Die Venus-Figurinen der Eiszeit und ihre Bedeutung
Heute also endet sie, die großartige Ausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur" in Stuttgart. Neben einem sehr überzeugenden Gesamtkonzept überzeugte "Eiszeit" auch durch das Miteinander großartiger Funde wie der "Venus vom Hohle Fels", der "Löwenmenschen" u.v.m. Vier Mal konnte ich sie besuchen, zusätzlich Gespräche mit beteiligten Archäologinnen und Archäologen und eine Tagung mit Prof. Nicholas Conard erleben. Für die Evolutionsforschung zur Religiosität waren die letzten Monate in Süddeutschland ein Fest! Und während das interdisziplinäre Gespräch dazu erst begonnen hat, ist auch für die kommenden Jahre mit weiteren Erkenntnissen und Funden zu rechnen.
Wenden wir uns nun aber einer konkreten Frage zu: Beginnend mit der "Venus" vom Hohle Fels datierend auf das frühe Aurignacien (vor ca. 40.000 Jahren) entfaltet sich eine Epoche, deren Plastiken von Frauenfigurinen dominiert werden und die ihren Höhepunkt im Gravettien (vor ca. 30.000 bis 22.000 Jahre) finden. Geografisch umfassen die entsprechenden Funde ganz Europa bis nach Sibirien, mit Schwerpunkten in Mittel- und Osteuropa.
Die aus Elfenbein gefertigte Figurine vom Hohle Fels bei Schelklingen (Süddeutschland) ist nur 59,7 mm lang, 34,6 mm breit und wiegt 33,3 g. Sie verfügt über keinen Kopf, aber eine Öse - wahrscheinlich wurde sie an einer Schnur, ggf. als (Zeremonial?-)Schmuck getragen. Geborgen wurde sie neben mehreren 30-40 cm großen Kalksteinen. Nach jetzigem Kennnisstand ist die 35.000 - 40.000 Jahre alte Figur die älteste Statuette eines Menschen.
In den kommenden Jahr(zehn)tausenden folgen Dutzende weitere, während männliche Figurinen erst später und zunächst nur vereinzelt auftreten. Auch in der Höhlenkunst des Gravettien tauchen Frauenmotive im Kontext von Tier- und nun auch Männerdarstellungen auf. Das Halbrelief der Höhle von Laussel (Frankreich) war ursprünglich Teil einer Felswand und war, wie Farbreste belegen, ursprünglich rot bemalt.
Gerhard Bosinski bemerkt dazu: "Die linke Hand liegt auf dem Leib, der rechte Arm ist angewinkelt und mit der rechten Hand hält die Frau ein Horn empor, das mit Querstrichen versehen ist. Die Hand auf dem Leib könnte ein Schwangerschaft andeuten, das Horn vielleicht die Mondsichel symbolisieren. Diese Frauenfigur ist eine Umsetzung der osteuropäischen Frauenstatuetten aus Elfenbein und Stein in die Felskunst Südwesteuropas."
Neben solchen spektakulären Volldarstellungen findet sich auch eine zunehmende Zahl zunehmend abstrakter Funde, die schließlich in nur noch angedeutete Formen übergehen. Aus Kalzit gefertigt ist beispielsweise die Statuette von Tursac (Frankreich), "die Darstellung einer Geburt in meisterhafter Weise. Die Statuette unterstreicht den Inhalt und die Bedeutung der beschriebenen Frauenfiguren: Die meist schwangeren Frauen verkörpern die weibliche Fruchtbarkeit und das Wunder der Geburt." (Bosinski)

Fruchtbarkeit als Programm
Zu dieser Deutung kommt auch Conard im Bezug auf die von ihm und seinem Team gefundene Venus vom Hohle Fels. "Die Frauenfigur steht im Kontrast zu gängigen Hypothesen der Deutung der Aurignacienkunst wie der Kraft-und-Aggression-Hypothese oder der Schamanismus-Hypothese. Viel mehr scheint die Venusfigur ein Ausdruck der Sexualität zu sein, der wahrscheinlich in direkter oder indirekter Verbindung zur Fruchtbarkeit steht."
Diese Hypothese scheint auch durch weitere Fund bekräftigt zu werden. So fand sich im Hohle Fels außer dem "kleinen Löwenmenschen" (dem und dessen großen Bruder ich einen eigenen Post widmen werde) auch noch eine Phallusdarstellung, die etwa 10.000 Jahre nach der "Venus" gefertigt wurde. Das 19,2 cm hohe, 3,6 cm breite und 2,8 cm dicke Steinobjekt verweist recht eindeutig auf Sexualität (auch im kultischen Kontext?), weist aber zudem Nutzspuren als Schlagstein, Retuscheur und vielleicht Schleifstein auf. Die Frauenfigurinen wurden dagegen, soweit bekannt, nicht als Werkzeuge verwendet.
Religiöse Kunst - oder doch "nur Erotica"?
Die Wissenschaft, einschließlich der Evolutionsforschung, waren und sind immer noch männlich dominiert und so ist es nicht überraschend, dass die Funde, die eine starke Rolle der Frau in der biokulturellen Evolution von Religiosität und Religionen nahelegen, von einigen sofort und reflexhaft abgewertet werden. So hieß es auch nach dem Fund der Venus vom Hohle Fels wieder, diese Kunst repräsentiere wohl "nur Porno" - sei also (ausschließlich) von Männern gefertigt, die damit ihre sexuelle Lust und Macht ausdrückten.
In den vergangenen Jahren haben jedoch auch Anthropologen und Primatologen wie Volker Sommer und Sarah Hrdy mit guten, biologischen Argumenten die "Starke-Frauen-Hypothese" untermauert. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive hat u.a. Ina Wunn dazu geschrieben und auch möchte ich möchte hier einige Argumente anführen, die m.E. die Deutungen von Conard, Bosinski et al. bestärken.
* Viele der Frauenfigurinen versinnbildlichen recht eindeutig Schwangerschaft und auch Geburt - also gerade keine Zustände, die im Regelfall erotische Erregung aufkommen lassen.
* Die Dominanz der Frauenfiguren entfaltet sich in einem bestimmten historischen und geografischen - also kulturellen - Horizont. Bis heute verkörpern Figurinen in vielen religiösen Systemen von Jägern und Sammlern und auch noch Nomaden und Ackerbauern übernatürliche Akteure wie Ahnen und Gottheiten, selten aber "nur Pornographie". Würden die Figurinen auf männliche Erotika verweisen, wäre eine globale Verbreitung und auch heutige, entsprechende Nutzung zu erwarten.
* Entsprechend werden die Frauenfigurinen auch heute noch, vor allem von Frauen, religiös gedeutet - als Pornographie jedoch kaum genutzt. Die entsprechenden, biologischen Anlagen des Menschen dürften sich aber in den letzten Jahrzehntausenden aber kaum grundlegend verändert haben.
* Fruchtbarkeitsgöttinnen wie Artemis werden noch bis in die historisch fassbare Zeit hinein in entsprechenden Figurinen verehrt. Als Paulus dort den bildlosen Eingott verkündet, löst er einen Aufruhr aus - nicht zuletzt unter den Bildhauern, die von Herstellung und Verkauf der Göttinnenstatuen einträglich leben. (vgl. Apg 19)
* Auch heute werden erfolgreiche Religionsgemeinschaften vor allem von weiblichem Engagement getragen. Und auch monotheistische Systeme weisen immer wieder weibliche Bezüge auf. So wird die christliche Kirche immer wieder als "Mutter Kirche" tituliert, ebenso die islamische Gemeinschaft Umma (von arab. umm = Mutter). Auf die Ablösung des Artemis-Glaubens in Ephesos folgt übrigens die Tradition, dass Maria hier zuletzt gelebt habe. Heute wird sie in der Region von Christen und Muslimen verehrt, was die Anfertigung weiblicher Statuetten und Statuen für "Mutter Maria" (türkisch "Meryem Ana") einschließt. Vgl. auch die Verehrung der weiblich konnotierten Weisheit ("Sophia").
* Die sexuelle Selektion spielt in der Evolution von Merkmalen regelmäßig eine bedeutende Rolle und geht gerade auch bei Säugetieren (einschließlich Homo sapiens) überwiegend von Frauen aus. Und auch heute gehen erfolgreiche, religiöse Systeme mit hohem Interesse an der Regulierung von Sexualität und Familie und durchschnittlich höherer Fertilität ihrer Anhängerinnen einher - Deutung und biologische Funktion korrespondieren also auch hier.
Sicherlich ist für die kommenden Jahre noch mit einer Vielzahl von Funden und neuen, interdisziplinären Debatten und Forschungen zu rechnen. Dabei ist zu hoffen, dass Geschlechterklischees sachlich diskutiert und überwunden und die mutmaßlich sehr viel spannendere Wechselwirkung von Frauen und Männern gerade auch auf dem Feld der Religion(en) erkundet wird.
Literatur:
Conard, N., Rau, S., Bosinski, G. et al. 2009: Eiszeit – Kunst und Kultur. Stuttgart 2009
Blume, M. 2009: Evolutionsgeschichte der Religion - Glauben stärkt Kooperation und Reproduktion. Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Bd. 29, 2008, S. 21 -38
Gewidmet ist dieser Blogpost Prof. Nicholas Conard und seinem Team, Universität Tübingen sowie der Projektleitung der Ausstellung im Archäologischen Landesmuseum, Dr. Barbara Theune-Großkopf und Dr. Martina Barth. Danke für großartige Forschungen & deren beispielhafte Präsentation!
Ähnliche Artikel:
- Osiris, Isis und Horus
- Neues Fachbuch: The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior
- Warum verfielen die antiken Götterkulte - und siegte der Eine?
- Gretchenfrage - Werden religiöse Frauen unterschätzt? Religiosität und Sexuelle Selektion
- Biokulturelle Evolution






Wieso sollte ausgerechnet die schwäbische Venus Pornographie sein? Da kann frau sich ja nur an den Kopf fassen. Für gewöhnlich wird so eine Frauenstatuette als Abbild der großen Urmutter (einer Göttin?) angesehen, welche mit den Phasen des Mondes in Verbindung steht (Menstruationszyklus) und als Mutter alles Lebendigen gilt. Die Mondin symbolisiert das menschliche Leben, da sie jeden Monat vom Leben zum Tod und vom Tod zum Leben wechselt. Dabei wird sie voll und rund, nimmt ab, verschwindet und kommt wieder. Wie auch auf der Erde alles einem Zyklus unterworfen ist.
"Die linke Hand liegt auf dem Leib, der rechte Arm ist angewinkelt und mit der rechten Hand hält die Frau ein Horn empor, das mit Querstrichen versehen ist. Die Hand auf dem Leib könnte ein Schwangerschaft andeuten, das Horn vielleicht die Mondsichel symbolisieren...".
Die große Mutter ist schwanger, denn zur Wintersonnenwende gebiert sie die neue Saat. Das Horn repräsentiert die männliche Lebenskraft, gehörnte Tiere waren heilig.
"Die Figürchen haben keinen Standsockel. Vermutlich wurden sie einfach in die Erde gesteckt oder als Schutzgeister (zum Beispiel bei einer Geburt) in der Hand gehalten. Bohrungen zeigen, dass manche Kleinplastiken auch als Amulett getragen wurden."
Siehe auch:
http://www.tagesspiegel.de/...chiv;art1291,1891293
Ja, ich kann mich da auch immer wieder nur wundern. Aber selbst bei Kollegen, die ich sehr schätze, musste ich schon solche Aussetzer hören oder lesen. Die Vorstellung, dass Frauen (und ggf. weibliche übernatürliche Akteure) eine besondere Rolle in der Formation früher Religionsgemeinschaften gespielt haben könnten, scheint einigen Männern noch immer Unbehagen zu bereiten. Wie überhaupt die Vorgeschichte so ein Bereich ist, in den sehr viel Macho-Denken hineingelesen wurde. Das bricht erst langsam auf und wird sich sicher noch einige Zeit in den Köpfen halten.
Dabei ist das begründetere Bild von Wechselwirkungen zwischen den Geschlechtern auch in der Evolution von Religiosität und Religionen doch viel spannender! Ich möchte im Blog immer mal wieder versuchen, Aspekte dazu aufzugreifen und ein wenig zur Aufklärung beizutragen.
Sehr guter Artikel. Ich arbeite gerade an dem Dokumentarfilm "Das kreative Universum - Naturwissenschaft und Spiritualität im Dialog"(www.ruedigersuenner.de), in dem auch die Entstehung von Kunst und Religion diskutiert werden wird. Mir scheint eine These des amerikanischen Kosmologen Brian Swimme einleuchtend: Die weiblichen Figurinen sollten nicht vor allem die konkrete Fruchtbarkeit einer Frau darstellen, sondern das Gefühl für die Fruchtbarkeit im Universum selbst. Also etwas viel Allgemeineres und mit den Gestirnzyklen, Jahreszeiten, den Wachstums- und Regenerationskräften Verbundenes. Letztlich die Feier einer unsichtbaren und numinosen Kraft, von der die konkrete Geburt eines Menschen nur ein Teil ist. Diese Kraft ist ja bis heute nicht reduktionistisch zu fassen, ihr haftet auch für uns noch etwas Wunderbares an. Deutungen wie "Pornographie" sind Projektionen von heute aus, vor allem von einer Wissenschaft, die kein Sensorium mehr fürs Spirituelle hat.
Bei stern.de > Wissen > Mensch ist aktuell der Artikel ´Neandertaler stellten Schmuck her´ zu lesen.
Dort wird der Fund von 50 000 Jahre alten durchbohrten und mit Pigmenten verzierten Muschelschalen beschrieben.
Sie zeigen, dass die Neandertaler schon abstrakte Vorstellungen hatten - zumindest die Idee von ´Schönheit/Schmuck´ war ihnen bekannt.
Vielen Dank für die Rückmeldung!
Ja, mir erschiene es (auch in Kenntnis heutiger stammesreligiöser Systeme) als extrem unwahrscheinlich, dass über Hunderte verschiedener Gruppen und Jahrzehntausende hinweg völlig identische Mythologien tradiert worden wären. Eher dürfen wir annehmen, dass bestimmte "religiös naheliegende" Themen und Traditionen in immer neuen Varianten erzählt und rituell begleitet wurden. Ihre umfassendere Einordnung klingt da m.E. recht überzeugend.
Viel Erfolg bei dem Doku-Film! Gerne biete ich an, dass auf dem Blog eine Besprechung oder, noch besser, ein Gastbeitrag als Vorankündigung erscheint. Es wäre ja wunderbar, wenn er dann auch verdient viele interessierte Zuschauer fände und ggf. auch interessiert (weiter-)diskutiert würde!
Vielen Dank, ja, das sehe ich auch so. In der Eiszeit-Ausstellung wurden z.B. Steinartefakte der Neandertaler gezeigt, bei deren Betrachtung schnell klar wurde, dass diese Steine auch unter ästhetischen Gesichtspunkten ausgesucht worden waren.
Wenn es auch Ihnen Freude macht, würde ich entsprechende Themen hier im Blog häufiger aufgreifen.
Natürlich bin ich, und andere Leser sicherlich auch, an solchen Themen im weitesten Sinn interessiert.
Gerade die Steinzeit-Skulpturen zeigen einen interessanten Aspekt der menschlichen Kultur:
Jahrtausendelang gab es plastische Kunstobjekte überwiegend in Form weiblicher Fruchtbarkeitsidole oder als Tierskulpturen.
Männer tauchen in größerer Zahl erst vor 15-13000 Jahren (meist) als Bogenschützen auf; als Jäger bzw. Krieger.
Ich gehe auch nicht davon aus, daß die Frauenfiguren Pornographie sind, aber ich kenne mich damit auch nicht aus. Ich wüßte jedoch nicht, warum das Vorkommen von Fruchtbarkeitgöttinnen "eine starke Rolle der Frau in der biokulturellen Evolution von Religiosität und Religionen nahelegen". Artemis, Astarte das sind ja hoch verehrte Göttinnen alter Religionen. Hatten in diesen Gesellschaften die Frauen eine starke Rolle? Ich denke nicht. Das waren doch männerdominierte Gesellschaften.
Auch Dein Beispiel zur Ablösung der Artemis. Das bezieht sich doch wohl eher auf den Katholischen Glauben, wo die "Mutter Gottes" verehrt und angebetet wird. Aber vielleicht meintest Du auch etwas anderes. Dieses Beispiel hingegen unterstreicht, was ich oben schrieb. Die "Mutter Gottes" im Katholischen Glauben wird hoch verehrt, aber ansonsten ist das eine männerdominierte Kirche (ist nur eine Beschreibung meinerseits ohne Wertung).
Das spannendste und vielschichtigste Buch über die "Religion der Altsteinzeit" war für mich "The mind in the cave" des südamerikanischen Felsbildforschers David Lewis-Williams. Er vereint archäologische, symbolgeschichtliche, ethnologische und neurologische Erkenntnisse zu einem faszinierenden Gesamtbild, in dem allerdings die Höhlenkunst im Vordergrund steht. Aber die Figurinen sind ja parallel entstanden und gehören wohl kaum einem ganz anderen Weltbild an. Lewis-Williams schafft es wie kaum ein anderer, uns in die mögliche Bewusstseinsverfassung dieser Menschen mitzunehmen. Das ist ja heute das Allerschwierigste. Wir gehen von Raum-,Zeit-,Kausalitäts- und Materievorstellungen der letzten 400 Jahre aus und projizieren sie auf die Urzeit. Ich glaube, die Menschen damals sahen sich weniger von Dingen, als von Kräften umgeben, es gab die heutige strenge Subjekt-Objekt-Trennung noch nicht. Die Natur wurde als ein mütterlich-weiblicher Grund erfahren, man errichtete Kultstätten im Bauch der Erde und senkte auch die Toten wieder hinab in den Erdleib. Welche Stellung die Frauen hatten, wissen wir nicht genau, auch nicht bei den alten Griechen. Da können wir auch nicht moderne Ideen wie Emanzipation einfach zurückprojizieren, sondern es müsste noch mehr geforscht werden.
"Die Natur wurde als ein mütterlich-weiblicher Grund erfahren, man errichtete Kultstätten im Bauch der Erde und senkte auch die Toten wieder hinab in den Erdleib. Welche Stellung die Frauen hatten, wissen wir nicht genau, auch nicht bei den alten Griechen."
Ja, so könnte es gewesen sein! Erinnert mich etwas an die Kelten:
http://diekelten.org/anderswelt.htm
Zur Stellung der Frau kann man natürlich nur spekulieren. Man nimmt aber an, dass es eine Art Matriarchat gab, d.h. eine Sippenherrschaft.
http://de.wikipedia.org/wiki/Matriarchat
Aus weiblicher Sicht:
http://www.neue-akropolis.de/...401&Itemid=117
Lieber Martin,
danke für Deine Anfragen! Du schriebst: Ich wüßte jedoch nicht, warum das Vorkommen von Fruchtbarkeitgöttinnen "eine starke Rolle der Frau in der biokulturellen Evolution von Religiosität und Religionen nahelegen".
Doch, womit aber noch nichts über die gesellschaftliche Rolle der Frau ausgesagt ist. Nehmen wir Dein Beispiel, die katholische Kirche. Nach dem ersten Augenschein haben wir es mit einer "Männerkirche" zu tun, in der fast nur Männer amtieren, lehren und die religiöse Botschaft auslegen. Und so wurde und wird es auch heute noch oft gesehen.
Zunehmend aber merken wir, oha, so einfach ist das Bild nicht einmal da: Schon die Evangelien berichten von einer eigentümlich starken Rolle von Frauen in der Gefolgschaft Jesu und für die Formation der frühen Kirche. Und auch heute noch sind es die Frauen, die häufiger an Gottesdiensten teilnehmen, den Großteil des ehrenamtlichen Engagements bestreiten und zudem in der direkten, religiösen Erziehung der Kinder eine (im Durchschnitt) viel größere Rolle als die Väter spielen. Ohne die spezifischen Beiträge der Frauen gäbe es die kath. Kirche wohl längst nicht (mehr). Und da stellt sich die Frage, "ob religiöse Frauen einfach dumm sind, sich gerne ausbeuten lassen etc." (wie ich es immer wieder zu hören kriege) - oder ob ihr Verhalten nicht ebenso biologisch sinnvoll zu beschreiben ist wie jenes von Männern. Und, siehe da, obwohl die entsprechenden Forschungen gerade erst begonnen haben, stellt sich heraus, dass (auch) Frauen in religiösen Kontexten offenkundig aktiv und adaptiv handeln können.
http://www.chronologs.de/...-religi-se-frauen-dumm
Im Bezug auf die vorzeitlichen Religionen heißt dies schon einmal, nach den spezifischen Wechselwirkungen der Geschlechter zu fragen. Nimm dann noch die o.g. geschilderten Funde dazu, und es wird erkennbar, warum eines sehr sicher ist: Die eigenständige Rolle von Frauen in der Religionsgeschichte wurde und wird deutlich unterschätzt. In der deutschsprachigen Religionswissenschaft hat die entsprechende Debatte gerade erst begonnen:
http://www.amazon.de/...wissenschaft/dp/3826040031
Sicher wird es auch auf diesem Wege wieder zu Übertreibungen kommen, klar, aber der Grundansatz ist m.E. wichtig.
Artemis, Astarte das sind ja hoch verehrte Göttinnen alter Religionen. Hatten in diesen Gesellschaften die Frauen eine starke Rolle? Ich denke nicht. Das waren doch männerdominierte Gesellschaften.
Erneut: Das tradierte Bild in Politik und Gesellschaft ist das Eine, die soziale Wirklichkeit (gerade in den Religionen) eine andere. So gab es nicht nur Göttinnen und Priesterinnen, sondern auch eigene, religiöse Mythen und Rollen für Mädchen und junge Frauen, eigene Rituale und Ämter, Opferformen etc. Ein wunderschöner Band dazu, der Bild und Text auf hohem Niveau vereint (und den ich eigentlich auch schon lange mal hier besprechen wollte *seufz*):
http://ancienthistory.about.com/...p/Priestess.htm
Auch Maria, Ephesus und die Konzilien wären ein großartiges Thema... Himmel, da bestückt man zwei Blogs und hat dennoch stets noch mehr Ideen als Platz... ;-)
Danke für Deine - wie Du siehst anregenden - Anfragen!
Männer tauchen in größerer Zahl erst vor 15-13000 Jahren (meist) als Bogenschützen auf; als Jäger bzw. Krieger.
Ja, und eine Möglichkeit wäre z.B., dass gerade die Entwicklung des Bogens Jagd-, Geschlechter- und Konfliktrollen verändert hat - darauf gibt es Hinweise. Spannend wären z.B. vergleichende Untersuchungen beispielsweise mit Regionen, in denen kein Bogen entwickelt worden war.
So ist das halt immer mit der Evolutionsforschung - hinter jeder beantworteten Fragen tauchen zwei Neue auf, die mindestens genauso spannend sind. Positiv gesehen: Uns Menschen wird es nie an Raum für Entdeckungen mangeln.
Danke für die Rückmeldung, ich werde also versuchen, mindestens einmal im Monat einen Urgeschichte-Post zu schalten.
Welche Stellung die Frauen hatten, wissen wir nicht genau, auch nicht bei den alten Griechen. Da können wir auch nicht moderne Ideen wie Emanzipation einfach zurückprojizieren, sondern es müsste noch mehr geforscht werden.
So ist es. Umso genauer wir hinschauen, umso vielfältiger und vielschichtiger wird das Bild. Und es ist auf jeden Fall auch zeitlich und geografisch gegliedert, so beginnt und endet die Zeit der dominierenden Frauenfigurinen in Eurasien. Statt der großen Übertheorien (a la "Die Urmenschen...") werden wir sicher ein sehr viel differenziertes "Fall-zu-Fall"-Bild erhalten. Neu und vielversprechend dabei ist, dass das evolvierte, religiöse Verhalten heutiger Homo sapiens mit den Mitteln der Evolutionsforschung erkundet und damit eine zusätzliche Perspektive in den interdisziplinären Dialog eingespeist wird. Schließlich waren die Gestalter und Nutzer der "Venus vom Hohle Fels" "nur" ein paar tausend Generation von uns entfernt. Mal schauen, was die kommenden Jahren so an neuen Erkenntnissen bringen. Ich habe das Gefühl, es bleibt spannend!
„Die "Mutter Gottes" im Katholischen Glauben wird hoch verehrt, aber ansonsten ist das eine männerdominierte Kirche…“.
Ich habe da eine schöne Seite für Sie gefunden:
http://www.wibilex.de/...18521///cache/45b4ed3d9b/
Klitzekleine Frage: ich habe es so sonst noch nicht gehört, und es scheint doch eine unumstrit-tene Tatsachen-Aussage zu sein:
„Die sexuelle Selektion ... geht gerade auch bei Säugetieren (einschließlich Homo sapiens) überwiegend von Frauen aus“.
Der unmittelbare Eindruck aus der Kulturgeschichte in den verschiedensten Gesellschaften scheint dem doch entgegen zu stehen: Männer bestimmten doch zumindest in geschichtlicher Zeit zumeist, wer welche Frau kriegt. Ja, ich weiß, es gibt die Geschichten, Sagen, auch My-then u Märchen... über die männlichen Bewerber, über deren Erfolg dann eine Frau bestimmt. Aber das wird doch zumeist als Ausnahmefall, eben beim Adel, erzählt. Im normalen Leben hat-ten doch durch die Jahrtausende die Frauen dem zu gehören, der durch Vereinbarung etwa zwischen dem Vater eines Mädchens und dem künftigen Schwiegersohn oder durch Kampf zwischen Rivalen zum Zug kommt.
Und zumindest Letzteres scheint doch auch unter den Wirbeltieren so zu sein – bei den andern lässt es sich etwas schwerer beobachten ;-) .
Also: Welche Gesichtspunkte stehen diesem unmittelbaren Eindruck entgegen? Wäre mir auch wichtig im Zusammenhang damit, für wie gewichtig die Rollenverteilung in der Gretchenfrage zu nehmen ist. Konnten überhaupt die Frauen so oft fragen: „Wie hältst du’s mit der Religi-on?“
Der Computer „tut“ mal wieder, punktuell.... Aber gibt ja auch viel anderes. Ich muss für heute aufhören. Sorry, hoffentlich doch bald mal wieder...
Basty
Die Frage lautet: »Religiöse Kunst - oder doch "nur Erotica"?«
Ich würde sagen: Religiöse Kunst UND Erotica. Vorausgesetzt, man möchte die Reduzierung der Frau auf ihre Gebärfähigkeit als religiöse Kunst bezeichnen.
Denn: Bloß weil heutzutage (bei uns) diese beiden Sphären hübsch getrennt sind, muss es vor 40000 Jahren ja nicht genauso gewesen sein.
Und zweitausend Generationen sind ja nun in der Tat nicht so viel, als dass man grundlegende biologische Veränderungen im Männerhirn erwarten dürfte.
(Schöner Denkanstoß, herzlichen Dank, Herr Blume ;-) )
Ja, das hat auch schon Darwin vermutet: Dank seiner großen Überlegenheit habe der Menschen-Mann die Natur ausgeschaltet und herrsche nun also über die untergeordnete Frau als seinen Besitz. Sehr beliebtes Klischee.
Fakt aber ist: In Gesellschaften von Jägern und Sammlern haben Frauen in der Partnerwahl regelmäßig viel zu sagen und auch in den Agrargesellschaften üben sie oft durchaus Mitsprache und Veto aus. Zumal auch das (genetisch entscheidende) Überleben der Kinder von der Eintracht der Eltern mitbestimmt wird.
Inzwischen kennen wir sogar Fälle, in denen Schimpansenweibchen dominante Herren abgewiesen und subalternen Auserwählten den Vorzug gaben. Und es sind übrigens auch die Weibchen, die die Gruppe auf der Suche nach nicht-verwandten Beziehungspartnern verlassen, da sie weniger Gefahr laufen, angegriffen zu werden. Auch bei unseren nahen Verwandten also: Viel female choice.
Wo ein Geschlechterkampf mal im Ausnahmefall recht eindeutig entschieden wurde, werden meistens die Männchen verspeist. ;-) Oder, wie jetzt bei einer Ameisenart befunden, schlicht aufgegeben:
http://www.sciencedaily.com/...08/090825203339.htm
Jetzt ernsthaft: Auch wenn es uns Männern bisweilen sehr gefallen würde, unter Säugetieren ist "female choice" nach bisherigem Kenntnisstand zwar einschränk-, nie aber abschaffbar. Denn wie der Name schon sagt, erhöht sich beim Säugetier das weibliche Investment in die Nachkommen - und entsprechend der selektive Druck, möglichst geeignete Partner zu akzeptieren.
Neu und lesenswert für alle am Thema Interessierten: Sarah Hrdy "Mothers and Others". Wollte ich eigentlich auch schon ewig hier vorstellen...
Es war von mir nicht so gemeint, dass jetzt verstärkt Urgeschichte_Themen kommen. Sondern eher so wie Sie es am Beispiel von Pfeil/Bogen angesprochen haben: wie z.B. bestimmte technische Erfindungen/Ideen das soziale Verhalten verändern.
Tipp: Ich weiß nicht, ob sie das Buch ´Dschungelkind´ von Sabine Kuegler kennen. Hier sieht man sehr schön, wie eine einzige Familie das soziale Verhalten einer ganzen Gegend änderte.
Ich würde sagen: Religiöse Kunst UND Erotica.
Ja, religiöse Kunst kann stets auch sekundäre Effekte erzeugen. :-) Aber wenn die Erotik im Vordergrund gestanden hätte, wären zum einem kaum Schwangere und Gebärende dargestellt worden (die sich auch heute nicht im Playboy finden, nehme ich an ;-) ) - vor allem aber dürften wir eine zeitlich, geografisch und kulturell größere Verbreitung erwarten. Denn, wie Sie richtig geschrieben haben:
Und zweitausend Generationen sind ja nun in der Tat nicht so viel, als dass man grundlegende biologische Veränderungen im Männerhirn erwarten dürfte.
Genau! :-)
Vorausgesetzt, man möchte die Reduzierung der Frau auf ihre Gebärfähigkeit als religiöse Kunst bezeichnen.
Warum denn Reduzierung? Das klingt ja, als wäre Gebären etwas Schlimmes, das damals und heute keine Würdigung verdiene. Nun, uns beide gibt es nur, weil tausende Generationen von Müttern unter Schmerzen und Gefahren Vorfahren geboren und (meist) gesäugt und aufgezogen haben. Der männliche Beitrag dürfte dagegen extrem geschwankt haben: Von Super-Pappis bis zu 5-Minuten-und-weg. Ich habe mich immer gewundert, warum wir in jeder Stadt Statuen tapferer Krieger normal finden, aber finden, Mutterschaft, Geburt und Kinderaufzug habe keine soziale Würdigung verdient.
Denn: Bloß weil heutzutage (bei uns) diese beiden Sphären hübsch getrennt sind, muss es vor 40000 Jahren ja nicht genauso gewesen sein.
Ja, das sehe ich auch so - zumal es auch heute so ist. In Islam und Judentum gelten z.B. eheliche und beiderseitig glückliche sexuelle Betätigung nach wie vor als religiös verdienstvoller Akt. Die verheiratet Liebenden erfüllen die göttlich angelegte Ordnung. So heißt es z.B. in jüdischer Tradition: "Wenn ein Mann seiner Frau in Heiligkeit anhängt, manifestiert sich die göttliche Gegenwart. Im Mysterium von Mann und Frau ist Gott. Wenn sie aber nur erregt sind, verläßt sie die göttliche Gegenwart, und es entsteht Feuer."
Also gerade "keine" Reduktion auf Religion oder Erotik, Zeugung oder Freude - sondern die Lehre, dieses zusammen zu bringen.
http://www.judentum.net/kultur/schachter.htm
(Schöner Denkanstoß, herzlichen Dank, Herr Blume ;-) )
Danke, @Balanus! Da das Thema vielen Lesern offenkundig Freude macht, möchte ich für 2010 monatlich einen Urgeschichte-Post versuchen zu schaffen. Harte Arbeit, aber die Rückmeldungen helfen! :-)
Danke, so sehe ich das auch - das Blogformat erlaubt ja eigentlich auch immer nur Schlaglichter auf Einzelaspekte. Für die Gesamtschau brauchen wir m.E. erfreulicherweise weiter das gute, alte Buch.
Und ja, ich habe Sabine Kuegler mit sehr hohem Interesse gelesen - "Dschungelkind" und ihr neues "Jägerin und Gejagte" (soviel zum Thema, ob Frauen in der Partnerwahl mitbestimmen, @Basty! ;-) ). Interessiert war ich auch deshalb, weil sie ja keine bestimmte wissenschaftliche Theorie im Blick hat(te), sondern biografisches Erleben schilderte. Und das m.E. großartig!