Evolution der Religiosität - Wenn Denkmauern fallen...
Auch Menschenaffen und Elefanten trauern und kehren an Orte zurück, an denen sie Angehörige verloren haben. Aber erst Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis begannen, ihre Toten zu bestatten, sie mit Gaben für das Jenseits auszustatten und mit Jenseitigen rituell in Kontakt zu treten. Heute, kaum 6.000 Generationen später, gibt es kein einziges Menschenvolk, in dem kein religiöses Verhalten zu beobachten wäre. Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wie und warum eigentlich der Mensch ein zu Religion(en) befähigtes Gehirn evolvierte?
Denn immerhin ist religiöses Verhalten beobachtbar sowohl für Einzelne wie für Gemeinschaften oft sehr kostspielig und hätte doch eigentlich im Laufe der menschlichen Evolutionsgeschichte aussterben müssen - wenn die Kosten nicht mit biologischen Vorteilen mindestens ausgeglichen würden.
Eine wachsende Zahl internationaler und interdisziplinärer Forscher ist dabei, diese Fragen mit neuen Daten und Hypothesen zu beantworten. Was Biologen, Evolutionspsychologen, Ethnologen, Primatologen, Anthropologen, Zwillingsforscher, Theologen, Philosophen, Ökonomen, Sozial- und Religionswissenschaftler u.v.m. dabei effektiver denn je über Fachgrenzen und Kontinente zu verbinden vermag, sind nicht mehr nur Tagungen und Konferenzbände, sondern vor allem das Internet. Waren die Erkenntnisse einzelner Forscher und Fächer bislang oft in der unüberschaubaren Fülle an Fachpublikationen verschüttet, so erlaubt das WorldWideWeb nun den schnellen und kostengünstigen Austausch von Arbeiten und Daten. Über Netzwerke wie das der Evolutionary Religious Studies werden inzwischen Forschungsergebnisse vernetzt und gemeinsame Projekte ausgetüftelt. Dabei eint atheistische, agnostische und theistische Forscher das gemeinsame Ziel: eine an empirischen Daten entwickelte und überprüfbare Beschreibung der Evolution menschlicher Religiosität und Religionen.

Willkommen zwischen den Stühlen
Schon Charles Darwin selbst hatte in "Die Abstammung des Menschen" (1871) Umrisse einer Evolutionstheorie der Religion entwickelt, die heute wiederentdeckt wird: Demnach hätten sich religiöse Veranlagungen aus normalen Gehirnfunktionen entwickelt und dann auch eigenständige, biologische Nutzenfunktionen übernommen. Denn für ihn stand außer Frage, dass eine so kostspielige Veranlagung des menschlichen Gehirns sich nie hätte erhalten können, wenn sie nicht auch mit biologischen Vorteilen verbunden gewesen wäre.
Dabei zeigte Charles Darwin eine Größe, die leider in den heutigen Diskussionen um Evolution und Religion oft untergeht: die Unterscheidung naturwissenschaftlicher und religiöser Aussagen. Schon weil naturwissenschaftliche Theorien immer überbietbar und also vorläufig sind, können sie transzendente Existenzen wie Ahnen, Götter oder Gott schon per Definition weder abschließend beweisen noch widerlegen. Und umgekehrt: dass auch die religiösen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns insgesamt biologische Überlebens- und Reproduktionsvorteile mit sich bringen könnten, sagt nur etwas über die beobachtbare, biologische Funktionalität, nicht aber die Wahrheit religiöser Überzeugungen aus.
Dennoch gelingt es selbst professionellen Wissenschaftlern oft nicht (mehr), aus den Mauern der eigenen Vorannahmen auszubrechen. Viele Geisteswissenschaftler befürchten schon bei der biologischen Beschreibung menschlichen Verhaltens eine weitere "Reduktion" des Menschen und lehnen den ganzen Forschungsansatz intuitiv ab. Es fällt oft leichter, sich über meist nur halb verstandene, naturwissenschaftliche Hypothesen lustig zu machen, als sich mit ihnen auseinander zu setzen und sie so weiter zu entwickeln. Auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek musste noch die Erfahrung machen, dass sein mutiger Brückenschlag aus der Ökonomie und Sozialphilosophie in die Biologie (gerade auch der Religion) auf allen Seiten schlicht kaum verstanden wurde. Lost in translation, sozusagen...
Umgekehrt erscheint vielen eingefleischten Naturalisten schon der Gedanke unannehmbar, religiöses Verhalten könne mit empirisch nachweisbarem Evolutionserfolg einhergehen. Bei jeder tierischen Fähigkeit würden wir selbstverständlich nach dessen evolutionsbiologischen Grundlagen und Funktion fragen. Aber dass Mitglieder von Religionsgemeinschaften laut einer schnell wachsenden Zahl empirischer Befunde weltweit z.B. deutlich stabilere Sozialbeziehungen, durchschnittlich höhere Lebenserwartungen und vor allem mehr Kinder haben als ihre jeweiligen, säkularen Nachbarn, gilt vielen als Zumutung. Immerhin: Auch der Evolutionsbiologe Richard Dawkins hat inzwischen eingeräumt, dass ihn naturwissenschaftliche Erkenntnisse zum evolutiven Nutzen oder Schaden von Religiosität "auch" interessieren würden.
Und längst steigt die Zahl der namhaften Evolution-Religion-Pioniere auch in Deutschland. Dazu zählen der Soziobiologe Eckart Voland ("Natur des Menschen", 2007), der Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas, der Theologe Wolfgang Achtner und der Evolutionspsychologe Harald Euler.
Gefragt sind also Leidenschaft, Mut und Ausdauer...
...und nicht zuletzt auch die Unabhängigkeit zum Platznehmen zwischen den Stühlen. Dafür winkt die Mitwirkung an einem der vielleicht spannendsten und auf jeden Fall interdisziplinärsten Forschungsvorhaben unserer Zeit.
Anbei ein kleines Video zum ersten, religionswissenschaftlichen Seminar (WS 07/08) dazu:
Im eigenen Religionswissenschaftlerblog möchte ich auch weiterhin Forschungsnotizen und Rezensionen rund um mein Schwerpunktgebiet (den Zusammenhang von Religion und Demografie, also Kinderreichtum) vor- und zur Diskussion stellen. Hier im Wissenschaftsblog "Natur des Glaubens" möchte ich Ihnen dagegen vor allem die interessantesten Ansätze und Ergebnisse anderer Forscher unterschiedlichster Fächer und Kontinente präsentieren. Es würde mich freuen, wenn auch Sie sich für das biologische Mosaik eines der großen Menschheitsrätsel "zwischen den zwei Kulturen" der Geistes- und Naturwissenschaften begeistern könnten.
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Lieber Michael, ein wirklich schöner, spannender und unterhaltsamer Beitrag. Das Video ist allein schon ein Erlebnis für sich. An dieser Stelle möchte ich das einfach zurückmelden ;-)Dein "Motto" wird deutlich spürbar und für mich als religionswissenschaftlichen Laien ist es ganz nebenbei auch sehr lehrreich.
Ein so ermutigendes Wort tut "zwischen den Stühlen" richtig gut! (-:
...im Club!
Ich bin schon sehr gespannt womit du uns demnächst beglückst. Was von den Kollegen vom ERS-Arbeitskreis vielleicht?
...Gene. Binnen der kommenden 7 Tage... Mehr wird noch nicht verraten... (-;
Hallo Michael, heute haben wir das neue epoc-Heft fertiggestellt (Datenfreigabe Druckerei). Da hab ich Deinen Post noch gar nicht lesen können - aber ein "Herzlich willkommen bei den Scilogs" möcht ich Dir doch zwischen Tür und Angel zurufen! Ich freue mich sehr auf die künftigen Diskussionen mit Dir!
Danke,
da entlang möchte ich, dass es weiter geht.
Jetzt ist der Punkt, an dem ich dringend den Bedarf für eine Verständigung über den Religions-Begriff anmelden möchte. Ich weiß, da konnte man sich noch nicht einigen. Aber auch das festzustellen wäre sinnvoll. Bzw. sinnvoll, die verschiedenen Linien herauszuarbeiten, auf denen bisher in der Geschichte der RelWissenschaft diskutiert wurde und gegenwärtig diskutiert wird.
Normal denkt man wohl bei Religion an Jenseitiges, Transzendenz und an Vorstellungen von Gott, Göttern ff.
Ich denke, dass auch Darwin auf dieser Linie dachte. (Und dass er deshalb Religion wohl als kostspieliges Unternehmen ansah).
Ich suche eine andere Linie, gewissermaßen ohne Meta-Phsyik, Transzendenz ff, auch ohne festgezurrte Gottesvorstellung.
Vor mir liegt das Buch von Andreas Feldtkeller "Warum denn Religion?". Dazu aus dem Klappentext: "Mit der Religion steht nicht Gott auf dem Spiel sondern das Verhältnis des Menschen zu sich selbst". Oder auch: über das "Missverständnis, Religion sei in unserem Leben allenfalls die Nische für das Außergewöhnliche. Genau das Gegenteil ist der Fall: Religion ist geformt aus den selbstverständlichsten unter den menschlichen Selbstverständlichkeiten."
Auf der Linie möchte ich weiterdenken. Das würde doch passen zu "Natur des Glaubens". Ich würde/möchte vermuten, dass die Vorstellungen der verschiedenen Religionen nicht in erster Linie aus einem Hinter-Denken der Wirklichkeit entstanden sind sondern aus einem Durch-Denken der verschiedensten Lebens-Erfahrungen. Meine Kürzestdefinition von "Religion" deshalb: "Lebensbewältigungs-Strategie". Also auch (anders als bei einem nur "kostspieligen" Unternehmen) dazu da , um die Kosten, die Schmerzen des Lebens in Griff zu bekommen. Dann können natürlich Leute kommen und fragen: Warum Religion? Das ist doch nur Menschliches... Ich würde dazu gerne sagen: Eben deshalb, als Menschliches: Religion.
Und Gott? Götter? Nun ja, zuerst einmal Tools, um die Widerfahrnisse des Lebens personhaft benennen zu können. Menschen personifizieren ja gern. Ich nehme das "Personi-fizieren" dabei auch in Bezug auf die Gottes-Vorstellungen mal ganz wörtlich. Wäre interessant, woher das Bedürfnis kommt, dass Menschen so gerne personifizieren, hinter den Wirkkräften des Lebens personhafte Kräfte denken.
Und, um dem Ganzen noch eine Spitze hinzuzufügen: Ich halte die ganze Fragestellung nach der "Existenz" Gottes oder "ob es Gott gibt" einschließlich der Fragestellung, wie das mit einem göttlichen Schöpfungs-Plan (beim Urknall?) sei, für Sackgasse europäischen Denkens. Man müsste sich mal den Hinweis aus Japan auf der Zunge zergehen lassen: Auf die Frage, ob Theismus oder Atheismus, habe man dort schon geantwortet: "Es geht gar nicht darum, ob Götter 'existieren' oder nicht, sondern ob man einen Gott 'hat'." Deshalb gebe es dort in Japan auch nicht diese Atheismus-Debatte.
Hier mal genug. Zwischen den beiden angerissenen Linien für Religions-Definitionen (Jenseitigkeits-Denken - Menschlichkeits-Denken)gibt es natürlich alle möglichen Schattierungen. Ich würde die Möglichkeit begrüßen, a) mehr über die Geschichte dieser verschiedenen Linien zu erfahren b) selber dazu mehr begriffliche Klarheit zu gewinnen und c) durchaus weiter die Linie zu vertreten, dass Religion eine (oder gar "die") dem Menschen gemäße Lebensbewältigungs-Strategie ist.
Ich bin auf Weiteres gespannt; und mache auch gerne mit.
Basty Castellio
Danke, gern! Du hast ja entscheidenden Mit-Anteil daran gehabt, dass ich Ja gesagt habe. Jetzt gilts zu bauen.
Also, auch Dir ein herzlich willkommen bei Natur des Glaubens!
Finde ich klasse, dass Sie mitdiskutieren! Schon auf meinem Blog haben Sie einige tolle Gedanken und Diskussionen eingebracht.
Religionsdefinitionen gibt es ja leider tatsächlich wie Sand am Meer. Für die Zwecke der Evolutionsforschung habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, auf Darwin zurück zu gehen. Er definierte "Religion als den Glauben an unsichtbare oder geistige Kräfte" und meinte: "Der Glaube an spirituelle Kräfte wird leicht in den Glauben an die Existenz eines Gottes oder mehrerer Götter übergehen; denn Wilde werden naturgemäß Geistern dieselben Leidenschaften, dieselbe Lust zur Rache oder die einfachste Form der Gerechtigkeit und dieselben Zuneigungen zuschreiben, welche sie in sich selber fühlen."
Und wie auch einige andere Annahmen von ihm (die leider recht quer durch die Abstammung des Menschen verstreut sind) lag er damit verblüffend nahe an heutigen Befunden.
Zumal es bei empirischer Forschung jedoch immer um beobachtbare Fakten (also Verhalten) geht, scheint eine Einschränkung auf Glaubensinhalte jedoch nicht sinnvoll zu sein. Ich arbeite daher im Evolutionsbereich mit der Definition: "Religiosität ist der als Glauben an und entsprechendes Verhalten zu übernatürlichen Akteuren" (wie Ahnen, Göttern, Gott).
Das ist aber eine Definition, die Forschungsarbeit ermöglicht und schließt natürlich weitere Bedeutungsebenen nicht aus.
Lieber Michael,
mit Deiner Definition von Religiosität, nämlich "Glaube an übernatürliche Akteure" (- Du sagst selbst, sie ist nur vorläufig), schließt Du eine ganze Menge Formen von Religiosität aus. Wie ich in meinen Anthroposophen-Studien gezeigt habe, gibt es eine ganze Menge konfessionsloser religiöser Menschen, die nicht an "übernatürliche Akteure" glauben, und deren Religosität sich - mit aller Wahrscheinlichkeit - dennoch auf demographische Paramenter (Kinderzahlen etc.) auswirkt. (Denn sonst hätten die Anthroposophen insgesamt nicht so überdurchschnittlich viele Kinder bei überdurchschnittlicher Konfessionslosigkeit.)
Es wäre schade und sehr den Blick einschränkend, wenn man solche Formen von Religiosität durch eine zu enge Definition von Religioistät nicht in vollgültiger und gleicher Weise in Betracht zieht wie die von Dir genannte. Insbesondere würde man dann nämlich auch jene "Einstein'sche Religiosität" mit einschließen in die Betrachtung, der ja auch Leute wie Richard Dawkins oder Dein Namensvetter Michael Schmidt-Salomon nicht ablehnend gegenüber stehen. (Man würde also Gräben schließen, statt sie zu verbreitern.)
Auch würde dann nicht eine ganze Bandbreite von vor- und nicht-monotheistischer Religiosität ausgeschlossen. Sagen wir östliche Religionen und Philosophien (Buddhismus, Laotse ...). Bevor Mythos und Logos durch die griechische Wissenschaft und Philosophie so streng voneinander geschieden wurden, kann man auch gar nicht sagen, daß man sich mythologische Gestalten vorwiegend "übernatürlich" vorgestellt hätte. Es waren Personifizierungen von Naturkräften oder gesellschaftlichen Kräften selbst. Das muß auch nicht notwendigerweise heißen, man hätte sie sich immer so "übernatürlich" vorgestellt wie bspw. in der "Ilias", die zur gleichen Zeit entstand wie die Bibel.
Bspw. der (philosophisch geschulte) Tacitus behauptet noch von den Germanen ziemlich exakt das Gegenteil. Und auch griechische Religiosität und Philosophie selbst (wie etwa der Neuplatonismus), die mit einiger Wahrscheinlichkeit den demographischen Niedergang in der Spätantike in ähnlicher Weise verzögert haben wie die "Namenschristlichkeit" es heute tut, wären aus einer solchen Definition ausgeschlossen.
Lieber Ingo,
im Grundsatz will ich Dir da nicht widersprechen - und hätte sogar einen Tip für Dich: das Pew Forum unterscheidet in seiner neuen Studie auch innerhalb der Konfessionslosen zwischen denen, die sich als Atheisten, Agnostiker, uninteressiert oder als (sehr) religiös bezeichnen. Und tatsächlich weisen auch diese reproduktive Erfolge auf, wie Du sie bei den Anthroposophen gefunden hast.
Allerdings sind auch die meisten Antroposophen gottgläubig und wir haben ja gesehen, dass auch innerhalb der Waldorfschul-Absolventen jene reproduktiv erfolgreicher waren, die der Christengemeinschaft oder einer der Kirchen angehörten. Berücksichtigt man, dass natürlich auch Engel, Bodhisatvas etc. übernatürliche Akteure darstellen, so wird noch deutlicher, dass die Arbeitsdefinition viel umfasst.
Mir geht es also keinesfalls darum, feinere Studien etwa zu Religiosität vs. Spiritualität, organisierter vs. privater Lebensführung, theistischer vs. pantheistischer Überzeugungen o.ä. zu lassen - sondern sie erst zu ermöglichen. Und dazu wird es m.E. nötig sein, erst die großen Linien mit Arbeitsdefinitionen zu bearbeiten, bevor wir uns dann umso fundierter Spezialfällen (wie dem "kosmischen Staunen" Dawkins) zuwenden können. Und zumindest in den reproduktiven Spitzengruppen habe ich bisher auch noch keine einzige Gemeinschaft ohne den Glauben an übernatürliche Akteure gefunden. Die bisher vorliegenden Befunde deuten (auch bei den Anthroposophen und jetzt den US-Daten) vielmehr recht eindeutig darauf hin, dass die "Fülle der Wirkungen" in theistischen Religionen auftritt, spirituelle Gemeinschaften in einem geringeren Grade aber ebenfalls partizipieren. Also genügend Stoff für viele Jahre engagierter Forschung und Publizistik! (-:
Herzlichst,
Dein Michael
Was "glauben" oder "behaupten" Anthroposophen eigentlich?
Was genau meinen Sie mit "Einstein'scher Religiosität"?
"Ich halte die ganze Fragestellung nach der 'Existenz' Gottes oder 'ob es Gott gibt' [...] für eine Sackgasse europäischen Denkens. Man müsste sich mal den Hinweis aus Japan auf der Zunge zergehen lassen: Auf die Frage, ob Theismus oder Atheismus, habe man dort schon geantwortet: "Es geht gar nicht darum, ob Götter 'existieren' oder nicht, sondern ob man einen Gott 'hat'."
Möglicherweise denken Asiaten anders als Europäer. Ich habe jedenfalls Probleme zu verstehen, wie jemand von sich behaupten kann, einen Gott zu "haben", ohne zugleich zu glauben, dass einen Gott "gibt". Um etwas haben zu können, muss es dieses etwas doch auch geben, oder nicht?
Der asiatische Standpunkt hingegen basiert anscheinend auf einem Ansatz, der dem Radikalen Konstruktivismus zumindest verwandt ist, wenn ich das richtig verstehe.
Unsere religiösen Erfahrungen zielen auf Orientierung in dieser chaotischen Welt ab und dürften einem intuitven Erkennen der Realitäten entsprechen, die wir allerdings nur in ihrer Metaphorik begreifen können. Und metaphorische Deutungen gibt es deshalb soviele wie es Religionen gibt.In unserer christlich abendländischen Kultur glauben wir ans "ewige Leben" nach dem Tod und hoffen, in den "Himmel" zu kommen. Die Frohbotschaft dabei ist, dass es durchaus stimmt. Wir müssen z.B. nur zur Kenntnis nehmen, dass die Ewigkeit beginnt, wenn die Zeit still steht, und im Augenblick des Todes tut sie das auch. Zeit und Raum gehen verloren und sind auch quantenphysikalisch betrachtet nur Konstrukte. Was bleibt, ist das "Eingemachte" in uns, und wenn wir das aufgearbeitet haben, kommt die "große ewige Entspannung".
Individualleben ist nur ein Aspekt in der kosmischen Holistik, wo sich jeweils im Kleineren das Größere spiegelt. Fragen nach der Zeit vor dem Urknall sind in diesem Sinne gleichzusetzen mit der Frage nach unserem vorgeburtlichen Leben.
Religion ist somit immer der Versuch, Anworten zu geben unserem ständig fragenden Geist. Und Fragen zu stellen hat sicherlich seinen evolutionären Vorteil.
(eine Hypothese)
Diese Form des radikalen Konstruktivismus hat natürlich seine Reize. Möglicherweise "habe" ich ja drei Frauen, auch wenn es sie gar nicht "gibt" (vorzugsweise die ihren Müttern zum Verwechseln ähnlich sehenden Töchter von Sophia Loren, Gina Lollobrigida und Claudia Cardinale).
"Umgekehrt erscheint vielen eingefleischten Naturalisten schon der Gedanke unannehmbar, religiöses Verhalten könne mit empirisch nachweisbarem Evolutionserfolg einhergehen."
Lieber Michael, ohne Dir zu nahe treten zu wollen, doch Deine Vorbehalte gegenüber den Naturalisten erscheinen mir nachgerade "paranoid". Warum sollten Naturalisten Probleme damit haben, die Religiosiät als ein adaptives Merkmal der biologischen Evolution zu akzeptieren? Pascal Boyers "Religion Explained: The Evolutionary Origins of Religious Thought", Scott Atrans "In Gods We Trust: The Evolutionary Landscape of Religion", Daniel Dennetts "Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon", Joan Roughgardens "Evolution and Christian Faith: Reflections of an Evolutionary Biologist", David Sloan Wilsons "Darwin Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society" und Michael Shermers "How We Believe" beweisen doch das genaue Gegenteil. (Das einzige, was man diesen Naturalisten vorwerfen könnte ist, dass sie die Religionen zwar für "adaptiv", aber dennoch für "falsch" halten.)
Herr Dahl,
die Einstein'sche Religiosität (sagen wir grob: Pantheismus) hat doch Richard Dawkins in "Gotteswahn" im ersten Kapitel behandelt. Übrigens hat er darauf auch schon Bezug genommen in seinem letzten Buch "Ancestor's Tale" in den letzten Absätzen.
- - - "Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben." - Diesem Satz haben 58 % von 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern bejaht. Siehe hier:
http://studgendeutsch.blogspot.com/...til-als.html
Es ist das jene Art von "universeller Religion", die nach Meinung vieler Religionswissenschaftler auch bei konfessionell Gebundenen zunehmend mehr die traditionelle Religiosität überlagert. (Siehe ebenfalls der angegebene Link im letzten Abschnitt.)
- - - Asiaten übrigens sind nicht so "Grundlagen-Forscher". Ihnen ist wichtig, daß gesellschaftlich alles möglichst reibungslos funktioniert. Gerät individuell erkannte Wahrheit in Widerspruch zur gesellschaftlich vorherrschenden entscheidet man sich normalerweise als "typischer" Asiate für die gesellschaftlich Vorherrschende. Und dabei hat man schon lange erkannt, daß es gut ist, wenn Menschen Götter haben. Wußte das nicht schon Konfuzius? Traditionelle asiatische Philosophie ist zu großen Teilen Ethik. Und aus der Ethik wird alles andere abgeleitet.
- - - Herr Dahl, wenn ich übrigens Ihren letzten Beitrag richtig verstehe, sind Sie sich doch mit Michael mehr einig als man aus den Diskussionen der letzten Wochen hätte vermuten sollen. Ich sehe es exakt genauso: Religiosität kann adaptiv sein, OBWOHL sie voller Dummheiten ist oder sein kann. Natürlich kann man sich auch kluge Religiosität vorstellen, die nicht adaptiv ist. Aber es wäre doch sinnvoll, sich solche Art von Religiosität zu erarbeiten, die adaptiv ist, OHNE (Michael, Entschuldigung!) so viele "Dummheiten" (vom heutigen Standpunkt aus) zu enthalten. (Michael nennt sie glaube ich auch "Absurditäten", nach dem Motto: "Ich glaube, WEIL/oder obwohl es absurd ist.") Meiner Meinung nach repräsentieren die Anthroposophen ebenso wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Konrad Lorenz, Immanuel Kant, Hegel, Schelling, Hölderlin, Vincent van Gogh etc. pp. wesentliche Wegweiser auf dem Weg zu einer Religiosität, die ohne Absurdität auskommt.
"Herr Dahl,
die Einstein'sche Religiosität (sagen wir grob: Pantheismus) hat doch Richard Dawkins in "Gotteswahn" im ersten Kapitel behandelt."
Arthur Schopenhauer hat in Bezug auf Spinoza und Goethe einmal treffend gesagt, dass "Pantheismus" eigentlich nur ein vornehmerer Ausdruck für Atheismus sei. Denn was hat der Pantheismus noch mit dem traditionellen Theismus der Juden, Christen oder Muslime zu tun? Nichts, rein gar nichts!
"'Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben.' - Diesem Satz haben 58 % von 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern bejaht."
Ja, es scheint, als würde zumindest im Westen die traditionelle Religion mehr und mehr einer unorthodoxen Larifari-Religion weichen. Ich finde das einerseits bedauerlich, andererseits aber natürlich auch erfreulich.
Wie jemand aus der "kosmischen Ordnung" Sinn und Orientierung für sein Leben gewinnen kann, ist mir allerdings vollkommen schleierhaft. Die "kosmische Ordnung" ist schließlich kein persönlicher Gott, der den Menschen sagt, wie sie sich zu verhalten haben oder ihnen irgendwelche Hoffnungen auf ein ewiges Leben nach dem Tode macht.