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Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Licht der Evolution!

von Michael Blume, 08. Juli 2009, 07:29

Sehr viele Menschen haben dieses starke Zitat sicher schon einmal gehört. Einige wissen auch, dass es von Theodosius Dobzhansky (1900 - 1975) stammt, einem der bedeutendsten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhunderts, der gemeinsam mit Ernst Mayr Genetik und klassische Evolutionstheorie zu einer neuen Synthese verband. Nur sehr wenige Menschen wissen aber auch, dass dieses Zitat auch der Titel eines Essays Dobzhanskys an Biologielehrer darstellt, in dem er betont, dass Evolution und Gottesglauben vereinbar seien - und seinen christlichen Glauben bekennt.

Theodosius Dobzhansky (1900 - 1975)


Scharf kritisierte Dobzhansky in diesem Text fundamentalistisch-kreationistische Gottesbilder, die letztlich darauf hinaus liefen, dass Gott als Schöpfer einen nicht funktionierenden oder gar täuschenden Evolutionsprozess erschaffen habe. Dies (also Kreationismus und heutiges "Intelligent Design") sei „blasphemisch“ - Gotteslästerung. Dagegen erklärte er: „Es ist falsch, Schöpfung und Evolution als sich ausschließende Alternativen zu betrachten. Ich bin ein Kreationist und ein Evolutionist. Die Evolution ist Gottes, oder der Natur Weg der Schöpfung. Die Schöpfung ist nicht ein Ereignis, das 4004 vor Christus geschah; sie ist ein Prozess, der vor 10 Milliarden Jahren begann und immer noch unterwegs ist.“

Heute nennt man diese Haltung, die vom Mitentdecker der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace über den deutschen Zoologen Gustav Jäger, den Jesuitenpater und Paläoanthropolgen Teilhard de Chardin bis zum Leiter des Humane Genome Project Francis Collins vertreten wird "evolutionären Theismus" - sie wird inzwischen in den USA auch schon von Theologen und Wanderpredigern wie Michael Dowd als eine Alternative zwischen Wissenschafts- und Religionsfeindlichkeit verkündet. Dankt Gott für die Evolution! - so der Aufruf.

Und es ist nicht nur Dobzhanskys kraftvolles (und m.E. zutreffendes) Zitat zur Biologie und dem Licht der Evolution, sondern auch sein Essay, die auch nach über einem Vierteljahrhundert angesichts wenig informierter Polemiken sowohl von religiöser wie atheistischer Seite noch ebenso frisch und leider notwendig erscheinen wie bei der Veröffentlichung 1973.

Viel Freude beim Schmökern!

* Theodosius Dobzhansky - "Nothing in Biology makes Sense except in the Light of Evolution", The American Biology Teacher, März 1973, S. 155 ff.

* Wikipedia zu Theodosius Dobzhansky.



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Kommentare

  1. Luchs kein Betreff
    08.07.2009 | 15:11

    Dagegen erklärte Dobzhansky: „Es ist falsch, Schöpfung und Evolution als sich ausschließende Alternativen zu betrachten. Ich bin ein Kreationist und ein Evolutionist. Die Evolution ist Gottes, oder der Natur Weg der Schöpfung. Die Schöpfung ist nicht ein Ereignis, das 4004 vor Christus geschah; sie ist ein Prozess, der vor 10 Milliarden Jahren begann und immer noch unterwegs ist.“

    Wie sind die Arten entstanden?
    1. Erklärung: Durch die Evolution.
    2. Erklärung: Durch die Evolution und durch Gott.

    Warum ist die Straße nass?
    1. Erklärung: Weil es gerade geregnet hat.
    2. Erklärung: Weil es gerade geregnet hat und die Druiden täglich dafür beten.

    Die Evolution erklärt uns hinreichend gut, wie die Arten entstanden sind. Einer zweiten Erklärung bedarf es zwar nicht, aber wenn die erste Erklärung schon hinreichend ist, kann eine zweite, gegebenenfalls falsche Erklärung, niemals schaden.

    Es bleiben die sumerisch-semitischen Schöpfungsmythologien, wie sie z.B. Teile der Bibel geworden sind. Viele der mythologischen Aussagen sind nun aber mit den Erkenntnissen der Evolution NICHT vereinbar. Es gibt z.B. länger flugunfähige Gliederfüßer auf der Landmasse der Erde, als flugfähige Gliederfüßer. Ebenso gibt es länger flugunfähige Chordatiere auf der Landmasse der Erde, als flugfähige Chordatiere. Nennenswertes Licht auf der Erde, gab es ganz bestimmt nicht, bevor die Sonne ihre Aktivität aufgenommen hatte, und höhere Pflanzen gab es auch ganz bestimmt nicht, bevor die Sonne ihre Aktivität aufgenommen hatte.

    mfg
    Luchs

  2. Michael Blume @ Luchs: Erklärung / Deutung
    08.07.2009 | 16:03

    Danke für die Kritik an Dobzhansky, dem schon lange mal jemand schreiben musste, dass er von Evolutionsforschung wohl keine Ahnung hat(te)... ;-)

    Ernsthaft: Ich teile Dobzhanskys Grundaussage, dass eine wissenschaftliche Erklärung von Phänomenen etwas völlig anderes ist als eine lebensweltliche Reduktion! (Das beliebte Spiel des Nothing-butism, der Nichts-Als-Alserei.)

    Die Evolution erklärt uns hinreichend gut, wie die Arten entstanden sind. Einer zweiten Erklärung bedarf es zwar nicht, aber wenn die erste Erklärung schon hinreichend ist, kann eine zweite, gegebenenfalls falsche Erklärung, niemals schaden.

    Sie kann sogar nützen.

    Eine wissenschaftliche Erklärung der Liebe:

    1. Emotionale Grundlagen der "Liebe" in Form neurologischer und hormoneller Dispositionen sind evolviert, um die Fortpflanzungs- und Kooperationsbereitschaft von biologischen Akteuren zu fördern.

    Wunderbare, wissenschaftliche Erklärung, wer braucht schon mehr? Eine Menge Menschen. Zum Beispiel sagen sie "mythologisch"

    2. Liebe gibt dem Leben einen höheren Sinn und manche meinen, sie gehe von Gott aus, der "Liebe ist".

    Wissenschaftlich im engeren Sinne ist 2. in keiner Weise und kein Bestandteil des Satzes ist für wissenschaftliche Hypothesenbildung notwendig oder geeignet. Aber dennoch ist Satz 2 häufig - und ggf. auch nützlich, vielleicht gar "wahr". Eine Menge Leute würden wahrscheinlich lieber mit einem Partner leben wollen, der auch etwas zu 2. sagen kann als nur zu sagen "Jeder, der es wagt, über 1. hinaus zu gehen, verstößt gegen die materialistische Dogmatik! Hör auf mit Deinem romantischen, unwissenschaftlichen Quatsch, das sind nur Deine Hormone!"

    Vgl. den Beitrag zur Gretchenfrage: http://www.chronologs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/gretchenfrage/2008-04-04/gretchenfrage-sind-religi-se-frauen-dumm

    Das Ganze geht auch mit unbelebten Dingen. Man kann m.E. doch wohl auch der Auffassung sein, dass Gemälde mehr sind als die Summe ihrer chemischen Verbindungen und Musikstücke mehr als eine Aneinanderreihung von Schallwellen. Auch wenn man dieses "mehr" in keiner Weise bräuchte, um sie physikalisch exakt zu beschreiben - Reduktion würde die Phänomene völlig verfehlen.

  3. Luchs kein Betreff
    08.07.2009 | 17:10

    Kommt noch was zu meiner zweiten Aussage?

    Bzgl. Deiner Erwiderung zu meiner ersten Aussage: Natürlich sind mehrere Erklärungen auf verschiedenen Abstraktionsebenen nützlich. Z.B.

    Warum geht die Sonne auf?
    1. Weil die Erde sich dreht.
    2. Weil die Erde sich dreht und einen Drehimpuls in der Frühzeit der Entstehung des Sonnensystems erhalten hat. Die Sonne steht in erster Näherung gegenüber der Eigenrotation der Erde still.
    3. Weil die Erde sich dreht und Gott jeden Tag die Sonne aufgehen lässt (mit Hilfe ...).

    Zwischen 2. und 3. besteht unbestreitbar ein erkenntnistheoretischer Unterschied.

    "Danke für die Kritik an Dobzhansky, dem schon lange mal jemand schreiben musste, dass er von Evolutionsforschung wohl keine Ahnung hat(te)... ;-)"

    Ich dachte, der wär schon lange tot. Wenn ich ihm geschrieben hätte, dann hätte ich auf seine erkenntnistheoretischen Defizite hingewiesen ;-)

    mfg
    Luchs

  4. Michael Blume @ Luchs: II.
    08.07.2009 | 17:35

    Kommt noch was zu meiner zweiten Aussage?

    Die wollte ich eigentlich höflich übergehen. Denn selbstverständlich liest Dobzhansky die Bibel nicht als naturwissenschaftliches, sondern eben als religiöses Buch, was er auch ausdrücklich so schreibt. Vielleicht ist es ja für manche Leute immer noch neu: Aber nicht jeder Christ (nicht einmal die meisten) lesen ihre Bibel fundamentalistisch (und schon Augustinus riet ausdrücklich davon ab!). Überraschend, nicht?

    Bzgl. Deiner Erwiderung zu meiner ersten Aussage: Natürlich sind mehrere Erklärungen auf verschiedenen Abstraktionsebenen nützlich. Z.B.

    ...

    Zwischen 2. und 3. besteht unbestreitbar ein erkenntnistheoretischer Unterschied.

    Ja - der eine ist empirisch-wissenschaftlich, der andere mythologisch-deutend. Und biologisch "funktional" können beide sein (vgl. Beispiel Liebe), auch schließen sie sich nicht aus, weil sie das gleiche Phänomen auf anderen Ebenen beschreiben.

    Wenn ich ihm geschrieben hätte, dann hätte ich auf seine erkenntnistheoretischen Defizite hingewiesen ;-)

    Und ich habe schon um Dein Selbstvertrauen gefürchtet! ;-)

    Ernsthaft: Da er nicht mehr lebt, verteidige ich ihn gerne. Dobzhansky hat m.E. Recht. Nicht er begeht meines Erachtens hier den Kategorienfehler. Manchen mag einfach nicht einleuchten, dass es oberhalb der reduktionistischen Beschreibung noch die Möglichkeit geben könnte, die gleichen Phänomene (unter voller Anerkennung der wissenschaftlichen Beschreibung!) "zusätzlich" auch poetisch, künstlerisch, religiös o.ä. zu beschreiben! Die Biologie der Liebe, Musik, Sprache, Religion löst die Erfahrungen und das Phänomen der Liebe, Musik, Sprache, Religion nicht auf, das Wissen um die Chemie von van Goghs Sonnenblumen oder die Physik von Beethovens Mondscheinsonate kann die Beschreibung auf künstlerischer bzw. musikalischer Ebene nur ergänzen, nicht ersetzen.

    Dass Du religiöse (künstlerische, poetische etc.) Aussagen immer wieder als wissenschaftliche Hypothesen zu behandeln versuchst, bestärkt vielleicht Deine Annahme über die Beschränktheit anderer Menschen (einschließlich Dobzhanskys) - ist aber m.E. doch eine erkenntnistheoretisch (und empirisch!!!) eher schwache Annahme.

    Da Du nachgefragt hast, gerne auch eine einfache Nachfrage von mir: Bekommen wir von Dir noch eine Antwort darauf, inwiefern sich Gemälde und Musikstücke auf ihre physikalisch-chemischen Bestandteile reduzieren lassen? Sind wir alle Spinner, die "mehr" darin sehen?

  5. theologe-der-vernunft Bibel im Licht der Evolution lesen
    08.07.2009 | 20:33

    Hallo Herr Dr. Blume,

    danke für die Hinweise auf Dobzhanskys Denken, das den buchstabenkreationistischen Fundamentalismus als Blaspehmie bezeichnet.

    Doch selbst in Ihrer kurzen Diskussion mit Luchs wir m. E. wieder deutlich, dass es nicht reicht, wie Dobzhansky die einfach die Evolution als schöpferisches Werk zu bezeichnen. Gleichwohl das sicher der richtige Weg ist.

    Ich denke, nicht nur die Biologie, sondern auch die Bibel ist im Licht der Evolution zu lesen. Um nicht nur die Trennung der Weltbilder zu überwinden, sondern im Wissen der Evolution einen universalen und offenbaren verant-wort-lich machenden Lebenssinn als gemeinsame schöpferische Bestimmung nachdenken zu können, was über altreligiösen Opferkult hinausgeht.

    Entegen Ihrer Argumentation, denke ich die Bibel durchaus fundamentalistisch lesen zu können. Nur gehe ich im evolutionären Weiterdenken des heute vorhandenen Wissens um die geistigen Grundlagen davon aus, dass ein gesetzten und zu beweisendes Gottesbild weder das Fundament des Alten, noch des NT war, sondern die Logik/Vernunft allen Werdens in der Antike als Wort verstanden wurde.

    Was nutzt es, wenn wir wie Dobzahansky oder Theilhard de Chardin die Evolution als Werk und Wille Gottes sehen, daneben aber weiter eine geheimnisvoll gesetzte Offenbarung stellen wollen?

    Wenn wir die wissenschaftliche Erklärung des logisch/kreativ-vernünftigen Werdens auf zeitgemäße Weise mit dem ewigen Wort gleichsetzen, das seit Eschnaton den anfänglichen sowie später prophetischen Monotheismus bestimmte und als Logos des griechischen Monismus wiederverstanden wurde, erübrigt sich dann nicht die gesamte Debatte um die Erklärung der Evolution, wie sie nicht nur von Luchs aufgeworfen wird, ebens wie die Deutung der biblischen Mythen?

  6. Michael Blume @ Vernunft: Was nützt wem?
    09.07.2009 | 06:50

    Lieber Herr Mentzel,

    danke für Ihren Beitrag. Erlauben Sie mir, in drei Punkten konkret nachzufragen?

    Was nutzt es, wenn wir wie Dobzhansky oder Theilhard de Chardin die Evolution als Werk und Wille Gottes sehen, daneben aber weiter eine geheimnisvoll gesetzte Offenbarung stellen wollen?

    1. Was nützt es, immer wieder den Anspruch zu erheben, alle Menschen rational sterilisieren und vereinheitlichen zu können? "Geheimnisvoll gesetzte Offenbarungen" bilden seit Jahrzehntausenden den Humus religiöser (und auch künstlerischer, musikalischer, poetischer etc.) Systeme, die Teil der kulturellen (Religionen) und biologischen (Religiosität) Evolution des Menschen geworden sind. Dagegen haben rationalisierte, monistische Theorien ohne übernatürliche Akteure bislang keine intergenerational lebensfähigen Gemeinden hervorgebracht. Oder kennen Sie eine? Eine einzige? Was nützt es, das einfach zu ignorieren und anzunehmen, unsere individuelle Vernunft sei stärker als das Leben selbst?

    Entgegen Ihrer Argumentation, denke ich die Bibel durchaus fundamentalistisch lesen zu können.

    2. Also wurde die Welt in genau 7 Tagen geschaffen und vor Adam und Eva gab es keinen Tod. Oder wie definieren Sie "fundamentalistisch"?

    Nur gehe ich im evolutionären Weiterdenken des heute vorhandenen Wissens um die geistigen Grundlagen davon aus, dass ein gesetzten und zu beweisendes Gottesbild weder das Fundament des Alten, noch des NT war, sondern die Logik/Vernunft allen Werdens in der Antike als Wort verstanden wurde.

    Wenn ich Sie Recht verstehe, würden Sie Gott also nicht als personales Gegenüber, sondern analog Robert Wright ("The Evolution of God") als eine Art evolutionären "Logos"-Algorithmus auffassen?

  7. Luchs kein Betreff
    09.07.2009 | 12:20

    Lieber Michael,

    Du schreibst: „Da Du nachgefragt hast, gerne auch eine einfache Nachfrage von mir: Bekommen wir von Dir noch eine Antwort darauf, inwiefern sich Gemälde und Musikstücke auf ihre physikalisch-chemischen Bestandteile reduzieren lassen? Sind wir alle Spinner, die "mehr" darin sehen? ... zuvor: Das Ganze geht auch mit unbelebten Dingen. Man kann m.E. doch wohl auch der Auffassung sein, dass Gemälde mehr sind als die Summe ihrer chemischen Verbindungen und Musikstücke mehr als eine Aneinanderreihung von Schallwellen. Auch wenn man dieses "mehr" in keiner Weise bräuchte, um sie physikalisch exakt zu beschreiben - Reduktion würde die Phänomene völlig verfehlen.“

    Wir müssen hier Erklärungstiefe und Erklärungsbreite voneinander unterscheiden. Ein Beispiel zur Erklärungstiefe. Frage: Warum ist die Straße nass? Erklärung: Weil es gerade geregnet hat. Frage: Warum regnet es manchmal? Erklärung: Rotation der Erde, Abkühlung der Nachtseite, Erhitzung der Sonnenseite, Partialdruck des Wassers in Abhängigkeit von der Temperatur u.s.w. Die Erklärung, weil der liebe Gott es manchmal regnen lässt, bringt keinen Erkenntnisgewinn, sondern täuscht diesen allenfalls vor, wobei ich durchaus eingestehe, dass eine Täuschung im Licht der Evolution durchaus sinnvoll sein kann. Aber aus der nassen Straße einen Bezug zum Stammesgott der Israeliten herzustellen, halte ich für unwissenschaftlich bis absurd.

    Wie lässt sich ein Gemälde oder ein Musikstück „erklären“? Wir suchen also nach einer Erklärung was ein Gemälde/Musikstück ist und wie sich seine Wirkung auf Menschen erklären lässt. Unser Vorhaben wird sicherlich eine außerordentliche Erklärungsbreite und –tiefe benötigen. Zunächst müssen wir uns mit Information, (Un)Ordnung und mit Harmonie beschäftigen. Zu beiden Themen haben Physik und Psychologie Erklärungen anzubieten. Eine Erklärung der Theologie ist mir dagegen unbekannt. Zur Wechselwirkung von Kunst und Mensch hat die Psychologie Erklärungen anzubieten, wobei sie sich völlig zu Recht bemüht, in der Erklärungstiefe möglichst lange auf Biochemische Argumente zurückzugreifen. Je größer die Erklärungstiefe geht, das gestehe ich Dir gerne zu, lieber Michael, umso dringlicher wird eine transzendente Erklärung.

    Die Entstehung des Lebens und der Arten benötigt aber keine transzendente Erklärung und keinen Rückgriff auf den sogenannten „Lieben Gott“. Oder können Sie sich einen Physiker vorstellen, der davon ausgeht, dass der liebe Gott den Planeten immer mal wieder ein Schübserchen mittels der Himmelmechanik gibt, damit diese auf gekrümmten Bahnen laufen können und nicht zusammen stoßen? Der Begriff „Gott“ sollte, wenn überhaupt, auf einer ganz anderen Abstraktionsebene eingeführt werden.

    mfg
    Luchs

  8. Luchs kein Betreff
    09.07.2009 | 12:37

    Luchs: „Es bleiben die sumerisch-semitischen Schöpfungsmythologien, wie sie z.B. Teile der Bibel geworden sind. Viele der mythologischen Aussagen sind nun aber mit den Erkenntnissen der Evolution NICHT vereinbar. Es gibt z.B. länger flugunfähige Gliederfüßer auf der Landmasse der Erde, als flugfähige Gliederfüßer. Ebenso gibt es länger flugunfähige Chordatiere auf der Landmasse der Erde, als flugfähige Chordatiere. Nennenswertes Licht auf der Erde, gab es ganz bestimmt nicht, bevor die Sonne ihre Aktivität aufgenommen hatte, und höhere Pflanzen gab es auch ganz bestimmt nicht, bevor die Sonne ihre Aktivität aufgenommen hatte.“
    Michael: „Denn selbstverständlich liest Dobzhansky die Bibel nicht als naturwissenschaftliches, sondern eben als religiöses Buch, was er auch ausdrücklich so schreibt. Vielleicht ist es ja für manche Leute immer noch neu: Aber nicht jeder Christ (nicht einmal die meisten) lesen ihre Bibel fundamentalistisch (und schon Augustinus riet ausdrücklich davon ab!). Überraschend, nicht?“

    Lenke bitte nicht vom Thema ab. Es geht um die Reihenfolge bzw. eine zeitliche Ordnung. Wenn die Religion einen Anspruch auf Wahrheit erhebt, dann muss die Reihenfolge des Auftretens der Naturphänomene in der naturwissenschaftlichen und der religiösen Beschreibung übereinstimmen. Da dies nicht der Fall ist, kann die religiöse Beschreibung überhaupt keinen Wahrheitsanspruch erheben – keinen naturwissenschaftlichen Wahrheitsanspruch, keinen ingenieurwissenschaftlichen, keinen mythologischen und keinen religiösen Wahrheitsanspruch. Religion ist in demselben Maße wahr, wie ein Windstoß eine Masse hat.

    mfg
    Luchs

  9. Michael Blume @ Luchs: Danke!
    09.07.2009 | 15:16

    Lieber Luchs,

    es geht voran!

    Du hast im Bezug auf Musik und Kunst schon mal anerkannt:

    Zunächst müssen wir uns mit Information, (Un)Ordnung und mit Harmonie beschäftigen. Zu beiden Themen haben Physik und Psychologie Erklärungen anzubieten. Eine Erklärung der Theologie ist mir dagegen unbekannt. Zur Wechselwirkung von Kunst und Mensch hat die Psychologie Erklärungen anzubieten, wobei sie sich völlig zu Recht bemüht, in der Erklärungstiefe möglichst lange auf Biochemische Argumente zurückzugreifen. Je größer die Erklärungstiefe geht, das gestehe ich Dir gerne zu, lieber Michael, umso dringlicher wird eine transzendente Erklärung.

    Genau. Und ein Hinweis: Ich bin kein Theologe, sondern Religionswissenschaftler. Und wir erforschen Religion(en) eben ganz genau so wie Musik- oder Sprachwissenschaftler Musik oder Sprache. Und natürlich interessieren uns die basalen Grundlagen - aber aus Physik, Chemie und Genetik alleine lassen sich Jazz oder Französisch nicht ableiten. Auch dann nicht, wenn wir sie als völlig innerweltliche Phänomene erforschen! Sie haben ihre je einzigartige Geschichte, benötigen eine nicht-reduzierbare "Erklärungsbreite" und sind verschiedensten Deutungen zugänglich.

    Ich würde mir einfach wünschen, dass man Religiosität und Religionen mit der gleichen Seriosität diskutiert wie Musikalität und Musiken. Selbst wenn wir keine "transzendenten Erklärungen" für die basale Beschreibung von Phänomenen brauchen, heißt das noch nicht, das wir solche Deutungen anderen absprechen können.

    Mit Ludwig Wittgenstein ausgedrückt: "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist."

    Und auf dieser Basis können auch Naturwissenschaftler wie Theodosius Dobzhansky selbstverständlich theistisch (gottgläubig) sein, "ohne" empirische Wissenschaft und Religion zu verwechseln!

  10. Michael Blume @ Luchs: Rückfall? :-)
    09.07.2009 | 15:25

    Lieber Luchs,

    nun hast Du wieder einen Schritt rückwärts gemacht:

    Wenn die Religion einen Anspruch auf Wahrheit erhebt, dann muss die Reihenfolge des Auftretens der Naturphänomene in der naturwissenschaftlichen und der religiösen Beschreibung übereinstimmen. Da dies nicht der Fall ist, kann die religiöse Beschreibung überhaupt keinen Wahrheitsanspruch erheben – keinen naturwissenschaftlichen Wahrheitsanspruch, keinen ingenieurwissenschaftlichen, keinen mythologischen und keinen religiösen Wahrheitsanspruch. Religion ist in demselben Maße wahr, wie ein Windstoß eine Masse hat.

    Wieder ziehst Du religiöse (mythologische!) Aussagen auf die Ebenen naturwissenschaftlicher Hypothesen! Und warum nur die Bibel? Dobzhansky schreibt in seinem Essay (den Du gelesen hast?) z.B. ausdrücklich auch vom Koran. Wie kommst Du darauf, er würde einen Sieben-Tage-Kreationismus vertreten? Es gibt Tausende Schöpfungsmythologien auf diesem Planeten - und die wenigsten wurden jeweils mit dem Anspruch formuliert, "naturwissenschaftlich" zu sein!

    Um Dein Lieblingsbeispiel (Warum war die Straße nass?) anzusprechen. Wenn jemand darauf antwortet: "Die Straße war nass, damit ich im Wasser das Glitzern der Sterne erblicken konnte, als ich traurig nach Hause ging. Da erkannte ich, wie schön das Universum auch sein kann, wenn der Blick gedrückt ist. Ich atmete auf und dankte Gott dafür. Deswegen war die Straße nass." so ist das KEINE naturwissenschaftliche Hypothese, sondern eine poetisch-religiöse Aussage! Und ob tatsächlich "deswegen" die Straße nass war, wird der Dichter vielleicht nie, in diesem oder in einem nächsten Leben erfahren - es sprengt den Rahmen von Physik und Chemie. Wie auch schon jedes Gemälde, jedes Musikstück, jede Sprache - und natürlich jede Religion.

  11. theologie-der-vernunft "schöpferische" statt inivid. Vernunft
    09.07.2009 | 17:09

    Hallo Herr Dr. Blume,

    1. Weder erhebe ich einen Anspruch, noch ist Sterilisation oder Vereinheitlichung Ziel meiner Überlegungen. Sie wollen nur Anstöße geben, die bilbischen Gründergestalten und damit auch die Grundlage des Glaubens in Auswertung des heute vorhandenen Wissens mit aufgeklärten Augen zu hinterfragen.

    Ist es nach dem was wir wissen noch haltbar, die als hochtheologisch/-philosophisch nachgewiesenen Texte des Anfangs, die in jeder Zeile bzw. Darstellung eine Bedeutungsaussage verpacken, als Mythenmix von einem groooßen Geheimnis zu lesen, wie wir heute den Glauben betrachten bzw. den Gottesbegriff hin und her wenden?

    "Wer einen Hammer in der Hand hat, für den ist alles ein Nagel!":

    Die Religiösen sagen dann, dass an diesem Nagel das Heil der Welt hängt, heutige Religionswissenschaftler rechnen... und Aufklärungs-Atheisten schlagen drauf und versenken.

    Doch wenn wir auswerten, was wir wissen, was uns Gott in der Evolution/Schöpfung gegeben hat, können wir dann weiter das antike Denken auf einen Nagel bzw. Guru reduzieren, der als göttliches Wunder gesehen bzw. verherrlicht worden sei und dem daher alte Geheimisse, Mythen... angedichtet wurden?

    Selbst der Papst, auch wenn er als Führer der Kirche dies derzeit noch nur dogmatisch belegen kann, weist die "schöpferische Vernunft" als biblisches und damit als das geschichtlich wirksame Wesen nach, weist auf den Logos, die philosophisch-monistisch erfasste Vernunft hin.

    Es ist sicher richtig, dass monistisch Theorien, Ideenlehren... wirkungslos sind für die kulturelle Gemeinschaft. Das scheint mir auch der Grund, warum die vom jüdischen Monotheismus begeisterten griechischen Glaubensaufkläer nicht weiter in stoischer Form die Vernunft selbst vergotteten, sondern darin den philophisch erfassten wahren Gottessohn (irdische Vermittlung schöpferischen Willens)sahen, ihm eine kultgerechte Gestalt gaben, die Geschichte machte, wirksam war.

    Die individuelle, nur vom Menschen ausgehende Vernunft, scheint mir ohne den "schöpferischen" Bezug zu kurz zu greifen. Genau das bewegt mich. Nur zu wissen, was vernünftig, ökologisch oder ökonomisch nachhaltig bzw. zukunftsoptimierenden und damit evolutionstauglich wäre, wie es täglich in der Zeitung steht, reicht nicht. Das hat die Zeit gezeigt, ist in der heutigen Entwicklung deutlich zu beobachten.

    Doch warum soll eine aufgekärte, alte Grenzen überschreitende Wahrnehmung "schöpfericher Offenbarung" und damit auch "schöpferischen Willens" genau dort, wo uns heute auf universale Weise die Welt erklärt wird, wir darüber nachdenken, was auch sozial für die Weltgemeinschaft und damit unsere Kinder nachhaltig wäre, eine sterile Vereinheitlichung sein?

    2. Fundamentalismus: was ist das wahre Fundament?

    Wer wie ich davon ausgeht, dass am Anfang im Wort/Verstand, d.h. eine echte Offen-barung in Vernunft/in Weltrealität erkannter schöpferischer Weisheit war, für den ist das Fundament der Bibel kein geheimnisvoll in 7 Tagen oder sonst wundervoll wirkender Zambano, als der nach wie vor der Gottesbegriff (Erklärung für Unerklärlichkeiten, Übernatürlichkeiten) gebraucht wird.

    Für den lässt sich auch nur in heutiger Welterkärung über Schöpfung und Offenbarung nachdenken. Genau wie dies Dobzhansky tut. Wie er sich als echter "Kreationist" bezeichnet, so gehe ich davon aus, dass die Bibel in aufgeklärter Weise, anknüfend an die allegorische Lesweise des Anfangs in ganz neuer Weise "fundament-alistisch" verstanden werden kann: Ein Fundamentim Licht er Evolution.

    3. Vernunft/evolutionärer Logos kein Gottesersatz:

    Wie bereits versucht zum Ausdruck zu bringen, nimmt der Sohn nicht die Rolle des Vaters/Vätergottes ein, offenbart das Wort nur den Wille des selbst unsagbaren Sprechers.

    Die Frage nach dem Wesen des Logos, um die wie ich denke, auch am Anfang des Christentums heftig gestritten wurde, lässt sich heute nur im Licht des vernünftigen Denkens lösen, nicht mehr dogmatisch.

    In kreativer Weiterentwicklung des kulturellen Geschehens kann der Logos nicht die Rolle des bekannten Gottes einehmen, bedarf es einer eigenen Person (Rolle, Aufgabe), die auch weiterhin persönlich angesprochen werden muss. Das kollektive, wie das individuelle Bewusstsein ist auf bekannte Bilder angewiesen, die in vollem Bewusstsein ihrer Bedeutung weitergeführt werden.

    Was spricht dagegen, so in aufgeklärter Weise die Wirk-lichkeit des altbekannten Gottes in der realen Welt wahrzunehmen? In evolutionsbiologischer Weltbeschreibung eine schöpferische Bestimmung zu verstehen, damit den universalen schöpferischen Willen in dem wahrzunehmen, was heute als Zukunftstauglich bzw. weltvernünftig zu erkennen ist?

    Mir ist bewusst, dass bisherige Glaubensvorstellungen dagegen sprechen. Auch der Brief an den Papst nach der Veranstaltung zum Thema Evolution mit Ihnen im Vorjahr, in dem ich den Vertreter der schöpferischen Vernunft aufforderte, diese bzw. den historischen Jesus dort zu suchen, wo uns die Wissenschaft die Welt erklärt, musste ins Leere gehen.

    Doch warum sollten Denker, wie Dobžhansky und seine Verehrer, die in alten Glaubensvorstellungen nicht gefangen sind, nicht den Anstoß zu einem Hören des schöpferischen Wortes im natürlichen Werden der Welt geben können?

    Gerhard Mentzel

  12. Theo Ebenen vermischt? / Grenzüberschreitung
    09.07.2009 | 21:11

    Da Menschen geborene Dualisten sind (Pascal Boyer: Et l'homme crea les dieux) fühle ich mich als (vorläufiger und fast verzweifelt de Chardin/Dowd/Mystikern glauben wollender) Atheist auf der Seite der Minderheitler, der 'Weltlicheren' und auch auf der Seite der naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftstheorie. Also auf der Seite von Luchs.

    Ich finde, dass unterm Strich - zunächst einmal gefühlsmäßig (Vorsicht: Truthiness) - besonders die christlich-triumphalistische Position als die freche, die Grenzen überschreitende. Auch psychologisch gesehen ist Spiritualität von Natur aus eine Grenzüberschreitung. Man denke an den Mystiker, der die Welt in einem Sandkorn sieht. Das könnte man als die "maximale Ausdehnung" eines Einzelmenschen bezeichnen. Die totale Eingemeindung sozusagen (psychologisch sozusagen die totale Projektion - schlecht für die Partnerschaft und die Ehe;-) ). Da finde ich Humor, ja auch beißenden Spott, durchaus natürlich und manchmal sogar notwendig. (Das gehört eigentlich in den Thread zum Spott der Atheisten...) Wahrscheinlich gehört es aber andererseits zur erfolgreichen Evolution der Religion dazu, Grenzen zu überschreiten, alles aufzusaugen (mythengeschichtlich und auch sonst)... so wie es möglicherweise seit Jahrtausenden zu den Areligiöseren gehört, nicht nur mitzulaufen, sondern auch mal laut zu lachen. (Wie messbar tolerant sind die Religiöseren eigentlich dafür?)

    Meine Hauptdenkkrücke im Dickicht der Wahrheiten ist momentan die Kohärenz der (auch rein persönlichen) Beobachtungen: Was ist 'wirklicher' - Traum oder Wachzustand? - Der Wachzustand, da er die kohärentere und daher plausiblere Geschichte liefert.

    Ganz unten unterm letzten Strich finde ich, dass alle recht haben, einschließlich aller Extreme. Es gehört alles zum Menschlichen dazu. - Vielleicht ist diese Jing-Jang-Sicht eine Basis dafür, über den moralischen Intuitionen (und häufig geht es auch bei religiösen und spirituellen Dingen ja auch darum) zu stehen und sich darüber klarer zu werden, was der Mensch sei.

  13. Michael Blume @ Theo: Danke! :-)
    09.07.2009 | 22:05

    Lieber Theo,

    danke für den Beitrag inkl. Einführungssatz, der m.E. die Debatte schön auf den Punkt bringt:

    Da Menschen geborene Dualisten sind (Pascal Boyer: Et l'homme crea les dieux) fühle ich mich als (vorläufiger und fast verzweifelt de Chardin/Dowd/Mystikern glauben wollender) Atheist auf der Seite der Minderheitler, der 'Weltlicheren' und auch auf der Seite der naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftstheorie. Also auf der Seite von Luchs.

    Wir sprechen hier plötzlich von "Gefühlen", von "Seiten" - und dann von der "naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftstheorie". Und genau das halte ich für so problematisch bzw. manchmal auch frustrierend.

    Wahrscheinlich würde kein ernsthafter Mensch Sprachen, Dichtung, Malerei oder Musik einfach mit Physik oder Chemie weg-erklären wollen. Bei der Religion aber fühlen (!) sich sehr viele auf Seiten (!) der Naturwissenschaft (!) wenn sie genau das tun - dabei völlig die Ebenen verwechselnd.

    Dagegen würde ich mir wünschen, dass Religiosität und Religionen einfach mit der gleichen Ernsthaftigkeit erforscht und diskutiert werden wie die anderen, o.g. Phänomene des Menschseins auch: Sie sind nun einmal da, beobachtbar da, von der schlichten Bäuerin im Allgau bis zum Nobelpreisträger. Das zu verstehen sollte doch das gemeinsame Interesse sein!

    Gott wird man durch Naturwissenschaft ohnehin weder beweisen noch widerlegen können - warum also immer wieder diese Reduktionismen, wie sie keiner gegen Sprachen, Musiken oder Kunstwerke vorbringen würde?

    Dobzhansky habe ich vorgestellt, weil er sehr schön aufzeigt, dass 100% naturwissenschaftliche Erklärungen und religiöse Deutungen auch bei den Besten der Wissenschaft nebeneinander existieren können. Aber anstatt dieses interessante Phänomen an sich (es geht auch für Top-Wissenschaftler) zu erkunden und zu erörtern, ging es plötzlich darum, ob Dobzhansky überhaupt wisse, wovon er schrieb. Das scheint mir in der Tat mehr mit Gefühlen und emotionaler Parteiung (für oder gegen Religion) zu tun zu haben als mit dem Versuch, beobachtbare Phänomene wissenschaftlich zu verstehen. Und das finde ich schade.

  14. Theo @Michael Blume / Gefühle
    10.07.2009 | 08:59

    Ich stimme fast völlig zu. Bevor ich aber sachlicher werden kann, muss ich mir möglichst genau klar werden, dass ich auch in wissenschaftlicheren Denk-Anwandlungen Gefühlen und moralischen Intuitionen unterliege. (Moral hat viel mit Gefühl zu tun, mit der eigenen Familiengeschichte wohl auch...). In diesem Zusammenhang ist es, wichtig, auch in den Mokassins anderer gehen zu können. Das Blöde dabei ist nur, dass die Erlebnisse des jeweils anderen (besonders bei religiösen/spirituellen Erlebnissen) nicht so leicht nachvollzogen werden können. (Liegt also die 'Toleranz-Last' immer bei den religiös Begabten? Hmmh.) Oder geht es lediglich um den Grad des Ausschlags in eine Richtung?

    Es bleibt aber dabei: Wichtig ist es, wie mir scheint, genau über seine eigenen moralischen Intuitionen Bescheid zu wissen. Dazu hilft z. B. Jonathan Haidt (http://www.youtube.com/watch?v=vs41JrnGaxc ; http://people.virginia.edu/~jdh6n/). Für beide Seiten. Von wegen moral high ground. - Wie high sind beide Seiten eigentlich. - Wie high bin ich? (Wie Ähnlich sehe ich dem 'Wahrheitsfanatiker' Dawkins ...?)

  15. Luchs reden wir aneinander vorbei?
    10.07.2009 | 12:36

    Lieber Michael,

    entweder reden wir immer noch gründlich aneinander vorbei, oder Du willst mich provozieren. Du schreibst z.B.:
    „Wie kommst Du darauf, Dobzhansky würde einen Sieben-Tage-Kreationismus vertreten?“

    Wie kommst Du auf den Gedanken, ich würde ihm dies unterstellen? Also noch einmal. Der Aussage „Dieser Apfel ist schwer“ lässt sich nur sehr bedingt ein Wahrheitswert zuordnen. Ebenso lässt sich der Aussage „Und Gott schuf große Walfische“, nur sehr bedingt ein Wahrheitswert zuordnen. Anders ist es bei folgenden Aussagen. Der Aussage „Der Apfel A ist schwerer als Apfel B“ lässt sich problemlos ein Wahrheitswert zuordnen, der zumeist mit Hilfe der Naturwissenschaft ermittelt werden kann. Ebenso könnte der Aussage „Der Apfel A schmeckt besser als Apfel B“ ein Wahrheitswert zugeordnet werden, der sich auch in vielen Fällen mit Hilfe der Naturwissenschaft eindeutig ermitteln lässt. Nun sagen die sumerisch-semitischen Schöpfungsmythologien z.B., „Die ersten Vögel wurden am 5. Tag erschaffen, die ersten Landtiere am 6. Tag“. Dies ist eine Aussage - wenn auch eine religiöse oder mythologische Aussage - der problemlos mit Hilfe der Naturwissenschaft ein Wahrheitswert zugeordnet werden kann, und dieser Wert ist FALSCH!

    Du schreibst: „Es gibt Tausende Schöpfungsmythologien auf diesem Planeten - und die wenigsten wurden jeweils mit dem Anspruch formuliert, "naturwissenschaftlich" zu sein!“

    Alle Schöpfungsmythologien wurden meines Erachtens von den Naturphilosophen des jeweiligen Kulturraumes mit einem Wahrheitsanspruch formuliert – das war sozusagen frühe Naturwissenschaft. Die moderne Naturwissenschaft ist lediglich ein Werkzeug, um den Wahrheitsgehalt zu bestimmen. Was die biblische Schöpfungsmythologie betrifft, so lässt die Formulierung „da ward aus Abend und Morgen der ... Tag“ darauf schließen, dass hier ganz genau irdische Tage gemeint sind und nichts anderes. Die biblische Schöpfungsmythologie wurde Jahrtausende lang als wahr betrachtet. Erst seit einigen Jahrzehnten bis Jahrhunderten versuchen die Gläubigen die Aussagen so zu interpretieren, dass sie keinen Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Aussagen bilden. Dieser Versuch gleicht einem Schachspieler, der einen Zug vor dem Schachmatt seinem Gegner ein Armdrücken anbietet, um die Partie doch noch irgendwie remis zu halten.

    Du schreibst: „Um Dein Lieblingsbeispiel (Warum war die Straße nass?) anzusprechen. Wenn jemand darauf antwortet: "Die Straße war nass, damit ich im Wasser das Glitzern der Sterne erblicken konnte, als ich traurig nach Hause ging. Da erkannte ich, wie schön das Universum auch sein kann, wenn der Blick gedrückt ist. Ich atmete auf und dankte Gott dafür. Deswegen war die Straße nass." so ist das KEINE naturwissenschaftliche Hypothese, sondern eine poetisch-religiöse Aussage! Und ob tatsächlich "deswegen" die Straße nass war, wird der Dichter vielleicht nie, in diesem oder in einem nächsten Leben erfahren - es sprengt den Rahmen von Physik und Chemie. Wie auch schon jedes Gemälde, jedes Musikstück, jede Sprache - und natürlich jede Religion.“

    Ich hatte schon geschrieben, dass gerade die Physik sehr sehr viele Aussagen zu Kunst, bzw. Information, (Un)Ordnung und Harmonie machen kann. Auch die Auswirkungen eines Kunstwerks auf den Menschen, lässt sich bis in eine erhebliche Erklärungstiefe rein naturwissenschaftlich beschreiben. Die Psychologie kann heutzutage gut erklären, wie Religionen entstehen, wie sie sich entwickeln und warum ein Mensch, einmal in einem bestimmten Religionssystem erzogen, sich lieber das Gehirn verrenkt, als die Falschheit des Religionssystems zu akzeptieren.

    mfg
    Luchs

  16. Michael Blume @ Theo: Ja :-)
    10.07.2009 | 12:41

    Lieber Theo,

    ja, so sehe ich das auch. Wahrscheinlich ist es einfach für die meisten Menschen schwieriger, bei der Diskussion von Religion(en) die fachliche Analyse vor die eigenen Erfahrungen und Emotionen zu stellen. In der Religionswissenschaft ist das Teil des Studienweges - hier wird Thema für Thema und Seminar für Seminar genau diese Unterscheidung eingeübt, zumal dabei Leute mit völlig unterschiedlichen, persönlichen Haltungen zusammen arbeiten. Wer da fanatisch nur seine jeweilige (religiöse, atheistische o.ä.) "Wahrheit" gelten lassen will, kommt nicht weit(er).

    Es ist aber wahrscheinlich richtig, dass man das in allgemeinen Diskussionen über Religion nicht einfach erwarten kann. Manche schaffen, andere wollen es vielleicht auch gar nicht.

  17. Michael Blume @ Luchs: Wahrheitsbegriff?
    10.07.2009 | 19:02

    Lieber Luchs,

    danke für Deine Darlegungen. Ich will Dir ja auch Deine Weltanschauung nicht nehmen, die ja auch für Dich irgendwie ein geschlossenes System zu ergeben scheint. Ich bitte Dich nur, doch zur Kenntnis zu nehmen, dass es (gelinde gesagt) auch andere Auffassungen gibt - gerade auch unter Wissenschaftlern.

    Sehr schön und zutreffend finde ich z.B. den Satz:

    Alle Schöpfungsmythologien wurden meines Erachtens von den Naturphilosophen des jeweiligen Kulturraumes mit einem Wahrheitsanspruch formuliert – das war sozusagen frühe Naturwissenschaft. Die moderne Naturwissenschaft ist lediglich ein Werkzeug, um den Wahrheitsgehalt zu bestimmen.

    Genau das ist m.E. der Punkt, an dem wir vielleicht weiter kommen. Denn natürlich waren in diesen frühen Gesellschaften die Sphären empirischer Wissenschaft, Religion, Politik, Literatur, Dichtung, Musik etc. noch nicht voneinander getrennt. In einem ganzheitlichen Sinn galten deswegen überlieferte Texte als "wahr".

    Erst später differenzierten sich die Bereiche und heute können wir unterscheiden, ob ein Text naturwissenschaftlicher, politischer, religiöser, poetischer etc. Art ist. Natürlich sind Bezüge untereinander möglich, aber wenn z.B. der Bundespräsident über die Geltung der Menschenwürde spricht, so würdest Du (hoffe ich) doch auch nicht empört verkünden: "Menschenwürde und Menschenrechte existieren gar nicht, weil wir sie physikalisch nicht nachweisen können. Für Menschenwürde und Menschenrechte einzutreten ist falsch!"

    Ich nehme an (bzw. hoffe), Du würdest erkennen, dass es hier um eine politische, keine naturwissenschaftliche Aussage geht.

    Ebenso können wir überlieferte Texte in ihrem jeweiligen Kontext sehen - und eine Schöpfungsgeschichte nordamerikanischer Indianer eben als Mythos, Poesie etc. erkennen, erforschen, wie sie das damalige Leben bestimmte (z.B. ein bestimmtes Weltbild prägte) usw. Wer aber einen Blick auf die Überlieferung wirft, meine, sie widerspreche der Physik und sei damit uninteressant, hat von menschlicher Natur und Kultur null verstanden. Gerade z.B. Religionspsychologen, -historiker und Religionssoziologen erforschen diese Phänomene.

    Die naturwissenschaftliche (auch psychologische, soziologische etc.) Erforschung der Religion ist Thema dieses Blogs, Du findest z.B. hier auch Artikel dazu :
    http://www.chronologs.de/...eist.de/artikel/982255

    und, wenn Du magst, ein Sachbuch von Rüdiger Vaas (Biologe, Philosoph) und mir:
    http://www.chronologs.de/...shop.de/artikel/969531

    Wichtig ist dabei nur: Sowenig die naturwissenschaftliche Erforschung von Musikalität und Musiken, Sprachfähigkeit und Sprachen, Kunstfertigkeit und Kunst etwas über die "Wahrheit oder Falschheit" von Musik, Sprache oder Kunst aussagt, so wenig lässt sich über Naturwissenschaft Gottes Existenz beweisen oder widerlegen.

    Darf ich Dich fragen - ? Gibt es Menschenwürde und Menschenrechte? Physikalisch und chemisch sind sie nicht nachweisbar. Sie haben "nur" politische Realität auf der Basis philosophischer und religiöser Herleitungen. Ich hoffe jedoch, dass Du sie deswegen nicht für "falsch" hälst und abschaffen möchtest, sondern als menschliche Lebensäußerung gelten lässt, vielleicht sogar bejahst. Also erkennst, dass materialistischer Reduktionismus weder erkenntnistheoretisch noch pragmatisch haltbar ist.

    Herzliche Grüße!

  18. 10.07.2009 | 19:05

    Soeben erfahre ich, dass US-Präsident Barack Obama den hier als "evolutionären Theisten" erwähnten Francis Collins zum Leiter des NIH ernannt hat:
    http://online.wsj.com/...9.html?mod=googlenews_wsj

  19. Luchs kein Betreff
    10.07.2009 | 19:31

    Lieber Michael,

    Du schreibst: „ Natürlich sind Bezüge untereinander möglich, aber wenn z.B. der Bundespräsident über die Geltung der Menschenwürde spricht, so würdest Du (hoffe ich) doch auch nicht empört verkünden: "Menschenwürde und Menschenrechte existieren gar nicht, weil wir sie physikalisch nicht nachweisen können. Für Menschenwürde und Menschenrechte einzutreten ist falsch!"

    Äh, ich trete für die Menschenrechte aus genau diesem Grund ein, weil sie logisch und sogar naturwissenschaftlich herleitbar sind. Der Mensch ist gemäß seiner Biologie ein soziales Wesen. In sozialen Gemeinschaften muss es Regeln des Zusammenlebens geben, um Konflikte möglichst erst gar nicht aufkommen zu lassen oder im Sinne der Lebensqualität (u.a. der Produktion von Nachkommen) schnell schnell lösen zu können.

    „Ich nehme an (bzw. hoffe), Du würdest erkennen, dass es hier um eine politische, keine naturwissenschaftliche Aussage geht.“

    Ich würde es schlicht als logische Aussage bezeichnen. M.E. hat diese Aussage sehr viel mit Naturwissenschaft zu tun (natürlich auch mit Politik). Nicht umsonst spricht man in der Jurisprudenz von Naturrecht oder überpositivem Recht.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Naturrecht

    „Ebenso können wir überlieferte Texte in ihrem jeweiligen Kontext sehen - und eine Schöpfungsgeschichte nordamerikanischer Indianer eben als Mythos, Poesie etc. erkennen, erforschen, wie sie das damalige Leben bestimmte (z.B. ein bestimmtes Weltbild prägte) usw.“

    Einverstanden.

    „Wer aber einen Blick auf die Überlieferung wirft, meine, sie widerspreche der Physik und sei damit uninteressant,“

    Nicht alles was der Physik widerspricht ist uninteressant, aber jede Aussage, die der Physik wirklich (!) widerspricht, ist falsch. Manchmal widerspricht eine Aussage nur scheinbar der Physik, bzw. heute bekannten und anerkannten Gesetzen der Physik.

    „ ... hat von menschlicher Natur und Kultur null verstanden.“

    Stimmt, ein Trugschluss s.o.

    „Gerade z.B. Religionspsychologen, -historiker und Religionssoziologen erforschen diese Phänomene. Die naturwissenschaftliche (auch psychologische, soziologische etc.) Erforschung der Religion ist Thema dieses Blogs, Du findest z.B. hier auch Artikel dazu :
    http://www.chronologs.de/...eist.de/artikel/982255
    und, wenn Du magst, ein Sachbuch von Rüdiger Vaas (Biologe, Philosoph) und mir:
    http://www.chronologs.de/...shop.de/artikel/969531
    Wichtig ist dabei nur: Sowenig die naturwissenschaftliche Erforschung von Musikalität und Musiken, Sprachfähigkeit und Sprachen, Kunstfertigkeit und Kunst etwas über die "Wahrheit oder Falschheit" von Musik, Sprache oder Kunst aussagt, so wenig lässt sich über Naturwissenschaft Gottes Existenz beweisen oder widerlegen.“

    Ich denke schon, dass gerade die Naturwissenschaften sehr viel über Musik, bildende Kunst und Sprache aussagen können. Zur Sprache zwei relativ neue Links
    http://www.wissenschaft.de/...aft/news/305158.html
    http://www.wissenschaft.de/...aft/news/305065.html

    Was wäre z.B. die Harmonielehre der Musik ohne Wellenlehre und Bruchrechnen? Nehmen wir einmal die Gemälde von Hieronymus Bosch (1450-1516) und Leonardo da Vinci (1452-1519). Zeitgenossen und beides großartige Künstler. Aber die Zentralperspektive wurde von Bosch allenfalls intuitiv erfasst. Er hat sich darum bemüht; trotzdem enthalten seine Bilder mitunter perspektivische Fehler. Dagegen hat sich da Vinci um einen naturwissenschaftlichen Ansatz der Zentralperspektive bemüht. Seine Bilder enthalten diese Fehler nicht.

    „Darf ich Dich fragen - ? Gibt es Menschenwürde und Menschenrechte? Physikalisch und chemisch sind sie nicht nachweisbar. Sie haben "nur" politische Realität auf der Basis philosophischer und religiöser Herleitungen. Ich hoffe jedoch, dass Du sie deswegen nicht für "falsch" hältst und abschaffen möchtest, sondern als menschliche Lebensäußerung gelten lässt, vielleicht sogar bejahst. Also erkennst, dass materialistischer Reduktionismus weder erkenntnistheoretisch noch pragmatisch haltbar ist.“

    S.o. Es geht nicht um materialistischen Reduktionismus, sondern um logischen Reduktionismus. Ein Verbot z.B. mit menschl. Chimären zu experimentieren, sollte logisch und nicht religiös begründet werden. Einen Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Religion bestreite ich. Wie ließe sich sonst erklären, dass heutzutage in den frommsten Staaten, z.B. Iran, USA und Nordkorea, die Menschenrechte die geringste Gültigkeit haben?

    mfg
    Luchs

  20. Theo Verwechslungen
    10.07.2009 | 19:34

    @Michael Blume
    Die wissenschafttheoretischen Überlegungenn stimmen. Nur sind die Adressaten die falschen. Der Verwechslung der Ebenen sind in den meisten Fällen die Religiöseren schuldig. Das gilt vor allem für die US-Kreationisten, aber m. E. auch für Kardinal Schönborn, den Papst usw. Die wahren Verhinderer der Erforschung von Religion sitzen ebenfalls in jenem 'Lager'. Im neuen Atheismus sehe ich eine politische Antwort auf eine politische Herausforderung. Keine erkenntnistheoretische...

szmtag