Religion ohne Gott - Zen-Buddhismus
Wenn jemand Religions-Definitionen hinterfragen will, wird gerne auf den Buddhismus verwiesen. Tatsächlich aber stärkt gerade das Beispiel des Buddhismus die Definition von Religiosität als "Verhalten zu übernatürlichen Akteuren". Denn wo immer sich buddhistische Traditionen über Generationen hinweg entfalteten, wurden vom zunehmend bildlich dargestellten Buddha selbst über Ahnen (vgl. japanische Ahnenverehrung), Geister, Götter und Bodhisatvas ein reiches Angebot an zu verehrenden Übernatürlichen definiert oder adoptiert. Diese sind also weniger logische Ableitungen aus einem Lehrsystem, sondern gewachsene Antwort auf die Fragen und Bedürfnisse vieler Glaubender. Und dennoch bewegt sich der Buddhismus - gerade auch in seinen Rezeptionen durch westliche Suchende - immer wieder besonders nah an Grenzbereichen religiöser und philosophischer Systeme und ist auch deswegen religionswissenschaftlich besonders interessant. Ich bin daher froh und dankbar, dass Mona - vielen hier als sorgfältig lesende, selbständig recherchierende und angenehm fair diskutierende Kommentatorin bekannt - sich bereit erklärt hat, uns einmal ihr persönlich gewonnenes Verständnis des Zen-Buddhismus zu schildern. Sie hat dem Blog und damit Ihnen allen zudem zwei wunderschöne Fotos gestiftet, die für konstruktive Zwecke frei verwendet werden dürfen. Für Diskussionsbeiträge und Fragen steht Mona auch gerne zur Verfügung. Ich wünsche Ihnen allen eine informative und anregende Lektüre & Diskussion! M.B.
"Mona":
Der Zen-Buddhismus ist ein philosophischer Glaube ohne Gott. Trotzdem sind seine Anhänger keine Atheisten im klassischen Sinn. Die Weltanschauung ähnelt zwar dem Pantheismus, verzichtet allerdings auf dessen religiöse Attribute. Dementsprechend lautet eine der Kernaussagen: „ Eins ist alles und alles ist eins!“ Zen ist keine Religion im herkömmlichen Sinne, denn es gibt weder eine festgeschriebene Lehrmeinung noch ein Dogma. Seinem Wesen nach ist Zen deshalb auch mit der modernen Wissenschaft kompatibel. Es kann als eine Art „missing link“ zwischen Religion und Atheismus angesehen werden, denn es bildet keinen Graben sondern schafft eine Verbindung.
Entwickelt hat sich Zen (chin.: Chan) aus dem Mahayana-Buddhismus, dem Taoismus und dem Konfuzianismus. Der Überlieferung nach kam Zen, im 6. Jahrhundert, mit dem indischen Mönch Bodhidharma nach China. Dogen Zenji (1200 - 1253) brachte dann die Praxis des Zazen (Za = sitzen); (Zen = Versenkung) von China nach Japan. Er ist einer der wichtigsten Meister des japanischen Zen und vertritt eine Praxis, die sich Schritt für Schritt entwickelt. Eine der Grundlagen dieser Praxis ist Zazen, eine Meditationsform im Sitzen, welche auf Buddha zurückgeht. Man sitzt mit gekreuzten Beinen und in aufrechter Haltung auf einem Kissen; sobald der Atem gleichmäßig wird, lässt man auch den Geist ruhen (Shikantaza). Auftauchende Bilder und Gedanken versucht man nicht festzuhalten, sondern lässt sie vorüberziehen wie die Wolken am Himmel. Auf diese Weise kann sich der Geist entleeren und kehrt so in seine ursprüngliche, ungetrübte Verfassung zurück. Zen sagt, man soll sich von allen Anhaftungen und Konditionierungen, d.h. von dualistischen und vorgeprägten Vorstellungen, freimachen, weil man nur so die Dinge in ihrer ursprünglichen Klarheit sehen kann. „Wolken und Nebel sind Luftgebilde, doch über ihnen liegt ewiger Sonnen- und Mondenschein.“ - Bruce Lee Tao.
Es geht bei dieser Art der Meditation also nicht darum, den menschlichen Geist in eine stumpfsinnige Leere zu versetzen, sondern seine angeborene, spontane Intelligenz wieder zum Vorschein zu bringen, um sich ihrer zu bedienen. Ziel ist es die Dinge intuitiv zu erfassen, indem man das gewöhnliche Denken übersteigt (Hishiryō). So wie ein Künstler erst die Technik lernen muss, um ein Kunstwerk zu schaffen. Wem dies gelingt, der ist „erwacht“, im Westen sagt man dazu auch „erleuchtet“. Der Zen-Abt Muho erklärt es so: "…und ich hatte realisiert, dass im Leben selbst eigentlich kein Sinn steckt, außer der, den ich ihm zumesse." Unterschieden wird dabei zwischen einer kurzen Erfahrung der Erkenntnis (Kensho) und dem eigentlichen spirituellen Ziel des Buddhismus, als intuitives Erlebnis (Satori), welches zu der Einsicht führt, dass alle Lebewesen Buddha-Natur besitzen.
Zen als Weg in den Künsten und als LebenswegIm Rinzai-Zen wird auch die intensive Beschäftigung mit Musik oder Kunst als eine Form der Meditation betrachtet. Im Zen gibt es den Begriff „Weg“ (Do, chin.: Tao), er findet sich vor allem in den Künsten wieder. Unter dem Begriff „Künste“ versteht man hier alles, was von Wert ist. Man denke z.B. an die jap. Teezeremonie (Chado), die Kalligraphie (Shodo) das Blumenstecken (Ikebana bzw. Kado) oder an die Kunst des Bogenschießens (Kyudo). Geht man den Weg einer oder mehrerer dieser Künste, so müssen die handwerklichen und die geistigen Fähigkeiten gleichermaßen entwickelt werden. Nur so kann der Mensch zum wahren Wesen dieser Kunst finden und zugleich die eigene Reife entwickeln. Aus dieser Sicht ist Zen auch ein Lebensweg.
Im Gegensatz zu den Theistischen Religionen sucht der Zen-Praktizierende nichts außerhalb, da ja alles in ihm selber schon vorhanden ist, es muss nur mehr erweckt werden. Dies wird erreicht, indem man sich von jeglichem dualistischen Denken befreit. Meister Sosan (gest. 606) sagte: „Der Kampf in unserem Bewusstsein führt zur Krankheit des Geistes.“ Viele Atheisten griffen diesen Spruch auf, um ihn dahingehend zu interpretieren, dass Religion eine Krankheit des Geistes sei. Gemeint ist damit aber die sog. Verblendung (im Sinne des Fundamentalismus), die keine Interpretationsmöglichkeit mehr zulässt, weil sie die Dinge ständig in Gut oder Böse einordnet und deshalb in pure Rechthaberei ausartet.
Vom Standpunkt des taoistischen Denkens aus betrachtet ist der Mensch von Natur aus gut. Das westliche Misstrauen gegenüber der menschlichen Natur wird als eine Form von Schizophrenie angesehen. Die Vorstellung der Mensch sei von Natur aus schlecht, ist absurd, weil es den Glauben selbst ad absurdum führt, denn alle Begriffe eines verdrehten Verstandes müssen demzufolge verdrehte Begriffe sein.
Zen-Buddhismus und christliche Mystik Im Angesicht des Todes begreift der Mensch, dass das Leben nicht unendlich währt und sich damit die verstehbare und beherrschbare Wirklichkeit als Illusion erweist. Spiritualität und Mystik findet sich deshalb in fast allen Religionen. Im Zen- Buddhismus gibt es keine Jenseitsvorstellung, keinen Himmel und keine „ewige Seele“, selbst der Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt, wie man ihn im Buddhismus findet, wird hier eher sinnbildlich verstanden, dahingehend, dass der Prozess des Entstehens und Vergehens ja in jedem Augenblick passiert. Im Zen gibt es nichts zu erreichen, alles muss losgelassen werden, deshalb gibt es auch keine „Erlösungsbedürftigkeit“ durch einen Gott, denn der Mensch ist fähig sich aus eigener Kraft zu befreien. Die „Erlösung“ findet im hier und jetzt statt. Sobald das Ich-Bewusstsein überwunden ist, stirbt auch die Furcht vor dem Tod. Was aber bleibt vom Geist, wenn wir sterben? Zen-Meister Taisen Deshimaru-Roshi (1880-1965) beantwortete diese Frage so: „Der Geist benötigt eine Form, also einen Körper, um sich zu verwirklichen. Wenn daher der Körper tot ist, stirbt auch das, was wir unter dem Namen „Geist“ kennen und kehrt zur kosmischen Ordnung zurück. Unser Ki (chin.: Qi = Lebensenergie) geht mit dem Tod in den Kosmos zurück. (…) Die kosmische Energie verändert sich nicht: Sie ist.“
Viele Menschen im Westen, welche sich mit Zen befassen, finden Parallelen zur christlichen Mystik. Genannt sei hier Meister Eckhard (gest. 1328), welcher immer wieder mit Zen-Meister Huang-Po (770-850) verglichen wird, der Folgendes sagte: „ Nur indem ihr verhindert, dass begriffliches Denken entsteht, werdet ihr Bodhi (Erwachen/Erleuchtung) erfahren. Dann werdet ihr auch Buddha erfahren, der immer in eurem Geist existierte.“
Zum Vergleich dazu Meister Eckhard: „Alles was man von Gott zu denken vermag, das ist alles Gott nicht. Was Gott in sich selber sei, dazu kann niemand kommen, er werde denn in ein Licht gerückt, das Gott selber ist.“
Wie den Meistern des Zen oder dem islamischen Arzt und Philosophen Ibn Rushd ging es auch Meister Eckhard um die Aussöhnung von „Physik und Metaphysik“. Deshalb deutete er die Bibel nicht buchstabengetreu, sondern allegorisch. "Die Schrift des Alten Testaments ist entweder Naturphilosophie oder Weisheit, die das Leben leitet." Der Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein (1879-1955) meinte: „Die Religion der Zukunft wird eine kosmische sein. Sie sollte einen persönlichen Gott transzendieren und Dogma und Theologie vermeiden. Indem sie sowohl das Natürliche als auch Spirituelle umfasst, sollte sie auf einem religiösen Sinn beruhen, der aus der Erfahrung aller natürlichen und spirituellen Dinge als tiefer Einheit erwächst. Der Buddhismus entspricht diesen Maßstäben. Wenn es irgendeine Religion gibt, die den Ansprüchen moderner Wissenschaft gewachsen ist, heißt sie Buddhismus."Ähnliche Artikel:
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Eugen Herrigel schreibt in seinem Buch ´Zen in der Kunst des Bogenschiessens´ über diese Kunst: "Nach ihr ist Bogenschießen nach wie vor eine Angelegenheit auf Leben und Tod in dem Maße, wie es eine Auseinandersetzung des Schützen mit sich selbst ist;..."
(Zitat aus der Ausgabe vom O.W. Barth Verlag, 1990, ISBN: 3-502-64280-X)
Aus diesem Grund betrachtet man Kyudo in Japan nicht als Sport, sondern als Philosophie, bei der man sich mit sich selbst und dem Sinn des Lebens auseinandersetzt. Wer erkennt, dass das Sterben ein Teil des Lebens ist, verliert die Angst davor und kann freier leben.
Dies ist auch ein Grund - neben der Schönheit - , wieso die Kirschblüte in Japan so populär ist. So leicht, wie sich ein Blütenblatt vom Baum löst, soll man sich von seinem Leben lösen; wenn man den Sinn verstanden hat.
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Das Buch von Eugen Herrigel kenne ich natürlich auch, die Kampfkünste sind ja eng mit der Philosophie des Zen verbunden. Bodhidharma gilt, der Legende nach, als Begründer der chinesischen Kampfkunst Kung Fu oder Wushu, wie sie heute noch im Shaolin-Kloster ausgeübt wird.
In Japan erfuhr das Zen eine einzigartige Ästhetik, welche die gesamte Kunst und auch das Leben beeinflusste, sogar die einstigen Kriegstechniken wurden in Künste verwandelt, denn der Kampf sollte nur mehr ein geistiger sein.
Literaturempfehlung: ZEN in den Kampfkünsten Japans von Taisen Deshimaru-Roshi.
Danke für den Buchtipp.
Es ist interessant, dass heute mit dem aus China stammenden Ch´an-Buddhismus überwiegend Kampfkünste in Verbindung gebracht werden.
Kaum bekannt ist, dass die Mönche damals auch das kultische Blumenarrangieren Kado (= Blumenweg, auch Ikebana genannt) nach Japan brachten. Diese zeremonielle Kunst wurde bis zur Grenzöffnung (1860) von Männern ausgeübt (Mönche, Adelige, Samurai); Frauen durften Ikebana erst nach 1860 erlernen und anwenden.
Beim Ikebana versucht man sich über die Zusammenhänge - vereinfacht gesagt - von Erde, Mensch und Himmel klar zu werden und sie in einem harmonischen Gesteck-Aufbau anzuordnen.
Diese philosophischen Grundgedanken stecken übrigens auch in vielen katholischen Kirchen. Die Klosterkirche in Weltenburg/Donau ist hierzu ein sehr bekanntes Beispiel.
Die Kirche ist dreiteilig aufgebaut, wobei darin der meditative Gedanke enthalten ist: Vorraum = körperliche Existenz, Innenraum = geistige Erkenntnis und Altarraum = spirituelle Erlösung.
bei dem Betreten der Raume und dem Gebet durchschreitet man diese Räume => Zen in der Klosterkirche
Ja, Sie haben recht, "Kado" der "Weg der Blumen" ist eine meditative Kunstform, welche ursprünglich dem männlichen Adel vorbehalten war. Japan und seine Frauen ist natürlich ein Kapitel für sich. Hier ein sozialhistorischer Essay, welcher sich mit diesem Thema befasst:
http://www.ruthlinhart.com/japan_7.htm
Die Klosterkirche in Weltenburg kenne ich ebenfalls, da ich früher in Regensburg beheimatet war. Allerdings wusste nicht wieso die Kirche dreiteilig aufgebaut ist. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass im Spätmittelalter "ars vivendi - ars moriendi" auch im Christentum eine Kunst war, so ähnlich wie der „Weg“ im Zen-Buddhismus. Doch diese Kunst scheint verloren gegangen zu sein.
Heutzutage meint die moderne Hirnforschung ja angeblich, dass "auch Ideen und kulturelle Weltbilder bloß Illusionskulissen" sind "mit deren Hilfe der Mensch werdende Affe sich an seine feindliche Umwelt anpasst".
Den ganzen Artikel, mit z.T. sehr interessanten Leserbriefen, findet man hier:
http://www.zeit.de/2007/42/Biologismus
Wenn ich das recht verstanden habe, dann ist der gottlose Zen-Buddhismus aus religiösen und philosophischen Vorstellungen hervorgegangen, wobei die religiösen Aspekte wie etwa Jenseitsvorstellungen oder Ahnenkult eliminiert wurden.
Das ist ein, wie ich finde, sehr interessanter Punkt, aus dem die spannende Frage folgt: Wie kamen die Menschen dazu, übernatürliche Akteure und Jenseitsvorstellungen ad acta zu legen und allein die Spiritualität zu pflegen? Was ist in den Köpfen dieser Menschen passiert?
Offenbar ist die Spiritualität, anders als die Religiosität, von der individuellen genetischen Ausstattung und Entwicklung relativ unabhängig.
Der Theologe und Biologe Ulrich Lüke hat kürzlich - sinngemäß - geäußert, die Evolution sei möglicherweise ein Prozess des Erkenntnisgewinns. Was, wenn der Erkenntnisgewinn darin bestünde, dass es keiner übernatürlicher Akteure bedarf, um ein gutes und sittliches Leben zu führen?
ich habe das Beispiel ´Weltenburger Klosterkirche´ gewählt, weil es ein sehr schönes Paradox zeigt: einheimische Meditationstechniken gehen verloren und fremde (Zen) werden praktiziert.
Das ganze Gebäude steckt voller Symbolik - welche sich in Details und im Ganzen ideal zum Meditieren eignen würde - wenn man die Zeichen beachten würde. Hier ist eine Übereinstimmung zum Buddhismus, bei dem - in anderer Form - die Meditation eine wichtige Rolle spielt.
Leider geht aber das in solchen Kirchen enthaltene Wissen verloren, weil man die Symbolik meist nicht mehr versteht und deuten kann. Das ist eigentlich schade - denn solches Wissen ist Teil unserer Kultur. => Aber vielleicht gibt es irgendwann einmal Meditationskurse bei denen man nicht im Schneidersitz meditiert - sondern sich bemüht, die hinter den Symbolen steckenden Gedanken zu verstehen. Das wäre doch eine Marktlücke für den Tourismus.
Zum ZEIT-Artikel: Solche Artikel amüsieren mich immer wieder. Die Idee des abgetrennten freien Willens, oder der Gedanke dass wir weder Schuld noch Freiheit haben, ist irgendwie schizophren. Denn dabei spaltet man sich gedanklich von seinem eigenen Gehirn und den darin enthaltenen Grundlagen unseres Bewusstseins ab.
So etwas ist nicht sinnvoll, denn wir haben kein Gehirn/Bewusstsein, sondern wir sind es.
Lieber Herr Balanus,
Sie bringen die Sache auf den Punkt, wenn Sie schreiben: "Wie kamen die Menschen dazu, übernatürliche Akteure und Jenseitsvorstellungen ad acta zu legen und allein die Spiritualität zu pflegen?"
Nun diese Leute haben sich m.E. ganz auf die erfahrbare Wirklichkeit konzentriert. Wenn man sich von jeglicher Illusion trennen möchte, muss man sich auch von der Gottesvorstellung trennen. Im Zen heißt es dazu ganz radikal: "Triffst du den Buddha auf dem Weg, dann töte ihn", d.h. das Bild das man sich gemacht hat; denn wer an einer Illusion festhält kann die Realität nicht mehr erkennen. So ähnlich wie es auch in der Bibel steht: " Du sollst dir kein Bildnis machen, keinerlei Gleichnis, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, noch des, das im Wasser unter der Erde ist."
Zen-Meister Kodo Sawaki sagte: "Viele verwechseln eine Art Rausch mit Glauben. Es gibt da einen der Ehrfurcht ähnlichen Rausch, der aber nur eine Täuschung ist. Glaube bedeutet umgekehrt: vollkommenes Nüchternwerden von jeglichem Rausch."
Die Chan-Bewegung kam in China auf, weil sich der ursprüngliche Buddhismus dort zu sehr von der reinen Lehre entfernt hatte. Wie Dr. Blume in der Einleitung schreibt:"... wo immer sich buddhistische Traditionen über Generationen hinweg entfalteten, wurden vom zunehmend bildlich dargestellten Buddha selbst über Ahnen (vgl. japanische Ahnenverehrung), Geister, Götter und Bodhisatvas ein reiches Angebot an zu verehrenden Übernatürlichen definiert oder adoptiert." Einige Menschen wandten sich von diesen "übernatürlichen Akteuren" ab und kehrten zu der ursprünglichen Lehre Buddhas und einem einfachen Leben zurück, so entstand das Zen.
...gibt es bereits. Viele Kirchen und Klöster bieten Zen-Kurse an. Der bekannte Benediktiner-Pater Willigis Jäger nennt seine Meditation zwar "Kontemplation", jedoch wurde er ganz offensichtlich vom Zen inspiriert. Warum in unseren Kirchen kein Wert auf spirituelle Tradition gelegt wird, könnte vielleicht damit zusammenhängen, dass spirituelle Lehrer wie Meister Eckhard von der "offiziellen" Kirche nicht gut gelitten waren. Man hat ihn ja letztendlich auch als Ketzer angeklagt und seine Schriften als häretisch, also nicht mit der Kirchenlehre übereinstimmend, erklärt.
"Offenbar ist die Spiritualität, anders als die Religiosität, von der individuellen genetischen Ausstattung und Entwicklung relativ unabhängig."
Dazu habe ich noch etwas "gegoogelt" und folgende Statistik gefunden:
http://www.hauptsache-persoenlichkeit.de/...et.pdf
Schön wäre es, wenn Michael Blume dazu ein Statement abgeben könnte. Besonders interessieren würde mich dabei, wieso zwischen Spiritualität und Religiosität so eine Diskrepanz herrscht?
"Der Theologe und Biologe Ulrich Lüke hat kürzlich - sinngemäß - geäußert, die Evolution sei möglicherweise ein Prozess des Erkenntnisgewinns. Was, wenn der Erkenntnisgewinn darin bestünde, dass es keiner übernatürlicher Akteure bedarf, um ein gutes und sittliches Leben zu führen?" Hat er da möglicherweise recht? Sind es nicht die spirituellen Sinnsucher, die den Erkenntnisgewinn bringen?
Liebe Mona,
danke für den tollen Beitrag. Ich werde mich natürlich weiter zurück halten, aber da Du mich extra angefragt hast, gerne auf die Punkte von @Balanus auch von religionswissenschaftlicher Perspektive eingehen.
Wenn ich das recht verstanden habe, dann ist der gottlose Zen-Buddhismus aus religiösen und philosophischen Vorstellungen hervorgegangen, wobei die religiösen Aspekte wie etwa Jenseitsvorstellungen oder Ahnenkult eliminiert wurden.
Und gleichzeitig wurde der Buddhismus nur dort zur Tradition, wo er religiöse Elemente (sprich: Verehrung von Übernatürlichen) wieder adoptierte! Das gilt auch für den japanischen Zen-Buddhismus, dessen Klöster mit (inzwischen nicht-zölibatären) Priestern vor allem von den Gebühren für Rituale der Bestattung und Ahnenverehrung leben. Prof. Inken Prohl, Heidelberg, hat dazu eindrucksvolle Beobachtungen aus intensiven Feldforschungen beschrieben:
http://www.uni-heidelberg.de/...ca/2009-1/die.html
Das ist ein, wie ich finde, sehr interessanter Punkt, aus dem die spannende Frage folgt: Wie kamen die Menschen dazu, übernatürliche Akteure und Jenseitsvorstellungen ad acta zu legen und allein die Spiritualität zu pflegen? Was ist in den Köpfen dieser Menschen passiert?
Dazu die oben zitierte Prof. Prohl:
"Mit diesen rituellen Inszenierungen begegneten sie (die Buddhisten, Anm. Blume) einem der drängendsten Probleme der religiösen Szenerie Japans: Die religiöse Landschaft war bevölkert von Furcht erregenden, zornigen und übelwollenden Geistern. Japanische Religionshistoriker gehen soweit, die japanischen Religionen vor Einführung des Buddhismus als Religion des Terrors zu bezeichnen. Die Priester der Zen-buddhistischen Schulen, insbesondere der Soto-Schule, lehrten, dass es sich bei diesen übelwollenden Geistern um leidende Lebewesen handelt. Sie begannen, diese Geister mithilfe ihrer besonderen Kraft zu erlösen.
Die Geister wurden formell in den Sangha, die Gemeinschaft der Buddhisten, konvertiert und so von ihrem Leid befreit. Mit ihrem Groll und Zorn erlosch auch ihr negativer Einfluss auf die Menschen. Nach und nach wurden die Ordinationsrituale, mit denen die Geister in die Gemeinschaft der Zen-Buddhisten aufgenommen wurden, auf alle Verstorbenen ausgeweitet. Die Soto-Schule entwickelte Begräbnisrituale, die die Verstorbenen durch die Verleihung eines posthumen Namens in den Zen-buddhistischen Sangha aufnahmen. Mit der Zeit übernahmen die meisten anderen buddhistischen Schulen diese Praxis, die bis in die Gegenwart die Grundlage für den „Begräbnis-Buddhismus“ bildet."
Hier erledigte der Buddhismus also den Überschuss übernatürlicher Akteure, den bei uns der Monotheismus überwand.
Aber auch buddhistische Klöster und Tempel heute bestehen nur, wenn sie übernatürliche Akteure (wie Ahnen, Kamis, Götter, Bodhisatvas) anzubieten haben. Insofern sind Buddhismus, Jainismus, Daoismus und andere, ursprünglich nicht-theistische Überlieferungen sogar besonders spannende Beispiele für den evolutionären Druck von philosophischen zu religiösen Annahmen!
(Sorry, falls ich hier Illusionen beschädige, das macht mir wirklich keinen Spaß, aber so ist nun mal die Befundlage...)
Offenbar ist die Spiritualität, anders als die Religiosität, von der individuellen genetischen Ausstattung und Entwicklung relativ unabhängig.
Die ersten noch sehr vorläufigen Befunde deuten darauf hin, dass beide Merkmale ganz ähnlich heritabel sind, aber nur locker korrelieren. Wer sehr wenig spirituell ist, den scheinen Rituale weniger anzusprechen - wer sehr intensiv spirituell ist, hat mitunter Schwierigkeiten, die eigenen Erfahrungen in Gemeinschaftsdeutungen einzupassen. Sogar auf Pfarrertagungen, auf denen wir spaßeshalber den Spiritualitäts-Test aus "Gott, Gene und Gehirn" gemacht haben, ergab sich so das Bild einer Glockenform: Mittlere Spiritualität korreliert mit Religiosität, sehr schwache und sehr starke kaum bis nicht. Auch Zusammenhänge von Spiritualität zu Fortpflanzungserfolg sind bisher (im Gegensatz zur Religiosität) nicht belegt. Persönlich würde ich erwarten, dass Spiritualität religiöser Performance diente - wer sich selbst in Ekstase erfuhr, war mit seinen Botschaften oder z.B. als Schamane auch glaubwürdiger. Aber das sind alles noch vorläufige Befunde, die vieler weiterer Studien bedürfen!
Der Theologe und Biologe Ulrich Lüke hat kürzlich - sinngemäß - geäußert, die Evolution sei möglicherweise ein Prozess des Erkenntnisgewinns.
Das halte ich für eine zentrale, erkenntnistheoretische Frage, zu der ich als Religionswissenschaftler gerne mehr von kundigen Philosophen und Theologen lesen würde! Vgl.
http://www.chronologs.de/...u-wohin-evolvieren-wir
Was, wenn der Erkenntnisgewinn darin bestünde, dass es keiner übernatürlicher Akteure bedarf, um ein gutes und sittliches Leben zu führen?
DIESE Erkenntnis besteht schon! Einschlägige Studien (wie z.B. Experimente zu spontaner Hilfsbereitschaft u.v.m.) belegen ganz klar, dass sich religiöse Menschen durchschnittlich nicht moralischer verhalten als nichtreligiöse. Auch die höhere Spendenbereitschaft Religiöser ließe sich ja z.B. darauf befragen, dass diese Spenden ja in der Hoffnung auf Segen (bzw. einem guten Schicksal der Toten in Japan etc.) erfolgen.
Religiös aktive Menschen sind im Durchschnitt keineswegs die moralisch besseren Menschen (und die wirklich Glaubwürdigen behaupten das auch nicht!), sie kooperieren nur untereinander erfolgreicher und pflanzen sich durchschnittlich erfolgreicher fort. Wenn die Evolution auch ein Erkenntnisprozess sei - was bedeutet das dann?
Beste Grüße!
Liebe Mona
Nun diese Leute haben sich m.E. ganz auf die erfahrbare Wirklichkeit konzentriert.
Ganz offensichtlich. Aber was hat sie dazu befähigt? Herr Blume konzentriert sich bei seiner Arbeit ja auch ganz auf die erfahrbare Wirklichkeit. Daraus folgt aber nicht, dass er zu der Überzeugung gelangt, übernatürliche Akteure seien geistige Konstrukte. Was dem einen ganz offensichtlich und logisch erscheint, liegt für den anderen außerhalb des denkmöglichen.
Allein durch Geisteskraft gelingt es nicht, die ursprünglichen, tief verwurzelten und stammesgeschichtlich älteren Glaubensvorstellungen zu überwinden. Bei einem Teil der Menschen scheint die Entwicklung des Gehirns einen etwas anderen Verlauf zu nehmen, und zwar unabhängig von der Umwelt. Die Folge sind zwei konträre Typen von Mensch, die sich hinsichtlich ihrer weltanschaulich/religiösen Unterschiede kaum miteinander verständigen können, die sich gegenseitig ein großes Rätsel sind und auch bleiben.
Wenn ich die Diskussionen über Religion und Glauben so verfolge, komme ich zu dem Schluss, dass unterschiedliche Hautfarben weniger trennend wirken als die unterschiedlichen Vorstellungen von der Existenz übernatürlicher Akteure (und sei es auch nur einer wie im Monotheismus). Man kann nur froh sein, dass die meisten Menschen es gelernt haben, mit diesen Unterschieden umzugehen.
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Gerade eben habe ich der Theodizee-Diskussion einen Besuch abgestattet: q.e.d., kann ich da nur sagen, die Gräben zwischen Glaubenden und Nicht-Glaubenden sind ganz schön tief...
Inzwischen ist auch hier die Diskussion weitergegangen. Auf Michaels wertvolle Erläuterungen gehe ich später ein. Hier zunächst noch eine Anmerkung zum verlinkten Münchener Spiritualitäts-Poster. Dort heißt es:
»Spiritualität stellt einen Bezug zu einer übernatürlichen Wirklichkeit dar, der nicht an eine institutionalisierte Religion gebunden ist.«
Das wäre nicht meine Definition gewesen. Spiritualität kann zwar einen Bezug zum Übernatürlichen haben, aber dieser Bezug ist nicht zwingend notwendig.
Lieber Michael,
die Diskussion, bezüglich der Rituale, der Bestattung und der Ahnenverehrung in Japan, hatte ich so ähnlich schon, siehe Religionen in Japan: http://www.chronologs.de/...hnenverehrung-in-japan
Über das „stille Sitzen“ (Link) gibt es m.E. die größten Missverständnisse. Im Zen-Buddhismus gibt es verschiedene Arten zu „Sitzen“, „Shikantaza“ bedeutet „ nur sitzen“, „Hishiryō“ bedeutet hingegen „das dem Denken Unermeßliche“, hat also mit dem „nur sitzen“ nichts mehr viel gemein.
http://de.wikipedia.org/wiki/Hishiry%C5%8D
Wolfgang Kopp, der in seinen Büchern einen ursprünglichen Zen (Chan) propagiert, schreibt in seinem Buch „ZEN jenseits aller Worte“ (S.50) über „die Falle der toten Leere“: „Diese Praxis des Za-Zen ist dem Zen der alten Meister total entgegengesetzt. Za-Zen heißt nicht sitzen wie ein erstarrter Leichnam. Za – heißt sitzen, in Form von verweilen, Zen – heißt Versenkung, sich versenken in die Wirklichkeit selbst, die Quelle unseres Seins, also verweilen an der Quelle. Das ist es. Es geht also nicht vorwiegend um die körperliche Praxis, sondern vielmehr um die Geisteshaltung des Hingewendetseins nach innen, bei allem was man tut. …“.
„(Sorry, falls ich hier Illusionen lösche, das macht mir wirklich keinen Spaß...)“.
Aber nein, schließlich soll man sich durch die Zen-Praxis von jeder Illusion befreien. :-))
Lieber Herr Balanus,
Danke, dass Sie sich soviele konstruktive Gedanken machen.
„Herr Blume konzentriert sich bei seiner Arbeit ja auch ganz auf die erfahrbare Wirklichkeit. Daraus folgt aber nicht, dass er zu der Überzeugung gelangt, übernatürliche Akteure seien geistige Konstrukte.“
Nun, übernatürliche Akteure existieren doch in den Köpfen der Leute, sind sie dann nicht „geistige Konstrukte“? Ich habe ja noch keinen übernatürlichen Akteur in der realen Welt gesehen.
„Bei einem Teil der Menschen scheint die Entwicklung des Gehirns einen etwas anderen Verlauf zu nehmen, und zwar unabhängig von der Umwelt. Die Folge sind zwei konträre Typen von Mensch, die sich hinsichtlich ihrer weltanschaulich/religiösen Unterschiede kaum miteinander verständigen können, die sich gegenseitig ein großes Rätsel sind und auch bleiben.“
Ja, da haben Sie recht! Es gibt nicht nur Religiöse, sondern auch beinharte Atheisten.
Um in einer Gesellschaft miteinander zu leben ist es m.E. unabdingbar, sich mit Verständnis und Respekt zu begegnen. Nehmen Sie zum Beispiel das Thema Umweltschutz, hier prallen doch die Meinungen ebenso aufeinander. Ich habe in der hiesigen Zeitung einmal einen kleinen Beitrag zum Thema „Baumschutz“ geschrieben und musste mir dann ständig anhören eine „Grüne“ zu sein, dabei bin ich in keiner Partei und habe meine Meinung relativ neutral vertreten. Trotzdem wurde ich von Fanatikern der Gegenseite heftig attackiert.
Vielleicht ist ja Fanatismus ebenfalls eine Entwicklung des Gehirns, welche erforscht werden sollte, denn hierin sehe ich die wirkliche Gefahr für das Zusammenleben der Menschen.
„Man kann nur froh sein, dass die meisten Menschen es gelernt haben, mit diesen Unterschieden umzugehen.“
Ja, da bin ich auch froh!
Gruß Mona
Lieber Michael
Zweifellos gibt es einen großen Unterschied zwischen der reinen Lehre (die Texte) und dem praktizierten Buddhismus. Mir geht es aber nur um die Texte. Wenn Menschen auf die Idee kommen, dass übernatürliche Mächte oder Kräfte in unserer Welt keine Rolle spielen (es sei denn durch die Vorstellungen der Menschen), dann sind das, finde ich, sehr bemerkenswerte Gedanken, die irgendwann vor langer Zeit zum ersten Mal gedacht worden sein müssen. Denn zuvor galten doch übernatürliche Akteure als realer Bestandteil der Welt (also gar nicht "über"-natürlich - oder hat die Religionswissenschaft was anderes herausgefunden?)
»Hier [in Japan] erledigte der Buddhismus also den Überschuss übernatürlicher Akteure, den bei uns der Monotheismus überwand.«
Alles andere hätte mich auch sehr gewundert, wenn also die "reine Lehre" den Menschen die Geister ausgetrieben hätte. Nach meinem Dafürhalten ist das ja eine Unmöglichkeit (wegen der weitgehenden genetischen Determinierung). Nur jene, die ohnehin schon skeptisch waren, konnten die reine Lehre übernehmen.
Dass der Monotheismus bei uns den Überschuss übernatürlicher Akteure überwunden haben soll, kann ich so nicht sehen. Man schaue sich nur die zahlreichen Engel und Heiligen an. Wessen Persönlichkeitsstruktur nach übernatürlichen Akteuren verlangt, der begnügt sich selten mit nur einem Akteur.
» Sorry, falls ich hier Illusionen beschädige,....«
Also, bei mir nicht, ich bin schon lange desillusioniert... ;-)
Was Sie zur Spiritualität schreiben, passt weitgehend zu meinen Vorstellungen. Ich finde, Spiritualität lässt sich viel eher mit Begabungen wie Musikalität oder Rechenkunst vergleichen als die Religiosität (wegen des Phänomens Atheismus, der per Definition nicht Teil religiösen Verhaltens sein kann).
Der Theologe und Biologe Ulrich Lüke hat kürzlich - sinngemäß - geäußert, die Evolution sei möglicherweise ein Prozess des Erkenntnisgewinns.
»Das halte ich für eine zentrale, erkenntnistheoretische Frage, zu der ich als Religionswissenschaftler gerne mehr von kundigen Philosophen und Theologen lesen würde!«
Hier gehe ich mit Lüke weitgehend konform. Ich würde aber nicht die Evolution als Ganzes als einen Prozess des Erkenntnisgewinns ansehen, sondern nur jene Entwicklungszweige, in denen sich ein Nervensystem entwickelt hat. Ohne Nervensystem gibt es kein Erkennen der Umwelt. Den Evolutionsgedanken konsequent zu Ende gedacht, kann es gar nicht anders sein, als dass ein echter Zuwachs an Erkenntnis(vermögen) nur auf evolutionären Wege erfolgen kann. Das Individuum wäre demnach aus Prinzip von jeder Form eines echten Erkenntnisgewinns ausgeschlossen.
Was, wenn der Erkenntnisgewinn darin bestünde, dass es keiner übernatürlicher Akteure bedarf, um ein gutes und sittliches Leben zu führen?
»DIESE Erkenntnis besteht schon!«
Sehr richtig. Aber was ich damit zugleich andeuten wollte, war, dass es offensichtlich mittlerweile Menschen gibt, für die übernatürliche Akteure Hirngespinste, also Produkte des Geistes sind. Diesen Gedanken gab es, wie gesagt, irgendwann einmal zum ersten Mal (und führten später u.a. zur Lehre des Zen-Buddhismus). In der Zeit davor gab es ausschließlich Menschen, für die übernatürliche Akteure ein realer Teil der Welt waren. Ob diese jüngste Veränderung im Laufe der Zeit ubiquitär wird, ist schwer zu sagen. Religiöse Menschen scheinen ja alles zu tun, um das zu verhindern (Fortpflanzung, Früherziehung, etc.).
Es hat also in jüngerer Zeit eine Veränderung im Gehirn mancher Menschen gegeben. Ob man diese Veränderung nun als Verlust oder Gewinn bezeichnet, mögen Philosophen entscheiden, nicht der Evolutionsbiologe; der konstatiert nur den zeitlichen Ablauf der evolutiven Veränderungen und wertet nicht (auch, wenn's schwer fällt ;-)
»Wenn die Evolution auch ein Erkenntnisprozess sei - was bedeutet das dann?«
Wie gesagt, Erkenntnisgewinn findet im Evolutionsgeschehen zwar statt, ist aber nicht das Ziel der Evolution, sondern eine zufällige Erscheinung. Aus naturalistischer Sicht.
Liebe Mona, Sie schreiben:
Vielleicht ist ja Fanatismus ebenfalls eine Entwicklung des Gehirns...
Wenn man sich Gehirne so von außen anschaut und vergleicht, sieht man kaum Unterschiede. Aber die Eigenschaften dieses Organs könnten kaum unterschiedlicher sein. Ich weiß nicht, ob man da sagen kann: Und das ist auch gut so...! Jedenfalls scheint es für die Evolution des Menschen wichtig (gewesen) zu sein, dass es diese enorme Variabilität gibt.
Schönen Dank für Ihre freundlichen Worte. Leider kann ich zum Thema Zen-Buddhismus und Meditation nichts Wesentliches beitragen. 'Balanus' ist übrigens nur mein Nick - der rein zufällig einen gewissen Bezug zu Darwin hat :-)
Lieben Gruß
A) Definitionen
Rationalität ist eine Weltsicht auf Grundlage beweisbarer Annahmen (Ratio = Vernunft)
Spiritualität ist die Annahme übersinnlicher Wirkungen (Spirit = Geist).
Demnach sind Esoterik/Religion Unterformen der Spiritualität. Esoterik mit seinem allgemein ubersinnlichen Mystizismus und Religion mit seinem Glauben an übersinnliche Götter.
B) Heute steht in der Zeitung, dass Claude Lévi-Strauss gestorben ist - er gilt als ein/der Begründer von wissenschaftlicher Völkerkunde (Ethnologie).
Er sagte, dass er nur zum Buddhismus eine Neigung fühle; weil diese der einzige Glaube sei, der auch den Nicht-Sinn als letzte Wahrheit zulassen würde.
Gerne gehe ich auch auf diese Fragen und Anregungen ein.
Zweifellos gibt es einen großen Unterschied zwischen der reinen Lehre (die Texte) und dem praktizierten Buddhismus. Mir geht es aber nur um die Texte.
Das ist nun mal unsere westliche Tradition seit Platon (Welt der Ideen sei wichtiger als Realität). Auch ich finde die buddhistischen Texte nicht nur interessant, sondern auch sehr schön, wenn sie auch erst lange nach Buddhas Hinscheiden kanonisiert und verschriftet wurden. Für die Erforschung von Religiosität und Religionen entscheidend ist gleichwohl, ob und wie Texte beobachtbares Verhalten beeinflussen.
Wenn Menschen auf die Idee kommen, dass übernatürliche Mächte oder Kräfte in unserer Welt keine Rolle spielen (es sei denn durch die Vorstellungen der Menschen), dann sind das, finde ich, sehr bemerkenswerte Gedanken, die irgendwann vor langer Zeit zum ersten Mal gedacht worden sein müssen. Denn zuvor galten doch übernatürliche Akteure als realer Bestandteil der Welt (also gar nicht "über"-natürlich - oder hat die Religionswissenschaft was anderes herausgefunden?)
Naja, anders herum wird ein Schuh draus: Für unsere frühen Vorfahren und unsere Primatenverwandten können wir eben "keinen" Glauben an übernatürliche Akteure belegen, dieser entsteht ja erst. Dass er deduktiv in Frage gestellt werden kann, finde ich nicht erstaunlich, sondern den Umstand, dass er sich in so kurzer Zeit (nachweisbar seit der mittleren Altsteinzeit, also wenigen tausend Generationen) so rasend schnell ausbreitete. Das Nicht-Glauben ist der Normalzustand, @Balanus, die Religiosität das neu evolvierende Phänomen.
Alles andere hätte mich auch sehr gewundert, wenn also die "reine Lehre" den Menschen die Geister ausgetrieben hätte. Nach meinem Dafürhalten ist das ja eine Unmöglichkeit (wegen der weitgehenden genetischen Determinierung).
Ja, da sind wir einer Meinung. Eine moderne Form der Konstruktion übernatürlicher Akteure, die sich als wissenschaftlich und technisch versteht, sind ja z.B. UFO-Mythologien:
http://www.chronologs.de/...ezeiung-zum-14.10.2008
Nur jene, die ohnehin schon skeptisch waren, konnten die reine Lehre übernehmen.
Jein. Ich denke, der Buddhismus kann rationalistische Köpfe ansprechen, aber eben auch spirituelle Bedürfnisse. Und wo immer er begann, Generationen zu überspannen, nahm er schnell auch religiöse Elemente (d.h. Verhalten ggü. übernatürlichen Akteuren) auf. Demografisch ist er leider, soweit die bisherige Datenlage, jedoch nicht sehr erfolgreich... )-:
Dass der Monotheismus bei uns den Überschuss übernatürlicher Akteure überwunden haben soll, kann ich so nicht sehen. Man schaue sich nur die zahlreichen Engel und Heiligen an. Wessen Persönlichkeitsstruktur nach übernatürlichen Akteuren verlangt, der begnügt sich selten mit nur einem Akteur.
Ja, ich meinte mit "überwunden" auch kein völliges Auflösen, sondern (analog dem japanischen Buddhismus) ein Einfügen in eine beherrschbare, aber dadurch auch abstrakte Systematik. Aus mythischen Helden, Ahnen, Geistern und Göttern werden dann Heilige, zu Gott Entschlafene, Engel, Dämonen etc., die alle auf den Eingott hin ausgerichtet sind. Von streng-rationalen Theologien bis zu ekstatischen Bild- und Heiligenverehrungen können so Monotheismen recht breite Angebote schaffen.
Also, bei mir nicht, ich bin schon lange desillusioniert... ;-)
Oh, sorry. Und jetzt entdeckt die Wissenschaft auch noch, dass diese Religiösen evolutionär erfolgreich sind... Gemein, diese Welt! ;-)
Was Sie zur Spiritualität schreiben, passt weitgehend zu meinen Vorstellungen. Ich finde, Spiritualität lässt sich viel eher mit Begabungen wie Musikalität oder Rechenkunst vergleichen als die Religiosität (wegen des Phänomens Atheismus, der per Definition nicht Teil religiösen Verhaltens sein kann).
Verstehe ich nur teilweise. Wir beobachten Spiritualität (wobei noch keine völlig überzeugende Definition vorliegt) - und Menschen, die völlig unspirituell sind. Wir beobachten Religiosität - und Menschen, die völlig unreligiös sind. Wir beobachten Musikalität - und Menschen, die völlig unmusikalisch sind. (Etc. pp.)
Wer von der Evolution menschlichen Verhaltens ausgeht, kann von Religion nicht schweigen! :-)
Hier gehe ich mit Lüke weitgehend konform. Ich würde aber nicht die Evolution als Ganzes als einen Prozess des Erkenntnisgewinns ansehen, sondern nur jene Entwicklungszweige, in denen sich ein Nervensystem entwickelt hat. Ohne Nervensystem gibt es kein Erkennen der Umwelt. Den Evolutionsgedanken konsequent zu Ende gedacht, kann es gar nicht anders sein, als dass ein echter Zuwachs an Erkenntnis(vermögen) nur auf evolutionären Wege erfolgen kann. Das Individuum wäre demnach aus Prinzip von jeder Form eines echten Erkenntnisgewinns ausgeschlossen.
Ja, die Gedanken kann ich nachvollziehen. Nur hat unser Nervensystem eben doch auch Wahrnehmungen bezüglich übernatürlicher Akteure hervorgebracht und evolutionär verstärkt und setzt diesen Kurs offenkundig fort. Vgl.
http://www.chronologs.de/...r-erkunden-den-glauben
Sind damit Religiosität und Spiritualität Erkenntnisprozesse? Nach Ihrer Definition, ja. Und wie auch sollte sich Evolution "nur an Illusionen" bewähren? Umgekehrt können wir doch kaum die Existenz aller je geglaubten, übernatürlichen Akteure einfach naiv annehmen! M.E. benötigt es hier in Zukunft ernsthafte, erkenntnistheoretische Debatten auch außerhalb der empirischen Wissenschaften (v.a. in Philosophie, vielleicht Theologie).
Aber was ich damit zugleich andeuten wollte, war, dass es offensichtlich mittlerweile Menschen gibt, für die übernatürliche Akteure Hirngespinste, also Produkte des Geistes sind. Diesen Gedanken gab es, wie gesagt, irgendwann einmal zum ersten Mal (und führten später u.a. zur Lehre des Zen-Buddhismus). In der Zeit davor gab es ausschließlich Menschen, für die übernatürliche Akteure ein realer Teil der Welt waren. Ob diese jüngste Veränderung im Laufe der Zeit ubiquitär wird, ist schwer zu sagen.
Nochmal: Homo erectus war wohl noch nicht glaubend - erst dann traten unter Homo sapiens und Homo neanderthalensis religiöse Veranlagungen auf, die sich schnell durchsetzten. Es gibt keine Evolution der "Unreligiosität", sondern eine der Religiosität.
Religiöse Menschen scheinen ja alles zu tun, um das zu verhindern (Fortpflanzung, Früherziehung, etc.).
Niemand verbietet doch Atheisten und Agnostikern die Fortpflanzung, in Deutschland wären mehr Kinder doch hoch willkommen! Warum gelingt Religiösen hier, was noch keiner säkularen Bewegung je auch nur zwei, drei Generationen gelungen wäre?
Es hat also in jüngerer Zeit eine Veränderung im Gehirn mancher Menschen gegeben. Ob man diese Veränderung nun als Verlust oder Gewinn bezeichnet, mögen Philosophen entscheiden, nicht der Evolutionsbiologe; der konstatiert nur den zeitlichen Ablauf der evolutiven Veränderungen und wertet nicht (auch, wenn's schwer fällt ;-)
Sehr einverstanden! Der Biohistoriker und mit-forschende Soziobiologe Eckart Voland hat das in einem Interview neulich so geschildert:
"Ich bin einerseits akzeptiert in Teilen der Atheisten, aber nicht in allen, weil allein der Hinweis, dass biologische Nützlichkeit dahinterstecken könnte, für viele kämpferische Atheisten schon eine Reinwaschung des Religiösen bedeutet. Bei den Frommen begrüßt auf der einen Seite eine Vielzahl von gläubigen Menschen, dass ich hier eine Nützlichkeit postuliere - das entspricht häufig auch ihrem Selbstkonzept -, aber andererseits wird ein akademisch gebildeter Theologe sagen: Wenn man Religion auf Nützlichkeit reduziert, dann fällt das Essenzialistische der Religion weg, und das ist natürlich nichts, was wir haben können."
http://science.orf.at/stories/1629005/
Obgleich ich sowohl die Befürchtungen der kämpferischen Atheisten wie einiger Theologen für sachlich unbegründet halte, kann ich diese Aussage von Voland aus eigener Erfahrung nur völlig bestätigen!
Lieber Michael,
der Buddhismus hat sich vom Hinduismus abgespalten. Im Hinduismus gibt es jedoch jede Menge Götter, wobei hier schon die Frage aufkam ob, diese angebetet werden oder nur der Versinnbildlichung dienen, da man diese Religion auch als Lebensweg betrachtet.
„Entgegen dem ersten Anschein ist der Hinduismus keine polytheistische Religion. Westliche Religionswissenschaft und die Indologie bezeichnet ihn als Henotheismus, da alle Götter – je nach individueller Glaubensausrichtung – Ausdruck des einen höchsten persönlichen Gottes oder auch der unpersönlichen Weltseele (Brahman) sein können.“
Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Hinduismus
Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Sprich der Glaube an einen höchsten persönlichen Gott oder an eine unpersönliche Weltenseele. Die Antwort wird man wohl in den Veden finden, da muss ich mich aber noch einlesen.
„Es ist den Hindus untersagt missionarische Tätigkeiten auszuführen, sie tolerieren jede Art von Glaube und Religiosität. Jeder Hindu darf zwar der Überzeugung sein, dass er sich selbst auf dem rechten Erlösungsweg befindet, jedoch darf er niemals den Weg eines anderen anzweifeln, dies würde seiner Religion gemäß Gotteslästerung bedeuten. Jeder hat einen eigenen, individuellen Weg und jeder Weg hat dieselbe Berechtigung.“ So geht es also auch!
Siehe: http://www.hinduismus-religion.de/...sinhalte.html
"Zum einen, weil er keinen persönlichen Gott kennt, zum andern, weil er die Auffassung vertritt oder weil er zulässt, dass es keinen Sinn gibt, dass in der Abwesenheit des Sinns, im Nicht-Sinn, die letzte Wahrheit liegt.
Diese Art von Glauben kann ich ohne weiteres akzeptieren", sagte er dem Politikmagazin "Cicero". "Ich gestehe, dass der Gedanke, ins Nichts überzugehen, mir zwar nicht behagt, mich aber auch nicht beunruhigt", so der Begründer des Strukturalismus zum Tod.
http://science.orf.at/stories/1631061/
"Für die taoistische Denkweise haftet dem ziellosen, leeren Leben nichts Niederdrückendes an. Im Gegenteil, es weist auf die Freiheit der Wolken und Gebirgsflüsse hin, die nirgendwohin ziehen, der Blumen in unzugänglichen Tälern, die schön und niemanden sichtbar sind, auf die Freiheit der Meeresbrandung, die den Sand ohne Ende auswäscht."
Aus dem Buch „Zen-Buddhismus/Tradition und lebendige Gegenwart“ von Alan W. Watts (S.182)
Liebe Mona,
vielen Dank für Deine Kommentare, auf die ich gerne wieder eingehe!
Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Sprich der Glaube an einen höchsten persönlichen Gott oder an eine unpersönliche Weltenseele. Die Antwort wird man wohl in den Veden finden, da muss ich mich aber noch einlesen.
Die Veden sind wundervoll - aber natürlich auch nur wenige tausend Jahre alt. Religiöses Verhalten ist dagegen mindestens mehrere zehntausend Jahre alt und in Bestattungen, Höhlen und z.B. den Monumenten von Göbekli Tepe schon für vor-seßhafte und vorschriftliche Kulturen reich belegt.
Jeder Hindu darf zwar der Überzeugung sein, dass er sich selbst auf dem rechten Erlösungsweg befindet, jedoch darf er niemals den Weg eines anderen anzweifeln, dies würde seiner Religion gemäß Gotteslästerung bedeuten. Jeder hat einen eigenen, individuellen Weg und jeder Weg hat dieselbe Berechtigung.“ So geht es also auch!
Ja, selbstverständlich! Ein Verbot aktiver Mission und sogar eine ablehnende Haltung gegen Konversionsversuche haben z.B. auch orthodoxe Juden und christliche Amische, die ja an die Heilsmöglichkeit auch anderer Religionsgemeinschaften glauben.
Zu Claude Levi-Strauss (auch an @KRichard): Danke für die erinnernden Worte! Seine Schriften genossen auch nach Jahrzehnten großes Ansehen und ich war sehr bestürzt über seinen Tod, denn er war ein ganz Großer! So hat er Zeit seines Lebens gegen den westlichen Anspruch gekämpft, der einzig denkbare Weg des Fortschritts zu sein und stattdessen auf die religiöse Weisheit auch der sog. "primitiven" (Natur-)Völker verwiesen. Und auch noch in seinen zitierten Äußerungen spürt man den Respekt auch vor anderen, religiös-philosophischen Traditionen (wie Buddhismus, Taoismus), der leider vielen heutigen (Ein-)Gebildeten zunehmend fehlt...
Ein großer Gelehrter! Danke, dass Ihr auch hier mit an ihn denkt!