chronologs Natur des Glaubens

Persönliche Religiosität im Kontext - Der Religionsmonitor

von Michael Blume, 14. August 2009, 06:58

Immer wieder kommt es vor, dass Kommentatoren in "Natur des Glaubens" auch über ihre (oder meine) persönliche Religiosität diskutieren wollen. Das fühlt sich dann bisweilen so an, als frage man einen Musikwissenschaftler, welche Musik denn nun die Beste sei: Eine berechtigte Frage, auf die es aber keine letztgültige, wissenschaftliche Antwort, sondern stets nur persönliche Urteile geben kann. Was also tun?

Eine neue Web 2.0-Möglichkeit, das eigene Erleben auch in den wissenschaftlich-empirischen Kontext zu stellen, ist der internationale Religionsmonitor. Diese Studie wird von der privaten Bertelsmann-Stiftung finanziert und erhebt standardisierte Befragungen zur individuellen Religiosität in immer mehr Ländern der Erde.

Die Ergebnisse werden (per Publikationen und Internet) sowohl Fachleuten wie Öffentlichkeit zugänglich gemacht und entsprechend kontrovers diskutiert. Da ich an einer Auswertung einer Religionsmonitor-Befragung unter Muslimen in Deutschland (pdf) mitwirkte, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Die Stiftung nimmt keinen Einfluss auf die wissenschaftlichen Auswertungen, sondern lässt eine offene Debatte ausdrücklich zu. Entsprechend greifen immer mehr von uns auf die Datensätze zu und arbeiten damit (ich überprüfe z.B. gerade, wie das Verhältnis ermutigender zu strafandrohender Erfahrungen unter Gläubigen verschiedener Religionskulturen ist). Zumal auch Langzeituntersuchungen geplant sind, dürfen wir von dieser privat finanzierten Studie für die (religions-)wissenschaftliche Zukunft Spannendes erwarten!

Web 2.0 - Beteiligungsmöglichkeit & Religiositätsprofil

Eine weitere Möglichkeit ist, sich - anonym - durch die Teilnahme an der Religionsmonitor-Befragung ein persönliches Religiositätsprofil erstellen zu können, das den Einzelbefund im Verhältnis zum jeweiligen Landesprofil stellt. Es sind sogar Gruppenumfragen möglich - und ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, ggf. mal eine von "Natur des Glaubens" her zu organisieren. Bestünde daran Interesse?

Auf jeden Fall ist die Sache sehr interessant und ausdrücklich empfohlen!

Befragung und individuelles Religiositätsprofil lassen sich erstellen

- in deutscher Sprache (-> Religionsmonitor)

- in englischer Sprache (-> Religion Monitor)

- in türkischer Sprache (-> Din Monitörü)

- in spanischer Sprache (-> Monitoreo Religioso)
 
Und gerne stelle ich diese Kommentarspalte hier für Diskussionen rund um Religiositätsprofile zur Verfügung!



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Kommentare

  1. Hussein Hamdan @ Michael
    15.08.2009 | 00:30

    Lieber Michael,

    vielen Dank für diesen Beitrag, vor allem für den Hinweis auf die pdf (Muslime in Deutschland). Ich habe mir auch den internationalen Religionsmonitor angeschaut; die Umfrage finde ich sehr interessant.

    Alles gute,
    Hussein

  2. Klaus Deistung Glauben suchen und finden
    15.08.2009 | 23:28

    Im Film kommt sehr gut zum Ausdruck, dass wir das Gemeinsame der Religionen herausarbeiten müssen, weiter möchte dafür plädieren, das Umstrittene zu besprechen und Unterschiede zu achten. Über die Bewertung einer Religion... sollten wir auch die Ringparabel aus „Nathan der Weise“, ein
    Ideendramas von Gotthold Ephraim Lessing, das 1779 veröffentlicht wurde, nicht vergessen. Es ist hochaktuell!
    In jeder Religion kann man in verschiedenen Sprachen zu Gott beten, Aber ein Wechsel der Religion wird nicht immer erlaubt. Hier zeigen die Religionen Machtstrukturen, die wenig religiös sind, aber im Endergebnis gibt es für die Religionen ja doch nur einen Gott, vgl. a. Musik.
    Solange sich die Religionen nicht auf ein gemeinsames Anliegen einigen, haben es die Kriegstreiber und Kriegsverdiener einfach – die Leidtragenden sind immer die einfachen Menschen.
    Das Wort Gleichberechtigung kennen die Religionen weniger als mehr.
    Heute wurde bei n-tv mit „Die Götter der Inka und Maya“ auf historische Verbrechen der Christlichen Führer aufmerksam gemacht. Vor wenigen Jahren stand ein kleiner Beitrag in der Zeitung, dass sich Israel und der Vatikan annähern. Was hatte sie entzweit?
    In den aktuellen Sendungen der letzten Tage wird über die verbrecherische Rekrutierung von unschuldigen und weinenden Kindern zu Kindersoldaten und Selbstmordattentätern durch die islamische Führung gegen jedes Völkerrecht aus Afghanistan berichtet.
    Im Gazsstreifen bekämpfen sich wieder 2 islamische Gruppen... ein Machtkampf!
    Warum verbot der Vatikan auf der Ökumene in Berlin ein gemeinsames Abendmahl der ev. und kath. Christen?
    Es ist das alte Motto: Teile und Herrsche! Und die Menschen?...
    In den Medien wurde aber auch berichtet, dass sich verschiedene Völker und Religionen gut miteinander vertragen – hier wurde vor Jahren Madagaskar mit seiner Religionsvielfalt genannt.
    Warum sind solche Beispiele noch nicht im viel größerem Rahmen machbar? Die Antwort habe ich wohl selber schon gegeben... Es gibt noch viel zu tun!
    Und wenn wohl doch meist Jugendliche vor diesem Hintergrund ihren Glauben finden sollen, brauchen sie auch eine starke Gruppe. Die Augen davor verschließen kann man nicht!

  3. Mona @Klaus Deistung
    16.08.2009 | 10:27

    Wie viele der Kommentatoren hier finde auch ich es schade, dass ein Dialog der Religionen so gut wie nicht stattfindet. Wie schwierig dies in der Praxis ist, habe ich untenstehend anhand Ihrer Beispiele aufgezeigt:

    „Aber ein Wechsel der Religion wird nicht immer erlaubt. Hier zeigen die Religionen Machtstrukturen, die wenig religiös sind, …“.
    Zum Beispiel Spanien:
    http://www.sueddeutsche.de/...ama/615/312529/text/

    „Vor wenigen Jahren stand ein kleiner Beitrag in der Zeitung, dass sich Israel und der Vatikan annähern. Was hatte sie entzweit?“
    Vielleicht das hier:
    http://www.ikg.rt.bw.schule.de/...rche/b-index.htm

    Gilt auch für die evangelische Kirche:
    http://www.theologe.de/theologe4.htm

    „Warum verbot der Vatikan auf der Ökumene in Berlin ein gemeinsames Abendmahl der ev. und kath. Christen?“:
    Da es laut katholischem Kirchenrecht verboten ist, Zuwiderhandlungen werden sanktioniert:
    http://religion.orf.at/...ne030717_hasenhuettl.htm

    Hier die Meinung der evangelischen Kirche:
    http://www.ekd.de/..._1_enzyklika_eucharistie.html

    Gruß Mona

  4. 17.08.2009 | 00:31

    Das sind ja handfeste Ergänzungsargumente – danke Mona - und sie werfen eher ein „politisches“ als ein religiöses Licht auf die Oberen in den Religionen. In Jugoslawien gab es ein gutes Zusammenleben – bis welche erklärten, welches die einzig wahre Religion ist. Ob die etwas von der Ringparabel wussten?

  5. Basty Castellio Dialog der Religionen
    17.08.2009 | 22:48

    Endlich möchte ich mich doch - leise - wieder einmischen. Mitgelesen habe ich schon lange. In einem anderen Forum wurde früher mal gefragt: "Are there lurkers?" Na ja, so ähnlich könnte ich auch hier mit Ja antworten.
    Gehe ich vielleicht nur auf den Satz von @Mona ein: "... schade, dass ein Dialog der Religionen so gut wie nicht stattfindet". Und sie hat ja auf interessante Links verwiesen.
    Sage ich dazu: Da werden Schwierigkeiten benannt, die den Dialog erschweren UND zugleich herausfordern. Deshalb möchte ich betonen: Dialoge finden durchaus statt. Auch und gerade NACH dem Holocaust und dem peinlichen Versagen großer Teile der christlichen Kirchen. Man hat sich dann duchaus auf die besseren Traditionen, die es ja auch gab, besonnen.
    Na ja, sie finden mehr oder weniger auf höchster Ebene statt: durch Amtsträger religiöser Institutionen (-> die verschiedenen Papstreisen in die Türkei, nach Jerusalem); auch im Vatikan; oder von moslemischen Repräsentanten, siehe http://www.acommonword.com/...12g-Eng-9-10-07.pdf.
    Weiter: auch auf der Ebene von Akademien oder landeskirchlichen Institutionen. Oder etwa das, was Hans Küng inszeniert; Stichwort "Weltethos".
    Aber auf der normalen alltäglichen Ebene ist das so nicht durchgedrungen. Da gibt es alte Vorbehalte, Blockierungen. Andererseits gibt es durchaus auch praktische Ökumene - so mit dem Gefühl: mögen andere sich über Grundsätze oder Grundsätzlichkeiten sich streiten, wir leben eben doch zusammen. Das ist - egal was Rom sagt - die Grundstimmung zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden in Deutschland. Und das hat beispielsweise auch durch Jahrhunderte das Zusammenleben etwa von Christen und Moslems im Orient oder (@Klaus Deistung) in Jugoslawien ermöglicht.

    Also, die Lage ist vielschichtig. Es gibt schreckliche Aspekte, die oft mit Machtinteressen verquickt sind (-> Klaus Deistung) . Es gibt aber auch hoffnungsvolle Anknüpfungspunkte. Daran sollte man weiter knüpfen. Und sich nicht nur über das Dunkel beklagen.

    Soll für heute genügen. Ich möchte aber auch wieder weiter machen und nicht nur ein "lurker" sein.

    Basty

  6. Mona Politik und Religion
    18.08.2009 | 10:10

    Klaus Deistung schreibt hier, meine Ergänzungsargumente würden ein eher "politisches" als ein religiöses Licht auf die Oberen in den Religionen werfen. Interessante Überlegung! Ist doch die Trennung von Kirche und Staat erst in der Neuzeit vollzogen worden. Davor hatte die Kirche auch weltliche Macht. Man kann wohl auch davon ausgehen, dass viele religiös motivierte Forderungen auch politischer Natur sind, z.B. "Brot für die Welt".

    Siehe auch:
    http://de.wikipedia.org/...ie:Politik_und_Religion

  7. Klaus Deistung @ Basty Castellio
    18.08.2009 | 11:57

    Gut, dann möchte ich hier ein anderes wichtiges Gebiet mit einbeziehen: Religion und Wissenschaft. Für mich sind sie wie 2 Königskinder. Gut fand ich Prof. Linke in [GK]: „Viele deutsche Wissenschaftler fürchten, ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie sich auf religiöse Fragestellungen einlassen. In den USA ist das gar kein Problem. Da schreibt ein renommierter Physiker ein Buch zum Thema 'Gott und die moderne Physik'“ [DV].
    Auf ein Manuskriptangebot erhielt ich die Antwort: "Leider können wir auch dieses Thema nicht bei Spektrum veröffentlichen, denn es handelt sich bei Enuma Elisch ja um ein Epos aus dem Gebiet der Theologie. Und Sie als Spektrum-Leser wissen ja, dass Spektrum aus Forschung, Wissenschaft und Technik berichtet." Ja, die UNI Essen befasst sich mit „ihrem“ Teil des Enuma Elisch [UE][Zi].
    Erst seit 1872 können die Keilschrifttafeln übersetzt werden – der Banknotenstempelschneider G. Smith – ein Autodidakt - versetzte die Gelehrte aus aller Welt in Staunen [ZF]. Bis heute sind nur 12 Tafeln von über 70.000 offiziell veröffentlicht – das Gilgamesch Epos seit über 100 Jahren. Sumerische Keilschrifttafeln? – nein, haben wir nicht berücksichtigt, wenn man auf Anfragen eine Antwort erhält - Blockkierung.
    Viele Übersetzungen zusammen getragen, nachbearbeitet... www.sitchin.com – deutsch bei Kopp. Man kann sich informieren, es gibt auch hier Anknüpfungspunkte über unsere religiöse Vergangenheit! Religion und Wissenschaft waren einst „in einer Hand!“

    [GK] Gaschler, K.; Könneker, C.: Die Kopflastigkeit der Religion. Gehirn & Geist 02/2002, S. 14-17
    [DV] Davies, P.: Gott und die moderne Physik. Goldmann 1994
    [UE] Enuma Elisch: Marduk schafft den Menschen.
    http://www.uni-duisburg-essen.de/...meso-enuma.htm
    [Zi] Zimmermann, H.: Enuma Elisch - der mesopotamisch-altbabylonische Schöpfungsmythos.
    http://www.earlyworld.de/enuma_elish.htm
    [TG] Terra X: Fahndung nach König Gilgamesch. Riesiges Puzzle aus Bruchstücken, ZDF-Sendung vom 06.01.2008 http://www.zdf.de/...8/0,1872,7127612,00.html?dr=1

  8. Michael Blume Freut mich sehr...
    18.08.2009 | 15:30

    ...dass der Religionsmonitor (und das Video dazu?) hier eine muntere Diskussion ausgelöst haben!

    Ich habe mir jetzt mal so ein Religiositätsprofil gebastelt, war bzw. ist sehr interessant. Vor allem der Vergleich zum deutschen Durchschnitt.

    Zum Zusammenhang Religiosität - Intoleranz hat der Religionsmonitor bereits einige spannende Ergebnisse gebracht: So sind sehr religiöse Menschen nicht immer intoleranter, häufig sogar toleranter als Säkulare, z.B. unter den Muslimen in Deutschland. Siehe hier:
    http://www.sueddeutsche.de/.../311840/text/?page=3

    Dabei könnte es sich freilich auch um ein Minderheitenphänomen handeln: Wer gerne mit seiner eigenen Religiosität akzeptiert werden will, würde dann auch stärker zu Toleranz und Dialog neigen, wogegen etablierte Mehrheiten auf religiöse Minderheiten stärker mit Ablehnung und Furcht reagieren. In Anbetracht aber der wachsenden, religiösen Vielfalt in allen freiheitlichen Gesellschaften, in denen sich diese Monopole faktisch auflösen, wäre das gar nicht unbedingt eine schlechte Nachricht...

  9. kamenin @ Michael
    18.08.2009 | 23:07

    So sind sehr religiöse Menschen nicht immer intoleranter, häufig sogar toleranter als Säkulare, z.B. unter den Muslimen in Deutschland.

    Die Aussage finde ich im verlinkten Artikel gar nicht wieder und weiß auch nicht, worauf sie sich sonst stützen sollte.
    Die 2007er Studie des BMI, "Muslime in Deutschland", hat dagegen recht eindeutig gezeigt, dass höhere Religiosität im Schnitt mit gesteigerter Demokratiedistanz und höherer Bereitschaft, religiöse und politische Gewalt unter Umständen für gerechtfertigt zu halten, einhergeht. In allen Gebieten waren es vor allem die säkularen, wenig und nicht religiösen Muslime, deren Werte sich davon erfrischend abhoben.

    (Das sind natürlich komplexere Zusammenhänge, eine ganz simple Erklärung, dass Religion monokausal dafür verantwortlich ist, wäre albern.)

  10. Klaus Deistung @ Michael Blume
    19.08.2009 | 00:00

    Das was im Beitrag (s. Link) steht, ist oft auch das, was man in einem Land erfährt. Die Menschen sind zwar religiös – aber mehr fordern die religiösen Führer. Die meisten Menschen wollen es nicht „übertreiben“. Das hat aber die katholische Kirche früher auch gemacht, selbst noch im „heutigen“ Bayern, wie wir in einem Vortrag an allgemein konkreten Beispielen erfahren konnten.
    Wenn sich der Vatikan gegen Kondome wendet, ist das eine unzeitgemäße Anordnung – oder es geht mehr darum: mehr Geburten, mehr Mitglieder, mehr Macht?! Oft sind aber mehr Geburten auch ein soziales Problem (einschließlich in Indien): Kinder sind die Altersversicherung der Eltern!

  11. Michael Blume @ Toleranz - Hochreligiöse
    19.08.2009 | 06:41

    Lieber Sven,

    seltsam, dass Du den Absatz im Artikel nicht finden konntest. Ich zitiere ihn gerne ganz:

    "Die Befragung habe ergeben, dass die Religiosität der meisten Muslime mit einer großen Toleranz gegenüber anderen Religionen einhergehe, erklärte der Leiter des Programms Geistige Orientierung der Bertelsmann-Stiftung, Martin Rieger. So bejahten gut zwei Drittel der befragten Muslime die Auffassung, dass jede Religion einen wahren Kern habe. Unter den Hochreligiösen lag die Zustimmungsrate mit 71 Prozent sogar noch etwas höher. 31 Prozent waren der Meinung, dass vor allem Muslime zum Heil gelangten."

    Zu finden hier:
    http://www.sueddeutsche.de/.../311840/text/?page=3

    Und dass die Zusammenhänge komplex sind und sowohl die lineare Annahme umso religiöser, desto intoleranter wie auch ihr Gegenteil viel zu vereinfacht sind, habe ich oben ja auch selbst geschrieben.

    Beste Grüße!

  12. Michael Blume @ Klaus Deistung: Religiöse Führer
    19.08.2009 | 06:51

    Persönlich bin ich etwas skeptisch im Hinblick auf die Fixierung von Erklärungen auf religiöse Leitungsämter. Gerade die Nutzung von Verhütungsmitteln auch durch katholische Christen weltweit zeigt ja, dass selbst sehr hierarchische Kirchen nicht eins zu eins regieren können. Theologen haben ihren Einfluss, aber die Menschen legten und legen sich religiöse Lehren aller Art auch je auf die eigene Lebenssituation zurecht. Der theologisch normierte Einheitsmensch ist ein Mythos - zum Guten (beispielsweise in der Hinwendung vieler kath. Laien zur Demokratie, auch als dies das Lehramt noch ablegte), aber auch zum Schlechten (beispielsweise in der Weigerung "katholischer" IRA-Terroristen oder Mafiamitglieder, päpstlichen Aufrufen zu folgen, ihre Gewalt einzustellen).

    Und die meisten Religionen sind noch sehr viel weniger hierarchisiert als die kath. Kirche, meist besteht ein dynamisches Wechselverhältnis zwischen den "Nachfragen" von der Basis und dem Aufstieg religiöser Anbieter (z.B. in der Auswahl schiitischer Geistlicher, indischer Gurus oder auch evangelischer Prediger). Statt eines simplen Top-Down-Modells (oben wird befohlen, unten ausgeführt), scheinen mir weltweit quer durch die Religionen komplexere Wechselwirkungen vorzuliegen.

    Dafür spricht übrigens m.E. auch, dass nach allem, was wir wissen, spezialisierte und hierarchische Priesterkasten erst eine sehr späte Entwicklung in der Evolution religiöser Systeme sind. Und das religiös dynamischste Land der westlichen Welt (die USA) verfügen ja gerade über keine Staatskirche, sondern über einen sehr wettbewerblichen, religiösen Markt mit unzähligen Klein- und Kleinstanbietern.

  13. kamenin @ Michael
    19.08.2009 | 14:08

    Da finde ich aber gerade keinen Vergleich bzgl. der Toleranz zwischen hochreligiösen und säkularen Muslime (und wir reden hier ja über einen sehr, sehr speziellen Aspekt von Toleranz, wenn überhaupt).
    Der erste Satz redet von interreligiöser Toleranz bei Muslimen allgemein, ohne Bezugnahme auf das jeweilige Religiositätsniveau. Der zweite Satz schließt schon per se die nicht-gläubigen Muslime aus -- oder müssen die wirklich ihre Toleranz beweisen, indem sie der Aussage zustimmen: jede Religion hat einen wahren Kern?
    Demnächst dann also: Männer sind das sozialere Geschlecht; die führen nachweisbar mehr Männerfreundschaften als Frauen :-)

    Der Effekt ist übrigens einfach zu erklären. Nimm, wie im zweiten Satz, die Gruppe aller erfassten Muslime, in der ~66% der Aussage zustimmen. Entferne die säkularen, die keine Religion für letztendlich wahr halten. Das so selektierte Ergebnis ist dann natürlich ein Anstieg in allen anderen Optionen, sowohl "jede Religion hat einen wahren Kern" als auch "nur meine Religion ist wahr". Auch wenn es als Widerspruch erscheint, man könnte die Ergebnisse dann auch genau andersrum berichten.

    Ohne Rohdaten kann ich natürlich nicht sagen, ob das hier genau so eingetreten ist; noch ist das Signifikanzlevel der Ergebnisse angegeben, ob da überhaupt ein statistisch tragender Unterschied vorliegt.
    Aber unabhängig davon bezieht sich das Beispiel nur auf eine theologische Frage, und eine Feststellung "sehr Religiöse sind toleranter als Säkulare" ist von der Frage gar nicht erfasst.

    Aber vielleicht zwei Beispiele aus der BMI-Studie zu genau diesen interreligiösen Ansichten. Auf Seite 252 findest Du z.B. "Aufwertung der eigenen Religion" und "Abwertung anderer" nach Religionsprofilen aufgeschlüsselt; im letzten Punkt liegen Fundamental- und Traditionell-Gläubige gleichauf bei über 60%, Orthodoxe-Moderate bei 46 und Wenig-Religöse (beinhaltet Nicht-Religiöse) bei 28%.

    S.279: Höchste Werte für "Achtung anderer Religionen" bei Fundamental- und Traditionell-Gläubigen bei gleichzeitig höchsten (und im Vergleich deutlich höheren) Werten für antisemitische und antichrististliche Einstellungen. Nicht- und gering Religiöse zeigen bei allen drei Werten jeweils nur ein Drittel bis Viertel der Werte, sowohl was die Achtung anderer Religionen als auch die Ablehnung von Juden und Christen betrifft. Anstatt nur einen einzelnen Datenpunkt daraus zu berichten, kommt die BMI-Studie aber zu dem Ergebnis, dass die religiöse Toleranz bei Nichtgläubigen am höchsten ist und die Intoleranz dafür bei Hochreligiösen.

  14. Mona Intolerante Toleranz?
    19.08.2009 | 17:04

    "Manchmal kann man die Ansicht hören, andere Religionen seien toleranter als das Christentum. Solche Behauptungen sind schon deshalb problematisch, weil sie mit einem ungeklärten Toleranzbegriff arbeiten."

    http://209.85.229.132/...p%3Ftext%3D73%26typ%3Ddoc

  15. Michael Blume Zusammenhang?
    19.08.2009 | 18:53

    Lieber Sven,

    vielen Dank für Deinen Kommentar! Und ich finde es auch klasse, wie sehr Du Dich da reinhängst!

    Allerdings habe ich ein wenig den Eindruck, Du argumentierst da gegen etwas an, was hier niemand behauptet hat. Niemand hat behauptet, dass Religiosität nicht mit Intoleranz einhergehen könne - im Gegenteil! Diskutiert wurde von Deistung, Mona und Basty über Rolle und Reichweite interreligiösen Dialoges. Und mit Hinweis auf die Befunde der Religionsmonitor-Daten habe ich darauf hingewiesen:
    So sind sehr religiöse Menschen nicht immer intoleranter, häufig sogar toleranter als Säkulare, z.B. unter den Muslimen in Deutschland.

    Und das besagen ja auch die von Dir zitierten Daten: Es gibt eben auch erhebliche Anteile toleranter Religiöser und intoleranter Säkulare und vice versa. Und spätestens, wenn man Bildung, Migrationsgeschichte etc. einbezieht, wird es sehr komplex. Die Muslime hatte ich ausdrücklich als Beispiel gewählt. Mit Bezug z.B. auf Gesamtdeutschland kommt der Religionssoziologe Volkhard Krech zu dem gleichen Befund: "Eine hohe Religiosität muss nicht mit religiöser Intoleranz einhergehen." (S. 39, hier):
    http://www.bertelsmann-stiftung.de/...st/Krech.pdf

    Um die Aussage, um die es ging zu unterstreichen: Hohe Religiosität geht SEHR OFT mit Intoleranz einher, MUSS es aber nicht. Es geht auch anders - und das war die Debatte hier. Interreligiöser Dialog kann also ggf. das Miteinander tatsächlich verbessern.

    Und umgekehrt ist Nichtreligiosität auch noch keine absolute Garantie für Toleranz. Dabei stimme ich Deiner Überlegung ausdrücklich zu, dass man natürlich bei Befragten, die auch für sich keine religiöse Wahrheit gelten lassen mitunter auch weniger Zustimmung zu "Wahrheiten" in anderen Glaubenstraditionen erwarten darf. Das ist tatsächlich eine Erfahrung, die im Dialog immer wieder gemacht wird.

  16. Klaus Deistung @ Michael Blume
    19.08.2009 | 22:10

    Anders ausgedrückt: die Regel ist, dass es keine relativ einheitliche Regeln für eine religiöse Hierarchie gibt. So kann man eigentlich verstehen, dass die religiösen Menschen schlecht zusammenkommen können. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das – wie es immer so schön heißt – Gottes Wille sein kann! - Sehr eigenartig! Das heißt aber nicht, das ich für eine "Einheitskirche" bin. Aber die vielseitige Zersplitterung nützt den Menschen nichts!
    Die jüdische Religion begann im Jahr 3760 v. Chr. (Weltschöpfungsjahr) und davor?
    Die anderen uns geläufigeren Eingott-Religionen begannen teilweise erheblich später, Christentum, Islam Mormonen. Die größten Religionen führten/führen auch die größten Kriege sowohl unter sich als auch gegeneinander – und das im Namen Gottes!

  17. kamenin @ Michael
    20.08.2009 | 01:01

    Aber eben das meine ich. Krech schließt die Nichtreligiösen aus seiner Darstellung in dem Punkt explizit aus ("naturgemäß", aufgrund der Fragestellung). Was ich nicht verstehe ist, wie Du vom interreligiösen Dialog auf einen Toleranzvergleich zu ausgerechnet Säkularen kommst, die in dem von vorneherein nicht erfasst sind. Es sei denn, Du definiertest diese Nichtteilnahme am ausschließlich religiös stattfindenden Dialog und damit Irreligiosität an sich schon als Intoleranz. Nur den Punkt berührt da schließlich die Bertelsmann-Studie.

    Ansonsten sagen die Daten (auch bei Krech) eben nicht, dass Hochreligiöse häufig toleranter sind als Nichtreligiöse oder moderat Religiöse, sondern genau das Gegenteil.
    Dass wir nur über statistisch erhobene Mittelwerte reden können und nicht über Einzelpersonen, ist hoffentlich klar, aber die grundsätzliche Existenz autoritär-chauvinistisch denkender Nichtgläubiger** und pluralistisch-liberal denkender Hochreligiöser wird wohl auch von niemanden bestritten.

    ** (Die Gruppe umfasst, aufgrund der alleinigen Identifikation über die bezeugte Religiosität, schließlich auch das gesamte Spektrum von Neonazis bis Altkommunisten)

  18. Basty Castellio Reli-Wissenschaft-Dialog
    20.08.2009 | 09:41

    @Klaus Deistung.
    Hallo Herr Deistung, warum Sie gerade mich mit dem "@Basty..." adressierten, begriff ich zwar nicht so ganz. Aber zum Thema:
    Religion und Wissenschaft - wie zwei Königskinder - "das Wasser war viel zu tief" ? Möglicherweise. Möglicherweise "gibt" es da auch immer wieder Hexen, die falsche Schwimmanweisungen geben und sich diebisch freuen am Ertrinken...
    Ich würde es mal eher mit einem Eltern-Kind-Konflikt (Ödipus? oder Mutterkomplex?) vergleichen. Und da schließe ich durchaus an Sie an: "Religion und Wissenschaft waren einst „in einer Hand!“ " Ja! Es kam doch alles aus einem Pool der Verstehens-Versuche. Denken wir zB an das, was einst in Stonehenge geschah - alles in einem Betrieb: Astrologie u Astronomie und Sonnwendfeier und Begräbnisrituale und sicher auch Gemeinschaftsfeiern, Rechtsprechung, Krankenbehandlung...

    Aus diesem großen Pool haben sich immer mehr durch Spezialisierung ausgegliedert: Handwerk, Medizin, Rechtsprechung, Astronomie usw... Die Religion entlässt ihre Kinder - oder sie weint ihnen nach? :

    Die Frage bleibt natürlich, was bleibt der Religion (=Daseinsbewältgungsstrategie), wenn ihre Kinder erwachsen werden? Von mancher Seite gibt es pubertäre (siehe mein letztes Posting) oder auch gefährlichere Aggressionen. Es gibt von Religions-Seite auch Verständnislosigkeit gegenüber den ausgegliederten Handlungsspielräumen: Was die Jungen (ob moderne Rechsprechung oder moderne Wissenschaft) sich alles leisten - in Stonehenge oder am Sinai war das doch noch anders vorgesehen [;-)]
    Es gibt aber auch durchaus sinnvolle Kooperation.

    Warum Wissenschaftsredakteure gegenüber einer Arbeit zu Enuma Elisch Berührungsängste haben? Merkwürdig, denkwürdig... Jedes (religiöse) Dokument kann ja erforscht und wissenschaftlich dargestellt werden. Da gab es natürlich schon viel Verständnislosigkeit: Unter wissenschaftlicher Attitüde haben auch Professoren schon viel Unsinn geschrieben - etwa wenn (bei mir immer wieder so erwähnt)ein gewisser Biologe sich auf das Gebiet von Religion und Philosophie vorwagt - mit Thesen und Unterstellungen, die man in diesen Fächern ihm schon im ersten Semester ausgetrieben hätte.
    Und etwas leiser gesagt - weil auch da schon viel verpatzt wurde: Jedes Interesse an wissenschaftlicher Forschung kann auch aus der Perspektive der Daseinsbewältigungsstrategie (=Religion) dargestellt werden, u.U. auch hinterfragt werden - denken wir nur an die (grüne) Diskussion um "Bewahrung der Schöpfung"/Umwelt oder die ganze bioethische Diskussion.

    Es kommt da schon drauf an, welche Werte, Prioritäten... gesetzt werden - auf welche Lebensmelodie (Religion bzw. Weltanschauung) sich Menschen verständigen. Und es ist dabei wohl verständlich, dass es da Dialognotwendigkeit gibt: einerseits positve Dialogbereitschft, andererseits eben auch ideologische Auseinandersetzungen, Streit...

    Basty

  19. Basty Castellio Entspannen Sie sich
    20.08.2009 | 16:38

    @kamenin @MichaelBlume
    "Entspannen Sie sich" sagte mir ein Yoga-Lehrer in einem Kurs, wenn eine Haltung besonders schmerzte. Gerade dann hatte ich es wohl nötig.
    Als Beitrag zur Entspannung folgendes Zitat aus einem derzeit bekannten Buch eines Nicht-Religiösen/Anti-Religiösen:
    "Selbstverständlich enthalten sämtliche Religionen als kulturelle Schatzkammern der Menschheit neben einem Arsenal fehlerhafter Seinserkenntnisse und inhumaner Sollenssätze viele wertvolle Elemente, die auch heute noch erhaltenswert sind."
    Das heißt doch, hier wird aus einer Außenperspektive zugestanden: Nicht nur in _anderen_ Religionen, sondern auch _in Religionen_ kann "ein wahrer Kern stecken" (nicht unbedingt in der Religion per se; aber in dem, was sie mit sich führt)
    Ist doch ein achtenswertes Zugeständnis! Bevor es jemand per Suchmaschine sucht - es war Michael Schmidt-Salomon, der so im Manifest des evolutionären Humanismus formulierte.
    Woraus ich schließe, dass es im Bereich des atheistischen Humanismus auch zur Toleranz besonders Befähigte gibt - wie es auch dort auch solche gibt, die zu einem derartigen Zugeständnis nicht bereit und fähig wären.
    Unter Umständen könnte man also atheistische Humanisten doch auf der gleichen Toleranz-Skala messen wie Moslems und andere.
    Und eigentlich ist es ja auch schon schön, dass Toleranz überhaupt als erstrebenswerter Wert angesehen wird.

    Basty

  20. Michael Blume @ Deistung: Vielfalt und Streit
    21.08.2009 | 17:02

    Lieber Herr Deistung,

    ja, Vielfalt und Wettbewerb bedeuten natürlich immer auch Konflikt, Streit und Reibungsverluste. Und dennoch können wir m.E. nicht auf sie verzichten, sondern sollten Rahmen suchen, in denen sie sich friedlich entfalten können.

    Denn die Alternativen haben wir ja sehr oft erlebt: Wo "Parteienstreit" durch die Herrschaft nur einer Einheitspartei vermieden werden sollte, folgte regelmäßig brutale Unterdrückung. Wo "Konkurrenzkampf" durch die Monopole oder Kartelle bestimmter Firmen vermieden werden sollte, erfolgten Ausbeutung und Qualitätsverfall. Und wo "Religionsstreit" durch die Verstaatlichung von Kirchen und Religionen unterbunden werden sollten, folgte die Verfolgung Andersdenkender und die Ausbreitung obrigkeitshöriger Heucheleit auf Kosten glaubwürdiger Religiosität.

    Weiter oben haben Sie m.E. zu Recht auf die Lessingsche Ringparabel verwiesen. Diese beschreibt ja gerade, dass nicht nur ein Ring gefertigt wurde, sondern dass die Vielfalt der Ringe einen "Wettbewerb im Guten" befördern sollte. Diese Idee Lessings hat er übrigens auch im Hinblick auf eine Koranlektüre entwickelt:
    http://www.amazon.de/...;qid=1250860053&sr=8-1

    Ganz evolutionär gesprochen: Es braucht immer Variation / Vielfalt, damit Selektion / Wettbewerb und Reproduktion / Tradition eintreten können. Religionsfreiheit (einschließlich der Freiheit nicht zu glauben, neue Gemeinden zu gründen etc.) ist daher nicht nur ein zentrales Menschenrecht, sondern m.E. auch die beste Gewähr für mittel- und längerfristig erfreuliche Entwicklungen.

szmtag