Fruchtbarer Glauben im Focus
Fakten, Fakten, Fakten - und an die Leser denken. Getreu ihrem Motto enthält die heute (11.04.09) erschienene Ausgabe von Focus zwei Seiten zur Evolutionsforschung zur Religiosität. Dass der Wissenschaftsjournalist Christian Pantle promovierter Humanbiologe ist, zeigt sich dabei wohltuend. In Anlehnung an das Magazinmotto, für Leser des Artikels und natürlich auch sonstige Interessierte hier ein paar weiterführende Links sowie die Antworten zu drei häufig gestellten Fragen.
Weitergehende Darstellungen der Evolution von Religiosität finden Sie (per Klick ->) in "Homo religiosus" in Gehirn & Geist 03/2009 sowie, etwas trockener und umfangreicher, (per Klick ->) in Band 29 der Mitteilungen der BGAEU.
Religionsdemografische Daten z.B. zum Vergleich Europa - USA und Muslimen in der Türkei und Deutschland finden Sie z.B. im "religionsdemografischen Fanpost".
Einige weitere Fallstudien behandeln
- die Mormonen (kinderreich)
- die Amischen (extrem kinderreich)
- die Shaker (kinderlos)
Auch gibt es einen Beitrag zur Gretchenfrage (dem Vergleich des religiösen Verhaltens von Frauen und Männern).
Und wussten Sie schon, dass auch der Neandertaler religiöses Verhalten evolvierte?
Einen umfassenden Einblick in den Forschungs- und Diskussionsstand zu den genannten und vielen weiteren Themen bietet das Buch "Gott, Gene und Gehirn" von Rüdiger Vaas und mir, erhältlich u.a. im Buchhandel, im hiesigen Science-Shop und bei amazon.de.
Häufig gestellte Fragen
1. Beweist oder widerlegt die Evolutionsforschung zur Religiosität die Existenz Gottes?
Weder - noch. Wie jede empirische Wissenschaft bietet die Religionswissenschaft und Evolutionsforschung insgesamt nur immer weiter verbesserte Hypothesen auf Basis beobachteter (also stets vergangener!) Befunde, die dann durch noch bessere Hypothesen auf Basis auch neuer Befunde abgelöst werden. Absolute Wahrheiten können sie also gar nicht liefern. Die Evolutionsforschung zur Religiosität erkundet auch nicht die Existenz von Ahnen, Geistern, Göttern, Gott, sondern die biologischen Funktionen des beobachtbaren (und, wie wir inzwischen wissen, insgesamt erfolgreichen) religiösen Verhaltens.
Und die Diskussion hat gerade erst begonnen, ob und ggf. welche erkenntnistheoretischen, philosophischen und theologischen Folgen sich aus den Erkenntnissen ergeben.
2. Kommt es denn nur darauf an, wie nachdrücklich Religionsgemeinschaften ihre Anhänger zu Kinderreichtum auffordern?
Nein - sondern auch darauf, ob sie die Familien dann auch unterstützen.
Religionsgemeinschaften, deren Lehren sich zu Kindern gleichgültig oder gar ablehnend verhalten, überaltern ebenso wie solche, die Familien überfordern. "Ihr sollt viele Kinder haben, die Mutter für diese auf Karriere verzichten, der Vater alleine das Geld heranschaffen und in der Woche sind mindestens zwei Gottesdienste zu besuchen." führt beispielsweise in Industrie- und Wissensgesellschaften ohne flankierende Förderung schnell in den Geburtenrückgang, wie bei den europäischen Gemeinden der Neuapostolischen Kirche und Zeugen Jehovas zu beobachten. Dauerhaft hohe Geburtenraten erreichen nur jene Gemeinschaften, die zusätzlich zu Familienwerten auch Familieneinrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Stipendien usw. bereit stellen wie beispielhaft jüdische Gemeinden, einige Freikirchen usw.
3. Könnte Deutschland seine Geburten steigern, wenn die Deutschen wieder zu mehr Religiosität gezwungen würden?
Nein, im Gegenteil. Staatlicher Zwang ist der schnellste Weg, um religiöses Leben abzutöten. Heute ist z.B. im Iran die Religiosität viel schwächer ausgeprägt als in der Türkei. Warum?
Einerseits verlieren religiöse Signale wie Gebete, Kleidungs-, Speise- und Zeitgebote ihre Signalwirkung, wenn sie erzwungen werden - sie zeigen nur dann die Haltung der Glaubenden an, wenn sie freiwillig befolgt werden. Und zum zweiten erstarren Kirchen und Religionsgemeinschaften, wenn sie durch den Staat vor Konkurrenz geschützt werden. Warum auch sollten sie sich anstrengen (z.B. durch neue Gottesdienstformen und Familienangebote), wenn sie doch ohnehin ein Monopol haben? Erst im Wettbewerb setzen sie sich in Bewegung und gleichzeitig werden erfolgreiche Strategien voneinander abgeschaut.
Am Beispiel der USA ist sehr schön zu sehen: Auf Dauer entfaltet sich (auch demografisch) dynamische Religiosität am Besten unter den Bedingungen von Religionsfreiheit und gleichen Wettbewerbsbedingungen für alle Gemeinschaften.
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Davon bin ich zwar kein großer Fan (und auch in Berlin wird der jeweilige freiwillige Unterricht fast vollständig vom Senat bezahlt), verblasst aber für mich vor dem anderen Berg an finanziellen Zuwendungen und Privilegien, die Kirchen hier eingeräumt werden, die weit über die Kirchensteuereintreibung des Staates hinausgeht -- insbesondere die Sonderrecht im Tarifrecht und die daraus abgeleitete Diskriminierung der Angestellten, die nicht nach kirchlichem Lebensmodell leben wollen oder können. Kirchen können von mir aus gerne Wiederverheiratete oder Homosexuelle nicht beschäftigen wollen; dann aber selbstfinanziert. Wenn ein Gewerbebetrieb staatliche Zuschüsse in Anspruch nimmt, müssen auch staatliche Normen im Diskriminierungsschutz gelten.
Für den lieben Frieden bin ich dann auch eher bereit, freiwilligen Religionsunterricht mitzutragen, wenn der allen Religionen und Weltanschauungen offen steht und die Lehrinhalte dafür, wie bisher, behördlich kontrolliert werden.
Lieber kamenin,
auch ich gehe davon aus, dass es ProReli schwer haben wird - auch wegen der trickreichen Verlagerung der Abstimmung auf einen chancenarmen Sonntag. Und die Welt wird wegen Zwangsethikunterricht auch nicht untergehen. Aber schade finde ich (als Vater) die zunehmende staatliche Bevormundung schon - und bin froh, dass sich Hunderttausende Berliner dem tapfer entgegenstellen. Das ist Demokratie!
Zur Finanzierung: Dann darf ich also davon ausgehen, dass Du und Edgar Dahl auch die Zuwendungen an die Humanistischen Verband in Berlin ablehnen!? Der erhält (mit rund 4.000 Mitgliedern) derzeit allein für seinen Lebenskunde-Unterricht 12 Millionen Euro pro Jahr, plus weiterer staatlicher Zuwendungen in Millionenhöhe! Und das bei gerade einmal knapp über 4.000 Mitgliedern! (Abgesehen davon, dass der HVD-Vorsitzende Osuch derzeit unter gravierenden Verdacht geraten ist...)
Wenn wir einmal einen Beitrag von Dir oder Edgar zur Abschaffung der staatlichen Finanzierung auch des Humanistischen Verbandes lesen würden, wäre Eure Kritik auch an den staatlichen Kirchenzuschüssen viel glaubwürdiger! Und die USA zeigen ja: Eine strikte Trennung von Kirche(n) und Staat schadet den Religionen ganz und gar nicht...
Lasst uns die ProReli-Debatte also doch bitte mit dem Gastbeitrag in "Libertarian" weiterführen. Ich sehe wirklich nicht, wo sie noch mit der Evolutionsforschung zur Religiosität zu tun hätte!
Der vom Humanistischen Verband freiwillig angebotene Lebenskunde-Unterricht wird nach demselben Muster finanziert wie alle anderen weltanschaulichen Unterrichte. Er betrifft auch nur den Unterricht, der übrigens (trotz nur 4000 Mitglieder, in dem Zusammenhang vollkommen irrelevant) weit häufiger in Anspruch genommen wird als katholischer, muslimischer oder jüdischer Religionsunterricht. Bezuschusst wird dadurch auch allein der Unterricht, eine "staatliche Finanzierung" des HVD ist das wohl kaum.
In welche Äußerungen liest Du hinein, dass ich eine finanzielle Bevorzugung des HVD gegenüber den Kirchen von staatlicher Seite vertreten würde? Mit der Finanzierung des Religonsunterrichts fallen natürlich auch alle Anlässe, anderen weltanschaulichen Unterricht nach denselben Regeln zu bezuschussen.
Es gab nie einen Termin am 7. Juni, sondern nur einen Wunsch von ProReli, also auch keine "Verlagerung" des Termins. "Trickreich" schon gar nicht, weil ein wichtiges Kriterium für einen erfolgreichen Volksentscheid ist, dass genug Leute sich zumindest so sehr für das Thema engagieren, sich in die Wahllokale zu begeben. Eine Zusammenlegung mit anderen Wahlen wäre eine Ungleichbehandlung gegenüber den bisher durchgeführten Volksentscheiden.
Und zum letzten Punkt: ProReli als mutigen Widerstand Hunderttausender Berliner gegen staatliche Unterdrückung darzustellen, ist eine Illusion. Fakt ist, dass 135.000 Berliner eine einzelne wie auch immer informierte oder überlegte Unterschrift an den unzähligen Ständen in den Fußgängerzonen, U-Bahn-Stationen, vor den Weihnachtsgottesdiensten etc. geleistet haben. Das ist ja bewertender Interpretation offen, aber "mutiges Engagement" und "Hunderttausende, die sich wehren" gegen "Einschränkung der Religionsfreiheit" -- scheint mir ein wenig übers Ziel hinauszuschießen.
Schön, dass wir uns in immer mehr Punkten einig werden!
Wegen Wowereit-"Trickserei" - dafür ist er ja sogar aus der eigenen Partei gescholten worden, zumal der Termin Ende April 1,4 Mio. Euro Extrakosten verursacht (das Jahresnettogehalt Dutzender Facharbeiter!) - und das in einer Stadt, die Jahr für Jahr auf massive Finanzhilfen angewiesen ist!
Ein Stimmungsbild (mit der Kritik auch aus der eigenen Fraktion) z.B. hier:
http://www.moz.de/.../Berlin_Brandenburg/id/264521
Und ist es nicht interessant, dass Du 40.000 Schüler beim humanistischen Unterricht als Erfolg betrachtest (das finde ich auch beachtlich und begrüße den Wettbewerb und die Wahlfreiheit!) - aber 3,5 Mal so vielen, erwachsenen Unterstützern des Volksbegehrens (denn die betroffenen Kinder dürfen ja nicht abstimmen) absprichst, eine wichtige und Ernst zu nehmende Stimme der Berliner Bürgerschaft zu sein? Naja, schon klar - es sind ja nur religiöse Menschen...
Da diese Diskussionen u.a. in Edgars Blog ja weitergeführt werden und es bei "Natur des Glaubens" um Wissenschaft und nicht um Berliner Stadtpolitik, geht möchte ich noch einmal darum bitten, ProReli und ProEthik anderswo weiter zu diskutieren. Mit dem Focus-Bericht und Evolutionsforschung zur Religiosität hat das alles hier ja beim besten Willen nichts mehr zu tun...
"Erfolg" habe ich nirgendwo geschrieben -- das unterstellst Du mir, genau wie Du mir in Deinem höhnischen Nachsatz was unterschiebst.
Aber wenn Du vergleichen willst, dann ja: 45.000 aus 330.000 (Gesamtschülerzahl) ist eine deutlich höhere Quote als 135.000 aus 3,4 Millionen. Und das nötige Engagement für den Besuch eines mehrjährigen freiwilligen Unterrichts schätze ich auch höher ein als den für das Ableisten genau einer Unterschrift an einem Straßenstand.
Oh, dann gilt das "Engagement" der zehntausenden Kinder, die einen Religionsunterricht besuchen, für Dich auch als bewundernswert? Ach ne, das sind ja wieder nur religiöse Menschen...
Komm, lassen wir es gut sein. Ich erkenne einfach Dein Vorrecht als Berliner an, mit SPD und SED-Nachfolgepartei die Wahlfreiheiten andersglaubender Menschen einschränken zu dürfen (wogegen ich nur einer der deutschen Steuerzahler bin, der diese Politik Berlins mitfinanzieren darf) und wünsche mir dafür nur, in meinem Blog endlich wieder über Wissenschaft statt Politik diskutieren zu dürfen, okay!? :-)
Ja klar. Belassen wir es dabei, dass Du mir gerade noch mal unterstellst, dass ich die Wahlfreiheit Andersgläubiger einschränken will, obwohl niemand die Wahl eines Religionsunterrichts (und auch nicht der ironischerweise genau so betroffenen Humanistischen Lebenskunde) eingeschränkt hat, mir wieder ohne Anlass eine Verhöhnung Religiöser unterschiebst und mich zum Abschluss noch in SED-Nähe zu rücken versuchst. Schönes Schlusswort.
Sachliche Feststellung:
Belassen wir es dabei, dass Du mir gerade noch mal unterstellst, dass ich die Wahlfreiheit Andersgläubiger einschränken will, obwohl niemand die Wahl eines Religionsunterrichts (und auch nicht der ironischerweise genau so betroffenen Humanistischen Lebenskunde) eingeschränkt hat, ...
1. Du unterstützt einen Ethikunterricht, von dem man sich nicht mehr (wie früher und noch immer in den meisten, freiheitlicheren Bundesländern) wahlweise zugunsten beispielsweise des Religionsunterrichts abmelden kann. Das ist eine Einschränkung der Wahlfreiheit von Eltern und Kindern, gegen die sich viele Berliner wehren.
...mir wieder ohne Anlass eine Verhöhnung Religiöser unterschiebst
2. Nein, Du verhöhnst religiöse Menschen nicht. Allerdings kannst Du ja selber noch einmal nachlesen, wie Du ihre Unterschriften (als erwachsene Menschen) oder ihren Besuch des Religionsunterrichtes (bei Kindern) im Vergleich zum "Engagement" der Humanisten subtil bewertet hast... Auf diesen Bias habe ich mir erlaubt hinzuweisen.
...und mich zum Abschluss noch in SED-Nähe zu rücken versuchst.
3. Ich habe darauf hingewiesen, dass die derzeitige, von Dir unterstützte Regelung von einer Regierung mitbeschlossen wurde, an der die SED-Nachfolgepartei führend beteiligt ist - die noch vor wenigen Jahrzehnten gerade in Berlin Menschen aufgrund ihrer Religion, Weltanschauung oder auch einfach nur Sehnsucht nach Freiheit verfolgen ließ (darunter meine Familie). Die unter atheistischer Ideologie betriebenen Gefängnisse (z.B. Höhgenschönhausen) kann man übrigens besuchen. Dass Du mit einigen religionspolitischen Forderungen dieser Partei konform gehst, nehme ich mit Bedauern zur Kenntnis, unterstelle Dir oder sonstwem aber darüber hinaus keine "SED-Nähe". Und bin von den neuerlichen Enthüllungen um den Humanistischen Landesvorsitzenden Osuch selbst überrascht und bestürzt, so wie viele Sozialdemokraten und Teile des regierenden Berliner Senates auch:
http://www.morgenpost.de/...langt_Aufklaerung.html
Das alles macht keineswegs jeden Humanisten zum SED-Sympathisanten, aber auf die engen historischen, ideologischen und personellen Verflechtungen werde ich wohl doch hinweisen dürfen (ohne sie Dir vorzuwerfen). Ich wünsche mir links und religionskritisch eine ebenso gründliche Aufarbeitung der Geschichte wie rechts und fundamentalistisch, billiger ist Freiheit auch des Andersdenkenden m.E. nicht zu haben.
Schönes Schlusswort.
Von mir aus muss es auch kein Schlusswort sein, bei Edgar ("Libertarian") wird der weltanschauliche Zwangsunterricht doch in einem eigenen Gastbeitrag diskutiert wohlwollend empfohlen werden - und da schreibe ich dann auch gerne was dazu. Es hat nur einfach nichts mit dem Thema hier zu tun.
Beste Grüße!
Ich erweis Dir mal einen Liebesdienst und übersetze Deinen SED-Abschnitt ins Umgekehrte. Dann kannst Du vielleicht einerseits überprüfen, was Du hier offensichtlich als sachliche Argumentation meinst, und andererseits Dir Gedanken machen, wieso Du da immer wieder mit Atheisten zusammenrauscht und das Ganze manchmal etwas feindselige Formen annimmt (natürlich nur von den Atheisten). Viel Spaß:
Ich möchte darauf hinweisen, dass die von Dir gewünschte und in anderen Bundesländern umgesetzte Regelung von Religion als ordentliches Unterrichtsfach von einer deutschen Regierung mitbeschlossen wurde, die noch vor wenigen Jahrzehnten Menschen aufgrund ihrer Religion, Abstammung oder auch einfach nur Sehnsucht nach Freiheit verfolgen ließ, darunter auch Freidenker, Atheisten, Demokraten. Die KZs der das Konkordat verantwortenden Ideologen kann man übrigens besuchen. Natürlich bedauere ich sehr, dass Du mit einigen Regelungen der nationalsozialistischen Religionspolitik konform gehst, unterstelle Dir oder sonstwem natürlich keine Nähe zum Nazi-Regime. Und die Tatsache, dass Du (wie ich) heute als Steuerzahler dafür aufkommen musst, dass unter anderem Politiker der CDU (aufgegangen unter anderem aus dem katholischen Zentrum, den Dafürstimmern des Ermächtigungsgesetzes) die Berliner Banken an die Wand gefahren haben, finde ich mehr als nur skandalös.
Das alles macht keineswegs jeden Religiösen zum Nazi-Sympathisanten, aber auf die engen historischen, ideologischen und personellen Verflechtungen zwischen Zentrum und CDU und dem Konkordat und den heutigen Religionsgesetzen werde ich doch wohl hinweisen dürfen (ohne sie Dir vorzuwerfen). Ich wünsche mir konservativ und religiös eine ebenso gründliche Aufarbeitung der Geschichte wie links und sozialistisch, billiger ist Freiheit auch des Andersdenkenden m.E. nicht zu haben.
Klingt das irgendwie absurd, überspannt oder diffamierend? Das wäre doch schade, aber vielleicht mal ein Einblick. Und gegen Polemik habe ich gar nichts, dann aber nicht so tun, als führe man gerade eine sachliche Diskussion.
Ach ja, nur als Richtigstellung: ich gehe nicht konform mit Forderungen irgendeiner SED-Nachfolgepartei. Ich unterstütze einen vom Bundesverfassungsgericht als eindeutig verfassungskonform und dem freiheitlichen Staat zur Förderung der demokratisch-freiheitlichen Grundsätze offenstehend beurteilten Status Quo. Es wurde ausdrücklich festgestellt, dass der Ethikunterricht weder die Religionsfreiheit beeinträchtigt, noch der Besuch eines Religionsunterrichts dadurch erschwert würde.
Ich erinnere dich mal an eine alte Diskussion, in der Du einer Gruppe aufgebrachter Brights Nachhilfe im Verfassungsrecht angeboten hast, weil eine religiöse Praxis an Säuglingen nie beim BVerfG vorliegend und damit nicht verboten war. Vielleicht nimmst Du hier mal zur Kenntnis, dass es eine eindeutige Entscheidung des BVerfG gibt.
http://www.biblebell.org/mbag/mailbagag.html :-)
PS: Viel spannender als diese Diskussion finde ich ja die Vorwürfe von Rüdiger Vaas, der unter der Überschrift "KEIN Selektionsvorteil behauptet" dem FOCUS-Autor vorwirft, die Aussagen seines Buches tendenziös verdreht zu haben. (Zitat: "Überhaupt ist ein Sachbuch wie "Gott, Gene und Gehirn" nicht der Ort für persönliche "Behauptungen". [...] Wenn durch sekundäre und tertiäre Rezeptionen (wer hat das Buch eigentlich ganz gelesen?!) und aufgrund von unterschiedlichen Darstellungen und Interessen der Autoren ein anderer Anschein erweckt würde, wäre das bedauerlich.")
Ist an diesen Vorwürfen (gegen den FOCUS-Autor) etwas dran? Was meint der Ko-Autor?
Lieber Kamenin,
1. Wurde und wird religiösen Menschen und Evolutionsforschern sehr gerne von Kritikern Nähe zur NS-Ideologie unterstellt. Das ist ja nun wirklich nicht neu!
2. Wenn ich die Religionspolitik einer Regierung unterstützen würde, an der die NS-Nachfolgepartei direkt beteiligt ist, würdest Du das sicher erwähnen, nicht wahr? Und die Einführung des Zwangsunterrichtes auch gegen die Proteste von Eltern und Kindern erfolgte nun einmal mit den Stimmen der Linkspartei...
Lieber Thilo,
Rüdiger hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass wir im Buch sehr sorgsam zwischen nachgewiesenen, adaptiven Effekten und der (starken) These, Religiosität wäre eine Adaptation unterscheiden - und das letzte nicht behaupten!
Entsprechend musste sich Edgar schon im Bezug auf das Buch korrigieren - und auch im Focus-Artikel steht nichts von Adaptation. Ich habe in Edgars Blog inzwischen sogar eine Diskussion mit ihm selbst verlinkt, in dem ich ihm bereits darlegte, warum auch ich ausdrücklich nicht behaupte, die Adaptationshypothese sei erwiesen. Insofern präsentiert "Fruchtloser Glaube" eine klassische Strohpuppe, schade.
Also: Nichts dran auch an diesen Vorwürfen, im Gegenteil - ein weiterer Fall von: Wissenschaft erst verfälscht darstellen um sie dann zu "widerlegen"...
Beste Grüße!
Lieber kamenin,
die Einführung des Zwangsunterrichtes wurde von einer Regierung aus SPD und SED-Nachfolgepartei gegen die Proteste von Eltern und Kindern beschlossen - und wird von Dir, wie Du gerade noch einmal betont hast, unterstützt.
Was ist denn an dieser Feststellung falsch? Und wo habe ich je behauptet, dass diese m.E. sehr kritikwürdige Einschränkung der Wahlfreiheit von Bürgerinnen und Bürgern gegen die Verfassung verstößt? Dann hätte das BVerfG diese Praxis doch gestoppt und es bräuchte kein Volksbegehren. Demokratie besteht im Regelfall doch darin, dass Alternativen innerhalb des breiten Verfassungsrahmens diskutiert werden.
Du unterstützt den Beschluss von SPD und SED-Nachfolgepartei, gegen den sich große Teile der Opposition und ein Volksbegehren wehren. Das stellte ich ganz nüchtern und sachrichtig fest und empfehle zum wiederholten Mal, dass wir diese Diskussion dann gerne bei Edgar inhaltlich weiter führen.
hatte ich den Kommentar von Rüdiger Vaas durchaus. Seine Vorwürfe bezogen sich (natürlich) nicht auf das Buch, sondern auf den FOCUS-Artikel, der (seiner Meinung nach) den Inhalt des Buches nicht adäquat wiedergeben würde.
Rüdiger Vaas schließt im von Ihnen verlinkten Kommentar zu Recht nicht aus, dass ich oder der Wissenschaftsjournalist des Focus zur Adaptationsthese eine andere Auffassung widergeben könnten als in Gott, Gene und Gehirn von uns formuliert. Und selbst wenn es so gewesen wäre, wo wäre denn das Problem???
Es ist aber nicht einmal so: Weder in meinen Beiträgen noch im Focus-Artikel ist die Rede davon, dass Religiosität erwiesenermaßen eine Adaptation sei, ich habe genau dies in einer Diskussion mit Edgar Dahl sogar erst kürzlich betont:
http://www.chronologs.de/...taler./page/5#comments
Vielmehr gilt, was der Rezensent von Spektrum der Wissenschaft auch völlig richtig erkannt hat: Wir betrachten die Adaptationsthese als "nicht widerlegt" und halten i.Ü. weitere Forschung für nötig.
Im Bezug auf das Buch hat Edgar seinen Irrtum übrigens bereits eingeräumt und ich gehe davon aus, dass er auch die Größe besitzt, auch im Bezug auf den Focus-Artikel und unserer Diskussion zuzugeben, dass da seinerseits etwas falsch aufgefasst wurde.
Gerne steht es Ihnen im Übrigen auch frei, die Texte selbst einzusehen. Auch an Ihrem Institut ist es doch sicher unüblich, über Texte zu spekulieren, die man selbst gar nicht gelesen hat?
Freundliche Grüße!
Wenn ein Wissenschaftsjournalist über ein Buch schreibt und dabei andere Auffassungen wiedergibt, als im Buch formuliert, ist das eigentlich schon ein Problem. Denn der Sinn eines solchen Artikels sollte doch eigentlich darin bestehen, auch für diejenigen Leser, die das Buch nicht gelesen haben, einen Eindruck von seinen Kernaussagen zu vermitteln.
Wenn der Journalist zusätzlich noch seine eigene Meinung darstellen möchte, kann er dies natürlich tun, aber er sollte seine eigene Meinung dann doch von der im Buch vertretenen deutlich abgrenzen. Damit der Leser (auch der, der das Buch nicht gelesen hat) erkennen kann, was die Aussage des Buches und was die persönliche Meinung des FOCUS-Autors ist.
Lieber Thilo,
Wenn ein Wissenschaftsjournalist über ein Buch schreibt und dabei andere Auffassungen wiedergibt, als im Buch formuliert, ist das eigentlich schon ein Problem.
Zum einen handelte der Focus-Artikel nicht nur von einem Buch, sondern von der Evolutionsforschung insgesamt - es wurde sogar alternativ eine neue Studie eines Psychologen aus Miami zitiert, der im Buch gar nicht vorkommt. Auch wurden Zitate völlig korrekt wiedergegeben.
Über Adaptationsthese steht im Focus-Artikel nichts und auch im Bezug auf unser Buch hat sich hier ja Edgar Dahl geirrt (und das auch bereits, wie Sie nachlesen können, selbst eingeräumt).
Gerne könnten wir über mutmaßliche "Probleme" diskutieren, wenn Sie die Texte gelesen hätten und also mutmaßliche Widersprüche benennen könnten. Ganz offensichtlich ist das aber nicht der Fall. So bleibt ein bissle der Eindruck, dass Sie wohl einfach die Resonanz stört, die die Evolutionsforschung zur Religiosität (ganz unabhängig von Personen) aus guten, sachlichen Gründen längst findet. Übrigens auch längst in der Fachwelt:
http://www.chronologs.de/...u-gott-gene-und-gehirn
Freundliche Grüße
Ich verstehe nicht, warum Sie das so persönlich nehmen. Es hat ja überhaupt niemand behauptet (auch nicht Rüdiger Vaas), daß Sie mit dem Artikel von Christian Pantle etwas zu tun gehabt hätten oder für seinen Inhalt verantwortlich sind.
Lieber Thilo,
danke für Ihre Sorge! Nein, ich nehme es doch nicht übel - ich freue mich über den Focus-Artikel zur Evolutionsforschung der Religiosität sehr! Und finde auch keine Fehler darin.
Betrüblich finde ich es allenfalls, wenn wissenschaftliche Arbeiten und Hypothesen nicht korrekt wieder gegeben werden und ich das dann mit hohem Zeitaufwand auch noch gerade rücken soll. Wissenschaft verständlich, aber sachrichtig darzustellen - dafür fühlen wir uns sicher beide verantwortlich, (auch) deswegen bloggen wir ja. Und leider gehört auch das zeitaufwändige Aufklären von Falschmeldungen wie der, Rüdiger Vaas & ich erachteten die Adaptationsthese als erwiesen, dazu... Dabei wurden wir in der Spektrum der Wissenschaft-Rezension ja gerade dafür gelobt, eben "keine" überzogenen Schlussfolgerungen formuliert zu haben. Manchmal werden sie offenbar hinein gelesen...
Ihnen alles Gute, sachlich-konstruktive Diskussionen auch weiter gerne!