chronologs Natur des Glaubens

Volkstheologie im Internet: Gesungene Gebete von Azad

von Michael Blume, 17. Januar 2010, 23:17

Die Entwicklung von Religiosität und Religionen geht weiter - und nimmt gerade auch im Umfeld der neuen Medien immer wieder neue Formen an. Nicht zufällig gibt es am religionswissenschaftlichen Institut der Uni Heidelberg dazu einen eigenen Forschungsbereich mit Internetzeitschrift. Heute möchte ich aber einfach am Beispiel eines Songs des deutschkurdischen Rappers Azad einmal ein Schlaglicht auf ein Phänomen werfen: Musikalische Gebete und ihre Interpretation auf YouTube.

Azad: Ich bete zu Dir!

Rapper? Theologie? Ich sehe schon manchen akademischen Dünkel die Nase rümpfen. Aber lassen Sie mich fragen: Wie viele theologische oder philosophische Abhandlungen der letzten Jahre haben in Deutschland abertausende von jungen Leuten dazu gebracht, über Fragen der Religion(en), Identität(en) und Zugehörigkeit(en) zu diskutieren? Nun, viele waren es nicht. Azad aber hat dies geschafft.

In seinem Song "Ich bete zu Dir" drückt er seine Religiosität aus (dabei, passend zur Religionsdemografie, Eltern und Kind betonend), indem er islamische und christliche Elemente miteinander verbindet. So ist u.a. der islamische Ruf zum Gebet zu hören, andererseits wird das Vaterunser mächtig zitiert. Unter Fans hat dies nicht nur vielerlei Diskussionen ausgelöst, ob sich Azad denn nun als Christ oder als Muslim verstehe, sondern auch verschiedene Video-Interpretationen. Hier interpretiert z.B. "libano77" den Song christlich:

Andere widersprechen und weisen auf die zahlreichen, muslimischen Elemente hin. So Kumbaroglu24, gleicher Song, andere Interpretation:

Off- und auch online wurden die Argumente natürlich auch ausgetauscht. Und haben in einigen Fällen durchaus "dritte" Positionen hervor gebracht. So antwortet @sherlshock in der Diskussion mit einem christlichen Albaner:

"@katili2107 klar versteh ich dich...und mir ist es eig egal ob er christ ist oder moslem oder was auch immer....der text ist einfach nur perfekt und so denken wir ja alle...also christen moslems juden.....dass ist das was zählt....er vereint die gedanken jeder einzelnen gläubigen"

So haben Musik und Internet nicht nur neue, religiöse Räume definiert, sondern auch Ausdrucks- und Dialogformen geschaffen. Das Beten ist längst zum Aspekt von Web-Kultur geworden. 



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Kommentare

  1. Dietmar Hilsebein @ Blume
    18.01.2010 | 11:11

    "dein Wille geschehe!"

    Persönlich empfinde ich das als ein "Afterdienst Gottes". Es ist nie restlos unterscheidbar, was Wille des Menschen und Wille Gottes ist -sofern es ihn gibt. Es ist nie restlos unterscheidbar, ob wir mit einem Gott sprechen oder Selbstgespräche führen. Wenn allerdings der Mensch Halt und Kraft findet indem, was er seine Religion und seinen Gott nennt, so ist dagegen gewiß nichts einzuwenden, sofern er seine Heilung nicht zu einer Heilsbotschaft werden läßt, die nur er verkünden kann. Denn wenn es einen Gott gibt, so spricht er als Philosoph zu Philosophen, als Dichter zu Dichtern, als Wissenschaftler zu Wissenschaftlern, als Einsiedler zu Einsiedlern. Im Grunde also eine sehr intime Angelegenheit! Gespräche aber dürfen keine Monologe sein. Gesetzt aber, es findet ein Dialog statt, so wissen wir nicht, ob ein Gott spricht oder wir nur einfach einen riesen Riß in der Schüssel haben. Nicht so ganz einfach -das.

  2. Mona Subkultur
    18.01.2010 | 12:54

    Warum sollte es nicht auch religiöse Rapper bzw. Hipp-Hopper geben? Auch wenn manchen Leuten diese Musik schräg in den Ohren klingt, so hat sie inzwischen doch Eingang in den Musikunterricht der Schulen gefunden. Entstanden in den afroamerikanischen Ghettos New York Citys der 1970er-Jahre hat sich diese Musikrichtung mittlerweile zu einer weltweiten Subkultur der urbanen Jugend entwickelt. Begleitet von der typischen Mode, wie weite, tiefsitzende Hosen, Basketball-Trikots, Kapuzenpullover und Basecaps.
    "Ich sehe schon manchen akademischen Dünkel die Nase rümpfen."
    Ja, Kreativität wohnt halt nicht immer im Studierstübchen!

  3. Michael Blume @ Dietmar Hilsebein
    18.01.2010 | 19:27

    Danke für die Anmerkungen.

    "dein Wille geschehe!"

    Persönlich empfinde ich das als ein "Afterdienst Gottes". Es ist nie restlos unterscheidbar, was Wille des Menschen und Wille Gottes ist -sofern es ihn gibt.

    Nun, wir sind uns einig, dass auch aus religiöser Innenperspektive jedes Erkennen Gottes bestenfalls bruchstückhaft sein kann. M.E. drückt das Bekenntnis "dein Wille geschehe" ja gerade aus, dass sich der Betende dessen bewusst ist und sein eigenes Ego zurück nehmen möchte, damit Gottes (wirklicher) Wille geschehe. Letztlich also die Bitte, tatsächlich auch geleitet zu werden statt die eigenen Wünsche mit Gott zu verwechseln. Interessant ist m.E. schon, dass sich solches offenkundig sowohl islamisch wie christlich verstehen lässt - an dieser Stelle gab es in allen mir vorliegenden Debatten keinen Dissens.

    Gesetzt aber, es findet ein Dialog statt, so wissen wir nicht, ob ein Gott spricht oder wir nur einfach einen riesen Riß in der Schüssel haben. Nicht so ganz einfach -das.

    Oh ja. Deswegen drücken die religiösen Traditionen ihr Verhältnis zur Gottheit auch immer wieder in begriffen von Liebe und Vertrauen aus - das alltagssprachliche "Ich glaube" im Sinne von "Könnte sein" erscheint dagegen eigentlich zu schwach.

  4. Michael Blume @ Mona: In der Tat!
    18.01.2010 | 19:31

    Ja, Kreativität wohnt halt nicht immer im Studierstübchen!

    Ja, das ist wohl wahr. Religiöse Bewegungen (auch erneuernder Art) entstehen regelmäßig "von unten her" und müssen sich nicht selten gegen etablierte Strukturen erst durchsetzen, bevor auch sie dann wieder erkalten. Es ist zudem auffällig, dass (vielleicht mit Ausnahme von Zoroaster) kaum ein bedeutender Religionsstifter aus dem "religiösen Establishment" erwachsen ist. Welche Einflüsse und Möglichkeiten im Umfeld religiöser Bewegungen durch die neuen Medien entstehen, wird man sehen...

  5. itz Rapologie
    21.01.2010 | 19:57

    Rapper und Theologie?
    Die goldenen und diamantenen Kreuze der Rapper sind ja schon immer etwas größer ausgefallen. ;-)
    Und auch der Islam hat praktisch seit der "Erfindung" des Hip Hop einen großen Einfluss auf die Szene.
    Rappen mit Allahs Seegen

    Ein weiteres gutes Beispiel für die Vereinbarkeit von Rap und Reli ist der "Godfather of Hip Hop" Africa Bambaataa mit seiner "Universal Zulu Nation" Eine irre Mischung aus Religion, Esoterik und Wissenschaft.

    Noch ein Programm-Tipp für heute Abend 22.35 Uhr auf ARTE:
    "Kann man Hardcore-Punk und gläubiger Moslem sein? Passen Hip-Hop und Koran zusammen? Und ab wann ist der Orient nur noch schöne Kulisse? TRACKS auf der Suche nach Popkultur aus dem Morgenland."

  6. 21.01.2010 | 21:29

    Lieber itz, Sie haben ja wirklich immer wieder verblüffende Seiten! Yo, Man! Respekt & Thx! :-)

  7. itz B - Boys
    21.01.2010 | 21:44

    @Mona
    Sogar Buddhisten versuchen dem Zeitgeist zu folgen: "Yeah, ich rede über Buddha, yo"
    … Na ja, rappende Buddhisten – schon irgendwie peinlich.
    Es gibt aber auch buddhstische Rapper: Beastie Boys - Bodhisattva Vow

    Ich halte mich dann doch lieber an die eher säkularen Botschaften:
    You gotta fight for your right to paaaarty…:-)

  8. Mona @Itz
    22.01.2010 | 07:40

    Sehr interessanter Link!
    Musik ist, ebenso wie Kunst, eine Ausdrucksmöglichkeit von (religiösen) Gefühlen. Ob nun jemand auf gregorianische Gesänge steht oder auf Hip-Hop (grrr, jetzt habe ich das oben doch glatt falsch geschrieben) ist dabei egal. Normalerweise missioniert der Buddhismus nicht, deshalb sind rappende Zen-Mönche eher ungewohnt. Aber man kennt im Zen ja kein Dogma und wie sagte doch seinerzeit Wilhelm Busch: "Einszweidrei im Sauseschritt
    läuft die Zeit, wir laufen mit." :-)

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