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Der seltsame Spott der "neuen Atheisten"

von Michael Blume, 30. Mai 2009, 16:13

Pünktlich zu Pfingsten wird er also starten, der Bus mit der Aufschrift: "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott", der dann durch Deutschland touren will. An sich eine feine Sache: Schließlich wird öffentlich ja auch für andere weltanschauliche oder religiöse Aussagen geworben. Und Diskussionen über grundlegende Fragen können Deutschland wirklich nicht schaden! Hier ist allerdings ist zu fragen: Was hat das mit Wissenschaft zu tun?

Zunächst wirft die Buskampagne gerade aus evolutionärer Sicht die durchaus gute Frage auf, warum eigentlich so viele Menschen weltweit an Gottheiten bzw. den Gott Abrahams glauben. Wenn dies nur geschadet hätte, hätte dieser Glauben doch längst aussterben müssen. Darüber kann man wild spekulieren oder polemisieren - oder eben forschen, wie es immer mehr Wissenschaftler im Bereich der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen tun. Um einen biologisch zentralen Befund zu benennen: Auch heute pflanzen sich Glaubende z.B. weltweit durchschnittlich erfolgreicher fort als ihre säkularen Nachbarn auch gleicher Einkommens- und Bildungsschicht. Dass Glauben wahr ist, kann Wissenschaft weder beweisen noch widerlegen (wie ja auch der Bustext einräumt) - dass Glauben aber biologisch erfolgreich ist, wird derzeit weltweit entdeckt und erforscht.

Wer verspottet hier eigentlich wen?

Sehr schön wird der Widerspruch zwischen vermeintlich wissenschaftlich fundierter Religionskritik und seriöser Evolutionsforschung auch am Filmplakat von "Religulous" deutlich, der gezielt religiöse Menschen der Lächerlichkeit preisgeben sollte.

Sieht nach einem evolutionären Argument aus? Im Gegenteil! Überlegen Sie selbst, wie sich aufgeklärte Wissenschaftler verhalten sollten, wenn sie tatsächlich komplexes, z.B. rituelles Verhalten bei Schimpansen beobachten würden. Sollten sie diese auslachen? Solange verprügeln, bis diese ihr religiöses Verhalten einstellen? Aber nein: Sie sollten das Verhalten respektvoll erkunden und erforschen, nach seiner Funktionalität und Naturgeschichte fragen.

Wer also Verhalten verhöhnt, das er nicht versteht, handelt geradezu konträr zum Anspruch von Wissenschaftlichkeit. Das Verhalten von Schimpansen ist respektvolle Erforschung wert - das Verhalten von Homo Sapiens doch mindestens ebenso!

Also, liebe Buskampagner, viel Spass auf der Tour! Aber tut uns bitte einen Gefallen: Tut nicht so, als basiere Eure Weltanschauung auf seriöser Evolutionsforschung. Denn ob Religiosität wahr oder unwahr ist, bleibt Glaubensfrage - aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist Religion natürlich und seit Jahrzehntausenden biologisch erfolgreich.

Ein interessantes Zitat aus den Debatten innerhalb der Bewegung fand Blogleserin Mona: „Der neue Atheismus ist vielleicht nicht tot, aber er riecht schon irgendwie komisch!“ - Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Fundstelle hier.





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Natur des Glaubens: Biokulturelle Evolution

Kommentare

  1. Günter Buchholz "Gott" ist eine Idee
    30.05.2009 | 22:49

    Man muß das obige Plakat nicht mögen, und man mag es auch für einen Ausdruck von schlechtem Geschmack halten, aber man muß es doch in den Kontext mit der Praxis der mehr oder weniger dogmatischen, teils militanten und teils sogar gewaltsamen Gewißheitskulten der Offenbarungsreligionen stellen Beispiel: Kreationismus). Auf ihnen liegt der Fokus der Kritik. -
    Es gibt aber keine Offenbarung, denn alle so genannten Offenbarungstexte sind von Menschen geschrieben worden. Und "Gott" ist bis zum Beweis des Gegenteils nicht mehr als eine - vermutlich fixe - menschliche Idee. Gott existiert also völlig zweifelfrei und auch wirkmächtig, aber: nur als Idee, als eine Vorstellung in menschlichen Hirnen und Kulturen. Ob dieser Idee irgendetwas außerhalb (!) unserer menschlichen Vorstellungen entspricht, bleibt völlig ungewiß (!). -
    Es gilt allerdings, daß diejenigen, die so etwas gegen jeden empirischen Anschein behaupten, dafür den Beweis antreten müssen, jedenfalls dann, wenn sie von vernünftigen Menschen ernst genommen werden wollen. Welche intersubjektiv nachprüfbaren Gründe können sie vorbringen?

  2. Fischer kein Betreff
    31.05.2009 | 03:44

    Wer hat denn behauptet, dass die Buskampagne was mit Evolution oder Forschung zu tun hat? Das wäre mir neu.

  3. Michael Blume @ Lars: Anspruch a. Wissenschaftlichkeit
    31.05.2009 | 07:26

    Lieber Lars,

    von www.buskampagne.de:

    "Mit diesem „gottlosen“ Gefährt machen wir eine große Deutschland-Tour und bieten an vielen Stationen thematische Stadtrundfahrten an. Denn über Aufklärung, Wissenschaft, Religionsgeschichte und Atheismus lässt sich in jeder Stadt etwas erzählen!"

    Wissenschaft als atheistisches Missionsargument? Na, denn... :-)

  4. Michael Blume @ Günther Buchholz
    31.05.2009 | 07:42

    Lieben Dank, Herr Buchholz.

    In der Ablehnung autoritärer Systeme sind wir uns einig. In dieser Woche zündete ja sogar eine der schlimmsten Diktaturen unserer Zeit eine Atombombe!

    Huch, Nordkorea ist ja atheistisch! Und trotzdem autoritär und zutiefst menschenfeindlich (wie es übrigens alle Systeme wurden, die den Staat gegen Religionen in Stellung brachten). Ob sich die Buskampagne auch dazu äußert? Immerhin startet sie ja in einer Stadt, deren östliche Hälfte bis vor kurzem ebenfalls von einer atheistischen Diktatur mit Mauer, Spitzeln und Unrecht bis hin zum Mord unterdrückt wurde...

    Zur Gottesidee: Nach wie vor leben wir in einer freiheitlichen Gesellschaft, in der Menschen je das glauben dürfen (oder nicht glauben dürfen), was sie wollen. Wissenschaftliche "Beweise" für das Leben strukturierende Ideen bzw. Entdeckungen zu verlangen ist ein Kategorienfehler.

    So gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass Sie Menschenwürde und Menschenrechten nicht ebenfalls abzuschaffen fordern - obwohl wir deren Existenz empirisch in keiner Weise beweisen können. Auch Religiosität und Religionen sind (mindestens) ein Teil natürlichen, menschlichen Lebens. Man kann darüber diskutieren, sie kritisieren, alternative Weltanschauungen bewerben usw.

    Aber wer behauptet, die Wissenschaft tauge zu ihrer Abschaffung, hat sich im Jahrhundert geirrt.

  5. theologie-der-vernunft Buswerbung im Auftrag Gottes?
    31.05.2009 | 08:02

    Hallo Herr Dr. Blume,

    über den Nutzen von Religion brauchen wir nicht zu diskutieren. Sie wissen, dass ich jetzt wahrscheinlich noch schlafen würde, wenn nicht davon ausginge, dass der Nutzen eines gemeinsamen schöpferischen Bewusstseins, Lebenssinnes bzw. diesen umsetzenden Kultes nur in der nachzählbaren besseren Geburtenrate bei Religiösen liegt. Vielmehr lasse ich mir von atheistisch-naturalistischen Hedonisten, die auf evolutinonswissenschaftliche Weise argumentieren erklären, warum geistbegabte bzw. selbstbewusst vorausschauende Wesen einen zeitgemäßen gemeinsamen Kult brauchen, der ihrer Kultur entspricht, diese kreativ weiterbaut, um sich im Sinne der Evolution zu verhalten, gemeinsam Zukunft zu optimieren, statt weiter ökologisch und jetzt auch noch ökonomisch zu vernichten.

    Doch nachdem was gerade heute an Pfingsten wieder im Namen des "Heiligen Geistes", der auf kreative Weise die Gegensätze vereinenden und in der frühen Kirche einen gemeinsamen Verstand bewirkenden Kraft, oftmals vom Stapel gelassen wird, kann ich die Buswerbung nur gut verstehen.

    Wenn (oder m.E. nachdem) es eine im Monotheismus heute Gott genannte kreative=schöpferische Wirklichkeit in aller kosmischen und geschichtlichen Weltwirklichkeit gibt, die sich - bzw. deren ewiges Wort - immer wieder zeitgemäß verständlich ist, dann geschieht die Buswerbung möglicherweise nicht nur in Sinne dieses Gottes, sondern dem des laut NT von ihm ausgehenden Heiligen (versöhnenden, kreaiven, gemeisamen Verstand bewirkenden) Geistes.

    Ich würde nicht so weit gehen, die heutige Kirchen-Kollekte für Benzin erheben zu wollen, damit der Bus die Selbstzufriedenheit des heutigen Geistes stört.

    Doch wer sicht nicht im alten Glauben ertränkt, sondern aufgeklärt die heutige Glaubenssitutation analysiert, incl. der neuen Religiösität und des dagegen haltende neuen naturalistisch argumentierenden Atheismus, für den werden die nach wie vor ungelösten, aber auf kreative Weise zu überwindendenden Gegensätze zwischen den Kulturen bzw. Weltbildern immer deutlicher.

    Ich denke, auch die Aufklärung hat inzwischen weitgehend erkannt, dass allein die menschliche Vernunft zu kurz greift, die Krisen nach einer Weiterentwicklung des altbekannten Kultes rufen.

    Wenn die Atheisten keinen privaten oder gar kommunalen Busbetrieb für ihre Werbung gefunden haben um so wie in England oder Italien Denkanstöße zu geben, sondern selbst durch Deutschland touren müssen, dann weht möglicherweise doch der kreative Geist mit.

    In weiter Pfingsthoffung:

    dass die kreative=schöpferische Wirklichkeit auf mündige Weise in heute universal erklärter Weltwirklichkeit EINverstanden werden kann. Und so zur schöpferischen Wirklichkeit im Lebensalltag bzw. zur gemeinsamen Zukunftsoptimierung bzw. -gestaltung führt.(Incl. Geburtenzahlen.)

    Gerhard Mentzel

  6. KRichard Lustig lustig trallala ...
    31.05.2009 | 08:53

    Man muss die Atheisten für ihren satirischen Humor loben. Dass sie jetzt mit dem Argument ´mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit´ werben - zeigt doch, wie sie in der heutigen Realität verankert sind.

    Die ´Lehmann Brothers´ galten vor einem Jahr noch als absolut(!!!) sichere Bank. Das sagten zumindest alle Experten, mit Hinweis auf die belegbaren und nachprüfbaren Fakten.

    Und auch Tschernobyl feierte vor einem Monat ´Jubiläum´. Ein derartiger Atomunfall war nicht einmal in der Wahrscheinlichkeitsrechnung, da man ihn für unmöglich hielt.

    => diese Tour wird indirekt eine Werbung für die Möglichkeit der Existenz eines Gottes. Bezahlt von Atheisten. :-))

  7. Karl Bednarik Angeborene Gehirnstrukturen
    31.05.2009 | 09:24

    Objektiv gesehen, hat das Leben keinen Sinn, und beruht auf Zufällen.

    Subjektiv gesehen, ist der Sinn des Lebens, daß es angenehm ist.

    Ein Vogel singt sowohl weil es ihm Spaß macht, als auch weil es evolutionär vorteilhaft ist.

    In der physikalischen Welt gibt es vermutlich keinen Gott, keine Engel und Teufel.

    Als angeborene Gehirnstrukturen könnte es aber Gott, Engel und Teufel schon geben, vielleicht, weil sie evolutionär nützlich waren.

    Wir leben aber geistig nicht in der physikalischen Welt, sondern in unserem Weltmodell, in unserem Gehirn.

    Wenn wir physikalisch in einem Zimmer hin und her gehen, dann erleben wird das als die Symbole unseres Weltmodells von Zimmer, Körper, und Gehen, wir gehen also streng genommen in uns selbst hin und her.

    Deshalb kann man prinzipell nicht entscheiden, ob man wach ist, oder träumt.

    Zwischen Dämonen und paranoiden Wahnvorstellungen ist daher kein subjektiver Unterschied feststellbar.

    Ein Vermehrungsbefehl mit gleichzeitigem Kritikverbot ist vermutlich evolutionär von Vorteil.

    Ein von Befehlen völlig freies Gehirn würde überhaupt nichts tun, und im Nirvana-Zustand verbleiben.

    Zum Vergleich:
    Menschenrechte für Roboter?

    http://www.e-stories.de/...geschichten.phtml?23749

  8. Mona kein Betreff
    31.05.2009 | 10:18

    Bei Buskampagne.de finde ich die Frage „Was ist atheistisch-sehenswürdig in eurer Stadt?“ geradezu rührend. Bereits der erste Kommentator sagte dann auch prompt: “Atheistische Sehenswürdigkeiten” finde ich ein wenig weit her geholt. Es ist ja gerade das Wesen, dass man an nicht “glaubt”, das wird man doch nicht besonders hervorheben. Dann glaubt man ja schon wieder an etwas.

    http://www.buskampagne.de/...;cpage=2#comment-3602

    Wie sagte Michael Schmidt-Salomon bei einem seiner Vorträge: „Der neue Atheismus ist vielleicht nicht tot, aber er riecht schon irgendwie komisch!“ Kann es sein, dass sich hier bereits der Spaltpilz eingenistet hat?

    http://www.schmidt-salomon.de/neuhuman1.pdf

  9. itz Affen und Störche
    31.05.2009 | 11:37

    Lieber Herr Blume.

    „Es gibt viele Dinge, die es verdienen, dass man Spott und Spiel mit ihnen treibt, schon damit man ihnen nicht durch einen ernsthaften Angriff ein unverdientes Gewicht gibt.“ (Tertullian)

    Nun hat die Religion dieses unverdiente Gewicht in Deutschland und auch anderswo schon längst überschritten. Und darum geht es in erster Linie bei dieser Buskampagne, wenn ich diese recht verstanden habe.
    Und nicht um Wissenschaft, wie Sie unterstellen. (Auch wenn die Kampagne den wissenschaftlichen Atheismus herausstellt.)

    Und Religulous: Nicht mal Bill Maher himself würde seinen Film wohl als wissenschaftlich fundiert bezeichnen. Haben Sie den Film gesehen? Finden Sie nicht auch einige der vorgestellten Glaubensansichten zumindest seltsam, wenn nicht gar lächerlich?
    Über das Plakat kann man natürlich geteilter Meinung sein. Menschen als Tiere darzustellen ist nicht unbedingt einfallsreich oder geschmackvoll. Aber eine schöne Provokation für Gläubige, die auch 2009 immer noch ein Problem damit haben, dass Sie einen gemeinsamen Vorfahren mit diesen netten Tierchen teilen. Außerdem ist es wohl auch eine Anspielung und die Fortsetzung einer alten Tradition: seit wir die Evolutionstheorie kennen werden Menschen auch als Affen dargestellt. Und wohl niemand öfter als Charles Darwin selbst. Der konnte gut damit leben. Über sein Portrait mit Affenkörper schrieb er: „Der Kopf ist gut getroffen, aber der Affe kann so nie ausgesehen haben." Also nicht immer alles so ernst sehen!

    Wer Verhalten verhöhnt, das er nicht versteht handelt vielleicht konträr zum Anspruch von Wissenschaftlichkeit. Aber es spricht doch überhaupt nichts dagegen, dass Forscher die das Verhalten von Menschen (und auch Tieren) erkunden, dieses Verhalten lächerlich, abstoßend oder aber auch ehrenvoll, anziehend finden.
    •Ein Ethnologe, der den Infantizid bei Ureinwohnern Brasiliens erforscht, hat doch auch jedes Recht Kindesmord als barbarisch zu bezeichnen und diesem Verhalten keinen Respekt zu zollen.
    •Ein Soziologe, der Selbstmordattentäter unter die Lupe nimmt, darf diese doch auch verurteilen und Ihnen jeden Respekt verweigern.
    •Und ein Religionswissenschaftler, der untersucht ob der Glaube an den Storch mit einer höheren Geburtenrate bei den Storchgläubigen korreliert, darf diesen Glauben auch gerne verspotten. :-)

    Es spricht auch nichts dagegen, wenn sich Forscher darum bemühen menschenfeindliches Verhalten, sei es religiös oder nicht, zu bekämpfen. Auch wenn mir kein Wissenschaftler bekannt ist, der dies mit Prügeln versuchen würde. (Menschen einen Glauben ein-, bzw. einen Unglauben auszuprügeln ist wohl eher die Domäne der Priester. :-( )
    Wer also Verhalten verhöhnt, das er versteht und das nachweislich falsch und/oder grausam ist, handelt durchaus korrekt.

    Die Weltanschauung der Buskampagner beruht sehr wohl auf seriöser Evolutionsforschung. Denn ob eine Religion wahr oder unwahr ist, bleibt GLAUBENSFRAGE. Während die Erforschung der Evolution eine WISSENSFRAGE ist. Und die Wissenschaft im Allgemeinen sowie die Evolutionsforschung im Besonderen kommen doch ganz gut ohne die Gotteshypothese aus!
    „Wissenschaft als atheistisches Missionsargument? Na, denn... :-)“
    Genau! Wer aufgeklärt ist, muss nun wirklich nicht mehr an den Storch glauben. :-)

  10. Michael Blume @ Mentzel
    31.05.2009 | 12:59

    Persönlich hätte ich es durchaus i.O. gefunden, wenn Verkehrsbetriebe auch atheistische Werbung gezeigt hätten. Schließlich gibt es ja auch z.B. christliche Werbung (Bibelsprüche etc.), was ich ebenfalls gut finde - letztlich sollte es m.E. einfach einen (im Rahmen der Gesetze) freien Wettbewerb der Religionen und Weltanschauungen geben.

    Schon rein demografisch brauchen da m.E. gewachsene Religionsgemeinschaften auch gar keine Angst haben... :-)

  11. Michael Blume @ KRichard: Sehe ich auch so!
    31.05.2009 | 13:02

    Letztlich ist die Buskampagne ein weiteres, wundervolles Beispiel dafür, dass religiöser und weltanschaulicher Wettbewerb die Landschaft insgesamt beflügelt! Ein toller Anknüpfungspunkt für vieles!

    Wer es gerne sieht, dass Menschen gelegentlich darüber nachdenken, was sie je glauben oder nicht, der darf die Buskampagne durchaus als Pfingstgeschenk begrüßen!

  12. Michael Blume @ Bednarik
    31.05.2009 | 13:07

    Lieber Herr Bednarik,

    vielen Dank für Ihren Beitrag! Sie leiteten ein mit dem Axiom:

    Objektiv gesehen, hat das Leben keinen Sinn, und beruht auf Zufällen.

    Wer sieht denn da Ihres Erachtens "objektiv"? Erfolgt nicht jedes natürliche Sehen von einem Standpunkt aus?

    Subjektiv gesehen, ist der Sinn des Lebens, daß es angenehm ist.

    Seltsam, subjektiv gesehen kann ich das für mein Leben nicht als höchsten Sinn akzeptieren. Kinder zu haben ist beispielsweise ganz und gar nicht immer "angenehm", wissenschaftlich zu arbeiten auch nicht. Benötige ich Ihres Erachtens also Umerziehung, weil ich für mein Leben höhere als hedonistische Ziele gelten lasse?

  13. Michael Blume @ itz: Ja
    31.05.2009 | 13:13

    Lieber itz,

    auch nach mehrmaligem Lesen konnte ich den Widerspruch zwischen unseren Auffassungen nicht finden.

    Wie geschrieben finde ich es absolut okay, wenn auch atheistische Weltanschauungen für sich werben - solange sie die Menschenrechte Andersglaubende nicht antasten (wie mit zig Millionen Opfern im letzten Jahrhundert und derzeit z.B. noch in Nordkorea, China, Kuba etc. zu beobachten).

    Auch gegen satirische Kritik habe ich nichts einzuwenden und das Religulous-Plakat nutze ich längst und immer wieder gerne als Einführung in die Evolutionsforschung zur Religiosität.

    Wenn aber Religionen und Weltanschauungen für sich Wissenschaftlichkeit beanspruchen, frage ich nach. Da bin ich mit Bill Maher ganz einig: Man wird ja wohl noch fragen dürfen?! ;-)

  14. Michael Blume @ Mona: Super-Zitat!
    31.05.2009 | 13:28

    Liebe Mona,

    danke, das ist ein super Zitat und im übrigen auch ein ganz interessantes Dokument!

    Wobei mir beim Lesen die Sprüche vom "neuen Humanismus", der eine "neue wissenschaftliche Weltsicht", ein "neues, humanistisches Bildungswesen" und eine "neue, humanistische Ökonomie" usw. hervor bringen sollte, aus der DDR geradezu schockierend bekannt vorkamen!

    Auch der Theologe und Bürgerrechtler Richard Schröder hat ja die Ansprüche des "neuen Humanismus", der von der Abschaffung der Religionen träumt, unlängst mit Anspruch und Praxis der DDR verglichen. Sehr lesenswert, wenn auch etwas bedrückend...
    http://www.amazon.de/...2/ref=cm_cr_pr_product_top

    Wobei ich Schröder in einem Punkt nicht zustimmen würde: Es handelt sich beim "neuen" Atheismus / Humanismus gerade nicht um "wissenschaftlichen Fanatismus" - denn es wird ja oft gerade nicht wissenschaftlich reflektiert, sondern die Wissenschaft nur als Steinbruch zur Rechtfertigung der eigenen, zutiefst intoleranten (und eben nicht auf offene Erkenntnis zielenden) Weltanschauung missbraucht. Alles schon mal dagewesen...

  15. Stefan Taube Seltsam aber notwendig
    31.05.2009 | 13:36

    Ich teile die Ansicht von itz. Man muss ja auch mal sehen, wie diese Bustour entstanden ist. Sie ist entstanden, weil sich Verkehrsbetriebe mehrheitlich geweigert haben die Werbeflächen auf ihren Busen für diesen Spruch zu verkaufen. Die Lösung mit der Bustour finde ich auch nicht ideal, wünsche aber trotzdem viel Erfolg und viel Spaß damit.

    Die Wissenschaft steht hier jedenfalls nicht im Zentrum, nichteinmal die Frage des Glaubens. Es geht um die Frage, was sich der vernünftige Mensch alles an Zumutungen seitens der Gläubigen bieten lassen muss. Damit meine ich jetzt die richtig Gläubigen, also nicht das Heer der zufällig getauften Christen. Auch Bill Maher präsentiert ja im wesentlichen die Glaubens-Freaks, dort hat er seine Lacher.
    Es ist doch traurig, das im vorauseilendem Gehorsam die Verkehrsbetriebe der Buskampagne ihre Werbeflächen verweigert.
    Nochmal: Es geht nicht um Evolution, es geht um Politik. Es geht nicht um Glaube, es geht um die Kirchen und ihren nichtlegitimierten politischen Einfluss auf unsere Gesellschaft. Es geht um die Freiheit dieser Gesellschaft, die von obrigkeitshörigen Gläubigen bedroht wird.

  16. Michael Blume @ Stefan Taube
    31.05.2009 | 15:44

    Danke für den interessanten Beitrag!

    Es geht nicht um Evolution, es geht um Politik.

    Das ist immerhin mal eine ehrliche und interessante Aussage, worum es manchem "neuen Atheisten" als tatsächlich geht... Die Ablehnung der Verkehrsbetriebe teile ich immer noch nicht, kann sie aber nach diesen Äußerungen ein bißchen besser verstehen...

    Es geht nicht um Glaube, es geht um die Kirchen und ihren nichtlegitimierten politischen Einfluss auf unsere Gesellschaft.

    Wie meinen? Kirchen und Religionsgemeinschaften üben ihre Tätigkeiten in Deutschland im Rahmen des Grundgesetzes aus, dessen Präambel "In Verantwortung vor Gott und den Menschen" verfasst ist und von ca. 80% der Deutschen befürwortet wird. Inwiefern besteht hier Änderungsbedarf?

    Es geht um die Freiheit dieser Gesellschaft, die von obrigkeitshörigen Gläubigen bedroht wird.

    Das ist schon eine interessante Feindbild-Konstruktion. Nur so als Hinweis: Wir hatten nach einer braunen Diktatur, die religiöse Minderheiten und Widerständler massenhaft ermordete, in (Ost-)Deutschland über Jahrzehnte eine atheistisch legitimierte Diktatur, die ihre Bürgerinnen und Bürger (besonders, wenn diese gläubig waren) oft brutal unterdrückte und schließlich von einer Bürgerrechtsbewegung aus den Kirchen heraus (!) gestürzt wurde.

    Gleichzeitig gab es im Westen eine Demokratie, in der Kirchen und religiöse Demokraten eine wichtige Rolle spielten und spielen, ohne dass deswegen Anders- oder Nichtglaubende je staatliche Verfolgung erlitten hätten. Und auch heute stellen weder religiöse Politiker noch maßgebliche Religionsgemeinschaften die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage. Nur mal so als Gedankenexperiment: Waren und sind kritische Buskampagnen in atheistisch legitimierten Staaten wie der DDR, China, Nordkorea etc. denkbar? Nein, nur Demokratien mit Religionsfreiheit erlaub(t)en so etwas.

    @Stefan Taube, nirgendwo in Deutschland bedrohen maßgebliche "obrigkeitshörige Gläubige" Freiheit und Demokratie. Mir sieht das doch sehr danach aus, als würden sich hier Leute ein massiv antireligiöses Feindbild zusammen zimmern, das mit der Realität nicht viel zu tun hat...

  17. Stefan Taube @Michael Blume
    31.05.2009 | 16:51

    Ich gehöre nicht zur Buskampagne und spreche nur für mich und worum es mir geht. Ich weiß jetzt auch nicht genau, worauf sich Deine Bemerkung mit dem Grundgesetz bezieht. Ich stelle ja nicht das Grundgesetz in Frage, nur weil in der Präampel von Gott die Rede ist. Ich bewerte einen Bundeskanzler ja auch nicht dahingehend, ob er in seinem Amtseid auf Gott bezug nimmt oder nicht. Ein Kanzler soll einfach ein guter Kanzler sein. Ich fürchte auch, dass der Rückgriff auf die Geschichte nicht so viel bringt, denn ich müsste ja jetzt schreiben, dass zur Zeit der braunen Diktatur fast alle Menschen in der Kirche waren und dies eben auch nicht vor der Dikatur geschützt hat, usw.

    Mein "antireligiöses Feindbild" besteht aus meiner ganz subjektiven, völlig unwissenschaftlichen Beobachtung, dass diejenigen Menschen, die nach Ein- und Unterordnung in Hierarchien streben (Parteien, Vorgesetzte, Vereine, etc.) eben gerade oft religöse Menschen sind. Die Kirche bietet ihnen ideale Bedingungen ihre Obrigkeitshörigkeit auszuleben. Das ist nichtmal eine Erfahrung von mir, sondern steht so auch bei Drewermann. Daher ist das bürgerliche Lager eben vor allem christlich und nur ein bißchen liberal.
    Diesen Menschen stehen die von mir bewunderten gegenüber, die versuchen ihren eigenen Weg zu gehen und Freiheit und Unsicherheit aushalten, um sich und der Wahrheit treu zu bleiben. Dazu gehört auch das wissenschaftliche Weltbild. Für mich sind diese Menschen die eigentlichen Vorbilder und die von mir erstgenannten gefährlich, wenn sie zahlenmäßig überhand nehmen.

    Ich bin der Meinung, dass Dinge wie die Buskampagne, Religulos oder die Mohammed-Karrikaturen als wichtige Indikatoren dafür dienen, die Machtverhältnisse zwischen den von mir charakterisierten Menschen auszuloten. Solche Provokationen, die es ja schon immer gab, zeigen, wo wir mit unserer Gesellschaft stehen. Daher finde ich das spannend. Inhaltlich interessiert es mich gar nicht so sehr. Den Film von Bill Maher kenne ich nur aus den Youtube-Ausschnitten. Ich erwarte für mich persönlich keinen großen Gewinn, wenn ich ihn schaue. Ich finde es aber gut, dass jemand aus God's own country so einen Film dreht.

    @Michael Blume: Das ist meine private Küchenphilosophie, Feindbilder habe ich eigentlich keine und ich bin ja froh, dass meine Ansichten hier moderiert/kommentiert werden. Würde in diesem Blog kein Diskurs stattfinden, würde ich mich ja gar nicht zu solchen Themen äußern.

  18. Ulrich ein paar gedanken
    31.05.2009 | 18:15

    1. dachte ich immer, ein atheist ist davon überzeugt, dass es keinen gott gibt; die bemerkung "mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit" lässt darauf schließen, dass sie sich da nicht ganz sicher sind (-> agnostiker!?)

    2. der ewige streit (auch hier im forum), ob den nun atheisten oder gläubige (staatsformen) die besseren menschen (systeme) sind, find ich, sorry, zeitweise ein wenig lächerlich
    ich habe die befürchtung, dass unmenschliches verhalten irgendwie zum mensch dazugehört und dass dieses mit kulturellen werten (z.B. menschenrechte, gerichte, erziehung, auch religion) möglichst klein gehalten werden soll
    schließlich sind wir menschen ja nur affen mit ein bisschen mehr gehirn, indem sich oft unglaublich schräge dinge abspielen ;-)

  19. Michael Blume @ Stefan: Einverstanden!
    31.05.2009 | 20:41

    Lieber Stefan,

    danke für Deinen letzten Beitrag. Deiner Beobachtung, dass religiöse Menschen häufiger Gemeinschaftswerte und Autoritäten bejahen, möchte ich gar nicht widersprechen - einige Forschungen (z.B. von Koenig und Bouchard im Rahmen von Zwillingsstudien) deuten sogar in diese Richtung! Siehe z.B. hier:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/...6.pdf

    Wichtig finde ich es aber nur, dass wir je zwischen unseren persönlichen Vorlieben und fairer Beurteilung anderer unterscheiden. So kommt das Zurückstellen des eigenen Ego wohl häufiger Familiengründungen (und -erhalt) zugute, auch kann es (und darauf deutet einiges hin) eben einfach die Loyalität zum jeweiligen Staat und dessen Grundordnung fördern.

    Und da ist eben klar fest zu halten, dass wir in Deutschland zwei religionsfeindliche und darunter sogar eine explizit atheistische Diktatur hatten, wogegen religiöse Demokraten in CDU, SPD, FDP und später auch bei den Grünen maßgeblich an Aufbau, Ausbau und Erhalt unserer freiheitlichen Grundordnung gewirkt haben. Es stimmt eben einfach nicht, dass heute eine Gefahr von religiösen Menschen oder Kirchen für die demokratische Grundordnung ausginge - oder dass die Kirchen und Religionen Privilegien außerhalb des (überwältigend bejahten) Grundgesetzes beanspruchten.

    Letztlich kenne ich auch keinen einzigen Fall, in dem eine funktionierende Demokratie mit Religionsfreiheit von Religiösen gestürzt wurde. Umgekehrt entwickelte sich aber nirgendwo ein erfolgreiches System, in dem die (positive wie negative) Religionsfreiheit abgelehnt wurde, ob mit religiöser oder atheistischer Begründung.

    Ich glaube daher einfach, dass weder religiöse noch atheistische Menschen auf überzogene Feindbilder zurück greifen brauchen, wenn sie miteinander diskutieren. Eine freiheitliche Gesellschaft verträgt beides und Diskussionen wie um die Buskampagne können, da stimmen wir überein, durchaus das Nachdenken befördern. Die Wirklichkeit sowohl religiöser wie agnostischer und atheistischer Menschen scheint mir viel spannender und differenzierter zu sein, auf allen Seiten scheint es "sotte und sotte" zu geben, so dass es jenseits der Pauschalurteile viel mehr gemeinsam zu entdecken gäbe.

  20. Michael Blume @ Ulrich: Zustimmung!
    31.05.2009 | 20:46

    Ja, erst der Verzicht auf Pauschalurteile erlaubt die eigentlich spannenden Fragen: Unter welchen Rahmenbedingungen entfalten Menschen welche Verhaltensweisen? Was bewirken Bildung, gewaltfreie Erziehung, Demokratie etc., wie wirken sich verschiedene Systeme (wie die strikte Staat-Kirchen-Trennung in den USA versus der Staat-Kirchen-Kooperationen in Deutschland und Skandinavien etc.) aus, wie wurde und wird Engagement für Entwicklungshilfe und Menschenrechte organisiert und begründet etc. pp.

    Mir ist in all den Jahren nicht eine einzige seriöse Studie untergekommen, die destruktives oder konstruktives Verhalten allein an der Frage des Glaubens hätte bemessen können. Menschen sind vielfältiger und ihr Verhalten verdient daher m.E. auch mindestens so respektvolle und differenzierte Erforschung wie das von Schimpansen. Vor-Urteile sind nicht nur un-wissenschaftlich, sie werden m.E. auch dem Leben selbst nicht gerecht.

szmtag