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Braucht Wissenschaft Zuspitzung und Provokation? Ein Dawkins-Kritik-Clip

von Michael Blume, 29. Mai 2010, 18:00

Die Religionswissenschaft ist ein auch menschlich angenehmes Fach - auch wegen der überschaubaren "Szene" und der Kultur gegenseitigen Respektes. Schon weil sich in jedem Seminar Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichsten Religionen und Weltanschauungen tummeln, ist allen ernsthaft Beteiligten bald klar, dass sie wissenschaftlich gesehen keinen besseren Zugang zu höheren Wahrheiten haben. Die gemeinsame Arbeitsgrundlage ist der methodologische Agnostizismus und was Atheisten, Agnostiker und Theisten verbindet, ist die gemeinsame Neugier. Kooperation statt Konfrontation, sozusagen. Und so rümpfte ich seinerzeit über die massive Religionskritik des Zoologen Richard Dawkins die Nase und fand seine Polemiken, nun ja, unwissenschaftlich.

Allerdings musste (und muss) ich zugeben, dass er gerade durch seine Zuspitzungen viel in Bewegung gesetzt hat. Wenn er sich auch um die empirische Fundierung seiner Hypothesen zur Evolution von Religiosität und Religionen wenig scherte und seine "Memetik" mangels Definitionen und Überprüfbarkeit weitgehend gescheitert sind - Richard Dawkins schuf lebendige und anregende Metaphern. Und er machte Unzähligen Beine: Da seine (An-)Fragen viele und gerade auch junge Menschen bewegten, begannen wieder mehr Theologen, Pfarrer, Religionslehrer, Kirchengemeinden und kirchliche Akademien, sich mit Naturwissenschaft und Evolutionsforschung intensiver zu befassen. Und umgekehrt warfen er (und, weniger polemisch, David Sloan Wilson) gerade aus der Perspektive der Biologie Fragen auf, die zu einem Aufschwung der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen führten. Braucht Wissenschaft also (manchmal? immer wieder?) Zuspitzungen und Provokationen? Oder reicht Infotainment, wie es (m.E. sehr hochwertig!) zum Beispiel die Biologen der Universität Tübingen mit "Darwin rocks!", einem Videoclip über die Bedeutung der Reproduktion in der Evolution, vorgemacht haben?

Diese Frage stellte sich mir wieder, als ich dieser Tage auf ein neues YouTube-Video stieß, das den sich zunehmend herum sprechenden, (durchschnittlichen) Reproduktionsvorteil religiöser Menschen mit einigen Aussagen von Richard Dawkins kontrastierte.

Der inhaltlichen Frage hatten sich Rüdiger Vaas und ich in "Gott, Gene und Gehirn" bereits gewidmet und dort u.a. diskutiert, ob die Mem-Metapher im Bezug auf Religionen statt als Parasit auch als Symbiont verwendet werden könnte (eine Hypothese, die es seit den 90er Jahren gibt). Ich kann aber nicht behaupten, dass diese Fragen außerhalb hochspezialisierter Zirkel bislang viele Menschen bewegt hätte. Der Clip des Machers, nach eigener Auskunft "Ex-Atheist", erreichte dagegen innerhalb von nur zwei Tagen mehrere Hundert Klicks und löste gleich eine engagierte Debatte aus. Kommt auch hier mancher über Empörung ins Nachdenken?

Für thematisch Interessierte: Eine Datensammlung zu Religion(en) & Demografie finden Sie hier. 

Und für Freunde kluger Cartoons eine gelungene Karrikatur zum Thema "Wahrheit" im "Fischblog" von Lars Fischer!

Hinweis 01.06.2010: Nach massiven Beschimpfungen hat der Macher inzwischen sein Video offline genommen. Was lernen wir daraus? Auch Atheisten geraten ganz schnell außer sich, wenn ihre "religiösen Gefühle" verletzt werden. Zuspitzungen und Provokationen finden wir Menschen meist nur so lange lustig und tolerabel, so lange sie sich gegen die Überzeugungen anderer richten...





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Kommentare

  1. Mona Gedankenspiel
    29.05.2010 | 20:28

    „Der inhaltlichen Frage hatten sich Rüdiger Vaas und ich in "Gott, Gene und Gehirn" bereits gewidmet und dort u.a. diskutiert, ob die Mem-Metapher im Bezug auf Religionen statt als Parasit auch als Symbiont verwendet werden könnte….“

    Wie wäre es mit einem ganzheitlichen Ansatz? :-) Zen-Meister Sosan sagt:
    „Eins ist Alles
    Alles ist Eins.“

    Könnte doch so sein, wie der „Nebelspalter“, ein Schweizer Satiremagazin, schreibt:
    „Religionen gehören zu den ältesten und kompliziertesten "Mem-Komplexen" überhaupt. Sie haben sich über Jahrhunderte entwickelt, verändert, angereichert. Und klar – überlebt haben nur jene, die sich erfolgreich gegen andere behauptet haben, und dazu gehören, wie in der Welt der Gene, teils aggressive Strategien der Weiterverbreitung. Sämtliche Weltreligionen sind Mem-Komplexe, die sich über Jahrhunderte bewährt haben und sich, wie ein erfolgreicher Organismus, auch immer wieder an neue Umgebungsbedingungen angepasst haben. Wobei Anpassung nicht ganz präzise ist: Es setzten sich von den Mutationen, die innerhalb des Mem-Komplexes entstehen, jene durch, die den neusten Umständen am besten gerecht werden. Was sich wann, wo und wie stark verändern kann, folgt aber bei Genen wie Memen gewissen Regeln. Uns wachsen auch nicht plötzlich Räder, nur weil wir geteerte Strassen haben. Entsprechend hat auch die Wandlungsfähigkeit von Religionen Grenzen.“

    Zitat aus: „Wir stecken mitten in einem Darwin-Gedenkjahr.“: http://www.nebelspalter.ch/index.php?id=718

  2. Michael Blume @ Mona: Ja! :-)
    29.05.2010 | 20:36

    Schöner Textfund! Und genau das gefiel mir an der "Memetik" trotz ihres empirischen Scheiterns so - sie löste Gedanken, Assoziationen etc. aus. Dawkins selbst hatte sich leider darauf festgelegt, "religiöse Meme" wirkten parasitär. Das kritisiert der o.g. Clip, der wahrscheinlich sehr viel schneller viel mehr Leute erreicht und bewegt, als allerhand gelehrt-abgewogene Abhandlungen.

  3. H.Aichele Au weia - so doch lieber nicht
    30.05.2010 | 13:40

    Au, ich möchte gegenüber Hubert Petz eher vorsichtig sein: Als erstes störte mich die Überschrift "Atheismus (in 100 Sekunden) zerstört"?! Er hat doch nur ein Problem, nicht des Atheismus sondern der Atheisten aufgezeigt. Bzw. ein Problem dessen, dass Dawkins in seinem Zuspitzungswahn den "Memplex" des Glaubens als parasitär zu bezeichnen müssen meinte.
    Dann störte mich auch, dass das, was Dawkins (listig in einem veralteten Fernseher gezeigt) sagte, mit dem nachher zu Recht aufgespießten Problem so viel nichts zu tun hatte.
    Schließlich las ich (weil ich leider schriftliches English präziser verstehe als mündliches) sein "description bar" - hat er die Ausdrücke "hypocrisy" und "unsustainable" nötig?! Sonst scheint er da in dem "description bar" relativ zurückhaltend, außer der Versicherung, es sei nur das, was die Wissenschaft sagt - sind dazu die den Gegner verächtlich machenden Ausdrücken nötig?! Schlimmer als in description bar wird's in seinen Diskussionsbeiträgen. Da macht er doch merkwürdige Schlenker: Auf der drittletzten Seite (heute S.5) :"I don't see any overpopulation in the world. This is a myth of a UN power-hungry thugs." ????! Und "Atheism cannot sustain, because Atheists are infertileÿ (!!!) basically." Und warum er den Satz "It's quiteÿ possible that we have another dark age of ignorance coming" nur zum Lachen findet? Bei Tom Rees las ich die bange Frage, ob vielleicht wirklich die Fundamentalisten den Wettlauf gewinnen.
    Mir als Theologen schwillt eine Zornesader, wenn ich in seiner Erwiderung auf den Satz eines andern "No one is immune to reason and evidence." (eine Seite vorher, heute S. 4) nur lese: "Hahaha! Ever Dawkins himself claims that you cannot prove that God doesn't exist! What's more, you can indirectly prove that God exists (eg. st.ÿ Thomas arguments)." Da reicht's mir. Das unterbietet noch das Niveau von Dawkins.
    Mir kommt es vor als ob ein Fundi auch mal an das Buch von Eric Kaufmann geraten wäre und daraus ein ganz trübes Süppchen kocht. (Vielleicht vergleichbar mit einem Mumel im "fischblog" - das war ähnlich blamabel UND vertrieb mich von dort schnell wieder). Das schadet auch Kaufmanns Ansehen bzw. immunisiert kritischere Diskussionsteilnehmer gegen Kaufmann und das, was Du und Rüdiger Vaas... zu sagen haben.

    Au weia, das war jetzt etwas hart. Ich hab jetz fast einen Tag immer wieder dran rumgemacht und schreibe es jetzt trotzdem oder gerade deshalb so. Und in meinem blog bin ich morgen auch wieder präsent: Kick it... Eine kleine Diskussion (mit Sascha Bohnenkamp) wurde komischerweise nicht in "letzte Kommentare" (in den Grundseiten von ChronoLogs) richtig angezeigt.

    Doch einen schönen Sonntag noch.
    Und gute Wünsche!
    Hermann

  4. Balanus Wissenschaft braucht
    30.05.2010 | 13:43

    keine Zuspitzung und Provokation.

    Das war mein erster Gedanke. Dann dachte ich, gut, hin und wieder können Zuspitzung und Provokation helfen, die öffentliche Wahrnehmung wissenschaftlicher Befunde zu befördern.

    Doch dann überwogen doch die Bedenken, dass Zuspitzungen und Provokationen eher schaden als nützen und nicht dazu beitragen, das Ansehen der Wissenschaften zu fördern. Eine seriöse Wissenschaft, die ernst genommen werden will und darauf angewiesen ist, dass sie glaubwürdig erscheint, sollte darauf verzichten, Ergebnisse aufzubauschen, spekulativ aufzuladen oder sonst wie zu verfälschen, um öffentlichkeitswirksame Zuspitzungen oder Provokationen zu erzeugen.

    Dawkins hat ja nicht seine eigene wissenschaftliche Arbeit zugespitzt, sondern aufbauend auf bekannte Fakten prägnant und provokativ weitergedacht (egoistisches Gen, Meme). Ob das die Wissenschaft als solche befördert hat, wage ich zu bezweifeln. Dennoch ist es gut, dass es Leute wie Dawkins gibt, die wissenschaftliche Erkenntnisse so gekonnt einem breiteren Publikum vermitteln können und zugleich wichtige evolutionstheoretische Beiträge liefern können.

    Das hier gezeigte Video von "HubertPaetz" hat mit Wissenschaft ja nun eher weniger zu tun. So, wie ja auch die Rede vom "(durchschnittlichen) Reproduktionsvorteil religiöser Menschen" keine wissenschaftliche Aussage ist, sondern eine wertende Interpretation einer formalen statistischen Korrelation (Kinderzahl vs. Kirchenbesuch). Eine Formulierung wie "Reproduktionsvorteil" kann leicht als provokativ empfunden werden, weil sie deutlich über den nackten wissenschaftlichen Befund hinausgeht, der da schlicht lautet: Wer häufiger in die Kirche geht, hat oft auch mehr Kinder. Im Blog und in den Kommentaren sind derartige Zuspitzungen und Provokationen natürlich das Salz in der Suppe ;-)

  5. Michael Blume @ Hermann Aichele
    30.05.2010 | 14:01

    Mich freut es ja auch sehr, dass akademische Theologen gerne so ausgewogen diskutieren, ihre weltanschaulichen Gegenüber achten und ungern zuspitzen. Ich frage mich nur, ob das ein Grund dafür ist, dass sie so wenig gehört werden? Und dass dagegen Dawkins z.B. Millionen seines "Gotteswahns" verkaufte und den Eindruck erweckte (der auch viele Fachleute ärgert), dass er für "die Evolutionsforschung" spreche?

    Anders gefragt: Hätte es die Reformation wohl gegeben, wenn Luther und andere nicht sehr deftig, provokant und zuspitzend formuliert hätten?

  6. Michael Blume @ Balanus
    30.05.2010 | 14:08

    Danke für Ihr Hin-und-Her. Da kann ich mich gut reinfühlen.

    Es ist ja ganz offensichtlich so, dass wir Menschen dazu tendieren, Zuspitzungen und Provokationen toll zu finden, solange sie unseren eigenen Annahmen entsprechen. Aber jammern und schimpfen, wenn sie gegen diese gerichtet sind. Womöglich ist es aber nötig, dass wir lernen, uns auch strittigen Fakten zu stellen. Auch und gerade weil es - wie Sie ja auch formulieren - hart sein mag, unliebsame Befunde zu akzeptieren.

  7. Tobias Meme und video
    30.05.2010 | 16:05

    Hallo Michael,
    ich hab nun schon in vielen Beiträgen von dir gelesen, dass die Mem-Idee falsch sei. Kannst du das bei Gelegenheit mal etwas näher erläutern? Die allgemeine Beschreibung klingt nun mal recht einleuchtend. Daher würde mich interessieren, ob diese Hypothese direkt widerlegt ist, oder ob es einfach bisher nicht gelungen ist, sie robust nachzuweisen.

    Ich denke nicht, dass die Wissenschaft auf Provokation angewiesen ist. Provokation dient dazu, Interesse zu wecken und Wissenschaftler sind an ihren Themen ja schon genug interessiert.
    Natürlich ist Provokation das Mittel der Wahl, wenn man sein Thema in die Öffentlichkeit tragen will, da jeder viel eher bereit ist mit zu diskutieren, wenn er sich angegriffen fühlt. So interessant und lehrreich wie solche Diskussionen für den Einzelnen auch sein mögen, bezweifel ich jedoch, dass sie der Wissenschaft selbst viel nützen. Wissenschaftliche Ergebnisse sollten schließlich daran bewertet werden, ob sie Daten schlüssig beschreiben und vorhersagen können, und nicht ob die breite Mehrheit die Ergebnisse mag.

    Was das youtube Video angeht: Provozierend ist es sicherlich, aber das einzige Wissenschaftliche daran ist wohl die Statistik selbst :)
    Nicht dass ich die Zahlen anzweifeln würde - die höhere Geburtenrate für religöse Menschen hast du ja auch schon mehrfach belegt - aber der gezogenen Schluss ist nicht valide. Dawkins behauptet ja nicht, dass Religion ein Parasit sei, der ausschließlich der religösen Bevölkerung schadet. In diesem Fall wäre die Behauptung tatsächlich durch die Geburtenstatistik widerlegt. Sondern er meint (nicht nett aber sehr provozierend ;) ), dass Religion den gläubigen Menschen zum Parasiten an der Bevölkerung macht. Diese Behauptung jedoch, steht sogar in Einklang mit der Statistik, auch wenn ich arg bezweifel, dass das der Grund dafür ist.
    Insofern, ist das Video sogar ein Eigentor, falls man dieser Parasiteninterpretation folgen möchte.

    Viele Grüße,
    Tobias

  8. Michael Blume @ Tobias
    30.05.2010 | 16:33

    Danke für die Nachfrage!

    Nun, die Mem-Hypothese hat Dawkins ja bereits 1976 formuliert und seitdem wird sie diskutiert. Allerdings ist seitdem nie eine arbeitsfähige Definition, Beobachtung oder Studie zur Existenz von "Memen" gelungen, ein Journal zur Memetik musste sogar wieder eingestellt werden, da über Jahre hinweg keine einzige empirische Studie veröffentlicht werden konnte. Mehr zum Thema gerne hier:
    http://www.chronologs.de/...mein-held-der-metapher

    Zur Mem-Theorie: Nein, Dawkins behauptet nicht, dass religiöse Menschen Parasiten wären. Vielmehr könnten sich "Meme" parasitär gegen den Fortpflanzungserfolg ihrer "Träger" wenden - hierbei benennt er explizit religiöse Überlieferungen. Und das o.g. Video weist darauf hin, dass dies nicht zu den Daten passt: Verbindlich religiöse Menschen weisen schließlich überdurchschnittlich hohe Geburtenraten auf.

    Zur Frage der Provokation: Ja, gerade auch in der Religionswissenschaft haben wir so etwas eigentlich nie gebraucht. Aber ich sehe doch, dass es sich viele Menschen in ihren je religiösen oder religionskritischen Weltanschauungen behaglich eingerichtet haben und für sie je unliebsame, wissenschaftliche Befunde lieber gar nicht wahrnehmen. Dawkins hat diesen "Burgfrieden" seit einigen Jahren aufgestört, nun antworten ihm andere. Mir gefällt der verkürzende Stil (auf beiden Seiten) nicht, aber ich muss doch zugeben, dass das offenbar Leute zum auch wissenschaftlichen Nachdenken und -lesen bringt. Siehe Deine eigenen Überlegungen und Nachfragen!

  9. Martin Holzherr Das Gen hat recht, weil es überlebt
    30.05.2010 | 18:14

    Der Clip desavouiert die Aussagen Dawkins, indem er die zugrundeliegende Geisteshaltung als zum Aussterben verdammt darstellt.

    Religiosität ist also im Recht, weil sie sich fortpflanzt (der Überlebende versetzt sich ins Recht).
    Genau so ist es: Religionen schaffen zuerst einmal eine Gruppenidentität zu der Expansivität gehört. Die Anhänger mehren sich, widerstehen Angriffen und verbreiten ihre Gene und Meme. Wenn es sein muss - und es muss scheinbar oft sein - auch mit Eroberung und Krieg.

    Das egoistische Gen leitet das Verhalten seines Trägers. Es lässt ihn glauben, er liebe, wenn das Gen doch nur nach Fortpflanzung strebt. Es lässt seinen Träger glauben, er sei bedroht, während er in Wirklichkeit andere bedroht und eliminiert, damit das Gen sich weiter ausbreitet.

  10. Stefan Taube Welche Provokation?
    30.05.2010 | 18:54

    Mir ist nicht ganz klar, worin die Zuspitzung und Provokaton bestehen soll. Richard Dawkins ist ein eloquenter, freundlicher Mann, der sich in Diskussionen mit religösen aller Art durch eine erstaunliche Geduld auszeichnet. Ich habe eher den Eindruck, dass religiöse Menschen sehr sehr schnell beleidigt reagieren, weil sie genau wissen, dass ihr Glauben keinem echten kritisches Nachfragen stand hält, sondern auf Wunschträumen und überkommenen Weltbildern beruht. Dann wird schnell die "Das-darf-man-aber-so-nicht-sagen-Keule" und der "Haben- Sie-keinen-Respekt-vor-Tradition oder religöses Gefühle-Knüppel?" ausgepackt und der Atheist ist der Bumann. Deswegen nerven religiöse Menschen so sehr: Um so schneller und lauter sie heulen, desto mehr zeigen sie, in was für einem Lügengebäude sie sich im Leben verstrickt haben.

    Das Video an sich muss man nicht kommentieren, das ist einfach nur dämlich.

  11. Balanus Meme und Gene
    30.05.2010 | 19:23

    @Tobias

    Nach meiner Einschätzung krankt die Mem-Theorie vor allem daran, dass eine geistige Informationseinheit, das Mem, ähnlichen Evolutionsmechanismen unterworfen sein soll wie materielle, lebende Systeme. Es war also weniger eine Frage der mangelnden Mem-Definition (die Definition eines Gens ist auch nicht so klar), als vielmehr die prinzipielle Schwierigkeit, substanzlose Einheiten evolvieren zu lassen. So ist uns also eine Theorie der Gen-Mem-Koevolution erspart geblieben. Reste davon sind allerdings noch bei manchen Gen-Kultur-Koevolutionstheoretikern zu finden.

    @Michael Blume

    » Mir gefällt der verkürzende Stil (auf beiden Seiten) nicht, aber ich muss doch zugeben, dass das offenbar Leute zum auch wissenschaftlichen Nachdenken und -lesen bringt. «

    Also, was mich betrifft, so kann gerne darauf verzichten, auf diese Weise zum Nachdenken angeregt zu werden. Ich kann da Herrn Aichele ob seiner Leidensfähigkeit nur bewundern… Ich habe mir eine längere Beschäftigung mit diesem Video-Clip tunlichst verkniffen, schon aus Gründen der Psychohygiene.

    » Nein, Dawkins behauptet nicht, dass religiöse Menschen Parasiten wären. Vielmehr könnten sich "Meme" parasitär gegen den Fortpflanzungserfolg ihrer "Träger" wenden - hierbei benennt er explizit religiöse Überlieferungen. «

    Danke für diese ergänzende Erläuterung. Davon wusste ich bislang nicht—ist wohl auch nicht so wichtig. Aber da ich nun mal davon weiß: Wo und in welchem Zusammenhang hat Dawkins das formuliert? Vielleicht ging es da ja nur um zölibatär lebende Geistliche, Mönche und Nonnen.

  12. Michael Blume @ Stefan Taube
    30.05.2010 | 20:27

    Richard Dawkins ist ein eloquenter, freundlicher Mann, der sich in Diskussionen mit religösen aller Art durch eine erstaunliche Geduld auszeichnet.

    Ja, (auch) deswegen halte ich auch viel von ihm und habe ihn in o.g. Post ausdrücklich gelobt. Gleichwohl betont er natürlich selbst, dass er ein "Gegner der Religion" sei, spricht von "Gotteswahn" und "Geisteskrankheit". Er spitzt also bewusst zu und provoziert Debatten.

    Ich habe eher den Eindruck, dass religiöse Menschen sehr sehr schnell beleidigt reagieren, weil sie genau wissen, dass ihr Glauben keinem echten kritisches Nachfragen stand hält, sondern auf Wunschträumen und überkommenen Weltbildern beruht.

    Nun, und ich habe den "Eindruck", dass auch sehr viele Religionskritiker allzu schnell glauben, über andere Menschen, deren Glaubenshaltungen und Weltanschauungen richten zu können. Woher wissen Sie denn so genau, dass (alle?) religiösen Lehren nur auf "Wunschträumen und überkommenen Weltbildern" beruhen? Und wenn es nur das wäre - wie konnte dann Religiosität in der Evolution des Menschen entstehen? Wie sich heute so erfolgreich erhalten?

    Sie sehen: Wir sind beim Ausgangspunkt. Sie können sich entscheiden, ob Sie einfach weiter verachten oder sich auf die wissenschaftliche Reflektion einlassen. Wobei ich noch erwähnen darf, dass auch unter dem erwähnten YouTube-Clip Religionskritiker Gift und Galle versprühen - also offenbar ebenso in der Lage sind, beleidigt zu reagieren, wie das auch religiöse Menschen sind...

    Dann wird schnell die "Das-darf-man-aber-so-nicht-sagen-Keule" und der "Haben- Sie-keinen-Respekt-vor-Tradition oder religöses Gefühle-Knüppel?" ausgepackt und der Atheist ist der Bumann.

    Hmmm - hat das hier irgendjemand gemacht? Hier geht es doch eher darum, ob umgekehrt z.B. religiöse Menschen provokant zuspitzen dürfen, dass auch die Weltanschauungen von Atheisten und Religionskritikern Widersprüche enthalten und sie sich im Übrigen bislang nirgendwo auf der Welt dauerhaft erfolgreich fortpflanzen. Sie mögen religiöse Menschen ja für dumme Auslaufmodelle haben - aber womöglich sieht das im Evolutionsprozess ja ganz anders aus... Religiöse geben ihre Gene eigentlich ganz gut weiter... ;-)

    Deswegen nerven religiöse Menschen so sehr: Um so schneller und lauter sie heulen, desto mehr zeigen sie, in was für einem Lügengebäude sie sich im Leben verstrickt haben.

    Seltsam: Einen solchen Satz, wie Sie ihn gerade pauschal über religiöse Menschen geschrieben haben, würde ich über nichtreligiöse Menschen so pauschal nie schreiben. Könnte es also ggf. sein, dass auch atheistische und religionskritische Menschen gegenüber Glaubenden ganz schön ausfallend, intolerant und arrogant sein können - und umgekehrt Theisten nicht?

    Das Video an sich muss man nicht kommentieren, das ist einfach nur dämlich.

    1. Was haben Sie denn jetzt auch noch gegen Damen?

    2. Wenn das Video keinen Kommentar wert ist, warum hat es dann bei Ihnen einen solchen, emotionalen Kommentar ausgelöst? Das meine ich nicht spöttisch, sondern ganz ernshaft: Es ist doch deutlich zu sehen, dass Sie sich erregt haben. Wären Sie gläubig, würde man wohl annehmen, es seien religiöse Gefühle verletzt worden. Nun, auch bei Ihnen hat sich offenkundig emotional spontan etwas getan - Ihr Kommentar zeigt genau die gleiche Mischung aus Empörung, Lust an der Herabsetzung Andersdenkender, Gegenangriff, die Sie bei den "nervigen", "schnell beleidigten" religiösen Menschen beobachtet haben...

    Und genau DAS finde ich a) menschlich völlig verständlich und b) hoch interessant.

  13. Tobias Parasiten
    31.05.2010 | 08:38

    " Nein, Dawkins behauptet nicht, dass religiöse Menschen Parasiten wären. "

    Ja Michael, da hast du recht. Das hatte ich eindeutig falsch in Erinnerung. Daher hab ich nochmal nachgeschlagen (http://cscs.umich.edu/.../viruses-of-the-mind.html) und festgestellt, dass (zumindest damals, 1991) Dawkins die Ausbreitung von Religion als Analogie zur Ausbreitung von Computerviren beschrieben hat. Daher ist es doch sehr fragwuerdig, den gesamten Atheismus damit erschlagen zu wollen, dass die Bevoelkerungsstatistik nicht zur biologischen(!) Definition eines Parasiten passt. Das hat Dawkins ja auch nicht vorausgesetzt.

    Damit kommt man wieder zum Hauptthema: ist es sinnvoll, wenn Provokation zum Beispiel dadurch entsteht, dass (mehr oder minder) wissenschaftliche Thesen (erst durch den Autor des Videos, dann durch mich) falsch wiedergegeben werden?

    @Stefan Taube:
    "Das Video an sich muss man nicht kommentieren, das ist einfach nur dämlich."
    Normalerweise wuerde ich hier zustimmen, wenn ich das Video einfach nur auf youtube gesehen haette. Allerdings ist es ja nun durch einen Eintrag in einem Wissenschaftsblog quasi verlinkt (ja, nicht direkt, aber mit genug Infos um es zu finden). Damit wird ihm eine serioese Plattform gegeben und spaetestens dann muss man sich leider auch damit auseinandersetzen.

    @Balanus und Michael: Danke fuer die Info. Wieso ist es denn so unwahrscheinlich, dass substanzlose Einheiten evolvieren koennen. Informatiker arbeiten schliesslich mit ihren Programmen genau an so etwas. Sicher kann man biologische Evolution nicht eins zu eins auf kulturelle uebertragen. Aber wenn man auffaellige Analogien beobachtet, sollten man doch ueberpruefen koennen, ob die zugrunde liegenden Mechanismen auch analog funktionieren.
    Wenn das natuerlich nach 30 Jahren Forschung nicht gelungen ist, ist die Aehnlichkeit wohl doch nur zufaellig, da geb ich Michael recht.

    Viele Gruesse,
    Tobias

  14. Balanus Geist in der Maschine /@Tobias
    31.05.2010 | 10:05

    » Wieso ist es denn so unwahrscheinlich, dass substanzlose Einheiten evolvieren koennen. Informatiker arbeiten schliesslich mit ihren Programmen genau an so etwas. «

    Erfolgreich?

    Ich gebe zu, auch ich habe manchmal den Eindruck, in meinem PC wohne Geist. Aber mir wird immer versichert, dass der Computer nur Programme abarbeitet, Zeile für Zeile.

    Wenn es keine materiellen Strukturen gibt, was genau soll sich im Zuge der Evolution dann ändern?

  15. H.Aichele Provozieren? / Dawkins feine Polemik
    31.05.2010 | 13:12

    Fühle ich mich als Theologe jetzt ein bisschen provoziert – weil ich mehr provozieren sollte? Sebastian Castellio, der genau schaut, wer wann was gesagt hat und das dann auftischt – der ist mir immer noch Vorbild. Luther ein bisschen weniger, eher Melanchthon und der schwäbische (!) Brenz. Ohne solche Leute hätte auch Luther manches nicht gekonnt.
    Ob Theologen heute mehr provozieren sollen? Wer im Glashaus sitzt…? Es gibt so Negativ-Beispiele.
    Der Hubert Paetz (jetzt schreibe ich ihn wohl richtig) ist für mich ein Negativbeispiel. Hoffentlich kein Theologe, aber sieht doch ganz nach fundamentalistischem Christen aus. Und ich schaute eben, was er da schrieb. Manches wirkt auf mich fatal. Gott bewahre mich vor solchen Freunden. Ich benannte ja nicht nur polemische Ausdrücke sondern auch einzeln schiefe, falsche Aussagen – schrecklich zB die Rede von Überbevölkerung nur als Märchen machthungriger Leute (thugs=Halbstarke/Verbecher?) abzutun. (Oder habe ich da was falsch verstanden? Was die UN dabei soll? Da verstand ich das Englische nicht.) Und theologisch eben unerträglich, den Gottesbeweis von Thomas von Aquin gegen die Zurückhaltung von Dawkins auszuspielen.
    Ich halte Paetz für insgesamt niveaulos. Da haben doch Taube und Tobias an ihn Recht.
    Also zuspitzen kann man schon etwas, aber es muss auch Substanz dahinter stecken. Sonst hat man einen Strohhalm oder eine morsche Stange zugespitzt. Auf dem Niveau habe ich schon manche youtube-Filmchen gesehen. Und wenn er ein anerkannt wissenschaftliches Buch als Grundlage nimmt – die Art von Zitation kenne ich aus einer bestimmten Ecke zur Genüge. Was heißt Ecke? In überfüllten Stadthallen wird oft von fundamentalistischen Christen Schindluder getrieben mit flott servierten angeblichen Ergebnissen von angeblich berühmten aber leider nur von Gläubigen anerkannten Wissenschaftlern. Oder wie in gewissen missionarischen Blättchen angebliche oder tatsächliche Zitate anerkannter Wissenschaftler, Politiker, Philosophen… verwendet werden.
    Du merkst vielleicht, warum ich da in Rage komme.
    Nun, die Nerven von Dawkins möchte ich haben, seine Eloquenz, Freundlichkeit und seine erstaunliche Geduld (mit der Beschreibung hat natürlich Stefan Taube recht). Die fand ich denn doch auch in den Rüdiger Sünner am 14. Mai im andern Thread Evolution-Gottes Tod…? (http://www.chronologs.de/...es-weg/page/1#comments)
    empfohlenen Filmchen. Inhalte oft nicht bis ins Letzte verstanden, my English ;-); aber der Stil – OK. Ist wohl die feine englische Art eines Professors in Oxford. Das schließt aber nicht aus, dass auch ich einige seiner Polemiken für unerträglich halte. Genauer gesagt stören mich seine Pauschalverdammungen: „Religion ist…irrational, fortschrittsfeindlich… “ Oder etwa „Ich bin gegen Religion, weil sie uns lehrt, damit zufrieden zu sein, die Welt nicht zu verstehen.“ Heißt doch, dass jeder ohne Ausnahme, der irgend etwas positiv mit Religion am Hut hat, ein Brett vor dem Kopf haben muss. Das ist eine Unterstellung, die mich doch zu Recht empören darf. Und das ist zunächst nicht Verletzung religiöser Gefühle; sondern ist eine Kollektiv-Beschimpfung einer Gruppe, zu der ich gehöre. Wie wenn jemand sagen würde: „Du Priester – du Kindsschänder“ oder „Du Kommunist – du Gesinnungs-Terrorist“.
    Und dann natürlich, wie er die ganze Gottes-Frage, die eine ganze Philosophie-Geschichte in Bewegung gebracht und in Atem gehalten hat, auf seine Art abzutun versucht: durch die Parallelisierung mit der Existenz von Feen und Märchengestalten oder durch die Zahlenspielerei, Null Gott sei nur einer weniger als Ein Gott. Auf dem Niveau haben sich Anselm, Descartes, Kant nicht bewegt. Aber das ist das Niveau von Dawkins.
    Also doch ein bisschen provoziert. Aber das soll mal für heute genügen ;-)
    Ich wünsche weiterhin ein fröhliches Provozieren.
    Hermann

  16. Stefan Taube @H.Aichele
    31.05.2010 | 15:36

    Lieber Herr Aichele, da provoziere ich doch gerne gleich weiter ;-)

    Wenn Sie schreiben: "Und dann natürlich, wie er die ganze Gottes-Frage, die eine ganze Philosophie-Geschichte in Bewegung gebracht und in Atem gehalten hat, auf seine Art abzutun versucht: durch die Parallelisierung mit der Existenz von Feen und Märchengestalten oder durch die Zahlenspielerei, Null Gott sei nur einer weniger als Ein Gott.", dann frage ich mich: Was interessiert uns die Philosophie von gestern? Man kann sehr gelehrt über die Flachheit der Welt philosophieren. Wenn man irgendwann merkt, dass die Welt eine Kugel ist, wird aus dieser Gelehrtheit Historie, egal wie hoch ausgebildet sie ist.
    Als jemand, der es auch schon mit der Kirche versucht hat, habe ich jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass die Wirklichkeit einfacher ist, als die theologischen Nebelkerzenwerfer den Menschen weiß machen: Ein Gott, den man nur versteht, wenn man u.a. Kant liest und Verbiegungen wie Dreieinigkeit, Jungfrauengeburt, etc.pp. akzeptiert, kann nichts taugen. Gott ist entweder ein weißbärtiger alter Mann auf einer Wolke, wie ihn die Trivialkultur (Volksfrömmigkeit?) darstellt oder er ist gar nicht. An den Gott der Theologen oder Philosophen kann ich nicht glauben. Für den Trost, den Menschen empfinden, wenn sie sich einen "Heiligen Vater" imaginieren oder eine Form von Transzendenz, habe ich durchaus Verständnis, das ist menschlich. Das ist meine Meinung und daher sticht für mich persönlich das Argument nicht, dass Kant et.al. klüger über Gott geschrieben haben als Dawkins.

    Ja, Aussagen, die eine Pauschalverurteilung bedeuten, darf man auch von Dawkins nicht ernst nehmen. Das ist genauso blöd, wie die Aussage, dass Atheisten keine Moral haben können. Alles dummes Zeugs, auf den einzelnen Menschen kommt es an!

    Aussagen wie der Dawkins-Satz "Ich bin gegen Religion, weil sie uns lehrt, damit zufrieden zu sein, die Welt nicht zu verstehen." sind aber als Zuspitzung meines Erachtens legitim, damit eine klare Position erkennbar wird, über die wir dann streiten und die wir eventuell relativieren können. Man kann kein Sachbuch schreiben und dabei auf solche knackigen Sätze verzichten. So ein Buch wäre sehr langweilig zu lesen und böte kaum zitierbare Reibungspunkte. Ich finde diesen Kontext darf man nicht vergessen.

    So, dass sind meine Provokationen zum Montag ;-) Ehrlich gemeint, aber natürlich in keinster Weise böse.

    P.S.: Achja die Ausgangsfrage: "Braucht Wissenschaft Zuspitzung und Provokation?" Ich finde die Frage im Kontext mit Dawkins problematisch, da ich sein Buch "Der Gotteswahn" gar nicht als wissenschaftlich bezeichnen würde (oder verstehe ich da was falsch?). Dawkins zieht seine Konsequenzen für sein Weltbild auf Grundlage der Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Diese Konsequenzen muss man nicht ziehen. Er spricht aber vielen aus der Seele, wie der kommerzielle Erfolg des Buches und Dawkins Beliebtheit zeigt. Inhaltlich finde ich speziell dieses Buch eher politisch und kirchenkritisch. Es gibt andere Bücher von ihm in denen die Biologie, also "seine" Wissenschaft viel mehr im Mittelpunkt steht.

  17. Dietmar Hilsebein @ Stefan Taube
    31.05.2010 | 19:24

    "Gott ist entweder ein weißbärtiger alter Mann auf einer Wolke, wie ihn die Trivialkultur (Volksfrömmigkeit?) darstellt oder er ist gar nicht."

    Der Satz ist Quark! Der Mond ist aus Käse oder er ist gar nicht. Und was Kant anbelangt: ich finde nicht, daß die klassische Philosophie als hinterweltlerisch historisch abzutun sei. Würden die Leute sich mit dem Alten aus Königsberg ein bißchen beschäftigen, so würden sie nicht so leichtfertig irgendwelchen Wünschelruten hinterher laufen. Kants Verdienst war es, Glauben und Wissen voneinander zu trennen. Dort, wo die Sinne uns keine Daten liefern, können wir zu keinem Wissen kommen. Allerdings könnte man einwenden, inwieweit die Sinne stumpf sind, da wir uns mit allerlei Stumpfsinn abgeben. Ich bin auch der Ansicht, daß, wer die Geschichte nicht kennt, bestenfalls das Rad noch einmal erfindet. Schlimmstenfalls verwechselt er wieder Glauben und Wissen und kommt mit "Achse des Bösen" einher und Höllenglut und Zähneklappern -als ob es Nietzsche nie gegeben hätte. Doch ich weiß nicht ein noch aus: warum den Kampf Nietzsches noch einmal kämpfen? Der Eitelkeit wegen? Die Masse wird auch nach Dawkins irgendwelchen Gurus hinterher rennen, so, wie sie es nach Nietzsche auch taten. Wozu also noch Bücher schreiben?

  18. Stefan Taube @Dietmar Hilsebein
    31.05.2010 | 19:41

    Der Satz ist genauso wenig Quark, wie der Mond Käse ist ;-) Ich denke, ich habe ganz gut klar gemacht, wie ich den Satz meine und will das nicht mehr wiederholen. Der Mond hat übrigens gegenüber Gott den großen Vorteil, dass man nachschauen kann, woraus er ist. Das Blöde an Gott ist ja seine durchsichtige Luftigkeit. Alle paar tausend Jahre ein brennender Dornbusch, der nicht verbrennt, ist einfach wenig.

  19. Michael Blume @ Stefan Taube
    31.05.2010 | 19:57

    Nun, die letzte Antwort von Ihnen an H. Aichele fand ich richtig gut! :-) Wobei ich mir ein Schmunzeln nicht ganz verkneifen kann, dass Sie Dawkins quasi "außer-wissenschaftliche" "Zuspitzungen" gut finden, aber gegen ihn gerichtete Polemiken ganz schnell merkbar empörend und "dämlich". Hand aufs Herz: Ist doch klar, dass es z.B. Christen oft genau anders herum geht! Die jeweiligen Brillenfärbungen und empörten Emotionen entstammen den gleichen Gehirnwindungen. ;-)

    Im Grundsatz sehe ich es aber auch so, dass manche Theologien Debatten eher zukleistern, statt sie offensiv zu führen. Wer z.B. an einen Schöpfergott glaubt, braucht doch keine Angst vor Naturwissenschaften zu haben - die gibt es jedoch bisweilen reichlich. Mir hat die Auseinandersetzung mit Dawkins auch religionswissenschaftlich sehr viel gebracht, eben weil er seit langem offene Fragen zwischen Religion(en) und Naturwissenschaft(en) inhaltlich zuspitzt, dabei aber (im Gegensatz zu vielen seiner Jünger) menschlich respektvoll bleibt. Und mehr lebendige Debatten über Fragen der Wissenschaft würde ich mir auch in Deutschland wünschen!

    @Hermann: Ja, auch ich finde Melanchthon oft ansprechender als Luther. Aber auch M. hatte z.B. richtig scharfe Satiren drauf! Und eben nicht nur schalen Konsensbrei, der deswegen keinen Widerspruch findet, weil ihn keiner versteht.

  20. Michael Blume @ Martin Holzherr @Tobias
    31.05.2010 | 20:02

    Ja, man könnte die Mem-Metaphern durchaus mit heutigen, wissenschaftlichen Befunden in Einklang bringen. Demnach würden sich Meme eben nicht einfach parasitär verhalten, sondern häufig auch symbiontisch: Indem sie Überleben und Fortpflanzung ihrer Träger stärkten, förderten sie auch die eigene Verbreitung.

    Allerdings stellt das natürlich gleich die andere Metapher vom "egoistischen Gen" ins Zwielicht. Wenn unsere Gene und Meme uns (auch) zu Liebe, Gemeinschaft und Glauben motivierten - wären sie dann nicht auch als "kooperative", "liebende" oder gar "zur Transzendenz strebende" Einheiten benennbar? Egoismus (und Atheismus) wären dann ja nur frühe Stufen eines ggf. weiter aufsteigenden Prozesses...

szmtag