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Jüdisches Mittelalter und Wikipedia

von Max Gawlich, 08. Juni 2008, 00:24

Eigentlich ist es ungerecht wenn ich hier ansetze um an Wikipedia, eher noch an der dort transportierten Geschichte, herum zukritteln. Denn das Bild das Wikipedia schafft, konstruieren auch zahlreiche "wissenschaftlich" arbeitende Historiker, die zu meist sogar nur die geläufigen Publikationen rezipieren. Ich habe das schonmal erwähnt am Beispiel von Regensburg, das Lokalhistoriker, als auch solche die sich explizit mit der jüdischen Geschichte beschäftigen, allzu gern mit ihren Märchen und Treppenwitzen beschreiben, anstatt die Quellen und ihre Vorgänger zu hinterfragen.

Ich will das hier mal an ein paar Beispielen aus der Wikipedia festmachen (und auch gleich bekennen, dass ich sie nicht verbessert habe, vielleicht irgendwann) und versuchen festzustellen, warum dem so ist und welche Geschichte hier transportiert wird. Dabei werde ich mich wohl auf Spätantike und Frühmittelalter kónzentrieren, da hier am meisten spekuliert werden kann und muss, da die Quellenlage in diesem Zeitraum sehr schwach ist, insbesondere was innerjüdische Quellen angeht.

Kontinuität Antike Mittelalter

Nach der Zerstörung des jüdischen Tempels in Jerusalem und der damit verbundenen Zerstreuung (Diaspora) der Juden finden sich Nachweise einer jüdischen Gemeinde in Köln. Kaiser Konstantin genehmigte im Jahr 321 die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde mit allen Freiheiten der römischen Bürger. Obwohl nur wenig über die Lage der Gemeinde in Köln bekannt ist — man vermutet die Ansiedlung in der Nähe der Marspforte innerhalb der Stadtmauer — ist die Kölner Gemeinde die älteste in Deutschland nachgewiesene Gemeinde. (Geschichte der Stadt Köln)

Konstantin gibt als Kaiser eine Anweisung, die zwar in Köln gegeben ist, aber von ihrem Stil und ihrem Text her ohne Weiteres Geltung für das ganze Reich einfordern kann. Was auch zur Situation im spätantiken Reich passen würde, in dem sich das städtische Bürgertum immer stärkeren Steuerlasten und Amtskosten ausgesetzt sieht und deswegen diese Anweisung fordert. Konstantin meint es hier nämlich, wie es auch im Wikipediaartikel konstruiert wird, keineswegs gut mit den Juden, sondern will sie deswegen in die Stadtämter holen, weil sich die römischen Stadtmitglieder immer stärker gegen die Kosten der Ämter wehren.

 

Ich hatte die Hoffnung an dem Artikel zu Regensburg rummosern zu können, aber der ist überraschend ausgeglichen und informiert.

Jetzt zu einem meiner Lieblingsthemen, da es einen Riesenspaß macht. Für jeden der historische Krimis mag - im Sinne davon dass man eigentlich fast nichts weiß aber trotzdem 400 Seiten drüber schreiben kann. Die Chazaren.

Die Chasaren befanden sich an einer zentralen Schnittstelle des Welthandels. Güter aus Westeuropa wurden nach Mittelasien und China verkauft und umgekehrt. Die islamische Welt konnte sich mit Nordeuropa nur durch chasarische Vermittlung austauschen. Die Radaniten, eine mittelalterliche jüdische Händlergilde, unterhielt Handelsstraßen durch das Chasarenreich, möglicherweise beförderten sie die Konversion der Chasaren zur jüdischen Religion.

Die Chasaren zahlten keinerlei Steuern an die Zentralregierung. Staatseinnahmen wurden durch einen zehnprozentigen Zoll auf Güter, die durch die Region transportiert wurden, sowie durch die Tributzahlungen unterworfener Nationen erzielt. Die Chasaren exportierten Honig, Pelze, Wolle, Hirse und andere Getreide, Fisch und Sklaven. D. M. Dunlop und Artamanow nahmen an, dass die Chasaren selbst keine materiellen Güter produzierten sondern ausschließlich vom Handel lebten. Diese Theorie ist durch Entdeckungen im Laufe des letzten halben Jahrhunderts widerlegt worden, zu denen Töpfereien und Glasmanufakturen gehören.

Fangen wir vorne an. Der Welthandel im 9. Jahrhundert kann natürlich nicht anders als heute nur in Jüdischer Hand sein. Die Rhadaniten wurden schon 1974 von Moshe Gil als haltlos zurückgewiesen. Es ist wie immer Ockham's Rasiermesser, Rhadaniten sind Menschen aus Rhadan ein Gebiet in der Nähe von Bagdad, wo zufällig auch Ibn Khurdadhbe, der "Erwähner" der Rhadhaniten geschrieben hat. Dieser gute Mann, der wahrscheinlich seine Schreibstube nie verlassen hat, kompilierte aus den wichtigsten geographischen Werken seiner Zeit Handelsrouten zusammen, wodurch dann ein weltumspannendes Handelsnetz entstand.

 

Nun mal geschaut was die Wikipedia zu der Geschichte der jüdischen Franzosen so schreibt. Interessanterweise wird hier das Dekret Konstantins von 321 richtig eingeordnet und auch noch auf das ganze Reich bezogen.

Unter Karl dem Großen waren die französischen Juden äußerst zahlreich, ihre rechtliche Stellung abgesichert. Sie durften mit Christen vor Gericht ziehen und deren Beziehung wurde einzig und allein von der von Juden geforderten Sonntagsarbeit getrübt. Sie durften jedoch weder im Finanzwesen noch in der Landwirtschaft, die Anbau von Getreide und Wein betraf, arbeiten. Sie wurden vorwiegend im Exporthandel eingesetzt, vor allem im Handel mit Palästina, aus dem sie wertvolle Waren hervorbrachten. Ein Händler namens Isaac wurde zum Beispiel im Jahre 797 von Karl dem Großen zusammen mit zwei Botschaftern zu Harun al-Rashid entsandt. Juden im Handel konnten sich rühmen, jegliche Güter von Bischöfen und Äbten besorgen zu können.

Der In- und Exporthandel ist natürlich in jüdischer Hand (und ich dachte die Friesen hätten von Haithabu die Welt des Handels beherrscht). Glänzend gewählt ist auch das Beispiel, dass einen so singulären Fall beschreibt, dass er sich nie wieder wiederholt. Zudem geht es den Juden im Frankenreich anscheinend noch besser als in Al Andalus, wo ein interkulturelles Utopia herrschte. Und damit kommen wir noch kurz zu Al Andalus, dass zu meist als Projektionsfläche vom Nahostfriedensprozess frustrierter Historiker dient und dann all die schöne Welt Träume, dieser ertragen muss.

Ich bin verblüfft

Das Bild von al-Andalus, dem muslimisch beherrschten Teil der Iberischen Halbinsel, ist seit dem 18. und 19. Jahrhundert weithin von der Vorstellung geprägt, es habe dort Toleranz geherrscht und die islamische Zeit sei ein Goldenes Zeitalter der Wissenschaften und der Künste gewesen. Neben den unbestreitbaren kulturellen Blütezeiten, zu denen tatkräftige Förderung durch manche Herrscher beitrug, sind aber auch die politischen Wirren, die zahlreichen Aufstände und militärischen Konflikte zu beachten, die al-Andalus immer wieder erschütterten und schwächten. Die Zentralgewalt konnte nur zeitweilig und mit großer Härte die zentrifugalen Tendenzen unterdrücken, die sich schließlich durchsetzten und den Untergang des Kalifats herbeiführten. (Spanische Geschichte)

Da hätte María Rosa Menocal besser mal den Wikipedia Artikel gelesen bevor sie ihr Buch (Ornament of the World, How Muslims, Jews, and Christians Created a Culture of Tolerance in Medieval Spain) in die Welt schickte.

Ich bin sogar positiv überrascht von der WIkipedia, es macht den Eindruck, dass dort zu Weilen Menschen schreiben die nicht nur den Brockhaus aufschlagen und umformulieren sondern auch mal einen Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften oder neuere Publikationen konsultieren. Nichtsdestotrotz finde ich es bezeichnend das Selbst in der Zeit der Karolinger der weltweite Handel von jüdischen Magnaten beherrscht wurde. Man sollte einmal versuchen die Rothschild bis in die Zeit Konstantins zu verfolgen oder so.

Literatur

 

Toch, Michael, Jews and Commerce: Modern Fancies and Medieval Realities, in: Atti della XXXI Settimana di Studi, Istituto Francesco Datini, Prato. Il ruolo economico delle minoranze in Europa, hg. von Simonetta Cavaciocchi, Firenze 2000, S. 43-58.

Toch, Michael, "Dunkle Jahrhunderte": Gab es ein jüdisches Frühmittelalter? (Kleine Schriften des Arye-Maimon-Instituts 4), Trier 2001.

Gil, Moshe, The Radhanite Merchants and the Land of Radhan, in: Journal of the Economic and Social History of the Orient 17, 1974, S. 299-328.

Ben-Sasson, Menahem, Al-Andalus: The So-Called 'Golden Age' of Spanish Jewry - a Critical View, in: The Jews of Europe in the Middle Ages (tenth to fifteenth centuries); proceedings of the international symposium, held at Speyer, 20 - 25 October 2002, hg. von Christoph Cluse, Turnhout 2004, S. 123 - 137

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Kommentare

  1. Jürgen vom Scheidt Danke für die profunde Aufklärung
    08.06.2008 | 20:22

    Ihre Argumente sind sehr überzeugend. Weiter so. Gerade die Vernetzung der Details gefällt mir.
    Mein / unser Geschichtsbild von den Juden ist haarsträubend bruchstückhaft und deshalb so leicht manipulierbar.

  2. Max Gawlich Danke schön
    09.06.2008 | 22:36

    gefährliches Halbwissen wie man so schön sagt.
    Danke für die freundlichen Worte

  3. Frank Nur die Spitze des Eisberges
    12.06.2008 | 15:23

    Ist es nicht so, dass das hier so eloquent Dargestellte (toller Artikel,weiter so!) für das fast gesamte heute transportierte Bild des Mittelalters gilt (im populären Halbwissenschaftsbereich sowieso, doch leider auch nur allzu oft im eigentlich "professionellen" Historikerbereich)?!? Die Vorstellungen vom Mittelalter sind schon teilweise haarsträubend, und doch auch immer wieder erheiternd für die die sich damit auskennen (mein absoluter Favorit ist die anachronistische Kartoffel, die man auf fast jedem, sich als ach so authentisch ausgebenden Mittelaltermarkt findet)! In diesem Sinne, die missverstandene (und "missdargestellte") Geschichte der Juden im Mittelalter, nur die Spitze des Eisberges.

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