    Der mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch wohnt eine unglaubliche weltgeschichtliche Kraft inne, man sollte sie nicht unterschätzen. Diese unglaubliche Selbstgerechtigkeit von Menschen, die glauben, 150%ig zu wissen, was, wie, wo und warum Gott ist, und die dann glauben zu wissen, was andere für ein Schicksal verdient haben, die diesen Glauben, dieses "Wissen" nicht teilen. (Oh je: schweife ich gerade ab?)

    Aber was, wenn sich herausstellen sollte, daß nicht nur 99 % aller übernatürlichen Akteure Wahnsinn waren, sondern auch die restlichen 1 %? Dann stellt sich eine ganz unglaubliche Frage: Wie kann, wie konnte überhaupt der Wahnsinn jemals eine so große Rolle in der Weltgeschichte spielen? Wäre das nicht "total verrückt"? (Die "Wertung", Michael, die Dich im vorletzten Satz sicherlich stört, bezieht sich nur auf 1 % ..., nicht auf den Wahnsinn, an den Schamanen geglaubt haben, nicht wahr?)

    Von hier aus versteht man vielleicht besser, warum Dawkins vermutet, daß Religion ein "Virus" im menschlichen Gehirn darstellen könnte.

    So wohl nicht ... Aber wo fände man dann eigentlich sonst in der Evolution ein so riesiges Programm von Selbsttäuschung, sozusagen als "Vorläufer" zu dem, was dann beim Menschen zu finden ist?

    Ich glaube, das ist eine tiefe philosophische Frage. Weltgeschichtlich wollte der Mensch schon VOR der Entstehung der modernen Wissenschaft wissen, wie alles miteinander zusammenhängt. Und stellte zur Beantwortung dieser Frage völlig falsche Thesen auf (zumindest zu 99 % ...). Aber warum wirken sie so heftig und lange nach? - - -

    (Gehört wohl vieles aus diesem Beitrag nicht direkt zum Thema dieses Threads.)

szmtag