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Religion stirbt aus? Von wegen! Das Handbuch Leipziger Religionen

von Michael Blume, 02. März 2010, 23:39

Im Bezug auf die neuen Bundesländer waren in den vergangenen Wochen wieder demografische Molltöne zu hören: Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes schrumpft und altert die ostdeutsche Bevölkerung durch Kindermangel und Abwanderung rapide. Während in den alten Ländern von 2006 bis 2050 ein Bevölkerungsrückgang von 14 Prozent zu erwarten sei, werde die Bevölkerung der neuen Länder um 31 Prozent sinken. Und auf 100 Menschen im Erwerbsalter zwischen 20 und 65 Jahren sollen dann 80 Ältere kommen.

Da freut es doch geschätzte Freunde, Mitblogger und Religionskritiker wie Edgar Dahl, dass die Ostdeutschen wenigstens nicht kirchlich(er) werden. Angesichts der Zerstörungen religiöser Traditionen und Gemeinschaften durch braune und rote Diktaturen sowie die Abwanderungs- und Säkularisierungsprozesse heute stellt sich tatsächlich die Frage, ob Religiosität "im Osten" noch eine Zukunft hat?

Die sich abzeichnende Antwort ist: Ja.

1. Der Zusammenhang von religiöser Vergemeinschaftung und Reproduktionserfolg besteht in ganz Deutschland. So wiesen nach einer Studie von Philipov und Berghammer Religiöse schon unmittelbar nach der Wiedervereinigung 1992 sowohl in Ost- wie in Westdeutschland höhere Kinderzahlen und einen höheren Kinderwunsch auf. Nichtreligiöse Ostdeutsche hatten im Schnitt 1,44 Kinder (West: 0,94), etwas Religiöse 1,52 (West: 1,14) und Religiöse 1,55 (West: 1,22). Die als "ideal" gedachte Kinderzahl klaffte sogar noch deutlicher auseinander: Religiöse Ostdeutsche wünschten im Schnitt 2,19 Kinder (West 2,23), Religionslose nur 1,82 (West 2,05).

2. Oft über Jahrzehnte von Zwangssäkularisierung bedrängt, begründen religiöse Minderheiten in Ostdeutschland bereitwillig eigene Angebote für Kinder und Jugendliche. So stellte der Mainzer Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich im März 2009 fest: "Im Osten sind erstaunlicherweise kirchliche, vor allem evangelische Schulen entstanden, und zwar mehr, als es im Westen gibt." 147 der rund 290 evangelischen Privatschulen fänden sich in den neuen Bundesländern. Während die Zahl ostdeutscher Schülerinnen, Schüler und Schulen sinkt, wachsen religiöse Angebote weiter.

3. Während Abwanderung und Säkularisierung natürlich auch ostdeutsche Kirchen und Religionsgemeinschaften oft massiv betreffen, erschließen einige auch das Potential von Zuwanderern und Sinnsuchenden.

Lokalstudie: Handbuch Leipziger Religionen

Handbuch Leipziger ReligionenIn diesem Zusammenhang außerordentlich eindrucksvoll (und auch fotografisch bebildert) ist das "Handbuch Leipziger Religionen", eine Lokalstudie des Interkulturellen Forums e.V. in Leipzig, in dem sich auch viele Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler des hervorragenden Universitätsinstitutes engagieren. Sie haben im Stadtgebiet 72 Religionsgemeinschaften aller Weltreligionen ausfinding gemacht - von denen 23 (!) in den letzten sechs Jahren hinzugekommen sind. Zu dem breiten und wachsenden Angebot gehören neben zahlreichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde auch z.B. buddhistische Gemeinschaften, die sich darauf berufen können, dass sich 1904 in Leipzig die erste buddhistische Religionsgemeinschaft außerhalb Asiens gegründet habe. Muslime, Hindus und Sikhs versammeln Zuwanderer, deren Nachkommen und Neuzugänge. Und anthroposophische Strömungen samt Waldorfschule und Christengemeinschaft haben sich ebenso etabliert wie die Krishna-Bewegung. Wer das beispielhafte Handbuch Leipziger Religionen liest, wird feststellen, dass die Zukunft auch Ostdeutschlands nicht religionslos sein wird, sondern religiös vielfältig. Mit allen Chancen und Risiken, die religiöses Leben mit sich gebracht hat und auch in Zukunft mit sich bringen wird.

Ein Nachtrag zu regionalen Unterschieden in der Wahrnehmung von Religionen

Zum Valentinstag schrieb ich für den Berliner Tagesspiegel den Essay "Wenn Kinder ein Segen sind" zum demografischen Potential von Religionen. Einige Zeit später übernahm ZEIT online den gleichen Text. Interessant finde ich die völlig unterschiedliche Rezeption des gleichen Textes je durch die Berliner bzw. gesamtdeutschen Kommentatoren. Soviel zur Hypothese, (Religions-)Wissenschaft würde stets emotionsfrei rezipiert... ;-)





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Kommentare

  1. Balanus Stufenmodelle
    14.03.2010 | 23:18

    » Vielleicht können Sie mir daher meine Skepsis gegenüber Stufenmodellen verzeihen, die sich als wissenschaftlich verstehen wollen, ohne ihre objektiven Kriterien benennen zu können. «

    Welche Stufenmodelle meinen Sie? Monas Glaubensstufen und/oder Ralph Würfels Stufen der Erleuchtung? Ich sprach ja nur von unterschiedlichen Formen des Glaubens bzw. der Religiosität, die es zu unterscheiden gilt. Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt…

    Skepsis ist übrigens eine wissenschaftliche Tugend, da gibt es nichts zu verzeihen :-)

  2. Mona Zur Nachfrage @Michael Blume
    15.03.2010 | 07:55

    Wie von Herrn Würfel auch schon bemerkt, haben die offiziellen christlichen Kirchen keinen Platz für Spiritualität mehr. Für den Begriff Religion gibt es laut Wikipedia „keine wissenschaftlich allgemein anerkannte Definition“. Für mich ist sie das, was man allgemein unter Frömmigkeit und Gottesfurcht versteht, oft eingebettet in eine offizielle Kirche zur Ausübung des Kults.
    Spiritualität schließt für mich alle Bereiche des Lebens ein und ist eine im weitesten Sinne auf die Geistigkeit bezogene Aktivität. „ Auch wenn die Ausprägung von Spiritualität letztlich immer individuell ist, da jeder spirituell lebende Mensch durch seine Lebens- und Erfahrungsgeschichte geprägt ist, so haben doch die Religionen und Konfessionen unterscheidbare spirituelle Strömungen hervorgebracht.“ (Wikipedia) Diese wurden aber sehr häufig als Häresie bezeichnet, da sie mit den offiziellen Dogmen korrelierten. Für Spiritualität braucht es keine Kirchen und Tempel, da jeder Mensch auf individuelle Weise spirituell leben.

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