Wikireligiosus - Zur evolutionären Religionsforschung
In den vergangenen Jahren hat sich die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen dynamisch entwickelt, inzwischen Hunderte Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen arbeiten dazu, neue Studien, Befunde und Hypothesen erschienen zuletzt fast im Wochentakt. Dabei kommen auch verschiedenste Fachrichtungen zusammen: aus Biologie(n), Psychologie(n), Soziologie, Anthropologie, (Paläo-)Archäologie, Ökonomie und Demografie, aus Philosophien und Theologien und der Religionswissenschaft, die diese Wissensexplosion zu integrieren versucht. Derzeit gibt es weltweit wohl keinen Menschen mehr, der in diesem Forschungsfeld auch nur alle relevanten Veröffentlichungen des letzten Jahres lesen konnte.
Als ich also über dem Konzept für ein Seminar "Einführung in die Religionsbiologie" an der Universität Jena grübelte, wurde klar, dass die wertvolle Arbeit (neudeutsch: Workload) von Studentinnen und Studenten nicht verloren gehen sollte. Sie sollten je nach Interesse bestimmte Teilaspekte - beispielsweise zum Verständnis biokultureller Evolution, der Rolle der Hirnforschung oder ökonomischen Spieltheorie, dem Reproduktionspotential von Religiosität o.ä. - bearbeiten und ihre Erkenntnisse in den Kontext auch zu anderen Fachgebieten stellen. So wuchs die Idee, etwas Zeit, Geld und Einsatz zu investieren, um einen Fachwiki zu schaffen, der Studentinnen und Studenten, aber auch Lehrenden, Forschenden und konstruktiv Interessierten ermöglichen sollte, Beiträge zur internationalen (und also englischsprachigen) Evolutionsforschung zu Religiosität & Religionen zu leisten. Seit kurzem ist nun also das Projekt Wikireligiosus am Start und, nach erfreulicher Resonanz durch die Studierenden, auch für die Öffentlichkeit zugänglich.
www.wikireligiosus.eu
Die Bedienung orientiert sich an der gewohnten Wikimedia-Software, wobei jede(r) alles Lesen kann, Erstellen und Bearbeiten von Lemmata (Artikeln) jedoch nur eingetragenen Personen mit Passwort möglich sind. Neben dem klassischen Wikitext steht auch eine neue Eingabemaske zur Verfügung, die sich an Page- und Blogwerkzeugen orientiert. Die Resonanz ist bislang sehr erfreulich, neben Studierenden beteiligen sich auch immer mehr Graduierte, Postdocs und Professoren verschiedenster Bereiche. Im Januar dann werden wir im Seminar auch die Lemmata der Studierenden vorstellen und beraten und damit zugleich testen, ob Wikis nicht ein neuer Weg sein könnten, Hausarbeiten mit neuen Anforderungen und Möglichkeiten off- und online anzufertigen, vorzustellen, zu diskutieren und die geleistete Arbeit damit dauerhaft nutzbar zu machen. Persönlich fand und finde ich es immer wieder schade, dass oft hervorragende Leistungen von Studierenden nach der Benotung verwehen und in Vergessenheit geraten. Und möchte auch selbst m.E. reizvolle Fundstücke (wie aktuell einem brandneuen Ansatz und Artikel von Joseph Henrich zu "Credibility enhancing displays - CREDs") online so aufarbeiten, dass Forschungsperspektiven verbunden werden. Das Internet ist m.E. eine großartige Chance für aktive Menschen, etwas zu bewegen - auch in der Wissenschaft!
Hätten Sie auch Interesse, konstruktiv mitzumachen? Wir, immer mehr Projektaktive, würden uns auf Sie freuen!
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- Dankt Gott für die Evolution!





Sehr schöne Idee, werde ich mir in einer ruhigen Minute mal anschauen. Und vielleicht auch ein thematisch nahes Buch lesen - wenn ich den Studienkram über die Feiertage ein bisschen verdrängen kann^^
Wünsche Dir ein frohes Weihnachtsfest!
Vielen Dank für die schöne Rückmeldung, Sören! Ja, Wiki-Projekte sind ja m.E. auch ein irgendwie ermutigende Angelegenheit: (Auch) sie zeigen, dass sich Menschen auch auf völlig freiwilliger Basis zu erfolgreicher Kooperation zusammen finden können. Gib mir bitte einfach Bescheid, wenn Du ein Passwort haben möchtest, ich würde mich freuen!
Dir und den Deinen ebenfalls ein freudvolles Weihnachtsfest!
Bei ´Bild der Wissenschaft´> Kulturwissenschaft > Gut zu wissen > findet sich der Beitrag vom 30.7.2008: Wie Infektionen die religiöse Vielfalt beeinflussen.
Ein guter ´Darwin/Evolution´-Beitrag für das neue Wiki
Vielen Dank! Und, ja, das ist auch ein wunderschönes Beispiel! Wir kennen in der Religionsgeschichte Hunderte Beispiele für religiöse Reaktionen auf Epidemien, von religiösen Bewegungen und geweihten Stiftungen, Gebäuden und Votivkunst, von verschiedensten theologischen Deutungen ganz zu schweigen. Und neben Neugründungen tritt auch der Effekt, dass Tendenzen zu gegenseitiger Meidung kulturelle Unterschiede verbreitern können.
Schon dieses Forschungsfeld ist alleine ebenso interdisziplinär wie spannend, und zugleich "nur" ein Puzzleteil in einem größeren, biokulturellen Kontext! (Und übrigens noch so eine interessante Analogie, nachdem Krankheitserreger sowohl biologische wie kulturelle Evolutionsprozesse beeinflussen können, @Balanus! :-) )
Ja, ich hoffe, jemand greift auch dies für Wikireligiosus auf!
»(Und übrigens noch so eine interessante Analogie, nachdem Krankheitserreger sowohl biologische wie kulturelle Evolutionsprozesse beeinflussen können, @Balanus! :-) )«
Ja ja, es hängt eben alles mit allem zusammen ("AHMAZ" ), wenn's um Evolution geht :-)
Wenn man kulturelle Entwicklungen als evolutive Prozesse parallel zur biologischen Evolution betrachtet, dann findet man logischerweise eine Fülle von Belegen für eine Gen-Kultur-Koevolution. Mir kommt das irgendwie zirkelschlüssig vor.
Vorgestern habe ich auf Wikipedia erstmals von der "Dual Inheritance Theory (DIT), also known as Gene-Culture Coevolution" gelesen. Jetzt verstehe ich Sie schon um Einiges besser, lieber Michael... :-)
Wie wird Kultur im Rahmen der DIT definiert?
"Culture is information stored in individuals' brains that is capable of affecting behavior and that got there through social learning." (Richerson & Boyd / Wikipedia)
Die DIT erklärt nun, wie diese im Hirn gespeicherte Information evolviert.
Das erinnert mich einerseits an Dawkins Meme, andererseits an Gerald Edelmans neuralen Darwinismus. Sind beides schöne Ideen, aber mit Evolution im darwinschen Sinne hat beides eher weniger zu tun.
Aber immerhin ist dieses Konzept ein gewisser Fortschritt im Vergleich zu jenen Vorstellungen, die von einer ausschließlich kulturellen Evolution des Menschen ausgehen. Und für kulturwissenschaftliche Fragestellungen mag dieser Ansatz sogar hilfreich sein. Und ich gebe ja zu: Evolution klingt einfach viel bedeutsamer als Entwicklung.
Im kommenden Jahr findet übrigens ein Meeting zum Thema "Culture evolves" statt (im Rahmen des 350. Jubiläums der Royal Society):
http://www.cognitionandculture.net/...amp;Itemid=6
Im Summary heißt es: "The capacity for culture is a product of biological evolution - yet culture itself can also evolve, generating cultural phylogenies."
Na bitte, biological evolution of cultural evolution processes... ;-)
---
P.S. Ihrem Wiki-Projekt wünsche ich viel Erfolg!
Es macht immer wieder Freude, Sie zu lesen!
Ja ja, es hängt eben alles mit allem zusammen ("AHMAZ" ), wenn's um Evolution geht :-)
Ja, so ist es! Ist halt eine gemeinsame Realität. :-)
Wenn man kulturelle Entwicklungen als evolutive Prozesse parallel zur biologischen Evolution betrachtet, dann findet man logischerweise eine Fülle von Belegen für eine Gen-Kultur-Koevolution. Mir kommt das irgendwie zirkelschlüssig vor.
Naja, wir würden es gerne besser verstehen... Zumal jede dieser Wechselwirkungen ihre eigenen Regeln zu entwickeln scheint - beispielsweise verändert die Entwicklung von Schriften die Evolution von Sprachen, Verhütungsmittel wirken auf Demografie usw. usf.
Vorgestern habe ich auf Wikipedia erstmals von der "Dual Inheritance Theory (DIT), also known as Gene-Culture Coevolution" gelesen. Jetzt verstehe ich Sie schon um Einiges besser, lieber Michael... :-)
Wikis sind einfach gut, gelle? :-)
"Culture is information stored in individuals' brains that is capable of affecting behavior and that got there through social learning." (Richerson & Boyd / Wikipedia)
Die DIT erklärt nun, wie diese im Hirn gespeicherte Information evolviert.
Das erinnert mich einerseits an Dawkins Meme, andererseits an Gerald Edelmans neuralen Darwinismus. Sind beides schöne Ideen, aber mit Evolution im darwinschen Sinne hat beides eher weniger zu tun.
Einspruch, Euer Ehren! Sie interpretieren spätere biologische Konzepte (z.B. genetischer Studien) auf Darwin zurück, der sie noch gar nicht kannte! Darwin bezeichnete auch die Auswahl erfolgreicher Worte als "natürliche Selektion" und schrieb fröhlich über die Evolution von Glaubensinhalten. Wenn Sie ihn schon modernisieren wollen, müssen Sie ihm einen biokulturellen Ansatz zugestehen! :-)
Aber immerhin ist dieses Konzept ein gewisser Fortschritt im Vergleich zu jenen Vorstellungen, die von einer ausschließlich kulturellen Evolution des Menschen ausgehen.
Ja, da sind wir uns einig!
Und für kulturwissenschaftliche Fragestellungen mag dieser Ansatz sogar hilfreich sein.
Wie auch umgekehrt für die Biologen. Ohne die Kulturprodukte des Menschen (vom Feuerstein bis zum Speer, von der Nadel bis zur Kunst) wäre der heutige Mensch nicht der, der er wurde. :-)
Und ich gebe ja zu: Evolution klingt einfach viel bedeutsamer als Entwicklung.
Ja, deswegen haben die Biologen den Begriff ja auch aus der Sprach- und also Kulturwissenschaft ausgeliehen. Nachdem Versuche des Klauens gescheitert sind, nutzen wir ihn nun eben gemeinsam. :-)
Im kommenden Jahr findet übrigens ein Meeting zum Thema "Culture evolves" statt (im Rahmen des 350. Jubiläums der Royal Society):
Im Summary heißt es: "The capacity for culture is a product of biological evolution - yet culture itself can also evolve, generating cultural phylogenies."
Wunderbar, danke für den Hinweis!
Na bitte, biological evolution of cultural evolution processes... ;-)
Ja - und "culture itself can also evolve"! Mit biologischen Rückwirkungen, natürlich. :-)
P.S. Ihrem Wiki-Projekt wünsche ich viel Erfolg!
Vielen Dank! Ich bin auch schon sehr gespannt, ob es genügend Engagement gewinnt.
Lieber Michael,
Wikireligiosus ist eine wirklich gute Idee. Die verlinkte Seite ist allerdings leer. Handelt es sich hier um einen noch unfertigen Entwurf, oder habe ich ein Computerproblem?
Ich wünsche Dir und Deiner Familie auf jeden Fall schon mal frohe Weihnachten und natürlich auch allen anderen, die hier bloggen oder lesen.
Viele Grüße
Mona
Du hast Recht: Manchmal blockiert die Seite nun auch bei mir, dann erscheint einfach gar nichts. Werde über die Feiertage mal forschen, was da los ist.
Danke für den Hinweis, frohes Fest!
Gesegnete Weihnachten!
»Wikis sind einfach gut...«
Keine Frage...
Doch im Zusammenhang mit der Dual Inheritance Theory fand ich vor allem erstaunlich, dass ich von dieser Theorie—die es offenbar seit fast 30 Jahren gibt—noch nie gehört oder gelesen hatte. Was andererseits aber nicht verwunderlich ist, weil man die Theorie von der Gen-Kultur-Koevolution zur Erklärung der Evolution des Menschen nicht wirklich braucht. Sie fokussiert ja lediglich auf einen bestimmten Teilaspekt der allgemeinen Umweltbedingungen (nämlich auf den kulturell bedingten Anteil), liefert also nicht Neues oder Zusätzliches.
Ohnehin geht der Biologe mit dem Begriff "Koevolution" nur ganz sparsam um. Jeder Organismus evolviert im Zusammenspiel mit vielen, vielen anderen Organismen. Eine Koevolution im engeren Sinne besteht nur da, wo die Beziehung zwischen bestimmten Organismen besonders eng ist und/oder eine direkte gegenseitige Abhängigkeit besteht. Und wenn es um "Evolutionen" abseits der Keimbahn geht, ist das fachliche Interesse der Biologen sowieso gering.
Apropos Evolution:
Einspruch, Euer Ehren! Sie interpretieren spätere biologische Konzepte (z.B. genetischer Studien) auf Darwin zurück, der sie noch gar nicht kannte!
Aber nein, Darwin wusste von variablen, vererbbaren Eigenschaften und hatte die geniale Idee mit der natürlichen Selektion. Es ist dieser Kern des Evolutionsgedanken, um den es geht, wenn man von "Evolution im darwinschen Sinne" spricht.
"Und für kulturwissenschaftliche Fragestellungen mag dieser Ansatz sogar hilfreich sein."
Wie auch umgekehrt für die Biologen. Ohne die Kulturprodukte des Menschen (vom Feuerstein bis zum Speer, von der Nadel bis zur Kunst) wäre der heutige Mensch nicht der, der er wurde.
Das ist eben der fundamentale Irrtum. Nämlich zu glauben, Evolutionsbiologen würden die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Produkte der Organismen ignorieren und deren Bedeutung für die evolutionäre Entwicklung nicht richtig würdigen. Man kann doch keine Evolutionsforschung betreiben, ohne die jeweiligen Umweltbedingungen einzubeziehen. Für gestandene Evolutionsbiologen würde es einen Rückfall in dualistische Denkweisen bedeuten, wenn sie nun plötzlich von einer Gen-Kultur-Koevolution sprächen. Die wahre "holistische Perspektive", von der Sie auf wikireligiosus sprechen, nehmen allein die beinharten Biologisten ein. Wohl deshalb hat die Theorie vom dualen Erbgang bei den meisten Biologen keine Beachtung gefunden.
Soviel für heute. Schöne Feiertage allerseits!
Danke für Ihren Beitrag!
Na, da lasse ich doch einfach Darwin selbst antworten:
http://de.wikisource.org/...s_Capitel#cite_note-68
"Wir sehen in jeder Sprache Variabilität, und neue Wörter tauchen beständig auf; da es aber für das Erinnerungsvermögen eine Grenze gibt, so sterben einzelne Wörter, wie ganze Sprachen allmählich ganz aus. Max Müller hat sehr richtig bemerkt: „in jeder Sprache findet beständig ein Kampf um's Dasein zwischen den Wörtern und grammatischen Formen statt: die besseren, kürzeren, leichteren Formen erlangen beständig die Oberhand, und sie verdanken ihren Erfolg ihrer eigenen inhärenten Kraft“. Diesen wichtigeren Ursachen des Ueberlebens gewisser Wörter lässt sich auch noch die blosse Neuheit und Mode hinzufügen; denn in dem Geiste aller Menschen besteht eine starke Vorliebe für unbedeutende Veränderungen in allen Dingen. Das Ueberleben oder die Beibehaltung gewisser begünstigter Wörter in dem Kampfe um's Dasein ist natürliche Zuchtwahl."
Darwinsche Evolutionstheorie, von ihm selbst angewandt direkt auf die Evolution von Kulturprodukten (Sprachen, Wörter), lieber @Balanus. Nix mit biologischem Reduktionismus, Randbedeutung von Kulturphänomenen oder ähnlichem, zumindest nicht bei Darwin.
:-)
Und übrigens handelt es sich bei dem hier von Darwin (einem studierten Theologen) zustimmend zitierten, ebenfalls evolutionär argumentierenden Max Müller um den Begründer der (vergleichenden) Religionswissenschaft. :-)
»Na, da lasse ich doch einfach Darwin selbst antworten«
Irgendwie ist Ihr Post abgeschnitten worden - und hat auch gleich meine gesamte Seite rechts auf Kursiv gesetzt! *Staunt*
.
Sorry, hatte 'ne runde statt spitze Klammer gesetzt und deshalb wurde 'kursiv' nicht ausgeschaltet. Hier also der fehlende Teil meiner kurzen Zwischenbemerkung von gestern:
»Na, da lasse ich doch einfach Darwin selbst antworten«
Fein, dann habe ich also Recht gehabt, dass Darwin lediglich einige Metaphern aus seiner Evolutionstheorie auf die Entwicklung und den Wandel der Sprachen anwendet. Ohne den Mechanismus der Vererbung kann es laut seiner Evolutionstheorie eben keine Evolution geben.
»Darwinsche Evolutionstheorie, von ihm selbst angewandt direkt auf die Evolution von Kulturprodukten (Sprachen, Wörter), lieber @Balanus. Nix mit biologischem Reduktionismus, Randbedeutung von Kulturphänomenen oder ähnlichem, zumindest nicht bei Darwin.«
Wie gesagt, es ist halt ein Unterschied, ob ein Entwicklungsprozess durch Darwins Evolutionstheorie erklärt werden kann, oder ob man ihn mit Darwins Evolutionstheorie nur vergleicht, so wie Max Müller es—ganz im Sinne Darwins—offenbar getan hat.
"Das Ueberleben oder die Beibehaltung gewisser begünstigter Wörter in dem Kampfe um's Dasein ist natürliche Zuchtwahl." (Darwin)
Dann ist es wohl Teil eines evolutionären Prozesses, wenn Sie jetzt alle möglichen Entwicklungsprozesse als "darwinsche Evolution" bezeichnen wollen? :-)
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Frohe Weihnachten!
Darwin hat nicht davon geschrieben, dass er die Evolution von Worten und Sprachen mit der eigentlichen Evolution "vergleicht", er schrieb davon, dass (auch) dies natürliche Selektion "ist", lieber @Balanus. :-)
Dann ist es wohl Teil eines evolutionären Prozesses, wenn Sie jetzt alle möglichen Entwicklungsprozesse als "darwinsche Evolution" bezeichnen wollen? :-)
Aber ja, denn Darwin hatte schließlich Recht: die Evolution beispielsweise von Sprachfähigkeit und Sprachen findet schließlich im gleichen Universum, sogar in den gleichen Phänotypen statt, mit ständiger, nicht-reduzierbarer Interaktion. Darwin war einfach viel zu gut, um ein plumper Reduktionist zu sein. Schon super, so ein Theologie-Studium! ;-)
Frohe Weihnachten!
Das wünsche ich Ihnen auch, von Herzen!
»Darwin hat nicht davon geschrieben, dass er die Evolution von Worten und Sprachen mit der eigentlichen Evolution "vergleicht", er schrieb davon, dass (auch) dies natürliche Selektion "ist", lieber @Balanus. :-)«
Dass er nur vergleicht und Ähnlichkeiten sieht, ergibt sich aus dem Kontext dieses Werks (über die Abstammung des Menschen) und auch aus dem Gesamtwerk. "Natürliche Selektion" bezogen auf das "Überleben" von Wörtern kann selbstverständlich nur ein Bild sein. Wie Darwin sich den Ursprung und Wandel der Arten vorgestellt hat, ist in "On the Origin of Species..." nachzulesen. Daraus ist die moderne Evolutionstheorie hervorgegangen. Die Entwicklung der verschiedenen Sprachen ist nicht an Vererbung gebunden. Es fehlt also der für eine echte Evolution der Sprachen notwendige Mechanismus der Vererbung. Somit ist per Definition die Sprache nicht Gegenstand der Evolutionstheorie (im Gegensatz zur Sprachfähigkeit).
Vielleicht, lieber Michael, wäre es ja ganz praktisch, man könnte die individuell erworbenen Sprachen direkt an seine Kinder vererben (apropos: die besten Wünsche für Ihre wachsende Familie :). Aber evolutionärer Wandel findet nun einmal in der Keimbahn statt und bedarf, wie gesagt, notwendigerweise der Vererbung und viel Zeit. Das war Darwins grandiose Erkenntnis—und deshalb habe ich ihn mit meinen obigen Bemerkungen auch nicht modernisiert.
Schauen wir uns also noch einmal an, was der Meister selbst zur Entwicklung der Sprachen sagte und was man unbedingt im Kopf behalten muss, wenn man seine weiteren Ausführungen dazu liest (Hervorhebungen von mir):
»As Horne Tooke, one of the founders of the noble science of philology, observes, language is an art, like brewing or baking; but writing would have been a much more appropriate simile. It certainly is not a true instinct, as every language has to be learnt. It differs, however, widely from all ordinary arts, for man has an instinctive tendency to speak, as we see in the babble of our young children; whilst no child has an instinctive tendency to brew, bake, or write. Moreover, no philologist now supposes that any language has been deliberately invented; each has been slowly and unconsciously developed by many steps. The sounds uttered by birds offer in several respects the nearest analogy to language, for all the members of the same species utter the same instinctive cries expressive of their emotions; and all the kinds that have the power of singing exert this power instinctively; but the actual song, and even the call-notes, are learnt from their parents or foster-parents.« ("The Descent of Man", 1871, Seite 55)
http://darwin-online.org.uk/...37.1&pageseq=68
Laut Darwin ist Sprache also eine individuell erlernte Fertigkeit wie Brauen, Backen oder Schreiben. Für Wörter als solche gibt es kein "struggle for existence" und mithin keine Evolution—wohl aber für die Sprachproduzenten. Das Wort des Jahres ist ebensowenig Ergebnis eines evolutionsgleichen natürlichen Ausleseprozesses wie der Hit des Monats oder DSDS-Sieger. Man kann das alles zwar als Evolution bezeichnen, aber für diese Art der Evolution gibt es keine Evolutionstheorie. Oder habe ich da etwas verpasst?
Gut möglich, dass man die Verbreitung einer neuen Allel-Variante in einer Population mit ähnlichen mathematischen Modellen beschreiben kann wie die Verbreitung eines neu erfundenen Wortes, aber auch das ist kein hinreichender Grund, um auch bei Letzterem von Evolution im darwinschen Sinne zu sprechen.
Lieber Michael, so sympathisch mir Ihre evolutionistische Sicht der Dinge ja ist, hier sollten wir doch die Kirche im Dorf lassen. Die Sprachfähigkeit ist ein vererbbares biologisches Merkmal und unterliegt somit unmittelbar der Evolution, die individuell erlernte Sprache hingegen nicht (was natürlich auch bedeutet, dass Sprachen von evolutionären Veränderungen abhängig sind—letztlich ist eben alles Biologische genetisch basiert).
Lieber @Balanus,
Sie drehen sich im Kreise. Selbstverständlich unterscheiden sich die Prozesse biologischer und kultureller Evolution - das war ja doch wohl in Bild und Text auch wiederholt deutlich dargestellt und auch von Ihnen bereits diskutiert! Siehe hier, ganz oben, dick und fett:
http://www.chronologs.de/...iokulturelle-evolution
Ich wäre Ihnen also dankbar, wenn Sie Argumente im Rahmen einer Diskussion auch aufnehmen würden - größer als in Bild & Schrift kann ich den nun auch von Ihnen betonten Unterschied zwischen Lernen und Vererbung nun wirklich nicht darstellen...
Und genau weil in der Evolution des Menschen Vererbung & Lernen wechselwirk(t)en, ging es ja auch immer wieder schief, wenn Biologen geglaubt haben, sie könnten so einfach alles auf wenige Biologie reduzieren - kulturelle Evolutionsprozesse entfalten stattdessen eine Eigenwirkung, die wiederum auf die Biologie rückwirkt (z.B. Sprachen, Laktosetoleranz).
Sie behaupten jedoch, die "darwinsche" Evolution sei nur auf Biologie bezogen - und genau das hat Darwin selbst nie so gesehen! Er erkannte völlig korrekt, dass Sprachen erlernt und Sprachfähigkeit vererbt wird (wobei er z.B. von Genen noch nichts wusste), beschrieb aber beide Aspekte im gleichen Werk mit den analogen Begriffen. Für ihn war Kultur eben nicht nur eine Nebenbedingung, sondern ein nicht-reduzierbarer Aspekt des einen Evolutionsprozesses.
Heute können wir diesen erfreulicherweise auf verschiedenen Ebenen erforschen: beispielsweise die biologische Evolution von Sprachfähigkeit bzw. Laktosetoleranz in Wechselwirkung zur kulturellen Evolution von Sprachen bzw. Milchviehhaltung.
Wenn Sie persönlich den Begriff Evolution nachträglich für die Biologie reservieren und Kultur für unwesentlich halten wollen, können Sie das ja persönlich machen. Nur sehen das immer mehr Wissenschaftler längst anders und auf Darwin können Sie sich dabei schlicht auch nicht berufen - der war schon damals weiter und schrieb über die Evolution sowohl von Biologie wie Kultur, in einem Buch und mit analogen Begriffen.
Wenn ich so die religiöse Diskussion über mehrere Blogs verfolge kommt es mir so vor, als ob wir in einem „Wolken-Kuckucks-Heim“ leben. Da wird über ein Religionsgen geredet, eine Gemeinschaft die sich entwickelt... Eine progressive Evolution der Religion kann ich so nicht sehen.
Dem Übersetzer der Keilschrifttafeln G. Smith wurde 1872 klar gemacht, dass er nichts über Schriften seiner Forschung veröffentlichen darf, die der damaligen Religionslehre widersprachen. Er fand immer wieder mal Beweise, wie sie in verschiedenen ZDF-Sendungen gezeigt wurden z. B. [TG]. Er war im Endergebnis so gelähmt, dass er keine veröffentlichte.
Ob Gilgamesch Epos, Enuma Elisch, Erra Epos... – sie enthalten grundsätzlich Bibelbezüge. Und damit ist eindeutig klar, dass zu einer Zeit vor der „Urschrift“ der Bibel bereits Dokumente in Keilschrift vorhanden waren. Die UNI Duisburg-Essen [UE] befasst sich mit einem Teil, der zu 1 Mo 1,26 passt. Sara bekommt mit 90 Jahren noch ein Kind, Maria als Jungfrau wird schwanger – das ist heute kein Problem wissenschaftlich zu erklären. Auf der anderen Seite ist es ein Grauß, wenn die Schulwissenschaft die Bibel erklärt. Letztens fuhr erst wieder die Arche als hell erleuchtetes Schiff über den Bildschirm und das Wasser vom Dammbruch am Bosporus bildete die weltweite Überlieferung der Sintflut. Da frage ich mich doch: Wie kommt die Arche 300 km weiter durch die Berge auf den Ararat, wenn das Wasser nach unten in das Schwarze Meer floss? Wie heißt es in [BJ] dazu: „Was bisher als Mythos, als Legende galt, gewinnt im Licht neuer wissenschaftlicher Untersuchungen historische Realität.“
Der Stern von Bethlehem eine Planetenkonjunktion? Ordnen Sie mal einem in 10.000 m Höhe fliegendem Flugzeug ein Haus zu. Und: Der Stern blieb stehen! Das macht kein ordentlicher Stern.
Hier und an anderen Stellen der Bibel haben wir es mir High-Tech zu tun: geflogene Zeichen (Stern, Wolken-, Feuer- oder Rauchsäule).
Weitere Schriften belegen, dass die Götter und Lehrmeister der Sumerer (Anunnaki vom Nibiru) die Menschen schulten [KS], was sich auch in der Bibel widerspiegelt.
Viele weitere Prozesse belegen, dass immer „von oben“ die Religion beeinflusst wurde. Veröffentlichungsverbot (s. o., katholische Würdenträger), Kondomverbot (der Vatikan will mehr Gläubige), Verbot eines gemeinsamen Abendmahls zur Ökumene in Berlin... Eine andere Religion wollte sogar die Weihnachtsfeiern verbieten lassen...
Die Beeinflussung „von Oben“ war nicht immer zum Vorteil für die Menschen – vgl. „Entschuldigung – um Vergebung bittend“ des Papstes von vor 20 Jahren.
Erst 1992 wurden G. Galilei und N. Kopernikus vom Papst gewürdigt und rehabilitiert – über G. Bruno ist man sich heute noch nicht einig, wenn es um seine Rehabilitation geht – mir sind zwei entgegengesetzte Meinungen bekannt, die so niemand kommentierte.
Wichtig wäre auch, die Gemeinsamkeiten von Religionen herauszuarbeiten. Die Gläubigen anderer Religionen sind nicht einfach „Ungläubige“ - auch das ist eine Frage, wie die Religionsführer diese Problematik sehen. Unter dem Namen Gottes wurden zahlreiche Kriege geführt – auch das gehört in einen Wikireligiosus. Auch hier gibt es klare Überlieferungen in [SK]. Das zieht sich fort bis in unsere Zeit.
Wo liegt der Unterschied zwischen katholischer und evangelischer Bibel?
Gut es gibt keine – aber wissen das eigentlich alle? In anderen Religionen gibt es Vergleichbares.
Gemeinsamkeiten herausarbeiten, Trennendes beachten – so können sich die Menschen näher kommen.
[TG] Terra X: Fahndung nach König Gilgamesch. Riesiges Puzzle aus Bruchstücken, ZDF-Sendung vom 06.01.2008 http://www.zdf.de/...8/0,1872,7127612,00.html?dr=1
[UE] Enuma Elisch: Marduk schafft den Menschen.
http://www.uni-duisburg-essen.de/...meso-enuma.htm
[BJ] Behrend, J.-P.: Die Arche Noah und das Rätsel der Sintflut. Phoenix-Sendung vom 23.12.09 – W.: 30. und 31.12.09
http://www.phoenix.de/...entationen/92451?id=92451
[KS] Kramer, S. N.: Die Geschichte beginnt mit Sumer. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M 1959
[SK] Sitchin, Z.: Die Kriege der Menschen und Götter. Kopp, Rottenburg 2004
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie schrieben:
Da wird über ein Religionsgen geredet, eine Gemeinschaft die sich entwickelt...
Also, über "ein" Religionsgen wird in Natur des Glaubens sicher nicht geredet - auch nach Dean Hamer ist (analog z.B. zu Musikalität) mindestens mit Dutzenden, ggf. Hunderten verschiedenster beteiligter Gene zu rechnen (sog. polygene Veranlagung). Mehr dazu u.a. hier:
http://www.chronologs.de/...-der-verhaltensgenetik
Eine progressive Evolution der Religion kann ich so nicht sehen.
Und es ist auch ein populärer Irrtum, dass Evolution stets eine "progressive", aufsteigende Richtung nehmen müsste. Evolutionsforschung beschreibt Prozesse, sie wertet sie nicht vor.
Wichtig wäre auch, die Gemeinsamkeiten von Religionen herauszuarbeiten. Die Gläubigen anderer Religionen sind nicht einfach „Ungläubige“ - auch das ist eine Frage, wie die Religionsführer diese Problematik sehen.
Da mag ich Ihnen gar nicht widersprechen - wobei Wikireligiosus ein wissenschaftliches Projekt ist und die Gemeinsamkeiten (Universalien) von Religionen wissenschaftlich von besonderem Interesse sind. Allerdings wüßte ich auch von keinem einzigen, bedeutenden Religionsführer, der Andersglaubende noch pauschal als "Ungläubige" verunglimpfen würde.
Beste Grüße!
Hätte Darwin geahnt, dass man ihn mal so missverstehen würde, hätte er zur Beschreibung kultureller Entwicklungen sicherlich ein anderes Vokabular verwendet.
Kein Wunder, dass die Diskussion sich im Kreise dreht, wenn Sie behaupten, ich modernisiere Darwin, weil der nichts von Genen wusste. Und ich bestreite ja gar nicht, dass Sie geschrieben haben, dass Vererbung und Lernen verschiedene Dinge sind, aber gleichzeitig sagen Sie auch, dass laut Darwin das Erlernte ebenfalls dem evolutionären Wandel unterläge, dass eben die Entwicklung der Sprachen Evolution im darwinschen Sinne sei.
Und genau weil in der Evolution des Menschen Vererbung & Lernen wechselwirk(t)en, ging es ja auch immer wieder schief, wenn Biologen geglaubt haben, sie könnten so einfach alles auf wenige Biologie reduzieren..
Also bitte, denken Sie wirklich, die Biologen dächten oder hätten gedacht, Lernenkönnen sei für die evolutive Entwicklung der Organismen ohne Bedeutung? Ich habe doch schon mehrmals darauf hingewiesen, dass jegliche Veränderung der Umwelt durch Organismen nachfolgend die Evolutionsbedingungen für die Organismen verändert—also auf die Evolution bzw. Gene der Organismen "rückwirkt", wie Sie es nennen. Das wissen Biologen schon seit Darwin.
Wenn es um Evolution geht, lieber Michael, also um biologische Evolution (heutzutage muss man das ja extra vermerken), dann braucht man nichts zu reduzieren, dann ist alles Biologie. Biologie ist die Wissenschaft vom Leben, da ist alles mit drin, was relevant ist—selbst das Unbelebte, sofern es das Leben beeinflusst.
Heute können wir diesen [Evolutionsprozess] erfreulicherweise auf verschiedenen Ebenen erforschen: beispielsweise die biologische Evolution von Sprachfähigkeit bzw. Laktosetoleranz in Wechselwirkung zur kulturellen Evolution von Sprachen bzw. Milchviehhaltung.
Mit anderen Worten: Wir erforschen die Evolution von Sprachfähigkeit oder Laktosetoleranz zusammen mit der Entwicklung der Sprachen oder der Milchviehhaltung. Etwas anderes würde auch kaum Sinn machen und ist auch reduzierenden Biologen durchaus einsichtig. Ich glaube nicht, dass das früher anders war, dass man diese Phänomene früher nicht im Zusammenhang gesehen hat.
Oder meinen Sie mit "Wechselwirkung" zwischen Vererbung und Lernen etwas anderes? So etwas in Richtung Lamarckismus?
Mir scheint, Sie haben immer noch nicht verstanden, dass es mir nicht um eine "Reservierung" des Begriffs Evolution für die Biologie geht, sondern um eine klare wissenschaftliche Begrifflichkeit.
Im Allgemeinen sind es ja die Naturwissenschafter, die eher lax mit den Begriffen umgehen. Deshalb versuchen manche Philosophen, mit ihrer Arbeit am Begriff mehr Klarheit zu schaffen. Insofern ist der inflationäre Gebrauch des Begriffs Evolution eher kontraproduktiv. Aber jeder muss selbst wissen, welche Begriffe er bei seiner wissenschaftlichen Arbeit wie gebraucht. Wenn in Zukunft unter "Evolution" generell nur noch irgendein Entwicklungsprozess verstanden wird und erst durch das Attribut klar wird, welche Art von Evolution/Entwicklung gemeint ist, dann halte ich das nicht unbedingt für einen großen Fortschritt im Sinne klarer Begrifflichkeiten (aber so ist es ja heute—leider—schon).
Lieber Michael, Sie haben mehrmals darauf hingewiesen, dass Darwin nichts von Genen wusste (Ihr Vorwurf, ich würde spätere biologische Konzepte auf Darwin zurückinterpretieren, war der eigentliche Anlass für das Aufleben dieser alten Diskussion). Wofür sollte das eigentlich ein Argument sein? Dass bestimmte Eigenschaften und Merkmale an die Nachkommen vererbt werden können, war doch lange vor der Entdeckung der Gene bekannt. Um am Beispiel der Sprache haben Sie ja gesehen, dass Darwin Lernen und Vererben zu unterscheiden wusste. Seine Evolutionstheorien (On the Origin of Species...) jedenfalls bezogen sich aufs Vererben. Das kann man in jedem Bio-Lehrbuch nachlesen.
Aber gut, das ist ein anderes Thema, hier wollten Sie ja lediglich Ihr Wikireligiosus-Projekt vorstellen, dem ich an dieser Stelle nochmals viel Erfolg wünsche. Gerade auch in wissenschaftlicher Hinsicht. Denn Sie wissen ja: Was die genetische Verankerung tiefer religiöser bzw. nicht-religiöser Überzeugungen angeht, da bin ich mit Ihnen einer Meinung. Der Dissens betrifft nur das Drumherum :-)