Religion stirbt aus? Von wegen! Das Handbuch Leipziger Religionen
Im Bezug auf die neuen Bundesländer waren in den vergangenen Wochen wieder demografische Molltöne zu hören: Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes schrumpft und altert die ostdeutsche Bevölkerung durch Kindermangel und Abwanderung rapide. Während in den alten Ländern von 2006 bis 2050 ein Bevölkerungsrückgang von 14 Prozent zu erwarten sei, werde die Bevölkerung der neuen Länder um 31 Prozent sinken. Und auf 100 Menschen im Erwerbsalter zwischen 20 und 65 Jahren sollen dann 80 Ältere kommen.
Da freut es doch geschätzte Freunde, Mitblogger und Religionskritiker wie Edgar Dahl, dass die Ostdeutschen wenigstens nicht kirchlich(er) werden. Angesichts der Zerstörungen religiöser Traditionen und Gemeinschaften durch braune und rote Diktaturen sowie die Abwanderungs- und Säkularisierungsprozesse heute stellt sich tatsächlich die Frage, ob Religiosität "im Osten" noch eine Zukunft hat?
Die sich abzeichnende Antwort ist: Ja.
1. Der Zusammenhang von religiöser Vergemeinschaftung und Reproduktionserfolg besteht in ganz Deutschland. So wiesen nach einer Studie von Philipov und Berghammer Religiöse schon unmittelbar nach der Wiedervereinigung 1992 sowohl in Ost- wie in Westdeutschland höhere Kinderzahlen und einen höheren Kinderwunsch auf. Nichtreligiöse Ostdeutsche hatten im Schnitt 1,44 Kinder (West: 0,94), etwas Religiöse 1,52 (West: 1,14) und Religiöse 1,55 (West: 1,22). Die als "ideal" gedachte Kinderzahl klaffte sogar noch deutlicher auseinander: Religiöse Ostdeutsche wünschten im Schnitt 2,19 Kinder (West 2,23), Religionslose nur 1,82 (West 2,05).
2. Oft über Jahrzehnte von Zwangssäkularisierung bedrängt, begründen religiöse Minderheiten in Ostdeutschland bereitwillig eigene Angebote für Kinder und Jugendliche. So stellte der Mainzer Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich im März 2009 fest: "Im Osten sind erstaunlicherweise kirchliche, vor allem evangelische Schulen entstanden, und zwar mehr, als es im Westen gibt." 147 der rund 290 evangelischen Privatschulen fänden sich in den neuen Bundesländern. Während die Zahl ostdeutscher Schülerinnen, Schüler und Schulen sinkt, wachsen religiöse Angebote weiter.
3. Während Abwanderung und Säkularisierung natürlich auch ostdeutsche Kirchen und Religionsgemeinschaften oft massiv betreffen, erschließen einige auch das Potential von Zuwanderern und Sinnsuchenden.
Lokalstudie: Handbuch Leipziger Religionen
In diesem Zusammenhang außerordentlich eindrucksvoll (und auch fotografisch bebildert) ist das "Handbuch Leipziger Religionen", eine Lokalstudie des Interkulturellen Forums e.V. in Leipzig, in dem sich auch viele Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler des hervorragenden Universitätsinstitutes engagieren. Sie haben im Stadtgebiet 72 Religionsgemeinschaften aller Weltreligionen ausfinding gemacht - von denen 23 (!) in den letzten sechs Jahren hinzugekommen sind. Zu dem breiten und wachsenden Angebot gehören neben zahlreichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde auch z.B. buddhistische Gemeinschaften, die sich darauf berufen können, dass sich 1904 in Leipzig die erste buddhistische Religionsgemeinschaft außerhalb Asiens gegründet habe. Muslime, Hindus und Sikhs versammeln Zuwanderer, deren Nachkommen und Neuzugänge. Und anthroposophische Strömungen samt Waldorfschule und Christengemeinschaft haben sich ebenso etabliert wie die Krishna-Bewegung. Wer das beispielhafte Handbuch Leipziger Religionen liest, wird feststellen, dass die Zukunft auch Ostdeutschlands nicht religionslos sein wird, sondern religiös vielfältig. Mit allen Chancen und Risiken, die religiöses Leben mit sich gebracht hat und auch in Zukunft mit sich bringen wird.
Ein Nachtrag zu regionalen Unterschieden in der Wahrnehmung von Religionen
Zum Valentinstag schrieb ich für den Berliner Tagesspiegel den Essay "Wenn Kinder ein Segen sind" zum demografischen Potential von Religionen. Einige Zeit später übernahm ZEIT online den gleichen Text. Interessant finde ich die völlig unterschiedliche Rezeption des gleichen Textes je durch die Berliner bzw. gesamtdeutschen Kommentatoren. Soviel zur Hypothese, (Religions-)Wissenschaft würde stets emotionsfrei rezipiert... ;-)
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Wie lange und wie oft wollen Sie den Fortbestand der Religionen noch herbeibeten? Sind Sie ein Trojanisches Pferd der Gläubigen?
Nun verstehe ich Ihren Gedankengang besser. Dass in Ostdeutschland trotz staatlicher Diskriminierung handlungsfähige, religiöse Minderheiten verblieben (und sich derzeit eine neue, religiöse Vielfalt auffächert) erschiene Ihnen als ein stärkerer Hinweis auf den Grad genetischer Vererbbarkeit als die generell höhere, weil gesellschaftlich (nicht staatlich!) geförderte Religiosität von US-Amerikanern.
So viel Sympathie ich für diesen Gedanken habe, bleiben m.E. doch Probleme zu lösen. So entscheiden sich spätere Grade von Musikalität und Religiosität offenkundig v.a. an der Frühförderung. Gerade deswegen schützen religiöse Minderheiten ihre auch kulturelle Tradierung auch durch eigene Milieus und Schulen - siehe die o.g. Blüte ostdeutsch-evangelischer Einrichtungen. Da herrscht dann natürlich ein anderes "Milie-&-Peer-Klima" als z.B. in säkularen Einrichtungen.
Auch würde ich nicht davon ausgehen, dass in säkularen Trends Religiosität einfach "verleugnet" würde. Vielmehr wandelt sie Formen und kann sich z.B. in der Verehrung von Star-"Idolen", politischen Überzeugungen, Dawkins-Jüngerschaft, UFO-Kulten etc. äußern.
Persönlich gehe ich davon aus, dass sich Musikalität, Religiosität etc. mindestens so komplex vererben wie Intelligenz. Und die Forschungen daran erschließen ja immer neue, komplexe Dimensionen, siehe
http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1019337
Das heißt natürlich nicht, dass ich Ihre formulierte Perspektive ablehnen würde - ich finde sie sehr interessant! Allerdings scheint mir, dass wir zu weiteren Klärungen noch lange Zeit verschiedene, sich ergänzende Ansätze brauchen werden.
Lieber Herr Kirschmann,
danke für den sehr kundigen und durchdachten Kommentar! Wir hatten das Thema der Interaktion biologischer und kultureller Evolution hier schon einmal intensiv diskutiert:
http://www.chronologs.de/...iokulturelle-evolution
Und es wird sicher ein Thema sein, dass uns in verschiedener Form auch immer wieder beschäftigen wird. M.E. ist die zunehmende Interdisziplinarität in der Erkundung dieses Wechselspieles eine der spannendsten Entwicklungen in der Evolutionsforschung der letzten Jahre. Daher danke für Ihr Interesse!!!
Lieber Bright840, (verwendet Ihr in der Bewegung neuerdings Zahlen statt Namen ;-) ? )
über Ihren Kommentar habe ich mich sehr gefreut, weil er m.E. wunderbar aufzeigt, dass religiöse und weltanschauliche Menschen gleichermaßen von Dogmatismus geprägt sein können. (@Edgar Dahl, @Balanus et al., bitte lesen! :-) )
Sie rufen mich auf, wissenschaftliche Arbeit und Diskussion zu unterlassen, obwohl Sie den grundlegenden Daten und Befunden offenkundig wenig entgegen zu setzen haben.
Und statt sich mit der faszinierenden Realität menschlicher Natur und Kultur(en) auseinander zu setzen, nennen Sie mich "ein trojanisches Pferd der Gläubigen" als ob a) das Unterstellen persönlicher Motive ein ernsthaftes, wissenschaftliches Argument wäre und b) es schlimm wäre, in einer freiheitlichen Gesellschaft gläubig zu sein. Soll das die neue Freiheit sein, von der Brights träumen? *Fröstelt*
Den Fortbestand der Religionen möchte ich nicht "herbeibeten" - ich beobachte ihn. Sie sind gerne eingeladen, eine einzige freie Gesellschaft zu benennen, in der religiöse Traditionen je völlig ausgestorben wären. Oder z.B. eine einzige säkulare Population zu benennen, die über mehrere Generationen hinweg demografisch stabil oder gar expandierend gewesen wäre. Das wäre wissenschaftlich hoch spannend!
Wenn Sie es wagen, aus den engen Mauern Ihrer Weltanschauung heraus zu treten und sich wirklich mit Wissenschaft (zu der immer auch verschiedene Positionen gehören) auseinander zu setzen, werden Sie feststellen, dass die Welt und die Menschen darin viel faszinierender sind als jedes Vor-Urteil. Sapere Aude!
Herzliche Grüße!
» Ist überdurchschnittlicher Reproduktionserfolg mit biologischer Angepaßtheit gleichzusetzen? «
Den Reproduktionserfolg einer Varietät im evolutionsbiologischen Sinne kann man meines Wissens erst nach etlichen Generationen beurteilen, also erst dann, wenn genügend Zeit für eine Häufigkeitsänderung des erblichen Merkmals in einer Population verstrichen ist. Die aktuellen Nachkommenzahlen bestimmter sozialer Gruppen oder gar individueller Menschen mit unklarer genetischer Ausstattung erlauben m.E. keine evolutionsbiologischen Prognosen ("evolutionär erfolgreich" und ähnliche Formulierungen).
» …dann macht es wenig Sinn, die Diskussion so zu führen, als gäbe es die kulturelle Evolution gar nicht. «
Nun, mich interessiert vor allem, wie sich das Persönlichkeitsmerkmal Gläubigkeit vererbt. Wie sich diese Gläubigkeit im Einzelfall manifestiert, d.h., welche Religion praktiziert wird, dürfte auf die Erblichkeit und den Erbgang des besagten Merkmals keinen Einfluss haben.
Im Übrigen wäre zu fragen, warum kulturelle Entwicklungen und kultureller Wandel als "Evolution" bezeichnet werden. Soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass kulturelle Entwicklungen ebenso wenig zielintendiert sind wie stammesgeschichtliche Entwicklungen? Ich betrachte Kultur als ein Komplex aus verschiedenen Verhaltensmustern und -strategien sowie akkumulierten Kenntnissen und Fertigkeiten, die individuell erlernt werden müssen und für das soziale Miteinander unabdingbar sind. Kultur bedeutet für die humane Evolution schlicht einen weiteren, selbstgeschaffenen Umweltfaktor.
» Hat der Mensch die Religiosität als biologische Anpassungsleistung entwickelt um den eigenen Fortpflanzungserfolg zu steigern, oder haben die Religionen (kulturelle) Anpassungen entwickelt, um ihren Ausbreitungserfolg zu erhöhen… «
Interessante Frage, und meine Antwort wäre: weder - noch.
Als Anpassungsleistung könnte man allenfalls die Entwicklung der Spiritualität als Teilaspekt der Denk- und Reflexionsfähigkeit sehen. Deshalb sind alle heutigen Menschen mehr oder weniger spirituell veranlagt. Echte Religionen sind später auf Grundlage dieser Spiritualität kulturell entstanden, wobei bestimmte Aspekte der Spiritualität nunmehr unter dem Label Religiosität abgehandelt werden.
Religionen waren offensichtlich sehr nützlich für den Fortbestand menschlicher Gesellschaften. Ob sie es heute noch sind, ist eben die Frage. Die soziale Funktion der Religionen wurde weitestgehend vom Staat übernommen. Soziale Restfunktionen finden sich aber noch innerhalb der verschiedenen Religionsgemeinschaften, wo sie den Mitgliedern ein gewisses Gefühl der sozialen Geborgenheit geben können (was sich in der leicht erhöhten Reproduktivität zeigen mag).
» So entscheiden sich spätere Grade von Musikalität und Religiosität offenkundig v.a. an der Frühförderung. «
Lieber Michael, Sie erinnern sich: "Religiosität [ist] die Fähigkeit zur Glaubenserfahrung übernatürlicher Akteure". Es geht nicht um Grade der Religiosität (was immer darunter zu verstehen ist), sondern darum, ob jemand überhaupt zu solchen Glaubenserfahrungen fähig ist. Die Fähigkeit zum Musizieren lässt sich sicherlich einfacher fördern als die Fähigkeit, übernatürliche Akteure als existent zu erfahren.
» Auch würde ich nicht davon ausgehen, dass in säkularen Trends Religiosität einfach "verleugnet" würde. Vielmehr wandelt sie Formen und kann sich z.B. in der Verehrung von Star-"Idolen", politischen Überzeugungen, Dawkins-Jüngerschaft, UFO-Kulten etc. äußern. «
Diese Formen der "Religiosität" fallen meiner Ansicht nach unter den Begriff "Spiritualität". Wenn wir die Religiosität, also die Fähigkeit zur Glaubenserfahrung übernatürlicher Akteure, im evolutionsbiologischen Kontext untersuchen wollen, müssen wir schon stringent bei dieser Definition bleiben, sonst wird das nichts.
"Säkulare Trends" beispielsweise betreffen allein die soziale Komponente religiösen Verhaltens. Da gibt es ein Auf und ein Ab, wie das in Gesellschaften eben so üblich ist. Die echte, erbliche Religiosität ist davon aber nicht betroffen. Hier gelten andere, nämlich evolutionsbiologische Gesetzmäßigkeiten.
>>Im Übrigen wäre zu fragen, warum kulturelle Entwicklungen und kultureller Wandel als "Evolution" bezeichnet werden. Soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass kulturelle Entwicklungen ebenso wenig zielintendiert sind wie stammesgeschichtliche Entwicklungen? Ich betrachte Kultur als ein Komplex aus verschiedenen Verhaltensmustern und -strategien sowie akkumulierten Kenntnissen und Fertigkeiten, die individuell erlernt werden müssen und für das soziale Miteinander unabdingbar sind. Kultur bedeutet für die humane Evolution schlicht einen weiteren, selbstgeschaffenen Umweltfaktor.
(Artikelwechsel aus inhaltl. Gründen)
Ihrem Gedankengang, daß Atheismus auch ein Glaube ist, stimme ich zu. Aber ich meinte etwas anderes: Mir ging die (versuchte und stets unvollständige) Verdrängung von Religion durch den Atheismus durch den Kopf, die Bedingungen, die jeweils in der Geschichte dazu führten: Machtmißbrauch der Kirchen, "aufgeklärte" Selbstüberschätzung, Funktionalisierung des Menschen durch Vermassung usw.
Ich bin geauso gespannt wie Sie, was die angesprochene Atheismusforschung so zu Tage bringt, vor allem hinsichtlich der gesellschaftlichen Faktoren, die den Atheismus fördern. Dann ließe sich Ihre Frage, ob bzw. wann die Religion ausstirbt, vielleicht noch klarer beantworten.
Da ist mit meiner Anwort beim Senden anscheinend etwas schief gegangen. Also noch einmal:
Ich halte den Begriff "kulturelle Evolution" für angemessen, weil Überlieferungen häufig Funktionen aufweisen, die ihren Trägern gar nicht bekannt sind. Menschliche Fertigkeiten beruhen häufig nicht auf Kenntnissen, sondern auf inhaltlich falschen Überlieferungen. Religionen verbreiten eine Menge Unsinn, bringen es aber dennoch fertig, dass diejenigen, die diesen Unsinn glauben eben deswegen als erfolgreiche Gemeinschaft auftreten. Wir begegnen hier funktionaler Komplexität, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung den geistigen Horizont der mitwirkenden Menschen bei weitem Überstieg, womit das menschliche Gehirn als Quelle dieser funktionalen Komplexität ausscheidet. Es wird also eine andere Quelle benötigt und ich denke, dass Dawkins hier mit seinem Mem-Konzept auf der richtigen Spur war.
Allerdings ergibt sich aus dem Mem-Konzept nicht automatisch, dass es sich bei Religionen ihrem Wesen nach um schädliche "Viren" handeln muß. Worauf es ankommt, ist zu beachten, dass neben Genen auch noch andere Replikatoren im Spiel sind. Dies kann über Anreicherungsprozesse zur Entwicklung funktionaler Komplexität führen. Noch wichtiger sind die unterschiedlichen Vermehrungs- und Verbreitungsmethoden von Genen und Memen. Sie sitzen Reproduktionstechnisch nicht "in einem Boot". Eine Verhaltensweise, die der Ausbreitung der Meme eines Menschen dient muß daher nicht automatisch der Ausbreitung seiner Gene dienen. Im metaphorischen Sinne müssen wir also davon ausgehen, dass es zwischen Memen und Genen zu "Interessenskonflikten" kommen kann.
Dies kann dazu führen, dass Meme sich wie Viren verhalten und auf Kosten der genetischen Fitness ihrer Träger ausbreiten - aber das ist eher ein zunehmendes Problem unseres Informationszeitalters. Bei der Entstehung religiöser Überlieferungen war meinem Ansatz zufolge eine andere Strategie für die Meme erfolgreicher - die memetische Verwandtenselektion. Die einfache Ausbreitung kultureller Informationen innerhalb von Gruppenverbänden sorgte dafür, dass Menschen memetisch mehr gemeinsam hatten, als genetisch. Hier kam zum tragen, was auch im biologischen Bereich funktioniert (siehe eusoziale Insekten): wenn Träger der gleichen Information miteinander Kooperieren, dann steigt der Ausbreitungserfolg dieser Information. Sind die Mitglieder einer Gruppe memetisch näher miteinander verwandt als genetisch (dies ist vor allem mit zunehmender Gruppengröße der Fall), dann führt die kulturelle Evolution zu einem höheren Maß an Kooperation als dies genetisch gerechtfertigt erscheint - das menschliche Verhalten sprengt dann den Erklärungsrahmen der Soziobiologie. Dies geschah nach meiner Ansicht beim Übergang zum modernen Verhalten des modernen Menschen und bereitete den Boden für die Entwicklung zunehmend komplexer religiöser Überlieferungen.
Virale Anpassungen konnten sich dagegen nicht durchsetzen, weil der Fluß kultureller Informationen über die Gruppengrenzen hinweg kaum stattfand. Der Erhalt kultureller Überlieferungen setzte daher den Erfolg ihrer Gruppe voraus. Dennoch haben wir es hier auf evolutionstheoretischer Ebene meines Erachtens nicht mit Gruppenselektion zu tun, sondern mit memetischem Nepotismus.
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich den Atheismus "auch als einen Glauben" einordnen würde. Aber ich finde schon, dass er mehr ist als nur die Abwesenheit von Religiosität, viele Atheisten entwickeln ja eigene Formen der Welt- und Sinndeutung, Mission & Vergemeinschaftung (z.B. Brights) etc. Insofern finde ich eine eigene Forschung gerade aus evolutionärer Perspektive sehr interessant und bin wirklich gespannt, ob es auch einmal über Generationen hinweg demografisch erfolgreiche Bewegungen des Atheismus geben wird.
Lieber Balanus,
so sehr ich die biologische Perspektive schätze und auch selber anwende, kann ich nur immer wieder vor impliziten Vorurteilen und einem vorschnellen Reduktionismus warnen.
So schreiben Sie: Die Fähigkeit zum Musizieren lässt sich sicherlich einfacher fördern als die Fähigkeit, übernatürliche Akteure als existent zu erfahren.
Nun, wie kommen Sie darauf? Ich kenne eine Menge Leute, die religiös aktiv sind, aber nicht musizieren können. Ebenso vice versa ("religiös unmusikalisch", aber musikalisch) - und sehr häufig werden musikalische und religiöse Veranlagungen sogar gemeinsam gefördert und ausgeprägt (z.B. in Kindergärten, Gemeindechören etc.). Säkular verstandene Musik ist kulturhistorisch außerordentlich jung, viel jünger als religiöse Vergemeinschaftungen.
Wenn wir die Religiosität, also die Fähigkeit zur Glaubenserfahrung übernatürlicher Akteure, im evolutionsbiologischen Kontext untersuchen wollen, müssen wir schon stringent bei dieser Definition bleiben, sonst wird das nichts.
So ist es. Und deswegen können wir Menschen, die von Botschaften außerirdischer Wesenheiten berichten ebensowenig pauschal ignorieren wie jene, die verstorbenen oder lebenden Menschen übernatürliche (Erkenntnis-)Fähigkeiten zuschreiben. Die Lob- und Dankgesänge, Prozessionen, Hoffnungen etc. z.B. im Bezug auf prominente Atheisten wie Mao, Stalin, Kim Il Sung etc. sind erkennbar religiös eingefärbt.
"Säkulare Trends" beispielsweise betreffen allein die soziale Komponente religiösen Verhaltens. Da gibt es ein Auf und ein Ab, wie das in Gesellschaften eben so üblich ist. Die echte, erbliche Religiosität ist davon aber nicht betroffen.
Sie nehmen hier wieder eine dualistische (Ab-)Wertung in "echte" erbliche und "unechte" soziale Religiosität vor. Aber das ist ebenso falsch, wie wenn Ihnen jemand erklären würde, Biologie sei eigentlich nur unechte Physik. Die Phänomene höherer Ordnung haben ein Eigenleben, das auf die Basis rückwirkt.
Wie sähe denn sonst "echte" Musikalität aus? Fallen Rap-Songs darunter? Und Beethoven?
Oder wie ist das mit Sprachfähigkeit? Lässt sich diese von den "nur sozialen" Emergenzen abstrahieren? Ist Chinesisch ein Ausdruck echter Sprachfähigkeit? Deutsch auch?
Hier gelten andere, nämlich evolutionsbiologische Gesetzmäßigkeiten.
Ja, ebenso wie für Lebewesen die physikalischen Naturgesetze gelten - und dennoch Biologen zu Recht auf das Eigengewicht ihrer "echten" Phänomene pochen. Weder lässt sich Biologie einfach auf Physik oder Kultur einfach auf Biologie runter-reduzieren, hier liegen je Emergenzen und Wechselwirkungen vor.
Wenn wir also unser Universum und das Leben (inkl. des religiösen Lebens) besser verstehen wollen, geht das nur im Zusammenspiel der Perspektiven. Interdisziplinarität geht nur auf Augenhöhe. Echt.
Na immerhin: 840 Leute haben die Brights ja schon beisammen.
@E. Kirschmann
Um was genau ging es Dawkins damals mit seiner Mem-Theorie? Es war, wenn ich mich nicht täusche, doch eher Letzteres, oder?
» Wir begegnen hier funktionaler Komplexität, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung den geistigen Horizont der mitwirkenden Menschen bei weitem Überstieg, womit das menschliche Gehirn als Quelle dieser funktionalen Komplexität ausscheidet. Es wird also eine andere Quelle benötigt und ich denke, dass Dawkins hier mit seinem Mem-Konzept auf der richtigen Spur war. «
Auf den ersten Blick mag es bestechend erscheinen, den Genen die "Meme" gegenüberzustellen. Aber wenn man näher hinschaut, merkt man doch, dass diese Idee mehr Fragen aufwirft als beantwortet und somit die Sache verkompliziert.
Dass bei der Interaktion von Individuen übergeordnete soziale Strukturen entstehen, die den "geistigen Horizont" der Beteiligten übersteigen, ist ein wohlbekanntes Phänomen (Emergenz), welches sich meines Erachtens auch ohne Dawkins' Meme erklären lässt.
Doch wie gesagt, hier, also bei Dawkins, geht es doch eher um die "Evolution der Kulturen" als um die kulturelle Evolution des Menschen.
Was diese "kulturelle Evolution" betrifft, so sehe ich keinen rechten Sinn darin, von so etwas zu sprechen, etwa in der Form, dass die kulturelle Evolution die biologische zu einem Großteil abgelöst habe. Auch das Konstrukt "biokulturell" scheint mir missverständlich zu sein, suggeriert es doch, es gäbe so etwas wie ein neues Evolutionsprinzip, so, als würden Biologie und Kultur gemeinsam die Evolution des Menschen "vorantreiben".
Richtig ist, dass kulturelle Entwicklungen und technische Errungenschaften die Umwelt für sehr viele Lebewesen dramatisch verändert haben. Die Evolution des Menschen erfolgt heute unter völlig anderen Umwelt- und Selektionsbedingungen als noch vor 10.000 Jahren, aber an den Evolutionsmechanismen hat sich nichts geändert.
Unter "Evolution der Kulturen" verstehe ich die generationenübergreifende Akkumulation von Wissen und Fertigkeiten. Aber auch das hat in meinen Augen eigentlich nichts mit Evolution im biologischen Sinne zu tun. Denn wohlgemerkt, biologische Evolution bedeutet vor allem Wandel—und nicht "Entfaltung" oder "Höherentwicklung".
Sie schrieben: Na immerhin: 840 Leute haben die Brights ja schon beisammen.
Bestimmt sind es noch mehr, in Sachen Mission scheinen sie sehr erfolgreich zu sein. Und es sind m.E. durchaus auch kluge und interessante Leute dabei, eben häufiger "mit einer Mission". Soweit ich das beobachten und beurteilen kann, hapert es jedoch an der Motivation oder am Erfolg bei der Gründung kinderreicher Familien, im Gegensatz zu vielen der so gern verlachten Religiösen...
M.E. hapert´s bei denen noch an ganz anderen Dingen, und zwar an denen, die das Menschsein von jeher charakterisieren und lebenswert machen.
Dawkins ging es bei der Einführung des Mems im "Egoistischen Gen" in erster Linie darum auszuleuchten inwieweit der Erklärungsansatz des genetischen Egoismus - also das soziobiologische Paradigma - auch zum Verständnis menschlichen Verhaltens herangezogen werden könne. Mit dem Hinweis auf die Existenz anderer, kultureller Replikatoren (Meme), warnte er ausdrücklich davor sich einzubilden, man könne so etwas wie Humansoziobiologie allen Ernstes erfolgreich betreiben. Er war damit evolutionstheoretisch späteren, reduktionistischen Akteuren - wie z.B. Wuketits - weit voraus. Es ging ihm also gar nicht darum, eine geschlossene, funktionsfähige membasierte Theorie der kulturellen Evolution zu präsentieren, sondern lediglich um eine Abschätzung des Geltungsraums des soziobiologischen Paradigmas. Es ist daher auch nicht allzu fair Dawkins anzulasten, dass seine (im Detail gar nicht entwickelte) Memtheorie bis heute nicht "funktkioniert".
Es spricht einiges dafür, dass die Mechanismen der kulturellen Evolution komplexer sind als im Falle der organischen Evolution. Und ich habe ja bereits darauf hingewiesen, dass neben memetischen Anreicherungsprozessen auch die Kreativität des menschlichen Gehirns eine wesentliche Rolle spielt. Dawkins ist darauf nicht eingegangen, aber zwischen den Zeilen merkt man doch, dass er so etwas wie einen Verstand, der sich im Prinzip von genetischer und memetischer Bevormundung zu lösen vermag, voraussetzt. Dazu müßte es sich beim menschlichen Gehirn aber um eine weitere, potentiell unabhängige Quelle funktionaler Komplexität handeln.
Die Sache ist also tatsächlich verflixt kompliziert und wenn man auf der evolutionstheoretischen Ebene eine Schlüsselkomponente einfach ignoriert (die Replikator-Natur kultureller Überlieferungen und damit die Möglichkeit der Erzeugung funktionaler Komplexität durch Anreicherungsprozesse), dann strickt man eben an Ansätzen, denen ein ebenso kurzes Dasein beschieden sein wird, wie der Humansoziobiologie.
Dem biokulturellen Feedback als Antrieb bei der Entwicklung zum Menschen stehe ich auch sehr skeptisch gegenüber - obwohl man im Falle der Entwicklung der Sprachfähigkeit vermutlich eine Ausnahme wird machen müssen. Meine Ablehnung beruht hier vor allem darauf, dass die Entwicklungsgeschwindigkeiten bei organischer und kultureller Evolution um Größenordnungen differieren. Eine einmal in Gang gekommenene kulturelle Evolution läßt daher der organischen Evolution nur noch in seltenen Einzelfällen die Chance sich an die einem ständigen kulturellen Wandel unterliegende Umwelt anzupassen. Außerdem führt kulturelle Evolution im Gegensatz zur organischen nicht zur genetischen Fitnessmaximierung - es ist also prinzipiell eher damit zu rechnen, dass sie die organische Evolution aus dem Tritt bringt, als damit, dass sie sie vorantreibt. Es gibt also tatsächlich eine Konkurrenzsituation zwischen kulturellem und genetischem Erbe (und dem Verstand) bei der Gestaltung des menschlichen Verhaltens. Von einer Ablösung der biologischen Evolution zu sprechen ginge wohl zu weit, weil selektive Veränderungen des Genoms sicher weiterhin statt finden. Aber einen Wechsel der Führungsrolle beim Einfluß auf das menschliche Verhalten beim Übergang zum modernen Verhalten des modernen Menschen halte ich für belegbar.
Mit Ihrer kategorischen Ablehnung der Option in der Evolution gelegentlich auch so etwas wie "Entfaltung" zu sehen bin ich auch nicht einverstanden. Wieso begegnen wir in der Natur so häufig konvergenter Evolution? Die Evolution ist ein Optimierungsprozess. Dies führt nicht automatisch zu höherer Komplexität, denn es geht ja lediglich um Fitnessoptimierung und nicht um einen Schöpfungswettbewerb. Aber es geht sehr wohl häufig darum von den Gesetzen z.B. der Physik vorgegebene Optimallösungen zu "entdecken". So gesehen ist die Evolution häufig doch ein zielgerichteter Prozess.
Lieber Michael,
sicherlich halten Sie mich inzwischen für einen vorurteilsbeladenen Unbelehrbaren… ;-)
Warum denke ich, dass musikalische Früherziehung etwas anderes ist als religiöse Früherziehung?
Nun, die (eigene) Erfahrung zeigt, dass eine musikalische Früherziehung, gefolgt von Musikunterricht, bei einem halbwegs begabten Kind auf jeden Fall Früchte trägt. Und zwar in dem Sinne, dass das Kind auch als Erwachsener Musik machen kann. Das heißt, es gibt hinsichtlich der Fertigkeiten des Musizierens eine stetige Steigerung.
Im Vergleich dazu nun die religiöse Früherziehung: Diese und der Religionsunterricht führen auch bei spirituell veranlagten Kindern nicht zwangsläufig dazu, dass sie religiöse Erwachsene werden, religiös in dem Sinne, dass sie an das Wirken übernatürliche Akteure glauben und sich dementsprechend verhalten. Eine religiöse Glaubensgewissheit kann man in aller Regel nicht durch einen normalen Unterricht anerziehen.
Nur bei der Religiosität können wir vergleichsweise häufig das Phänomen beobachten, dass auch ganz ohne besondere religiöse Unterweisung ein Mensch im Erwachsenenalter nahezu schlagartig tief religiös wird (d.h., eine Glaubensgewissheit erlangt). Wieso ist so etwas bei der Religiosität, aber nicht bei der Musikalität möglich?
Eine nicht geförderte musikalische Begabung mag verkümmern oder erst spät im Leben zur Entfaltung gelangen. Eine spirituelle Begabung kann, muss aber nicht zur Religiosität (im engeren Sinne) führen. Überhaupt entscheidet es sich erst im (jungen) Erwachsenenalter die Religiosität eines Menschen. Nicht umsonst gibt es hierzulande für ältere Kinder kein Pflichtfach Religion.
(Und ich sehe schon einen qualitativen Unterschied darin, ob man Menschen wie Mao oder Stalin blind vertraut oder einer Gottheit, ob eine Glaubensgewissheit sich etwa auf ein Leben nach dem Tode bezieht oder auf die Heilsversprechungen eines politischen Führers (so sehr sich die psychologischen Grundstrukturen auch ähneln mögen).
»Sie nehmen hier wieder eine dualistische (Ab-)Wertung in "echte" erbliche und "unechte" soziale Religiosität vor. «
Ich werte überhaupt nicht (da scheint es bei Ihnen eine verzerrte Wahrnehmung zu geben, wenn ich das mal so sagen darf ;-). Aber ich verstehe schon, was Sie meinen (denke ich zumindest).
Mir geht es eben nicht um die praktizierte Religiosität und/oder das religiöse Leben, wo es gar keine Rolle spielt, ob eine(r) wirklich tief gläubig ist oder eher nicht. Sie wissen doch selbst, dass die (kleiner werdende) Zahl der Kirchenmitglieder nicht mit der Zahl der wirklich Glaubenden übereinstimmt. Evolutionsbiologisch sind, wenn überhaupt, nur die letzteren von Interesse. Alle anderen sind lediglich Teil der Umweltbedingungen, die auf die evolutionäre Verbreitung der Religiosität Einfluss nimmt oder nehmen kann.
Wenn ich zum Beispiel die Verbreitung der Laktoseverträglichkeit untersuche, dann interessiert mit zuvörderst die Zahl der Menschen, die Laktose vertragen, und nicht Zahl derer, die hin und wieder Milchprodukte verzehren.
Lieber Balanus,
nein, keine Sorge, ich halte Sie keineswegs "inzwischen für einen vorurteilsbeladenen Unbelehrbaren… ;-)". Wir sind eben alle fachlich und biografisch vorgeprägt und die interdisziplinäre und auch weltanschaulich plurale Zusammenarbeit ist genau deswegen eine Chance, die je eigenen Perspektiven zu öffnen. Genau deswegen freue ich mich immer wieder über Ihre wertvollen Beiträge!
Zu Musikalität - Religiosität kann ich Sie nur um die gleiche, methodische Strenge vor einem Urteil bitten, die Sie zu Recht andernorts einfordern. Selbstverständlich gibt es Kinder, die trotz musikalischer Früherziehung später weder Motivation noch Talent zum Musizieren entwickeln - ich oute mich hiermit als Betroffener! ;-)
Und genau wie auf dem Feld der Religion(en) haben wir eine Vielzahl von Varianten, Rebellionen, Verweigerungen und Subkulturen auch (aber nicht nur) seitens der jüngeren Generationen.
Ebenso wie bei Religionen können Musikkulturen unterdrückt werden (z.B. durch despotische Regime), pflegen jedoch im Untergrund länger zu überdauern und unter freiheitlichen Bedingungen neue Zweige zu treiben.
Ebenso wie bei Religiosität ist inzwischen unstrittig, dass Musikalität auch genetisch und neuronal veranlagt ist, ohne dass klar wäre, wie genau hierbei Biologie und Kultur zu unterscheiden wären und wie der Prozentwert von Heritabilität zu messen wäre.
Nicht Neuauflagen reduktionistischer Entwürfe, sondern sorgsame, interdisziplinäre (Fall-)Studien dürften sowohl die Evolution von Musik, Sprache und eben Religion erkunden helfen. Wie schrieb doch David Sloan Wilson Dawkins so schön ins Stammbuch? Bring on the legwork!
Ich denke, das ist die Aufgabe, mindestens auf Jahrzehnte.
Lieber Herr Kirschmann,
klasse, dass Sie auf diesem Niveau mitdiskutieren! Das macht Freude und ist interessant!
Zu Richard Dawkins und der Memetik hatten wir hier auch bereits einen Beitrag und eine Debatte, die Sie vielleicht interessieren könnte(n):
http://www.chronologs.de/...mein-held-der-metapher
Ob Franz Wuketits wirklich (noch) so streng reduktionistisch argumentiert? Ich weiß nicht. Den Forschungen zur Evolution von Religiosität stand und steht er auf jeden Fall positiv und interessiert gegenüber, siehe:
http://www.chronologs.de/...u-gott-gene-und-gehirn
Die Frage, wie sich Natur und Kultur verzahnen, halte ich für eines der zentralen Themen. Und darf auf neuere Studien nicht nur zur Laktosetoleranz, sondern beispielsweise auch zur Evolutionsgeschwindigkeit beim modernen Menschen verweisen, die ältere Dualismen m.E. deutlich in Frage stellen.
Da lande ich also per Querverweis auf Ihrem Blog. Nein, mir gefällt der Kommentar von bright840 auch nicht. Aber auch nicht der von MassimoViachetti:
"M.E. hapert´s bei denen noch an ganz anderen Dingen, und zwar an denen, die das Menschsein von jeher charakterisieren und lebenswert machen." Das ist Diskriminierung Andersdenkender!
Ich finde übrigens, daß Balanus in seinem Kommentar vom 9.3. 12.49 eine wichtige Anmerkung gemacht hat, die hier bisher nicht weiter beachtet wurde: "Religionen waren offensichtlich sehr nützlich für den Fortbestand menschlicher Gesellschaften. Ob sie es heute noch sind, ist eben die Frage."
Hier scheinen mir zwei Aspekte bemerkenswert: 1. Der gegenwärtige Reproduktionserfolg Religiöser kann die gegenwärtige Religiosität nicht evolutiv begründen. 2. Ob Religiosität gegenwärtig adaptiv ist, ist fraglich.
Ich tendiere dazu - und darin unterscheide ich mich wahrscheinlich von Ihnen -, die zweite Frage zu verneinen. Vor 70.000 Jahren ging unsere Species durch einen Flaschenhals und bestand nur noch aus wenigen hundert oder tausend Menschen, die überdies in Stämmen lebten. Heute leben fast 7 Milliarden Menschen globalisiert. Was früher adaptiv war, könnte heute also gut maladaptiv sein - z.B. das ingroup-outgroup-Denken, das mir besonders charakteristisch für Religionen scheint, und auch der Kinderreichtum.
Ich denke, daß hier ein Punkt ist, wo wir wirklich einen Dissens haben. Aber Sie verstehen hoffentlich, daß sich dieser Dissens nicht aus dumpfen Aversionen meinerseits begründet sondern aus Argumenten. Und daß wir somit im Gespräch bleiben können.
Danke noch einmal für den Hinweis auf Hrdy, deren Buch ich inzwischen gelesen habe. Wenn ich ihre überzeugenden Thesen mit denen von Judith Rich Harris aus 'The nurture assumption' kombiniere, ergibt sich für mich ein ausgesprochen schlüssiges Bild von Erziehung. Ich habe also trotz - oder wegen? - unseres Dissenses von Ihrem Blog profitiert.