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Fruchtbarer Glauben im Focus

von Michael Blume, 11. April 2009, 10:19

Fakten, Fakten, Fakten - und an die Leser denken. Getreu ihrem Motto enthält die heute (11.04.09) erschienene Ausgabe von Focus zwei Seiten zur Evolutionsforschung zur Religiosität. Dass der Wissenschaftsjournalist Christian Pantle promovierter Humanbiologe ist, zeigt sich dabei wohltuend. In Anlehnung an das Magazinmotto, für Leser des Artikels und natürlich auch sonstige Interessierte hier ein paar weiterführende Links sowie die Antworten zu drei häufig gestellten Fragen.

Weitergehende Darstellungen der Evolution von Religiosität finden Sie (per Klick ->) in "Homo religiosus" in Gehirn & Geist 03/2009 sowie, etwas trockener und umfangreicher, (per Klick ->) in Band 29 der Mitteilungen der BGAEU.

Religionsdemografische Daten z.B. zum Vergleich Europa - USA und Muslimen in der Türkei und Deutschland finden Sie z.B. im "religionsdemografischen Fanpost".

Einige weitere Fallstudien behandeln
- die Mormonen (kinderreich)
- die Amischen (extrem kinderreich)
- die Shaker (kinderlos)

Auch gibt es einen Beitrag zur Gretchenfrage (dem Vergleich des religiösen Verhaltens von Frauen und Männern).

Und wussten Sie schon, dass auch der Neandertaler religiöses Verhalten evolvierte?

Einen umfassenden Einblick in den Forschungs- und Diskussionsstand zu den genannten und vielen weiteren Themen bietet das Buch "Gott, Gene und Gehirn" von Rüdiger Vaas und mir, erhältlich u.a. im Buchhandel, im hiesigen Science-Shop und bei amazon.de.

Häufig gestellte Fragen

1. Beweist oder widerlegt die Evolutionsforschung zur Religiosität die Existenz Gottes?

Weder - noch. Wie jede empirische Wissenschaft bietet die Religionswissenschaft und Evolutionsforschung insgesamt nur immer weiter verbesserte Hypothesen auf Basis beobachteter (also stets vergangener!) Befunde, die dann durch noch bessere Hypothesen auf Basis auch neuer Befunde abgelöst werden. Absolute Wahrheiten können sie also gar nicht liefern. Die Evolutionsforschung zur Religiosität erkundet auch nicht die Existenz von Ahnen, Geistern, Göttern, Gott, sondern die biologischen Funktionen des beobachtbaren (und, wie wir inzwischen wissen, insgesamt erfolgreichen) religiösen Verhaltens.

Und die Diskussion hat gerade erst begonnen, ob und ggf. welche erkenntnistheoretischen, philosophischen und theologischen Folgen sich aus den Erkenntnissen ergeben.

2. Kommt es denn nur darauf an, wie nachdrücklich Religionsgemeinschaften ihre Anhänger zu Kinderreichtum auffordern?

Nein - sondern auch darauf, ob sie die Familien dann auch unterstützen.

Religionsgemeinschaften, deren Lehren sich zu Kindern gleichgültig oder gar ablehnend verhalten, überaltern ebenso wie solche, die Familien überfordern. "Ihr sollt viele Kinder haben, die Mutter für diese auf Karriere verzichten, der Vater alleine das Geld heranschaffen und in der Woche sind mindestens zwei Gottesdienste zu besuchen." führt beispielsweise in Industrie- und Wissensgesellschaften ohne flankierende Förderung schnell in den Geburtenrückgang, wie bei den europäischen Gemeinden der Neuapostolischen Kirche und Zeugen Jehovas zu beobachten. Dauerhaft hohe Geburtenraten erreichen nur jene Gemeinschaften, die zusätzlich zu Familienwerten auch Familieneinrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Stipendien usw. bereit stellen wie beispielhaft jüdische Gemeinden, einige Freikirchen usw.

3. Könnte Deutschland seine Geburten steigern, wenn die Deutschen wieder zu mehr Religiosität gezwungen würden?

Nein, im Gegenteil. Staatlicher Zwang ist der schnellste Weg, um religiöses Leben abzutöten. Heute ist z.B. im Iran die Religiosität viel schwächer ausgeprägt als in der Türkei. Warum?

Einerseits verlieren religiöse Signale wie Gebete, Kleidungs-, Speise- und Zeitgebote ihre Signalwirkung, wenn sie erzwungen werden - sie zeigen nur dann die Haltung der Glaubenden an, wenn sie freiwillig befolgt werden. Und zum zweiten erstarren Kirchen und Religionsgemeinschaften, wenn sie durch den Staat vor Konkurrenz geschützt werden. Warum auch sollten sie sich anstrengen (z.B. durch neue Gottesdienstformen und Familienangebote), wenn sie doch ohnehin ein Monopol haben? Erst im Wettbewerb setzen sie sich in Bewegung und gleichzeitig werden erfolgreiche Strategien voneinander abgeschaut.

Am Beispiel der USA ist sehr schön zu sehen: Auf Dauer entfaltet sich (auch demografisch) dynamische Religiosität am Besten unter den Bedingungen von Religionsfreiheit und gleichen Wettbewerbsbedingungen für alle Gemeinschaften.





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Kommentare

  1. Ingo B. @ Edgar
    13.04.2009 | 02:35

    Aber NATÜRLICH. NATÜRLICH stellt der Atheismus eine Gefahr dar. Atheisten destablisieren Gesellschaften weltweit. Zwar nur wenig mehr als all die Namenschristen (heute) aber immerhin, deutlich meßbar.

    Atheismus ist aber auch eine Gefahr für jede mögliche Form von Redlichkeit in menschlichem Denken. Ich wußte das früher immer, mir wird das jetzt erst allmählich wieder bewußt.

    Atheismus ist eine Gefahr, weil er so banal ist. Weil er substanz- und aussagelos ist. Perspektivlos. Geistlos. Unendlich viele Gründe.

    Wie kann ein Atheist lieben? Ich weiß es nicht. Er KANN es nicht. Liebe IST Religion. Das heißt: Wenn ein Mensch liebt, WIRKLICH liebt, kann er nicht Atheist sein. Unmöglich. Unmöglich. Ich wußte es immer. War aber nicht immer verliebt genug. DAS ist die Gefahr. Mangelnde Liebe. Sie erzeugt Atheisten. Sonst nichts.

  2. Ingo Bading Pro Reli
    13.04.2009 | 02:50

    Lieber Edgar,

    bei Pro Reli wußte ich lange Zeit auch nicht, wie ich mich entscheiden sollte. Insgesamt kam mir die Debatte zu BLÖD vor. (Welche Bedeutung hat HEUTE denn noch so ein oder zwei Wochenstunden Ethik- oder Religionsunterricht für Schüler bei DERartigen sonstigen Miterziehern in den Massenmedien.)

    Was mich aber schließlich ABGESTOSSEN hat, das war die Arroganz der ProReli-Vertreter, die so tun, als hätten sie die gesellschaftliche Weisheit mit Löffeln gefressen. Und was HABEN sie gefressen? GAR nichts. GAR nichts.

    In der Radio-Diskussion, die ich neulich hörte, haben mir die ProEthik-Leute VIEL besser gefallen. Sie sagten vor allem: ALLE Schüler müssen lernen, Werte und Normen SÄKULAR zu begründen, zu formulieren, zu diskutieren. GENAU DAS KÖNNEN (!!!!), ich sage: KÖNNEN aber oft Theologen gar nicht. Sie sind also ganz und gar fehl am Platz.

    Die Theologen sollen die FREIHEIT haben (ja, Michael) ihr zusätzliches (merkwürdiges, abstruses, ja) Programm anzubieten, ja. Aber den SÄKULAREN Diskurs, von diesem darf kein Schüler ausgeschlossen werden, dadurch daß er an einem im Kern ANTI-säkularen Diskurs teilnimmt. (- Anti-logischen Diskurs zudem, nicht wahr, Michael?)

    Das wurde mir klar. Ist von meiner Seite mehr ne Sache von "Stimmung" als wirklich klarer Rationalität. Die Rationalität sagt sich dauernd nur: Haben die nichts Wichtigeres, über was man abstimmen könnte? Wirklich nichts Wichtigeres?

  3. Petra Zugschwerdt kein Betreff
    13.04.2009 | 02:55

    Hallo, Michael.
    Hoffe, du läßt es dir während der Feiertage gut gehen. Es ist zwar nicht mein Fachgebiet, aber ich möchte dieses Mal auch was zur Diskussion in den Kommentaren schreiben.

    Zitat Michael Blume:"Wenn aber der Staat selbst im Zuge eines Zwangsunterrichtes Werteerziehung "gegen" die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften einrichtet, wird es kritisch." Entschuldigung, aber ist das nicht auch das Argument, welches die Kreationisten in Amerika bezüglich der Evolutionstheorie verwendet haben? Klingt für mich irgendwie danach ... aber vielleicht bin ich in dem Punkt auch nur hypersensibel.

    Daß eine größere Religionsvielfalt mehr Fundamentalisten zur Folge hat, halte ich persönlich für eine gewagte These. Schließlich kann es im Gegenzug auch passieren, daß ein einzelner Führer einer etablierten Weltreligion plötzlich behauptet, daß Kondome nicht gegen die Ausbreitung von Aids helfen. Wie viele Gläubige können durch diese einzelne Aussage zu Schaden kommen oder sterben, weil sie auf Kondome verzichten? Wäre da nicht eine größere Streuung der Religionen sinnvoll, damit nicht zu viele auf solche "Weisungen" von oben hören?

    Was gaaanz anderes: Du gehst ja immer gern darauf ein, daß religiöse Menschen mehr Nachwuchs haben. Das läßt mir jetzt schon seit Wochen(!) keine Ruhe und ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen. Es gibt tatsächlich eine Gesellschaftsgruppe, die unabhängig zum persönlichen religiösen Stand in ihrer Reproduktion im Vergleich sehr aktiv sind: LehrerInnen - da LehrerInnen in der Regel von Berufswegen kinderlieb sind (oder sein sollten). Hah! ;)

    Liebe Grüße und frohe Ostern!

  4. Erdlicht neue Gottesdienstformen?
    13.04.2009 | 07:57

    Gottesdienst ist lt. Überlieferung:
    Witwen, Waisen, Gefangene, Kranke, Fremde, aufsuchen,
    Jak 1,27; Mt 25,36; Mt 25,43;Lk 1,68; Lk 7,16; Mt 25,36; Mt 10,8;

    bzw. sie auch ins eigene Haus einladen.
    Lk 14,21

    Kinderbetreuung ergibt sich im Tausch.

    Der Staat mit der geringsten Geburtenrate ist der Vatikanstaat, mit 1-5 Kinder jährlich. Katholisch-Viagra gibt es nicht

    Shalom

  5. Edgar Dahl @ - Ingo B. "Atheismus als Gefahr"
    13.04.2009 | 13:23

    Das kann doch wohl nicht ihr Ernst sein! Werfen Sie einen Blick auf die atheistischsten Staaten Eurpoas, auf Dänemark, Norwegen und Schweden, - sind die dem Untergang geweiht?

  6. Edgar Dahl @ - Ingo B.: Banalität
    13.04.2009 | 13:26

    "Atheismus ist eine Gefahr, weil er so banal ist. Weil er substanz- und aussagelos ist. Perspektivlos. Geistlos. Unendlich viele Gründe."

    Das macht doch wohl wenig Sinn, oder? Wenn etwas wirklich "banal" ist, ist es doch bedeutungslos und kann daher auch keine Gefahr darstellen.

  7. Edgar Dahl @ - Ingo B.: "Liebe ist Religion!"
    13.04.2009 | 13:31

    Dies müssen Sie wohl etwas näher erläutern. Ist zum Beispiel jede Mutter, die ihr Kind liebt, "religiös"? Und wenn ja, welcher "Religion" gehört sie dann an - dem Judentum, dem Christentum, dem Islam, dem Jainismus, dem Hinduismus, dem Buddhismus...?

  8. Edgar Dahl @ - Ingo B.: Und schließlich...
    13.04.2009 | 13:40

    "Wie kann ein Atheist lieben? Ich weiß es nicht. Er KANN es nicht.!"

    Aha! Das heißt also, dass eine Frau, die Atheistin ist, weder ihren Mann noch ihr Kind lieben kann.

    Ihre "These" würde eine prima Titelgeschichte für den SPIEGEL abgeben.

    Sind Sie Christ? Und meinen Sie dann, dass es vor dem "Kreuzestod Jesu" keine Liebe gegeben haben kann? Und die griechischen Dramatiker wussten nicht, wovon sie schrieben?

  9. Edgar Dahl @ - Ingo Bading: "Pro Reli"
    13.04.2009 | 14:07

    Wie gesagt, will ich eigentlich erst noch den Gastbeitrag zu "Pro Reli" abwarten, bevor ich mich zu diesem Thema zu Worte melde. "Intuitiv" bin ich aber folgender Auffassung:

    Wie in Berlin, so sollte auch in allen anderen Bundesländern ein Weltanschauungsunterricht eingeführt werden. Deser Unterricht sollte über alle maßgeblichen Weltanschauungen, einschließlich der Weltreligionen, informieren, und zwar in neutraler, sozusagen religionswissenschaftlicher Weise. Im Zuge dieses Unterrichts werden die Schüler dann auch mit den Wert- und Moralvorstellungen der diversen Religionen vertraut gemacht. Letztlich sollte das Schwergewicht aber darauf beruhen, die Schüler auf eine pluralistische, freiheitlich-demokratische Gesellschaft vorzubereiten.

    Der eigentliche Religionsunterricht sollte dagegen außerhalb der Schule von den entsprechenden Religionsgemeinschaften organisiert, durchgeführt und finanziert werden. Wer Christ ist, schickt sein Kind in die Christenlehre; wer Muslim ist, schickt sein Kind in die Koranschule usw.

    Wäre dies nicht eine Lösung, mit der wir alle leben können?

  10. Ingo Bading @ Edgar - Pro Reli
    13.04.2009 | 15:37

    ja, Edgar, das ist genau das, was die Mehrheit des Berliner Senats auch möchte und wogegen Pro Reli Sturm läuft. Pro Reli will die WAHL-Möglichkeit, das heißt, daß Schüler ENTWEDER Ethik-Unterricht ODER Religionsunterricht wählen können sollen. Also STATT Ethik-Unterricht Religionsunterricht als Option wie in den alten Bundesländern.

    Übrigens: Ingo B. = Ingo Bading.

    Der Atheismus wird heutzutage viel zu wenig von Nichtchristen kritisiert. Deshalb glaubt er sich so in einer selbstverständlichen intellektuellen Allmacht-Position zu befinden (da ja christliche Gegenargumente ihm nicht wirklich etwas anhaben können).

    Da gibt es unglaublich viel, was einfach erst einmal nur gesprächlich aufbereitet werden muß, was durch die dauernden Kontroversen zwischen Atheisten und Monotheisten VÖLLIG ausgeblendet worden ist und wird. Habe mich natürlich dauernd nur ganz verkürzt ausgedrückt. Das bedürfte noch umfangreicher Klarstellungen.

    Aber das sind ganz tiefe Strömungen in der kulturellen Entwicklung. Ich behaupte, daß die großen Denker um 1900, um 1800 alle kirchenfrei waren aber KEINE Atheisten. War Hermann Hesse Atheist? War Jacob Burckhardt Atheist? War Rilke Atheist? War Theodor Storm Atheist? Usw. usf.. Noch nicht mal Nietzsche war Atheist. Man lese doch seine Gedichte. Unsere Kultur lebt aus ganz anderen weltanschaulichen Motivlagen (soweit sie noch lebendig IST).

    Ach, ein riesen Thema. Es wird zu viel Mißbrauch mit dem Wort Gott getrieben. Das haben die großen Denker alle vermieden. Das heißt aber nicht, daß das benannte Phänomen so leicht hinwegzudiskutieren ist.

  11. Michael Blume @ Petra Zugschwerdt
    13.04.2009 | 16:44

    Liebe Petra,

    danke für Deinen Beitrag und Deine Fragen, auf die ich gerne eingehe.

    (Staatlicher Zwangswerteunterricht). Entschuldigung, aber ist das nicht auch das Argument, welches die Kreationisten in Amerika bezüglich der Evolutionstheorie verwendet haben? Klingt für mich irgendwie danach ... aber vielleicht bin ich in dem Punkt auch nur hypersensibel.

    Die USA sind ein schönes Beispiel dafür, dass eine strikte Trennung von Kirche(n) und Staat eher verbindlichere (auch: extremere) Gruppen begünstigt. So gibt es keinen schulischen Religionsunterricht, der wird privat und auf Spendenbasis organisiert. Und mehr noch: Wer mit dem ganzen Schulsystem unzufrieden ist, hat auch das Recht auf Home Schooling. Die Folge: Kreationismus ist in den USA sehr viel stärker vertreten als in Deutschland, wo ihm z.B. auch Religionslehrer entgegen wirken.

    Allerdings tun wir den USA umgekehrt Unrecht, wenn wir ihnen vorwerfen, sie würden z.B. Religion und Naturwissenschaft nicht trennen. Sowohl im Scopes-Prozeß 1926 (vs. Kreationismus) wie auch im Dover-Prozess 2005 (vs. Intelligent Design) wehrten Gerichte Versuche ab, Religion in den Biologieunterricht einzuschmuggeln.

    Daß eine größere Religionsvielfalt mehr Fundamentalisten zur Folge hat, halte ich persönlich für eine gewagte These. Schließlich kann es im Gegenzug auch passieren, daß ein einzelner Führer einer etablierten Weltreligion plötzlich behauptet, daß Kondome nicht gegen die Ausbreitung von Aids helfen. Wie viele Gläubige können durch diese einzelne Aussage zu Schaden kommen oder sterben, weil sie auf Kondome verzichten? Wäre da nicht eine größere Streuung der Religionen sinnvoll, damit nicht zu viele auf solche "Weisungen" von oben hören?

    Oh ja, da gebe ich Dir völlig Recht - in den religiös vielfältigen USA sind zum Beispiel der Respekt und die Integrationsbereitschaft gegenüber Islam & Muslimen sehr viel größer als im säkularen Deutschland! (Vgl. Artikel "Yes, we believe" dazu hier im pdf:
    http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/982255 )

    Meine Sorge bezüglich Fundamentalismus bezog sich also in keiner Weise auf Vielfalt, sondern auf eine Abschaffung der staatlich mitfinanzierten, theologischen Fakultäten. An ihre Stelle würden privat organisierte und spendenfinanzierte Bibel-, Koran- etc.-Schulen treten.

    Was gaaanz anderes: Du gehst ja immer gern darauf ein, daß religiöse Menschen mehr Nachwuchs haben. Das läßt mir jetzt schon seit Wochen(!) keine Ruhe und ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen.

    Freut mich, dass Dich die Forschungsergebnisse so interessieren!
    :-)

    Es gibt tatsächlich eine Gesellschaftsgruppe, die unabhängig zum persönlichen religiösen Stand in ihrer Reproduktion im Vergleich sehr aktiv sind: LehrerInnen - da LehrerInnen in der Regel von Berufswegen kinderlieb sind (oder sein sollten). Hah! ;)

    Daten dazu liegen mir nicht vor - aber ich würde jede Wette eingehen, dass auch in der Lehrerschaft Kirchenmitglieder durchschnittlich kinderreicher sind als Konfessionslose und Religions- als Ethiklehrer. ;-)

  12. Edgar Dahl @ - Michael: Religionsunterricht
    13.04.2009 | 19:05

    "Meine Sorge bezüglich Fundamentalismus bezog sich also in keiner Weise auf Vielfalt, sondern auf eine Abschaffung der staatlich mitfinanzierten, theologischen Fakultäten. An ihre Stelle würden privat organisierte und spendenfinanzierte Bibel-, Koran- etc.-Schulen treten."

    Was ist daran auszusetzen, dass die Religionsgemeinschaften ihren Religionsunterricht selber organisieren und finanzieren? Ein "fundamentalistischer Erdrutsch in Deutschland? Aber welche Indizien sprechen dafür?

  13. Michael Blume @ Edgar: Erdrutsch
    13.04.2009 | 19:50

    Lieber Edgar,

    von einem "Erdrutsch" habe ich auch nichts geschrieben, sondern von einem absehbaren Erstarken verbindlicher und mittelbar auch fundamentalistischer Strömungen.

    Dafür sprechen die Erfahrungen sowohl aus den USA, teilweise aus Israel wie auch aus dem laizistischen Frankreich, in dem die Trennung von Kirche und Staat ebenfalls zu einem Nebeneinander säkularer und fundamentalistisch-abgeschlossener Milieus geführt hat (auch die Pius-Bruderschaft ist nicht zufällig vorwiegend französischsprachig begründet worden). Dass Präsident Sarkozy nun mit seinem Konzept des "positiven Laizismus" inkl. der halbstaatlichen Organisation auch des Islam die Wiederannäherung von Staat und Kirche(n) betreibt, ist wahrlich kein Zufall.

    Ohne besondere Überraschung nehme ich wahr, dass Du Dich (schon in der weltanschaulichen Auswahl des Gastbeitragenden zu ProReli) einerseits für einen staatlichen Zwangs"werte"unterricht, andererseits gegen den die gleichberechtigte Wahlfreiheit von Eltern und Schülern zwischen Ethik und Religionsunterricht an den Schulen positionierst. Die Regierung (in Berlin maßgeblich auch durch die SED-Nachfolgepartei geprägt) soll also wieder bestimmen dürfen, welche Weltanschauung den Kindern per Zwang, ohne Wahlmöglichkeit und mit versetzungsrelevanter Benotung vermittelt wird...

    Mach das ruhig - aber benutze bitte, bitte dann nicht auch noch das freiheitliche Wort "libertär" für ein Konzept, in dem sich der Staat auch noch die Werteerziehung per Zwang und auch gegen den Willen von Eltern und Kindern an sich reißt...

  14. Edgar Dahl @ - Michael: Religionsunterricht
    13.04.2009 | 21:16

    "...benutze bitte, bitte dann nicht auch noch das freiheitliche Wort 'libertär' für ein Konzept, in dem sich der Staat auch noch die Werteerziehung per Zwang und auch gegen den Willen von Eltern und Kindern an sich reißt..."

    Lieber Michael, dies ist starker Tobak. Und das weisst Du auch. Erinnern wir uns doch einmal daran, wie alles anfing. Es fing damit an, dass die Kirche den Staat erpresst und dazu genötigt hat, allen Kindern "Religionsunterricht" zu erteilen. Als sich mehr und mehr Eltern dafür aussprachen, dass der staatlich verordnete Religionsunterricht fakultativ sein sollte, hieß es, dass Kinder dann - und nur dann! - vom Religionsunterricht befreit werden dürfen, wenn sie stattdessen Ethikunterricht nehmen. Die Implikation war klar: Ohne Religion kann man keine Moral haben - es sei denn, man zwingt den Kindern der Atheisten einen eigenen "Werteunterricht" auf.

    War das liberal? War das fair? War das rechtsstaatlich?

    Auch als Liberaler sehe ich nicht, dass der Staat die Freiheit seiner Bürger ungebührlich beschneidet, wenn er ihren Kindern in der Schule neben Mathematik und Deutsch auch die Grundwerte vermittelt, die unserer Verfassung zugrunde liegen, und dies um so mehr, als die Zahl der Einwanderer, die mit den Werten freiheitlicher Demokratien nicht vertraut sind, ständig wächst.

    Welches Problem hast Du damit?

  15. Edgar Dahl @ - Michael: Fairness
    13.04.2009 | 21:37

    Vielleicht bin ich ja überempfindlich, doch mitunter habe ich den Eindruck, dass Du mir gegenüber nicht ganz fair argumentierst. Als ich Prof. Lehnert dazu eingeladen habe, einen Gastbeitrag zu "Pro Reli vs. Pro Ethik" zu schreiben, hatte ich noch in keiner Weise Partei ergriffen. Ich habe ausdrücklich gesagt, dass ich noch unentschieden bin, weil ich nicht alle relevanten Fakten kenne. Dass ich mit Lehnert ein Mitglied der Humanistischen Union eingeladen habe, erlärt sich einfach daraus, dass ich naturgemäß eher Atheisten kenne und er zudem aktiv an der Diskussion beteiligt ist. Ich bin sicher, es wird eine gute Diskussion. Und Du kannst dann Prof. Lehnert, unsere Leser und mich mit Argumenten von "Pro Reli" überzeugen, ohne zu Tiefschlägen anzuholen, wie mich in die Nähe ehemaliger SED-Leute zu rücken.

  16. Michael Blume @ Edgar: Grundwerte
    13.04.2009 | 21:59

    Lieber Edgar,

    selbstverständlich ist gegen die Vermittlung von "Grundwerten" überhaupt nichts einzuwenden - wohl aber gegen vollumfänglichen, versetzungsrelevanten und staatlich verordneten Weltanschauungsunterricht, von dem man sich (im Gegensatz zum Religions- bzw. Ethikunterricht nach unserem Grundgesetz) dann eben "nicht" mehr abmelden kann, zu dem es keine Wahlfreiheit mehr gibt. Ein Stück Zwang wird wieder eingeführt, wie es ihn zuvor nur in den beiden deutschen Diktaturen gegeben hat - und auf Betreibuen einer Partei, deren Vorläuferin eine dieser Diktaturen direkt verantwortete. Wie bringst Du die Unterstützung dieser Forderung ernsthaft mit einem Bekenntnis zur Freiheit, ja zum staatskritischen Libertarianismus zusammen, Edgar? Es ist das Ende von einem (weiteren) Stück Freiheit von Eltern, Kindern, Familien. Sie sollen von der Religion befreit und in Richtung einer "besseren" Weltanschauung erzogen werden, ob sie das wollen oder nicht.

    Aber mit dem Focus-Artikel hat das ja nun wahrlich nichts mehr zu tun. Lass uns das Thema doch am Besten ausführlich diskutieren, sobald der humanistische Gastbeitrag in Deinem Blog erschienen ist.

    Herzliche Grüße!

  17. Michael Blume @ Edgar: Libertär & SED
    13.04.2009 | 22:12

    Lieber Edgar,

    habe Deinen letzten Beitrag gerade gelesen. Nein, selbstverständlich rücke nicht ich Dich in die Nähe von SED-Leuten (wir bzw. unsere Familien haben schließlich beide unter dieser Diktatur gelitten), sondern beobachte nur Dein Ringen zwischen der Abneigung gegen Religion(en) und der Wertschätzung von Freiheit. Letztlich befindest Du Dich derzeit in dem sehr interessanten Spannungsfeld, das F.A. von Hayek zwischen dem kontinental-rationalistischen und angelsächsischem Freiheitsbegriff gesehen hat:
    http://docs.mises.de/...litischer_Liberalismus.pdf

    Ich sehe, wie sich die Waagschale beginnt zu neigen (von Dir sehr schön formuliert: Als Atheist kennst Du eben v.a. Vertreter dieser Richtung) und bin voller Respekt und Sympathie gespannt, wohin Diskussion und Weg führen.

    Herzliche Grüße!

  18. Edgar Dahl @ - Michael: Liberalismus
    13.04.2009 | 22:43

    "Wie bringst Du die Unterstützung dieser Forderung ernsthaft mit einem Bekenntnis zur Freiheit, ja zum staatskritischen Libertarianismus zusammen, Edgar? Es ist das Ende von einem (weiteren) Stück Freiheit von Eltern, Kindern, Familien. Sie sollen von der Religion befreit und in Richtung einer "besseren" Weltanschauung erzogen werden, ob sie das wollen oder nicht."

    Ich denke, ich habe diese Frage bereits beantwortet. Ich verstehe nicht, warum Du Dich in dieser Angelegenheit so schwer tust. Erstens nimmt niemand den Eltern die Freiheit, ihre Kinder in ihrem Glauben zu erziehen. Christen können ihre Kinder christlich, Muslime können ihre Kinder muslimisch und Juden können ihre Kinder jüdisch erziehen. Der Staat mischt sich in die religiöse Erziehung der Eltern überhaupt nicht ein. Zweitens will der Staat niemanden von der Religion "befreien". Er hält es lediglich für geboten, dass Kinder neben ihrer religiösen Erziehung auch eine säkulare Erziehung erhalten, die sie mit den Grundwerten unserer Verfassung vertraut macht - dazu gehören Toleranz, Religionsfreiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit. Gegen eine solche Erziehung ist kaum etwas einzuwenden, zumal wir alle wissen, dass sich die Religionen mit der Praxis der Toleranz und der Respektierung der Menschenrechte eher schwer tun.

  19. Edgar Dahl @ - Michael: "Fruchtbarer Glaube"
    14.04.2009 | 01:58

    Lieber Michael, ich will Dir Deine Diskussionsrunde hier nicht streitig machen, doch ich setze jetzt einen kurzen Kommentar zu dem FOCUS Artikel auf meinen Blog. Ich betrachte dies als einen ersten Schritt auf dem Wege zu unserer geplanten Debatte bei "Aufklärung und Kritik".

  20. Petra Zugschwerdt Auf zu Runde 2!
    14.04.2009 | 11:32

    Habe mir wirklich lange genug den Kopf darüber zerbrochen und DU bist dran schuld :D

    "Daten dazu liegen mir nicht vor - aber ich würde jede Wette eingehen, dass auch in der Lehrerschaft Kirchenmitglieder durchschnittlich kinderreicher sind als Konfessionslose und Religions- als Ethiklehrer. ;-)" DAS sollte erstmal geprüft werden ;)

    Allerdings sollte man vielleicht bei einer Zählung des Nachwuchs der religiösen Menschen nicht die Geographie der Religion vergessen. Sehr religiöse Menschen leben nach meinen Erfahrungen häufig in eher ländlichen Gegenden (wo der Hase und der Fuchs sich noch "Gute Nacht!" sagen) ... dort gibt es oft nicht viel Freizeitbeschäftigungsmöglichkeiten.

    Dieses BabyBoom-Erlebnis 2006 neun Monate nach dem wochenlangen Stromausfall in NRW zeigt, was mangelnde Freizeitgestaltung zur Folge haben kann. Ob da Religion eine Rolle spielte, wage ich zu bezweifeln. :)

    Ansonsten stimme ich Edgar Dahl bei seinem zuletzt genannten Argument zu "Er hält es lediglich für geboten, dass Kinder neben ihrer religiösen Erziehung auch eine säkulare Erziehung erhalten, die sie mit den Grundwerten unserer Verfassung vertraut macht - dazu gehören Toleranz, Religionsfreiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit. Gegen eine solche Erziehung ist kaum etwas einzuwenden, zumal wir alle wissen, dass sich die Religionen mit der Praxis der Toleranz und der Respektierung der Menschenrechte eher schwer tun." DAS ist ein wirklich guter Punkt in der Angelegenheit!

szmtag