chronologs Natur des Glaubens

Warum verfielen die antiken Götterkulte - und siegte der Eine?

von Michael Blume, 23. Dezember 2008, 16:56

Die aktuelle EPOC-Ausgabe 1/2009 beschäftigt sich eindrucksvoll und empfehlenswert mit dem griechischen Götterhimmel. Waltraud Sperlich informiert über neueste Ausgrabungen, die ältere Wurzeln griechischer Überlieferungen, Rituale und Heiliger Stätten freilegen (Die Wiege des Zeus, S. 16-24). Barbara Patzek und Klaus-Dieter Linsmeier verdeutlichen den prägenden Einfluss von Homer und Hesiod auf Mythologie und damit letztlich auch Gesellschaft und Politik (Aus Chaos entstanden, S. 24-27). "Die himmlischen Zwölf" (von Hunderten) werden uns auf den S. 28-33 vorgestellt. Und Hakan Baykal lässt die kurze Regentschaft von Kaiser Julian Revue passieren, der im 4. Jahrhundert noch einmal versuchte, den antiken Glauben wiederherzustellen - und scheiterte (Der letzte Sohn der Götter, S. 34-39). Die Religionssoziologie (z.B. Rodney Stark) haben sich zudem daran gemacht zu erforschen, wie und womit sich der Monotheismus schließlich gegen staatliche Verfolgung durchsetzte.

Die griechischen Götter waren bunt und interessant - warum siegte der Monotheismus?

In den letzten Jahren hat die Religionswissenschaft einige Fortschritte im Hinblick auf die Frage gemacht, warum die antiken Kulte auch in den Jahrhunderten verfielen, in denen sie staatlich gefördert wurden - wogegen Juden und Christen (aber auch Anhänger henotheistischer Kulte wie der Isis und Cybele) Diskriminierung und Verfolgung erlitten. Warum setzte sich der Monotheismus gegen die religiöse Konkurrenz und die staatliche Macht durch? Und warum geschah das vor allem in und aus den Städten - bis heute werden Nichtmonotheisten als Landbewohner bezeichnet - Heiden, Pagans? Neuere, auch empirische Forschungen (z.B. des Religionssoziologen Rodney Stark) sowie auch vergleichende Beobachtungen an heutigen Religionsgemeinschaften zeichnen ein immer klareres Bild.

Kurz gefasst lässt sich die Antwort auf die Titelfrage in drei Teile gliedern.

1. Gemeinschaftszusammenhalt

Gerade in die Städte brachten Zuwanderer immer neue Götter mit, es bildeten sich riesige Götterscharen einerseits, ethnisch-religiöse Enklaven andererseits. Zwischen den Anhängern verschiedener Völker kam es zu Reibereien und auch der aufgeklärte Stadtbürger stand einem Sammelsurium unterschiedlichster Götter für alle Lebenslagen gegenüber. Als Folge dieser "göttlichen Vielstimmigkeit" verfiel sowohl die ethische Verbindlichkeit (warum Gebote ausgerechnet dieses Gottes respektieren?) und auch die Rituale und Opfergaben wurden an unterschiedlichste Kulte "gestreut".

Dagegen traten die monotheistischen Religionen mit der Botschaft einer Gottheit an, die alle Menschen ansprach und Fremde zu "Brüdern und Schwestern", zu hoch exklusiven, aber eben auch verbindlichen Gemeinschaften verband. Die kostspieligen Anforderungen (z.B. Speise-, Opfer- und Zeitgebote) schreckten Trittbrettfahrer ab (vgl. Beitrag zu Ritualen und den zehn Geboten) und Synagogen- und später Kirchengemeinden bildeten Solidargemeinschaften, in denen Kinder, Kranke, Alte, die sprichwörtlichen "Witwen und Waisen" versorgt und religiös unterwiesen wurden, die auch als Anlaufstellen für Fernreisende wirkten. Das indirekt höchste Lob hierzu stammt ausgerechnet vom o.g. Kaiser Julian, der - erfolglos - dazu aufrief, auch unter den Paganen vergleichbare Solidarität zu schaffen, um den Zulauf zu den christlichen Gemeinschaften einzudämmen.

Aber es soll nicht verschwiegen werden: Der Preis für den höheren Zusammenhalt in monotheistischen Gemeinschaften bestand (und besteht!) gleichwohl in einer oft höheren Intoleranz gegenüber "Ungläubigen", auch die Überwindung ethnischer Schranken "im Inneren" geht bisweilen mit einer deutlicheren Abgrenzung "nach Außen" einher.

2. Verbindlichkeit, besonders in der Ehe

Besonders erfolgreich war (und ist!) der Monotheismus unter Frauen. Denn das weitgehende Fehlen verbindlicher Gebote untergrub die Sicherheit der Familien. Nicht umsonst hatten viele Mythen über "Göttervater" Zeus dessen Seitensprünge zum Thema und seine Gattin Hera wird auch in EPOC folgerichtig als "die Eifersüchtige" tituliert. Was unter Göttern heitere Geschichten prägte, war für Frauen in den Städten bedrückende Realität. Wirtschaftliche Abhängigkeit, sexuelle Libertinage, Konkubinats- und Scheidungsrechte des Mannes, Abtreibung und das väterliche Recht auf Kindesaussetzung stellten für sie und ihre Nachkommen reale Bedrohungen dar.

Der strenge Eingott, der den monogamen Ehebund und Familienleben auf Lebenszeit segnete und Ehebruch, Abtreibung, Kindesaussetzung verbot, bot dagegen Männern eine symbolisch erhöhte Rolle nur im Tausch gegen sexuelle Verbindlichkeit. Bis heute dominieren die Frauen Mitgliedschaft und Alltagsreligiosität der monotheistischen Religionen, wogegen Männer in der Konfessionslosigkeit, UFO-Kulte und Neopaganismen überwiegen (vgl. Beitrag zur Gretchenfrage). Auch dieses Verhalten lässt sich heute sowohl in Befragungen wie in der empirischen Eheforschung feststellen.

Der Preis für die strikte Monogamie bestand (und besteht!) jedoch häufig in inakzeptablen Freiheitseinschränkungen auch der Frau: Wenn sich die Männer schon exklusiv auf eine Familie festlegen sollten, so wurde umgekehrt der Ehebruch der Frau zum sanktionierten Verbrechen, nicht selten entfaltete sich eine patriarchale Doppelmoral. Man bedenke in diesem Kontext z.B. die Symbolkraft der Jesusüberlieferung (Joh 8,1-11), der mit dem Hinweis auf Sünden der Männer eine Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrte...

3. Demografischer Erfolg

Der Verfall der polytheistischen Verbindlichkeit hatte auch demografisch ernste Konsequenzen. So beklagte z.B. Polybios im 2. Jahrhundert vor Christus bestürzend "modern" wirkende Entwicklungen:

"In der Zeit, in der wir leben, ist in ganz Griechenland die Zahl der Kinder, überhaupt der Bevölkerung in einem Maße zurückgegangen, dass die Städte verödet sind und das Land brachliegt, obwohl wir weder unter Kriegen von längerer Dauer noch unter Seuchen zu leiden hatten [...] weil die Menschen der Großmannssucht, der Habgier und dem Leichtsinn verfallen sind, weder mehr heiraten noch, wenn sie es tun, die Kinder, die ihnen geboren werden, großziehen wollen, sondern meist nur eins oder zwei, damit sie im Luxus aufwachsen und ungeteilt den Reichtum ihrer Eltern erben, nur deshalb hat das Übel schnell und unvermerkt um sich gegriffen." (zitiert nach Bernhard Felderer, Wirtschaftliche Entwicklung bei schrumpfender Bevölkerung, Berlin, Heidelberg, New York 1983, S. 128)

Die Kombination aus überlebensförderlicher Gemeinschaftlichkeit und reproduktionsförderlicher Familienorientierung bewirkte (und bewirkt!) dagegen eine durchschnittlich höhere Kinderzahl monotheistischer Familien - zumal auch in gemischtreligiösen Ehen vor allem die Mütter die Erziehung der Kinder übernahmen (vgl. 2). Antijüdische und antichristliche Verfolgungen konnten daher das Nachwachsen der Gemeinschaften nicht aufhalten und schweißten die Glaubenden oft nur umso fester zusammen. Interessanterweise ist auch das eine Beobachtung, die wir heute machen können - die aber schon in der biblischen Erzählung vom Pharao, der Angst vor dem Kinderreichtum der Israeliten bekommt (Buch Exodus) thematisiert wird und mutmaßlich also schon vorantik bekannt war. Auch heute gilt nachweisbar: Verbindlich religiöse Menschen haben durchschnittlich deutlich mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn - und dies gerade auch in freiheitlichen und wohlhabenden Umgebungen.

 

Der Preis für den demografischen Erfolg besteht freilich in der regionalen Verschärfung von Überbevölkerung (derzeit z.B. in Afrika und Südostasien) und teilweise auch der Ablehnung von Verhütungsmitteln durch monotheistische Geistliche.

Besser? Vielleicht. Erfolgreicher! Das auf jeden Fall.

Ein interessanter, neuzeitlicher Vergleich für die Konkurrenz verschiedener Glaubenssysteme bietet auch Indien, dessen Polytheismus sich vielerorts bereits zu einem Henotheismus (die Vielen als Ausdruck des Einen) weiterentwickelt hat und weiter entwickelt: Aber auch hier wehren sich einige hinduistisch-extremistische Bewegungen teilweise mit Gewalt z.B. gegen die Aufhebung der Kastenordnungen durch die monotheistischen Sikhs, Christen und Muslime, werfen monotheistischen Sozialwerken deren erfolgreiche Missionswirkung vor, werden in einigen hinduistischen Regionen v.a. Mädchen abgetrieben und weisen v.a. Muslime überdurchschnittlich hohe Geburtenraten auf - mit allen daraus folgenden Konflikten!

Ob monotheistische Religionen also moralisch "besser" zu beurteilen seien, kann die Religionswissenschaft normativ nicht entscheiden. Sie kann allenfalls berichten, dass sie mit ansteigender Bevölkerungsdichte erfolgreicher werden und sich also religionshistorisch tendenziell durchsetzen - aber eben auch nicht selten mit Phasen der Intoleranz und Gewalt. Wie die antiken Götter frühere Ahnen- und Schamanenkulte abgelöst hatten, so war schließlich auch ihre Zeit gekommen, wenn auch kleine Gruppen von Neopaganen Wiederbelebungen versuchen. Urbanisierung und Globalisierung bedeuten seit Jahrtausenden unter anderem auch ein Sterben der Götter, hin zu dem Einen. (Vgl. BGAEU-Artikel hier)

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich auf diesem Wege freudvolle Feiertage und einen guten Rutsch (übrigens vom jüdisch-hebr. Rosch = Neujahr) ins neue Jahr!



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Kommentare

  1. Michael Blume @ Ingo: Zirkulär
    05.01.2009 | 10:15

    "Haben die Marxisten wirklich nach westlichem Wissenschaftsverständnis zwischen Wahr und Falsch unterschieden - oder letztlich doch nach einem - nachwirkenden???!!! - mosaischen Verständnis, OBWOHL sie von sich selbst BEHAUPTETEN, "rein wissenschaftlich" vorzugehen??? Es ist doch viel zu auffällig, als daß man es unberücksichtigt lassen könnte in diesen Fragen, daß allzu viele Marxisten Rabbinersöhne oder -neffen waren oder Priesterseminaren entlaufen waren. (Siehe beispielsweise Juri Slezkine "Das jüdische Jahrhundert".)"

    Auf gut deutsch: Selbst am aufkommen ausdrücklich atheistischer, antijüdischer und antimonotheistischer Weltanschauungen, die Synagogen, Kirchen und Moscheen zerstörten und vom Rabbi über den priester und Imam bis zum Schamanen religiöse Akteure brutal verfolgten, sind nach dieser "Logik" Juden im Besonderen und Monotheisten generell irgendwie "nachwirkend" selbst schuld...

    "Kevin MacDonald hat die These vertreten (in "A Culture of Critique", 1998), daß auch viele atheistische "wissenschaftliche" Progamme dem Zweck dienten, letztlich der mosaischen gruppenevolutionären Strategie zu dienen. Und meistens sind diese Programme dann bisher auch schon einige Jahrzehnte später wieder an dem weiteren wissenschaftlichen und technischen Fortschritt zugrunde gegangen."

    Was soll denn eine "mosaische gruppenevolutionäre Strategie" sein? Darf ich Dich darauf aufmerksam machen, dass orthodoxen Juden gerne der Vorwurf gemacht wird, die Evolutionstheorie abzulehnen? Und jetzt soll auf Moses himself eine "gruppenevolutionäre Strategie" zurück gehen? Und warum funktionierte sie bei den atheistischen Bewegungen, die sie übernehmen wollten, offensichtlich nicht?

    "Der mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch wohnt eine unglaubliche weltgeschichtliche Kraft inne, man sollte sie nicht unterschätzen. Diese unglaubliche Selbstgerechtigkeit von Menschen, die glauben, 150%ig zu wissen, was, wie, wo und warum Gott ist, und die dann glauben zu wissen, was andere für ein Schicksal verdient haben, die diesen Glauben, dieses "Wissen" nicht teilen. (Oh je: schweife ich gerade ab?)"

    Ja, Du schweifst ab. Und warum soll die Unterscheidung zwischen wahr und falsch denn nur "mosaisch" sein? Du triffst sie doch auch, benennst aus der Warte des Richters (stets gläubige) Schuldige und der von Dir verehrte Sokrates wurde Jahrhunderte vor dem Aufstieg des Monotheismus in Griechenland von einem polytheistisch-antiken Gericht zum Tode verurteilt. Dagegen gehen z.B. über 80% der Juden in den USA (und fast ebenso viele Katholiken) davon aus, dass auch Nichtjuden vor Gott bestehen können:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...051578/

    Könnte es nicht ein wenig selbstgerecht sein, Andersglaubende pauschal der Selbstgerechtigkeit zu zeihen? Glauben kann auch Demut und Toleranz nach sich ziehen.

    Es gibt einen Unterschied zwischen Wissenschaft und obskuren Verschwörungstheorien, lieber Ingo. Und die obsessive Mosesjünger-sind-an-allem-Schuld-Nummer gehört kaum in den Bereich der Wissenschaft... Bitte, höre einfach (und endlich) auf damit!

  2. KRichard @Ingo
    06.01.2009 | 07:17

    Wenn Sie sich die Frage stellen, wieso die Menschen überall auf der Welt zu ähnlichen Denkweisen kamen (hier z.B. Religionen, Kulte, Schamanismus); dann sollte man darüber nachdenken, was sie gemeinsam haben.
    Gemeinsam ist ihnen, dass sie überall nach den gleichen Mechanismen agieren und reagieren - deswegen kommen überall gleiche oder ähnliche Ergebnisse.
    Technisch gesprochen: Bauplan, Konstruktion und Funktionsweise des Menschen sind überall gleich.

    Deswegen bringt es auch nichts, das Christentum (Monotheismus) einseitig anzuklagen - wo es doch in vielen Ländern gar keine Christen gibt - aber die Menschen genau so handeln.

    Man müsste vielmehr die gemeinsame Ursache von bestimmten Handlungs-/Denkweisen suchen.

  3. Michael Blume @ KRichard
    06.01.2009 | 09:48

    Wow, wieder kann ich nur zustimmen...

    Hätten Sie vielleicht einmal Lust, einen GGG-Gastbeitrag (zum Thema Ihrer Wahl) auf meinem Blog zu schreiben?
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...3%A4ge/

  4. KRichard @Michael Blume + @Ingo
    06.01.2009 | 11:12

    Ich habe eigentlich keine Lust dazu, einen eigenen Blogbeitrag zu schreiben, weil´s nichts bringt.

    Ich habe schon an anderer Stelle auf die Seite www.nahtod.de hingewiesen. Dr. phil. Stefan Högl zeigt darin, dass die sogenannten ´Nahtod-Erlebnisse´ eine von mehreren möglichen Ursachen von Transzendenz-Erfahrungen sind, welche seit dem Gilgamesch-Epos immer wieder beschrieben werden.
    Und ich habe auch bereits mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass diese sogenannten Nahtod-Erlebnisse das Ergebnis einer einzigen Gehirnfunktion sind, das Gehirn funktioniert wie immer: man kann das eigene Gehirn LIVE dabei beobachten, wie es das egene episodische Gedächtnis durchsucht + die gefundenen Erlebnisse werden dabei geichzeitig mit dem aktuellen Verstand/Bewusstsein neu bewertet.

    Das ist eigentlich genau das, was @Ingo sucht: eine der möglichen Wurzeln von Religiosität, die bei allen Menschen gemeinsam ist und gleichermaßen erlebt wird.

    Dass man dem eigenen Gehirn LIVE bei der Arbeit zusehen kann - wurde bisher nicht beachtet: obwohl es sowohl für Gehirn- und Religionsforschung eine völlig neue Sichtweise auf Denkprozesse und die Entstehung von Religiosität ermöglichen würde. Das Thema ´Nahod-Erlebnisse´ wurde bisher den Esoterikern überlassen.

    Das Studiun einer LIVE erlebbaren Gehirnfunktion könnte helfen, besser zu verstehen, wie das Gehirn arbeitet und was Bewusstsein/Ich/Selbst ist.
    Und die Reaktion auf diese Hinweise: gleich Null. - Jetzt vestehen Sie vermutlich meinen ersten Satz etwas besser.

  5. KRichard @Blume: Nachtrag
    06.01.2009 | 11:51

    Herr Dr. Blume
    ich sende Ihnen eine CD mit einem aktuell von mir veröffentlichten Text zum Thema Nahtod-Erlebnisse zu. Sie dürfte spätestens Montag bei Ihnen ankommen.
    Mit freundlichem Gruß

  6. Ingo @ KRichard
    06.01.2009 | 12:54

    "... was @Ingo sucht: eine der möglichen Wurzeln von Religiosität, die bei allen Menschen gemeinsam ist und gleichermaßen erlebt wird."

    - Hm! Ist es das, was ich suche? VIELLEICHT! (Natürlich auch, klar.) Aber da habe ich auch schon so manches gefunden. Zum Beispiel das "belonging" der amerikanischen Primatologin Barbara J. King:

    http://astore.amazon.de/...ra-21/detail/0385511043

    also das "Sich-Zugehörig-Fühlen-zu" (schlicht: die Liebe). Das findet man sicherlich in allen Kulturen und ist sicherlich eine der Wurzeln menschlicher Religiosität. Und da es etwas so durch und durch Normales ist, das sogar die heftigsten Atheisten mit allen anderen teilen, halte ich das für einen guten Ausgangspunkt für die Erforschung der Evolution menschlicher Religiosität.

  7. KRichard @Ingo
    06.01.2009 | 15:33

    Unsere Texte ergänzen sich.

    Bei Nahtod-erlebnissen wird ersichtlich, dass man sich dabei an Erlebnisse ab dem 6. Schwangerschaftsmonat erinnern kann.

    Eines der bedeutendsten Erlebnisse ist die Erinnerung an ein sprechendes, liebevolles Lichtwesen. An dieses Geborgenheitsgefühl in Liebe, Wärme, Glück kann man sich offenbar das ganze Leben lang erinnern. Dieses Lichtwesen ist die eigene Mutter (oder andere Personen, die sich liebevoll um das Baby sorgen)

    D.h. erlebte Liebe/Zuneigung ist eine Grunderfahrung

  8. KRichard religionswissenschaft-blog
    10.01.2009 | 13:42

    Herr Dr. Blume
    Anbei doch noch eine Anregung für Ihren rel.wiss. Blog.
    (Heute vormittag kamen zwei Zeugen Jehovas um mit mir über die Bibel zu sprechen.
    Ich fragte: stimmt es, dass die ZJ genau nach der Bibel leben?
    Antwort: strahlende Gesichter und `JA´ - und ein Lob weil ich so gut über die ZJ Bescheid wüsste.
    Dann fragte ich sie, ob sie ein Konto bei der Bank haben, wo man Zins bekommt.
    Antwort: JA
    Dann sagte ich Ihnen, sie sollten doch einmal Hesekiel 18. Kapitel anschauen.
    Dort steht eindeutig drin, dass man sein Seelenheil verliert, wenn man Zins nimmt - über Art und Menge steht nichts, d.h. es ist absolut gemeint.
    Ich gab ihnen den Tipp sie sollten bei dem schönem Wetter besser spazieren gehen oder Schlittschuh laufen - solange sie ihre Seele nicht durch Auflösung des Bankkontos gerettet hätten. So schnell war ich ZJ noch nie los.)

    Daher meine Anregung:
    Wie halten es die verschiedenen Religionen mit dem Nehmen von Zins?

    Das wäre doch mal ein interessantes Thema - gerade mit dem Hintergrund der aktuellen Kapitalmarktkrise.

  9. Michael Blume @ KRichard: Zins in den Religionen
    10.01.2009 | 14:32

    Ist tatsächlich mal eine gute Anregung! Zumal ich Dienstag (allerdings mit anderem Thema) vor Finanzwissenschaftlern spreche! ;-)

    http://religionswissenschaft.twoday.net/...396088/

    Der (guten) Ideen sind so viele, allein, ich muss um Verständnis bezüglich des Zeitbudgets bitten... Aber ist im Hinterkopf gespeichert!

  10. KRichard @Blume
    10.01.2009 | 16:11

    Im aktuellen Heft ´P.M. Fragen und Antworten Nr.1/09´ ist ein Hinweis, dass 2009 wegen des 500. Geburtstagsjubiläums als Gedenkjahr für Johann Calvin gefeiert wird - er gilt als ein gedanklicher Vater des Kapitalismus.

    Vielleicht lässt sich das mit dem ´Zins´-Thema verbinden?
    P.M.F&A-Tipp: www.calvin09.org

  11. Edgar Wirtschaftsethik
    17.01.2009 | 20:11

    Ja, über "religiöse Wirtschaftsethik" würde ich auch gerne mehr erfahren.

  12. saibot kein Betreff
    12.03.2009 | 13:01

    Großartiger Beitrag! Danke!

  13. MartinM Das klingt plausibel, aber ...
    06.06.2009 | 23:08

    Der soziale Zusammenhalt in großen, pluralistischen Städten kann auch auf nicht-religöse Weise gewährleistet werden - praktisch ist das bei allen "Weltstädten" der Neuzeit der Fall. Der römische "Staatskult" - eine gesetzlich verbindliche "Minimareligion" sollte ja eine gemeinsame Klammer vor ansonsten religiös divergierende Gruppen bilden. Diese Klammer funktionierte bei den Christen, die am Staatskult nicht teilnahmen, nicht - die durch ihre Nicht-Anerkennung in den Verdacht gerieten, Staatsfeinde zu sein und deshalb verfolgt wurden.
    Ob ein sekulärer Gesellschaftsvertrag, wie er seit der amerikanischen und der französischen Revolution in den meisten westlichen Staaten üblich ist, bei den Römern funktioniert hätte

    Ob Kaiser Julians Aufruf auch unter den Heiden eine den Christen vergleichbare Solidarität zu schaffen, auch auf längere Sicht - er regierte ja nur knapp zwei Jahre - erfolgslos geblieben wären,ist reine Spekulation.

    "Wobei Männer in der Konfessionslosigkeit, UFO-Kulte und Neopaganismen überwiegen" - In UFO-Kulte habe ich keine Einblick, aber in den meisten neuheidnischen Vereinen und Gemeinschaften, die mir bekannt sind, ist das Geschlechterverhältnis in etwa ausgeglichen. Mit zwei bemerkenswerten Ausnahmen: Neue Hexen, einschließlich Wicca, sind ganz überwiegend weiblich. Die andere Ausnahme sind "völkisch-nationalistisch" orientiert Neuheiden - bei denen habe ich den Eindruck, dass da überwiegend Männer am Werk sind. Dafür haben die Frauen in diesen Gemeinschaften auffällig viele Kinder.

    Ob Polybios Annahmen für den Bevölkerungsrückgang in hellenistischer Zeit stimmten - wobei nur im eigentlichen Griechenland die Bevölkerung zurückging - ist offen. Ich könnte mir für diese Epoche auch vorstellen, dass da mit mangelnder Rechtssicherheit und scharfen sozialen Gegensätzen zu tun hat - die er, als im großen und ganzen "regierungstreuer" Historiker aber lieber nicht benannte. Moralisierendes Wehklagen über den Eigensinn "der Leute" usw. ist schließlich auch heute weiter verbreitet, als Gesellschafts- oder gar Systemkritik.

    "Wie die antiken Götter frühere Ahnen- und Schamanenkulte abgelöst hatten" - nun, die gab und gibt es weiterhin. Der japanische Zen-Buddhismus koexistiert z. B. bestens mit dem polytheistischen Shintismus, der wiederum mit dem Ahnenkult koexistiert.

    Die rationale bzw. utilitaristische Entwicklung in einer globalisierten und pluralistischen Gesellschaft führt meiner Ansicht nicht hin zu "dem Einen", sondern zu einer sekulären Gesellschaft, in der Religion Privatsache ist. Zumindest sehe ich, wenn ich die sich teilweise widerstrebenen Werte "intakte Ökologie", "Frieden", "individuelle Freiheit" und "Überwindung der Armut und der sozialen Gegensätze" keine Möglichkeit, dies auf der Grundlage einer (auch weltlichen) Einheitsreligion zu verwirklichen. Ich bin mir ferner bewusst, dass mein Neopanismus irrational ist - und er mir ungeplant und entgegen meiner atheistischen Grundhaltung sozusagen zustieß.

    kleine Gruppen von Neopaganen Wiederbelebungen versuchen.

  14. Michael Blume @ MartinM
    07.06.2009 | 15:11

    Danke für den interessanten Beitrag, auf den ich gerne eingehe!

    Der soziale Zusammenhalt in großen, pluralistischen Städten kann auch auf nicht-religöse Weise gewährleistet werden - praktisch ist das bei allen "Weltstädten" der Neuzeit der Fall.

    Die ausnahmslos auch von dynamischen Religionsgemeinschaften (v.a. in den Vorstädten) geprägt werden, selbst z.B. in atheistischen Diktaturen wie China. Denn Religionen fördern ja nicht zuerst den Zusammenhalt der ganzen Stadt, sie verbinden konkret Stadtbewohner, die sonst häufig stark zersplittert leben.

    Der römische "Staatskult" - eine gesetzlich verbindliche "Minimareligion" sollte ja eine gemeinsame Klammer vor ansonsten religiös divergierende Gruppen bilden. Diese Klammer funktionierte bei den Christen, die am Staatskult nicht teilnahmen, nicht - die durch ihre Nicht-Anerkennung in den Verdacht gerieten, Staatsfeinde zu sein und deshalb verfolgt wurden.

    Exakt. Der römische Staatskult war aber auch nicht in der Lage, in ausreichendem Ausmaß für stabile und große Familien sowie soziale Netzwerke zu sorgen.

    Ob ein sekulärer Gesellschaftsvertrag, wie er seit der amerikanischen und der französischen Revolution in den meisten westlichen Staaten üblich ist, bei den Römern funktioniert hätte

    Möglich. Aber gerade die USA (und zunehmend auch Frankreich!) sind ja ein wunderbares Beispiel dafür, dass sich im Rahmen der säkularen Grundordnung dann ein Wettbewerb dynamischer Religionen entfaltet.

    Ob Kaiser Julians Aufruf auch unter den Heiden eine den Christen vergleichbare Solidarität zu schaffen, auch auf längere Sicht - er regierte ja nur knapp zwei Jahre - erfolgslos geblieben wären,ist reine Spekulation.

    Nein, nicht ganz. Da monotheistische Religionen ihre Anhänger exklusiv binden, sind sie zu stärkeren Gemeinschaftsleistungen in der Lage. Auch z.B. in Indien zeichnen sich Christen, Muslime, Sikhs etc. durch stärkere und stabilere Gemeinschaftswerke als polytheistische Traditionen aus. Wo Frömmigkeit und Spenden zwischen zahlreichen Gottheiten aufspaltet wird, entstehen ggf. Streuverluste.

    In UFO-Kulte habe ich keine Einblick, aber in den meisten neuheidnischen Vereinen und Gemeinschaften, die mir bekannt sind, ist das Geschlechterverhältnis in etwa ausgeglichen.

    Kein Widerspruch von mir. Männer überwiegen laut Schweizer Volkszählung v.a. in der Konfessionslosigkeit, Frauen sind mit wenigen Ausnahmen (z.B. Raelianern) in allen etablierten Religionsgemeinschaften stärker vertreten.
    Mit zwei bemerkenswerten Ausnahmen: Neue Hexen, einschließlich Wicca, sind ganz überwiegend weiblich. Die andere Ausnahme sind "völkisch-nationalistisch" orientiert Neuheiden - bei denen habe ich den Eindruck, dass da überwiegend Männer am Werk sind. Dafür haben die Frauen in diesen Gemeinschaften auffällig viele Kinder.

    Empirische Studien dazu wären wirklich hochinteressant!!!

    Ob Polybios Annahmen für den Bevölkerungsrückgang in hellenistischer Zeit stimmten - wobei nur im eigentlichen Griechenland die Bevölkerung zurückging - ist offen.

    Nicht wirklich. Auch Berichte anderer Autoren, archäologisch-demografische Studien, vor allem aber die zunehmend verzweifelten, familienpolitischen Maßnahmen spätrömischer Kaiser verweisen auf lange Phasen demographischen Niedergangs.

    Moralisierendes Wehklagen über den Eigensinn "der Leute" usw. ist schließlich auch heute weiter verbreitet, als Gesellschafts- oder gar Systemkritik.

    Da stimme ich zu! :-)

    Der japanische Zen-Buddhismus koexistiert z. B. bestens mit dem polytheistischen Shintismus, der wiederum mit dem Ahnenkult koexistiert.

    Ja, schon gesehen?
    http://www.chronologs.de/...hnenverehrung-in-japan

    Die rationale bzw. utilitaristische Entwicklung in einer globalisierten und pluralistischen Gesellschaft führt meiner Ansicht nicht hin zu "dem Einen", sondern zu einer sekulären Gesellschaft, in der Religion Privatsache ist.

    Die auch demografisch dynamischen Religionsgemeinschaften in modernen Gesellschaften sind überwiegend (aber nicht ausschließlich) monotheistisch. Natürlich wächst oft auch der Anteil der Konfessionslosen (die allerdings wiederum weniger Kinder haben), aber die Leute, die intensiv glauben, beziehen sich häufiger auf "den Einen".

    Von einem Aussterben der Religiosität kann weltweit keine Rede sein, wir haben stattdessen seit Jahrhunderten Wellenbewegungen, wobei die Entwicklung von Sozialstaat und Individualismus säkularisierend wirken, die Demografie wiederum dynamische Religionsgemeinschaften begünstigt.

    Zumindest sehe ich, wenn ich die sich teilweise widerstrebenen Werte "intakte Ökologie", "Frieden", "individuelle Freiheit" und "Überwindung der Armut und der sozialen Gegensätze" keine Möglichkeit, dies auf der Grundlage einer (auch weltlichen) Einheitsreligion zu verwirklichen. Ich bin mir ferner bewusst, dass mein Neopanismus irrational ist - und er mir ungeplant und entgegen meiner atheistischen Grundhaltung sozusagen zustieß.

    Danke, das ist wirklich interessant! Und Sie wirken damit nicht nur als Suchender, sondern auch als Mit-Akteur an der Entwicklung religiöser Systeme und ggf. Gemeinschaften mit, die sich dann wiederum im religionsdemografischen Wettbewerb bewähren können. Evolutionsforschung bezieht sich ja immer nur auf die Vergangenheit, die Zukunft bleibt offen! :-)

  15. Thilo Nebensatz
    09.01.2010 | 14:55

    Ah sorry, dieser Nebensatz im Kommentar vom 30.12., 23:09 (ziemlich in der Mitte des Kommentars) ist mir erst jetzt aufgefallen:

    "Und auch wenn jemand einen Artikel offensichtlich nicht verstanden hat (wie @Thilo im Bezug auf den Holocaust-Beitrag von Yoav Sapir) kann man ja fragen und erklären."

    Vielleicht könnten Sie das doch noch einmal erklären: was habe ich dort Ihrer Meinung nach falsch verstanden und was möchten Sie genauer erklären? Ich bin wirklich gespannt.

  16. Michael Blume @ Thilo
    10.01.2010 | 12:01

    Sie können Yoav dazu gerne fragen, gerne auch direkt im entsprechenden Post. Wenn Sie das Thema darüber hinaus fachlich interessiert, es gibt eine Vielzahl von Artikeln dazu, z.B. hier:
    http://www.welt.de/...religion_braucht_Europa.html

    Ich kann mir gut vorstellen, dazu in Zukunft auch selbst einmal etwas zu schreiben, zumal ich im Beirat einer KZ-Gedenkstiftung auch mitwirke.

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